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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Häusliche Kunst.

Wir hatten die billige Möbelausstellung in dem früheren Hygiene-Glaskäfig besucht und da die Preiswürdigkeit der einzelnen Gegenstände bei wirklich bestehender Gediegenheit erstaunlich war, erwarben wir ein Spinde, um den alten Kleiderspeicher, den wir auf dem Flur zu stehen hatten, endlich zu beseitigen. Die untersten Kasten gingen ja nie auf, wenn man recht hastig etwas herausnehmen wollte, und der Wurm war auch darin. Mein Karl war ebenfalls einverstanden, denn das neue Spinde ist in der Mitte durchgetheilt, so daß er nun sein Reich ganz für sich hat und nicht mehr bremmeln braucht, daß seine Sachen immer auf dem hintersten Haken hängen und ihm jedesmal gerade das Stück in die Hand fällt, was er nicht haben will.

Als wir jedoch das neue Spinde aufstellten, ergab sich, daß es kleiner war als das alte und die Wand nur unvollkommen bedeckte, weil diese Stelle früher nicht mit tapezirt worden war, denn ich erinnere mich noch recht gut, wie wir damals einen Rest nahmen, den der Tapetenfritze uns billig abließ und der nicht ganz reichte. Da wir etwas Passendes nicht zubekommen konnten, blieb die Wand hinter dem Spinde in ihrer ursprünglichen Verfassung schön blau mit Oelfarbe gestrichen. Man sah ja auch keine Spur davon.

»Nun muß der Flur wegen des neuen Möbels frisch tapezirt werden,« sagte mein Karl, »wo bleibt da der Vortheil, Wilhelmine?«

»Sei nur unbesorgt,« erwiderte ich, »Du sollst schon sehen, wie intelligent wir uns zu helfen wissen.«

Er ging kopfschüttelnd ab, aber er versuchte es nicht, mir mit unterschätzenden Worten entgegen zu sein.

Dieses ›wir‹ bezog sich nun nicht auf mich allein, sondern auf Betti und mich, denn ohne ihre Hilfe war ich nicht veranlagt, meine Idee auszuführen.

Betti hat sich nämlich auf das Malen geworfen, da ihr das Gouvernantenwerden durchaus nicht zusagt und sie doch nicht ohne eine ernstliche Beschäftigung sein mag. Was soll sie auch erst ein wissenschaftliches Examen ablegen, um die Kinder rein zu halten und ihnen das bischen Buchstabiren beizubringen? Onkel Fritz bestärkte sie hierin, indem er behauptete: Kinder wären gräßlich, da ihre Beschäftigung nur in Schreien und Schlafen bestünde, wovon das letztere zu den Annehmlichkeiten in den Familien gehörte, aber ich sagte: »Du wirst einmal ganz anders reden, mein Junge.« Hierauf erwiderte er: »Ich bin allerdings durch unsere Vereinsbarden ziemlich abgehärtet worden, aber an Säuglingskonzerte gewöhne ich mich nie, oder ich müßte mir schon Gummiohren anschaffen.«

Ich entgegnete: »Kinder haben Engelsstimmen, jedoch müssen es freilich die eigenen sein. In Eurem Gesangverein ›Keuchhusten‹ mögt Ihr Euch einen netten Stiefel zusammensingen. Mich wundert nur, daß die Nachbarsleute so etwas dulden.« – »Die geben noch was zu. Wenn sie nicht eine Maus im Glaskasten zurückbehalten hätten, würden sie nicht mehr wissen, wie so'n Biest aussieht.« –

Betti hatte von jeher Sinn für das Malerische. Schon als Kind schnitt sie die Figuren aus dem Modenjournal, malte sie sehr niedlich an und klebte sie in ein Schreibheft. Außerdem ist das Malen jetzt so sehr in Aufnahme bei den Damen, daß die ersten Berühmtheiten ihnen Stunde geben. Und wie wird die Malerei heutzutage bezahlt! Menzel hat kürzlich für ein einziges Bild neunzigtausend Mark bekommen, und wie Betti sagt, hat er gar nicht einmal von den kostspieligsten Farben genommen. Solche Ansprüche würden wir natürlich nicht erheben, obgleich man die Auslagen gerne wieder heraushaben möchte.

Allerdings ist Betti noch bei den ersten Anfangsgründen auf Holzsachen, aber ich kann nur sagen, daß sie sehr fleißig ist. Drei Kleiderbürsten hat sie schon gemalt, eine für mich, eine für ihren Papa und eine für Doktor Wrenzchen, alle drei verschieden mit Blumen darauf; man konnte glauben, sie wären in einem Laden gekauft, so künstlerisch vollendet nahmen sie sich aus. Wenn nur das Lackiren nachher nicht so theuer käme. Sie versuchte es anfangs allerdings selbst, aber es wollte ihr nicht recht gelingen, es kam nicht die richtige Glattheit heraus. Die kleineren Gegenstände, wie die Tellerchen, Papiermesser, Taschenbücher, Dosen und Kästchen sind sehr nützlich zum Verschenken; es giebt in Bekannten- und Freundinnenkreisen Geburtstage genug, um irgendwo anständig mit zu bleiben.

Ich sagte also zu Betti: »Kind, nun kannst Du Dein Talent zeigen, wir wollen Vatern einmal gründlich überraschen. Da, wo die Tapete bei dem neuen Spinde fehlt, malst Du akkurat solches Muster hin, wie das Uebrige. Er wird sich wundern wenn er die Täuschung nicht eher vom Original unterscheidet, als bis er auf das Genaueste zusieht!«

Betti meinte zwar, es würde wohl zu schwierig sein, da sie noch keine Wandmalerei gehabt hat und ja erst später bei Gussow kommt, wenn sie mit den Holzsachen und hierauf mit dem Landschaftlichen durch ist, das sehr gewissenhaft im Verein der Künstlerinnen gelehrt wird, aber sie wollte es doch versuchen.

Ich freute mich schon von vornherein darauf, wenn ich meinen Karl fragen würde: »Na, was sagst Du dazu? Und die Kosten nicht der Rede werth. Einfach nur durch häusliche Kunst.« –

Wir nahmen nun ein paar alte Sahnetöpfchen und gingen Farbe holen. Es war nicht leicht, die richtigen Nummern zu finden, aber ich eilte zurück und polkte ein Stück Tapete ab, das nach unten hinter dem Spinde saß, und brachte es dem jungen Mann im Materialgeschäfte. Daraus konnte der sich sofort vernehmen und so mischte er denn die Farben ganz naturgetreu. Als Betti dies sah, bekam sie ordentlich Lust zum Malen, woran man ja auch die eigentliche Begabung erkennt. Auch die Pinsel suchte der junge Mann aus, einen großen zum Grundiren und mehrere kleine zum Ausführen. – Noch an demselben Abend zeichnete Betti das Muster auf und am nächsten Morgen, als mein Karl ins Kontor gegangen war, machten wir uns an die Arbeit. Das heißt Betti übernahm das Künstlerische und ich stand und sah zu, um ihr mit gutem Rath behilflich zu sein. Da sie aber sagte, daß sie es nicht könnte, wenn ich ihr auf die Finger sähe, begab ich mich in die Küche, und weil wir gerade Kaulbarsche hatten, die mein Karl mit Leidenschaft ißt, wenn sie gut geschuppt mit etwas Bolle und Petersilienwurzel recht kurz eingekocht sind, so hatte ich Arbeit genug, zumal Köchinnen schon allein wegen des Zurechtmachens abgeneigt gegen Kaulbarsche sind und deshalb immer lügen, es wären auf dem Markt keine gewesen.

Ehe mir jedoch die letzten durch die Hände gegangen waren, trieb mich das mütterliche Kunstinteresse, zu sehen, wie weit Betti wohl mit ihrer Freskomalerei gekommen sei. Ich fand sie in keiner anheimelnden Verfassung, denn als ich auf den Flur trat, fragte sie: »Was willst Du?« – Ich merkte gleich, daß ihr was nicht paßte, denn wenn sie mit der Stimme bufft, ist sie zu zarten Umgangsformen schlecht aufgelegt, und fragte daher mit möglichster Lieblichkeit: »Nun, hat es schon geschafft, mein Kind?«

Betti stieg von der Küchenleiter herunter, auf der sie gestanden hatte, um das Muster oben anzulegen, und prüfte die Arbeit aus perspektivischer Ferne.

»Findest Du, daß es so gut wird?« fragte sie.

Was sollte ich nun antworten? Sagte ich ›nein‹, so wäre Betti im Stande gewesen und hätte gesagt: dann nimm Du die Farbe und die Pinsel und mache es selbst. Sagte ich ›ja‹, dann wäre die Malerei so geblieben, und mein Karl hätte alle Ursache zu einem Verweise gehabt, denn was das Kind sich zurecht gemalt hatte, war nicht recht etwas.

»Betti,« sagte ich, nachdem ich das Ganze von verschiedenen Standpunkten aus mit ziemlichem Kunstverständniß betrachtet hatte, »das Muster ist sprechend ähnlich, aber die Farbe scheint mir nicht ganz zu stimmen. Kommt es Dir nicht auch vor, als wenn sie um ein paar Nummern zu hell wäre?«

»Sie ist zu hell,« sagte Betti, »aber wie kann das möglich sein, da der junge Mann sie doch genau nach der Probe gemischt hat? Sollte es am Ende an dem Licht liegen? Du weißt, Mama, wie die Künstler immer klagen, daß die Beleuchtung ihre besten Gemälde verdirbt.«

Ich wollte die Möglichkeit schon zugeben, als ein höchst unangenehmer Gedanke in mir aufdämmerte. Und so, wie ich dachte, war es auch gewesen. Ich hatte nämlich die Tapetenprobe von einer Stelle genommen, wo sie von dem alten Spinde bedeckt gewesen war und sich deshalb in ihrem ursprünglichen helleren Naturzustande erhalten hatte.

»Ja, Mama,« sagte Betti etwas ärgerlich nach dieser Entdeckung, »wenn Du so durchaus gar nichts von der Malerei verstehst, warum mengst Du Dich denn hinein?«

»Oho,« entgegnete ich, »das darfst Du mir nicht sagen, ich habe im Vatikan, neun Treppen hoch, die echten Raffaels gesehen und die übrigen Berühmtheiten in Oel dazu!«

»Mama,« erwiderte Betti, »hier nützt der ganze Vatikan nichts, ich muß hin und die richtigen Töne anrühren lassen.«

Betti zog ein Stück nachgedunkelter Tapete von der Wand ab und flog davon, da sie noch gerne vor Mittag mit der Arbeit fertig sein wollte, während ich meinen Gedanken nachhing. So viel war mir klar geworden: leicht ist die Kunst keinenfalls und sie beansprucht einen tüchtigen Posten Genie.

Als Betti wiederkam, sagte sie: »Mama, so wie wir beide meinen, geht es nicht. Erst muß der Grund gemalen werden, und wenn der trocken ist, wird das Muster darauf gesetzt.«

»Woher weißt Du denn das?«

»Der junge Mann in dem Farbengeschäft belehrte mich darüber; er ist früher selbst auf der Akademie gewesen.«

»Hat er denn schon bei Gussow gehabt, daß er sich so auskennt?«

»Danach habe ich ihn nicht gefragt, aber er sagte, das Farbenverkaufen brächte mehr ein als die Kunst.«

»Das hat er Dir nur vorgesohlt, um sich gewissermaßen zu entschuldigen. Bedenke doch, was dazu gehören würde, ehe Menzel für neunzigtausend Mark Oelfarbe und Fußbodenlack verkauft hätte? Er müßte ja wohl Tag und Nacht im Laden stehen. Nein, man kann den Menschen nicht so ohne weiteres glauben, sondern muß ihren Gedankengang stets nachrechnen.«

Während wir uns so unterhielten, hatte Betti das Stück Wand mit dem großen Pinsel gegründet. Da noch Farbe in dem Quast saß, versuchte ich in der Küche am Holzkasten wie es ging; es war durchaus nicht schwer. »Betti,« rief ich erfreut, »von jetzt an gebrauchen wir keinen Maler mehr im Hause, wir machen alles selbst und sparen einen hübschen Groschen dabei!« –

Als mein Karl zu Tisch kam, konnte ihm die angefangene Malerei natürlich nicht verborgen bleiben, da sie im Trocknen begriffen war. Er besah sie, schüttelte den Kopf und sagte: »Wilhelmine, ich fürchte, man wird den Unterschied doch merken. Laßt das Malen lieber unterwegs und tapezirt den Flur.«

»Geld zum Fenster hinauswerfen?« entgegnete ich, »nein, mein Karl. Uebrigens heißt es die Kunst nicht aufmuntern, wenn man sie übereilt in ihren Anfängen tadelt. Warte nur ab und dann urtheile. Morgen wirst Du schon einen ganz anderen Anblick genießen.« – Das war auch der Fall, aber in der entgegengesetzten Richtung, wie ich erwartet hatte. –

Woran es nun lag, weiß ich nicht, aber als Betti am nächsten Tage das Muster malte, ward die Wand immer merkwürdiger. »Betti,« sagte ich einlenkend, »ich glaube, Du hast den rechten Schwung noch nicht ganz heraus, was meinst Du, wenn wir die totalen Wände ebenmäßig anstrichen? Wenn Papa auch mehr für Tapete ist, weil er uns wenig zutraut, so wird er sich doch schon zufrieden geben, wenn der Flur sich präsentirt wie ein Juwel.«

Wir schickten unser Mädchen Doris mit einem Topf, wo ungefähr für vier Wände Farbe hineinging, nach dem Materialisten und ließen noch einen recht großen Gründungspinsel für mich mitbringen. Angeregt durch die alte Stelle und weil das Frühere wieder Mode ist, hatten wir uns für Himmelblau entschieden.

Wir waren nicht schlecht fleißig. Betti nahm, auf dem Küchentritt stehend, die oberen Regionen, während ich auf dem Fußboden knieend das Untere strich. Wenn die Farbe alle war, tobte Doris nach frischer. Es war die reine Hasenjagd.

»So,« sagte Betti scherzend, denn das Malen machte ihr ebensoviel Spaß wie mir, »nun müßte Besuch kommen.«

»Den könnten wir gerade gebrauchen,« rief ich. »Kind, wir müssen uns sputen, damit wir nicht gestört werden und die Arbeit in einem Guß vollendet wird, ehe Papa kommt.«

Eile ist aber theils anstrengend, theils schädigend. Im Eifer stieß Betti den Farbentopf von der Küchenleiter und das gute Blau quatschte auf den Boden.

Es giebt nichts Abscheulicheres als umgeworfene Oelfarbe. Wir wischten sie auf. Sie kam aber immer wieder. Nicht weg zu kriegen. – »Der Fußboden hätte so wie so gemalen werden müssen,« tröstete ich Betti. »Doris muß doch bald wieder laufen, da kann sie gleich braune Fußbodenglasur mitbringen.«

»Und recht hübsches Roth für die Borte oben und unten,« fügte Betti hinzu.

»Sollte ein Obertopf voll genug sein?«

»Laß sie die große Kontortasse nehmen,« meinte Betti. Das Mädchen eilte davon. –

Betti hatte recht, die Borten fehlten noch, um die künstlerische Abrundung zu erzielen, sie hoffte ebenso wie ich, wenn die rothen Streifen erst gezogen wären, würde man kaum sehen, daß die Malerei ein wenig unegal gerathen sei.

Als die Farbe kam, sagte ich: »Betti, fange nur gleich mit der Borte an, ich will schon die Wände besorgen; wenn Papa kommt, muß das Werk gethan sein.«

Das Kind wieder auf die Leiter hinauf, aber da Betti in der einen Hand das Lineal und in der anderen den Pinsel hielt, so mußte das Mädchen unten stehen und ihr die Kontortasse hochreichen.

Nach einer Weile sagte Doris: »Fräulein müssen nicht so kleckern, ich hab' schon die ganze Taille und das ganze Gesicht voll Farbe.« – So war es auch. – »Ich hab' die Taille erst zum zweiten Male an,« murrte das Mädchen weiter.

»Nu ja,« entgegnete ich, »wenn die Farbe in der Wäsche nicht ausgeht, kriegen Sie eine neue.« – Ich wandte mich wieder zur Arbeit. Noch einige kräftige Striche und ich konnte ausrufen: »Fertig!«

Aber ehe ich so weit war, rief Betti kläglich: »Mama, die Borte will gar nicht, sie läuft immer herunter auf das Andere; es ist rein zum Verzagen.«

Ich muß sagen, ich hatte nicht gerade allzuviel von der Borte erhofft, aber so nichtswürdig bin ich noch nie getäuscht worden. Die rothe Farbe war richtig in langen Strähnen auf die blaue heruntergesickert und zu den ausgesuchtesten Fransen ausgelaufen. Wir versuchten die rothen Streifchen wieder mit dem Blaupinsel nach oben zu treiben, aber es ward nur noch schlimmer.

»Wir müssen morgen ganz von vorne anfangen,« sagte Betti.

»Noch einmal die Schmiererei?« rief ich entsetzt. »Kind, sieh blos, wie Du Dich eingesiehlt hast, wie ich aussehe und wie die Doris aussieht.«

»Wurschtmachen auf'n Lande is nischt dajejen,« sagte Doris.

Ich wischte noch den letzten Rest Blau auf die Wand, Doris räumte die Farben und Pinsel fort, und Betti und ich gingen uns anziehen. Ich hätte nie gedacht, daß Oelfarbe so spritzen kann; ganz hinten im Nacken hatte ich welche zu sitzen. Und wie schwer sie unter den Fingernägeln weggeht! Es ist erstaunlich, was so ein bißchen Farbe austhut, wenn sie an den verkehrten Fleck kommt. Und wie die Handtücher aussehen würden. Es war schon nicht mehr schön.

Wir hatten kaum unsere Toilette beendet und uns so gut renovirt, wie es in der Geschwindigkeit ging, als mein Karl und Onkel Fritz kamen. Ich erkannte an ihren Stimmen, wie sie das Werk unserer Hände bewunderten.

»Wir gehen nicht hinaus,« flüsterte ich Betti zu, »laß' sie nur mit Ruhe den ersten Eindruck überwinden, der ist meistens der machtvollere.« –

Sie traten ins Zimmer. Mein Karl, wie ich sofort erkannte, nicht in der besten Laune, aber Onkel Fritz glänzten die Augen ordentlich vor Vergnügen und die schlechten Witze sah ich förmlich auf seinen Lippen herumturnen.

»Wilhelmine, hab' ich Dir nicht gesagt ...« wollte mein Karl seine Vorwurfsrede beginnen, aber Onkel Fritz fiel ihm lachend ins Wort:

»Nee, Karl, alter Junge, spiele nicht den Kunstbarbaren, solchen Flur, wie Deinen Flur giebt's nicht noch einmal auf der ganzen Welt. Wenn Du den auf'n Cantiansplatz ausstellst, geben sie Dir die große goldene Medaille.«

»Ich verbitte mir jede Anzüglichkeit,« sagte ich verletzt, »wenn man thut, was man kann, hat man nicht nöthig, sich noch obendrein verspotten zu lassen.«

»Dir hat wohl die blaue Grotte Modell gesessen?« fragte Onkel Fritz, ohne auf meine Abweisung Rücksicht zu nehmen. »Wenn Du noch einen Kahn an das neue Spinde bindest, ist sie komplett.«

»Bitte, sei nur gerührt,« erwiderte ich, »die Hauptsache ist die Ersparniß, wovon Du als Junggeselle aber nichts verstehst.«

»Ersparniß?« fragte mein Karl. »Was hat denn die ... die ... (er rang nach einem gelinden Ausdruck, mein guter Mann) der Schw... der Scherz gekostet?«

»Die Arbeit kommt in Wegfall, also dafür ist auch nicht ein Pfennig zu entrichten, das Uebrige habe ich vorläufig anschreiben lassen.«

Mein Karl rief Doris, damit sie die Rechnung von dem Farbenhändler holen sollte. Doris kam sogleich, weil er ziemlich barsch gerufen hatte. Als Doris antrat, schrie Onkel Fritz laut vor Wonne auf, denn sie hatte noch keine Zeit gehabt, die rothe Farbe gänzlich von sich zu entfernen, und sah für Uneingeweihte recht beängstigend aus. Selbst mein Karl sagte: »Doris, so können Sie unmöglich auf die Straße; die Leute würden glauben, Sie kämen eben vom Morden.«

Mir war es außerordentlich lieb, daß sie nicht gleich ging und ich durch umsichtige Leitung des Gesprächs meinen Karl von der Rechnung abbringen konnte, denn wie sich bei der Bezahlung herausstellte, hatten wir ein nicht ungeringes Theil Farbe verschmaddert, wofür bequem hätte neu tapezirt werden können, ohne gerade von der billigeren Sorte zu nehmen, was nun dennoch geschehen mußte. Von dem ruinirten Zeug und von der neuen Taille, auf welche Doris unerschütterlich bestand, habe ich Karl'n erst erzählt, als die Angelegenheit schon fast vergessen war und ich ihm hoch und heilig gelobt hatte, die häusliche Kunst nicht wieder auf Thüren und Wände auszudehnen, sondern erfahrene Handwerker zu nehmen, die doch auch leben wollen. Ich hätte nie geahnt, daß Sparsamkeit unter Umständen so ins Geld laufen kann. –

Betti ist jetzt wieder bei den Holzsachen, obgleich Onkel Fritz meint, sie besäße kolossales Talent zum Menschenmalen ... das hätte er an der Doris gesehen. Natürlich haben wir für solchen Hohn nur kühle Verachtung, und wer weiß, ob der Flur nicht noch sehr schön geworden wäre, wenn wir unseren Eingebungen ungehindert hätten folgen können? Die alten Meister brauchten Jahrhunderte, ehe sie ihren Höhepunkt erreichten, und wir hatten kaum zwei Tage zur Verfügung, aber davon hat Onkel Fritz keine Spur von einer Idee.

Wie lange Betti noch auf Holz malen wird, das muß sich bald entscheiden, denn ich sehe bereits eine Überproduktion voraus und wohin soll man zu allerletzt damit? Es wird meine Aufgabe sein, sie für die Literatur zu gewinnen, obgleich sie sich von Wichmann-Leuenfels nicht viel verspricht.

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