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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der erste April.

Ich war mir nicht bewußt, Augusten etwas zu Leide gethan zu haben und konnte mir daher nicht erklären, warum sie unser Haus mied, als hätten wir das Scharlach. Das verdroß mich, und als ich ihr vor einiger Zeit zufällig unterwegs begegnete, erlaubte ich mir die Frage, weshalb sie sich gar nicht sehen ließe, worauf sie Ausflüchte machte, wie eine, die sich im Lügen übt. – »Wenn Du nicht willst, kann ich Dich nicht zwingen,« gab ich ihr zu verstehen, »und wenn wir Dir doch gleichgültig sind, können wir uns ja »Sie« schreiben. Adje, Frau Weigelten.« –

Wie es bei Weigelts zustand, konnte ich von ihr nicht erfahren: ob sie schon einen Scheffel Zwanzigmarkstücke von der Millionenschwägerin bekommen hatten, oder ob ihnen bereits der Pleitegeier auf dem Dache saß, wie Onkel Fritz zu sagen pflegt, wenn die Rechnungen für das gute Leben bezahlt werden sollen und blos der Wille dazu vorhanden ist.

Zu meiner nachträglichen Freude ward mir jedoch kund, daß ich mich in Augusten geirrt hatte. Sie war nicht schuld an der Spannung zwischen uns, sondern ganz allein ihr Herr Gemahl, der eine solche Frau nicht verdiente. Wer sollte gedacht haben, daß dieser blöde Student von ehemals, der erkenntlich sein müßte, daß er eine Stelle im Büreau erhielt, so aufsässig werden würde? Die Ursache kann einzig in seiner Dämlichkeit liegen, obgleich sie trotzdem unbegreiflich erscheint.

Mir war es schon sehr verwunderlich, daß er Augusten verbot, etwas von uns anzunehmen, aber ich schob seinen Unwillen auf die Verweigerung des Borgs, als sie eine Anleihe bei mir machen wollten, denn Manche können es nicht vertragen, wenn sie abfallen, aber Onkel Fritz war hinter das Richtige gekommen.

Mein Weigelt war in den Umgang von Leuten gerathen, die ihm so lange von der Schlechtigkeit der heutigen Verhältnisse vorschwefelten, bis sie ihn so aufgeklärt hatten, daß er Alles glaubte, es durfte nur nicht in der Bibel stehen. Er war in Schulden, aus denen er gerne herauswollte, und weil es ihm durch eigene Dummheit schlecht ging, mußte die ganze Welt schlecht sein. Der Staat taugte nichts, die Regierung machte Fehler über Fehler, und wer weiß, womit sie sich sonst noch das Bier sauer redeten.

Die Folge davon war, daß mein Weigelt nachlässig in seinen Arbeiten wurde, seinen Vorgesetzten höchst unpassend kam und auf seine eigene Hand anfangen wollte, den Staat umzuwälzen, wozu ein königlich preußisches Büreau wohl nicht der geeignete Ort ist. Ob er sich einbildete, man hätte ihn um seiner schönen Augen willen angestellt? Solche wie ihn konnten sie eine Menge bekommen, immer fünfzehn auf die Mandel. Er durfte froh sein, daß er nicht entlassen wurde, daß Weib und Kind mit in Betracht kamen, als er dicht daran war, den Laufpaß zu erhalten. Er aber sich auf das hohe Pferd gesetzt, weil Kollegen von ihm befördert wurden und er bis zum nächsten Male warten mußte.

Jeder ist zwar seines Glückes Schmied, aber wenn er es nicht ordentlich gelernt hat, wird es Pfuscharbeit, und das war der Fall mit Weigelt. –

»Wenn ihm unser Staat hier nicht gefällt,« sagte Onkel Fritz, »dann hat er die Freiheit, sich einen auszusuchen, der ihm zusagt, aber er scheint auch zu wissen, daß anderwärts ebensogut Knochen im Fleisch sind wie bei uns, und die Ochsen in Amerika nicht auf Bratwürsten herumlaufen; daß man hier arbeiten, drüben aber schuften muß. Laß ihn doch mit den paar Kenntnissen und dem bischen leserlicher Handschrift auswandern, wohin er will. Pfotensaugen kann er. Vielleicht wäre es ihm gut, wenn er ginge, damit er einsieht, welchen Blaak ihm die gehirnerweichten Brüllaffen eingeredet haben, die sich seine Parteifreunde nennen. Und dies Schaf, das seinen eigenen Hausstand nicht übersehen kann, das sich von einem Geldverleiher und Waarenschwindler bis über die Ohren hineinlegen läßt, will mit in die Politik hineinreden? will mit regieren? will dem Staat gute Lehren geben? So ein Stimmvieh!« –

»Warum ereiferst Du Dich?« fragte ich Onkel Fritz, »er ist zu untergeordnet, sich über ihn zu ärgern.« –

»Ich war bei ihm, um ihn aufzufordern, den Fackelzug mitzumachen und den Abend hernach mit mir und meinen Freunden zuzubringen. Darauf entgegnete er: das gestatte ihm seine Ueberzeugung nicht.« – »Ist die Möglichkeit?« rief ich. – »Jawohl,« antwortete Onkel Fritz, »wie die Natur spielt, ist mitunter groß!« –

Das war einige Tage vor dem letzten März, an welchem dem Fürsten Bismarck ein Fackelzug gebracht werden sollte, als am Vorabend seines siebzigjährigen Geburtstages. Schon lange vorher hörten wir von den Zurüstungen und freuten uns auf den Abend ungeheuer, zumal Onkel Fritz nur noch Begeisterung war. Er hatte ja auch den französischen Feldzug mitgemacht, und wußte, was es heißt, Kraft und Leben für das Vaterland einzusetzen. »Wilhelm,« sagte er, »kein Tropfen Blut ist umsonst dahingegeben, aus jedem ist Ehre entsprossen und Macht. Uns kann Keiner! Deutschland ist groß, wie es niemals zuvor gewesen, das danken wir dem Kaiser und seinem Kanzler.« –

Am Abend des Fackelzuges waren wir rechtzeitig unter den Linden. Mein Karl, Betti und ich, und halb Berlin schien sich blos an diesem einen Platz versammelt zu haben, Kopf an Kopf in den Fenstern und auf den Balkonen, noch mehr Köpfe auf dem Fahrdamm, den Reitwegen und den Bürgersteigen. Und alle diese Menschen wollen mit den Ihrigen leben. Dazu gebrauchen sie den Frieden, und den hat Bismarck ihnen erhalten und wird dafür weiter sorgen.

»Wir wollen suchen, unseren alten Platz wieder zu erlangen,« sagte mein Karl, »dicht bei der Friedrichstraße.« Als wir dort waren, fragte er: »Erinnerst Du Dich, Wilhelmine, hier standen wir und sahen den König, als er aus Ems kam? Neben ihm saß die Königin, die ihren Thränen nicht gebieten konnte.« – »Ich weiß es, mein Karl, das war eine schmerzliche Zeit. Onkel Fritz mußte auch mit. Die Franzosen galten als die Ersten und Mächtigsten und fluchten und wetterten, Berlin dem Erdboden gleich zu machen. Wer wußte, wie es kommen werde.« – »Der König und Bismarck und Moltke wußten es. Und erinnerst Du Dich weiter: Hier standen wir wieder, als unser König mit seinem siegreichen Heere einzog als Kaiser.« – »Wie würde ich das je vergessen? – Das war ein Tag des Jubels. Und wie sah Onkel Fritz aus: voll von Staub und behängt mit Kränzen.« – »Und heute gilt der festliche Dank dem gewaltigen Kanzler, seiner Treue für Kaiser und Reich. Siehst Du dort beim Schloß? Der Fackelzug beginnt.«

So war es auch. Eine Rauchwolke stieg an dem unteren Ende der Linden auf und darunter röthete es sich wie von einer Feuersbrunst, die mächtiger und mächtiger anschwoll und einer feurigen Schlange gleich näher kam, bis sie auch uns erreichte. Musikchöre in historischen Kostümen, zu Fuß und zu Pferde, wechselten mit Gruppen von Fackelträgern ab, und den Couleur-Studenten, welche in vollem Wichs in unzähligen Equipagen saßen, folgten die Studenten zu Fuß. Das war die Jugend, die Hoffnung des Kanzlers und der Erbe seines Vermächtnisses. Diesen voran schritt, die hellbrennende Fackel tragend, ein Mann mit grauem Haar, das die schwarzrothgoldene Studentenkappe aus alter Zeit bedeckte. Der mochte sich wohl ein junges Herz bewahrt haben, das heiß erglühte.

Immer neue Massen mit lohenden Flammen, leuchtenden Inschriften, Bannern, Fahnen und Abzeichen zogen vorüber. Dann kam der Künstlerwagen, ein Riesenschiff, auf dem hoch oben die Germania das schützende Schwert schwang, während auf dem Deck die geeinten Angehörigen aller Gauen und Stände ihr zujauchzten. Daran schlossen sich die Gesandten aus Kamerun mit Kameelen, welche Gaben trugen, wie sie Afrika bietet, und wieder folgten endlose Reihen von Wandernden mit brennenden Fackeln in der erhobenen Hand.

Schon war eine Stunde verflossen und noch kein Ende abzusehen. Ergriffen standen die Tausende von Menschen, von dem ungeahnten Schauspiel überwältigt. Und als nun zum Schluß die Schering'sche Fabrik mit Hunderten von Magnesiumfackeln heranzog, welche die Straßen tageshell erleuchteten, da vermochte einer dem anderen in das feuchte Auge zu blicken. Ergriffen huldigte das Volk seinem großen Staatsmanne, seinem Bismarck. –

Mein Karl war durchaus abgeneigt, ein öffentliches Lokal aufzusuchen. »Wir wollen unter uns bleiben,« sagte er, »mit Euch möchte ich über das Erlebte sprechen.«

Wir machten es uns zu Hause gemüthlich und als ich mit dem guten ›Johannitergarten‹ anrückte; lobte mein Karl mich als sehr verständig. Er aber war gegangen und hatte ein Büchlein geholt, das hieß ›Fürst Bismarck von Ernst Scherenberg‹. Daraus las er uns vor.

Es war mir und Betti unbegreiflich, was früher mit Deutschland aufgestellt wurde. Schweigend mußte es Kränkungen seines Rechtes und seiner Ehre ertragen, weil es in seiner Zerrissenheit nicht wußte, wie stark es war. Nun aber ist umgekehrt ein Schuh daraus geworden.

Und dann kam der Tag in Versailles, an dem der Bundeskanzler die Kaiserproklamation verlas, die mit dem Gelübde schloß: »Uns aber und unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allezeit Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.«

»Das war des Kaisers Wort,« sagte mein Karl, »daß es erfüllt wurde, dafür sorgte Fürst Bismarck. Fünfzehn Jahre haben wir den Frieden mit seinen Segnungen; den danken wir der deutschen Treue.«

Wir erhoben uns alle drei und leerten unser Glas. Wem es galt, das brauchten wir nicht erst sagen.

»Seht um Euch,« begann mein Karl lebhaft wieder das Gespräch. »Frankreichs Republik schlachtet dem alten Götzen Gloire aufs Neue Landeskinder, Englands Parlament opfert dem Egoismus ruhmloses Blut, an uns wenden sie sich, damit Bismarck schlichte, der in Versailles mit seinem Kaiser vor aller Welt schwur: Friede! Die Zeit, in der wir leben, ist so groß, daß wir sie kaum zu fassen vermögen. Die Jugend von heute erwächst in einem anderen Deutschland als wir. Es ist nicht mehr das arme Vaterland, das sein Sohn um so tiefer beklagen mußte, je inniger er es liebte.«

»Schade, daß wir keinen haben,« sagte ich achtlos.

»Wir müssen uns mit Schwiegersöhnen behelfen,« neckte mich mein Karl.

Um den Eindruck zu verwischen, den diese Aeußerung auf Betti ausüben konnte, erwiderte ich ablenkend:

»Töchter thun schließlich ganz dasselbe!«

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