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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wie es Allen geht.

Franz und Fritz werden von Tage zu Tage niedlicher, und obgleich sie schon prachtvoll getauft werden könnten, will der Doktor damit warten, bis Onkel Fritz von der Hochzeitsreise zurück ist, der die Pathenstelle bei dem Jüngsten übernehmen soll, während mein Karl den Aeltesten halten wird.

Emmi ist nicht mehr allein, wenn ihr Mann auf die Praxis geht, und vermißt ihn an den Donnerstagen nicht, wenn er seine Freunde aufsucht. Man kann ja auch nicht leugnen, daß das Skatspiel etwas Magnetisches hat, indem es anzieht und festhält. Wenn wir des Abends bei Doktors sind und Emmi und Betti im Sopha sitzend handarbeiten, wozu Franz und Fritz zwiefache Veranlassung geben, spielen mein Mann, der Doktor und ich eine Partie, wobei es nur unangenehm ist, wenn einer von den Zwillingen zu quarren anfängt. Sowie es kaum heißt: »Franz schreit oder Fritz weint,« dann rennt mein Schwiegersohn nach dem Schlafzimmer. Hätte er Wiegen angeschafft, würden diese Störungen, wenn auch nicht in Wegfall kommen, so doch bedeutend abgekürzt werden können und man brauchte nicht mit drei Mätzchen und Eckern-Aß viermal besetzt neben Schellen-Aß und Zehne wie eine Sphinx giepern, ob man das Spiel gewinnt oder ob es herumgeht. Nachher weiß natürlich Niemand, wer geben soll und der Streit ist da.

Im Winter, wenn Alle beisammen sind, werde ich Skatabende bei uns arrangiren. Da Dr. Paber bereits zugesagt hat und der Polizeilieutenant, als hochgebildeter Mann, ein sehr guter Skatspieler ist, haben wir nicht zu befürchten, daß es an Kräften fehlt, zumal sicher auf Onkel Fritz gerechnet werden kann und im Nothfall Herr Kleines heran muß, dem Umgang in der Familie außerdem nur Vortheil bringt. –

Onkel Fritzen's Hochzeitsfrack wird bereits gebaut, er zählt schon die Tage bis zu seiner Abreise nach Lingen, von wo aus er dann sogleich mit seiner jungen Frau an den Rhein zu gehen beabsichtigt. Meine Begleitung und die meines Karls lehnte er ab, aus Furcht, zu viel verwandtschaftliche Rührstimmung würde der Hochzeit einen thranigen Anstrich verleihen, und weil er sie recht fidel haben will, geht sein Freund Theodor Mann als Trauzeuge mit, der neben dem Ernst nie den Scherz vernachlässigt und durch seine Kunst in Gesang und Spiel die Freude als froh begrüßten Gast einführt, wohin er kommt. Als er mir die Idee mittheilte, zwei bis drei trinkende Mitglieder von seinem Singverein ›Keuchhusten‹ einzuladen und zwar die geaichtesten, konnte ich nicht umhin zu fragen: »Fritz, was sollen die in Lingen?« »Blos zum Vergnügen der Einwohner,« sagte er. – Ich warnte: »Du kennst doch den Charakter der Großmutter.« – »'ne alte tüchtige Charybdis,« lachte er, »schwelgt in Wasser, das ist gesund für Kinder, schadet den Großen auch nicht und schmeckt immerzu schön.« – »Also!« – »Wie Du meinst.« – »Ich meine, Erika würde auch kein Amüsement davon haben.« – Da ließ er's. – –

Bei Weigelts hatte sich Manches geändert. Die Thorheit, auf das Vermögen der neuen Verwandtschaft hin Schulden zu machen, um mehr zu scheinen als wirklich zu sein, hat sich bitter gerächt. Mit Emils jähem Tod stürzten nicht nur die Luftschlösser ein, die sie für die Zukunft erträumten, sondern mit Entsetzen gewahrten sie den Abgrund, an den sie gelangt waren, seitdem sie statt vor die Füße in die Wolken sahen.

Aber Auguste verlor den Muth nicht. Sie fing wieder an Federblumen zu machen und war froh, die alte Kundschaft wieder zu erlangen; ihrem Manne legte sie das Politisiren gründlichst und zwar mehr durch ihr Beispiel in unermüdlichem Fleiße, als durch Reden. Zum Glück war Herr Weigelt noch nicht ganz vernagelt, sondern konnte wieder in die Reihe gebracht werden. Da der alte Bergfeldt nicht mehr fähig war, in seinen freien Abendstunden die Bücher von Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten zu führen, veranlaßte Auguste ihren Mann, an des Alten Stelle zu treten und den Verdienst mit ihm zu theilen. Als Weigelt nicht mehr mit den politischen Verbrechern zusammenkam, schämte er sich nach und nach seiner Leichtgläubigkeit und schien zu begreifen, daß er zum Regieren doch wohl zu dämlich sei. –

Die Bergfeldten hat sich auf das Zimmervermiethen verlegt, aber sie traf es bis jetzt unglücklich mit ihren Chamber-garnisten. Der Erste brannte mit seinen Habseligkeiten durch und ließ sie mit dem letzten Monat sitzen, wobei noch verschiedene Auslagen und ein baar geliehener Thaler waren. Bei dem nunmehrigen Zweiten vermuthet sie Aehnliches, und hat deshalb eine Strippe durch das Schlüsselloch gezogen und das eine Ende an dem Koffer des jungen Mannes befestigt. Nachts bindet sie das andere Ende um ihr Handgelenk, damit sie sofort aufwacht, wenn er heimlich rücken will. Zum Oktober ziehen sie nach der Dorotheenstadt in die Universitätsgegend, wo es sich besser vermiethet, weil dort die Studenten wohnen, in deren empfängliche Herzen die Professoren den Samen der Wissenschaft versenken, der dann Morgens und Abends mit Bier begossen werden muß, damit er aufgeht. Ich wollte ihr schon Herrn Kleines rekommandiren, aber mir fiel noch rechtzeitig ein, daß er und die Bergfeldten doch wohl nicht zu einander paßten. Herr Kleines befindet sich in alter Weise. Herr Pfeiffer ist auch nicht solider geworden. –

Als ich neulich bei Augusten ging, fand ich sie in Trauer gekleidet eifrig bei der Arbeit, sie fabrizirte jedoch keine Blumen, sondern stückte einen ganz merkwürdigen Stoff zusammen. »Was wird denn das, wenn's fertig ist?« fragte ich. – »Ein Kittelchen für den Jungen.« – »Aber sage blos, was ist das für komisches Zeug, so appart gestreift, wie ich nie gesehen habe?« – Sie wurde roth. »Warum soll ich Ihnen es verheimlichen,« sagte sie darauf, »es sind die Ueberzüge von den blauseidenen Regenschirmen, die uns der Geldverleiher aufhalste. Die Dinger waren so faltenstreifig, daß man nicht damit unter Menschen gehen konnte. – Nun hab ich ja, was ich wünschte,« fügte sie traurig lächelnd hinzu, »nun können meine Kleinen in Seide gehen.«

»Es werden bessere Zeiten kommen,« sagte ich ermuthigend. – »Wir wollen es hoffen,« entgegnete Auguste. »Aber sie kommen nicht von selbst. Darum habe ich mein altes Zauberwort wieder in Gebrauch genommen: ›dalli, dalli‹ von früh bis spät, und wenn wir einige Jahre ärmer leben, als wie wir wirklich sind, kommen wir aus allen Verlegenheiten heraus. Ach, Frau Buchholz, wie gerne wollte ich darben, lebte nur mein armer Bruder noch.« – Sie weinte. – »Du mußt vergessen,« sagte ich. – »Nie, erwiderte sie, »er war zu gut.« – »Du hast Deine Kinder, denen mußt Du ganz gehören.«

»Ich will sie zur Arbeit und zur Zufriedenheit erziehen,« sprach Auguste, »Alles andere ist eitel; wir haben es erfahren.« Und emsig, als gälte es Versäumtes wieder einzubringen, führte sie die Nadel.

Plötzlich hielt sie inne und lauschte. »Da ist Vater,« sagte sie und eilte dem alten Bergfeldt entgegen, der langsam stolpernd die Treppe heraufkam. Er war ganz weiß geworden und greisenhaft, »wo ist Emil?« fragte er, nachdem er mich theilnahmlos begrüßt hatte.

Auguste ging und holte den kleinen Franz. »Bist Du da, mein Emil?« schmeichelte der Alte mit dem Kinde und der Junge kletterte auf seinen Schoß. – »Er kann sich immer noch nicht besinnen,« flüsterte Auguste mir zu, »und hält unsern Franz für meinen Bruder, wir stören ihn auch nicht darin.« Sie hatte dem Alten Kaffee warm gestellt, da er immer so um diese Zeit kam, um mit dem Kleinen zu spielen.

Er reichte ihm die Tasse mit zitternder Hand und ließ ihn trinken. »Schmeckt's, Emil?« fragte er. – »Famos!« antwortete der Junge. Das war auch Emils Lieblingswort in dem Alter gewesen.

Franz brachte, nachdem das Trinken erledigt worden war, seine Schätze herbei, allerlei zerbrochenen Kram, aber der Großvater kannte die einzelnen Stücke ebenso gut bei Namen, wie der Junge. Sie hatten einen Puppenbalg ohne Kopf, das war die Prinzessin Vallera, und ein einzelner nachgebliebener Kegel war Kanonier Puffschnute, die wohnten zusammen in einem Kasten, der mir merkwürdig bekannt vorkam. Und richtig war es das Orgelchen. – »Ist denn die Musike schon alle?« fragte ich. – »Die hat nicht lange vorgehalten,« war die Antwort, »sie konnte das viele Inwendigbesehen nicht vertragen. Ich bin froh, daß das Quieken ein Ende hat, es erinnerte mich zu herbe an meinen Hochmuth. Zum Aufbewahren von Spielsachen ist das Dings aber ganz gut zu gebrauchen.«

Wenn man den kleinen Knippkieler genau betrachtete, schien es, als wenn er etwas Ähnlichkeit mit Emil hätte, namentlich wenn er ganz Lust und Leben war, aber doch nicht so viel, daß er verwechselt werden konnte, wie es der alte Bergfeldt that.

Auf Augustens Bitte, die Beiden unbeachtet zu lassen, da sie sich dann am wohlsten befänden, ging ich um so lieber ein, als mir immer klarer wurde, daß der Alte wieder ein Kind geworden war. Als der Junge allmählich lauter und unbändiger ward, rief Auguste ihn, um das Kittelchen anzupassen. Es saß gut, aber trotzdem sah der Kleine aus wie ein blaues Zebra. Das genirte den aber nicht; er stolzierte auf und ab und sang dazu:

Bildung macht uns frei,
Schlägt die Thüren ein.

»Was singt das Kind sich da zurecht?« fragte ich. – »Das alte dumme Lied hat er von meinem Manne, als der noch Politik trieb; es soll heißen: ›Bildung macht uns frei, schlägt die Tyrannei‹ ... Willst Du gleich aufhören!« – Der Alte rief den Kleinen zu sich und ich brach auf. »Verliere nur den Muth nicht,« sagte ich beim Abschied zu Augusten. Sie antwortete: »Ich hoffe und vertraue.« – –

Da Krauses mit Erika verwandt sind, so kann man es ja nicht ändern, daß sie uns auch etwas näher rücken, aber bis wie weit, da werde ich schon den Grenzpfahl einschlagen.

Der Eduard scheint sich zu bessern, seitdem er vom Gymnasium ist und nicht mehr mit den verstorbenen Sprachen gepiesackt wird. Das Studiren ist auch am Ende nicht Jedermanns Sache, was Viele erst einsehen, wenn sie mitten drin sind und es nicht mehr geht, ein anderes Geschäft von vorne anzufangen, weil sie theils zu herangewachsen, theils zu verwöhnt sind. Dann verkrüppeln sie wie Herr Weigelt, und was sie vorstellen, ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Will Eduard Seemann werden, so ist das immer verständiger, als mit sich und der Welt zu zerfallen, weil Einer nur widerstrebend das Amt verwaltet, an das er sich gezwungen heranstudirte. Aber andere Berufe sind ja in den seltensten Fällen fein genug; es soll heut zu Tage gleich Alles wie mit dem Luftballon hochgehen.

Herr Krause übt einen größeren Einfluß auf den Jungen aus als sonst und sagte mir, daß, wenn Eduard so bei bliebe, er sich der Hoffnung hingeben dürfte, einen brauchbaren Menschen aus ihm zu erziehen. Uns kann das wegen der Verwandtschaft nur angenehm sein, und wenn er auch mal an den Säulen war, so will ich kein Aufhebens weiter davon machen, denn man hat kennen gelernt, wie leicht Jemand aus dem verborgensten Dasein an die Oeffentlichkeit gezogen und in Anklage versetzt werden kann.

Was jedoch vorgefallen ist, warum Eduard den von der Mutter anerzogenen Ungehorsam aufgiebt, das kann hierorts Niemand recht herauskriegen, weil der alte Krause sich gründlichst darüber ausschweigt. Als ich die Krausen fragte, was Eduard eigentlich in Hamburg ausgefressen hätte, erzählte sie mir eine Räubergeschichte, die sie vielleicht selbst schon glaubt, aber doch nicht anderen Leuten zumuthen sollte. Das Kind hätte so gerne das Weltmeer sehen wollen, sagte sie, und als es in Hamburg gewesen sei, hätte der Kapitän von wahrscheinlich einem Sklavenschiff Eduard zwei Tage im Zwischendeck festgehalten, um ihn mit nach der Südsee zu nehmen. Ihr Mann hätte ihn aber noch rechtzeitig aufgefunden. – »Das war ein großes Glück,« sagte ich, »denn wenn das Schiff bereits unterwegs gewesen wäre; hätte Herr Krause am Ende hinterher schwimmen müssen.«

Na, das Gesicht, das sie machte. – –

Onkel Fritz hat seine Wohnung soweit ausgestattet, wie vorläufig hinreichend ist. Manches fehlte allerdings noch, als er mich zur Begutachtung holte, aber er sagte, daß er sich darauf freue, mit seiner jungen Frau nach und nach anzuschaffen, was nöthig sei. Ich konnte ihm nur recht geben, denn mein Karl und ich mußten uns auch anfangs nach der Decke strecken.

Dem entsprechend richteten wir denn unser Hochzeitsgeschenk ein, vor allen Dingen kein Alfenide oder plattirtes, sondern Gediegenes. Der Doktor hat sich angegriffen und eine Pendule abgeladen, Betti stickte ein Rückenkissen und der Gesangverein ›Keuchhusten‹, der Fritzens Bedürfnisse kennt, schickte am Abend vor seiner Abreise nach Lingen eine Punschbowle mit zwei Dutzend Gläsern. Ein Dutzend zum Gebrauch, das zweite zur Reserve. Ich gab ihm noch eine große Tute Bonbons und Süßigkeiten für Erikas jüngere Geschwister mit, daß die armen Würmer doch nicht ganz versauern. – »Fritz,« sagte ich, »schreibe recht bald, wie es abgelaufen ist.« – »Wenn ich Zeit habe und mit heiler Haut davongekommen bin.« – »Sei nur nett gegen die Großmutter.« – »Mit der bin ich ja Du und Du.« –

Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich wollte ihm noch Nachrufen: »Fahre dem Glück entgegen, Du guter Junge,« aber er war schon zu weit weg.

So war Onkel Fritz nun nach Lingen gereist, und da wir seinen Hochzeitstag nicht ungefeiert vorübergehen lassen wollten, schlug ich vor, das schöne Wetter zu benutzen und einen Ausflug zu unternehmen. »Was meinst Du,« fragte ich Betti, »wenn wir Tegel einmal wieder unsicher machten?« – »Tegel?« entgegnete sie mit eigenthümlicher Betonung. »Gewiß, wenn Du es gerne willst.« –

Ob ich aber wollte. Schon längst hatten mein Karl und ich einen Plan gefaßt, der sollte nun zur Ausführung gelangen. Dieser Plan war meine Idee, mein Karl sorgte für die Ausführung auf die Minute. –

Es war am Nachmittag. Wir hatten uns im Wald gelagert, von wo aus wir den See überblicken konnten, und da ich früher schon die Absicht hatte, hier einmal ein Picknick zu veranstalten, fehlte der Kober mit leiblichen Genüssen nicht. Betti war ziemlich einsilbig, sie mochte wohl daran denken, wie froh wir einst an denselben Orten gewesen waren, die wir heute wiedersahen.

Mein Mann litt auch an Wortkargheit, er wußte, was sich in der nächsten Viertelstunde ereignen würde, und war über den Ausgang wohl nicht ganz sicher. Ich dagegen hegte keinerlei Zweifel, hätte ich sonst gerade Tegel gewählt? An die Vergangenheit sollte die Gegenwart geknüpft werden, was dazwischen lag, war ein Wintertag. Wo sind Frost und Schnee, wenn der Weißdorn wieder blüht? – Vergessen!

Mein Karl zog wiederholt die Uhr und spähte auf den See, auch ich sah, wie ein Boot vom andern Ufer abstieß, das geradewegs auf den Waldsaum zulenkte, wo wir uns befanden. »Sollten die zu uns wollen?« fragte ich, als wüßte ich von nichts. – »Ich vermuthe,« sagte mein Karl, und räusperte sich. »Ihr wißt,« fuhr er fort, »daß ich gerne einen Kompagnon hätte, das Geschäft erfordert vermehrte Kraft.« – Das Boot kam näher. – »Ich habe Jemand gefunden, der mein ganzes Vertrauen besitzt, aber ich möchte auch, daß er Euch zusagt.« Hierbei sah er Betti an. »Von Eurem Urtheil will ich meine Wahl abhängig machen. Darum bat ich ihn, heute herauszukommen. Dort ist er.«

Das Boot rauschte heran, kräftig gerudert, und nun schoß es fest auf den Strand. Betti war aufgesprungen und stand unbeweglich, sie hatte die Männer im Boote erkannt, Felix und Max, die beiden Freunde.

Raschen elastischen Schrittes eilte Herr Felix auf Betti zu und streckte ihr beide Hände entgegen, und sie gab ihm wie im Traume die ihrigen. – »Also doch ›Buchholz und Sohn‹,« sagte ich leise zu meinem Karl. Er lächelte nur. –

Als wir durch den Wald zurückgingen, das Brautpaar voran, dann mein Karl mit dem Kober und Herr Max und ich als Nachhut, fragte ich ihn: »Sind Sie nun zufrieden?« – »Ja,« antwortete er, »von ganzem Herzen, mein Freund ist glücklich.« – »Und Sie haben verdient, es auch zu werden; ich will Ihnen helfen, eine rechte, reizende Braut zu suchen.«

»Zu liebenswürdig,« entgegnete er, »aber leider kommt Ihr Anerbieten zu spät, ich habe schon eine.«

»Na, aber über Ihnen aber auch!« scherzte ich lachend, »vergessen Sie nur nicht, daß die Buchholzen darauf brennt, sie kennen zu lernen. – – – –

Als die Verlobung bekannt gemacht worden war, kamen sie Alle gratuliren. Die Polizeilieutenanten zeigte sich sehr erstaunt und meinte, da Herr Felix Schmidt Kompagnon würde, sei es wohl eine Vernunftehe, die sie eingingen. – Ich äußerte, Vernunft wäre allerdings dabei.

Von Wichmann kam ein gereimter Wunsch, worüber wir uns sehr amüsirten, weil er ganz dösig war. Er schreibt jetzt Kritiken über alles Mögliche, namentlich über ihm unverständliche Dinge und soll schon einen ziemlichen Schrecken um sich verbreiten.

Auch Amanda Kulecke trat an. »Kind, bist Du beneidenswerth,« sagte sie zu Betti. »Du bekommst den Mann, den Du liebst. So sehen glückliche Bräute aus wie Du. Und schmuck ist er, daß muß man ihm lassen.« Betti umarmte sie.

»Es wird Zeit, daß die Söhne des Landes sich nach mir umsehen,« fing Amanda wieder an. »Neulich war allerdings Einer da, aber der gefiel mir nicht, ich kann keine kleine Leute leiden, und einen Weißkohlkopf hatte er dazu.« – Man wußte nicht, ob sie ernst genommen werden wollte, oder ob sie sich selbst verhoneckte, aber soviel ist sicher, einen von den vielen abgeblaßten Modejünglingen von heute kann sie im steifen Arm verhungern lassen. Für ihr wirklich vortreffliches Herz ist sie zu groß gerathen. Schade um das Mädchen. – – –

Nach einigen Tagen traf der erste Brief von Onkel Fritz aus Rüdesheim ein. »Er ist verrückt geworden,« rief ich, »Karl, lies diesen Unsinn.« – »Lieber Wilhelm,« lautete das Schreiben. »Wir sind am Rhein. Er ist bedeutend größer, als die Spree. Ob das Wasser darin naß ist, habe ich noch nicht probiert. Gestern setzte ich Erika oben auf den Loreleifelsen, wo sie auf einem goldenen Kamme blies, ich mit dem Bädecker unterm Arm, hörte im kleinen Schifflein zu. Dies Bild war von so mächtiger Wirkung, daß sämmtliche Dampfschiffe anhielten, und die Passage versperrten, bis berittene Schutzleute in den Rhein sprengten und sie auseinander jagten. Wilhelm, komme her, wir wiederholen den Zauber und Du spielst die Begleitung auf der Ziehharmonika dazu.

Onkel Fritz.«

Er muß einen Sonnenstich gekriegt haben,« rief ich. – »Karl, wie wird Dir dabei zu Sinne?« – »Auf der anderen Seite steht auch noch etwas,« sagte er kopfschüttelnd. – »Lies es, Karl, ich bin fast ängstlich, so toll hat er es noch nie getrieben.« – Mein Mann las: »Liebe Frau Buchholz. Können Sie es nicht möglich machen, zwei überglückliche Menschenkinder hier am Rhein zu besuchen, die Ihnen für Ihre Liebe danken möchten, indem Sie Ihnen immer wieder sagen, wie unaussprechlich glücklich sie sind? Wir gedenken Ihrer täglich; wie viel hält Fritz von Ihnen, wie werde ich Sie liebgewinnen. Kommen Sie, kommen Sie! Wie ist doch die Erde schön. Warum sind Sie nicht bei uns?

Ihre Erika.

»Weißt Du,« sagte ich zu meinem Karl, »wenn Fritz mir seine Zuneigung ausdrücken will, macht er es umgekehrt wie die Apotheker mit den Pillen, das Süße nach Innen, und das Bittere nach Außen. Aber so viel sehe ich, wenn jemals zwei Menschen eine Hochzeitsreise machten, wie sie sich gehört, dann sind es Fritz und Erika.« –

Ich konnte nicht abkommen. Betti's Einrichtung zum Herbst muß besorgt werden, die Zwillinge nehmen Zeit in Anspruch, und wenn man fort ist, weiß man aus Erfahrung, geht Alles drüber und drunter. Wir werden die Hochzeit im kleinen Kreise begehen; Betti wünscht es so. –

Dann ist das Haus wieder leer und groß, wie damals, als wir einzogen. Die Kinder sind fort, wir hören ihre Schritte nicht mehr, nicht mehr den Ton ihrer Stimme, sie sind ausgeflogen, wie die jungen Vögel aus dem Neste. Es ist einsam geworden, und wir sind wieder allein, mein Karl und ich, allein, wie in der ersten Zeit. Da war mein Brautkranz grün; wenn der Flieder wieder im Garten blüht, trag ich den Silberkranz.

Ende.

 

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