Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stinde >

Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
projectidc969c70b
Schließen

Navigation:

Der verhängnißvolle Donnerstag.

Es ist doch sehr weise von der Natur eingerichtet, daß die Erde rund ist und sich dreht, damit die alten Zeiten nach unten kommen und die neuen nach oben. Freilich ist der Uebelstand dabei vermacht, daß sie Alles kurz und klein mühlt, so Leid wie Freude, und nichts auf ihr Bestand hat, aber wo existirt überall etwas Vollkommenes? –

Allmählich fanden Bergfeldt's sich in den Schlag, der sie getroffen; Betti ging oft zu ihnen und plauderte in den Abendstunden mit dem Alten. Zwar ward ihr das nicht leicht, besonders in der ersten Zeit, aber als sie bald einsah, daß es ihn tröstete, aus Emils Kindheit zu erzählen, bald Dieses, bald Jenes, mit vielen Wiederholungen und Nebensachen, da that sie ihm gerne den Gefallen, geduldig zuzuhören. Auf das letzte Ereigniß kam er jedoch nie zu sprechen, es war, als hätte er noch nicht begriffen, was eigentlich vorgefallen war. Betti brachte ein Opfer, aber sie that es; das Malen, Schreiben, Sticken für Bazare und die übrigen Beschäftigungsmittel für die weibliche Jugend ruhten, nun da sie sorgte mit den Sorgenden. Selbst die Polizeilieutenanten spielte auf Vernachlässigung an.

Waren wir aber verpflichtet, auf dem Posten zu sein, wenn sie es verlangte? Hatten wir uns geschmeichelt zu fühlen, wenn sie herumschickte, und wenn wir da waren, von ihrer Abkunft anfing und mit ihrem Stammbaum aufwartete?

Das war früher wohl mal, aber jetzt doch nicht mehr, seitdem wir erfahren haben, daß die Buchholzens zu den ältesten Familien Berlins gehören. Dies hat Herr Hermann Vogt bei seiner Berliner Geschichtsforschung im Archiv aufgefunden und uns mitgetheilt. Der erste bekannte Buchholz hieß Claus und war im Jahre 1449 und 1451 Rathmann von Berlin, wohnhaft in der Stralauerstraße. Ein anderer war der Probst Georg Buchholz, der sich große Verdienste um die Einführung der Reformation in Berlin erwarb und Canossa schon damals im Magen hatte. Das erkannten sie auch an und setzten ihm deswegen am 15. August 1540 ein bedeutendes Gehalt aus. Und dann war Kersten Buchholz im Jahre 1452 Vorsteher der Liebfrauengilde, die zu Ehren Gottes einen Altar in der Nicolaikirche gestiftet hatte und auf ihre Kosten unterhielt. Das Alles steht in alten Urkunden geschrieben, und auch das Wappen ist dabei abgemalt: im oberen silbernen Felde ein halber eiserner Ritter, der in der Rechten eine Buche hält, im unteren silbernen Felde zwei rothe Balken mit einer Buche dazwischen. Ganz der nämliche Ritter bildet den Helmschmuck.

Wir sind also durchaus nicht von gestern. Meine Idee ist nun, Betti stickt das Wappen in Seide und arbeitet daran, wenn wir gelegentlich bei Polizeilieutenants gehen. Fragt sie alsdann, was es werden soll, sage ich so oben hin: »Es ist blos unser Wappen.« – Das wird sie hoffentlich genügend erschüttern. Besonders auf Visitenkarten und Briefbögen wird es sich bestrickend aristokratisch ausnehmen. Aber man muß Sinn dafür haben, der leider sowohl dem Doktor, wie Onkel Fritz völlig abgeht.

Wenn man Onkel Fritz überhaupt nimmt, scheint die Welt stillzustehen und kein Atom von Drehung vorhanden zu sein. Als ich ihm vor einigen Jahren zurieth: »Fritz, Du solltest heirathen,« antwortete er: »Wilhelm, ich fürchte, es wird mir über, lieber kaufe ich mir eine Spieluhr« – jetzt aber hat er das Junggesellenleben dick und macht trotzdem keine Anstalten. Daher war ich gesonnen, am letzten Donnerstag – wir sind Donnerstags stets mit einigen Bekannten bei uns versammelt, damit mein Schwiegersohn schließlich einsieht, daß er durch sein konsequentes Ausbleiben sich noch das Mißfallen der ganzen Familie zuzieht – Onkel Fritz ordentlich vorzunehmen. –

Er kam erwünschter Weise etwas zeitiger, als die Uebrigen, so daß die Gelegenheit zu einem freimüthigen Diskurs gar nicht besser zu verlangen war. Nachdem er auf die Frage nach seinem Befinden, wie üblich geantwortet hatte: »Danke, et schneet!« setzte er sich zu mir und kramte in meinem Arbeitskörbchen, bis er aus Nadeln und Garnrollen ein Spielwerk zusammengestellt hatte, wie er von jeher gerne that.

»Fritz,« fing ich an, »willst Du denn ewig ein Kind bleiben? Einmal mußt Du doch verständig werden.« – Statt aller Antwort ließ er die Rolle schwirbeln und amüsirte sich darüber.

»Was soll man von Dir denken,« fuhr ich fort. »Gefällt Dir Deine jetzige Lebensweise so gut, daß Du Dich nicht entschließen kannst, sie aufzugeben? Gefällt es Dir immer noch, täglich im Wirthshaus zu speisen?« – »Das hat mir nie gefallen,« entgegnete er. »Fünfmal reine Teller und jedesmal nichts darauf, ist kein Plan für Deutschlands Söhne, von denen die meisten zu Hause einfache, aber reelle Kost gewöhnt sind.« – »Na, also! Du kannst Dir einen eigenen Mittagstisch gründen, warum thust Du es nicht?« – Er schwieg und bastelte an seinem Spielzeug. – »Wie weit bist Du mit der Großmutter in Lingen?« ging ich geradeaus auf das Ziel los. – »Hm!« sagte er. »Halb sind wir einig ... ich will.« – »Fritz, ich bitte Dich, sei ernst. Hast Du feste Absicht, die Erika zu heirathen, dann mache der Zoddelei ein Ende. Sonst stelle auf eine andere Partie zu.« – »Nicht im Traume!« – »Woran liegt es denn, daß die Angelegenheit nicht vorwärts kommt?« – »An der lieben Großmutter. Die hat sich in den Kopf gesetzt, Berlin sei ein Sündennest und ich der schwärzeste Galgenvogel darin; ihre Enkelin nähme Schaden an ihrer Seele, wenn sie ihrer Obhut entrissen würde!« – »Was sagt aber Erika's Vater dazu?« – »Nichts. Der muß wollen, wie die brave alte Frau. Sie hat ihr Geld in seinem Geschäft und hält die ganze Sippschaft unter der Fuchtel.« – »Dann ist er eine Nachtmütze!« – »Mit Klunkern.« – »Und von ihr finde ich es anmaßend, immer noch regieren zu wollen. Alte Leute haben ihre Ansichten, aber junge auch die ihrigen, man muß ihnen Freiheit lassen.« – »Wie recht Du hast, Wilhelmine, Dr. Wrenzchen behauptet ganz dasselbe.« – »Das heißt, nicht in allen Dingen,« entgegnete ich rasch, »eine gewisse Leitung ist unerläßlich. Das sieht man an Dir. Du solltest wieder gutmachen, was Du durch Dein damaliges Auftreten verdorben hast, und Dir die Achtung der Großmutter rückerwerben.« – »Ich kann doch unmöglich nach Lingen gehen und ihr etwas vordursten?« – »Sag mir nur das Eine, Fritz: Ist Erika Dir wirklich treu und gut gesinnt?« – »Ob!« antwortete er. »Sie läßt nicht von mir und sollte sie grau darüber werden. Und ich, das steht bombenfest, lasse auch nicht von ihr.« – »Da könnt ihr ja am Krückstock zur Trauung gehen.« – »Wenn Erika nur nicht zu folgsam wäre, wenn sie in ihrer frommen Einfalt nicht glaubte, sie beginge einen Frevel gegen ihre Angehörigen, sie säße längst nicht mehr daheim in der Familientyrannei. Ich habe versucht, was sich versuchen läßt, aber der Schluß in allen ihren herzigen Briefen lautet: hoffe und vertraue, unsere Liebe wird siegen.«

»Das ist allerdings rührend,« bemerkte ich, »aber was soll da herausdalbern? Fritz, bestehst Du mehr aus Eigensinn auf Deinem Stück, als aus Neigung zu ihr?« – »Wilhelmine, die Erika hat es mir angethan vom ersten Augenblick, als ich sie sah; es drängte mich, mit ihr zusammenzutreffen, wie und wo es nur immer ging.« – »Du wohntest schon mehr bei Krausens.« – »Sie war so unbefangen, so kindlich, so treuherzig. Gar bald fühlte ich heraus, daß ihr das Leben in der Heimath keine Freude bot, wo selbst die Natur sich nicht viel weiter als zu Torfmoor, einer Allee und einem Erdhaufen aufgeschwungen hat, den sie Berg nennen.« – »Ebenso hoch wie unser Kreuzberg?« – »Wenigstens einen halben Meter niedriger.« – »Und die Stadt?« – »Sauber und gefällig; nur nicht ganz so groß wie Berlin.« – »Das kann ich mir ohne Deine sinnreichen Bemerkungen zusammen addiren. Deshalb läßt es sich dort doch vielleicht recht angenehm leben.« – »Wenn die Familienverhältnisse danach sind, warum nicht? Aber Erika's Dasein ist triste. Daß sie von Morgens bis Abends arbeitet, das hat nichts auf sich, aber daß sie nie ein gutes Wort dafür bekommt, daß es hundertmal am Tage heißt, Jeder muß seine Pflicht thun, und über das geringste Versehen ein Halloh gemacht wird, als sei ein Verbrechen begangen, das ist nicht zum Aushalten. Geiz und Galle regieren das Haus: Alles, was Geld kostet, nennen sie Sünde, und was sie sich am Leibe absparen, gilt als Frömmigkeit.« – »Sie hat es also nicht zum Besten?« – »Heraus aus der Gesellschaft soll sie. Alles, was sie bis dahin entbehrte, will ich ihr geben. Das Leben ist ihr neu, an meiner Seite soll sie es kennen lernen. Ich will ihr zeigen, wie schön die Welt ist, in ihren Augen will ich lesen, daß sie glücklich ist, und mein soll sie sein, die schüchterne Taube. Du siehst, ich will ... aber sie, die Großmutter, will nicht.« – »Fritz, kann sie kochen?« – »Wer?« – »Die Erika.« – »Ich hab' sie noch nicht gefragt.« – »Das könnte sie leicht bei mir lernen, ich kenne ja Deine Leibgerichte.« – »So weit sind wir noch lange nicht.« – »Wenn es nicht anders geht, reise ich selbst hinüber und rede einen Ton. Laß mich nur erst mit der Großmutter unter vier Augen sein ...« – »Dann wirst Du ihr die Hammelbeine schon gerade ziehen.« – »Fritz, sind das Ausdrücke in so delikaten Angelegenheiten, die nur von Frauen erledigt werden können, weil sie Takt und Feingefühl erfordern? Aber nur Geduld: entweder die Sache kommt in Ordnung, oder die Alte lernt mich kennen.« –

Krausens kamen jetzt und wir mußten abbrechen. Herr Krause hat sich einen Jägeranzug zugelegt, weil er gesund sein soll, und auch der Aerger und Verdruß besser aus dem Körper ventilirt, als wenn man nach der gewöhnlichen Mode geht, und das eignet sich für ihn, da es mit Eduard neulich wieder so weit war, daß er von der Schule geschwenkt werden sollte. Versetzt worden ist er natürlich nicht, und wenn sein Vater nicht selbst Lehrer wäre und der Junge nicht vor der versammelten Konferenz Besserung gelobt hätte, würden sie ihn ohne Gnade geschaßt haben. Nun kann Herr Krause wegen des Taugenichts in Wolle herumlaufen und nach Onkel Fritzens Meinung aussehen, wie ein von Kräften gekommener Akrobat, der Engagement sucht. Die Krausen dagegen lobt die Tracht sehr, weil sie ihren Mann flott kleide und ökonomisch in weißer Wäsche sei, die durch den vielen Borax und was die Plätterinnen sonst noch hineinwurachen, im Handumdrehen ruinirt werden. Darin konnte ich ihr nur Beifall geben, denn was sie heute auf Neu waschen nennen, ist genau genommen auf Alt waschen, so strappeziren sie das Zeug. Steif ist es allerdings wie ein Brett, und glatt wie die Kachelöfen, aber brechen thut es wie Glas. Ich gebe die feine Wäsche daher nicht aus dem Hause, aber dessen ungeachtet ist mein Karl immer piekfein. –

Die Herren setzten sich zum Whist mit dem Strohmann. Onkel Fritz, der sonst meistens zu gewinnen pflegt, spielte heute unachtsam, worüber Herr Krause grollte, wenn er sein Ede war, was er in der Wolle doch nicht durfte, worauf ich die Krausen aufmerksam machte. Sie redete sich heraus, indem sie sagte, vielleicht stammte die Wolle, die er anhätte, zufällig von zornigen Schafen, anstatt daß sie bei der Wahrheit blieb und ihren Eduard als den Grund seiner leichten Reizbarkeit angab. –

Kurz bevor wir essen wollten kam Emmi und zwar, wie ich sofort ahnte, war etwas vorgefallen. Also doch endlich. Ich nahm sie mit in das Berliner Zimmer, wo gedeckt war, und fragte: »Ist es zum Klappen gekommen?« – »Ich langweilte mich zu Hause,« entgegnete sie, »wenn Franz Skat spielt, kann ich doch auch hingehen, wo es mir gefällt.« – »Das hab' ich Dir ja immer gesagt, Du hättest schon längst energisch auftreten sollen. Kommt er nachher Dich abholen?« – Sie schüttelte verneinend den Kopf. – »Habt Ihr Euch gezankt?« – »Das gerade nicht, aber muß er denn immer recht haben?« – »I bewahre!« – »Du weißt, Mama, ich schreibe jede Kleinigkeit gewissenhaft an, selbst die Milch für Maffi.« – »Hast Du ihn nicht mitgebracht?« – »Nein, er schlief, als ich ging, und Droschkengeld wollte ich nicht an ihn wenden. Franz meint ja, das Aufschreiben mache die Hausfrau nicht aus, sondern die Beschränkung der Ausgaben.« – »Und darüber erzürntet Ihr Euch?« – »Ich sagte ihm, er möge sich die Speisekammer ansehen, dann wüßte er, wo das Geld geblieben sei: zwei Schinken, eine ganze Reihe Cervelatwürste, Butter und sonst noch Manches ist darin.« – »Wie kommst Du dazu, wo man Alles jeden Moment frisch haben kann? Zu viel verdirbt Dir ja nur.« – »Unser Mädchen meinte, man müßte Vorrath im Hause haben. Aber das versteht Franz nicht. Sie rieth mir auch heute Abend nur ja zu gehen, dann käme kein Streit wieder.« – »Ganz unrecht kann ich in diesem Falle Deinem Manne nicht geben,« sagte ich, um nicht mit der Köchin übereinzustimmen, »aber Du hast den Anfang gemacht, ihm zu zeigen, daß das Elternhaus Dir Zuflucht gewährt, und das billige ich. Paß auf, an diesen Donnerstag werden wir alle denken.« – Das traf auch zu. Dieser Tag wird uns Allen im Gedächtniß haften, so alt wir werden. Wie sehr bereue ich jetzt, Emmi jemals den Rath gegeben zu haben, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, um den Doktor unter den Pantoffel zu bringen. Wie schrecklich mußte ich hinterher dafür büßen. Und ich ahnte nicht, daß an diesem Abend das Trauerspiel seinen Anfang nahm, sonst hätte ich gesagt: »Emmi, kehre zurück, es geht schief.«

Ihr schien nicht behaglich zu sein, der Appetit mangelte gänzlich und je später es wurde, eine um so größere Unruhe bemächtigte sich ihrer. Mir ging es ähnlich, wenn der Doktor wild würde? Sie hatten bis jetzt in der größten Eintracht gelebt, das heißt bis auf die Donnerstage. Aber hatte er sich die nicht von vornherein ausbedungen? Es lief mir manchmal kalt über das Rückgrat, wenn ich bedachte, daß man mir allein alle Schuld beimessen und ich wohl kaum vor meinem Karl bestehen könnte. Schon wollte ich Emmi auffordern: »Du mußt nun wohl gehen, Onkel Fritz kann Dich begleiten,« als die Hausglocke heftig ertönte. Emmi starrte mich an und ich sie. So konnte nur das Unheil an der Klingel reißen.

Mein Karl, der uns beiden anmerkte, daß wir unfähig waren uns zu rühren, und längst heraus hatte, daß etwas verquer sein mochte, ging nachsehen. Er blieb grauenhaft lange, wie mir däuchte. Dann rief er mich hinaus. Allerdings hatte ich mich darauf gefaßt gemacht, den Doktor in einem gewissermaßenen Ungestüm zu treffen, statt dessen aber stand ein Schutzmann auf dem Flur, der im Geschäftsstil meldete, bei dem Doktor sei soeben eingebrochen worden, er bäte, seiner Frau das schonend mitzutheilen. Wenn sie ängstlich wäre, sollte sie lieber diese Nacht in der Landsbergerstraße bleiben.

Emmi, die uns jedoch nachgeeilt war und jedes Wort gehört hatte, war nicht zu halten. Wir hinein in die Nachtdroschke, kaum, daß wir von Krauses Abschied nahmen, und nach des Doktors Wohnung gefahren.

Hier fanden wir denn die Bescheerung. Der Doktor suchte zu ermitteln, was Alles gestohlen war, Einer von der Polizei half ihm dabei, ein Anderer hielt Wache an der Thür, ein Dritter untersuchte die Wohnung und schrieb Notizen in sein Taschenbuch. Emmi eilte auf Franz zu, der ihr gleich mit den Worten kam: »Es ist nicht schlimm geworden. Viel Geld haben sie nicht erwischt, ich war heute Morgen zum Glück auf der Bank, das Andere läßt sich ersetzen.« – Sie wollte ihn um Verzeihung bitten, weil sie das Haus verlassen, aber er pries ihre Abwesenheit als glücklichen Zufall, da es ihr sonst vielleicht ebenso schlimm ergangen wäre, wie dem Mädchen, das die Diebe, um es am Schreien zu verhindern, mit einem Tuch in den Mund geknebelt, und gebunden in der Kammer eingesperrt hatten, wo es halb besinnungslos vorgefunden worden war.

Die Wohnung machte einen mörderischen Eindruck. – Wo sonst jungverheirathete Zierlichkeit und Propperteh bis auf die Knochen herrschte, stand Alles durcheinander, als sollte Auktion abgehalten werden. Den Sekretair hatten die Diebe von der Wand gerückt und an der hinteren Seite erbrochen, der Schreibtisch war spolirt. Die Spindenthüren standen auf und herausgerissene Garderobe lag auf den Stühlen und dem Fußboden. Des Doktors besten Anzug hatten sie sich ausgesucht und das Getragenere zu seinem Nießbrauch liegen gelassen. Das Silberzeug war bis auf die beiden Hochzeits-Armleuchter ausgeräumt, wie Onkel Fritz bemerkte, der triumphirend ausrief: »Siehst Du, es sind doch plattirte!« – Aus der Speisekammer, die Schinken und Würste waren auch mitgegangen. Vor Nichts hatten sie Pietät gehabt.

Infolge des weichen Wetters, sah die Behausung aus, als hätte eine Karawane ihren Umzug darin gehalten. Schrecklich! Und dabei das widerliche Bewußtsein, daß Verbrecher da gewesen waren, die mit ihren Diebshänden in den Kasten und Spinden wühlten und wohl mit rohen Späßen Manches behohnlachten, was für sie keinen Werth hatte, den Kindern aber als Andenken lieb war. Ueberall fanden sich die Spuren der Spitzbuben vor, es roch sogar nach ihnen. Freilich sagt der Dichter: ›Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht für alle Zeiten‹; ich aber sage, die Stelle, die von schlechten Kerlen eingeweiht wurde, bleibt Einem verekelt sein Lebenlang. – Der Doktor muß ausziehen; kein Scheuerfest kann das Bild des Greuels und der Verwüstung vertilgen, das die Wohnung darbot. Und wo waren die Einbrecher?« – verschwunden, wie ein schöner Traum. –

Die Polizei nahm gleich an Ort und Stelle den Thatbestand auf. Das Mädchen wurde gerufen und kam mit dem Taschentuch vor den Augen an. Auch die Miether von oben, Herr Greve nebst Frau und Tochter, mußten erscheinen.

Aus allen Fragen und Antworten ergab sich nun, daß bald nachdem Frau Doktorin das Haus verlassen hatte, Jemand gekommen wäre, um den Doktor zu einem Kranken zu holen. Das Mädchen hätte genannt, wo er zu finden sei, worauf der Mann sagte, es hätte auch wohl noch Zeit bis Morgen früh, ob er seine Adresse aufschreiben könnte? – Darauf habe sie den Mann eingelassen, mit dem sei aber gleich ein Zweiter eingedrungen, der ihr den Mund zugehalten habe. Sie sei vor Schreck bewußtlos geworden und als sie wieder zu sich kam, hätte sie weder schreien noch sich bewegen können, weil sie geknebelt und gebunden war. So habe der Doktor sie bei seiner Nachhausekunft gefunden. Dies bestätigte Doktor Wrenzchen. Zu seiner Verwunderung seien die Thüren wohl zu gewesen, aber nicht verschlossen. Als er gesehen, was vorgefallen, habe er gleich den Wächter gerufen und sei zur Polizei gegangen, die alsbald konstatirt hätte, daß sowohl die Fesselung des Mädchens, als das Stehlen von mehreren Personen ausgeübt worden sein müsse, schon allein in Anbetracht des Abrückens des schweren Sekretairs von der Wand. Herr Greve und Frau bekundeten, daß sie kein verdächtiges Geräusch vernommen hätten.

»Wie die Spitzbuben aussahen?« ward das Mädchen nun gefragt. – Das wüßte sie nicht genau mehr, nur daß sie beide schwarze Vollbärte gehabt, wäre ihr erinnerlich. – »Wie konnten Sie so unvorsichtig sein und verdächtige Menschen mit schwarzen Gaunerbärten einlassen,« redete ich Sie an. – Sie könnte den Leuten nicht an der Nase ansehen, was sie wären, antwortete die Person impertinent. – »Warum riefen Sie nicht um Hülfe?« – Sie hätte nicht nöthig, mir Antwort zu geben, ich wäre kein Kommissarius. – »Wenn sie ein reines Gewissen hätte, würde sie nicht so patzig sein,« entgegnete ich darauf. – Was das heißen sollte? – Ich hätte so meine Gedanken. Die Lebensmittel wären wohl eigens für die Spitzbuben eingekauft? – Darüber sollte ich ihr Rechenschaft geben. – »Mit Vergnügen,« sagte ich, »ich kenne Sie, Ihnen traue ich Alles zu.« Der Doktor wollte sich in's Mittel legen, aber ich rief: »Sie hat ihre Hände dazwischen gehabt, das lasse ich mir nicht abstreiten.« – Nun begehrte die Person auf und ich weiß auch nicht mehr, was ich ihr antwortete, weil sie sehr respektswidrig ward. Sie rief die Polizei und Herrn und Frau Greve als Zeugen an, daß ich sie beleidigt und ihre Ehre als rechtschaffenes Mädchen angegriffen hätte. Die Polizei erklärte, das Alles würde sich nach der Untersuchung finden.

Hierauf ging die Polizei und wir blieben noch in höchster Aufregung; das Mädchen mußte Kaffee kochen und wir räumten auf, damit wieder einigermaßen Physiognomie in die Wohnung kam. Im Schlafzimmer schienen die Diebe nicht gewesen zu sein, aber als wir nachsahen, ob auch einer unter die Betten gekrochen sei, fanden wir Maffi Pamph todt mit einer Schlinge um den Hals. Den hatten sie kaltlächelnd erwürgt. Herr Greve erinnerte sich, er hätte den Hund anschlagen gehört, aber sich nichts weiter dabei gedacht.

Als wir den Mokka tranken und das Mädchen wie sie ihn brachte, mir einen zornfunkelnden Blick zuwarf, sagte Onkel Fritz: »Gieb Acht, Wilhelmine, die verklagt Dich.« – »Das sollte sie sich unterstehen!« lachte ich wegwerfend. – »Du warst aufgeregter als Du sein durftest,« hielt mir mein Karl vor. – »Karl, wenn sie Dir gekommen wäre, wie mir damals mit den Krebsen, Du hättest lange nicht geschwiegen. Einmal mußte sie es kriegen und das gehörig.«

Der Doktor war überaus zärtlich gegen Emmi und meinte, »es sei wie eine Fügung gewesen, daß seine Frau gerade an diesem Abend die Idee gehabt hatte, uns zu besuchen, vielleicht wäre dadurch ein großes Unglück verhütet.«

»Jawohl,« sagte ich und lächelte Emmi verständnißvoll zu. Wir wußten ja, wie diese Fügung mit Vor- und Zunamen anfing. Sie hieß Wilhelmine Buchholz und fischte gerade ein Stück Kuchen aus ihrer Tasse.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.