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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
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Prüfungen.

Wenn jemals ein Prediger in der Wüste wahrgesagt hat, dann ist es Schiller gewesen, als er das klassische Citat aussprach: »Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten.« Auch an mir sollte dies Wort vollstreckt werden, obgleich ich nicht wußte, wie und wo ich einen Kontrakt mit den ewigen Mächten geschlossen hätte. Ich strebte überall meine Schuldigkeit zu thun und auf Recht und Ordnung zu halten, damit kommt man aber nicht mehr durch, denn die Schlechtigkeit der Menschen ist zu groß. –

Die Untersuchung über den Diebstahl bei dem Doktor war beendet und hatte zu keinem andern Resultat geführt, als daß eine Sicherheitskette und ein neues Schloß an der Thüre angebracht wurden. Die Polizeilieutenanten erklärte mir, es sei ganz regelrecht gewesen, wie überhaupt eingebrochen werden muß, und dem Doktor bleibt nichts übrig, als das Silberzeug zu verschmerzen. Ich rieth ihm, seine Kunden etwas höher zu nehmen, um allmählich wieder auf die Kosten zu kommen, aber er lehnte ab. vorläufig essen sie mit Alfenide, und daß paßt ja gut zu den Leuchtern.

Die Köchin hatte um ihre Entlassung gebeten, die ihr auch zu meinem großen Behagen gewährt wurde, zumal die Person als Grund angab, sie hätte keine Lust, sich bei jeder Gelegenheit von der Schwiegermutter heruntermachen zu lassen, der sie überdies noch zeigen wollte, daß es Gerechtigkeit in Berlin gäbe. Der Doktor hat ihr zugeredet, vernünftig zu sein, aber sie hatte geantwortet, sie wäre ›falsche Betrügerin‹ genannt worden, das ließe sie nicht auf sich sitzen.

Ich bezweifelte diesen Ausdruck meinerseits; der Doktor versicherte jedoch, etwas Aehnliches nebst mehreren anderen Heftigkeiten vernommen zu haben, als er kam, um mir zu rathen, der Köchin eine Summe Geldes anzubieten, damit sie kein Aufhebens weiter mache. »Sie wollen mir anmuthen, ich sollte vor dieser Person klein beigeben?« begehrte ich auf. »Ihr so kommen, das könnte ja scheinen, als wenn ich unrecht hätte.« – »wie Sie für gut halten, liebe Schwiegermutter, aber da das Mädchen rechtsgültig von dem Verdachte der Mitwisserschaft entlastet wurde ...« – »Ist sie in meinen Augen deshalb noch lange nicht rein.« – »... möchte ich Ihnen empfehlen, die Verunglimpfungen zurückzunehmen.« – »Zu einer solchen Unterwerfung erniedrige ich mich nicht. Außerdem wäre es unerhört von ihr, zu klagen. Das ist platterdings unmöglich.« –

Es war aber möglich. Des Morgens, mein Karl war eben ins Geschäft gegangen, kam ein dicker Brief, wie ich noch in meinem Leben keinen erhalten hatte, und dem man schon von außen die Schreckensbotschaft ansah, welche er brachte. Mit zitternder Hand unterschrieb ich dem Briefträger die Zustellungsurkunde und dann öffnete ich das Schreiben. Da stand: »In der Privatklagesache der unverehelichten Marie Johanna Band gegen Frau Wilhelmine Buchholz, wegen Beleidigung ...« weiter kam ich nicht. Ich sah wohl Buchstaben, konnte aber nicht den geringsten Sinn hineinbringen, so tanzten sie durcheinander. Nur das Eine war klar: ich sollte vor Gericht! –

Es half nichts, ich mußte zu meinem Karl und doch, als ich mit dem Schreiben vor der Kontorthür stand, wagte ich nicht einzutreten. Ich legte die Hand auf die Klinke und zog sie wieder zurück, ich faßte sie wieder an und wagte doch nicht zu drücken. Noch ahnte er nicht, welche Schande drohte, daß sein unbescholtenes Weib verklagt worden war. Aber endlos konnte ich nicht stehen bleiben; ich öffnete leise und schwankte zaudernd an sein Pult. »Karl,« sagte ich zaghaft, »lies doch blos mal dies sonderbare Schreiben ... es ist ... es hat ... ich kann nicht klug daraus werden.« – Mein Karl las und seine Züge nahmen einen strengen Ausdruck an. – »Das ist ärgerlich,« rief er, »mehr als ärgerlich. Du bist wegen neun Injurien verklagt ...« – »Neun?« unterbrach ich ihn erstaunt. – »Jawohl, neun Stück, sie sind einzeln aufgezählt, da sieh selbst.« – »Karl, diese Frechheit geht doch über die Bäume, wo ich blos gesagt habe, sie hätte besser aufpassen müssen.« – »Du ließest Dich vom Zorn hinreißen, Wilhelmine.« – »Nur soweit ich durfte.« – »Das wird die Verhandlung ergeben.« – »Karl, kann es schlimm werden?« – »Ich hoffe, daß die Angelegenheit ohne Gericht abgemacht werden kann, vor der Verhandlung muß ein Sühneversuch stattfinden. Du gestehst Dein Unrecht ein, zahlst vielleicht eine Buße und die Sache ist erledigt. Bist Du dazu bereit?« – »Ja,« seufzte ich. – »Sei nur guten Muthes und ängstige Dich nicht unnöthig. Und nun geh, Alte, das Geschäft blüht, ich habe viel zu thun.« –

Guter Muth ist leicht empfohlen, aber leider kann man ihn nicht beim Krämer kaufen. Seit das gerichtliche Schreiben bei uns wohnte, lebte ich in lauter Besorgniß und Furchtsamkeit, mir war, als schwebte ein Fallbeil über meinem Haupt und das Essen ward mir lang zwischen den Zähnen.

Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, mein Mann nehme die Sache scheinbar leicht, um mir die schreckliche Wahrheit zu verbergen. Darum ging ich am Nachmittag zu Onkel Fritz, der an die Gutheit meines Karl nicht entfernt heranreicht; von ihm erwartete ich den wirklichen Verhalt zu erfahren. – Als der die Anklage gelesen, sagte er: »Wilhelmine, die Sache ist löcherig. Geschumpfen hast Du und die Person muß sich sehr in ihrem Recht fühlen, denn sie hat als Zeugen zwei Schutzleute vorgeschlagen, die dabei waren, dann Herrn Greve und Frau, sowie den Dr. Wrenzchen.« – »Den Doktor gegen mich?« – »So steht es hier. Er kann allerdings als Schwiegersohn sein Zeugniß verweigern, aber wer bürgt dafür, daß er sich die schöne Gelegenheit entgehen läßt, einmal Revanche zu nehmen? Du hast ihm genug auf den Stock gethan.« – »Fritz, sollte er solcher Tükschigkeit fähig sein?« – »Vielleicht läßt er sich erweichen, wenn Du ihm die Aufhebung des schwiegermütterlichen Kuratels versprichst.« – »Ich verspreche gar nichts,« fuhr ich erbost auf, »sondern verlange von Dir zu wissen, ob ich den Prozeß verlieren werde?« – »Da kannst Du Dich darauf verlassen; bedenke allein, die Schutzleute sind mit ihrem Diensteid gegen Dich.« – Ich hatte schon oft von der Gefährlichkeit des Diensteides gelesen, dem gegenüber ist man ja meistens verloren. »Fritz,« stöhnte ich, »was soll ich thun? Was soll ich thun?« – »Das einzige Rettungsmittel hast Du leider versäumt.« – »Ich hole es nach, Fritz, sage mir nur, was es ist?« Ganz gewiß, ich hole es nach. – »Du hättest Dir mildernde Umstände antrinken müssen.«

Nun war meine Geduld zu Ende. »O Du ... Du ... Kannibale,« bäumte ich auf. »Ist Dir denn nichts ehrwürdig, nicht einmal die Drangsal Deiner leiblichen Schwester?« – »Hab' Dich nur nicht so; man wird Dir verschiedene Märkelchen abknöpfen, sitzen brauchst Du voraussichtlich nicht.« – »Karl sieht mit Zuversicht dem Sühneversuch entgegen; was hältst Du davon?« – »Hat die Klägerin einen Rechtsanwalt, so ist es möglich, daß Ihr Euch einigt, sie ist aber einem Linksanwalt in die Hände gefallen, wird der ihr zusetzen, bis zum Aeußersten zu gehen, um seinen Schnitt zu machen.« – »Womit will die Person aber die Kosten bestreiten?« – »Wer verliert, berappt; die mußt Du tragen, mein Schatz.« – »O wie niederträchtig, wie schändlich. Sie verklagt mich auf meine Rechnung. Ist das Gerechtigkeit?« – »Genau nach dem Gesetz.« – »Dann müssen die Gesetze umgestoßen werden. Fritz, ich überlebe die Schande nicht; meine Tage sind gezählt.« – »Tröste Dich, Wilhelmine, jeder zweite anständige Mensch ist wenigstens schon einmal bestraft. Sei darum nur guten Muths ...« –

»Kommst Du mir auch damit? rief ich bitterböse. »Wenn Du weiter nichts weißt, kannst Du Dich einbalsamiren lassen; ich huste auf Euren ›guten Muth‹.« Grimmbeflügelt verließ ich Onkel Fritz und schalt mich selbst aus, ihm als trübselige Zielscheibe seines Spottes gedient zu haben. Aber wenn der Mensch den Kopf verliert, wird er dumm.

Leider hatte Onkel Fritz jedoch darin recht, daß die Person zu einem Winkeladvokaten gegangen war, zu so einem richtigen gurgelabschneiderischen Linksanwalt, und der Sühneversuch fiel ins Wasser.

Nach einigen Tagen kam wiederum eine Zustellung, worin das persönliche Erscheinen der Parteien vor dem Königlichen Schöffengericht in Alt-Moabit Nr. 11/12 Vormittags 10 Uhr in Zimmer 29 zum Sonnabend angeordnet worden war. Und wenn ich hätte entrinnen wollen, was half es? Das Gericht drohte mit gewaltsamer Vorführung im Falle unentschuldigten Ausbleibens, und ehe ich meiner Todfeindin das Schauspiel gegönnt hätte, mich in der Mitte von zwei Häschern vor das Tribunal geschleppt zu sehen, lieber wollte ich mich freiwillig stellen, obgleich mein Nervensystem gänzlich aus seiner Façon gerathen war.

Die Gemüthsbewegungen nahmen ja kein Ende. Der Himmel mag wissen, woher die Menschheit erfahren hatte, daß ich in Anklage versetzt worden war, aber in den Bekanntenkreisen schien von nichts Anderem gesprochen zu werden als von dem bevorstehenden Termin, wäre sonst wohl die Krausen gekommen, um ihr Beileid vom Stapel zu lassen? – »Nun wissen Sie auch, wie es thut, vom Schicksal verfolgt zu werden, obgleich Sie mit uns nie Mitleid hatten, wenn das Verhängniß sich unseren Eduard zum Opfer auserkor.« – »Bitte,« entgegnete ich, »die Ruthe haben Sie sich selbst gebunden; ich finde es nicht hübsch, dem Verhängniß seine Streiche aufzubürden, oder verleitete das ihn etwa zum Ausreißen?« – »Eduard hat solchen Forschungsdrang ...« – »Man blos immer an der verkehrten Stelle, im Lateinischen forscht er zum Beispiel gar nicht.« – »Er hat sich einen anderen Beruf erwählt und braucht es nicht mehr, da es doch nur eine todte Sprache ist.« – »Darf man fragen, was für ein Geschäft ihm zusagt, vielleicht Konditor mit Naschen?« – Sie lächelte verächtlich. »Eduard will Schiffskapitän werden,« sagte sie, »dabei kann er viel Reichthum erwerben, und Kapitäne sind sehr angesehen. Er hat sich schon einen Kompaß angeschafft und oben auf dem Hängeboden klettert er bereits erstaunlich an den Waschleinen. Gerade Kapitän ist das Geeignetste für ihn.« – »Wenn er es nur erst wäre,« warf ich hin, »noch glaub' ich nicht daran.« – »Weil Sie immer Alles besser wissen wollen,« entgegnete sie hitzig, »aber Ihre Klugheit ist keineswegs unfehlbar, sonst würden Sie sich wohl nicht straffällig geredet haben.« – »Das verstehen Sie nicht,« gab ich erregt zur Antwort. – »Gerne möglich,« erwiderte sie spitz, »ich sage nur wieder, was man darüber spricht, ein Urtheil möchte ich mir nicht erlauben, unsereins hat noch nie mit den Gerichten zu thun gehabt.« – Als sie weg war, sagte ich zu Betti: »Sie hat sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt. Du läßt sie nicht wieder vor, mein Unglück ist zu groß, als daß Hyänen sich daran weiden dürfen.« –

Am anderen Tage machte die Polizeilieutenanten mir eine Kondolenzvisite. »Es kommt viel auf den Richter an,« sagte sie, »und wie Sie die Sache darstellen. Was wollen Sie anziehen?« – »Einfach schwarz,« erwiderte ich. – »Je dürftiger um so besser, damit der Abstand zwischen Ihnen und der Klägerin nicht zu groß erscheint und man Ihren höheren Stand nicht als erschwerenden Umstand in Betracht zieht. Für Ihr seidengesticktes Wappen, werden Sie auf der Anklagebank schwerlich Verwendung haben!« – »Daran dachte ich auch nicht. Wenn wir mal Equipage halten, lasse ich es auf die Kutschenthür malen!« – »Ich meinte auch nur so; was nützen Ihnen nun die Vorfahren und Embleme, wenn sie bestraft sind? Der Mackel haftet doch für alle Zeiten.« – »Noch sind wir nicht so weit.« – »Sie werden mir zugeben, daß mein Mann Einsicht hat, der sagt: Sie wären schon so gut, wie verdonnert, wir sind aber über Vorurtheile erhaben und ich denke, ganz stellen wir den früheren Verkehr nicht ein.« – Also in den Augen der Welt war ich bereits gerichtet. Daß die Polizeilieutenanten nie wieder öffentlich mit uns durch den Grunewald fahren würde, das stand fest. Von nun an gehörte ich zu den Ausgestoßenen. –

Dieser Gedanke nahm mir den Rest des Aufraffungsvermögens, ich konnte nur noch eben im Hause umherkrebsen, wenn ich irgendwo hinwollte. Selbst vor dem Fenster war mir das Sitzen verleidet, da es mir vorkam, als blieben die Leute stehen, um mit Fingern auf mich zu weisen. Betti suchte mir vorzureden, es sei Täuschung, aber ich habe mit meinen eigenen Augen die Heimreichen gesehen, wie sie ein paarmal auf der anderen Seite der Straße mit ihrer Aeltesten hin- und herging und spöttische Blicke zu uns hinaufwarf. Das war unertragbar. Ich wurde immer leidender und der Schlaf ward so vergänglich, daß mein Karl schnarchenshalber umquartiert werden mußte. –

Auch die Bergfeldten schenkte mir ihren Besuch, jedoch richtete er mich nicht auf, im Gegentheil. »Mein Gott, Buchholzen,« sagte sie, »liegen Sie im Wurstkessel! Aber mit der Feuerzange hätten Sie nicht gleich schlagen brauchen.« – »Was ist das für ein Gerede?« – »Na, Sie haben das Mädchen doch vertobakt, daß das Blut nur so heruntergelaufen ist. Da werden Sie wohl ein halbes Jährchen für abmachen müssen.« – »Wo im Geringsten gar nicht gehauen worden ist. Wer redet denn so'n Kaff?« – »Buchholzen, Sie thun mir leid, aber es heißt in der ganzen Stadt nicht anders; überall jedoch, wo ich hinkomme nehme ich Ihre Partie, und sage: es ist ein Glück, daß die Köchin einen harten Deez hatte, sonst schleppten sie die Buchholzen noch aufs Schaffot.« – »Das nennen Sie Einen vertheidigen?« – »Nun ja; Sie sind so herzlich gegen mich gewesen ... als mein Emil ..., es wäre mir schrecklich nahe gegangen, wenn Sie am Ende gerädert worden wären, oder auf die Art.« – »Gott soll mich schützen und bewahren, Ich kann beschwören, nicht einen Finger habe ich hochgehoben?« – »Buchholzen, nur keinen Meineid. Wie kämen die Leute wohl zu dem Gerücht, wenn nichts Wahres daran wäre? Ihnen ist gewiß blos die Hand ein bischen ausgerutscht, worin sie zufällig die Feuerzange drin hatten. Das würde ich vor Gericht sagen, wenn ich an Ihrer Stelle so in die Käse geflogen wäre.«

»Bergfeldten,« sagte ich schwach, »mehr von der Sorte Gespräch kann ich nicht hören, am liebsten wäre ich allein.« »Ich habe Zeit,« antwortete sie und blieb kleben. »Es ist ja auch nur erst, nachher vergißt es sich, man muß ja Alles vergessen, obgleich was einmal am Menschen sitzt, das wäscht kein Regen ab.« – Und so in dem Ton ging es weiter. Erst als ich körperlich und geistig aufgerieben war, entfernte sie sich. – »Betti,« rief ich, mit letzter Anstrengung, »ich bin für Niemand mehr zu Hause, und wenn der Großmogul auf den Händen angelaufen käme.« –

Aber eine Ausnahme mußte ich dennoch machen. Frau Helbich, die kleine Restaurateursfrau, ließ sich nicht abweisen, da sie wichtige Mittheilungen hatte. Sie war genau unterrichtet. Die Skatspieler hätten sich über den Fall hin und her gestritten, dadurch sei sie aufmerksam geworden. »Frau Buchholz,« sagte sie, »Ihnen verdanken wir all unser Glück, und nun müssen wir erleben, daß Sie so schreckliche Heimsuchung haben. Das Herz möchte sich Einem umdrehen. Sie sind ganz gewiß unschuldig.« – »Das bin ich, Frau Helbich, aber Niemand will es glauben.« – »Ich glaube es,« rief sie lebhaft, »und deshalb bin ich gekommen, denn sehen Sie, was auch gesagt wird, der Hund ist verdächtig.« – »Ach nein, die Advokaten haben schon Alles ergründet.« – »Das Erste, was Einbrecher thun, ist, daß sie die Kettenhunde vergiften.« – »Das stimmt nicht, diesmal war es ein Möppel.« – »Eben deshalb. Die Kettenhunde liegen draußen, da können sie heran, aber der Mops war drinnen, wer hat ihm nun das Gift gegeben? Doch nur eine Person, die im Hause war.« – »Das stimmt auch nicht Frau Helbich, denn sie haben ihn mit einer Schlinge umgebracht. Sie irren sich.« – »Einer von unseren Mittagskunden, ein Student meinte so. Der sagte, wenn man das Gift nachwiese, wären Sie durch.« – »Frau Helbich, ich danke Ihnen für das Mitgefühl, aber das Gericht wird doch wohl klüger sein, als der Student und wir Uebrigen, die kein Studium genossen haben. Es wurde ja Alles untersucht und nichts gefunden.« – »Und ich hatte so sicher gehofft, ihnen Hilfe zu bringen. Frau Buchholz, sie können nicht glauben, wie sehr ich Sie beklage.« – Sie fing an zu weinen und ich auch, von allen Anfechtungen war dies die angreifendste, denn wir waren so hilflos alle Beide. Und am nächsten Tage sollte entschieden werden. –

Ich war derart herunter, daß ich zu Bett ging, ehe es dunkelte. Mein Karl kam und setzte sich zu mir. Er sprach sehr liebevoll und sagte, ich sollte die Sache nur nicht schlimmer nehmen, als sie wäre. Hatte er aber so vielen freundschaftlichen Besuch gehabt wie ich?« – »Ruhe Dich nur aus,« sprach er, »und sei nicht traurig. Wenn die Prüfungen überstanden sind, kehrt Dein alter froher Sinn wieder. Du liegst hier so ruhig und gemüthlich, sei nur vergnügt.« – »Karl,« entgegnete ich, »Du verlangst doch wohl nicht, daß ich schnurren soll, wie ein Hauskater? Selbst wenn ich es könnte, brächte ich es in diesem Elend nicht zu Stande.« –

Betti kam und fragte, ob ich irgend worauf Appetit hätte. »Ein wenig Zwieback und Milch kannst Du später bringen, nur soviel, um das Leben zu fristen, aber es hat noch Zeit.«

Ich hatte keinen Hunger. Fürchterliche Gedanken vertrieben ihn. Im Halbschlummer hatte ich Träume von Kerker und Hinrichtungen und obgleich ich mir zuredete, daran sei das Geschwätz von der Bergfeldten schuld: sowie ich die Augen schloß, ging das Verhörtwerdensollen wieder los.

Mein Karl sagte mir ›Gute Nacht‹ und Betti bestand darauf, daß ich etwas zu mir nähme. Ihr zur Liebe zwang ich mich und fand, daß es mir besser mundete, als ich dachte. Die Milch war frisch gekocht und der Zwieback knusprig. Das Kind hatte eine Nachtlampe eingerichtet, die sie anzündete, und nachdem sie mich zärtlich geküßt hatte, ging sie. Ich war wieder allein. –

Dies also war die letzte Nacht eines bis dahin vorwurffreien Lebens, in der Folge durfte ich den Blick nicht offen mehr erheben. Und wenn Zweie tuschelten und spöttisch lachten, mußte ich nicht stets vermuthen, es gälte mir? Wenn mich Jemand schief ansah, hatte er vielleicht kein Recht dazu? Konnte ich jemals wieder den Stab über meine Nebenmenschen brechen, ohne mir zu sagen: ›Du hast ja selbst auf der Anklagebank gesessen und bist verurtheilt worden?‹ Und dazu fiel mir der Spruch ein, der Himmel mag wissen, woher er stammt: ›Weh' Wilhelmine! Ihr Antlitz wenden Verklärte von Dir ab.‹ – Schlafen wollte ich, ach wie gerne schlafen.

Ich legte mich bald auf diese Seite, bald auf jene, und wie ich eben dachte, nun schlummerst Du ein, da fühlte ich, daß Zwiebackkrümel ins Bett gerathen waren, die bei der leisesten Bewegung prickelten und peinigten. Von Minute zu Minute vermehrten sie sich, bis die Folter unerträglich ward und mir nichts übrig blieb, als aufzustehen und das Bett von Neuem zu machen. Hierdurch wurde ich vollends munter und an Schlaf war nicht zu denken.

Ich lag und lag und grübelte ebenso wie vorhin. Halt, war da nicht wieder ein Krümel? Richtig. Es mußten welche auf den Bettvorleger gefallen sein und sich an die bloßen Füße gesetzt haben. Die ganze Parade kam richtig wieder anmarschirt; es war zum Verzweifeln. Ich weinte vor Aerger und Hinfälligkeit, wie wenig braucht doch unser Herrgott, um den Menschen zu strafen, ein einzig kleines Körnchen Zwieback langt schon. Ich wußte, ich war nicht immer gewesen, wie ich hätte sein sollen, aber hatte ich es wirklich so schrecklich verdient? Es war lange her, daß sich meine Hände inbrünstig falteten, jetzt fanden sie sich ganz wie von selbst zusammen und demüthig flehte ich um Beistand. Darauf kroch ich noch einmal heraus und machte das Bett abermals mit allergrößter Vorsicht. Als ich mich wieder gelegt hatte, kam es wie linder Friede auf mich herabgesenkt und damit auch der Schlaf. –

Am frühen Morgen weckte mich das Geräusch vom Reinmachen im Zimmer nebenan. Ich hörte, wie Doris die Fenster öffnete, die Stühle rückte und Alles in Ordnung brachte. Betti war auch schon auf. Sie kam leise herein, um zu sehen, ob ich noch schliefe und wunderte sich, mich schon wach zu finden. »Kind,« sagte ich, »mit Kummer im Herzen und Krümeln im Bett schläft es sich schlecht.« Sie half mir beim Ankleiden. Später kam Onkel Fritz, der mein Zeuge war, und so langsam die Uhr auch ging, die Zeit rückte doch heran, daß wir abfahren mußten. Der letzte Akt des Trauerdramas begann. –

Niemals war ich in dem Gerichtspalast draußen in Moabit gewesen und nun sollte ich ihn als Verklagte betreten. »Da hinten ist der Hof, auf dem geköpft wird,« sagte Onkel Fritz und deutete auf eine Mauer. Ich flog zusammen. – »Fürchte Dich nicht,« sagte er, »so lange Krauts die weißen Handschuhe noch anhat, ist er ungefährlich. Aber wenn er sie auszieht ...!« Mein Karl verbot ihm solche Reden und gab mir seinen Arm. Er fragte nach Zimmer 29; man wies uns zurecht, und nachdem wir einen langen Gang durchschritten, waren wir am Ziel. Einige Leute saßen dort auf Bänken, andere standen. Herr Greve und Frau waren da, sowie die Schutzleute und der Doktor. Und sie erblickte ich auch, die mir all' das anthat.

Aus dem Zimmer 29 trat jetzt der Gerichtsbote und las von einem Zettel: ›Ahrens gegen Meier.‹ Mehrere von den Wartenden gingen hinein, nach einer Weile kamen sie wieder heraus; sie hatten sich noch im letzten Moment vertragen. Die Glücklichen! – ›Band gegen Buchholz,‹ rief er nun. – Mir kreiste es im Gehirn. Als wenn ich in Teig träte, so schwer waren mir die Glieder, und mehr einer todtgeborenen Padde ähnlich als einem menschlichen Wesen, wankte ich hinein. Mir wurde ein kleiner viereckiger Verschlag angewiesen, wo ich auf einem Stuhle Platz nahm. Dies waren die Schranken, welche den Belasteten von der Mitwelt trennen.

An einem grünbezogenen erhöhten Tische saßen der Richter und die Schöffen nebst dem Gerichtsschreiber. Dieser las die Anklage vor. Rechts saß die Klägerin, in der Mitte standen die geladenen Zeugen, hinter denen das Publikum Platz genommen hatte, das eine Barriere von den Betheiligten schied.

Alles, was ich gesagt haben sollte, ward nun verlesen, o, wie klang es verletzend in dem Munde eines Mannes, der gar nicht dabei gewesen war. Und das mußte ich anhören. Der Richter, der durch sein schwarzes Barett ein überaus feierliches Ansehen gewann, sagte hierauf, daß Alles, was die Zeugen aussagen würden, eidlich erhärtet werden müsse, und ließ sie nach einer eindringlichen Vermahnung abtreten. Als sie fort waren, wandte der Richter sich an die Klägerin und mich und stellte uns vor, wie es doch besser sei, wenn wir uns aussöhnten; ob wir dazu bereit wären?

»Ja!« seufzte ich.

»Nein!« sagte die Person. Sie hätte ebenso gut ihre Reputation wie die Vornehmen und ließe sich nicht mit Füßen treten.

Dies sei nicht geschehen, entgegnete der Richter. Was sie daraus hätte, auf die Bestrafung einer unbescholtenen Dame zu dringen? Frau Buchholz würde die Kränkungen zurücknehmen und die Kosten tragen, dann sei ihrer Ehre vollkommen Genüge geschehen.

Darauf könnte sie nicht eingehen, die Buchholzen sollte sitzen und dreitausend Mark Entschädigung zahlen, das verlangte sie.

»Die Strafe bemißt das Gericht,« erwiderte hierauf der Präsident in stark verweisendem Tone. »Sie haben gar nichts zu verlangen.« – Ihr Advokat hätte aber so gesagt. – Dann müßte sie einen eigenthümlichen Anwalt haben. – Der verstände mehr als andere Rechtsgelehrte. – Das würde sich finden.

Da keine Einigung zu erzielen war, nahm die Verhandlung ihren Fortgang. Als erster Zeuge wurde Doktor Wrenzchen hereingerufen. Der Richter machte ihn darauf aufmerksam, daß er als naher Verwandter von der Zeugnißverweigerung Gebrauch machen könnte. – »Was wird er thun?« fragte ich mich angstvoll, »wird er sich rächen und einen ewigen Bruch herbeiführen?«

Der Doktor sagte, er enthalte sich jeder Aussage und wolle nur seiner Verwunderung über die Dreistigkeit der Klägerin Ausdruck geben, ihn als Zeugen vorgeschlagen zu haben. Diesen Edelsinn rechnete ich ihm hoch an und werde es nie vergessen.

Nun kam Herr Greve. Der wurde nach Alter, Stand, und Religion gefragt und mußte schwören, nichts zu verschweigen und nichts hinzuzusetzen, sondern die reine Wahrheit zu sagen, so wahr ihm Gott helfe, während dessen mußte er die rechte Hand hoch erheben und Alle, die zugegen waren, mußten stehend theilnehmen.

Hierauf fragte der Richter Herrn Greve, ob er gehört habe, daß die Beklagte an jenem Abend die Klägerin eine ›falsche Betrügerin‹ genannt hätte? Herr Greve antwortete, dies könne er nicht erinnern. Ob er weiter vernommen habe, daß die Beklagte von der Klägerin behauptet hätte, ›sie sei frech wie Oskar‹? Dies Wort sei ihm im Munde einer gebildeten Dame allerdings aufgefallen, er habe daher gemuthmaßt, die Beklagte sei sehr erregt gewesen.

»Herr Gerichtshof,« nahm ich das Wort, »hierfür kann ich den Beweis der Wahrheit antreten und bitte meinen Zeugen zu vernehmen. Sie hat sich nie anders als patzig und frech gegen mich betragen.« – Onkel Fritz mußte erscheinen. Als er vortrat, rief die klägerische Person: »Den Zeugen lasse ich nicht gelten.« – »Ueber die Zulässigkeit des Zeugen entscheidet das Gericht,« sagte der Präsident. – »Das ist mir egal, ich nehme ihn nicht an. Er wollte mir einmal in die Backen kneifen, aber ich schlug ihm auf die Finger. Seitdem ist er mir feindlich.« – »Ich hoffe, daß man mir keinen so schlechten Geschmack zutraut,« sagte Onkel Fritz. Der Richter ersuchte ihn ernst, bei der Sache zu bleiben.

Onkel Fritz deponirte nun, daß die Klägerin sich ohne allen ersichtlichen Grund widerwärtig gegen die Beklagte gezeigt habe. Dies sei ihm auffällig gewesen, so oft wir zusammen das Haus des Doktors betreten hätten. – »Welche Veranlassung gab Ihnen die Beklagte dazu?« fragte der Richter die Person. – »Ich kann es nicht haben, wenn Eine mir beim Kochen in die Töpfe kiekt,« antwortete sie.

»Jawohl,« rief ich, »damit eine erfahrene Hausfrau nicht bemerken soll, wie ihre Tochter an allen Ecken übervortheilt wird. Woher kommt es sonst, daß bei dem einfachen Leben, die Ausgaben so verschwenderisch groß sind, obgleich meine Tochter jede Kleinigkeit aufschreibt? Selbst mein Schwiegersohn ist stutzig geworden. Ihre Absicht war, mich aus dem Hause zu graulen, um die junge Frau auszubeuten, und deshalb fing sie den Skandal mit den Krebsen an.« – »Nehmen Sie diese neue Insultation man gleich zu Protokoll,« forderte die Person laut. – Doktor Wrenzchen stellte sich jedoch auf meine Seite.

Jetzt kam aber der gefährlichste Punkt. Die Beleidigungen schienen provozirt zu sein und wären kaum von Belang, sagte der Richter, aber die Behauptung, Klägerin hätte gemeinschaftliche Sache mit den Einbrechern gemacht, sei geeignet, dieselbe in ihrer bürgerlichen Stellung arg zu schädigen.

Die Schutzleute wurden nun verhört und sagten aus, ich hätte gerufen, die Lebensmittel wären wohl eigens für die Spitzbuben angekauft, und Klägerin hätte ihre Hände dazwischen gehabt. Dies beschworen sie und desgleichen Herr Greve und Frau.

Mir summte es vor den Ohren. Es war, als sänke der Fußboden des Zimmers ganz schräge herab und ich sollte nachrutschen. Krampfhaft hielt ich mich an dem Stuhle fest. »Sie kommen um eine milde Strafe ein, nicht wahr?« fragte der Richter und wollte sich erheben, um das Urtheil mit den Schöffen zu berathen.

Hülfesuchend irrten meine Blicke umher. Da sah ich ein Antlitz, auf dem alle Barmherzigkeit der Welt ausgegossen lag und aus den thränenquellenden Augen drangen stumme flehende Bitten zu mir herüber. Ich verstand diese Bitten der kleinen runden Frau Helbich und wie aus höherer Eingebung stand ich auf und rief: »Herr Gerichtshof, noch eine Frage an die Klägerin: erst muß sie gestehen, warum sie dem Hunde das Gift gegeben hat.«

Man konnte eine Stecknadel fallen hören, so still ward es. Die Person verfärbte sich und schien ihre Sicherheit verloren zu haben. »Ich konnte das Unthier nie ausstehen,« fuhr sie heraus. – »Also Sie räumen ein, den Hund vergiftet zu haben?« fragte der Richter und sah sie durchbohrend an. – »Mir zum Aerger wurde er Maffi Pamph genannt, weil ich Marie Band heiße.« – »Und deshalb brachten Sie ihn um?« – »Ich wollte den Namen nicht länger hören.« – »Herr Präsident,« ergriff ich das Wort, »Maffi ist nur eine Abkürzung von Möppel und Pamph fügte Onkel Fritz hinzu, weil er wirklich ein Pamph war.« – »So?« rief die Person dazwischen und warf mir einen satanischen Blick zu, »das soll hier doch wohl kein Mensch glauben.« – »Jawohl,« antwortete ich, »Alles, was weich und zum Anfassen ist, fängt mit einem ›M‹ an, wie damals auch unser Muck. Man kann doch nicht ein Krokodil oder eine Klapperschlange auf den Schoß nehmen und streicheln und dabei ›mein Meisecken‹ sagen oder ›Menne‹.« – Der Richter unterbrach mich, indem er sagte: »Ich muß Sie bitten, nicht abzuschweifen. Also mit dem Namen Maffi Pamph haben sie durchaus nicht die Absicht gehabt, die Klägerin zu verletzen?«

»I bewahre, wo werd' ich; Niemand ist damit gemeint worden. Dies sind Ausflüchte. Der Hund bellte jeden Fremden entsetzlich an, das kann Herr Greve bezeugen, und an jenem Abend sollte er natürlich schweigen, damit Herr Greve wegen des Lärms nicht herunterkäme und die Einbrecher überraschte. Und da das Thier sich nicht von ihr anfassen ließ, hat sie ihm was eingerührt.« – »Es ist ja gar nicht wahr,« rief die Person. – »Sie haben bereits halb eingestanden,« wandte sich der Richter an die Klägerin, »Sie thäten gut, die ganze Wahrheit zu sagen. Leugnen hilft Ihnen nichts, die Wissenschaft hat Mittel, das Gift nachzuweisen.« – »Na ja, ich hab' ihm Pulver gegeben, damit ich ihn los wurde.«

»Und von wem bekamen Sie das Gift?« – »Aus der Apotheke.« – »Aus welcher Apotheke?« – »Das weiß ich nicht mehr.« – »Strengen Sie Ihr Gedächtniß an, es wäre doch sonderbar, wenn Sie das vergessen hätten?« – »Ich holte es nicht selber.« – »Und wer that Ihnen den Gefallen?« – »Ein Bekannter.« – »Wer ist dieser Bekannte; wie heißt er?« – »Es war ein fremder Mann, den ich bat ...« – »Wieder einmal der große Unbekannte,« sagte der Richter. Er winkte dem Boten und flüsterte dem einige Worte zu. Dieser ging und kam dann mit einem Polizeibeamten zurück. Der Richter stand auf und sagte:

»Da die unverehelichte Marie Johanna Band dringend verdächtig ist, Beihülfe zu dem Diebstahl im Hause des Herrn Doktor Wrenzchen geleistet zu haben, wird dieselbe in Untersuchungshaft genommen und das Verfahren gegen sie aufs Neue eröffnet werden. Die Privatklage gegen Frau Wilhelmine Buchholz ist hiermit sistirt.«

Die Marie Band folgte dem Polizisten ins Gefängniß und ich war frei.

Wir verließen das Zimmer 29, um Anderen Platz zu machen. Hoffentlich ist es das erste und letzte Mal, daß ich darin war. Sollte es aber dennoch sein, dann rede ich ganz andere Töne, da mir die Jurisprudenz jetzt ziemlich geläufig ist.

Als wir draußen waren und wie erlöst aufathmeten, kugelte die kleine Frau Helbich auf mich zu und wünschte mir Glück aus vollem Herzen. Frau Helbich sagte ich: »Sie haben einen durchdringenden Scharfsinn, was wäre mit mir geschehen, wenn Sie nicht gewesen wären?« – »Es hat so kommen sollen wie es kam,« sagte sie, »Ihnen stand der himmlische Vater bei, der machte Alles offenbar zur rechten Zeit.« – Ich drückte ihr die Hand: »Und Sie waren der Seraphim, den er mir sandte.« – Wir verstanden uns. –

Nach etlichen Tagen erhielt ich wieder ein gerichtliches Schreiben: die Privatklage war aufgehoben.

Die Person hatte eingestehen müssen. Maffi war ausgebuddelt und wie ein Mensch in einer versiegelten Kiste an den Chemiker geschickt, der unglaublich viel Gift gefunden hatte, das der Mops sich durch seine Freßgier zugezogen haben mußte. Die Schlinge um den Hals war ebensolche Spiegelfechterei gewesen, wie die Fesselung der Person und das Tuch im Munde, und auch war herausgekommen, daß der eine Komplice sich ihr zuerst als Bräutigam genähert hatte, wobei er sie theils mit Liebe, theils mit Beraubung umgarnte. Wenn sie natürlich nicht von Hause aus diebstehlerisch veranlagt gewesen wäre, hätte sie sich nicht darauf eingelassen, aber ich sagte ja stets, sie taugte nicht, und Maffi war derselben Ueberzeugung gewesen, gerade so wie Professors Polli, der das Weib auch nicht riechen konnte, welches nachher in den Arrest mußte. Kluge Hunde haben mitunter übernatürliches Wissen.

Die Polizei war durch diese Entdeckung auf den abendlichen Verkehr der Person aufmerksam geworden und hatte Anhaltspunkte. Man spürte den Einbrechern nach, und der Doktor fing an auf sein Silberzeug zu hoffen.

Mir aber lagen die Prüfungen der letzten Zeit noch immer in den Gebeinen, und mein Karl hatte einen grauen Schimmer in seinen Haaren bekommen. Mein herzenstreuer, lieber Karl, so hatte die Sorge um meinetwillen Dich betrübt? Kann ich das je wieder gut machen mit aller Liebe?

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