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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Regatta.

Es war die höchste Zeit, daß die Regatta abgehalten wurde, denn seit drei Wochen verdarb uns die Ruderei die gemüthlichen Sonntagsmittage. Nichts ist familiärer, als wenn die Angehörigen am Sonntag zusammenkommen: das Geschäft bleibt hinter den verschlossenen Kontorthüren, die Damen ziehen das Neueste an, was sie kürzlich haben machen lassen, und die Herren ehren den Feiertag mit der frischesten Wäsche und dem guten Tuchrock. In der Küche wird sich ebenfalls etwas mehr Mühe gegeben, als an den anderen Tagen, und wenn das Kochbuch sonst auch nicht gebraucht wird, so kann man es am Sonntag doch nicht entbehren, um die Gesellschaft mit einem besonderen Gerichte zu überraschen. So ein Familiensonntag hat wirklich etwas Sonniges an sich.

Mein Schwiegersohn, der Doktor Wrenzchen, war gleich von Anfang an dafür, weil sie dann nicht nöthig haben, bei sich zu kochen und ihr Mädchen ausgehen kann, das natürlich in der unerhörtesten Weise verwöhnt wird, und Onkel Fritz ist schon seit Jahren unser ständiger Sonntagsgast. Kommt noch der eine oder der andere von seinen Freunden mit, so ist uns das recht, und wenn Betti eine Freundin bittet, so mögen wir das gern. Junge, hübsch angezogene Freundinnen zieren ungemein.

Das Essen allein macht jedoch nicht glücklich, es muß sich auch nett unterhalten werden, und das hatten wir meistens, denn der Doktor sammelt die ganze Woche über kleine Lächeln erregende Geschichten und Onkel Fritz ist lange nicht auf den Mund gefallen. Nur zu arg muß er es nicht machen.

Seitdem nun aber die Ruderübungen wieder angingen und die Regatta näher heranrückte, hatte Onkel Fritz nur noch Sinn für den Wassersport, wie sie es nennen, denn er hat nicht genug an seinem Gesangverein, sondern mußte natürlich Mitglied vom Ruderklub werden, als der in die Mode kam. Theils bewegte er sich in ganz fremden Ausdrücken, theils hatte er einen Ton angenommen, der auf eine Herabminderung der Bildung durch die Seeluft schließen ließ und den ich ihm des Oefteren verweisen mußte. Dazu kam, daß der Doktor von dem Nutzen des Ruderns durchaus nicht so begeistert war, wie Onkel Fritz, und sich hartnäckig weigerte, zahlendes Klubmitglied zu werden. Die beiden kriegten denn auch jedesmal das Streiten. Früher neckte Onkel Fritz den Doktor öfters damit, daß die Armleuchter, welche seine Kollegen ihm als Hochzeitspräsent verehrt hatten, nur plattirte Waare sei, was dieser ablehnte, aber der Dialog ward doch niemals so unleidlich wie jetzt, und da soll man noch mit Lust und Liebe und expressen Zuthaten kochen? –

Es war daher wirklich der äußerste Termin, daß die Regatta den ewigen Meinungsverschiedenheiten ein Ende machte, wenn die Menschheit ihre Kräfte untereinander gemessen hat, ist sie ja beruhigt, einerlei, ob sie nun einen richtigen Krieg machen, Wettrennen anstellen oder auf dem Wasser starten, wie es in dem Schifferlatein heißt. Mühe geben die Bootsleute sich freilich genug, denn sie lassen eigens einen Mann aus London kommen, der ihnen das Biertrinken und das Kartoffelessen abgewöhnt. Nur Fleisch dürfen sie zu sich nehmen und das Rauchen ist ihnen ganz verboten, weil es die Körperkraft ebenso schwächt wie junges Gemüse und spätes Aufbleiben. Dafür müssen sie mit dem Morgengrauen aus ihren Wolldecken und rudern, bis sie Hühneraugen in den Händen haben und nur noch Muskeln und Sehnen sind. Diese Art von Kur nennen sie Training. Ich möchte wohl wissen, was von Herrn Kleines nachbliebe, wenn der getrainingt würde. Ich fürchte, nur das Skelett mit dem Augenglas, das er sich neuerdings zugelegt hat, und vermuthlich der Geist, den selbst Onkel Fritz ihm nicht ganz absprechen kann. –

Endlich kam der lang erwartete Tag, aber auch gleichzeitig ein abscheuliches Wetter, denn alle Tage vorher goß es mit Mollen und an dem Sonntagmorgen dreeschte es egal weg. Da jedoch auf alle Fälle gerudert werden mußte, weil von auswärts Wettkämpfer gekommen waren, beschlossen wir, am Nachmittag dennoch nach Grünau hinauszufahren. Wenn man nur will, kann man sich auch im Regen amüsiren. – Wir hatten aber Glück, denn als wir um halb Drei auf dem Görlitzer Bahnhof anlangten, zeigte der Himmel hoch oben schon einzelne hellblaue Lücken. Es konnte noch gut werden.

Nun aber diese Menschenmenge auf dem Bahnhofe. Ein Faß Anchovis ist gar nichts dagegen. Raum war überhaupt nicht, es schob sich dicke in die Vorhalle von draußen hinein und schob sich dann ebenso dicke in die Ankunftshalle hinaus, aber jeder bekam sein Billet und auch seinen Platz im Zuge, denn sowie ein Zug abgedampft war, fuhr gleich ein anderer vor. Maybachen sein Geschäft blühte. Als er am Abend Kasse machte, hat er gewiß gesagt, daß die Ruderer schönes Geld unter die Leute bringen. Und auch die Droschken verdienten, und die Pferdebahnen und die Kremser, es war eine förmliche Völkerwanderung nach diesem Ende der Stadt, wohin man sonst nur selten kommt.

Je mehr der Himmel sich aufklärte, um so vergnügter wurden die Menschen und in unserem Wagen ging es munter her, obgleich wir sehr überzählig waren, aber da der Doktor seine Frau auf den Schooß nahm und mein Karl sich möglichst zusammenzog, konnte es gehen, zumal wir bald in Grünau anlangten.

Vom Bahnhof hatten wir noch zehn Minuten durch den Kiefernwald zu gehen. Schon von fern bummerte die Musik; wir sahen eine hübsche Ehrenpforte, die für den Kronprinzen errichtet war, und dann kamen wir zu der Treppe, die auf unsere Tribüne führte, zu der Onkel Fritz uns die Billets besorgt hatte. Ich stieg hinauf, ohne mir gerade viel zu versprechen, aber ich war doch höchlichst überrascht, als ich oben stand, und nun hinabsah.

Dieser Anblick! Die Spree macht sich bei Grünau ganz breit und liegt wie ein schöner großer See da, dessen Ufer sanft aufsteigen, vorne nach dem Wasser zu als schmales Wiesenland, das von Eichen- und Kiefernwald begrenzt wird, weiter oben nach rechts erheben sich die Müggelberge wie eine Gebirgslandschaft im Kleinen und nach links in der Ferne kuckt der Kirchthurm von Köpenick freundlich aus dem Gebüsch hervor. Nun hatten sie dem Langen See, wie die Spree hier heißt, Festschmuck angethan, denn mitten darin lag eine endlose Reihe von großen und kleinen Segelbooten, alle von oben bis unten mit unzählbaren Flaggen und Wimpeln bedeckt, die lustig im Winde flatterten. Man glaubt kaum, daß es so viele Flaggen geben kann und so bunte dazu. Und nun die vielen Dampfboote, die in einem fort neues Publikum heranführten und die Hunderte und aber Hunderte von Booten mit Herren und Damen darin und einem vergnügten Lappen am Ende. Es wimmelte nur so auf dem Wasser. Auf den Tribünen saßen Tausende und an den Ufern standen noch mehr Tausende und vernünftige Leute hatten Zelte aufgeschlagen, wo die vielen Menschen Erfrischungen bekommen konnten.

Ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Getreibe hier in der freien Natur, auf dem waldumkränzten See und an den Ufern und ich denke, Alle, die draußen waren, sind ebenso entzückt gewesen wie ich.

Dicht neben unserer Tribüne war der Pavillon für den Kronprinzen erbaut, aus rothem Stoff mit Goldfransen, geschmückt mit Eichenlaubguirlanden, gerade dem Ziel gegenüber, wo der Wettkampf entschieden wird. Und nun hörten wir Hochrufe. Der Kronprinz kam. Er trat in den Pavillon, begleitet von Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich. Alles erhob sich von den Sitzen und rings von den Ufern und von den Booten und Schiffen brauste ihm ein jubelndes Willkommen entgegen. Die Musik spielte ›Heil Dir im Siegerkranz‹ und als nun der Kronprinz freundlich dankend den Gruß erwiderte, da brach gerade die Sonne durch und in hellem Glanze strahlte das farbenreiche Bild auf. Das Wasser glitzerte, die bunten Wimpel flimmerten wie ein nagelneuer Tuschkasten und Wald und Wiese leuchteten so maifrisch und so goldig. Es war das schönste Wetter am grünen Strand der Spree, richtiges Hohenzollernwetter. –

Nun begannen die Wettkämpfe. Ein Kanonenschuß gab das Zeichen, daß die Ruderer ganz weit unten, hinter der Bammelecke, wo auch Tausende Stehsitz genommen hatten, abgefahren seien, und gleichzeitig ward an einem hohen Mastbaum ein rother Ballon aufgezogen, der sich in der grünen Natur ausnahm, wie eine einsame riesige Mohnblume. Noch sah man freilich nichts von den Booten, dann aber bogen sie um die Ecke. Wer ein Fernglas hatte, der richtete es dorthin, wo sie sich zeigten, »Wer ist vorn?« hörte man fragen, »die Berliner?« – »Die Magdeburger scheinen mit ihnen gleich zu sein.« – »Wo sind die Stettiner?« – »Ziemlich zurück.« – »Die Berliner sind vor.« – »Jetzt kommt die Biegung, da wird sich's zeigen.« – »Bravo, die Berliner haben Vorsprung!« – Die Boote kommen näher, die Mannschaft mit dem großen rothen Stern auf dem Rücken voran, die weißblauen Stettiner nicht weit von ihnen. Nun aber galt es! Wie sie die Ruder eintauchten – immer rascher – immer kräftiger – die Boote sausten nur so durch das Wasser, als wären es Rasirmesser. Und nun flog das erste Boot durch das Ziel! Es waren die Rothgesternten vom Berliner Ruderklub. Sie hatten gesiegt!

Ich war so aufgeregt, daß ich kaum mit in das allgemeine Belobungshurrah einstimmen konnte, dafür jauchzte der Doktor aber für Zwei und schmunzelte für Drei, denn über alles Schätzenswerthe, was sich in Berlin ereignet, freut er sich wie ein Schneekönig. Die Ruderer hielten an. Wie sie pusteten. Es muß eine Pferdearbeit sein, das Gewinnen. Dann salutirten sie vor dem Kronprinzen und fuhren zurück.

Den Freudenjubel dämpfte jedoch der Himmel jetzt dadurch, daß er eine Regenwolke sandte, die besonders große Tropfen fallen ließ. Die Schirme wurden aufgespannt und verschwunden war mit einem Male alles Festliche und Heitere. Aber dies war nur für den ersten Augenblick, denn nach dem Lachen und Kichern unter dem großen Dach von Schirmen zu urtheilen, hatten die Meisten sich in das Unvermeidliche gefügt und machten Scherze, weil der Unmuth kleine Mißgeschicke auch nicht um eine Handbreit besser macht. Nur wer einen neuen Sammtumhang anhatte, stimmte nicht mit aus vollem Herzen ein, da er mindestens nach Spindler zum Aufbügeln muß und seine erste Schönheit einbüßt. Deshalb eignet sich für Feste mit Regen hauptsächlich das Einfachere.

Als ich ruhig in Betrachtungen versunken unter dem Schirm hockte, flüsterte mein Karl mir zu: »Hast Du sie gesehen?« – »Wen?« fragte ich. – »Bergfeldts.« – »Die Möglichkeit!« rief ich. – »Emil ist da mit seiner Braut und zukünftigen Schwiegermutter. Die Bergfeldten ebenfalls. Sie sitzen unten auf den theuersten Plätzen.« – »Die darf natürlichermang nicht fehlen. Als wenn es ohne sie nicht ginge,« erwiderte ich, über solche Dünkelhaftigkeit aufgebracht, »wo sie sonst doch zufrieden sein mußte, wenn sie überhaupt irgendwo mit hinkam.« – »Sie haben Champagner vor sich,« fuhr mein Karl fort. Dies kostete mich eine Lache. »Sie sollten lieber das Geld nehmen und ihren Bierfuhrmann mit bezahlen,« sagte ich darauf, »vom Champagner versteht die doch nicht mehr als der Bauer vom Gurkensalat. Wir könnten es ganz gut, mein Karl, aber wir thun es nicht, dazu sind wir zu anspruchslos. Wenn Du mir nachher eine Tasse Kaffee spendiren willst, werde ich sie mit großem Danke annehmen. Man müßte sich ja geniren, so großpraatschig dazusitzen wie gewisse Leute.« –

Es drippte zwar noch ein bischen, aber als Jemand mit lauter Stimme rief »Schirme herunter« klappte Alles zu, da ein richtiges Kommando immer Gehör findet und ein einzelner Paraplü von der Umgebung doch nicht geduldet worden wäre. Auch klärte es sich schon wieder auf und die Sonne beschien bereits die Müggelberge. Es konnte nicht lange dauern, dann mußte sie auch bei uns sein.

»Es wird noch das schönste Wetter,« sagte ich zu Betti, aber sie hörte gar nicht hin, sondern sah wie verloren auf das Wasser. Ich blickte sie forschend an. – »Kind,« fragte ich besorgt, »hast Du geweint?« – »Nicht doch,« entgegnete sie, »es ist nur ein Regentropfen!« und trocknete die Augen. – »Sollten Bergfeldts die Ursache ihres Kummers sein?« dachte ich, »das wäre doch zu verworfen von dieser Familie.«

Als ich aber ihren Blicken folgte, sah ich weiter unten einen jungen Mann im Gespräche mit Anderen stehen, die mir wohl bekannt vorkamen. Es waren Herr Max und seine Freunde, aber so viel Mühe ich mir auch mit meines Mannes Opernglas gab, Herrn Felix Schmidt vermochte ich nicht zu entdecken. Nun wußte ich, was der Regentropfen zu bedeuten hatte: liebe Erinnerungen waren zur Thräne geworden, die in ein Nichts zerrann, wie die unausgesprochene Hoffnung, die wir im Herzen gehegt hatten, mein schweigsames Kind und ich. –

Unsere Aufmerksamkeit wandte sich jedoch wieder der Regatta zu, da jetzt das wichtigste Rennen kam, denn es ging nunmehr um den Ehrenpreis des Kaisers, einen Pokal, der nur auf ein Jahr in den Besitz des siegenden Klubs übergeht und aufs Neue vertheidigt werden muß. Im vorigen Jahre hatte der Berliner Ruderklub ihn gewonnen und nun wollten der Berliner Ruderverein, die Bremer und Frankfurter ihn auch mal haben. Es glückte ihnen aber nicht, obgleich die Frankfurter die Bremer zweimal angefahren hatten, weshalb sie das dritte Mal nicht mehr mitmachen durften. Der Ruderklub siegte auch diesmal und so blieb der Kaiserpreis in Berlin, wo er ja auch eigentlich hingehört. Der Kronprinz ließ sich die Sieger vorstellen und sprach viel mit ihnen, und wir Anderen standen ganz dicht dabei. »Er trage dem Rudersport seine wärmste Sympathie entgegen,« hatte der Kronprinz gesagt, »und würde stets zu haben sein, wenn man seiner bedürfe.« – Nein, wie war das prächtig.

Doktor Wrenzchen war durch die Siege bereits anderer Meinung geworden und nun, da er dies auch noch erfuhr, begrub er das Kriegsbeil, das er stets gegen Onkel Fritz schwang, wenn sie auf das Rudern zu sprechen kamen. »Na, alter Kronensohn, was sagst Du nun?« fragte Onkel Fritz ihn. – »Es sind ganz verfluchte Kerle, Eure Bootsleute,« sagte der Doktor schäkernd. – Ich erlaubte mir, diesen Ausdruck sehr unpassend zu finden und sagte: »Lieber Doktor, an solchem Ehrentage für Berlin könnten Sie doch wohl etwas mehr auf die Wahl Ihrer Worte achten, oder hat das bischen Seeluft Sie auch schon verdorben? Mas soll blos die Umgebung davon denken?« – »Schwiegermamachen,« entgegnete er, »das ist ja nur äußerlich.« – Dann ging er mit Onkel Fritz einen Versöhnungsschoppen trinken.

Als sie wieder retour kamen, war der Doktor richtig zahlendes Mitglied geworden, was er jedoch meines Erachtens nach ohne Emmi's Bewilligung nicht hätte so mir nichts dir nichts thun dürfen. Auch mußte er bedenken, daß ihm Kosten daraus erwachsen, die man praktischer verwenden könnte, wie zum Beispiel für ausreichend Krebse, wenn er einmal wieder Gesellschaft giebt.

In der Zwischenpause kletterten wir von der Tribüne herunter und ließen uns an einem der vielen Tische, welche das Wirthshaus im Walde aufgeschlagen hatte, von meinem Karl mit dem versprochenen Kaffee traktiren, bei welchem wir zufriedener waren, als andere Leute bei Champagner. Emmi sowohl als Betti gaben mir beide hierin recht, sie mögen auch gar nicht mal gerne Champagner und mir ist er von Jugend auf gleichgültig gewesen. Wo die Witterung kühl und umschichtig regnerisch ist, zieht jeder Vernünftige etwas Heißes vor, aber wer prahlen will, stürmt auf seine Gesundheit ein und trinkt Kaltes. Das wäre meine Sache durchaus nicht. – Onkel Fritz führte uns nun zu den Preisen, welche geschmackvoll arrangirt auf einem Tische unter den Eichen standen: goldene und silberne Pokale, ein Ehrenschild aus Silber und mehrere werthvolle Gegenstände, theils altdeutsche Zimmer zu dekoriren, theils um den Durst zu stillen, alle aber von kunstgewerblicher Schönheit. Während die Töchter die Einzelheiten betrachteten und Onkel Fritz ihnen das Sinnbildliche der Verzierungen erklärte, bemerkte ich plötzlich nicht weit von mir Herrn Max und im Handumdrehen hatte ich ihn mir geangelt. Er war hierauf wohl nicht gefaßt gewesen, wie ich aus seinen verlegenen Mienen zurechtdividirte, aber ich ließ ihn gar nicht erst zur Besinnung kommen, sondern sagte: »Gut, daß ich Sie treffe, ich habe mit Ihnen zu reden. Geben Sie mir Ihren Arm.« – Das that er und ehe er noch mucksen konnte, waren wir den Kindern aus der Sehnähe in der Kiefernhaide, wo der Grünauer Verschönerungsverein allerlei runde Wege angelegt hat, die jedoch von geradeauswollenden Leuten nicht respektirt werden.

»Ich habe mich sehr zu beschweren,« begann ich, »und zwar über das Betragen Ihres Herrn Freundes Felix gegen mich und unser Haus. Sie sind doch sein Freund?« – »Gewiß!« antwortete er. – »Nun gut also, dann wende ich mich an die richtige Adresse; als wahrer Freund werden Sie ihm kein Wort vorenthalten.« – Er wollte etwas erwidern, aber ich sagte: »Bitte, keine Unterbrechung, ich bin an der Tour ... Einer nach dem Andern. Nachher haben Sie auch das Recht. Warum hat Ihr Freund die Einladung zur Hochzeit nicht angenommen, die ich ihm extra schrieb, warum hat er sich nicht einmal entschuldigt? Welche Veranlassung haben wir ihm zu solcher Rücksichtslosigkeit gegeben? Ich glaube, wir ließen es an Gesellschaftlichkeit nicht fehlen, und Sie sind auch nicht viel besser. Was können Sie zu Ihrer Vertheidigung vorbringen?«

Er stand vor mir, den Blick auf den dürren Kiesboden geheftet, als wäre dort die Antwort geschrieben. Dann, nach einer Weile richtete er seine blauen milden Augen auf mich, die wie von Trauer umflort waren, und sprach leise nur das eine Wort: »Nichts.«

»Das ist Alles?« fragte ich.

»Mehr kann und darf ich Ihnen nicht sagen.«

»Sie waren in Tegel offen und vertrauensvoll gegen mich, Sie waren glücklich in dem Glücke Ihres Freundes. Sind Sie ihm heute noch ebenso redlich gut wie damals?« – »Ebenso,« sagte er fest und seine Züge nahmen einen leuchtenden Ausdruck an. – »Also lösen Sie mir das Räthsel.«

Er schwieg wieder und sagte darauf: »Noch ist nicht die Zeit, aber verlassen Sie sich darauf, Sie sollen Alles erfahren, wenn die Stunde gekommen ist; und dann hoffe ich, wird sich alles zum Besten wenden.« – »Das ist nichts Genaues,« rief ich, »ich möchte mir mehr Begreiflichkeit ausbitten!« – Er gab hierauf keine Antwort, sondern fragte: »Darf ich ihm einen Gruß von Ihnen schreiben, das würde ihm unendlich wohlthun?« – »Er ist also nicht hier?« – »Felix hat Berlin verlassen.« – »Warum?« – »Um sich in seiner Branche zu vervollkommnen.« – »Grüßen Sie ihm meinetwegen von mir, ich wäre nicht besonders gut auf ihn zu sprechen,« erwiderte ich, »und Sie mit Ihrer Geheimnißkrämerei können mir auch gewogen bleiben.« – »Es thut mir leid, Ihren Zorn auf mich geladen zu haben, aber ich trage ihn gern um meines Freundes willen.« – »So ist es nicht gemeint, aber irgend etwas ist branstig, darüber täuscht mich Ihre Freundschaft nicht einen Augenblick. Ich erwarte, daß Sie Ihr Versprechen halten, wenn es an der Zeit ist.« – »Das wird meine Pflicht sein, wenn auch eine schwere.« –

Da doch nichts Gescheites aus ihm herauszubringen war, kehrten wir zurück. Als wir an dem Halteplatz der Kutschen vorbeikamen, sah ich Bergfeldts Emil bei einer Equipage stehen. So wie er mich gewahrte, machte er sich wichtig mit den Gäulen zu schaffen, that, als wenn eine Schnalle am Geschirr anders sitzen müßte und besah sich das Handpferd, wie ein sachgemäßer Roßkamm, obgleich seine Pferdekenntnisse doch höchstens von den Würsten herrühren, die sie zu Hause immer aßen. Gerade in diesem Augenblicke brachte der Kutscher ihm ein Glas Grog, das er sichtlich auf eine heimliche Weise bestellt hatte, denn er wurde roth, wie er merkte, daß ich ihn ertappte, und winkte dem Kutscher ab, der ihm jedoch falsch verstehender Weise das Glas erst recht präsentirte. »Ob er wohl öfter in aller Stille Einen nimmt,« dachte ich, »oder ob es ausnahmsweise wegen der Kälte geschieht?« Ich beschloß, einmal mit Auguste Weigelt darüber zu sprechen. –

Die Regatta ward mittlerweile fortgesetzt und die Berliner blieben ebenmäßig beim Siegen. Wenn Berlin einmal Seestadt werden sollte, können die Ruderer bei Seeschlachten dieselben Dienste auf dem feuchten Element verrichten, wie die Ulanen auf dem trockenen, so schleunig sind sie. – Bei den spannenden Einzelkämpfen gewann ein Breslauer und als er beim Ziel ankam, wurde ihm ebenso heftig applaudirt und zugerufen wie den Berlinern. Sein Recht muß auch jedem werden.

Ich gestehe gern, daß ich mich trotz Bergfeldtens und des Herrn Max selten so gut amüsirt habe, wie bei der Regatta. »Was sie doch Alles in Berlin fertig bringen,« sagte ich zu meinem Karl, »es macht mich ordentlich stolz, obgleich das Rudern durchaus nicht für Damen paßt, schon allein wegen des Kostüms, da es zu barft ist.« – Mein Karl sagte: »Bei solchem Thun verweichlicht unsere Jugend nicht, und das Streben, auf jedem Gebiete der Erste zu sein, schadet dem Deutschen nicht.« – »Aber es können doch nicht Alle sich dem Rudern widmen,« warf ich ein. – »Auch nicht nöthig,« erwiderte mein Karl, »das gute Beispiel wirkt. Da mag denn jeder versuchen, auf seinem Gebiete das Beste zu leisten und es den Konkurrenten in Tüchtigkeit zuvorzuthun.« – »Du sollst recht haben,« sagte ich, »in dem Nationalökonomischen weißt Du besser Bescheid, als ich.« –

Mit einem übermenschlich langen Extrazuge fuhren wir wieder zurück nach Berlin. Die Landstraße, welche neben der Bahn herläuft, war voll von Fuhrwerk. Aus dem Zuge wurde den Fahrenden auf der Landstraße mit Taschentüchern zugewinkt und sie winkten munter wieder, einerlei, ob sie in Equipagen saßen, oder in Kremsern, oder auf Milch- und anderen Wagen, wo sie familienweise Platz gefunden hatten. Das kam wohl daher, weil sie Alle gleich froh waren, über das Wetter, über unseren Kronprinzen und über die Siege. Und der Kronprinz hat sich auch über seine Berliner gefreut, das sah man ihm an. Prinz Heinrich, der doch schon rund um die Erde gefahren ist, hat gesagt, er hätte nirgends in der Welt so etwas gesehen, wie den See im Festschmuck und die Ufer der Spree mit den vielen Menschen, wir waren ja auch Alle miteinander hingerissen. –

Onkel Fritz blieb in Grünau zur kameradschaftlichen Feier der glorreichen Ereignisse. Er war noch zwei Tage hinterher rauh, wie mit einer ausgesengten Kehle, als er wieder zum Vorschein kam, und behauptete steif und fest, er hätte einen Holzhacker auf Stückarbeit im Kopfe. – »Wie kommt denn das?« fragte ich ihn theilnahmsvoll. – »Vom vielen Gesundheittrinken, Wilhelmine,« erwiderte er, »wir haben die Siege nicht schlecht begossen.« – »Fritz,« sagte ich, »nennst Du das Gesundheit, wenn Du kaum aus den Augen sehen kannst?«

»Wilhelm,« sagte er, »schön war's doch!«

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