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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
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Erziehungspläne.

So lange als meine Tochter Emmi noch nicht verheirathet war, glaubte ich, sie würde mit demjenigen Manne glücklich werden, der ihr in meinen Augen von der Vorsehung ausgesucht worden war, jetzt aber bin ich zur gegentheiligen Ansicht gekommen und kann nur annehmen, daß das menschliche Leben ebenso verschieden blüht wie die Balsaminen, welche man in einen Topf säet. Man meint, es kommen lauter gefüllte, rosenrothe zum Vorschein, allein wenn sie endlich so weit sind, haben einige ganz ordinäre violette Blumen, andere sind roth aber einfach und höchstens zwei bis drei blühen so, wie es im Gartenkatalog beschrieben steht. Manche laufen gar nicht auf, oder wenn sie es thun, lassen sie die Knospen vor dem Aufbrechen fallen.

Oder ist das Glück nicht so groß, daß sich jeder ein Stück davon herunterschneiden kann, wie ich und mein guter Karl gethan haben? Warum sind wir denn glücklich und zufrieden? Weil mein Karl seine Schwiegermutter ganz gewiß im höchsten Grade verehrt haben würde, wenn sie nicht schon vor unserer Verheirathung gestorben wäre. Schwören möchte ich darauf, daß Karl ganz anders gegen sie gewesen wäre, als sich der Doktor gegen mich benimmt. Ich kann ja nicht darüber klagen, daß er mit Höflichkeit und Umgangsformen an mir sparsam ist, aber je zuvorkommender er sich anläßt, um so verdächtiger erscheint er, denn wer sich entschuldigt, klagt sich an, wie gebildete Leute zu sagen pflegen, wenn er es aufrichtig mit mir meinte, dann hätte er seine Köchin auf der Stelle fortgejagt, als sie sich nicht nur impertinent, sondern sogar schnöde gegen mich benahm. Eine Schwiegermutter hat in der Küche ihrer kürzlich verheiratheten Tochter ganz dieselben Rechte, wie diese, zumal wenn die junge Gattin noch unerfahren ist und es sich darum handelt, bei der ersten Gesellschaft, wenn auch gerade nicht das Erstaunen der Gäste, so doch ihre Achtung vor den häuslichen Leistungen hervorzurufen. Wird man hierin jedoch von der Köchin gehindert, die sich vor den Heerd stellt und die leibliche Mutter ihrer Herrschaft mit unkultivirten Redensarten zwingt, sich rückwärts aus dem Lokal zu konzentriren, so ist es die heilige Pflicht des Schwiegersohns, sofort selbst einen Schutzmann zu holen und die infame Person mit der größtmöglichsten Plötzlichkeit einspunden zu lassen. Da der Doktor das nicht that, weiß ich, was ich von seinen Höflichkeiten und Zuvorkömmlichkeiten zu halten habe: sie sind das eherne Schild des Erbfeindes, mit dem er mich abwehren will, damit ich nicht die Gelegenheit finde, ihm einmal gründlich die Wahrheit zu sagen. Aber es wird ihm nichts nützen, die Gelegenheiten lassen sich auf die Dauer nicht aufstecken, wenn ihre Zeit da ist, kommen sie so sicher wie das Einmaleins. Dann werden wir ja sehen.

Ich hatte mir vorgenommen, nie wieder über die Schwelle zu treten, jenseits welcher man mich so unangebracht behandelt hat, aber ehe die Buchholzen sich von einer Küchenfee verdrängen läßt, muß es noch ganz anders kommen, so leicht giebt man seine angeborenen Privilegien nicht auf. Natürlich ist die Köchin für mich Luft, wenn ich dort bin. Keinen Blick habe ich für sie, keinen guten Tag, kein herablassendes Lächeln, in eisige Verachtung gewickelt wie in ein nasses Badelaken, schreite ich an ihr vorüber. Aber aus lauter Dickfelligkeit kündigt sie nicht.

Emmi freut sich stets außerordentlich, wenn ich des Nachmittags zum Kaffee bei ihr vorspreche. Er ist dann auf der Praxis und wir können ungestört über dies und jenes verhandeln, wofür die Männer kein Verständniß haben. Was mich wundert, ist, daß das Kind sich so gut in die Doktorin gefunden hat. Sie schreibt die Patienten auf, zu denen er kommen soll, und nimmt großen Antheil an seinen Kranken, ja sie läßt es sich nicht nehmen, hin und wieder eine kräftige Suppe zu kochen, wenn irgendwo die Noth groß ist und der Kochlöffel besser hilft als der Arzneilöffel. Nur des Donnerstags, wenn er in seine Medizinische Gesellschaft geht, um bis nach Mitternacht Skat zu trommeln, dann fühlt sie sich einsam und verlassen. – »Kind,« sagte ich, »dies Elend mußt Du leider wohl bis an Dein Ende tragen, aber Du kannst immer noch zufrieden sein, denn es giebt bedeutend rücksichtslosere Männer als Deinen, die nur drei Sinne haben wie die Bären, nämlich Fressen, Brummen und Schlafen. Du hättest von Anfang an die Donnerstagsaushäusigkeit nicht dulden sollen. Jetzt, fürchte ich, wird es zu spät sein, ihn zu erziehen.«

»Wenn ich nur nicht gar so allein wäre«, entgegnete Emmi, »Du hast keine Ahnung davon, wie öde die Stunden sind, wenn ich auf ihn laure.« – »Bleibst Du denn aufsitzen?« – »Nein, das will Franz nicht haben.« – »Also er schickt Dich zu Bett?« – »Er meint, es sei besser für meine Gesundheit.« – »Und daß Du Dich über sein Nichtnachhausekommen grämst, das spielt wohl keine Rolle? Oder kannst Du unentwegt schlafen, wenn er sich mit seinen Bundesbierbrüdern die Nacht um die Ohren schlägt? Ich wäre nicht fähig dazu.« – »Mama, was hast Du eigentlich gegen Franz?« – »Ich? Durchaus nichts, bis auf die Donnerstagsabende und die Köchin.« – »Laß doch die Vergangenheit ruhen. Das Mädchen hat seinen Verweis erhalten und wird sich nichts wieder zu Schulden kommen lassen. Was Franz anbelangt, so hat er sich gleich von vornherein den Donnerstagabend ausbedungen und ich habe ja dazu gesagt.« – »Wenn Du glücklich dabei bist, soll mir es auch recht sein, denn Du mußt am besten wissen, was deine Nerven vertragen können«, erwiderte ich. »Aber was rede ich mir den Mund fusselig, Du willst ja nicht sehen und nicht hören.« –

Emmi schwieg. Dann fragte sie: »Was ist es denn Böses, wenn er einen Abend in der Woche mit seinen Freunden zubringt? Ich kann ihn doch nicht vergolden lassen und in Watte packen?« – »Ist dies ein Ton, in dem Du zu mir sprechen darfst?« entgegnete ich. – »Mama, ich bin jetzt eine verheirathete Frau und habe keinem anderen Menschen Rechenschaft zu geben, als meinem Manne. Du weißt, ich habe Dich unendlich lieb, aber es macht mir kein Vergnügen, wenn Du mich immer noch als Backfisch behandelst.« – »Willst Du denn nicht verstehen, wie gut ich es mit Dir meine?« rief ich. »Glaubst Du, ich merkte es Dir nicht an, daß Du nicht so glücklich bist, wie Du sein solltest? Du freust Dich wohl gar auf die Donnerstage?«

Sie schüttelte den Kopf fast unmerklich, aber ich sah es doch. Nach einer Weile lächelte sie wieder und sagte: »Ich werde einen kleinen Hund anschaffen, der kann mir Gesellschaft leisten.« –

Als ich hierauf etwas erwidern wollte, kam Besuch. Es war die kleine Assessorin Lehmann, mit der Emmi sich recht befreundet hat und auch ich muß sagen, daß sie mir ganz gut gefällt, wenn sie auch mehr dem Spillerigen zuneigt. So neben meiner Emmi kann sie nicht aufkommen, die sich über alle Begriffe herausgemustert hat und mit ihrem vollen, runden Arm geradezu Staat machen kann, aber die Assessorin ist sehr heiter und wenn sie Fremden gegenüber ihre Befangenheit erst überwunden hat, steht ihr Alles reizend und niedlich. Was man für gewöhnlich hübsch nennt, ist sie jedoch wohl nie gewesen.

Die Assessorin war nicht einverstanden, als sie hörte, daß Emmi sich einen Hund zulegen wollte. »Ich rathe Ihnen ab,« sagte sie, »so ein junger Köter knabbert Alles an und gerade die neuen Sachen zuerst. Wir hatten auch einen, der ruinirte in kaum acht Tagen zwei paar gestickte Morgenschuhe und einen frisch geschenkten Fußteppich, und wenn er des Nachts allein auf dem Flur liegen sollte, bekam er Heimweh und jaulte den Sehnsuchtswalzer. Dann mußte mein Mann aufstehen und ihm mit dem Ausklopfrohr einen anderen Takt beibringen.« – »Das arme Thier,« rief Emmi. – »Wenn es sich laut und heulend beträgt, muß es erzogen werden,« schaltete ich ein, »denn was der Mensch braucht, muß er haben. Ward er denn schließlich gesittet?« fragte ich weiter. – »Wir hatten später noch manchen Spaß mit ihm,« antwortete die Assessorin, »aber als ich meinen Aeltesten bekam, schafften wir ihn ab. Es soll ja nicht gut sein, wenn Kinder und Hunde viel mit einander spielen, da sie Veranlassung zu Krankheiten geben. Fragen Sie nur Ihren Mann einmal danach, Frau Doktorin, der muß es ja wissen.« – »Es wird wohl nicht so gefährlich sein,« sagte Emmi kurz, der die Unterhaltung nicht angenehm zu sein schien. – »Ich denke, Du giebst die Idee mit dem Hunde auf,« nahm ich besänftigend das Wort. »Dir zu Gefallen bleibt Dein Mann gewiß gern einige Male zu Hause, oder Betti kommt zu Dir, oder Du kommst zu uns, wenn es Dir alleine zu langstiezig wird. Ich habe Dir schon früher gesagt, Dein elterliches Haus hat stets offene Arme für Dich.« – Emmi schien zu überlegen, und deshalb hielt ich es für gut, ihr nicht weiter zuzusetzen, sondern wandte mich an die Assessorin mit der Frage: »Ist Ihr Herr Gemahl des Abends auch viel aus?« – »Je nachdem,« antwortete sie. »Er hat seine Klubs und Vereine, von denen er sich nicht abhalten läßt.« – »Müssen Sie auch lange auf ihn warten?« – »Früher war ich so dumm, sah alle fünf Minuten nach der Uhr und fing schließlich an zu weinen, wenn es spät wurde, nun aber hab' ich keine Zeit zum Wachen; die Kinder werden schon früh am Morgen munter und die sind meine ganze kleine Welt und meine Unterhaltung. Ein Mann will auch einmal etwas Anderes besprechen als Hausstandssorgen und Kinderstubenangelegenheiten und dazu hat er seine Abende außerhalb.«

»Als ich jünger war,« entgegnete ich, »ging man nicht so viel ins Wirthshaus wie heutzutage, aber jetzt, wo sie die Lokale mit einem Luxus ausstatten, der dem Mittelstand zu hoch hängt, werden die Männer in der unerhörtesten Weise verwöhnt und finden es nachher zwischen ihren eigenen einfachen vier Pfählen nicht mehr gemüthlich. Deshalb muß man verhindern, daß sie überhaupt viel ausgehen. Wenn jedoch, dann nur mit ihren Frauen.« – »Und die kleinen Kinder mit dem Mädchen zu Hause lassen?« warf die Assessorin ein, »dafür bin ich durchaus nicht. Auf die Dauer ist kein Verlaß auf die Mädchen. Wenn sie wissen, daß ihre Herrschaft jeden Abend außer dem Hause ist, fühlen sie sich sicher und nehmen Besuch an von Gott weiß wem oder schließen das Haus zu und gehen promeniren.«

»Haben Sie schon Derartiges erlebt?« fragte ich. – »O ja,« erwiderte die Assessorin lachend, »eines Abends, als wir ausnahmsweise früh von einer Gesellschaft zurückkehrten, fing mein Mann sogar einen Maikäfer in der Küche.« – »Einen Maikäfer?« rief ich erstaunt. – »Nun freilich, so heißen doch die Gardefüseliere aus der Chausseestraßenkaserne.« – »Davon könnte ich auch ein Erlebniß erzählen,« platzte ich heraus. – »Du Mama?« fragte Emmi. – »Ich? ... O nein ... durchaus nicht.« – Ich fühlte, daß ich ponceau bis an die Ohren wurde, aber die Geschichte von dem Krieger, der mich statt der Jette in der Speisekammer überfiel, konnte und durfte ich Emmi nicht erzählen. Hätte der Doktor von ihr erfahren, wie ich ihm damals die Gelegenheit geben wollte, sich zu erklären ... jedes Ansehen bei ihm wäre hin gewesen. Ich sammelte mich daher und sagte mit gewaltsamer Gelassenheit: »Wie es eigentlich war, habe ich schon wieder vergessen. Uebrigens passirte mir die Geschichte nicht, sondern einer Freundin und ist außerdem gar nicht einmal interessant.« – Dunkle Stellen im Menschenleben sind wie Rußflecke vom Schornstein, sie fressen sich immer wieder durch die Wand. Die Assessorin, welche jedoch gottlob redelustig geworden war, fing wieder an: »Und dabei der Aufwand, den sie machen, man sollte es nicht für möglich halten.«

»Wem sagen Sie das, liebe Frau Assessorin?« entgegnete ich rasch, »wenn Jemand über Mädchen Erfahrung hat, so bin ich es. Sie werden ja von Jahr zu Jahr großartiger, ohne einen Umhang von Gerson thun sie es nicht mehr, und woher sie das Kleingeld dazu nehmen, das weiß man, das sind angeblich die Trinkgelder, aber wenn die nicht langen, helfen sie mit den Schmugroschen nach. Voriges Jahr waren die Spargel lächerbar billig, aber wenn ich meine allein einkaufen ließ, dann galt die Mandel immer fünf Pfennig mehr, und ich kann nicht behaupten, daß die Stangen dicker waren, als wenn ich selbst ging. Wenn man die Augen nicht gewaltsam zudrückte, würde man die Schutzleute wohl nicht aus dem Hause los.«

»Ehrlich ist meine,« sagte die Assessorin, »und ich könnte sehr mit ihr zufrieden sein, wenn sie nicht so schrecklich kiesetig wäre. Mein Mann ißt so gerne Zusammengekochtes, wie Hammelfleisch mit Wirsing oder Rüben, wenn die ersten kommen.« – »Die ißt mein Mann nicht. Teltower kann ich ein paar Mal bringen, aber viel macht er sich auch nicht daraus,« bemerkte ich. – »Oder weiße Bohnen mit Rindfleisch, ein bischen säuerlich,« fuhr die Assessorin fort, »aber das Mädchen läßt sie stehen, weil sie so etwas von ihrem elterlichen Hause her nicht gewöhnt ist, obgleich das doch nur kleine Handwerker in Rixdorf waren!« – »Es will heute eben Alles über seinen Stand hinaus,« stimmte ich der Assessorin bei, »und wenn eine noch dient, thut sie es nur aus Gnade und bedauert im Stillen, daß sie keine Klaviermamsell oder so herum geworden ist. Meine Waschfrau hat eine Tochter, die Fortepiano lernt und in derselben Zeit, wenn das Fräulein eine Reverie herunterübt, hat die Mutter drei Hemden durchgewaschen. Dabei können die Leute nicht vor Hunger in den Schlaf kommen.« – »Ein Glück, daß sie in Rixdorf noch kein Konservatorium haben,« sagte die Assessorin, »denn sonst würde meine auch wohl musikalisch sein. Das Romanlesen habe ich ihr verboten. Denken Sie sich nur, sie war ordentlich auf einen Kolportage-Roman abonnirt, wofür sie vierzig Pfennig die Woche bezahlen mußte. Das sind im Jahr über zwanzig Mark.« – »Soviel geben ja selbst Grafen und Barone nicht für Bücher aus,« rief ich entrüstet. – »Und wie abscheulich der Roman war, davon machen Sie sich keinen Begriff. Gleich im ersten Kapitel ward einem Findelkinde ungelöschter Kalk auf die Augen gestreut, um es blind zu beitzen, und dann nichts als Mord und Todtschlag und sämmtliche Greuel der Welt. Mein Mann sagt, daß solche Lektüre die Moral tief schädigt.« – »Und Zusammengekochtes ist ihr nicht gut genug,« fügte ich hinzu. »Liest Deine auch?« fragte ich Emmi, die ziemlich theilnahmslos zugehört hatte und mit ihren Gedanken anderwärts war. Es mußte ihr irgend eine Sorge im Gemüth sitzen, wie ein Splitter, den man sich in den Finger gerannt hat und der gerade anfängt, sich zu verfüllen und zu puckern. – »Ich kann nicht über meine klagen,« antwortete sie abweisend. »So lange sie das Essen bereitet, wie Franz es einmal am liebsten hat, und ihre Arbeit thut, habe ich keinen Grund, sie schlecht zu machen.« – »O nein,« erwiderte ich verletzt, »Deine ist ja das Muster aller Vollkommenheiten. Nimm es nur nicht übel, daß wir über ein so gewöhnliches Kapitel gesprochen haben, aber Du hast die Dienstbotenfrage nicht in die Welt gebracht und wirst sie dito nicht herausschaffen.« – »Ich weiß auch nicht, wie wir auf dies Thema gerathen sind,« sagte die kleine Assessorin verlegen werdend. – »Es kam von dem Hund her,« bemerkte ich, »Emmi selbst ist schuld daran.« –

Die Assessorin, welcher Emmi's Einsilbigkeit auch aufgefallen sein mußte, erhob sich und indem sie sagte: »Nicht böse sein, liebe süße Frau Doktorin,« nahm sie Emmi's Schmollköpfchen, zog es an sich und streichelte sanft die goldblonden Haare und die Wangen meiner Jüngsten, die wirklich etwas bleich aussahen. – Emmi entgegnete: »Ich finde allerdings kein großes Vergnügen an den Fehmgerichten über die Dienstboten.« – Die Assessorin lachte. »Das nächste Mal sprechen wir vom Wetter,« erwiderte sie neckisch, »oder noch besser, ich bringe meinen Jungen mit, den kleinen Hanswurst, der giebt uns Stoff genug. Oder legen Sie sich einen Kanarienvogel zu, wie meinen, der macht das ganze Haus fidel. Aber vorher sehe ich Sie einmal gemüthlich bei uns.« – Es wurde Abschied genommen und die Assessorin ging.

»Was hast Du, Emmi?« fragte ich, als sie weg war. – »Immer renommirt sie mit ihren Kindern,« antwortete Emmi ärgerlich, »warum mußtest Du ihr auch von dem Hund erzählen?« – »Du hattest mir nicht verboten, darüber zu sprechen.« – »Du hättest wissen müssen, daß mir es unangenehm war. Was geht es andere Leute an, wenn mir das Alleinsein mitunter zu viel wird?«

»Dein Mann muß Dir den Donnerstag opfern,« entgegnete ich entschlossen. »Uebrigens kannst Du ja mit ihm ausmachen, daß Du den Abend bei uns zubringst, wenn er seinem Vergnügen nachgeht.«

»Allein, ohne Franz?«

»Wenn er wirklich Dich sitzen läßt, kannst du ihn auch einmal vergebens Posten stehen lassen. Du sollst sehen, das hilft.«

»Nein, Mama.«

»Selbstverständlich ohne Schroffheit,« fuhr ich fort. »Zum nächsten Donnerstag bitte ich Euch beide zu Pellkartoffeln und Hering, wo er ja sehr hinterher ist; den Donnerstag darauf laden Lehmanns Euch ein, und so immer weiter, bis er seine wüsten Gewohnheiten verliert. Er muß sanft und unmerklich an die Familie gekettet werden. Sollte das vergebens sein, dann rückst Du Abends einmal auf Deine eigene Hand aus.«

Sie schüttelte bedächtig mit dem Kopfe. – »Ueberlege Dir's,« sagte ich. »Wenn er jetzt nicht nachgiebt, wird er es nie, und das bischen Glück, was ihr vom Leben haben sollt, geht heidi!« – Emmi seufzte tief auf. – »Du wirst Dich noch besinnen,« sagte ich und machte der Visite ebenfalls ein Ende.

Am Abend theilte ich meinem Karl mit, daß Doktors nächsten Donnerstag bei uns sein würden. »Aber wundere Dich nicht, wenn die Heringe unzerschnitten auf den Tisch kommen,« sagte ich. – »Was soll denn die neue Mode?« fragte mein Karl befremdet. – »Diese Heringe sind feine innere Politik,« erwiderte ich. »Im ganzgebliebenen Zustande kann der Doktor sich nicht die Mittelstücke alle heraussuchen, wie er neulich that, sondern muß den Schwanz und Kopf ebenso gut mit vertilgen, wie wir anderen.« – »Wenn er aber die Mittelstücke gern ißt? Du gönnst Deinen Mitmenschen sonst doch immer das beste.« – »Karl, ich gönne sie ihm mit Wonne, hier aber handelt es sich um Erziehung. Für blos Mittelstücke ist er noch lange nicht bejahrt genug.«

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