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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Schule des Lebens.

Ich habe die Krausen schon in mancher Leidenschaftlichkeit gesehen, aber so, wie sie letztens bei uns herankam, noch niemals. Ohne guten Tag zu bieten, schrie sie: »Ist Eduard hier? War er bei Ihnen?« – »Nein,« erwiderte ich, »ist er fort?« – »Seit gestern,« wimmerte sie. »Der Lehrer, bei dem wir ihn in Pension gegeben haben, glaubte, er sei die Nacht bei uns gewesen und vermuthete, er wäre vielleicht unwohl geworden, weil er auch nicht in der Klasse erschien. Das Kind ist ja so zart.« – »Das finde ich nicht.« – »Sie haben kein Mitleid,« rief sie. »Wo kann er nur sein, wo kann er nur sein?« – »Er wird schon wieder zum Vorschein kommen,« tröstete ich. »Haben Sie denn schon die Polizei in Bewegung gesetzt?« – »Mein Mann läßt suchen, es kommen Zettel an die Säulen, Anzeigen in die Zeitungen, was es auch kosten mag. Wenn er nur nicht verunglückt ist?« – »Das wollen wir nicht hoffen. Darf ich Ihnen eine Erquickung anbieten, Frau Krause ...?« – »Nein, nein, ich habe keine Ruhe, ich muß weiter.« – Sie ging ebenso mit sich selbst verheddert, wie sie gekommen war.

Was hatte Eduard nun wieder angestellt? Ich war überzeugt, daß er dabei war, einen Hauptstreich auszuüben, denn er that ja stets, was er nicht sollte. Es wäre aber schrecklich gewesen, wenn ihm ein Unglück zugestoßen wäre, da Krauses nur den einen Jungen zu verzehren haben. Aber dies war nicht anzunehmen, da solches Unkraut nicht vergeht. Wo aber konnte er sein? – – – – – – – – – –

*

Wo war Eduard? Das fragten nicht allein die bekümmerten Eltern, die gelben Zettel an den Anschlagsäulen und die Notizen in dem lokalen Theile der Zeitungen, das hätten gar viele gerne gewußt, sei es aus Neugierde, sei es, um die ausgesetzte Belohnung zu verdienen. Alles Suchen verlief jedoch resultatlos, denn Eduard war in Berlin nicht zu finden. Er hatte sich auf und davon gemacht.

Wenn ihm irgend etwas auf der Welt mißfiel, so waren es Griechisch und Latein. Er sah nicht ein, zu welchem Zwecke er Krakelfüße auf das Papier malen und Accente über Silben setzen sollte, von denen es ihm höchst gleichgiltig war, ob sie lang oder kurz galten, da er sich nichts dabei denken konnte, und noch weniger lag ihm daran, in wie viel Theile Gallien nach Cäsar eingetheilt wurde, wenn die Geschichte anfing unterhaltend zu werden, wenn die Römer tapfer mit den Feinden fochten, reizte es den Lehrer, sich nach den näheren Beziehungen dieser oder jener Vokabel zu erkundigen, und anstatt zu erfahren, welches Heer den schwankenden Sieg im Handgemenge erringen werde, mußte die Klasse dekliniren und konjugiren, wobei beschämendere Niederlagen erlitten wurden, als im gallischen Kriege verzeichnet stehen. Namentlich hatte Eduard Krause triftige Gründe, Julius Cäsar nicht als seinen Freund zu betrachten.

Es gab aber andere Bücher, dir ihm besser als die Denkwürdigkeiten der Alten zusagten, die er mit glühendem Eifer las. Die meldeten von fernen Gegenden, Palmen- und Fruchtwäldern, in denen Papageien schwärmten und Leuchtkäfer flogen so groß wie eine Hand. Da gab es Abenteuer mit wilden Menschen und Thieren, die stets zu Gunsten des weißen Mannes endigten und kühne Wagnisse, daß er kaum rasch genug lesen konnte, um zu erfahren, wie sie abliefen. So einen abgerichteten Strauß hätte er haben mögen, wie in dem einen Buche beschrieben war, um darauf zu reiten. Würden die Jungens Augen machen! Keiner vermochte ihn einzuholen, denn so ein Strauß ist furchtbar geschwind. Lenken wollte er ihn schon mit einem Zügel um den Schnabel. Auch einen zahmen Jaguar wünschte er sich, der ihm nachlief wie ein Hund. Wollte ihm Jemand etwas thun, der stände ihm bei; sie könnten Alle herankommen, wie sie da wären, der Jaguar litte nicht, daß sie ihn auch nur anrührten. Pfeil und Bogen müßte er immer tragen, damit könnte er ganz oben die Schulfenster einschießen. Käme der Pedell, er rasch auf seinen Strauß, der Jaguar hinter drein und hast du nicht gesehen über alle Berge.

So dachte er oft und gerne, wenn er nachsitzen mußte. Es blieb aber nicht bei den Wünschen. Die Sehnsucht, das Gelesene in Wirklichkeit zu erleben, wuchs zur brennenden Begierde, er wollte, er mußte hinaus in die weite Welt. Hier in Berlin war Alles gegen ihn. Die Lehrer zogen ihm Andere ungerechterweise vor; ihre Gunst zu erschleichen und Theekind zu werden, wie jene, die auf den ersten Bänken saßen, dazu ließe er sich nicht herbei, schmeicheln könnte er nicht. – Darum fort. – –

Durch die norddeutsche Ebene rasselte der Nachtzug, der um elf Uhr aus Berlin fährt und gegen sechs Uhr Morgens in Hamburg anlangt. Er toste an stillen Ortschaften vorbei, er sauste durch die Haide, über welche das Mondlicht einen Schleier spann, der sich mit der Ferne in eins verwob. von Zeit zu Zeit wurden helle Lichter sichtbar, die Laternen der einsamen Bahnhöfe, die das Dampfroß mit lautem Pfeifen grüßte, wenn es keine Rast machen durfte. An einigen Stationen bekam es dagegen zu trinken, ungeheure Mengen kochenden Wassers, und während es trank, klopften Männer mit eisernen Hämmern gegen die Achsen und Räder der Wagen, um zu horchen, ob irgendwo eine Stelle schadhaft geworden und ein Bruch zu befürchten sei. Etliche Passagiere erwachten und schalten über den Lärm, der ihnen den mühsam angeeigneten Schlummer verscheuchte; andere dagegen ließen sich nicht stören, sondern schliefen in den unbequemsten Sitzlagen weiter, weil sie entweder gute Gewissen hatten, oder gute Nerven.

In der Ecke eines Kupees der dritten Wagenklasse lehnte ein Knabe mit dem Hinterkopfe gegen die harte Bretterwand, fest von dem stärkenden Schlafe der Kindheit umfangen. Seinen Mund umzog ein Lächeln, daß ein Unbefangener glauben mochte, freundliche Engel spielten mit dem Schläfer auf purpurumsäumten Wolken, von deren Abglanz die Wangen des Knaben rosig wiederschimmerten, aber er würde sich nicht wenig gewundert haben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, an dem Traume theilzunehmen, und er sich statt in die Gesellschaft liebreizender Himmelsgeschöpfe mitten in die Bedrängnisse einer Tigerjagd versetzt gesehen hätte. Da der kleine Krause sich jedoch in der letzten Zeit mehr mit Tigern, Leoparden und Jaguaren befaßt hatte, als mit Engeln, so war es ganz natürlich, daß er im Schlafe davon träumte, was ihn wachend beschäftigte. Der Schall von den gegen die Achsen geführten Hammerschlägen mochte wohl in dem Schlaftrunkenen die Vorstellung von Flintenschüssen wachgerufen haben, den Tiger fügte die schnellmalende Phantasie des Traumes hinzu. – Eduard hatte seinen langgehegten Plan zur Ausführung gebracht. Das Taschengeld, sowohl das offizielle vom Vater, wie das extraordinäre heimliche und reichlichere von der Mutter, hielt er umsomehr mit Vorsicht zusammen, als er erfahren hatte, daß zu Handelsgeschäften Gedeihen gehört, denn der erste Versuch des Kapitalienerwerbes auf dem Weihnachtsmarkt lief fatal ab. Wahrscheinlich besaß er nicht den richtigen Heckegroschen, mit dem so Mancher in Berlin zerrissenschuhig einzog, um nach einigen Jahren als Millionär das Leben nur noch auf Gummirädern genießbar finden zu können, oder es fehlte ihm an den erforderlichen Talenten. Das Handelsgeschäft in Cigarren, bei dem er seinen Alten stillschweigend betheiligte, mißglückte, sein Spargeschäft hatte dagegen Erfolg. Als wieder einmal am Schulhimmel ein drohendes Wetter aufzog, genügte die Baarschaft schon fast für ein Billet nach Hamburg, wie er in dem Berliner ABC für Reisende ergründet hatte; einige Thaler war außerdem seine Uhr werth. Er brach die Brücken hinter sich ab, indem er die Uhr sowie die verhaßten griechischen und lateinischen Quälbücher und die dazu gehörigen Lexica einem Trödler verkaufte, der jedoch zu beiderseitigem Leidwesen nur niedrigste Gebote machen konnte, weil zu viel von derselben Sorte auf Lager sei. Er nahm leichten Sinnes, was er bekam, und dachte: »Wozu gebrauche ich Geld? In Hamburg gehe ich als Schiffsjunge ja doch gleich zur See. Wird das ein Spaß, wenn ich oben im Mastkorb sitze und ›Land, Land‹ rufe, sobald sich die Küste mit den schwarzen Eingeborenen zeigt. Hurrah!« – Nach Hause wollte er von Bord aus schreiben; mehr schien ihm überflüssig.

Als der Morgen graute, verließen ihn Schlaf und Traum. Er sah die Sonne aufgehen, wie sie an dem goldigen Himmelsrande sich blendend erhob. Das war ihm ein neuer Anblick. Auch die Mitpassagiere erwachten. Sie fragten den Knaben, wohin er wolle? – »Nach Hamburg.« – »Ob er dort Verwandte habe?« – »Ja,« flunkerte er. – »Wo die wohnten?« – »Dicht bei den Schiffen.« – »Er meine wohl den Hafen.« – »Nun natürlich; wie er am besten dorthin gelange?« – »Er solle nur gleich vom Berliner Bahnhof auf Höfers Hotel zugehen und sich dann links halten, so könne er nicht fehlen. Uebrigens würde ihm Jedermann gerne Bescheid geben, wenn er frage; er dürfe sich nur nicht geniren.« – Das war ein trefflicher Rath. Nur nicht geniren; man immer drieste!

Die flache Haide endigte, rechts und links vom Bahndamm bauten sich waldige Hügel auf und in dem jungen Grün der Buchen spielte das Licht der Morgensonne. Dann wich der Wald zurück, um einem Flusse Raum zu gewähren, der in sanften Krümmungen üppige Wiesen durchschnitt. »Ist das die Elbe?« fragte Eduard. – »Nein,« erwiderten die Leute lächelnd, »das ist die Bille. Geben Sie Acht, gleich kommt Friedrichsruh.« – Er sah das Schloß des Fürsten Bismarck, ganz dicht fuhr er daran vorbei. Dann wurde kurze Rast in Bergedorf gemacht. Merkwürdig gekleidete Frauen boten den Reisenden Blumen und Früchte an. Man sagte ihm, das seien Vierländerinnen. »Die Welt ist doch zu komisch,« dachte Eduard, »was werde ich erst erleben, wenn ich in fernen Erdtheilen bin?«

Endlich hielt der Zug in der schwerfälligen Halle des Bahnhofes. Er war in Hamburg.

Alles drängte dem Ausgange zu, der Menschenstrom riß ihn mit sich fort. Draußen im Freien angelangt, stand er einen Augenblick unschlüssig, wohin er sich wenden sollte, dann aber entdeckte er den Namen ›Höfers Hotel‹ mit großen Buchstaben an einem stattlichen Hause. Nun wußte er Bescheid und schritt muthig vorwärts. Wie ihm gesagt worden war, bog er links ab und gelangte nach kurzer Wanderung auf einen Marktplatz, wo Vierländer und Vierländerinnen in ihrer eigenthümlichen Tracht Gemüse feil hielten. Solche Leute gab es nicht in Berlin.

Er fragte nach dem Hafen. Man gab ihm Auskunft, aber so scharf er auch zuhörte, blieb ihm die Antwort doch unverständlich. Lateinisch hatte er allerdings gehabt, aber Plattdeutsch nicht. Sollte die Reise in die Welt am Ende unerwartete Schwierigkeiten mit sich bringen? Unsinn, nur dreist. Auf gut Glück ging er weiter.

Er passirte Brücken, die über enge Kanäle führten, auf denen flache schwer beladene Fahrzeuge von Männern langsam vorwärts gedrückt wurden. An beiden Seiten des Kanals standen die Giebelhäuser unmittelbar im Wasser. Er fragte, ob das der Hafen sei? – »Nee, dat is'n Fleeth,« antwortete der Mann, und Eduard war so klug wie zuvor.

Endlich aber gelangte er doch ans Ziel, er erblickte die Spitzen von Schiffsmasten, welche unten von einem langen Gebäude dem Auge entzogen wurden. Das Thor stand offen und da ihn Niemand aufhielt, ging er hinein. Da lagen Schiffe, so viele und große, wie er zuvor nie gesehen. Gewaltige Dampfkrahnen streckten ihre eisernen Arme aus, Kisten, Ballen und Säcke wurden daran gehängt, sie hoben die Last, drehten sich, und legten ihre Beute langsam nieder, wie vernünftige Wesen. So weit sein Auge reichte, arbeiteten die seltsamen Maschinen und leerten die Schiffe, rüstige Männer nahmen die Waaren in Empfang und stapelten sie in dem endlosen Schuppen auf. Er fragte einen derselben, ob er am Hafen sei? – »Dies ist der Quai,« hieß es, »der Hafen liegt weiter längs. Geh'n Sie hier man rechts heraus und über die Kehrwiederbrücke nach den Vorsetzen, dann sind Sie gleich da.« – –

Nun sah er den Hafen. Sein Herz pochte bei diesem ungeahnten Anblick. Ein Wald auf dem Wasser, erhoben sich die Masten, dicht neben dicht schmiegten sich die Schiffe aneinander und auf den schmalen Wassergassen, welche sie frei ließen, schossen flinke Boote daher und geschwinde kleine Dampfer. Langsam wanderte er weiter, den Blick unverwandt auf die schwimmende Stadt gerichtet. Das war groß. Das war unermeßlich.

Allgemach aber meldete sich der Hunger. Er trat in eine Matrosenschenke ein und forderte Frühstück. Was er bekam, war gut: eine große Tasse Kaffe, schwarzes Brot und weißes mit frischer Butter. Das war Alles viel besser als in Berlin. An dem Nebentische saßen Seeleute, von denen der Eine mit ›Kapitän‹ angeredet wurde. »Ob der wohl einen Schiffsjungen gebraucht?« dachte Eduard. »Ich werde ihn fragen. Man drieste!«

Anfangs verstand der Seemann das Anliegen des Knaben nicht, als er jedoch begriff, was sein Begehren sei, sagte er: »Also Du willst zur See? Hast Du denn die Einwilligung Deines Vaters?« – Eduard schwieg. – »Oder Deines Vormundes?« – »Nein,« stotterte er. – »Dann geh nur wieder nach Hause, mein Junge, das ist das Beste, was Du thun kannst.« –

Enttäuscht verließ Eduard die Herberge. »Nach Hause?« Er konnte unmöglich wieder zurück. Die Uhr und die verkauften Bücher litten es nicht. Es würde sich wohl ein anderer Kapitän finden, der weniger unangenehm sei. Es waren ja so viele Schiffe da. –

Nicht ganz so zuversichtlich, wie bisher, schlenderte er am Hafen entlang, wo konnte er wohl den rechten Kapitän treffen? Er hatte sich gedacht, man ginge auf ein Schiff, brächte sein Anliegen vor und hocherfreut behielte man ihn gleich da. Nun aber lagen die Schiffe im Wasser und er war aus dem Lande. Nach einer Weile faßte er den Entschluß, einen Matrosen anzureden. Der Zufall wollte, daß er einen Engländer getroffen hatte, der ihm nicht einmal einen Blick gönnte und der Versuch, sich Raths zu erholen, verlief resultatlos. Das verstimmte ihn sehr.

Der Hafen machte ihm nur noch wenig Vergnügen und deshalb schlug er einen sanft aufsteigenden Weg ein, der zu einer Anhöhe führte. Dort sah er Leute auf Bänken unter dem Schatten der Bäume sitzen und hier gedachte auch er sich auszuruhen. –

Als er oben anlangte, sah er hinab auf den stolzen Elbstrom, in die blaue Ferne des jenseitigen Ufers, auf das rege Leben zu seinen Füßen. Ein großes Dampfschiff lief aus, majestätisch durchfurchte es die Fluth, dem Weltmeer steuerte es zu. Kleinere Dampfer, Segelschiffe und Boote kamen und gingen und er ... er konnte nicht mit. Immer größer ward das Sehnen, er vermochte den Anblick nicht länger zu ertragen. Es trieb ihn fort.

Ohne zu wissen, wohin der Weg ihn leite, schritt er fürbaß und wie ihm däuchte war der Weg gut gewählt, denn er brachte ihn in eine vergnügliche Gegend. Dort waren Buden mit Sehenswürdigkeiten. Man lud ihn ein, die Menagerie in Augenschein zu nehmen. Das durfte er sich nicht entgehen lassen. Auch ein Karoussel war nicht zu verachten, was konnte er Besseres thun, als auf einem Löwen zu reiten? Hamburg war doch eine prächtige Stadt. – Nachdem er soviel Karoussel gefahren, wie nie in seinem Leben, speiste er in einem Restaurant. Freilich schmolz seine Barschaft von Stunde zu Stunde mehr zusammen, aber eine Kokosnuß mußte er noch haben und ebenfalls einige Muscheln. Er konnte sie auf der Straße kaufen, auf Karren ausgebreitet lagen sie verlockend da.

Später am Nachmittage ward es immer lustiger. Kaspar spielte, ein Bär mußte seine Kunststücke machen, die Theater an dem Platze wurden geöffnet, überall gab es Wunderdinge zu sehen und viele, viele Menschen waren zusammengeströmt. Eduard dachte nicht mehr an die Kapitäne. –

Dann aber kam die Nacht. Die Menge verlief sich. Jeder suchte sein Heim auf. Wohin nun? Das Portemonnaie war leer, das Vergnügen hatte den letzten Groschen gekostet.

Vielleicht fand er jetzt den rechten Mann am Hafen. Er machte sich auf. Dort war die Allee, durch welche er gekommen war. Nur vorwärts, gleich mußte er an der Elbe sein.

Hatte er sich geirrt? Die Allee nahm kein Ende. – weiter, weiter. – Er stand still. »Hier war ich vorhin nicht, Wo bin ich? Nur dreist, vorwärts.«

Schimmerte dort nicht der Fluß? Das mußte der Hafen sein. Noch einige Schritte und wie gebannt blieb er stehen, vor ihm erglänzte eine Wasserfläche, darin spiegelten sich Mond und Sterne und glitzerten lange Lichtstreifen von den Gaslaternen, die das Ufer umzogen. Dahinter erhoben sich die Häuser wie eine Mauer und schlanke Thürme ragten darüber auf in den Nachthimmel. Träumte er oder das schöne Hamburg?

»Hier will ich bleiben,« flüsterte er, »dort drüben in dem Gebüsch finde ich wohl ein Versteck.«

Er brauchte nicht lange zu suchen. Eine Bank bot ihm Rast.

Er setzte sich. Sein Auge streifte wie verloren über ein zweites, größeres Wasser, das sich ruhig ausbreitete als schliefe es. Den Knaben aber floh der Schlaf, er war allein in der Fremde und verlassen. Was sollte er morgen beginnen?

Ihn fror, denn die Nacht war kühl, ihn hungerte dazu. Die Stunden dehnten sich endlos. Er zählte die Schläge der Thurmglocken, die laut durch die Nacht klangen, er hörte, wie die Eine anfing und die Anderen ihr antworteten. Von Zeit zu Zeit drangen langgezogene schauerliche Töne an sein Ohr, wie klagende Wehrufe. Das waren die unheimlichen Akkorde der Nebelsignale von den Dampfschiffen, welche den Hafen verließen; sie klangen wie banges Leid, wie Abschiedsweinen und laute Heimwehklage, sie zogen über die Wasser durch die stille Nachtluft und fanden Wiederhall in dem verzagenden Herzen des Knaben.

Wie gerne wäre er jetzt wieder in Berlin gewesen.

Ob er die Rückreise wohl zu Fuß machen konnte? Er traute sich den Weg zu. Aber der Empfang zu Hause, der Hohn seiner Schulkameraden. Er ballte die Hände: »Ich kehre nicht um.« –

Zuletzt überwältigte ihn die Müdigkeit, aber nach kurzer Frist, als der Himmel sich aufzuhellen begann, weckte ihn der kalte Morgenhauch des neuen Tages. Eduard fröstelte und der Hunger meldete sich immer unabweisbarer. Er durchsuchte seine Taschen, es fand sich kein heimlicher Sechser. Da fiel sein Blick auf die Kokosnuß; vorläufig war er geborgen. Aber wie gelangte er zu dem schmackhaften Kern und der Milch, von der die Wilden lebten? Zum Glück hatte er am Nachmittage vorher ein Messer gekauft, das kam ihm gut zu Statten. Eifrig machte er sich daran, die Nuß abzufasern. Ein schwieriges Stück Arbeit; er kam damit zu Stande, wenn auch der Schweiß von der Stirn perlte, bevor er die zähe Bastfülle entfernt hatte. Nun galt es, die harte Schale zu öffnen, allein das Messer glitt ab, wie er sich auch mühte. Er versuchte sie an einem Stein zu zerschellen, doch reichte seine Kraft dazu nicht aus, die Nuß war boshaft fest. Da kam ihm ein schlauer Gedanke: »Ich werde die Nuß verhandeln, für den Erlös kaufe ich Brot.« – Seinen Durst zu löschen, bot die Alster Wasser genug, und zum Schöpfen war die größte der ausländischen Muscheln herrlich geeignet. Anders machten es die Wilden auch nicht. Aber wo waren die Wilden, und wo war er? – Er warf die Muschel weit in den Fluß hinein, als er getrunken. Die Lust an Abenteuern schien ihm vergangen zu sein.

Mittlerweile war die Stadt lebendig geworden, hurtige Dampfboote glitten unter den breiten Bogen der Brücke hindurch, in deren Nähe Eduard die Nacht verbracht hatte, Eisenbahnzüge fuhren darüber hinweg, Pferdebahnen und anderes Gefährt. Spaziergänger suchten heilsame Erholung in den blühenden Anlagen, Geschäftsleute eilten mit raschen Schritten der Stadt zu. Auch Eduard beschloß, sein Glück in der berühmten Handelsstadt zu versuchen.

Er bot seine Kokosnuß Vorübergehenden an, aber dieser Artikel war augenscheinlich nicht stark begehrt, auch fehlte es den Leuten an Zeit, sich bei ihm aufzuhalten. Es kam ihm vor, als wenn alle Hamburger rannten. Aber dort stand ein Herr, der nicht an dem allgemeinen Wettlaufen theilnahm, vielleicht ließ der sich überreden, dem wollte er sagen, wie weh der Hunger thut.

Der Herr wies den Knaben wirklich nicht ab. Im Gegentheil, er erkundigte sich mitleidig nach dem Woher und Wohin und erwarb sich Eduards Vertrauen in wenig Minuten, daß dieser sogar das Herz hatte, ihn zu fragen, ob er nicht einen Kapitän wüßte, der ihn als Schiffsjungen mitnähme? Das würde sich machen lassen? »Gieb mir die Hand mein Junge, ich werde Dich führen.« – Wer war froher als Eduard?

Neugierig war der Herr, das ließ sich nicht leugnen. Er wollte wissen, wo Eduard die Nacht gewesen? »Im Freien,« antwortete jener zögernd. »Hast Du kein Geld mehr?« – »Nur diese Nuß.« – »Und hungrig bist Du?« – »Sehr.« – »Gleich wirst Du zu essen bekommen, nur Geduld.«

Obwohl diese tröstliche Aussicht Eduard ganz in Anspruch nahm, bemerkte er doch, wie eilig Vorübergehende einen Moment Halt machten und ihn mit sonderbaren Blicken betrachteten. Einige lächelten spöttisch, andere schienen ihn zu bedauern. Und der Herr hielt seine Hand so merkwürdig fest. – »Wohin gehen wir?« fragte er unsicher, »Wir sind schon da,« antwortete der Herr. Sie standen vor einem schmucklosen, großen Gebäude, das keinen einladenden Eindruck machte. Der Herr zog an einem Klingelgriff, die schwere Thür öffnete sich und wurde sofort wieder hinter ihnen geschlossen. In derselben Weise mußten sie eine zweite, eiserne Gitterthür durchschreiten.

»Hier bringe ich einen Ausreißer,« sagte der freundliche Herr und führte Eduard in ein Zimmer, wo er viele an ihn gerichtete Fragen beantworten mußte. Er gestand Alles, Alles. – »Wenn Du die Wahrheit gesagt hast, bleibst Du nur kurze Zeit bei uns. Wir werden Deinem Vater schreiben.« – »Nein, nein,« flehte Eduard. – »Es geht nicht anders, mein Junge. Und nun komm nur, wir haben ein hübsches Logis für Dich. Das Uebernachten im Freien ist ungesund.« – Der Inspektor gab ihm einen Wink, und willenlos folgte ihm Eduard auf einen großen luftigen Flur mit gelb getünchten Wänden und dann eine breite Treppe hinauf. Hier mußte der Schließer wieder eine Gitterthür öffnen, die zu einem Korridor führte, an welchem das Gemach lag, welches Eduard angewiesen wurde. Es war hoch und sauber, nur vor dem Fenster die eisernen Stäbe gaben ihm einen verzweifelt unwohnlichen Anstrich. »Dort an der Wand hängt das Reglement, nach dem Du Dich zu richten hast. Tritt ein Beamter ein, erhebst Du Dich und bleibst ehrerbietig stehen. Der Tagesordnung wirst Du Dich genau fügen, jede Sachbeschädigung wird bestraft. Du darfst an Deine Angehörigen schreiben, ich möchte Dir es anrathen. Zunächst sollst Du Frühstück bekommen, nachher wirst Du arbeiten.« –

Die Thür wurde verschlossen und verriegelt.

Eduard war allein. Zerknirscht warf er sich über das Lager. Sein Eigenwille war gebrochen und Reue erfaßte ihn. Bittere Reue. –

Der Schließer brachte bald dampfende Suppe und Brot; so hatte es ihm selbst an Festtagen nicht geschmeckt, wenn es etwas Gutes gab. Auch ein Korb ward hingestellt, darin befanden sich Enden von getheertem Schiffstau, die sollte er auseinander zupfen, daß sie wieder zu Werg würden. Man empfahl ihm ausdrücklich, fleißig dabei zu sein.

Und Eduard pflückte Werg. Während die Hände thätig waren, eilten seine Gedanken bald hierhin, bald dorthin. Nach Berlin führten sie ihn, da hatte er nicht nöthig gehabt, den ganzen Tag zu arbeiten. Wie frei war er gewesen. Warum verließ er Berlin, wie gut hatte er es dort gehabt? wenn die Schule aus war, durfte er hinaus ins Grüne. Die Eltern hatten ihn überall mit hin genommen. Mit dem Vater fing er Schmetterlinge, auch damals. Er hielt inne mit der Arbeit und starrte vor sich hin. Den Knaben sah er neben sich auf der Landungsbrücke stehen, und nun war er verschwunden. Eduard stieß einen leisen Schrei aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Es grauste ihm vor ihm selber.

Aus dem Korbe aber und von dem Werg stieg ein eigenartiger Theergeruch auf, der zauberte ihm den Hamburger Hafen vor die Seele, und wieder kam das Verlangen, mit frischem Winde hinauszusegeln in die weite Welt. Das Wasser hatte es ihm angethan, er fühlte, er würde nie wieder von ihm lassen. –

Nach zwei Tagen holte der Vater ihn ab. Alle Vorwürfe ließ Eduard willig über sich ergehen. Nur eine Bitte hatte er: nicht wieder zurück auf das Gymnasium.

»Was willst Du denn, wenn Du nicht studiren magst?« fuhr ihn der Vater an.

»Ich will Seemann werden.«

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