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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
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Betti.

Wir hatten die Saison glücklich hinter uns, und lebten ein harmloses Dasein. Mein Karl ward rastloser denn je zuvor vom Geschäft in Anspruch genommen, daß er nicht schlecht Lust verspürte, es zu vergrößern und sich mehr auf eigene Fabrikation zu verlegen, wenn er passende Unterstützung gefunden hätte. Da er jedoch keinen geeigneten Kompagnon ermittelte, so blieb es vorläufig beim Alten und er konnte sich allein abmarachen. Wir suchten ihm darum auch das Leben nach allen Seiten hin zu verschönern, weil er im Grunde genommen doch für uns oft bis spät in die Nacht bei den Büchern saß. Ihm wiederum lag hauptsächlich an Betti's Wohlfahrt und ihre Zukunft war es, die er sichergestellt wissen wollte. Als ich ihm einmal vorwarf, daß er sich noch überarbeiten würde, sagte er: »Laß' nur, Kind, wenn ich einst die Augen schließe, will ich die Beruhigung haben, daß Ihr nicht entbehren müßt.« – »Karl, rede nicht so, Du thust mir wehe. Was sollen wir mit dem Mammon ohne Dich? Halte Dich nur immer gut warm und denke nicht an Trauervolles; das macht den Menschen hypochondrig und benimmt ihm den Appetit.« – »Wie Du meinst Wilhelmine, aber wir können uns doch nicht verhehlen, daß wir keine Jünglinge mehr sind.« –

Von solchem Gespräche durfte Betti nichts erfahren, die, ganz umgekehrt gegen früher, jetzt fleißige Neigung für häusliche Arbeiten zeigte und sich kein Gras unter den Füßen wachsen ließ. Dafür hatte ich denn andererseits die Befriedigung, daß sie sich des Nachmittags hinsetzte und schreibend beschäftigte. Die Verse gelangen ihr noch immer vergeblich, obwohl Herr Leuenfels von Zeit zu Zeit kam und sie in den poetischen Anfangsgründen unterwies, woran ich am Nähtisch sitzend theilnahm, weil man nie wissen kann, wozu man das Dichten mal braucht.

Aber solcher poetischer Unterricht ist nicht leicht. Erst mußte Betti beliebige Worte wählen wie: Mauer, Wurm, Perle, Blume und dann so viele Reime darauf suchen, wie sie irgend kriegen konnte. Fiel uns allen Dreien kein Reim mehr ein, so wurden aus dem Gesammelten Gedichte hergestellt. Schön geriethen sie gerade nicht, manche hatten sogar keine Idee von Sinn, aber Herr Leuenfels erklärte, dies wären die unumgänglichen Vorübungen; wer nicht gewandt im Reimen sei, könnte in der Poesie nie bedeutend werden. Selbst die sogenannten Klassiker (Leuenfels hatte eine mächtige Pieke auf sie) wären Stümper im Reimen gewesen und hätten noch dazu von den alten Griechen und sonstigen faulen Dichtern abgeschrieben.

»Sie irren sich gewiß, indem Sie Jemand anders meinen,« bestritt ich sein Gutachten, »Schiller, diese edle Seele, sollte sich mit den Federn fremder Geister verziert haben? Nein, dazu war sein Erdenwallen zu schlicht.«

»Pah! der und schlicht!« sagte Leuenfels wegwerfend. »Er hielt sich die besten Weine im Keller.« – »Die hatte er auch verdient.« – »Für seine gewöhnlichen Reime?« – »Nicht Jeder kann es so gut, wie er,« wurde ich anzüglich, »und an das Abschreiben glaube ich nicht.« – Statt aller Antwort nahm Leuenfels einen Band von Shakespeare und einen von Schiller aus dem Bücherspinde und schlug die Stellen auf, an denen man die Unredlichkeiten deutlich sehen konnte. Da stand im Hamlet: »Lebt wohl« und in Kabale und Liebe dito »Lebt wohl«. Desgleichen heißt es im Hamlet »Da kommt der König« und in der Jungfrau von Orleans ganz das Nämliche. Und die Louise Millerin sagt »Ach« und die Ophelia sagt auch »Ach« und so eine ganze Menge von Wörtlichkeiten mehr.

»Siehst Du wohl?« sagte Betti, die ihm vergleichen half, »wenn Schiller das bei einer Examensarbeit gethan hätte, wäre er durchgefallen.«

»Und so Etwas läßt sich noch lange Klassiker schimpfen?« rief ich empört aus. »Wem soll man nun noch trauen? Es ist heut zu Tage Alles Schwindel.«

»Man weist ihnen mit einander auf den Tippel nach, wo sie lange Finger gemacht haben,« sagte Leuenfels, »wir jüngeren Gelehrten lassen den sogenannten Geistesheroen nichts durchgehen, wir sind unerbittlich gründlich.«

Ich war wie mit Gewalt dumm gemacht über diese Entdeckung, denn aufrichtig gesagt, ich hatte meinen Schiller lieb, er war mir mehr als Andere. »Hat er seine Glocke auch gestohlen? fragte ich. – »Hierüber haben wir noch keine festen Anhaltspunkte,« erwiderte Leuenfels. – »Das ist wenigstens ein Trost, denn die weiß ich beinahe auswendig, und es wäre doch sehr anstößig, geraubte Waare im Gedächtniß mit sich herumzuschleppen.«

»Es ist Zeit, daß die Ueberschätzung aufhört,« nahm Leuenfels das Wort, »Warum hat das Publikum nur Anerkennung für die alten Dichter und vernachlässigt die jüngere Schule in unverantwortlicher Weise? Die Alten werden gekauft, wir können im Schreibtisch verschimmeln. Der Sinn für wahre Poesie ist dem Volke abhanden gekommen.« – »Nehmen Sie es ihm nur nicht weiter übel,« suchte ich ihn zu besänftigen, »es wird Sie auch ganz gewiß bewundern, wenn Sie todt sind.« – Er warf sich in den Lehnstuhl und fuhr mit allen zehn Fingern durch die blonden Haare, wobei er stöhnte: »Ich fühle es, ich bin um ein Jahrhundert zu früh auf diese undankbare Welt gekommen.« Hohnlachend setzte er dann hinzu: »Warum bin ich nicht lieber Bierwirth geworden?« – »Das können Sie noch immer, wenn das Volk seinen Geschmack absolut nicht erläutern will. Außerdem, glaube ich, versteht es mehr vom Bier, als von der Poesie. Legen Sie ihm versuchsweise einmal ein Gedichtenbuch hin und stellen Sie daneben ein schönes kühles Seidel vom frischen Faß; Sie werden sehen, wonach es greift.« – »Das Volk ist nicht werth, daß man dichtet. Meinetwegen mag es in dem Pfuhl seiner eigenen Gemeinheit versumpfen. Ich zertrümmere mein Saitenspiel und lasse das Volk verkommen!« – »Diese Härte!« rief ich. »Versuchen Sie es vorher doch ein paarmal in Güte, wie Abraham mit den Leuten zu Sodom und Gomorrha, ehe der liebe Gott den Dynamit anstach.«

»Wie soll ich das anfangen, wenn mir Niemand Gehör schenkt?« fing er wieder an. »In den Papierkorb hat man meine Gesänge geworfen und ... oh Schmach ... in den Briefkästen der Journale zum Ueberfluß verhöhnt.« – Der arme Bengel fing an mir leid zu thun. »Muß denn Alles gereimt sein?« nahm ich tröstend und aufmunternd zugleich das Wort. »Es giebt Leute, die mögen keine Bollen riechen, und andere, die essen vor Johanni das grüne Kraut ober der Erde und nach Johanni die Knollen unterhalb. So ist es auch mit der Poesie; dem Einen ist sie sein Leibgericht und der andere nimmt sie nicht in die la main. Aufrichtig gestanden, bin ich auch mehr für das Ungereimte, weil doch die seltensten Menschen in Versen sprechen und dies meistens nur, wenn sie phantasiren und Blutegel heran müssen nebst Eis auf den Kopf. Schreiben Sie statt Versmaße ein verständliches Aufsatzdeutsch, das wird sicherlich gefallen.« – »Prosa!« rief er kläglich aus, »elende Prosa?« – »Meine Tochter hat, glaube ich, auch mehr Talent für das Simple. Nicht wahr Betti?« – »Bis jetzt ist mir das Dichten noch nicht faßlich,« bestätigte sie. – »Du solltest doch Herrn Leuenfels die kleine Geschichte vorlesen, die Du neulich geschrieben hast.« – »Sie ist gar zu unbedeutend, ich müßte mich geniren.« – »Ich bitte Sie, mein Fräulein,« sagte Leuenfels, »für durchaus überflüssig halte ich die Prosa nicht.« – »Er wird sich schon noch geben,« dachte ich.

Betti ging die Erzählung holen, welche sie ihrem Papa zum Weihnachtsabend geschenkt hat und die uns so außerordentlich erfreute, weil sie Alles ganz aus sich selbst hatte, ohne Beihilfe, nur daß sie den Baum, wovon sie schrieb, vorher in einem Laden sah. Die Mutter, der Vater und die Kinder sind ihr dagegen völlig unbekannt, die hat sie sich auf ihre eigene Hand ausgedacht. Ich war deshalb sehr neugierig, was Feodor Wichmann-Leuenfels wohl sagen würde, und Betti schien auch etwas benaut, denn nur stöckerig begann sie zu lesen: »Der patentirte Tannenbaum.« – »Das ist purer Unsinn,« rief Leuenfels dazwischen. – »O nein,« entgegnete ich, »so etwas giebt es, und was es giebt, ist kein Unsinn. Nun unterbrechen Sie aber nicht wieder, sonst werd' ich unangenehm.« – Betti fuhr fort:

»Er war von Amerika gekommen, sorgsam in einer Kiste verpackt. Die einzelnen Theile waren numerirt, damit man sie zusammenstellen konnte, wie es sich gehört, und wenn Alles ineinandergeschoben war, dann stand der patentirte Tannenbaum fix und fertig da. Der Stamm sah beinahe ebenso aus wie ein wirklicher Tannenstamm, nur war er glänzender als dieser, weil er einen wundervollen patentirten Lacküberzug trug, seine Zweige saßen in viel regelmäßigerer Anordnung daran, als sie ein armer Waldbaum aufzuweisen vermag und krümmten sich so elegant und so gleichmäßig, als hätten sie alle ein und denselben Anstandsunterricht genossen. Und wie herrlich grün waren die Zweige! Statt der Nadeln bekleidete sie feine weiche Chenille, die der Färber mit seinem besten Grün gefärbt hatte. So grün war kein Baum auf der weiten Welt. An jedem der Drahtzweige saß ein Kerzenhalter und kleine Häkchen waren daran zum Befestigen des Konfektes und der silbernen Aepfel und goldenen Nüsse. Auch die Nüsse und Aepfel waren nach einem patentirten Verfahren aus Metall angefertigt. Sie ließen sich freilich nicht essen, aber dafür konnten sie stets wieder gebraucht werden, wenn Weihnachten kam. Und nun erst der Untersatz, auf dem der Baum stand. Der war aus Gußeisen, fein vernickelt und hatte eine Inschrift, die Jedem, der lesen konnte, verkündete, daß der Baum patentirt sei. Der Untersatz barg außerdem noch ein Geheimniß, das erst am heiligen Abend offenbart werden sollte und auch dieses war patentirt. Es gab keinen patentirteren Tannenbaum, als das Kunstwerk aus Amerika.

Nun kam der Weihnachtsabend, und während die Kinder sehnsüchtig des Augenblickes harrten, in dem die Thüren zum Bescheerungszimmer geöffnet wurden, bauten die Eltern da drinnen auf. Die Liebe hatte die einzelnen Gaben gewählt und wiederum war es die Liebe, welche half, die Geschenke auszubreiten, daß sie sich dem Empfänger anmuthig darböten und er zuerst fände, worauf sein Wunsch am lebhaftesten gerichtet war. Manches wurde versteckt hingelegt, damit es erst später entdeckt werde und eine neue Ueberraschung bereite, nachdem die erste Freude sich ein wenig gelegt. Und zwischen all' den Gaben stand der patentirte Tannenbaum.

Die Eltern ließen noch einmal prüfend die Blicke in stiller Vorfreude über die Herrlichkeiten gleiten, welche Kinderherzen froher schlagen machen sollten, als sonst an einem Tage im Jahre.

»Ich vermisse Nichts,« sagte die Mutter, »aber doch ist mir, als fehle Etwas. Nur kann ich nicht finden, was es sein möchte.«

»Es fehlt der Weihnachtsglanz,« erwiderte der Vater. »Lass' uns die Kerzen anzünden, ihr Licht giebt erst dem Ganzen die Vollendung.«

Als die Lichter an dem Patentbaume brannten, wurden die Thüren weit geöffnet und wie von dem hellen Schimmer geblendet, standen die Kinder an der Schwelle. Dann aber, als sie zu den Gaben geleitet wurden, Jedes an seinen Platz, jubelten sie auf. Nun war sie da, die Wonne seligen Gebens und beglückenden Empfangens.

»Habt Ihr Euch den Tannenbaum schon genau angesehen?« fragte der Vater nach etlicher Weile.

»Ist das ein wirklicher Tannenbaum?« entgegnets einer der Knaben.

»Nein, aber er ist viel schöner. Und nun gebt Acht, wie wunderbar er ist.«

Bei diesen Worten drückte der Vater auf einen kleinen Knopf, der an dem nickelplattirten Fuße des Kunstbaumes angebracht war, und der Baum fing an sich langsam zu drehen. Dazu spielte eine Musikdose einen lustigen Tanz. Das war das Geheimniß des patentirten Tannenbaums.

Einen Weihnachtsbaum, der sich dreht und obendrein selbst Musik dazu macht, hatten die Kinder noch nie gesehen. – »Gefällt er Euch?« fragte der Vater und zog das Uhrwerk von Neuem auf.

Die Kinder schwiegen. »Hat dieser Baum sich im Walde auch die Geschichten mit dem Hasen erzählt, wie es in meinem Märchenbuche steht,« begann einer der Knaben. – Der Vater lächelte. »Nein,« antwortete er, »dieser Baum ist kein Märchenbaum, den hat ein kluger Mann in Amerika gemacht.«

»Er riecht nicht nach Weihnachten,« sagte die Schwester. »Nun weiß ich, was ich vermißte,« flüsterte die Frau ihrem Gatten zu. »Der Baum athmet nicht den würzigen Hauch aus, wie die Tanne unserer Wälder. Ihm fehlt der Duft.« – Ob der patentirte Baum merkte, daß man tadelnd über ihn sprach, das ist schwer zu sagen, aber gerade in diesem Augenblick knackte es in seinem Uhrwerke und während er ein neues, viel lustigeres Stück zu spielen begann, drehte er sich noch rascher als vorher. Man hätte glauben können, er wollte zeigen, was er konnte. Aber das schien nur so, denn das neue Stück und die raschere Bewegung waren auch patentirt.

Mittlerweile hatte die Mutter sich entfernt, und als sie nach einiger Zeit zurückkehrte, brachte sie ein kleines Tannenbäumchen mit, das letzte, welches der Mann draußen auf der Straße den vorübergehenden zum Kaufe anbot, das aber Niemand haben wollte, weil es zu elend und erbärmlich war. Dann nahm sie Konfekt von dem patentirten Baum und schmückte den Neuangekommenen damit, auch Netze und Goldpapier hing sie daran und befestigte Wachslichter an seinen Zweigen. Ein Tischchen, mit einem weißen Tuche bedeckt, wurde für ihn hingestellt, und als er darauf stand und seine Kerzen brannten, schaarten sich die Kinder um ihn. »Dies ist Weihnachten,« sagten sie. Als nun eins der Lichter sich neigte und die grünen Nadeln des Nachbarzweiges sengte, daß sie zischten, mußte es ausgeblasen werden. Ein leichter Rauchstreifen erhob sich von dem glimmenden Dochte. »Jetzt ist es ebenso Weihnachten wie sonst,« hieß es.

Der patentirte Tannenbaum stand still, da er nicht wieder aufgezogen war, aber der kleine Waldtannenbaum durchduftete das ganze Zimmer mit seinem frischen harzigen Geruch. Die schiefe Wachskerze hatte ihm dabei zu helfen versucht, so gut es in ihren Kräften stand.

Wenn Besuch während der Festtage kam, wurde der patentirte Baum gezeigt und mußte seine Kunststücke machen. Man fand ihn allgemein ganz außerordentlich, aber weil der Weihnachtsabend vorüber war, merkte man nicht, daß ihm das Beste fehle – die Kraft, Erinnerungen zu wecken, die Erinnerung an frühere Weihnachtsabende und an den grünen Wald, der nun unter dem Schneedache schlummert und der Auferstehung im Frühlings wartet.

Später wurde der patentirte Tannenbaum wieder auseinander genommen, in seine Kiste gepackt und auf den Boden gestellt, jedes numerirte Stück des Stammes, jeder numerirte Zweig sorgsam in Seidenpapier eingewickelt. Ich bezweifle aber, daß er in diesem Jahre heruntergeholt und wieder zusammengesetzt werden wird, denn ich habe erfahren, es sei ein großer schöner Tannenbaum bestellt, der fast bis an die Decke reicht, und auch Nüsse mit wirklichen Kernen und Aepfel, die man essen kann, werden am Abend, wenn die Kinder schlafen gegangen, emsig vergoldet und versilbert.

Das sind schlechte Aussichten für den patentirten Tannenbaum.« –

Betti schwieg und schlug die Augen nieder, als hätte sie genascht oder irgend eine Thorheit begangen, deren man sich schämt, und obgleich mir die kleine Erzählung, trotzdem ich sie bereits bis auf jedes Komma kannte, wieder Spaß machte, schwieg ich auch und wartete gespannt auf Leuenfelsen's Ausspruch. Aber der blieb stumm. – »Na?« rief ich ungeduldig.

Leuenfels zuckte die Achseln. – »Ist das Alles?« – »Wie kann man solche Alltäglichkeiten schreiben?« nörgelte er. »Aber sie hat es doch ganz niedlich gemacht,« versetzte ich, »oder sind viele Fehler drin?« – »Nichts ist da,« rief er, »keine Exposition, keine Peripetie, keine Abrundung des Ganzen und vor Allem keine Poesie. Wo ist der Weihnachtsengel mit seinen poetischen, weißschimmernden Flügeln, wo sind die Festglocken mit ihren harmonischen Klängen, wo sind Glaube, Liebe und Hoffnung? Und was das Unverzeihlichste ist ... die Anleihe bei Andersen und sonstigen Märchenschmierern ist zu augenscheinlich. Ja man könnte von Plündern sprechen. Geben Sie das Schreiben auf, mein Fräulein. Sie besitzen allerdings Talent, aber kein Genie!«

Mir war bei diesem Tadelserguß, als würfe man mich von allen Seiten mit Klietern, besonders direktemang ins Angesicht, und Betti saß wie unheilbar verhagelt da und wagte sich vor Schmach und Schande nicht zu rühren, denn Leuenfels hatte recht: alle jene Zuthaten fehlten. Ich begriff jetzt selbst nicht mehr, daß wir Freude an der kleinen Erzählung gehabt hatten, daß mein Karl behaupten konnte, Betti wäre wohl verschlossen, aber sie sei tief von Gemüth, und wie ich so fehlschoß, daß ich glaubte, Betti werde, weil doch Gouvernante, Musik und Malen nichts für sie war, Befriedigung und eine Art von Beruf im Schriftstellern finden. Da hatte wieder einmal eine Eule gesessen.

Betti sagte kein Wort, denn sie ist nicht von der nachgeberigen Sorte, also mußte ich eine Lippe riskiren. »Da Ihnen Alles nicht gut genug dünkt, Herr Leuenfels,« begann ich, »so möchte ich wohl mal wissen, was Ihrer Meinung nach der richtige poetische Aweck ist, damit man Unterschied lernt.« – »Nichts leichter als das. Zwei Gedichte von mir sind in der »Aeolsharfe« abgedruckt, deren Redakteur, Hunold Müller von der Havel, mich persönlich aufforderte, Mitglied des Allgemeinen deutschen Reimvereins zu werden. Ich bin Mitglied. Mein letztes Gedicht wurde preisgekrönt. Verlangen Sie mehr?« – »O bitte, durchaus nicht.« – »Ich dichtete es im Wintergarten auf dem Preßfest. Der wahre Genius ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Ich werde es rezitiren.«

Er sich nun gegen den Ofen gestützt, die Manschetten herausgezupft, die Haare aufgewühlt, eine Miene angenommen wie gerührtes Apfelmuß und angefangen:

Die schmerzlich Getrennten.
Gekröntes Preisgedicht von Feodor Wichmann-Leuenfels

Ein Palmbaum steht im Norden In einem Gartenhaus.
Was ist aus ihm geworden?
Die Blätter geh'n ihm aus.

Er träumt von einer Fichte
Am fernen Kongostrand,
Die ward schon längst zu nichte
Im heißen Wüstenbrand.

»Na hören Sie,« rief ich, als er mit vieler Wehmuth zu Ende gekommen war, »berühmt kann ich das Gedicht nicht finden und neu ist es auch nicht mehr.« – »Nicht neu? Eine Improvisation von mir an jenem Abend nicht neu?« – »Nee,« sagte ich, »Du kennst doch auch das Gedicht von dem drömerigen Fichtenbaum, Betti, geht das nicht gerade so, wie das, was Herr Leuenfels eben deklamirte?« – »Nicht die geringste Aehnlichkeit«, schrie er beleidigt. »In dem elenden Machwerke, das Sie meinen, steht der Fichtenbaum im Norden und bei mir der Palmbaum, und das soll dasselbe sein? Lächerlich! Wer nicht dazu fähig ist, sollte sich doch kein Urtheil anmaßen.«

Nun kochte mir die Galle über. »Sie sagen von meiner Betti, sie hätte Anleihen gemacht, wo sie selbst grapschen, daß man glaubt, der Staatsanwalt klopfte bereits an die Thüre, und reden noch lange von Genius und Pathologie und was weiß ich? Das paßt mir nicht in meinem Hause und wenn Sie mir'n Gefallen thun wollen, Herr Wichmann, dann sehen Sie nach, ob Ihr Paletot vielleicht draußen gestohlen sein sollte, und wenn nicht, dann führen Sie'n an die Luft, daß die Motten nicht hineinkommen. Wer meiner Betti was zu Leide thut, dem werd' ich helfen. Und nun denk ich, lassen wir's Dichten ein für alle Mal sein!« – Er sagte, er sei gewohnt, mißverstanden zu werden und so auch hier, und schloß mit den Worten: »Nun gut, verschmäht man meine Poesien, so werde ich den Leuten zeigen, was ich vermag. Wer mich nicht verehrt als Dichter, der soll mich fürchten als Kritiker. Jetzt habe ich meine Bestimmung erkannt, Frau Buchholz, dafür bin ich Ihnen dankbar.« – Er empfahl sich und ging stolz davon.

Wie recht hatte doch Onkel Fritz: wenn das Wort Patentfatzke nicht schon erfunden wäre, hätte man es für diesen Pojatz eigens erfinden müssen. Und den hat mir der Dr. Stinde aufgepackt. Na warte, Jungeken, Dir werde ich wieder Gans braten! –

Die Folge davon war, daß Betti kein Vergnügen am Schreiben mehr fand und die Welt um einen Kritiker reicher geworden ist; ich wünsch' ihm gerade nicht, daß er einmal gehörig anläuft, aber Gott gebe es. Ohne seine Schnodderigkeit hätte Betti unschuldig darauf los geschrieben, und die Gedanken an verlorenes Glück wären ihr beim Arbeiten fern geblieben; sie hätte Zerstreuung gehabt, ohne sie weit im Theater oder in Konzerten zu suchen, wohin wir nur selten kommen, weil das theuerste Vergnügen immer das ist, welches man sich von anderen Leuten vormachen lassen muß, und so wegwerferisch haben wir es nicht. Wenn wir mal in den Lohengrin gehen oder ins Schauspielhaus, das sind erinnerungsreiche Festabende, oder mal bei Wallner, wenn sie recht etwas zum Trudeln geben, wohingegen die Operette uns zu schenirlich ist.

Nun war Alles wieder beim Alten, und, da Mila auch noch fehlte, brachte das tägliche Einerlei Stunden, die mit Blei ausgegossen schienen. Allein, wo nichts zu machen ist, da ist auch nichts zu wollen und so trugen wir Beide dasselbe Leid: Betti auf ihren jungen Schultern, ich auf meinen alten, wem es am schwersten ward, das mochte Keiner eingestehen. –

Mich beschäftigten außerdem die mysteriösen Andeutungen, welche Herr Max bei der Regatta äußerte, und ich weiß nicht, was ich darum gegeben hätte, deutlich bis auf den Grund zu sehen. Aber, fließt das menschliche Leben kristallklar dahin? O, nein, mehrstens ist es modderig, wie die Panke. –

Endlich kam aber dennoch die Zeit der Offenbarung in der Form eines Briefes von Herrn Max, der mich um eine Unterredung ersuchte. Ich bestimmte ihm den kommenden Freitag, an welchem Betti bei Kuleckes ging, und empfing ihn pünktlich um Sechsen in der guten Stube. – »Halten Sie sich nur nicht lange in der Vorrede auf,« bat ich, nachdem ich ihm zur Ermuthigung der Lebensgeister Portwein hingesetzt hatte, denn er machte einen zurückhaltenden Eindruck. »Sie können ohne Umschweife reden, ich bin auf das Schlimmste gefaßt.« – »Ich komme mit guten Nachrichten,« entgegnete er. – »Dann nur heraus damit.« – »Als Anwalt meines Freundes muß ich umständlicher sein, als Ihnen vielleicht lieb ist.« – »Nun denn, meinetwegen, aber stärken Sie sich vorher.« – Er nippte kaum von dem Wein und fuhr darauf fort: »Sie haben ihn kennen gelernt.« – »Und mich in ihm getäuscht. Nie werde ich es vergessen, wie er, rasch entschlossen, in frischem Jugendmuthe sein Leben wagte, um den Knaben zu retten. Ich bewunderte ihn, und sein bescheidenes und doch so mannhaftes Wesen gewann bei näherer Bekanntschaft mein ganzes Herz. Nicht das meine allein, und das war unrecht von ihm. Er wußte, was er angerichtet hatte, Sie wußten es auch, und nachdem er den Triumph gefeiert hatte, eine unschuldige Mädchenseele zu bethören, verschwand er auf Nimmerwiedersehen. Das war falsch, und so steht er jetzt in meinen Augen da.«

Lebhaft entgegnete Herr Max: »Ich kann ihn rechtfertigen.« – »Wer's glaubt!« – »Mir werden Sie glauben, mir, seinem Freunde.« – »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!« bemerkte ich mißtrauisch. Er biß die Zähne auf einander und blickte mich unwillig an. – »Sie verunglimpfen ihn,« stieß er hervor. »Ich kenne ihn von der Schulbank an. Er, der Kräftige, Starke, schützte mich, den schwachen Knaben, vor dem Uebermuthe der Anderen, er sorgte für mich, als ich verwaiste, ihm verdanke ich, was ich bin. Keinen Treueren giebt es als ihn, und darum betrifft mich Alles, was ihn betrifft. Wie jubelte auch mein Herz, als er mir vertraute, er habe das Glück seines Lebens gefunden, und nicht mehr kann er gelitten haben als ich, da er verzichten mußte.« –

»Mußte?« fragte ich verwundert.

Max schwieg eine Weile und fuhr dann mit leiser Stimme fort: »Wir waren Beide erst seit einigen Jahren in Berlin, die Woche gehörte der Thätigkeit im Geschäfte, an den Sonntagen bot die Großstadt mit ihrer Umgebung Kurzweil die Hülle und Fülle. Verdenken Sie es lebensfrohen Männern, wenn sie zugreifen, wo das Vergnügen ihnen die Hand reicht? – »Warum sollen sie sich nicht zerstreuen? Das heißt sie müssen nicht solche krummbeinigen Wege gehen wie Herr Kleines.« – »Ich verstehe Sie nicht.« – »Der Cousinen einladet, die es gar nicht sind.« – Er schlug die Augen nieder und verstummte. – »So reden Sie doch,« rief ich angstvoll. – »Er hatte sie zuerst in Treptow gesehen und mit ihr getanzt ...« »Welche ›sie‹?« – »Sein Verderben.« – »Jetzt weiß ich genug,« entgegnete ich bitter, »mehr wird wohl nicht nöthig sein.« – »Doch,« rief er, »Sie müssen mich zu Ende hören. Als wir damals von Tegel zurückkehrten, sagte mein Freund: ›Max, von heute an wird mit der Vergangenheit gebrochen‹ ...« – »Das sagte er wohl, aber er that es nicht.« – »Er versuchte sich loszureißen, sie litt es aber nicht. Sie drohte ihm, wenn er sich verloben würde, mit Ansprüchen hervorzutreten.« – »Hatte sie Rechte dazu?« – »Nein. Er lachte sie aus. Sie schwur, ihm den unerhörtesten Skandal zu machen und sei es am Hochzeitsmorgen, in der Kirche selbst. Sie würde behaupten, er habe ihr die Ehe versprochen. Wer das Gegentheil beweisen könne? – Er fragte sie, ob sie ihn für sein ganzes Leben unglücklich machen wollte, worauf sie antwortete, sie sei aus respektabler Familie, einer Anderen nachzustehen, fiele ihr nicht ein. In ihrem Hasse wäre sie zu Allem fähig, das möge er bedenken. Da vermied er es, der jungen Dame zu begegnen, die er mit der Allgewalt des Herzens liebte, er fürchtete, seinen Lippen könnte ein Wort entschlüpfen, das er nicht aussprechen durfte, damit er sie nicht an sich zöge und Kränkungen aussetze. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Berlin zu verlassen.« ... »Und sich vorher noch nach der Möglichkeit zu amüsiren. Wollen Sie mir vormachen, der Bock sei ein Aufenthalt für Leute mit gebrochenem Herzen?« Er blickte mich erstaunt an. »Jawohl, ich selber habe ihn dort gesehen und zwar in ganz merkwürdiger Gesellschaft. So viel Zeit hatte ich noch, das zu bemerken.« – »Auch diesen Umstand kann ich Ihnen erklären. Es galt, jene rachsüchtige Person von der rechten Fährte zu bringen; von dieser Zeit an spürte sie seinen Schritten nicht mehr nach.« – »Berlin, Berlin« rief! ich, »was machst Du aus den Menschen! Und solche Geschichten nennen Sie gute Nachricht? Ich danke!«

»Gewiß,« versetzte er ruhig. »Die Besorgnisse, welche meinen Freund fernhielten, sind nicht mehr vorhanden; seit vorgestern ist die Bekanntschaft von Treptow mit einem gut situirten Handwerker verheirathet und mir ward von Felix der Auftrag, Ihnen Alles mitzutheilen, damit Sie ihn nicht ganz verkennen.«

Ich schwieg. Konnte ich ihn von aller Schuld freisprechen? Nein. Und doch fühlte ich, daß er nicht unrecht an uns gehandelt hatte. Er drängte sich nicht bei uns ein, ich selbst zog ihn heran, er hatte nie mit Betti über Liebe gesprochen, ihr kein Wort gegeben und auch keins abverlangt. Das stimmte. Und doch waren aus Beider Herzen Hoffnungen ergrünt, ganz im Stillen und Geheimen, und ebenso still und geheim verwelkt, zerstört durch den Leichtsinn an lustigen Sonntagen.

»That er solches Unrecht, daß Sie kein Wort der Verzeihung haben?« fragte Herr Max. – »Was nützt ihm meine Verzeihung?« entgegnete ich. – »Alles, er würde wieder hoffen, sich Ihnen nähern zu dürfen.« – »Es ist zu spät. Betti hat entsagt. Verlorene Liebe kehrt nicht wieder.« –

Herr Max sprang auf. »Das kann ich ihm nicht schreiben,« rief er erregt. »Nun und nimmer. Er wartet auf gute Botschaft. Die muß und muß ich haben.« – Er sprach so warm und innig für seinen Freund, daß ich nicht unbewegt bleiben konnte. – »Hier darf ich nicht allein entscheiden, es haben noch Andere mitzusprechen.« – Ich klingelte und schickte Doris zu meinem Karl ins Kontor und ließ ihn heraufbitten. Er kam auch gleich, und als er Herrn Max sah, begrüßte er ihn freundlich und fragte: »Nun wie steht die Angelegenheit, junger Freund.« – »Vorgestern war die Hochzeit,« lautete die Antwort. – »Was ist das?« rief ich erstaunt, »Du weißt Bescheid?« – »Herr Felix Schmidt war so aufrichtig, mir vor seiner Abreise zu erklären, welche Beweggründe ihn von Berlin trieben. Ich konnte seine Handlungsweise nur billigen.« – »Und mir ... mir verschwiegst Du das? Karl, das finde ich ...« – »Wilhelmine, thue mir den Gefallen und sieh' Dein Bild einen Augenblick an. Was solltest Du Dich unnöthig quälen? Auch ich hatte bereits an jeder glücklichen Wendung der Dinge gezweifelt und hielt es für besser, Vergangenes ruhen zu lassen. Jetzt aber handelt es sich darum, hat Betti ihn vergessen oder nicht?« – »Sie scheint seiner nicht mehr zu gedenken.« – »Sie scheint nur?« fragte Herr Max eindringlich. – »Ich werde sie vorsichtig aushorchen. Aber was nützt das? Sobald sie Alles erfährt, tritt sie zurück. Sie hat ihren Stolz.« – »Wenn es an der Zeit ist, wird der ihr sein Geheimniß mittheilen, dem es gehört. Wir haben kein Recht, sein offenes Vertrauen zu mißbrauchen. Er hat seine Thorheit bereut und gebüßt, indem er seiner Liebe Schweigen gebot. Willst Du ihm deshalb nachtragen? Wer ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein auf ihn.« – »Karl, ich will hoffen, daß Du mitwerfen darfst.« – Er lachte. »Meine Frau hat schon eingelenkt,« sagte er zu Herrn Max, »holen Sie sich morgen Bescheid.« – »Nicht persönlich, das könnte Betti auffallen,« wehrte ich ab, »aber wenn morgen diese rothe Hyacinthe vor dem zweiten Fenster steht, sind die Aussichten gut.« – »In aller Frühe werde ich an Ihrem Hause vorbeigehen und hinaufspähen,« erwiderte Herr Max und nahm Abschied. – Ich mußte denken: »Wer einen so anhänglichen Freund hat, der kann unmöglich schlecht sein. Wäre die Jugend nur nicht so überschäumend und unüberlegt. Aber vielleicht läge der kleine Knabe längst in der kühlen Erde, wenn sie es nicht wäre.« –

Ich konnte doch nicht umhin, mich noch mit meinem Karl über sein egoistisches Verschweigen ein wenig anzulegen, aber es fruchtete nichts, er sah zu rosenfarben in die Zukunft. Er wünschte sich Herrn Felix Schmidt als Kompagnon, darüber kam er gar nicht hinaus. »Dann hätte ich eine Stütze, Minchen, er versteht sich auf die Fabrikation. Dort, wo er jetzt ist, in Sachsen, wollen sie ihn als Associé ins Geschäft nehmen.« – »Woher weißt Du das?« – »Man hat sich bei mir nach ihm erkundigt, da er sich auf mich berief.« – »Und was berichtetest Du über ihn?« – »Daß er vor allen Dingen ehrlich sei und ich ihm das höchste Vertrauen schenken würde.« –

Mein Karl ging nach dem Abendbrot noch auf ein Stündchen zu Biere und ich wartete auf Betti, die zur rechten Zeit kam. Sie war guter Dinge, denn sie hatte bei Kuleckes ihre kleine Erzählung vorgelesen, wie sie früher versprochen, und Alle, namentlich Amanda, waren sehr anerkennend gewesen; sie hatte trotz Leuenfelsen nun doch wieder Lust zum Schreiben. Allerdings hatte Amanda Kulecke gesagt: »Kind, es muß mehr Liebe dazwischen, einerlei ob glückliche oder unglückliche, wenn es nur welche ist.« – »Willst Du das nicht einmal versuchen?« kundschaftete ich aus, und mein Herz fing an zu klopfen. »Glückliche Liebe?« entgegnete sie schwermüthig, »soll ich mit Thränen schreiben?« – »Du könntest,« setzte ich meinen Gedankengang fort, während das Herzklopfen so zunahm, daß ich die Worte kaum hervorzubringen vermochte, »vielleicht schildern, wie Zwei sich lieben, ohne es einander zu gestehen, und wie der Eine in die Ferne zieht, um Geld und Gut zu erwerben, oder so ähnlich, und erst wiederkommen will, wenn er glaubt genug zu haben, worüber die Andere ihn mittlerweile vergißt.« –

»Vergißt?« fragte Betti und blickte mich groß an, »dann hat sie ihn nicht geliebt.«

»Du liebst ihn also immer noch? Weißt Du denn, warum er davon gegangen ist?« platzte ich unbedacht heraus. In diesem Augenblick wäre mir ein Schlagfluß wohlthätig gewesen, denn ich erwartete, Betti würde außer sich gerathen. Sie blieb aber ruhig und sagte kaum hörbar:

»Ich bin ihm wohl zu gering gewesen.«

Meine Hände hatten sich fest in das Sopha gekrallt, weil ich einen Anhalt haben mußte. Sie lösten sich nun allmählich wieder und ich schöpfte Athem. »Betti,« sagte ich »sei so gut und setze die rothe Hyacinthe vor das zweite Fenster, sie duftet in der Nähe zu stark.« –

Betti that, wie ich gebeten; ich aber wußte nun, daß sie verzeihen und vergeben würde, wenn sie je etwas erführe, und sah auch ein, wie wohlweislich mein Karl geschwiegen hatte, denn wie leicht kann man sich vergalloppiren.

»War Besuch da, weil Du in der guten Stube sitzest?« fragte Betti.

»Ein Geschäftsfreund von Papa war hier,« sagte ich so bedeutungslos wie möglich.

Und dann sprachen wir von mancherlei Dingen, die uns eigentlich gar nichts angingen, aber Betti vermied, das Schriftstellern zu berühren, und ich gab Acht, daß ich mich nicht verrieth. Zuletzt kam der Sandmann, der streute uns Traumkörner in die Augen und wir gingen zur Ruhe. Die Hyacinthe stand ja an dem richtigen Platz.

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