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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Auf dem Kriegspfad.

Wenn mir Onkel Fritz in meinen Mädchenjahren gesagt hätte, ich würde einmal in späteren, gesetzteren, zumal verheiratheten Tagen, ohne Vorwissen meines Karls, nur in Begleitung der Frau Polizeilieutenanten, Jagd auf einen Menschen machen, wie die Rothhäute, von denen wir damals gemeinschaftlich in Lederstrumpfs Erzählungen lasen, daß sie ihren Feind auf allen Vieren beschleichen und dann unter gräulichem Kriegsgeschrei skalpiren ... ich hätte sicherlich gesagt: »Du hast wohl 'ne neue Mütze aufgehabt und Frost in den Kopf gekriegt.« – Aber daß es wirklich so kommen konnte, daß ich mit hinaus mußte auf den Kriegspfad ... war ich vielleicht daran Schuld? O nein, sondern die neuen Einrichtungen, die Berlin mit sich bringt, seitdem es von Jahr zu Jahr gewachsen ist, als hätte es eigens dafür eingenommen, und die doch hauptsächlich für ein wohlgesonnenes Publikum geschaffen und nicht angelegt sind, daß sie von gewissenlosen Menschen gemißbraucht werden. Oder hat Herr Kleines ein Gewissen? Ich für meine Person zweifle daran, und wenn doch, dann hat es Nebenluft.

Nun giebt die Polizeilieutenanten mir die Schuld, ich hätte ihn bei ihnen eingeführt, aber dies bestritt ich mit allen mir innewohnenden Kräften, da sie selbst von mir verlangte, daß ich ihn ihr vorstellen sollte, als er in Pichelswerder herankam und sie sich vor Neugier nicht länger halten konnte und wissen wollte, wer der sei, der so auffallend in Mode ging. Erst darauf erlaubte ich mir, ihn ihr sich präsentiren zu dürfen, wenn sie dagegen anders behauptet, so wird sie sich dermaleinst verantworten müssen, wenn Herz und Nieren geprüft werden, und das dürfte ihr wohl nicht ganz besonders bekommen. Damit will ich aber nichts gegen eine so hochstehende Dame gesagt haben, deren Umgang ich so sehr schätze. Schließlich sind wir ja alle nicht ohne Fehler, wenn mir auch Niemand nachweisen kann, daß ich andere Leute jemals für das verantwortlich gemacht habe, was Andere verursachten und sie dann allen Gefahren und der Unbill der Witterung aussetzte, weil sie vor Hochachtung gekränkt schwiegen und lieber duldeten und litten, als daß sie die Grenzen der sozialen Schicklichkeit überschritten. Wäre die Bergfeldten mir so gekommen, ich hätte die Bildung nicht bei Seite gesetzt, keineswegs, aber ich würde meinem Schöpfer doch gedankt haben, nicht an ihrer Stelle gewesen zu sein.

Die Sache selbst lag so einfach wie nur möglich. Die Polizeilieutenanten merkte nämlich, daß ihre Mila in der letzten Zeit ungewöhnlich viele Briefe an ihre Freundinnen schrieb, ohne daß der Briefträger ihr jedoch Gegenantworten retour brachte, und dies muß einer Mutter verdächtig sein, namentlich wenn die Tochter wirklich so sehr schöne dunkelblonde Zöpfe hat wie Mila und recht hübsch geworden ist. Nach meiner Idee zwar ein bischen üppig für ihr Alter, aber doch schlank dabei und besonders adrett zu Fuß, was sie wohl vom Vater hat, der immer noch gerne mal einen selbstgefälligen Blick auf seine engen Stiefel niedersenkt, obgleich er doch über die Jahre hinaus sein sollte, wo kneifendes Fußzeug zur Lebensfreude gehört. Von der Mutter hat sie ihre unternehmende Gangart nicht und ebensowenig die niedlichen Tanzfüßchen, denn seitdem die auf der Welt herumläuft, sind die Lederpreise ganz gewiß gestiegen. Deshalb aber braucht sich Niemand verletzt zu fühlen, denn Naturgaben sind einmal Naturgaben, und ich finde es herablassend, wenn Damen von gesellschaftlicher Stellung der Industrie ansehnliche Absatzgebiete eröffnen.

Als nun einmal der Verdacht rege geworden war, daß nicht Alles in Ordnung sei, ward die Frau Polizeilieutenanten aufmerksam, allein, obgleich sie Mila's gänzliche Sachen durchsuchte, fand sich kein Fingerzeig vor. Aber beim Großreinemachen, wo alle Möbel an die Sonne gebracht werden, da kam es an den Tag, da stachen in den Sprungfedern von der früheren Chaiselongue, welche Mila als Sopha in ihrem Zimmer hat, die Briefe mit einem himmelblauen Seidenband zusammengebunden. Alle miteinander postlagernd und die angebliche Freundin, welche sie geschrieben, war kein Anderer, ... als Herr Kleines.

Nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt, schloß sich die Frau Polizeilieutenanten ein und las die Aktenstücke durch, wie sie mir später mittheilte. »Ganz wie in den Romanen,« sagte sie, »und mit Gedichten untermischt, sie glaubte nicht, daß Spielhagen es viel schwunghafter zusammenbringen könnte.«

Was nun thun? Dem Gatten Alles sagen, die Briefe einzeln auf den Tisch legen, sich auf das Sopha dahinter setzen, Mila hereinrufen und eine Inquisition abhalten, die mit Heftigkeit und Schelte endigt, oder mit Weisheit zu Werke gehen, Mila bei der optischen Täuschung lassen, als wüßte man nichts, und dann Herrn Kleines greifen, damit der seinen wohlverdienten Lohn empfange? Sie entschied sich für das letztere, schlang das blauseidene Band um die sündhafte Lektüre und vertraute sie den Sprungfedern wieder an. So konnte sie nun von Zeit zu Zeit nachsehen, und indem sie stets wußte was vorging, war sie der verkappte Schutzgeist ihrer eigenen Tochter, denn das wußte sie, daß Herr Kleines nur ein Familientäuscher ist, der sein Vergnügen darin findet, jungen Damen die Tour bis aufs Aeußerste zu schneiden, aber sofort abschnappt, wenn er merkt, daß die Familien unscherzhaft werden. Das sind trübe Schattenseiten der großen Stadt, denn wenn so etwas in einer kleinen Stadt passirt, wird derjenige sogleich von allen respektablen Familien in Acht und Bann gethan, bis er zur Einsicht kommt und diejenige nimmt, oder wenn es angeht, wird er versetzt und ein anderer junger Mann von honetten Grundsätzen bekommt seine Stelle mit Avancement, so daß man keinen Vorwand hat, diesem die Einwilligung länger zu verweigern.

Ueber Herrn Kleines' Charakter war die Frau Polizeilieutenant hinreichend unterrichtet, denn nach jener abendlichen Bootfahrt auf der Havel hatte sich der Herr Polizeilieutenant am nächsten Tage selbst hinbegeben, wo Herr kleines Chambre garnie wohnt und, da er ihn nicht persönlich traf, sich mit der Vermietherin in ein längeres privates Gespräch eingelassen, worauf diese um so erwünschter redselig gewesen war, als es ihr offenbar das Herz erleichterte, einmal ungebremst auszukramen. Schuldig war er keinen Pfennig, dies mußte sie gestehen, aber mit der Ordnung sei es nichts; wenn sie nicht all und jedes wegräumte, sähe es in dem Zimmer aus, als hätte ein Erdbeben stattgefunden. Und das fürchterliche Rauchen! Daß das Haus nicht schon längst in Flammen aufgegangen sei, wäre nur ein Wunder, die neue Tischdecke wäre gleich durchlöchert gewesen und einen Bettüberzug hätte er auch angebrannt. Als sie ihm dies vorgehalten, habe er gesagt: Sie könnte sich ja nur an die Feuerversicherung halten, die wäre für Brandschäden haftbar. Ob man das Manier nennte? – Wann er nach Hause käme, hatte der Herr Polizeilieutenant darauf gefragt. – Dies wäre schon mehr Lebenswandel, hätte die Frau darauf geantwortet, eine christliche Zeitrechnung könnte sie das nicht nennen. Und sie sei aus ordentlicher Familie. Ihre Eltern hätten ihr nichts hinterlassen, als die Hauseinrichtung, sie wäre darauf angewiesen, zu vermiethen und das sei ein schweres Brot, ein bitteres armuthsvolles Leben. Krank werden dürfe sie nicht und erdulden müsse sie vieles, denn die jungen Leute, die bescheiden wären und sich Alles gefallen ließen, die blieben mit der Miethe im Rückstand und die Herren, welche prompt bezahlten, wären anspruchsvoll und grob. Sonst würde sie die Kaffeegesellschaften nicht leiden, das könnte man ihr glauben, ihr Vater sei sogar höherer Beamter gewesen.

Was das für Kaffeegesellschaften seien? hatte der Herr Polizeilieutenant nun offiziell gefragt. – Sie nennen sie ihre Cousinen, hatte die Vermietherin geantwortet, aber es wären Ladenmamsells, mit denen sie die Tanzlokale besuchen. – welche ›sie‹? hatte er gleich nachgefaßt. – »Nun, Herr Kleines und Herr Pfeiffer, der auch bei mir wohnt. Und ich muß den Kaffee machen und den Kuchen besorgen und hungrig sind sie wie die Wehrwölfe. Manchmal geht für zwei Mark Gebäck darauf und mehr, wo soll das hinaus? Aber läßt man ein Wort von Verschwendung fallen, gleich giebt es Krakehl mit Anzüglichkeiten; wenn man gezwungen ist, von möblirten Herren zu leben, lernt man die Welt kennen.«

Ich fühlte meine Frisur sich sträuben, als die Frau Polizeilieutenanten mir diese Art von Laufbahn hinterbrachte, und fragte Onkel Fritz daher bei passender Gelegenheit, ob er Aehnliches erfahren hätte und ob die jungen Leute wirklich so wären? – »Es giebt so'ne und solche,« antwortete er, »aber die Schuld liegt nicht allein an ihnen. Wenn die Familien sich der jungen Leute annähmen und nicht in jedem einen Heirathskandidaten erblicken wollten, würde wohl Mancher solider sein. Es dürfte ja aber nur Einer in einer Familie mit Töchtern verkehren, so hätten die Tanten die Partie gleich unter sich ausgemacht, worauf der junge Mann kopfscheu würde und heulend davon flöhe. Ist es dann ein Wunder, wenn er sich in den Berliner Strudel stürzt? Betrachtet doch die Geselligkeit nicht als Heirathsbureau.« – was Onkel Fritz hierauf von mir zu hören bekam, das war nicht von Pappe!

Die Hauptsache war jedoch, daß wir über Herrn Kleines genügend unterrichtet waren, und als die Ereignisse ihre Reife hatten, kam die Frau Polizeilieutenanten zu mir und sagte: »Nun ist es so weit.« – »Was?« fragte ich. – »Er hat sie zu einem Rendezvous mit Schokolade bei Konditor Müller eingeladen.« – »Der schräg vis a vis vom Centralhotel wohnt?« fragte ich, »und den besten Baumkuchen backt?« – »Der wird es wohl sein, denn auf dem Bahnhof Friedrichstraße wollen sie sich treffen.« – »Dies ist schändlich!« fuhr ich auf, »eine so dankenswerthe Einrichtung wie die Stadtbahn zu solchen Fehltritten herabzuwürdigen.« – »Und Sie haben ihn mit uns bekannt gemacht!« – »O nein.« – »O ja!« – »Durchaus nicht.« – »Erst recht!« – »Nun soll mir doch einer einen Storch braten, aber einen milchernen,« entgegnete ich möglichst gleichmüthig, um keine Erzürnung zu veranlassen. – »Frau Buchholz,« erwiderte sie mit aller ihr anhaftender Vornehmheit, »Sie sind dessen ungeachtet verantwortlich und müssen mir Herrn Kleines auf dem Bahnhof abfangen helfen. Die Billete habe ich gleich mitgebracht, seien Sie nur so gut, sich reisefertig zu machen.«

Ich hatte bis hierher das Eisenbahnfahren immer für eine Art von Vergnügen gehalten, mit Ausnahme natürlich von den Bummelzügen, die bei jeder Telegraphenstange anhalten, aber nun sah ich doch ein, daß es darauf ankommt, warum und wohin man reist, wobei die Schnelligkeit ganz Nebensache bleibt.

Mir wäre es schon recht gewesen, wenn die Lokomotive einen Anfall von Explosion bekommen hätte, damit der Zug nicht vorwärts konnte, aber mir ging es wie immer, wenn ich irgendwo bei bin ... ich hatte wiederum kein Glück. Wie oft wünschte ich als Kind am letzten Ferientage, wegen der unvollbrachten Arbeiten, die Schule möchte zusammenfallen, oder abbrennen, oder der Hauptlehrer das Bein brechen, aber solche Freude ward mir nie gewährt, im Gegentheil: meine Nachbarin bekam immer das herzusagen, was ich gerade wußte, und ich blieb ausgerechnet bei dem Vers hacken, von dem ich fest und sicher meinte, wir hätten ihn nicht mit aufgekriegt. Und deshalb passirte diesmal auch kein rettendes Ereigniß, weder ein Bischen Entgleisung, noch eine kleine Anrempelung, und bevor ich mich nothdürftig ausgeseufzt hatte, waren wir auf dem Bahnhof Friedrichstraße.

»Wir müssen rasch nach der anderen Seite hinüber,« sagte die Frau Polizeilieutenanten, »denn er hat ihr ein Billet nach Potsdam geschickt, natürlich damit, wenn man etwas merken sollte, man auf dem Stadtbahnhof vergeblich warten könnte. Ich habe den Brief gelesen und das Billet gesehen.« – »Schauderhaft!« rief ich. – »Dabei fragt es sich, ob der Konditor Müller etwa nur ein Vorwand ist und er mit dem Kinde in die weite, weite Welt hinausfährt.« – »Lassen Sie uns eilen, meine Beste,« rief ich, »hier liegt ein Verbrechen vor, das wir verhüten müssen. Er soll die Buchholzen kennen lernen.« – »Auch an mich soll er denken,« sagte die Polizeilieutenanten, »wenn der Blitz sich unerwartet über seinem Haupt entladet.« – »Jawohl, wir sind die Gewitterwolken,« rief ich, mich ihrem Gedankengange anschließend. – »Ich wüßte nicht, daß ich etwas gewitterwolkenartiges an mir hätte,« erwiderte sie spitz, »und wenn ich meinen neuen Mantel für diese Tour zu gut halte, brauche ich mir darüber doch keine Vorwürfe machen lassen. Sie haben ihn mit uns bekannt gemacht.« – »O nein.« – »O ja.« – Es half nichts, sie blieb bei dieser verbohrten Meinung.

Wir nun die Treppe hinunter, durch die Hallen geschlängelt, an den Wigwams vorbei, worin die Billetmenschen sitzen, bald um diesen Pfeiler, bald um jene Ecke, ganz genau wie die Indianer auf dem Kriegspfade, bis wir den richtigen Aufgang gefunden hatten und auf dem Fernverkehr-Perron angekeucht kamen. –

Mittlerweile stand der Tag auf der Kippe und das elektrische Licht war aufgegangen, wie Mondschein sah es nun in der riesigen Halle aus, die sich etwas krümmt wie eine architektonische Leberwurst mit zwei offenen Enden, durch welche die Züge nur so ein- und aussausen. Auch der Wind zieht durch die Halle und wer für eine zerrüttete Gesundheit schwärmt, braucht sich nur gehörig warm rennen und dann auf den Stadtbahnhöfen Platz nehmen. In drei Minuten meldet sich der Schnupfen, oder man spürt es im Kreuz. Ich sah mich schon im Geiste mit Opodeldok eingerieben und heißen Lindenblüthenthee dazu, obgleich der menschliche Organismus doch wohl eine andere Bestimmung bekommen hat, als ihn aus achtungsvoller Ergebenheit zu erkälten. Aber auch das Gemüth hat keinen Vortheil von dem Gewarte und Herumgestehe, denn es klingt und klappt und rührt sich in allen Ecken und Kanten, als wenn es rechtschaffen spukte, weil kein menschliches Auge die elektrischen Fäden entdeckt, womit sie den ganzen Sprechanismus dirigiren.

Je schwärzer der Abend draußen wird, um so mehr nimmt die Unheimlichkeit zu. Man sieht von dem Mondschein der Halle in die Nacht hinaus, die sich allerdings nicht viel von einem Ofenloch unterscheidet, aber dann kommt es an wie ein paar glühende Augen, die immer größer und größer werden, immer runder und immer glänzender, bis es fauchend wie ein Ungeheuer heranlärmt und plötzlich stille steht. Sobald es hält, sieht man ja gleich, daß die Erscheinung nichts Anderes ist als ein Eisenbahnzug, wenn es jedoch aus der Finsterniß in das Helle rast, und zischt und Dampf speit, so glaubt man jedesmal, es wäre ein übernatürliches Geschöpf, das Alles über den Haufen rennen wollte, was ihm in den Weg tritt.

Und von allen Seiten schnoben sie herbei, von rechts und links, vor Einem und hinter Einem, als hätte der Teufel seine sämmtlichen Schoßthiere losgelassen, um mich zu ängstigen, während wir im fliegenden Zugwinde dasaßen und mit dem fertigen Schlachtplan auf den Feind lauerten. Entrinnen konnte er nicht, denn so wie er kam, wollte die Frau Polizeilieutenanten ihn umzingeln, indessen ich mit seitwärts von mir gestreckten Armen vor der Treppe den Rückzug abschnitt. Er war bereits so gut wie erbeutet, dies schien uns unzweifelhaft.

Als mir der Feldzug schon anfing unausstehlich zu werden, zeigte sich endlich etwas, und wenn auch nicht Herr Kleines, so doch sein Schwiemelkompagnon Herr Pfeiffer. »Das ist der eine von den beiden,« flüsterte ich, »auf in den Kampf!« – Ehe Herr Pfeiffer noch wußte, wie und warum, hatte die Frau Polizeilieutenanten ihn in unmittelbarer Augennähe und als er rasch wieder davon wollte und sich umwandte, da erblickte er mich mit den ausgebreiteten Armen, wie abgemacht worden war. Der Sieg war ein gewaltiger: er versank in sich wie ein zu früh aus der Röhre genommener Auflauf. So viel Verstellung war aber doch in ihm, daß er that, als wenn er sich sehr freute, uns begrüßen zu dürfen. Wir sagten auch, daß wir sehr glücklich wären, einen ›so sehr soliden‹ Gesellschafter zu treffen, und so logen wir uns gegenseitig Galanterieen vor, während die eine Partei die Angst, die andere den Zorn damit zu verhehlen suchte.

Er sann nun auf verschiedene Weise zu retiriren ... es war ihm aber unmöglich; er hatte nothwendig einem Kofferträger etwas zu sagen ... wir wichen nicht von ihm, jede warnende Mittheilung an Herrn Kleines wurde im Keime erstickt. Da raffte er sich zu einer letzten Anstrengung auf, indem er uns mit der Wahrheit einzuschüchtern versuchte. »Entschuldigen die Damen,« sagte er, »ich muß unbedingt augenblicklich zu einem Freunde; es giebt ein Malheur, wenn ich nicht gehe.« – »Darf man fragen, wie der Freund heißt?« inquirirte die Polizeilieutenanten. – »Es ist mein Freund, Herr Kleines,« erwiderte Herr Pfeiffer mit dem tiefsten Tone der Ueberzeugung. – »Den können Sie sich unsertwegen an den Hut stechen,« sagte ich, und kaum war diese, den Umständen nach wohl berechtigte Mißbilligung meinen Lippen entflohen, als Herr Kleines in höchst eigener Person die Treppe heraufgewutscht kam, immer zwei Stufen auf einmal, in das linke Auge ein Stück Glas getreten, und äußerlich in einem röthlichblau karrirten, waschledergelben Asphaltfeger von Ueberzieher gethan, daß er sich mehr putzig als verführerisch ausnahm.

Mit dem an Herrn Pfeiffer eingeübten Schlachtplan gedachten wir ihn nun mit leichter Mühe zu kriegen, aber als er uns sah, entwich er nach rückwärts, immer wärtser und wärtser, dahin, wo der Bahnhof aufhört und das Ueberfahrenwerden anfängt. »Ob er sich auf die Schienen wirft und von dem ersten besten Teufelsthier von Lokomotive zermalmen läßt?« dachte ich mit Grauen. Aber dies war nicht denkbar, denn indem er flüchtete, wandte er uns sein Gesicht mit dem Augenglas zu und hüpfte abwechselnd auf seinen Spazierhölzern in einer sehr ungebührlichen Weise, wobei er ganz unmenschlich verdrehte Grimassen schnitt. Die Polizeilieutenanten behauptete später unwiderruflich, er hätte sogar die Zunge herausgeblöckt, sie hätte aber angenommen, es wäre auf mich gemünzt, was ich jedoch bescheiden abwälzte. Uebrigens ging die Angelegenheit so rasch vor sich, daß sie sich auch getäuscht haben kann, zumal in dem Mondscheinlicht und in Gegenwart der vielen Menschen, die nicht wußten, was passierte, und über Herrn Kleines Kriegstanz höchlichst erstaunten.

Nun aber hatten wir ihn. Weiter konnte er nicht kommen, wenn er nicht den Tod unserer Gesellschaft vorzog. Schon streckten wir die Finger nach ihm aus, da hatte er auch schon einen eisernen Handgriff bewegt und vor unseren sichtlichen Augen verschwand Herr Kleines langsam in den Abgrund, wobei er den Hut abnahm und uns höhnisch angrinste. Er fuhr mit dem Gepäckfahrstuhl hinunter, und wir hatten das Nachsehen.

»Gottlob, er ist gerettet!« sagte Herr Pfeiffer, als die Klappen sich über Herrn Kleines schlossen und er uns wie durch Blendwerk entrückt war. – »Darüber freuen Sie sich noch, Herr Pfeiffer?« fragte ich, »Sie können mir wahrhaftig leid thun.«

Wäre in diesem Augenblick nicht der Zug vom Schlesischen Bahnhof-Alexanderplatz, mit Mila darin, angekommen, ich glaube die Polizeilieutenanten stände noch in verblüfftem Zustande da, als hätte sie das Mittagessen fallen lassen und bemühte sich, zu begreifen, wie Herr Kleines eigentlich entwich, weil sie nicht wußte, daß sein Geschäft ihn oft auf die Bahnhöfe führt und er sich mit allen Einrichtungen auskennt. Denn hätte er sonst so gewissenlosen Mißbrauch mit dem Fahrstuhl treiben können, der doch im Dienste des Publikums steht und nicht hinsichtlich leichtfertigen Entschlüpfens auf Staatskosten erbaut worden ist? Die Sprache ist hier einfach wortlos; es giebt keine Bezeichnung, die miserabel genug für solches Benehmen wäre. –

Mila reckte sich fast den Hals aus, ob sie den karrirten Schlafrock nicht erblickte, mit dem Herr Kleines sie zu bezaubern gedachte, aber als sie nun statt dessen uns beide wahrnahm, verschwand sie wie an einer Gummistrippe gezogen, vom Coupeefenster. Dies half aber nichts, denn was einmal entdeckt ist, das bleibt entdeckt, und sie mußte heraus aus dem Waggon, aus ihren romantischen Träumen von heimlicher Ausflucht mit Schokolade und Baumkuchen bei Müller, heraus in das wirkliche Leben mit elektrischer Beleuchtung, heraus auf den Perron für Vorort- und Fernverkehr.

»So, mein' Dochder,« sagte die Frau Polizeilieutenanten im reinsten Landsbergerstraßen-Aczang, »nu komm man mit,« und faßte Mila kräftig festhaltend an den Ellbogen. Mila sah so jammervoll aus, als wenn eine von Castan seinen plieräugigen Wachspuppen das Nachtwandeln bekommen hätte. Ich wollte mich ihrer annehmen, aber die Frau Polizeilieutenanten sagte: »Lassen Sie nur, liebe Frau Buchholz, ich werde schon als Mutter mit meiner Tochter reden. Das Beste wird wohl sein, wir schicken sie in ein Pensionat in die Schweiz und zwar so bald als möglich. Soviel ich weiß, ist man dort strenge und Stadtbahnen sollen gänzlich fehlen.« – »Das wäre ein großer Vortheil,« pflichtete ich bei. – »Und noch eine Bitte: Sie sind diskret, nicht wahr? – »Kein Sterbenswort.« – »Ich danke Ihnen, Adieu!«

Als sie nun mit Mila hinabging, wollte ich noch Herrn Pfeiffer, theils in Vermahnung, theils in Eid und Pflicht wegen der Verschwiegenheit nehmen, allein er war vierdimensional geworden, wie Onkel Fritz neuerdings zu sagen pflegt, wenn etwas weg ist. Wahrscheinlich stieg er aus Angst in den Zug, und da ich annehme, daß er kein Billet hatte, so hoffe ich, dieser Eisenbahnfrevel wird ihm nicht so hingegangen sein, denn wenn Maybach auch für die Bequemlichkeit des Publikums in jeder Weise sorgt: die Vergehen gegen den gewaltigen Bahnkörper unter sich ahndet er schonungslos. Das mögen Herr Pfeiffer und Herr Kleines wohl bedenken; im anderen Falle könnte es sich ereignen, daß Maybach Befehl giebt, den Fahrstuhl im Interesse der Familien festzunageln und dies Resultat des Kriegspfades würde dann wohl günstiger für die beleidigten Mütter ausfallen. Um dies zu erreichen, ward dem deutschen Volk der Weg der Beschwerde gegeben, und wer kann es verwehren, ihn zu betreten, wobei man natürlich darauf hinweisen muß, daß im Auslande Alles besser ist als wie bei uns. Auch die Frau hat ihre politischen Rechte und braucht sich nicht anführen lassen.

Mila wird, wie mir die Frau Polizeilieutenanten zwei Tage darauf sagte, baldigst nach der Schweiz ausgethan, wo sie gleichzeitig Durchbildung in Sprachen und feinstem Benehmen erhält. Die Mutter hat ihr Herrn Kleines mit sammt der Wurzel aus dem Herzen gerissen – sie hat ihn eingestandener Maßen auch mehr komisch und amüsant gefunden als für ernst zu nehmen – und somit ist diese Sommerliebschaft als beendigt zu betrachten. Trotzdem lobe ich die Vorsicht, Mila aus dem Distrikte ihres Anbeters zu entfernen, damit wir nicht wieder auf den Kriegspfad hinausbrauchen und Mila noch einige Fortschritte macht, denn obgleich wir nicht den Rang beanspruchen, wie die Frau Polizeilieutenanten, so kann ich doch sagen, in Literatur, Geschichte und derartigen Kenntnissen ist meine Betti ihrer Mila doch eine Strecke voraus, wie wenigstens vom Belleallianceplatz bis zum Wedding.

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