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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180731
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Feiner Verkehr.

Wir waren durch meinen Schwiegersohn mit Lehmanns so bekannt geworden, wie ich es liebe, ohne viele Komplimente, sondern bürgerlich und ohne die stilvollen Plakate mit der Inschrift: ›Genöthigt wird nicht‹, welche jetzt Mode werden, denn gerade das Anbieten macht Vergnügen. Lehmanns werden jedoch mitunter wieder rückfällig in das Vornehmgethue, wie wir zu unserem Leidwesen erleben mußten, was sie um so weniger sollten, als die Frau für große Gesellschaften viel zu schüchtern ist und der Mann sich dabei benimmt, wie sein eigener Gast.

Schon vierzehn Tage vorher kam eine Karte von Wandkalendergröße, worauf stand:

 

›Assessor Lehmann und Frau geben sich die Ehre, Herrn Buchholz und Frau nebst Fräulein Tochter auf Sonnabend, den 17. Januar, um 8½ Uhr zum Thee ergebenst einzuladen. U. A. w. g.‹

 

»Karl«, sagte ich »dies ist eine Fracksache mit weißer Binde für Dich und eine wichtige Toilettenfrage für Betti und mich. Ich werde leicht davonkommen, indem ich mein bordeauxfarbenes Hochzeitskleid ändern lasse.« – »Mit einem Anbau?« warf mein Mann dazwischen. – »Karl,« erwiderte ich, »es ist indezent, von dergleichen zu reden und ich verbitte mir überhaupt, daß Du Dein Augenmerk auf die Äußerlichkeiten der Damenwelt wirfst. Was Betti betrifft, so haben wir in der letzten ›Modenwelt‹ ein pompöses Kostüm für die Saison entdeckt.«

»Saison?« fragte mein Karl, »was verstehst Du unter Saison?«

»Nun,« erwiderte ich, »wenn Lehmanns einen Thee geben, das ist Saison. Die Assessorin hat mir selbst gesagt, sie müßten mitmachen, ihre gesellschaftliche Stellung erforderte es.« – »Wenn sie sich das nur nicht einredet?« – »Karl, sie haben eine alte Excellenz in der Familie und die wollen sie zeigen. Ob das jedoch ein sogenannter Genuß für die Gäste ist, darüber wollen wir schweigen.« – Mein Karl lachte und meinte, Excellenzen wären immer sehr sehenswerth, worauf ich sagte: »Lieber Gott, ich gönne ihnen die Excellenz von Herzen gerne, denn was haben sie davon? Kostspielige Umstände und mageren Effekt!«

Doktors waren natürlich auch gebeten. Emmi, die nicht wußte, ob wir sämmtlich aus der Landsbergerstraße hinzuzogen wären, kam heran und erkundigte sich danach, weil sie sonst ihren Mops so lange bei uns in Pension geben wollte, den sie sich richtig angeschafft hat, denn das Thier mag nicht mit der Köchin allein zu Hause bleiben. »Emmi,« sagte ich, »an dieser unschuldigen Hundekreatur kannst Du wie mit einem Wink aus unbekannten Regionen sehen, daß Eure Köchin schlecht von Charakter ist und Du besser thätest, ihr den Stuhl vor die Thür zu setzen. Hunde haben sehr feine Menschenkenntniß; sie wird ihm gewiß einmal einen heimlichen Seitentritt beigebogen haben, den er nicht verzeihen kann. Ich fühle ihm das lebhaft nach.«

»Mama,« entgegnete Emmi, »Maffi kann außer Franz und mir Niemand recht leiden und ist so bellselig, daß er Jedermann anblafft, namentlich wenn mein Mann Abends spät zu einem Patienten geholt wird. Herr Greve, der über uns wohnt, hat sich den Lärm sogar schon schriftlich verbeten. Im Uebrigen giebt es kein putzigeres Thier als Maffi Pamph.« – »Das ist Geschmacksangelegenheit,« bemerkte ich, »für mich hat er zu gräßliche Lucca-Augen.« – »Aber er hat Dich gern wegen der Cakes, die Du ihm mitbringst, und würde sich bei Dir ruhig verhalten.« – »Das geht nicht, da wir auch bei Lehmanns sind. Mache ihn nur ordentlich satt, ehe Ihr wegfahrt.« – »Möpse haben immer Hunger,« sagte Emmi. – »Es sind Gierschlungse,« stimmte ich bei.

Alle diese Molesten mit dem Etagenhund erträgt der Doktor wegen seines Donnerstagsskats, ja er ist sogar selbst mit Emmi gegangen, um den Stoff zur Toilette auszusuchen, und hat sich nicht knickerig erwiesen. Als ich ihm deswegen ein scherzweises Lob spendete: Ei, ei, Herr Schwiegersohn, solche Ausgaben verstoßen ja ganz gegen die Hausordnung,« antwortete er: »Sie sind immer noch nicht so heftig, als wenn wir eine große Wohnung genommen hätten!« – Ich fühlte recht gut, daß dieser Stich mir galt, aber ich lächelte und entgegnete: »wenn die Wohnung zu klein ist, giebt es ja genug Kneipen zur Aushilfe!« – Da hatte er denn, was ihm beikam, aber trotz des augenblicklichen Sieges war ich überzeugter denn jemals, daß es über kurz oder lang doch zu einem Krach kommt, den können weder der Mops Maffi noch der Kleiderstoff aufhalten. Emmi wird schon wissen, was sie sich und ihrer Familie schuldig ist. –

Während wir nun theils mit der Toilette, theils mit anderen Sorgen beschäftigt waren, stellte sich der Frost ein. Ueberall thaten sich Eisbahnen auf, denn so wie es anfängt zu frieren, planschen sie die Biergärten am Abend voll Wasser und am nächsten Morgen haben sie mitten in der Stadt zahlreiche Eisflächen. Als meine beiden Töchter noch in die Schule gingen, hatte ich nichts dagegen, wenn sie mit ihren Freundinnen für einen Groschen ein solches Eislokal besuchten, denn das einzige Malheur, was ihnen passiren konnte, war, daß sie gegen einen Baum oder einen Laternenpfahl anrannten, später aber gestattete ich nur die Rousseau-Insel im Thiergarten, weil dort der vornehme Extrakt von Berlin sich dem stärkenden Wintervergnügen hingiebt.

Unser alter Hausarzt sagte stets, daß es nichts Gesünderes gäbe, als das Schlittschuhlaufen, und in dieser Hinsicht stammt Doktor-Wrenzchen mit ihm aus derselben medizinischen Schule, denn er läuft selbst gerne und fliegt über die spiegelnde Fläche wie ein Brummtriesel, jedoch mit dem Unterschiede, daß er klüger ist und vernunftbegabt. Es ist aber auch zu hübsch, denn der Thiergarten umgiebt das Wasser wie ein Wald und durch die grauen winterlichen Zweige scheint der Himmel mit rosigen Farben, mit einem Stich ins Melonengelbe, wenn die Sonne hinter Spandau an dem Horizont herabgleitet. Die Bäume an den Ufern haben sie mit bunten Fahnen von allen Nationalitäten geschmückt, was sich zu der meistens schwärzlich gekleideten Menschenfülle sehr belebend ausnimmt, und wenn nun das Trompeterkorps recht etwas Lustiges anstimmt, dann schwärmt Alles im Takt an einander vorbei und durcheinander, wie es gerade kommt. Einige arrangiren perfekte Quadrillen und verschlungene Tänze mit Handgeben, Herumsausen, Loslassen, Bogenfahren und wiederum Handgeben, daß man die Geschicklichkeit bewundert.

Von höchster Schneidigkeit auf dem Eise ist wie überall das Militär und die Lieutenants entwickeln dieselbe Schnellkraft, ebensowohl wenn sie mit der Gattin ihres Vorgesetzten laufen, als wenn sie den Eisritter bei den jungen Damen spielen, von denen man munkelt, daß sie nicht viel unter einer Million mitbekommen, woran man wieder einmal die nie genug hervorgehobene dienstliche Pflichttreue erkennen kann. Die Kulecke, welche ziemlich Bescheid weiß, machte mich hierauf aufmerksam und zeigte mir eine Rette von Laufenden, worin immer ein Lieutenant mit einer beachtenswerthen Mitgift abwechselte und eins das andere tüchtig an der Taille fest hielt. Wie mancher wohl denkt, es wäre doch fabelhaft, wenn er so direkt von der Rousseau-Insel in den Ehestand schliddern könnte, aber mit dem Thauwetter schmelzen auch die Anknipperungen, weil die Väter selten Sinn für die schönsten Achten haben, die einer mit größter, wenn auch ziemlich brotloser Kunst in das Eis schneidet. Mitunter soll es jedoch glücken, wie die Kulecke sagte, und auf dem Nachhausewege durch den schummerigen Thiergarten rückt einer wohl mit der Sprache heraus und sie sagt nicht »Nein«, weil sie glaubt, Heirathen sei auch so ein seliges Dahingleiten durch das Leben.

Aber es gleitet sich nicht immer; das Leben muthet Manchem sogar zu, steile Treppen auf Schlittschuhen hinabzulaufen.

Lehmanns Theeabend war mittlerweile fällig geworden.

Da die Einladung auf halb Neune lautete, so kamen wir um gegen Zehne immer noch zeitig genug, denn je feiner es sein soll, um so entsetzlich später erscheinen die Gäste, wir waren noch lange nicht die letzten, obgleich die alte Excellenz sich bereits eingefunden hatte und mit dem kahlen Schädel und den vielen Orden gewissermaßen den strahlenden Glanzpunkt bildete, wir wurden sofort vorgestellt und die Excellenz freute sich sehr, den Vorzug zu haben, unsere Bekanntschaft zu machen, worauf ich mit durchaus formeller Verneigung und sichtlichem Ernst entgegnete, daß dies ganz auf unserer Seite sei. Damit wollte ich zu erkennen geben, daß, wenn wir auch nur Mittelstand sind, uns deshalb von Excellenzen lange nicht imponiren lassen. Die Excellenz ließ sich mit meinem Karl in ein längeres Gespräch über die allgemeine Geschäftslage ein, was ich nicht sehr taktvoll von ihr fand, da sie doch wissen mußte, daß Damen hierfür kein Interesse haben. Ich schwenkte daher mit einer kleineren, aber nichts desto weniger ernst gemessenen Verbeugung ab und sah mir die übrigen Gäste an. Wen Lehmanns alle gebeten hatten, davon war das Ende weg. Um sämmtlich zu behalten, mußte Jemand wenigstens mit einem Gedächtniß von Omnibusgröße geboren sein.

Bekannt war mir nur der Hamburger Doktor mit seiner reizenden jungen Frau in rosenknospengeblümter grauer Seide mit Maria-Antoniettenschnitt, was sie ganz exquisit kleidete. Betti wurde gleich von zwei Lieutenants krampfhaft ins Gespräch genommen; Emmi fühlte sich dagegen zu der Hamburger Doktorin hingezogen und ich kann wohl sagen: junge Mädchen sind lieblich, aber junge Frauen noch viel bezaubernder. Sie haben etwas so Inniges an sich.

Nach und nach wurde ich zu den Ehrensitzen geleitet, nämlich in die Sophagegend, wo die älteren und umfangreichsten Damen mit großer Würde und durchweg neuen Haubenbändern einen weihevollen Eindruck verbreiteten, viel Reden war jedoch nicht. Der Thee wurde ziemlich tonlos getrunken, wozu es mit sehr dünnem Messer geschnittene Torte gab.

Worüber sollte auch geredet werden, da man sich völlig fremd war? Vom Wetter mag keiner den Mund aufthun, vom Theater weiß man nicht Bescheid und der Hausstand steht zu niedrig. Außerdem kamen immer noch Gäste, daß man vermuthen konnte, Lehmann's hätten sich einen Wartesaal zugelegt und der Schaffner würde gleich schellen und »einsteigen« rufen. – »Wie das wohl noch wird?« dachte ich. »wären wir bei uns in der Landsbergerstraße, dann säßen wir längst bei Tisch und wüßten, warum wir zusammenkamen.«

Als es jedoch schon zum Auswachsen war und ich bereits im Stillen die Saison zu verwünschen anfing, ging das Musizieren los. Lehmanns hatten sich einen Jüngling von einem Konservatorium zu verschaffen gewußt, mit Handmanschetten, wovon nur drei auf das Dutzend gehen. Der gab nun Mozarten ein paar an die Ohren und den Zuhörern auch; es dröhnte ordentlich. Damit hatte er aber den Kanarienvogel aus dem Schlaf gestört, der mit voller Kehle einfiel und die folgende Musik völlig überschrie. Erst nachdem der Vogel zugedeckt worden war, konnten die musikalischen Genüsse fortgesetzt werden. Hierauf brüllte eine junge Dame die Stube voll. Melodie war nach meiner Auffassung nicht viel darin, darum klang es aber um so trauriger. Nachdem der Beifall erledigt war, sang sie eine zweite Nummer. Dieselbe Kulör in grün, um einen Wachtmeister melancholisch zu machen.

»So,« sagte ich zu meiner Nachbarin zur Rechten, als der Begleiter dem Klavier noch einige Schlußklagetöne abpreßte, »nun ist das zweite Kind auch todt!« – »Wie meinen Sie das?« fragte sie. – »O,« antwortete ich, »so pflegen wir immer zu sagen, wenn ein jämmerliches Musikstück zu Ende ist.« – »Es war meine Tochter, die eben gesungen hat,« erwiderte sie spinnegiftig, worauf sie sich so drehte, daß sie mich mit dem Rücken ansah.

Um ihr zu beweisen, daß ihr Benehmen mich völlig kalt ließ, suchte ich mit meiner linken Nachbarin ein Gespräch anzuknüpfen, wozu ein soeben eintretender tornisterblonder Jüngling von über Lebensgröße geeignet erschien, »Was ist denn das für'n Geist?« fragte ich. – »Wen meinen Sie?« entgegnete die Dame. – »Nun den langen Laban da in der Thür, passen Sie auf, der richtet noch Unheil an.« – »Ich wüßte nicht, daß mein Sohn Ihnen zu einer solchen Aeußerung Veranlassung gegeben hätte,« sagte sie bissig. – »Entschuldigen Sie man, daß ich geboren bin,« gab ich zurück, denn wie man in den Wald ruft, kommt das Echo wieder retour.

Ich schwor mir zu, kein Wort mehr zu sagen, da ich unmöglich wissen konnte, in welchem verwandtschaftlichen Verhältniß die Leute alle mit einander standen, welche Lehmanns zur Verherrlichung der Excellenz zusammengeschaart hatten und machte mir so meine Gedanken über den feinen Verkehr. Aus dieser mißfarbigen Betrachtung störte mich zum Glück das Abendbrot auf.

In dem bisher verschlossen gehaltenen Berliner Zimmer war ein Büffet aufgebaut, das, mit allen möglichen Eßwaaren besetzt, einen sehr einladenden Anblick darbot, als die Thüren geöffnet wurden. Zuerst stürzten die Herren hinein, um in galanter Weise die Damen zu versorgen, wer jedoch keinen Spezialherrn hatte und sich nicht herandrängte und von dem nahm, was gerade vor ihm stand, der kriegte nichts. Ich kam ganz zuletzt mit an die Krippe und konnte nur noch ein Desserttellerchen nebst Messer und Gabel ergattern, wobei ich gleich sah, daß die sehr guten Sachen, wie Kaviar, Gänseleberpastete und junges Huhn schon verschwunden waren. Von der Pute war nur noch das Gerippe übrig gelassen und von dem Filet blos der Fleck auf der Schüssel, wo es gelegen hatte. Dagegen konnte man noch italienischen Salat haben und kalten Aufschnitt, der sich bei näherer Betrachtung als amerikanisches Dosenfleisch und Cervelatwurst auswies. Auch die Geleepuddings standen noch ziemlich unberührt. Ich nahm mir von diesen Resten ein weniges und dachte, während ich es mühsam im Stehgewühle verzehrte, daß man zum Büffet doch wohl einige Uebung haben muß, weil auch nicht im geringsten dabei genöthigt wird und das ganze Verfahren einem Raubzuge ähnlich sieht, und beneidete im Stillen die Sekondelieutenants, welche im Sturm vorgegangen waren. Betti sagte mir später, ihr Lieutenant hätte ihr ausgezeichnete Bruststücke von dem Geflügel gebracht, während er mehr für Reh und besonders reichlich Kaviar gewesen wäre. Die jüngeren Leute hatten sich nämlich gewissermaßen engagirt, weil nachher getanzt werden sollte. Da Lehmanns jedoch glaubten, es sei schicklicher, die Excellenz sich erst entfernen zu lassen, so mußte gewartet werden. Es wurde Wein gereicht und Bowle und dabei gerieth das Gespräch mehr in Fluß, wobei die Excellenz, unter dem Kronleuchter stehend, eine Art von Audienz ertheilte.

Wie ich jedoch vorher bemerkt hatte, daß der lange Mensch Unheil anrichten würde, geschah es auch richtig. Habe ich irgendwo einen Animus, so trifft er auch ein und zwar mit einer Genauheit, daß ich sicher zu den Propheten gerechnet worden wäre, wenn ich im alten Testament gelebt hätte.

Da flurrte und flatterte es denn auf einmal durch die Gemächer und wie sich sofort herausstellte, war es der Kanarienvogel. Der junge Mann von vorhin hatte, wahrscheinlich weil er sonst nichts anzufangen wußte, mit dem Thierchen spielen wollen und vermöge seiner Zehndreiviertelhände die Thür vom Käfig verbogen, daß sie nicht wieder zu ging.

Aber nun der Aufstand, den das Greifen machte. Es wurden einige Besen, sowie eine Trittleiter geholt, um das Thier womöglich ins Nebenzimmer zu jagen und zu fangen, wenn es sich aufs Gardinenbrett setzte. Der Vogel wollte aber weder in das Nebenzimmer noch auf das Gardinenbrett gehen. Die Jagd wurde immer heftiger und energischer und der Vogel immer wilder. Der Uebelthäter vom Ganzen betheiligte sich auch, um seine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen, aber wie er nun mit dem Haarbesen so recht eifrig scheuchen wollte, als wenn er Billard in der Luft spielte, schlug er kräftig auf die Gaskuppel, unter der die Excellenz stand, daß ihr die Scherben auf den blanken Schädel segelten.

Obgleich die Excellenz unbeschädigt geblieben war, zog sie es vor, eine Gesellschaft zu verlassen, die einen lebensgefährlichen Charakter angenommen hatte, worüber Lehmanns sehr bestürzt wurden und den Kopf ganz verloren. Indessen sie die Excellenz hinausbegleiteten, griff der Hamburger Doktor den Vogel und der Ball begann. Die Jugend amüsirte sich prächtig, wie immer, wenn sie tanzt, aber ich athmete erst auf, als wir uns in einem Rippenbrecher zweiter Güte auf dem Heimweg befanden und die Hitze, die ungeordnete Verpflegung, die vielen gleichgiltigen Menschen, mit einem Worte den feinen Verkehr hinter uns hatten.

Als wir angekommen waren, sagte mein Karl: »Wilhelmine, wenn Du so denkst wie ich, dann schmierst Du uns eine Stulle und giebst einige Flaschen Bier zum Besten, ich habe Hunger.« – »Ganz meine Idee,« antwortete ich, und so saßen wir denn im Winterüberzeug des Morgens um drei Uhr in dem kalten Zimmer mit den gefrorenen Fenstern und stärkten uns nach den ausgestandenen Strapazen.

Während wir nun einig darüber wurden, daß Lehmanns weder sich noch Anderen einen Gefallen mit ihrem Thee gethan hätten und die Einzelnen durchzogen, wie sie es nicht besser verdienten, fragte ich Betti, ob Onkel Fritz nicht auch gebeten worden sei? – »Geladen war er,« antwortete Betti, »aber er sagte, Büffetgesellschaften wären nicht seine Passion. Auf den Leim kröche er nicht.«

»Ich finde nicht, daß Leim ein gewählter Ausdruck ist,« erwiderte ich, »aber wenn er den feinen Verkehr der Saison damit meint, kann ich ihm nur Beifall geben, denn aufrichtig gesagt: dieser Abend war der verlorenste meines Lebens.«

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