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Der Falschmünzer / Bestraft

Ludwig Habicht: Der Falschmünzer / Bestraft - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Falschmünzer / Bestraft
authorLudwig Habicht
year1896
publisherOtto Spamer
addressLeipzig
titleDer Falschmünzer / Bestraft
pages126
created20101029
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Falschmünzer

Die sturmbewegten Jahre 1848 und 1849 hatten viele Tausende im deutschen Vaterlande entwurzelt und in die Ferne getrieben. Die meisten, die in ihrer schäumenden Begeisterung für die Freiheit und ein noch unerreichbares Ideal mit den Gesetzen der guten alten Ordnung in Konflikt geraten, waren in die Schweiz oder nach England geflüchtet, um auf fremdem Boden nach tausend Entbehrungen und Kämpfen sich wieder eine Existenz zu erringen, oder völlig unterzugehen. Wer nicht durch irgend einen Zufall in die Schweiz verschlagen wurde, und wer besonders über keine großen Geldmittel zu verfügen hatte, der zog England vor. Dort, in dem Gewühl der Weltstadt, winkte doch für jedes Talent, für jede Arbeitskraft ein weiterer Spielraum, um sich Geltung zu verschaffen, zum wenigsten notdürftig zu behaupten.

Unter den vom Schicksal nach London Verschlagenen befand sich auch ein junger Gelehrter, Doktor Willibald. Er war trotz seiner Jugend in die Paulskirche gewählt worden, und wenn er auch dort nicht als ausgezeichneter Redner hervorgeragt, so hatte man doch seinen tüchtigen Charakter, sein vielseitiges Wissen, seine edle Begeisterung für die Sache des Vaterlandes sehr geschätzt. Wie von einem solch jugendlichen Feuer- und Brausekopf zu erwarten war, hatte er auf der äußersten Linken gesessen, war dann, nachdem durch das Zurückweisen der Kaiserkrone seitens Friedrich Wilhelms IV. die Verwirklichung des deutschen Einheitstraumes vorläufig wieder in weite, nebelhafte Ferne gerückt schien, in verzweifelter Stimmung mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart gegangen, hatte sich dem nutzlosen Aufstande in Baden angeschlossen 4 und war endlich nach London geflüchtet, um dem preußischen Standrechte, mindestens jahrelanger Festungshaft zu entgehen.

Wohl war Dr. Willibald einer großen Gefahr glücklich entronnen, aber das war auch alles. Mit seinem Idealismus, seiner Schwärmerei für Poesie und Kunst, für die hohe Weisheit der Hegelschen Philosophie fühlte er sich angewidert in einem Lande, wo über den reichen grünen Fluren eine graue Nebeldecke hängt und aus tausend turmhohen Essen eine schwarzgemischte Feuersäule steigt, die ankündet, daß man sich im Mittelpunkt der industriellen Welt befindet. Ihm war nicht wohl unter diesen ewig klappernden Maschinen, unter diesem Zischen und Brausen von Dampf und Wasser, unter diesem Wogen und Treiben nimmer ruhender Geschäftigkeit, wo ihn kein Freundesauge grüßte und sich keine Hand mit dem tröstenden Zuspruch bot: »Fremder, ich habe eine Minute Zeit für dich, ich werde dir helfen.« Rastlos drängte alles vorwärts, ein ewiger Lärm, ein ewiges Treiben, jeden Augenblick wurde von fortstürmenden Millionen die Schlacht des Lebens geschlagen und Tausende sanken täglich unter den grimmen Streichen, um schwer verwundet, einsam und hilflos zu verkommen, während dieser Kampf aller gegen alle weiter tobte.

Wie hätte sich der junge Doktor der Philosophie behaglich fühlen sollen in einer Welt, die mit seinem früheren stillen Heimwesen im grellsten Widerspruche stand?

Er war von den romantischen Ufern des Rheins endlich hierher verschlagen worden, in die qualmende Riesenstadt, in der jeder, wie von Furien gepeitscht, jeden Augenblick um sein Dasein zu ringen schien. Und doch, wie unheimlich gerade ihn dies fieberhafte Geschäftstreiben berührte, es gab kein Zurück – es galt, sich hier ebenfalls eine Existenz zu schaffen. Die kleine Summe, die ihm zur Verfügung stand, war bald aufgezehrt, und nun mußte an eine geregelte Einnahme gedacht werden; aber wie die erlangen in dieser kalten, nur von Maschinen und Händen bevölkerten Wüste?

Die politischen Freunde, denen London ebenfalls eine Zufluchtsstätte geworden, waren über die Weltstadt verstreut und hatten ja alle noch in der unwirtbaren Fremde mit tausend Schwierigkeiten zu ringen, und die übrigen Parteigenossen, die mit ihren wilden Demokratenbärten die Hauptstadt Großbritanniens unsicher machten, flößten Dr. Willibald kein großes Zutrauen ein. Jetzt erst gewahrte er, welchen Schlamm die Bewegung in Deutschland aufgewühlt, welch rohe, wüste Gesellen hinter ihnen gestanden, deren 5 ungestümes Drängen er selbst und seine Freunde so viel beachtet. Dort in Frankfurt waren ihm diese Leute als gute Patrioten, als glühende Freunde der Freiheit erschienen, und jetzt erkannte er zu seinem Schmerz, daß sich hinter der Maske des Patriotismus nichts weiter geborgen, als geistige Verlumptheit, rohe Selbstsucht und Gemeinheit. So lange diese wackeren Republikaner gehofft, beim Zertrümmern alles Bestehenden gute Beute zu machen, hatten sie redlich und eifrig zusammen gestanden: jetzt war der schöne Traum zerronnen, und nun trat die niederträchtigste Selbstsucht des einzelnen zu Tage, zeigte sich erst, aus welch verzweifelten Elementen die radikale Partei zusammengesetzt war.

Nach einigen schmerzlichen und bitteren Erfahrungen erkannte der junge Doktor bald, daß es für ihn keine gefährlicheren Feinde gab, als die deutschen Flüchtlinge, besonders diejenigen, die seinem Bildungsgrade nicht angehörten.

Vergeblich war all sein Bemühen, an irgend einer Lehranstalt eine Stelle zu erhalten. Schon 1848 hatten sich in Deutschland sehr viele unmöglich gemacht und waren nach London gegangen, um hier jeden erdenklichen Lehrplatz zu besetzen; den Nachzüglern des folgenden Jahres mußte es deshalb schon ungleich schwerer werden, irgend ein Unterkommen zu finden. Selbst als der junge Philosoph Privatunterricht in alten und neuen Sprachen, in verschiedenen Wissensfächern ankündigte, meldete sich niemand. Da fiel ihm ein, daß er ja in seinen Mußestunden mit Vorliebe Flügel gespielt und man ihm sogar einige Fertigkeiten nachgerühmt habe. Durch die vielen deutschen Flüchtlinge war plötzlich in England der Sinn für Musik geweckt worden; Dr. Willibald erließ daher in der »Times« einige dahin zielende Inserate und siehe da, sie hatten wirklich Erfolg. Die Kunst, der er nur flüchtige Stunden gewidmet, sollte ihn jetzt überm Wasser halten, während all die Kenntnisse, die er in jahrelanger, harter Geistesarbeit aufgespeichert, nicht im stande waren, ihm den kleinsten Verdienst zu verschaffen. Es war freilich für den jungen Gelehrten äußerst demütigend, aber seit seiner Flucht aus Deutschland war schon manches Ideal in Trümmer gesunken, was verschlug es da, wenn auch sein ganzes Dasein eine schiefe Richtung nahm? Wer ihm einst gesagt hätte, als er noch wohlbestallter Oberlehrer an einem Gymnasium war und von einem Lehrstuhl an der Universität träumte, daß er nach zwei Jahren sich mit Unterricht im Flügelspielen abquälen und noch froh sein würde, einige ungeschickte Schüler zu bekommen.

6 Die Engländer sind keine vorwiegend musikalische Nation, und wenn sie sich jetzt auf die edle Tonkunst werfen, so muß Fleiß und Ausdauer das fehlende Talent ersetzen. Auch Dr. Willibald hatte sehr mittelmäßige Schüler und unter ihnen war Mr. Templeton der mittelmäßigste. Er hatte nicht das mindeste musikalische Talent, mißhandelte das arme Instrument entsetzlich, aber mit der Zähigkeit eines Engländers suchte er der widerspenstigen Kunst etwas beizukommen, und sein frisches, blühendes Gesicht erglänzte, wenn es ihm endlich gelang, ein leichtes Stück ohne Fehler abzuhaspeln. Dr. Willibald hatte ihm offen und ehrlich gesagt, daß bei seinem Mangel an musikalischem Gehör das dereinstige Resultat mit der aufgewandten Mühe in keinem Verhältnis stehen würde; doch Mr. Templeton ließ sich davon nicht abschrecken; er verzog nur seinen ziemlich breiten Mund zu einem Lächeln und erklärte, daß seine Braut es gewünscht, er möge sie auf dem Flügel begleiten, und daß er nicht eher aufhören könne, als bis er diese Fertigkeit erlangt habe. Sie mußte sehr schön oder sehr reich sein, die diesen etwas schwerfälligen jungen Mann anspornte, im Schweiße seines Angesichts Musik zu treiben, dachte Willibald und wäre neugierig gewesen, die Braut Mr. Templetons kennen zu lernen, um so mehr, als die blaugrauen Augen seines Schülers sich ungewöhnlich belebten, wenn er von seiner Braut sprach, was in der Folge, als beide näher miteinander bekannt waren, öfter geschah. Der Engländer ist gegen Fremde äußerst mißtrauisch und zurückhaltend, aber wenn einmal das Eis gebrochen, dann kehrt er seine im Grunde offene und gerade Natur heraus, und wem er einmal seine Freundschaft zugewandt, der kann sich auf ihn in allen Lebenslagen verlassen.

Auch Mr. Templeton faßte nach einiger Zeit ein besonderes Zutrauen zu seinem Lehrer, um so mehr, als er ihn »respektable« fand, womit der Engländer noch mehr bezeichnen will, als achtungswert. Dazu kam, daß beide so ziemlich in einem Alter waren und der junge Mann an der gelegentlichen Unterhaltung des Doktors großes Gefallen fand. Auch Willibald begann sich für seinen schlechtesten Schüler zu interessieren, der wenigstens soviel andre gute Eigenschaften hatte. Er besaß einen tüchtigen, gesunden Menschenverstand, der freilich beinahe englisches Nationaleigentum genannt werden könnte, eine lebhafte Teilnahme für alles Wissenswerte und einen äußerst gutmütigen Charakter und, was seltener ist, er war frei von jenen nationalen Vorurteilen, die seine Landsleute 7 so stolz und je nachdem hochmütig und unerträglich machen, ja Dr. Willibald wollte sogar an seinem Schüler »Gemüt« entdeckt haben, jenen wunderbaren Quell, der aus dem tiefsten Herzen entspringt und der andern Nationen fehlt – sie haben nicht einmal das Wort dafür. –

Mr. Templeton war der Sohn eines reichen Kaufmanns der City und er hatte, wie dies bei den Engländern die Regel ist, schon ein gut Stück Welt gesehen. Seine Lehrzeit hatte er in einem großen Hamburger Handlungshause zugebracht, dann war er nach Cuba, später nach Indien gegangen, ein Jahr hatte er in New York zugebracht und dabei war es ihm doch schon möglich gewesen, die für jeden Gentleman notwendige Reise nach dem Kontinente zu machen; er hatte den Rhein, die Schweiz, Italien gesehen und noch dazu ohne jene Gleichgültigkeit, mit der gewöhnlich von seinen Landsleuten diese »Reisearbeit« verrichtet wird, vielmehr bekundeten seine Mitteilungen, daß er überall Sinn und Verständnis für das Schöne mitgebracht, und waren auch seine Urteile nicht von einem durch Kunststudien geläuterten Geschmack diktiert, so verrieten sie doch einen klaren, unbefangenen Blick und ein warmes, lebhaftes Interesse.

Selbst seine äußerliche Erscheinung unterschied sich etwas von dem Stockengländer. Seine Gestalt war nicht so in die Länge gezogen, so steif und ungelenk, er war kaum von Mittelgröße, mehr gedrungen, die Hände und Füße für einen Sohn Albions merkwürdig klein, zuweilen wurden auch seine Bewegungen rascher und lebhafter. Trotzdem wich sein ganzes Auftreten von seinen Landsleuten nicht im mindesten ab; er war für gewöhnlich ebenso schweigsam, so ungelenk in der Unterhaltung, so blöde und zurückhaltend, wie sie alle, nur schien dies Benehmen weniger auf Charaktereigenschaft zu ruhen, vielmehr ein Resultat der Erziehung zu sein.

Dr. Willibald sollte endlich über die inneren Widersprüche in dem Wesen seines Schülers Aufschluß erhalten, denn Mr. Templeton teilte ihm eines Tages mit, daß seine früh verstorbene Mutter eine Deutsche gewesen sei. Nun wußte der Philosoph auf der Stelle, wie sich das seltsame Ding, das wir »Gemüt« nennen, in das Herz eines jungen Engländers verirrt. Die halbe Landsmannschaft fesselte ihn noch mehr an den trefflichen Menschen, der weiter keinen hervorragenden Fehler hatte, als daß er mit unerhörter Grausamkeit den Flügel mißhandelte und die schönsten deutschen Musikstücke arg verstümmelte.

8 Seltsam genug sollte der flüchtige Wunsch Dr. Willibalds, die Braut seines Schülers kennen zu lernen, bald in Erfüllung gehen. Eines Tages sagte Mr. Templeton am Schluß der Stunde mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit: »Doktor, ich bin mit Ihnen sehr zufrieden« und er schüttelte ihm kräftig die Hand. Der Gelehrte machte nur ein verwundertes Gesicht; bezog sich die Zufriedenheit seines Schülers auf den genossenen Musikunterricht, dann mußte er sich selbst gestehen, daß derselbe die kläglichsten Fortschritte gemacht.

»Ich habe gestern zum erstenmal mit meiner Braut vierhändig gespielt«, fuhr Mr. Templeton wohlgefällig fort, »und sie war ganz erstaunt, daß ich es doch so weit gebracht habe.«

»Hm«, machte Willibald.

»Ja, lieber Doktor, Sie müssen nicht vergessen, daß es meine Braut für völlig unmöglich gehalten hat«, erklärte der junge Mann weiter und zeigte lächelnd seine wohlgepflegten Zähne. »Meine zukünftige Schwägerin vollends hat arg über mich gespottet, sie meinte stets, daß man eben so gut den Truthahn zum Kammersänger abrichten könne, und da Ihnen doch dies Kunststück gelungen, will sie bei Ihnen ebenfalls Stunde nehmen.«

»Hat sie noch niemals Unterricht gehabt und warum will sie erst jetzt damit anfangen?« fragte Willibald.

»Weil sie sich so wenig musikalische Talente zuschreibt, wie mir selbst, und da Sie trotzdem mir etwas beigebracht haben, meint sie, daß mein Musiklehrer ein Zauberkünstler sein müsse, der ihr auch den harten Schädel zurecht setzen werde.« –

»Ich habe das wenigste Verdienst dabei, denn Sie haben mit seltner Ausdauer geübt«, entgegnete Willibald ablehnend.

»Seien Sie nicht bescheiden«, erwiderte Mr. Templeton, »wie sagt denn Ihr großer Goethe?« und seine prächtigen Zähne kamen wieder zum Vorschein.

»Aber ich verspreche mir von diesem Unterricht nicht viel«, warf der Doktor ein, »solch jungen Mädchen fehlt gewöhnlich Lust und Liebe zur Sache, sie möchten alles im Fluge erlernen, und das ist dann eine undankbare Aufgabe.«

»Ah, Mr. Willibald, machen Sie keine Umstände, es nützt Ihnen doch nichts«, entgegnete sein Schüler mit einem gutmütigen Lächeln, hinter dem sich die Hartnäckigkeit des Engländers barg, »ich hab ihr den tüchtigen Lehrer versprochen und ich muß Wort halten. Übrigens ist der Vater meiner Braut auch ein Deutscher, 9 obwohl er, offen gestanden, nicht gerade die beste Meinung von seinen Landsleuten hat.«

Der Doktor mochte nicht gestehen, daß er hier in London beinahe zu denselben Ansichten bekehrt worden, und fragte nur: »Ist Ihr Schwiegervater auch erst vor kurzem eingewandert?«

»Nein, Waxmann ist schon länger als 25 Jahre in London«, war die Antwort, »und seine Töchter sind geborene, echte Engländerinnen, sie können nicht einmal Deutsch.«

»So treiben's die Deutschen im Auslande immer«, dachte voll patriotischer Entrüstung Dr. Willibald, »sie können in der Fremde nicht rasch genug alles aufgeben, ihre Sprache, ihre Sitten, um ja so bald wie möglich den Deutschen völlig abzustreifen und in der fremden Nation spurlos zu verschwinden.« – Mr. Templeton verschwieg noch dazu klüglich, daß es seiner neuen Schwägerin unendliche Mühe gekostet, die Einwilligung des Vaters abzuschmeicheln, der durchaus von einem deutschen Musiklehrer nichts wissen wollte, und nur der Umstand, daß er seinem jüngsten Töchterchen selten etwas abschlagen konnte, hatte die Sache so entschieden.

Mr. Templeton ließ seinem Lehrer keine Ruhe, und schon am andern Tage fuhren sie beide zu Mr. Waxmann hinaus. Auf einem jener kleinen, stillen Plätze – Squares genannt – die mit ihrem schönen Grün, den wohlgepflegten Bäumen und den traulich blickenden Häuschen wie freundliche Oasen aus dem grauen Weltgewirr hervorstarren, hatte dieser abtrünnige Deutsche ein Asyl gesucht und wenigstens durch die Wahl der Wohnung bewiesen, daß ihm der uns Deutschen nachgerühmte Sinn für die Natur und ihren Frieden nicht ganz abhanden gekommen. Es war wirklich still auf diesem Platze, kein Wagen rollte hier, selten nur kam ein Fußgänger des Weges, aus der Ferne hörte man dumpf das Geräusch der ewig rasselnden Räder von Piccadilly, dieser endlosen Fahrstraße des großen London.

Die Squares von London tauchen wirklich wie kleine freundliche Blumeninseln aus dem unermeßlichen Häusermeer empor. Sie bestehen aus einem breiten Viereck ruhiger, reinlicher Häuser, dessen Mitte ein umgitterter Rasenplatz mit Blumenbeeten und hohen, dichten Bäumen einnimmt, unter welchen zur Nachmittagszeit die Kinder spielen. Man lebt hier mitten in dem ununterbrochenen Getöse der Weltstadt, wie in kleinen, ländlichen Paradiesen.

10 Wie in jedem nur einigermaßen respektablen Hause Londons, empfing die Ankömmlinge ein Tiger, unter welch fürchterlichem Namen sich nichts weiter birgt als einer jener harmlosen kleinen Diener in blauen Jacken mit silbernem Knopfaufschlag an der Brust, wie sie fast jeder Herr von Stande hält.

Nachdem der Tiger die Besucher angemeldet, wurden sie in das Drawing-Room geführt, wie der Engländer sein Empfangszimmer nennt. Es nimmt regelmäßig die ganze Vorderfront des Hauses ein, und es ist das einzige Zimmer, welches nicht den Bewohnern desselben, sondern dem allgemeinen Verkehr gehört. Hier werden die Besuche empfangen und die Gäste versammelt, die zu einer Diner-Party oder einem Ball eingeladen werden. Der Thee wird hier serviert, und trotz der Teppiche, Damastvorhänge und Sammetmöbel, die den Boden beschweren und den Raum einengen, kommt es zuweilen sogar zu einem Tanze; freilich bekommen dies nur englische Beine fertig, die das Tanzen mehr als Marschieren auffassen.

Mr. Waxmann war allein im Drawing-Room und empfing die beiden Herren mit der ganzen Steifheit und Gefrorenheit eines Stockengländers. Auch seine Kleidung war bis in die kleinsten Einzelheiten den Mustern nachgeahmt, die ihn umgaben. Selbst sein schmales, blasses Gesicht hatte der ehemalige Deutsche in echt englische Falten gelegt, die deutlich Langeweile und Gleichgültigkeit ausdrückten. Seinen Schwiegersohn hieß er zwar ein wenig freundlicher willkommen als den Fremden; aber nach der ersten Begrüßung und den üblichen Höflichkeitsphrasen lehnte er sich in seinen Schaukelstuhl wieder zurück und versank in ein bequemes Schweigen, das eben nur ein Sohn Albions natürlich und nicht beleidigend findet.

Dr. Willibald fühlte sich von der Persönlichkeit seines Landsmannes durchaus nicht angemutet. Dieses völlige Aufgehen in einer fremden Nation kam ihm doch sehr gesucht vor. Obwohl er durch seinen Schwiegersohn wissen mußte, daß der Doktor ein Deutscher sei, hatte er ihn nur englisch angeredet und auf dessen eingeschaltete Bemerkung, daß er sich freue, in ihm einen Landsmann zu begrüßen, kein Wort erwidert. Auch das Gesicht des Herrn Waxmann gefiel ihm gar nicht; um den Mund lagerte ein harter verschlossener Zug, und die hellen blauen Augen hatten einen scheuen Blick. Sie schienen beständig auf der Lauer zu liegen, obwohl sie sich Mühe gaben, so kühl und gleichgültig wie möglich vor sich hin zu starren.

11 Mr. Templeton hatte sich's ebenfalls in seinem Stuhle bequem gemacht, kreuzte die Arme und litt unter der Schweigsamkeit seines Schwiegervaters nicht im mindesten. Mit stoischer Ruhe erwartete er das Erscheinen seiner Braut, während Dr. Willibald seine Lage durchaus nicht behaglich fand. Endlich öffneten sich die hohen Flügelthüren des Hinterzimmers und zwei junge Mädchen traten herein. Sie zeigten freilich auch dieselbe kühle, blöde Zurückhaltung, die englische junge Damen gegen Fremde stets als besten Wall aufwerfen, aber sie konnten es immer, ihnen hätte Dr. Willibald auch eine noch größere Kälte verziehen.

Die Älteste, die Braut Mr. Templetons, überragte nicht nur um einen halben Kopf ihre Schwester, auch an Schönheit konnte sich die Jüngste nicht mit ihr messen. Ihre hohe, schlanke Gestalt, das regelmäßige Gesicht mit dem rosig angehauchten Teint, das blonde üppige Haar, die kerzengerade, etwas ungelenke Haltung, das alles verriet die Engländerin, und doch lag in ihren tiefen, blauen Augen ein Ausdruck von sinniger Träumerei, der an ihre deutsche Abstammung erinnerte.

Die Jüngste konnte zwar auf klassische Schönheit keinen Anspruch machen, dagegen waren ihre feinen, beweglichen Züge interessant, und das frische, runde Antlitz hatte unendlich viel Anmut, ja in den zierlichen Grübchen der blühenden Wangen war sicher ein kleiner Schalk verborgen. Die echt englische Erziehung hatte diesem augenscheinlich lebhaften und heiteren Temperamente nur mit Mühe einen Dämpfer aufgesetzt. Dies zeigte auch bald ihr Benehmen. Sie war die erste, die sich nach der gegenseitigen Vorstellung, nach der langen Pause des Schweigens und mühseligen Versuchen, irgend ein gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen, das allmählich zum eigentlichen Zweck des Vesuches überleiten sollte, rasch entschlossen mit der Frage an Dr. Willibald wandte, ob er seine schöne Zeit für eine sehr ungelehrige Schülerin opfern wolle.

Diese Frage war sicher nicht nach dem Geschmack des Herrn Waxmann, denn er reckte etwas seinen Kopf aus der mächtigen Halsbinde und sah seine Tochter starr an, indem er sich ein wenig räusperte. Diese ließ sich von den Mißfallenszeichen ihres Vaters wenig beirren und bat jetzt Herrn Willibald artig, ob er nicht die Güte haben wolle, einmal den Flügel zu versuchen, da die Schwester schon immer geklagt, daß er nicht mehr recht stimmen wolle.

Der Doktor merkte wohl die Absicht, die sich unter dieser Bitte barg: aber sie kam von so blühenden Lippen und sie war mit 12 einem beinahe schelmischen Augenaufschlag verbunden, daß er nicht »nein« sagen konnte, obwohl er sogleich begriff, wie man damit nur seine eigne musikalische Begabung, nicht den Flügel prüfen wolle.

Die kleine Gesellschaft begab sich jetzt, mit Ausnahme des Herrn Waxmann, in das Hinterzimmer, in dem ein großer, prächtiger Flügel aufgestellt war.

Willibald hatte die Beobachtung gemacht, die ihm auch von andern bestätigt worden, daß in England für den Familiengebrauch im Drawing-Room ein Musikstück nur dann Wert hatte, wenn es neu war. Überall, wo er Stunden gab, fand er Notenbücher mit der neuesten Quadrille, dem neuesten »Song«, einer Auswahl aus der neuesten Oper, und er war nicht wenig erstaunt, als er nur Sachen von Händel, Beethoven und Mendelssohn auf dem Pulte liegen sah. Fräulein Mary mußte also in der Musik einen feinen, durchgebildeten Geschmack besitzen. Deshalb wählte er auch eine Beethovensche Sonate, anstatt irgend ein Bravourstück vorzutragen, wie er es sonst wohl gethan haben würde. Als er dann sah, wie die Älteste mit wahrer Andacht zuhörte, auch die Augen der Jüngsten zu glänzen begannen, da fühlte er sich von diesem stummen Beifall selbst mit fortgerissen, und er trug die Beethovensche Musik mit einer Wärme und Begeisterung vor, wie er sie selbst seit langem nicht empfunden hatte.

Während des Spieles richtete Miß Mary ihre schönen, träumerischen Augen zärtlich auf ihren Bräutigam; die Beethovensche Musik versetzte ihre sonst so ruhige, leidenschaftslose Seele doch in raschere Schwingungen, und sie verriet ein wenig, wie warm und innig ihr Herz für den Geliebten schlug, wenn sie auch gewöhnt war, über ihr innerstes Empfinden den dichten Schleier der Konvenienz zu ziehen. Auch Mr. Templeton war jetzt ein andrer, seine Augen strahlten vor Glück und Seligkeit, er hatte die Hand seiner Braut ergriffen und zog sie zärtlich an seine Lippen. Das glückliche Paar hatte etwas entfernt vom Flügel hinter dem Rücken des Doktors Platz genommen; es glaubte sich unbemerkt und dachte nicht daran, daß der Spieler im nächsten Wandspiegel sie beobachten konnte.

Dr. Willibald begriff jetzt die Begeisterung seines Schülers, der, um seiner Braut zu gefallen, sich mit unerbittlicher Geduld mit der Musik abgeplagt. Diese edle, schöne Mädchengestalt verdiente wohl eine solche Aufmerksamkeit.

Nach Beendigung des Spieles war es Mr. Templeton, der mit seinen zierlichen, wohlgepflegten Händen zuerst kräftig Beifall 13 klatschte, und während die Jüngste, Miß Harriet, diesem Beispiele folgte, saß die Älteste noch immer in stiller Seligkeit da und ließ die Töne in sich ausklingen.

»Ja, wer so spielen könnte!« rief die Kleine lebhaft, sie war dabei dicht an den Flügel getreten, und ihre Augen ruhten unwillkürlich auf den schlanken Fingern des Doktors, die solch herrliche Töne hervorgezaubert.

»Durch Lust und Liebe zur Sache werden Sie es lernen«, entgegnete Willibald, dem die Naivität der jungen Engländerin gefiel.

»Ach, diese Deutschen sind alle geborene Musiker, aber wir?!« – und über ihre blühenden Lippen schlüpfte eine Art Seufzer.

»Nun, Sie dürften wohl diese Begabung für die Musik geerbt haben, da ja ihr Papa auch ein –«

Miß Harriet legte erschrocken den Finger an den Mund: »Pst!« machte sie warnend und setzte dann errötend hinzu: »Papa hört nicht gern von seiner deutschen Abstammung, ich glaube, er hat es selbst vergessen, daß er aus dem Lande der Musik, der Träume, wie man sagt, auch der Philosophie, herübergekommen« sie lachte schon wieder und zeigte dabei eine Reihe der schönsten kleinen Zähne, die in ihrer Regelmäßigkeit einen wahrhaft entzückenden Anblick boten.

Über das Gesicht des Doktors flog ein Schatten. An was erinnerten ihn diese Worte des jungen Mädchens? An seine teure Heimat, an die Hoffnungen und Träume, die dort in Trümmer gesunken! . . . Über die ganze Erde war die Ansicht verbreitet, daß die Deutschen nichts weiter als ein Volk müßiger Träumer, das sich niemals zu einer kühnen That, zu jener einflußreichen Weltstellung aufschwingen würde, die ihm unbedingt zufallen mußte, sobald es sich nur einmal aus seiner philosophischen Beschaulichkeit aufraffen konnte . . . Schwerlich hatte ihn die junge Engländerin mit ihrer Antwort kränken wollen, es war ja die allgemeine Meinung, die sie ausgesprochen, und sie konnte nicht ahnen, daß sie ihn tiefer berühren würde, weil er an der Größe und Einheit seines deutschen Vaterlandes mit zu zimmern gesucht.

Da das junge Mädchen sein Schweigen ganz anders deuten konnte, so sagte er endlich nicht ohne Selbstironie: »Ja, wir hatten erst vor kurzem wieder einen recht herrlichen Traum und wurden sehr unsanft aufgeweckt; ich befand mich sogar beim Erwachen auf englischem Boden.« Er griff dabei, um seine Erregung vollends niederzukämpfen, einige Akkorde.

14 »Ah, man sagt, die Deutschen verständen wunderhübsch auf dem Piano zu phantasieren: dürfte ich Sie darum bitten?« rief die Kleine mit großer Lebhaftigkeit, und ihre braunen glänzenden Augen ruhten halb schüchtern, halb verwegen auf dem Antlitz des Fremden: »Ich habe so etwas noch nie gehört«, setzte sie mit einem reizenden Lächeln hinzu.

Einer solchen Aufforderung hätte wohl auch ein älterer Musiklehrer nicht widerstehen können. Dr. Willibald verneigte sich vor dem jungen Mädchen, warf einen fragenden Blick auf das Brautpaar und als auch dieses eifrig zunickte, begann er ohne weiteres Zögern. Er dachte an seine Heimat, den glänzenden Strom, an dem er seine Jugend verlebt, die Hoffnungen und Wünsche, die damals seine Brust belebt, und er ließ sich von der edlen Tonkunst in jene goldene, lachende Frühlingszeit zurücktragen. Wie süß, wie wonnig waren die Melodien, die von den lachenden, grünen Flüssen, den rebenumkränzten Bergen, der wilden Romantik erzählen, die jenen gesegneten Landstrich umspannen! Immer leiser, träumerischer wurden die Töne, es war das Wiegenlied der deutschen Nation . . . Plötzlich verloren sich diese weichen, einschmeichelnden Akkorde, es kam der Sturm. Aufbrausende Figuren wirrten durcheinander, und dann zitterte doch wieder ein weicher, schmelzender Ton hindurch, die Sehnsucht nach Harmonie; aber immer wilder rollten die Passagen, immer mehr verloren sich die weichen, träumerischen Klänge, und mit einer grellen Dissonanz schloß er endlich diesen stürmischen, glänzenden Reichstag der Töne.

Je weiter er gespielt, je mehr hatte er seine Umgebung vergessen und sich ganz in seine Phantasie verloren. Alles war wieder in ihm aufgetaucht, das Jüngsterlebte und Erlittene, der Schmerz um das deutsche Vaterland durchwühlte schärfer als je sein tiefstes Innere. Als er geendet, perlten Schweißtropfen auf seiner Stirn, eine Totenblässe bedeckte sein Antlitz. Die älteste Schwester war seinem Spiel in atemloser Spannung gefolgt, sie allein hatte es verstanden, was der Fremde in Tönen auszudrücken gesucht, und flüsterte einmal über das andre »wnnderbar!« vor sich hin. Die Jüngste dagegen hatte weniger auf das Spiel gehört; aber sie sah den träumerischen Ausdruck auf dem Antlitz des Doktors, als er seine Erinnerungen zum besten gab, gewahrte dann seine tiefe Bewegung, und ein Gefühl von seltsamer Teilnahme für den Fremden beschlich ihr junges Herz. Als Dr. Willibald aus seinen musikalischen Phantasien erwachte und den Blick zu ihr 15 erhob, standen ihre Augen voll Thränen. Sie gab sich nicht einmal Mühe, sie zu verbergen, und sagte mit einem Versuch des Lächelns: »Nein, wenn die Musik so unglücklich machen kann, dann mag ich sie nicht lernen.«

»Fürchten Sie das nicht«, entgegnete der Doktor und bemühte sich, seine innere Erregung zu verbergen; »die Musik ist die mildeste Trösterin, sie hat für unser tiefstes seelisches Leid das meiste Verständnis.«

»Ja, wer sich sein ganzes Leben über so wunderbar mit ihr befreundet, wie Sie«, war ihre rasche Antwort.

»Glauben Sie das nicht«, entgegnete der Doktor, »ich habe die edle Tonkunst in den letzten Jahren arg vernachlässigt und erst hier in England wieder ihre Freundschaft aufgesucht.« Er hatte die Kleine nur ermutigen wollen und gewahrte zu spät, daß er damit sein Geheimnis preisgegeben. Wer konnte wissen, ob er nicht bei seinen Schülern im Ansehen sank, daß er nichts weiter sei, als ein Musikdilettant.

Die Neugier des jungen Mädchens war durch diese Andeutung einmal geweckt, vielleicht wollte es auch nur das ihr angenehme Gespräch weiterspinnen, denn es fragte sogleich: »Sie waren nicht immer Musiker? Ich dachte mir's gleich; Sie sehen ganz anders aus, als der Lehrer, der Mary Stunden gab«, und dabei streiften ihre braunen Augen in reizender Unschuld prüfend über das Gesicht des Doktors.

Willibald mußte lächeln. »Sie haben recht, Fräulein. Die langen, genial zurückgeworfenen Haare und der Künstlerrock fehlen mir, denn ich war bisher nichts weiter, als ein deutscher Doktor der Philosophie.«

Nun waren erst recht die Schleusen ihrer Wißbegier aufgezogen, wie viel hätte sie noch von dem Fremden erfahren wollen, der ihr dadurch immer interessanter wurde; aber sie wagte eine neue Frage nicht zu stellen, sondern trat, um ihre Unruhe zu bemeistern, an ihre Schwester und sagte rasch: »Jetzt mußt du auch etwas spielen.«

»Um zu zeigen, wie wenig ich von meinem Maëstro gelernt habe, der wirklich nur seine Genialität in seinen Haaren hatte«, entgegnete diese scherzend.

»O meine teure Mary«, rief Mr. Templeton ganz entrüstet, »Sie waren seine beste Schülerin, er hat es mir oft selbst gesagt.«

16 Fräulein Mary mußte in der That eine wahrhaft bescheidene Natur sein, daß sie ohne Zögern der Aufforderung folgte, obwohl sie fühlte, daß ihr Spiel dem des Fremden nur zur Folie dienen würde. Sie trug ein Mendelssohnsches Lied vor und zeigte dabei viel Empfindung, viel Seele, aber doch eine schlechte Schule. Sie hatte recht gehabt mit ihrem sarkastischen Wort über ihren früheren Lehrer. Dr. Willibald hätte in dem stillen, sinnigen Mädchen weder diese geistige Schärfe, noch dieses treffende Urteil gesucht.

Als sie ihr Spiel beendigt und er ihr einige Artigkeiten darüber gesagt, erhob sie nur ihre blauen Augen zu ihm und entgegnete in offener, schlichter Weise: »Sagen Sie das nicht. Ich fühle seit heut', was mir fehlt, und deshalb möchte ich Sie bitten, auch mir Ihre Zeit zu widmen, wenn Sie meinen, daß ich noch die angenommenen Fehler ablegen kann.«

»Sie haben ein so ausgesprochenes musikalisches Talent, daß ich Sie mit Freuden als meine Schülerin annehme, obwohl ich Ihnen ehrlich bekenne, daß Sie nur noch wenig von mir lernen können und bald Ihren jetzigen Lehrer verdunkeln werden.«

»Ah Mr. Willibald, habe ich Ihnen nicht auch Freude gemacht?« rief Templeton mit komischer Entrüstung, er wollte sich an den Flügel drängen und seine Kunstfertigkeit zum besten geben, aber die kleine Harriet hielt ihn zurück. »Verhalten wir uns lieber schweigend, wir armen Sterblichen, die wir zu musikalischer Stümperhaftigkeit verurteilt sind.« Sie sah dabei so harmlos glücklich aus, nicht der mindeste Neid über die mit einem hübschen Talent Begabten war in ihrem frischen, blühenden Antlitz zu lesen.

Der Stundenplan wurde jetzt verabredet, und dann ging die kleine Gesellschaft ins Drawing-Room zurück. Dort saß noch immer in steifer Haltung Herr Waxmann in das Lesen der »Times« vertieft. Der fröhliche, heitere Ton, in dem man sich bisher unterhalten, war damit verschwunden, die Anwesenheit des Hausherrn schien auf alle, selbst auf die sorglose Harriet einen Bann zu üben, es wollte sich kein rechtes Gespräch mehr anknüpfen lassen, und nach kurzer Zeit brachen die beiden Herren auf. Herr Waxmann hatte für den Abschiedsgruß des Doktors nur ein leichtes Nicken des Hauptes und murmelte etwas vor sich hin, das ein Lebewohl good bye ersetzen sollte.

Schon am andern Tage begann Willibald bei den jungen Mädchen seinen Unterricht, und diese Stunden gehörten zu seinen angenehmsten. Wie auch die Töchter des Herrn Waxmann zu 17 echten Engländerinnen künstlich herangebildet worden, hier trat ihm doch deutsches Gemüt entgegen und er fühlte sich bald angeheimelt von der Einfachheit und Herzenswärme der beiden Schwestern. Zog ihn die Älteste durch ihre Sinnigkeit und Tiefe an, konnte er mit ihr sich in die Schönheiten der Meisterwerke unsrer Komponisten versenken, so wurde er durch die Frische und Harmlosigkeit der Jüngsten erheitert und vergaß darüber den Schmerz um sein Vaterland und seine ihm unwürdig dünkende Lage.

Herr Waxmann ignorierte seinen Landsmann völlig, er sah kaum von seiner Times auf, wenn er kam, und niemals betrat er das Hinterzimmer, so lange Dr. Willibald Stunde gab. Dieser fand zwar das Benehmen des ehemaligen Deutschen sehr unhöflich aber zugleich auch sehr bequem. Er konnte nun desto ungestörter mit seinen Schülerinnen plaudern, die allmählich alle englische Zurückhaltung abstreiften und die ganze Anmut ihres liebenswürdigen Naturells zeigten. Er mußte von seiner Heimat erzählen, vom goldenen Rhein und mit Entzücken lauschten sie auf seine Schilderungen, besonders war Harriet unermüdlich in Fragen, und ihre braunen Augen glänzten, wenn er die Sagen und Lieder zum besten gab, mit denen die Dichter diesen herrlichen Fluß umsponnen und gefeiert.

»Der Vater hat uns niemals von seiner Heimat erzählt«, meinte die Jüngste, »er muß dort traurige Erfahrungen gemacht haben, denn er spricht nicht einmal gern von Deutschland, und wer ihn übler Laune machen will, darf ihn nur an seine deutsche Abstammung erinnern.«

»Dann wundere ich mich, daß er einen deutschen Musiklehrer in seinem Hause duldet.«

»O, er hat auch nichts davon wissen wollen«, lachte Harriet, »aber es ist schwer, den Willen eines solch eigensinnigen Geschöpfes zu besiegen, wie ich nun einmal bin.«

»Und Sie haben nicht diesen unbeugsamen Willen?« wandte sich Willibald zu Mary, die sich bei den Plaudereien ihrer Schwester gern still verhielt.

»Ich liebe meinen Vater, und er ist ohnehin so traurig«, war ihre Antwort.

»Das ist immer nur, wenn sich der häßliche Deutsche einmal sehen läßt –« platzte Harriet heraus; sie wollte noch mehr sagen, aber ein verweisender Blick ihrer Schwester brachte sie zum Schweigen.

18 Dr. Willibald hatte längst bemerkt, daß über diesem Hause irgend ein Geheimnis ruhe, und die Harriet entschlüpften Worte bestärkten ihn darin.

Diese Abneigung des Herrn Waxmann gegen alles Deutsche war doch zu eigentümlich, und wie kam es, daß er trotzdem mit einem »häßlichen Deutschen« verkehrte, wie ihn die Kleine genannt. Auch das ganze Aussehen des kalten, verschlossenen Mannes deutete darauf hin, daß ein Druck auf ihm laste. Wie er noch darüber nachsann, brachte die bewegliche Harriet dem Gespräche eine andre Wendung bei. »Man hat uns immer die Schönheit der deutschen Lieder nachgerühmt, aber ich habe noch nie das Glück gehabt, eines zu hören.«

»Sie sollen es sogar morgen mitsingen. Ihre Schwester hat die schönste Altstimme, Sie den frischesten Sopran.«

»Woher wissen Sie das?« fragte Harriet sogleich, »wir haben ja noch niemals vor Ihnen gesungen.«

»Und doch glaube ich mich nicht zu täuschen.« . . .

»Nein, Sie haben recht; aber wir verstehen ja gar kein Deutsch.«

»Sie dürfen nur den deutschen Text singen, und damit Sie wenigstens den Inhalt kennen, übersetz' ich's Ihnen vorher.« –

»Das wird lustig werden«, rief die Kleine, und auf ihrem blühenden Gesicht prägte sich die Freude aus über den neuen sie erwartenden Genuß.

Der Doktor hielt Wort; er brachte am andern Tage einige deutsche Lieder mit, vor allem Goethes köstliches »An den Mond«, von denen er rasch eine englische Übersetzung aufgetrieben. Die beiden Mädchen waren sehr entzückt von dem Inhalt des tief poetischen Gedichtes und begleiteten jetzt den kräftigen Bariton Willibalds mit so viel tiefer, wahrer Empfindung, daß er sich gestand, selbst deutsche Mädchen würden es nicht besser gekonnt haben.

Mitten in ihrem Gesange ging leise die Thür auf, und die magere, hohe Gestalt des Herrn Waxmann erschien und blieb wie eingewurzelt auf der Schwelle stehen. Er war völlig verwandelt, auf dem sonst so starren, kalten Antlitz spiegelte sich eine tiefe Rührung ab, seine Augen glänzten und in atemloser Spannung horchte er auf das Lied. Wo war der steife, gegen alles gleichgültige Stockengländer geblieben! Hatten die weichen, lieben Töne der Heimat plötzlich das Eis von seiner Brust getaut und ihm das treulos vergessene Vaterland vor die Seele geführt; oder war es nur überhaupt der Gesang, der ihn herbeigelockt? –

19 Mary war so in ihre Aufgabe versenkt, daß sie das Erscheinen des Vaters nicht bemerkte; aber Harriet flog ihm sogleich nach Beendigung des Liedes an die Brust, blickte zärtlich zu ihm auf und fragte: »Nicht wahr, das klingt hübsch?«

Er strich mit der Hand über ihr volles, schönes Haar, und als er sich jetzt zu ihr wandte, da lag doch ein Ausdruck von Milde und Güte in seinem Gesicht, der mit seiner sonstigen Starrheit im grellsten Widerspruch stand. »Ich danke euch, Kinder, ihr habt prächtig gesungen«, sagte er rasch und suchte seine Rührung so viel wie möglich zu verbergen, »auch Ihnen danke ich für den seltenen Genuß«, wandte er sich in deutscher Sprache an Willibald, obwohl die Worte etwas ungelenk herauskamen und verrieten, daß er seit dem Verlassen der Heimat seine Muttersprache nicht nur arg vernachlässigt, sondern ganz beiseite geschoben habe.

Der Doktor vermochte kaum einen Ausruf der Überraschung zu unterdrücken. Er würde sich nicht mehr verwundert haben, wenn ihn die große Gipsfigur in der Ecke, die eine Minerva vorstellen sollte, plötzlich angeredet hätte. Trotzdem galt es, sich rasch zu beherrschen, und er sagte herzlicher, als er ihm wohl sonst geantwortet haben würde: »Ja, das deutsche Lied übt einen eignen Zauber, längst entschlafene Erinnerungen wachen wieder auf und wie ein liebend mahnend Wort der Mutter scheint es zur Heimat zurückrufen zu wollen.«

»Sie haben recht«, entgegnete Waxmann freundlich, »aber sprechen wir englisch, meine Kinder machen schon ganz erstaunte Gesichter über die ihnen fremde Sprache und könnten es uns am Ende auch übel nehmen.« Etwas wie ein Lächeln flog dabei über sein blasses Antlitz.

Die Schwestern waren weniger erstaunt über den Klang der ihnen fremden Sprache, als daß sie ihr Vater gegen einen Fremden gebraucht, und als sich jetzt Dr. Willibald wegen seiner Unart entschuldigte, entgegnete Harriet sogleich: »Das Deutsche klingt gar nicht so häßlich, als ich gedacht habe.«

Der Doktor hatte schon die Frage auf den Lippen: »Warum haben Sie überhaupt nicht Deutsch gelernt?« Doch er schwieg, und Mary fragte den Vater, ob er noch etwas hören wolle. »Es wird mir Vergnügen machen«, entgegnete er ungewöhnlich lebhaft, rückte sich dann einen Stuhl in den äußersten Winkel des Zimmers und nahm darin Platz. Er stützte den Kopf in die Hand, und als jetzt die drei wieder ein Lied anstimmten, lauschte er mit wahrhaftem 20 Entzücken auf den Gesang. Sein Gesicht nahm einen andern Ausdruck an, die scharfen Linien um Nase und Mund verschwanden, in seinen sonst so ruhigen, kalten Augen spiegelte sich eine sanfte Träumerei wider – der Deutsche in ihm, der solange geschlummert, war erwacht. Er bedurfte all seiner Selbstbeherrschung, um nicht in Thränen auszubrechen.

Als man das Lied beendigt, war er ebenso geräuschlos, wie er gekommen, wieder in der Thür verschwunden.

Harriet konnte kaum über das seltsame Benehmen des Vaters ihre Verlegenheit verbergen. Was sollte Mr. Willibald von ihm denken? Und doch wußte sie keine Entschuldigung dafür. Warum zeigte er sich nur gegen alle Welt so sonderbar, schroff und zurückhaltend, während seine Kinder keinen zärtlicheren, liebevolleren Vater haben konnten als ihn. Die ältere, geistig gereiftere Mary hatte wohl zu all diesen anscheinenden Absonderlichkeiten den Schlüssel; aber sie schwieg wie immer, ihre junge Seele hatte noch mehr zu verschweigen und – zu tragen, als dieses.

Den Doktor befremdete dies Auftreten weniger, als Harriet dachte. – Herr Waxmann hatte sich von einer auftauchenden Jugenderinnerung hinreißen lassen und bereute schon im nächsten Augenblick seine Thorheit – so legte sich Willibald dies Benehmen zurecht.

Nach der Stunde gingen die Schwestern wieder in das Drawing-Room zurück. Sie fanden den Vater noch immer in einer weichen, träumerischen Stimmung; er las nicht wie sonst seine Zeitung, sondern blickte in tiefes Sinnen verloren vor sich hin; deshalb wagte das verzogene Lieblingstöchterchen die Frage: »Haben dir unsre andern Lieder nicht gefallen?«

»Wie sollten sie nicht? Aber ich mag sie nicht mehr hören, sie machen nur weich und schwärmerisch.«

»Was sind die Deutschen für wunderbare Menschen! Sie sehen die Welt ganz anders an wie wir. Auch unser Lehrer ist so eigentümlich, was hat er uns nicht schon von seinem Heimatlande erzählt, es muß herrlich dort sein, und du hast uns noch gar nichts davon gesagt«, plauderte Harriet.

Zu jeder andern Zeit würde der Vater das ihm unliebsame Gespräch abgebrochen haben, heut' war sein Herz einmal in zu heftige Schwingungen versetzt, und offner, zugänglicher als sonst entgegnete er: »Ich bin in einer großen Stadt geboren und kann deshalb von einer romantischen Landschaft nicht berichten.«

21 »Und du hast gar keine Sehnsucht mehr nach deiner Heimat? O wie prächtig wär's, wenn du einmal in dies Wunderland zurückkehren wolltest und wir dich begleiten könnten!«

»Ich sehne mich nicht zurück, und du weißt, daß meine Geschäfte mir eine längere Abwesenheit nicht gestatten.« Er sprach wohl ohne ein Zeichen äußerer Aufregung, aber seine Stimme schien doch ein wenig zu zittern.

»Ich liebe Deutschland, obwohl ich es noch gar nicht gesehen«, rief Harriet lebhaft, und ihre Augen glänzten.

»Vielleicht deshalb nur«, entgegnete der Vater mit einem leichten Anflug von Sarkasmus.

»Nein, weil es in Musik und Poesie so Herrliches hervorgebracht hat und weil seine Menschen sich so frei und zwanglos bewegen; sie kennen nicht die unerbittlichen Gesetze der Gesellschaft, unter die wir uns wie unter einer eisernen Rute beugen müssen. Sie singen und lachen, wie es ihnen beliebt, und lassen sich den Bart wachsen, ganz wie es ihnen gefällt.«

Jetzt mußte doch der Vater lachen und herzlicher, als es sonst seine Art war; selbst die ernste Mary lächelte, und Harriet war nicht wenig glücklich über diesen Erfolg. Nun plauderte sie unermüdlich weiter und wußte ihren Vater in die heiterste Stimmung zu versetzen; er begann sogar ohne Aufforderung von seiner Vaterstadt zu erzählen, die sich zwar mit dem gewaltigen London nicht messen könne, aber doch manche Ähnlichkeit mit ihm habe.

So frisch und sorglos hatten die Töchter den sonst so ernsten, stillen Mann seit lange nicht gesehen. Wohl zeigte er gegen seine Kinder eine wahrhaft aufopfernde Liebe und bemühte sich, ihnen jedes Glück zu bereiten, doch ihn selbst schien das Glück schon längst geflohen zu haben, auf seiner Stirn ruhte stets eine düstere Wolke. Heute dagegen war es, als ob er einmal aufatmen, sich harmlos der Gegenwart überlassen und das Glück genießen wolle, im Besitze zwei solch anmutiger, ihn wahrhaft liebender Kinder zu sein. Auch Mary bemühte sich, diesen Frohsinn zu teilen, und bald kamen alle drei in die heiterste Stimmung, sie lachten, ohne zuletzt selbst zu wissen, warum.

Eben hatte Harriet wieder ihr helles, glückliches Lachen angestimmt und der Vater wollte ihrem Beispiel folgen, da trat der Tiger herein und meldete, daß ein Deutscher in dringenden Angelegenheiten Mr. Waxmann zu sprechen wünsche.

»Hast du ihm nicht seine Karte abgefordert?« fragte der 22 Vater erbleichend, alle Heiterkeit war plötzlich aus seinem Antlitz verschwunden, er schien bereits zu ahnen, wer der Fremde sei, und doch wollte er die unangenehme Gewißheit noch hinausschieben.

»Er sagte, das sei gar nicht nötig, Mr. Waxmann würde schon den Besuch eines alten Landsmannes annehmen. Ich wollte ihn gleich abweisen, er sah so schäbig aus, aber er war so unverschämt und ließ sich nicht belehren.«

»Papa, laß ihn nicht vor«, flüsterte ihm Harriet zu, »du bist dann immer so lange traurig, wenn der häßliche Mensch hier gewesen.«

»Du täuschest dich, Kind, das ist wohl nur ein Zufall«, entgegnete der Vater und bemühte sich, wieder eine sorglose Miene anzunehmen.

»Nein, nein, ich weiß es genau«, erwiderte Harriet lebhaft, »ich kann mich noch auf drei Besuche von ihm besinnen, und jedesmal hast du nachher wochenlang kein Wort gesprochen.«

»Du sollst diesmal nicht wieder über mich klagen können«, war seine von einem Lächeln begleitete Antwort, das heiter sein sollte und doch nur seinem Antlitz einen noch schmerzlicheren Ausdruck gab. Er wandte sich dann an den Tiger mit den Worten: »Ich lasse den Herrn bitten«, und die Töchter zogen sich schweren Herzens zurück.

Bald darauf trat der Fremde ein. Beide Männer blieben wohl länger als eine Stunde miteinander in leisem angelegentlichen Gespräch, das nur von dem Ankömmling zuweilen etwas lauter geführt wurde, dann begleitete der Wirt seinen Besuch bis an die Thür, sie schüttelten sich die Hände, und obgleich Herr Waxmann deutsch sprach und also seine Umgebung ihn nicht verstehen konnte, flüsterte er dennoch: »Leb' wohl, ich werde inzwischen alles vorbereiten.«

»Ich wußte wohl, daß du mich nicht verlassen würdest«, entgegnete der Fremde mit häßlichem Lächeln und dann war er schon verschwunden.

Herr Waxmann ging nicht mehr in das Gesellschaftszimmer zurück, er wanderte langsam dem kleinen Gärtchen zu, als müsse er wenigstens frische Luft atmen, da ihm die Brust wie gepreßt war. Vorsichtig ließ er seinen Blick über die Fenster des kleinen Häuschens schweifen, ob ihn jemand bemerken könne, und als er niemand gewahrte, da erst gestattete er dem Sturm seines Innern einen Ausbruch. Aber auch seine Verzweiflung machte sich nicht in heftigen Bewegungen Luft; er behielt nach seiner Gewohnheit die Hände auf dem Rücken, nur wand er sie krampfhaft umeinander, und sein sonst ruhiger und gemessener Gang war hastiger, seine Brust hob sich langsam und schwer. Er hatte den Kopf tief gesenkt und starrte vor sich hin. Heut' schenkte er den seltenen Blumen des hübschen Gärtchens, die er sorgsam gepflegt, nicht die mindeste Beachtung, ja er trat beim raschen Umbiegen eine prächtige Rose nieder, ohne sich darnach zu bücken und sie wieder aufzuheben. Auf dem blassen Antlitz prägte sich Reue, Gram, Verzweiflung aus, aber kein Ton kam über die zitternden Lippen. Was alles in seiner Seele vorging, die düstern, zerrissenen Gedanken, die in seinem Hirn aufsteigen wollten – er drängte sie zurück, ehe sie eine bestimmte Form angenommen, als fürchte er sich, daß ihm dennoch einmal ein Wort entschlüpfen und ihn verraten könne.

Endlich erhob er den Blick und schaute in düsterer Verzweiflung zum blauen Himmel empor, der mild und freundlich zu ihm herablächelte. »Werden meine Leiden niemals enden? Habe ich noch nicht genug gebüßt?« hauchte er in grenzenloser Seelenangst vor sich hin, ohne daß sich seine Lippen bewegten, und dann verließ er mit einem letzten Seufzer den Garten. Als er jetzt langsam dem Hause zuschritt, hätte nur ein scharfer Beobachter erraten können, welch Leid und Wehe soeben durch seine Seele gerast.

Nun war sein erstes, Mary herbeizurufen; sie erschien augenblicklich. Der Vater mußte doch erst im Zimmer einmal auf und ab wandern, eh' er sich an seine Tochter wenden konnte. Endlich begann er mit anfangs stockender, unsicherer Stimme: »Wir werden noch heut' Besuch erhalten, vielleicht auf einige Tage, vielleicht auf längere Zeit. – Mein armer Landsmann hat sich wie euer Musiklehrer in Deutschland an der Revolution beteiligt und flüchten müssen. Er braucht einen Aufenthalt, wo er gegen alle Verfolgung sicher ist, und ich bin ihm zu Dank verpflichtet, er hat mir einst einen großen Dienst geleistet, und deshalb will ich ihm das alte Sommerhaus einräumen, das ist der sicherste Versteck; aber niemand darf ihn sehen, Mary – hörst du? Niemand! Die alte Betty ist treu wie Gold, ihr kannst du dich anvertrauen, doch den andern bleibt es ein Geheimnis. Sprich mit Harriet darüber; die weiß für alles Rat, das wird ihr unruhiges Köpfchen in Bewegung setzen« und der Vater suchte mit diesem mühsam vorgebrachten Scherz der peinlichen Verlegenheit eine andre Färbung zu geben.

24 Mary hatte ihm aufmerksam zugehört, auf ihrem schönen, regelmäßigen Antlitz prägte sich nichts weiter aus, als das lebendigste Verständnis für die Weisungen ihres Vaters; nicht das leiseste Zucken verriet, was in ihrem Innern vorging. Und doch empfand sie namenlose Unruhe und Angst, als ob mit diesem unerwarteten Ereignis etwas Entsetzliches im Anzuge sei.

Zwischen ihrem Vater und diesem unheimlichen Fremden mußte irgend eine gefahrvolle Beziehung bestehen. Welche? wußte sie freilich nicht. Aber sie konnte sich noch auf sein erstes Erscheinen besinnen; damals war sie noch ein Kind gewesen, deshalb hatte der Vater ihre Anwesenheit nicht beachtet, und manch verzweifeltes Wort war ihm nach dem Weggange des Fremden entschlüpft. Deutlich hatte sie gehört: »O, das ist das Los des Galeerensklaven, der an seinen Gefährten gefesselt bleibt bis ans Ende!« Sie verstand damals nicht den Sinn dieses Ausrufes, doch er war ihr im Gedächtnis geblieben, und ihre junge Phantasie verband mit der Gestalt des Fremden alles Düstere und Grauenhafte. – Er war dann nur in jahrelangen Zwischenräumen wiedergekommen, und immer brachte sein geheimnisvolles, plötzliches Erscheinen und Verschwinden auf den Vater eine dämonische Wirkung hervor, er zeigte sich düster und verschlossen und kam erst nach langer Zeit wieder in ein ruhiges Geleis.

Dies war selbst der sorglosen Harriet nicht entgangen, wenn sie auch nicht, wie Mary, bestimmte Äußerungen des Vaters gehört.

Und dieser entsetzliche Mensch, vor dem sie ein wahres Grauen empfand, sollte jetzt sogar ein Gast des Hauses werden! – Wohl wagte sie nicht den leisesten Widerspruch, aber schweren Herzens traf sie die nötigen Anordnungen, um dem unheimlichen Besuch das Sommerhaus einzuräumen, das in einem Winkel des Gartens freilich ein trefflicher Versteck war, denn Herr Waxmann gestattete außer seinen Kindern und höchstens der alten Betty das Betreten seines Gartens niemand. Es gehörte zu seiner Erholung, hier alles selbst anzuordnen und zu pflanzen.

Harriet war ganz außer sich, als ihr Mary die Mitteilung machte; sie begriff die Gutmütigkeit des Vaters nicht, einen solchen Menschen aufzunehmen, und die Schwester hatte alle Mühe, sie zu beschwichtigen und ihr einzureden, daß es ja Christenpflicht sei, einen unschuldig Verfolgten zu schützen. »Denk an unsern Musiklehrer, würdest du da nicht den Vater überreden, ihm ein Asyl zu gönnen?« fragte sie, um die Gedanken der Kleinen auf etwas 25 andres zu lenken, was ihr auch damit gelang. »Ah, Mr. Willibald, das ist ganz was andres«, entgegnete sie lebhaft, »der ist wirklich ein Gentleman, und ich kann dir gar nicht sagen, wie gern ich bei ihm Stunde hab'. Ich hätte niemals gedacht, daß mir die Musik so viel Freude machen würde.«

Mary hatte schon bemerkt, daß sich die Schwester für den Musiklehrer ungewöhnlich lebhaft zu interessieren begann, und auch dies machte ihr Kummer. Die sonst so flatterhafte Harriet, die bisher alles nur obenhin getrieben, übte jetzt mit einem wahrhaft glühenden Eifer, sie konnte die Stunde kaum erwarten, und wenn Willibald kam, wie glänzten dann ihre Augen, wie war sie bereit, über seine Scherze zu lachen, auf jedes seiner Worte zu lauschen! Sollte sie die Kleine auf die Gefahr aufmerksam machen, die ihr Herz lief? – aber ist nicht solcher Zustand eines jungen Mädchens ein Traumwandeln und jeder Anruf bedenklich, weil er erst die Gefühle weckt, die noch schlummerten? Mary hatte als ältere ihr jüngstes Schwesterchen schon immer etwas bemuttern müssen, sie war dadurch vor der Zeit gereift und ihr ohnehin ernstes Wesen noch ruhiger und nachdenklicher geworden. Zu einer Verbindung seiner Tochter mit einem armen Musiklehrer würde der stolze Vater niemals die Einwilligung erteilen, das wußte Mary zu genau und doch wagte sie Harriet nicht zu warnen, um so weniger, als sich Mr. Willibald in den gemessensten Schranken hielt. Er war artig, zuvorkommend, zuweilen aufgeräumt und heiter, aber wie ihn auch Mary beobachtete, sie konnte nicht entdecken, daß er seinerseits eine heimliche Neigung empfand, und so hoffte sie wohl, daß sich die Schwester bald wieder zurechtfinden würde.

Als die Dämmerung einbrach und die Zeit heranrückte, in der sich der Fremde angesagt, sandte Herr Waxmann den kleinen Tiger mit einem Auftrage fort, der ihn mehrere Stunden aufhalten mußte, und beim ersten Klopfen eilte er selbst an die Thür, um zu öffnen. Sein Gast hatte sich richtig eingefunden, er trug nur ein dürftiges Bündel unter dem Arm und sah jetzt noch wüster aus, als bei seinem ersten Erscheinen. Sicher hatte er erst noch einmal der Flasche zugesprochen, denn er duftete schon aus weiter Entfernung nach Branntwein und seine sonst sehr geläufige Zunge lallte halb unverständliche Worte hervor. »Herzensbruder, da bist du ja! doch ein prächtiger Junge. Na, wir bleiben die Alten«, und der Trunkene wollte schon auf dem Flur seinen Gastfreund 26 umarmen. Dieser wich einer solchen Zärtlichkeit aus, schob seinen Arm in den des andern und suchte ihn hastig mit fortzuziehen.

»Warum solche Eile?« lallte der Trunkene, »ich bin jetzt bei dir, und nun ist alles gut, nun mögen sie mir nachpfeifen.«

Waxmann antwortete nicht, er zog ihn halb gewaltsam mit fort: »Sei nicht ängstlich, Brüderchen, wir haben ja schon manchen Sturm erlebt und sind immer oben geblieben – immer oben«, und dabei taumelte er langsam die Treppe hinab, die zum Garten führte.

»Wohin bringst du mich denn?« fragte er plötzlich, blieb stehen und schaute mit dem Mißtrauen eines Betrunkenen in das ruhige Antlitz seines Landsmannes.

»Wie ich dir schon nachmittags versprochen, in ein kleines Gartenhäuschen, dort bist du am sichersten geborgen.«

»Das ist brav, Herzensbruder, ja du sorgst für mich, ich hab' an dir immer eine Stütze«, und als ob er dies nicht bloß figürlich nehmen wolle, lehnte er sich mit ganzer Schwere auf seinen Begleiter, daß dieser Mühe hatte, sich aufrechtzuerhalten.

Endlich gelang es ihm, den Trunkenen an Ort und Stelle zu bringen. Mary hatte wirklich schon für alles gesorgt und das kleine Stübchen, so weit es in der Eile möglich war, wohnlich eingerichtet. In diesem Zustand aber, in dem sich der Ankömmling befand, durfte er nicht einmal die alte Betty, geschweige denn seine Tochter herbeirufen; er mußte selbst alles besorgen, zündete Licht an und verschloß dann rasch die Laden. Als er sich entfernen wollte, um ein Abendbrot herbeizuschaffen, rief der Trunkene sogleich: »Warum willst du schon fort? Bleibe noch ein Weilchen hier, sonst werde ich ganz schwermütig, Herzensbruder, ich kenne meine Schwäche! O, ich bin ein seelenguter Mensch, aber immer allein, das ist furchtbar!« Sein angeheiterter Zustand ging, wie dies bei vielen seiner Leidensgefährten der Fall, in Melancholie über.

Waxmann sagte ihm seine Absicht, und er ließ nachdenklich das schwere Haupt auf die Brust sinken, dann erhob er's wieder. »Ja, thue das, aber komme bald wieder, hörst du? und bring mir ein Glas Hock mit, Brüderchen, wie die mundfaulen Engländer unseren Rheinwein getauft. Hochheimer sollten sie sagen, aber diese Menschen verschlucken und verhunzen unsre schönsten deutschen Wörter, daß sie keine deutsche Elster wieder erkennt.« Dieser Gedanke schien ihm ganz entsetzlich zu sein, er starrte höchst unglücklich vor sich hin, während sich Waxmann schon entfernte.

27 Der Fremde mochte mit seinem Landsmann in einem Alter sein, aber er sah weit jünger aus. Heut' war freilich sein volles, blühendes Gesicht aufgedunsen, und die Augen hatten einen gläsernen, stieren Ausdruck erhalten, trotzdem ließ sich wohl erkennen, daß er eine stattliche, sogar empfehlende Persönlichkeit besaß. Während Herr Waxmann durch Sorgen, durch unermüdliche Thätigkeit in seinem Geschäft rasch gealtert war und sein durchfurchtes Antlitz einen steten Ernst zeigte, schien der Fremde das Leben von der heitersten Seite genommen zu haben, und diese Lebensphilosophie hatte ihn jung erhalten. Die breite, kräftig entwickelte Brust, die etwas hervorstehenden Augen und die von einem mächtigen Knebelbart überschatteten roten, aufgeworfenen Lippen deuteten auf einen echten Sinnenmenschen, der sich jeden Genuß zu verschaffen sucht. Er hatte ganz das Aussehen eines kecken Abenteurers, der Mühe und Arbeit scheut, um sich eine angenehme Existenz zu erringen, und doch beständig fieberhaft danach Jagd macht.

Noch ehe er völlig seinen Schmerz niedergekämpft, daß die Engländer den edlen Rheinwein »Hock« getauft, erschien Waxmann mit dem Abendbrot und der gewünschten Flasche.

Der Gast sprach sogleich den Speisen so kräftig zu, daß es augenscheinlich war, wie dies Abendbrot zugleich sein ausgefallenes Diner ersetzen mußte; dabei stürzte er hastig ein Glas nach dem andern hinunter und auf die Abmahnungen des Landsmanns, daß er sich am Ende zu viel zumute, rief er sogleich mißtrauisch: »Du gönnst mir wohl nicht diesen armseligen Tropfen, das ist recht schlecht von dir.«

»Ich fürchte nur, daß dir der Wein zu Kopf steigen würde.«

Sein Gast sah ihn förmlich mitleidig an: »Da sieht man, was aus dir in dem langweiligen London geworden, ein nüchterner Gesell, der keinen Tropfen mehr verträgt. Du trinkst keinen Wein, hast du mir schon früher gesagt, ich aber schätz' den edlen Labetrank und ich soll von dem armseligen Fläschchen betrunken werden?« Er lehnte sich behaglich in dem Stuhle zurück und schaukelte sich so kräftig hin und her, daß er jeden Augenblick Gefahr lies, auf die Erde zu fallen. »Ha, ha, ich trinke mich immer wieder nüchtern; das ist mir schon oft passiert und das ist mein größtes Unglück. Ich frage dich, was hab' ich davon, wenn ich wieder nüchtern werde – ist denn nicht all mein Geld weggeworfen, das mußt du doch als Kaufmann auf der Stelle einsehen? – Deshalb habe ich es niemals zu etwas gebracht, während 28 du dich zum reichen Mann heraufspekuliert« – und aus seinen trunkenen Augen blitzte deutlich der Neid, daß es sein Freund so weit gebracht, während er noch immer in der Welt herumirren mußte. Trotz seines tüchtigen Rausches wußte er diesen wahren Gefühlsausbruch rasch zu verbergen. »Nun, ich gönn' es dir, hab' ich doch mit den Grund dazu gelegt, nicht wahr, Herzensbrüderchen, das wirst du nicht vergessen?« und er langte zärtlich nach der Hand seines Freundes.

Was in der Seele des andern vorgehen mochte, war schwer zu sagen. Sein Gesicht war totenbleich, seine Lippen zitterten. Tausend qualvolle Gedanken und Empfindungen stürmten auf ihn ein. Sein an die strengste Mäßigkeit gewöhnter Charakter fühlte einen physischen Ekel vor dem Trunkenbolde, und dazu die tief innere Abneigung! – Er haßte auf der Welt niemand so tief, so leidenschaftlich wie diesen Menschen, und doch mußte er gegen ihn jede Nachsicht üben, ihm stets zur Hilfe bereit sein. O, das waren Qualen der Hölle, und dafür gab es niemals eine Erlösung . . .

»Wenn ich den elenden Schurken völlig trunken machte und ihm dann den Mund für immer schließen könnte?« wirbelte es durch sein Hirn. »Niemand weiß es als meine Kinder, daß er gekommen, und ich dürfte ihnen nur sagen, daß er schon wieder fort, während ich ihm hier einen Ruheplatz verschaffte.« . . . Aber er kam wieder zur Besinnung. Sein besseres Selbst erwachte, und er entgegnete ruhig, wenn auch mit etwas heiserer Stimme, als er sah, daß sein Landsmann noch immer auf Antwort wartete: »Du siehst, daß ich für dich zu jedem Opfer bereit bin.«

»Das ist wahr, du bist ein guter Kerl und du wärst noch besser, wenn du nicht so nüchtern geworden und man mit dir ein Fläschchen ausstechen könnte.« Er blickte dabei sehr trübsinnig in sein leeres Glas. Dieser Anblick schien seine schwermütige Stimmung noch zu erhöhen, denn er begann plötzlich im klagendsten Tone: »Du warst früher doch anders! Und deinen Töchtern hast du mich auch noch nicht vorgestellt, das ist sehr unrecht, Herzensbruder, das fühl' ich als eine schwere Kränkung. Bin ich nicht dein bester Freund und habe ich das um dich verdient, daß du mir deine Familie entziehst?« Dieser Gedanke war für den Trunkenen zu schmerzlich, er begann laut zu schluchzen.

»Ich werde dich morgen mit ihnen bekannt machen.«

»Du versprichst es mir, das ist brav, aber wenn du glaubst, daß ich es morgen schon wieder vergessen habe, weil ich ein wenig 29 angesäuselt bin, dann hast du dich geschnitten«, und er lachte dabei aus vollem Halse. Dann griff er wieder zur Flasche, schänkte sich den Rest ein, stürzte ihn mit einem Zuge hinunter, schlug auf den Tisch und wollte mit seiner gewaltigen Stimme ein Trinklied anstimmen.

»Um Himmelswillen, sei still! Willst du dich selbst verraten?« rief Waxmann erschrocken.

»Ach, das vergaß ich ganz. Wenn man einem alten Freunde gegenüber sitzt, die Flasche an der Seite – sie ist leider leer –« und er schleuderte ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, »dann denkt man gar nicht daran, wie elend diese nichtswürdige Welteinrichtung, die einem ehrlichen, tüchtigen Kerl nicht gestattet, sich auf seine Weise durch das Leben zu schlagen.«

Waxmann unterdrückte den Ausruf der Entrüstung, der auf seinen Lippen schwebte. Wie hätte er sich herausnehmen dürfen, seinem Jugendfreunde vernünftige Vorstellungen zu machen und gute Lehren zu geben; er wußte ohnehin, daß bei diesem wüsten Burschen alles vergeblich sei, daß er in wilder, ungezügelter Leidenschaft durch das Leben taumelte und wenig danach fragte, an welche Abgründe ihn noch das Schicksal schleudern konnte. Warum hatte er nicht längst sein abenteuerliches Leben eingebüßt, warum tauchte er immer wieder auf, um ihn unaufhörlich zu hetzen und zu quälen? Gott mochte ihm verzeihen; aber wie oft hatte er gehofft, daß der leichtsinnige, gewissenlose Mensch endlich seiner Trunkenheit erliegen möge! Doch sein eiserner Körper schien unerschütterlich, und jedesmal, wenn er den wüsten Gesellen wiedersah, mußte er sich gestehen, daß dies tolle Leben und Treiben kaum die leiseste Spur zurückgelassen.

»Willst du noch eine Flasche?« fragte er nach einer Pause.

Der andre sann lange nach, ehe er eine Antwort gab, wiegte dabei den Kopf nachdenklich hin und her, dann hatte er seinen Entschluß gefaßt.

»Nein, ich sagte dir schon, daß ich das unselige Talent besitze, mich wieder nüchtern zu trinken. Diese Flasche Rheinwein wäre wie weggeworfen, und ich will dich nicht berauben.« Er lachte wieder, aber bald überwältigte ihn die Müdigkeit, er ließ den Kopf auf die Brust sinken und schloß die Augen.

»Geh schlafen, Feodor, du wirst heut der Ruhe bedürfen«, ermahnte Waxmann.

»Hast recht, Brüderchen«, lallte der andre wein- und schlaftrunken. »Wir wollen auch einen tiefen Schlaf thun, nur muß 30 mich unser Herrgott nicht unrecht verstehen, ihm schon jetzt meine Antrittsvisite fürs Jenseits zu machen, hab' ich noch gar nicht Lust.« Er stieß noch einmal ein kurzes Lachen aus, reckte seine kräftigen Glieder in die Höhe, gähnte ohne allen Zwang, schüttelte mit einem schon halb gemurmelten »gute Nacht« dem Freunde die Hand und hörte kaum noch auf seine letzten dringenden Ermahnungen, sich in seinem Versteck ja still zu verhalten, um jede Entdeckung unmöglich zu machen.

Halb angekleidet warf sich der Fremde auf sein Lager – wenige Augenblicke später, als Waxmann noch einigemal im Garten auf- und abgegangen war und an dem Fenster horchte, hörte er durch den geschlossenen Laden das kräftige Schnarchen des Eingeschlafenen. – Wohl wanderte er jetzt auch in sein Zimmer, aber in seine Augen kam kein Schlaf. Er ging die bunte, wechselvolle Reihe seines vergangenen Lebens durch, und Reue, Gram, Verzweiflung nagten an seiner Seele. – Wohl hatte er alles, wonach er von Jugend auf gelechzt; er war ein reicher, angesehener Mann, hatte zwei herrliche Kinder, ein wohlbegründetes, behagliches Dasein, und doch konnte sich niemand elender fühlen, als er . . . Was nutzten all seine Arbeiten, sein jahrelanges mühevolles Ringen, wenn dieser Mensch jeden Augenblick wie ein finsterer Dämon in seine Kreise treten und alles zerstören konnte, was er sich unter harten, ernsten Kämpfen aufgebaut: er hatte niemand, dem er sich anvertrauen durfte. – Sollte er seine Kinder mit unglücklich machen, sollte er ihnen sagen, welches verhängnisvolle Band ihn an Feodor fesselte? Dann riß er sie und sich selbst nur in den Abgrund. Wohl blickte ihn Mary manchmal, wenn auch ganz verstohlen, voll innigster Teilnahme an, sie wäre ihm vielleicht in seiner Angst und Unruhe eine Stütze geworden; aber durfte er ihr den wahren Grund anvertrauen, in ihre reine Seele ein vernichtendes Geständnis niederlegen? – Er schauderte schon vor dem Gedanken zurück. Nein, sein Schicksal und die selbstgeschmiedeten Ketten mußte er allein weiter tragen . . .

Wirklich hatte am andern Morgen Feodor das Versprechen Waxmanns nicht vergessen; er kam sogleich auf den Wunsch zurück, die Töchter seines teuren Freundes kennen zu lernen, und diesem blieb nichts weiter übrig, als ihn zu erfüllen. Der Tiger hatte am Morgen stets eine Menge Aufträge zu verrichten; wenn also der Fremde aus seinem Versteck hervortreten wollte, war dies die beste Zeit.

31 Als Herr Waxmann seinen Töchtern mitteilte, daß sein armer Freund auf eine halbe Stunde sein Versteck verlassen würde, um ihnen Gesellschaft zu leisten, nickten sie wohl zustimmend, doch konnte er recht gut die Angst und Unruhe bemerken, die auf ihren Gesichtern sich ausprägte. Harriet besonders war es, als drohe ihr damit etwas ganz Entsetzliches, und in bangem Schweigen erwarteten die Geschwister die Rückkehr des Vaters mit dem Fremden.

Kurze Zeit darauf traten beide in das Gesellschaftszimmer, und der Vater stellte ihnen seinen teuren Jugendfreund Herrn Feodor Müller vor. Die Mädchen wagten anfangs kaum aufzublicken; welches unheimliche Bild hatte ihre rege Phantasie von dem Fremden entworfen und wie waren sie überrascht, als sie endlich einen wohlgewachsenen, stattlichen Mann vor sich sahen, dessen blühendes, volles Gesicht wenig mit dem Bilde übereinstimmte, das sie sich von ihm gemacht. – Selbst Mary, die ihn als Kind einmal gesehen, hatte die Vorstellung mit sich herumgetragen, daß der gefährliche Mensch auch ein diabolisches Äußere habe, und nun hatte sie einen heiteren, jovialen Lebemann vor sich, der augenblicklich eine höchst angenehme Unterhaltung anzuknüpfen wußte und dessen gebrochenes Englisch seine harmlose Plauderei noch humoristischer färbte.

Die jungen Mädchen kamen unwillkürlich etwas aus ihrer gedrückten Stimmung heraus, um so mehr, als sich auch der Vater freier und mitteilsamer zeigte, ja sie gaben zuletzt ruhig und unbefangen Antwort, wenn der Fremde direkt einige Fragen an sie richtete. Mit jener scharfen Beobachtung, wie sie dem weltgewandten Abenteurer eigen, merkte er sogleich, daß er auf die Töchter seines Freundes einen günstigen Eindruck hervorgebracht, und nun suchte er ihn dadurch zu erhöhen, daß er eine noch größere Frische und Gutmütigkeit herauskehrte. Er gab sich das Ansehen eines Menschen, der nun edel und Philosoph genug ist, um mit seinem düsteren Geschick den Freunden nicht allzu lästig zu fallen. Wenn die kühner gewordene Harriet, die sich in jüngster Zeit für die deutschen Zustände ungewöhnlich lebhaft interessierte, von dem Unglück sprach, das die deutschen Demokraten betroffen, so ging er leicht darüber hinweg und meinte, ein echter Mann dürfe mit seinen Seufzern nicht seine besten Freunde beschweren, und dann sprach er davon, wie er mit seinem feindlichen Schicksal völlig ausgesöhnt sei, da er in seinem Jugendfreund eine solch treue, 32 opfermutige Stütze gefunden habe; ein dankerfüllter Blick traf dabei den Gepriesenen, und er streckte nach ihm die Hand aus, die dieser mit anscheinender Herzlichkeit drückte.

Trotzdem sich Mary weit ruhiger verhielt und deshalb schärfer beobachten konnte, war es ihr unmöglich, die wahre Gemütsstimmung ihres Vaters zu ergründen. Er zeigte seinem Jugendfreunde so viel Teilnahme, und nicht die Spur eines geheimen Widerwillens, einer tiefinneren Unruhe ließ sich erkennen. Wenn sie auch wußte, daß er sich stets in der Gewalt hatte, erschien ihr doch ein solch furchtbares Versteckspiel der innersten Empfindungen wahrhaft übermenschlich, ihre junge Seele hatte keine Vorstellung davon, und sie schmeichelte sich lieber mit der Hoffnung, daß sich die dunkle Wolke an dem Lebenshorizont des teuren Vaters völlig verzogen, daß vielleicht durch die Hilfe der frühere falsche Freund sich jetzt wirklich zu ehrlicher Dankbarkeit verpflichtet fühle. Das Benehmen der beiden ließ wenigstens darauf schließen, daß zwischen ihnen ein wahrhaft herzliches Verhältnis bestand.

Als sich der Fremde wieder in seine Klause zurückgezogen, konnte die lebhafte Harriet nicht umhin, über Herrn Müller ein ziemlich günstiges Urteil auszusprechen, und der Vater stimmte unbefangen ein.

Mehrere Tage vergingen; die Töchter des Mr. Waxmann begannen, sich an die Anwesenheit des Gastes zu gewöhnen, und die Sache verlor für sie das Unheimliche und Furchtbare um so mehr, als der Vater eine ruhige Heiterkeit bewahrte. Nicht durch das kleinste Zeichen verriet er die innere Unruhe seiner Seele; ja als er ihnen eines Tages ankündigte, daß er den Tiger entlassen habe, um einen zuverlässigeren Diener zu erlangen, wußte er ihnen die Maßregel als so notwendig und vorteilhaft darzustellen, daß sie völlig beruhigt wurden. »Ich kann meinem Freunde nicht zumuten, daß er ewig in dem dumpfigen Gartenhause stecken und sich nur in günstigen Augenblicken herausstehlen soll«, setzte er hinzu, um seinen Entschluß zu rechtfertigen. »Mein Freund hat nun einen Bekannten, auf den er sich völlig verlassen kann und der bereit ist, bei mir als Diener einzutreten; wir sind dann vor jedem Verrat sicher, und ist erst einige Zeit vorübergestrichen, dann darf sich auch Müller ungescheut hervorwagen.«

Der Vater sprach so ruhig und gelassen, daß sie nicht die leiseste Ahnung haben konnten, wie schwer ihm dieser Entschluß gefallen und wie er sich nur durch das rücksichtslose Drängen seines 33 »teuern Freundes« dazu hatte bestimmen lassen. Er liebte nicht den raschen Wechsel von Dienstboten und gewöhnte sich schwer an neue Leute. Die alte Betty hatte sich schon längst als ziemlich unbrauchbar erwiesen, dennoch hatte er sie behalten, und mit dem Tiger war er sowohl wie seine Töchter sehr zufrieden.

Obgleich den jungen Mädchen die plötzliche Entlassung des kleinen Tigers nicht angenehm war, erlaubten sie sich nicht den mindesten Widerspruch, und sie suchten der Sache um so mehr eine gute Seite abzugewinnen, da sie bemerkten, wie der Vater diese Anordnung mit solchem Gleichmut traf.

Schon am andern Morgen erschien der von Müller empfohlene Diener und machte auf alle einen günstigen Eindruck, was schon etwas sagen wollte, als derselbe doch mit einem Vorurteil zu kämpfen hatte. Es war ein junger Franzose, er mochte etwa 22 Jahre zählen, aber er sah schon bedeutend älter aus; sicher hatte er eine reich bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit der größten Gewandtheit wußte er sich rasch in die Gunst der Hausbewohner einzuschmeicheln, selbst die alte mürrische Betty bekannte, daß es ein angenehmer Mensch sei. Es vergingen kaum einige Tage, und das Andenken des Tigers war durch den Franzosen völlig in Schatten gestellt. Er wußte sich überall nützlich zu machen, hatte eine außerordentliche Geschicklichkeit für alles und verrichtete seinen Dienst mit einer Accuratesse und Gewandtheit, die alle zufrieden stellte. Dabei war er beständig heiter, und wer sein frisches, offenes Gesicht sah, gewann die Überzeugung, daß er einen guten Menschen vor sich habe. Und überall legte er diese Gutmütigkeit an den Tag, er suchte seiner Herrschaft jeden Wunsch schon an den Augen abzulesen, und er flog auf den leisesten Wink. Die Waxmannsche Familie mußte bekennen, daß sie noch niemals einen so aufmerksamen und anstelligen Diener gehabt; selbst der Vater, der sich gegen jede neue Erscheinung sehr kühl verhielt, machte diesmal eine Ausnahme und behandelte Jean mit großer Freundlichkeit. Es war aber auch unmöglich, dem hübschen, freundlich blickenden Menschen zu widerstehen, der kein andres Bestreben zu kennen schien, als die Zufriedenheit seiner Herrschaft zu erwerben, und der neben dem besten Willen soviel angenehme und nützliche Talente besaß. Er wußte mit den verschiedenartigsten Arbeiten Bescheid, zeigte die Geschicklichkeit des besten Kochs und die Kenntnisse des tüchtigsten Gärtners, und wo es irgend etwas auszubessern gab, war er bei der Hand. Harriet meinte oft lachend: »Unser Jean 34 ist ein Universalgenie, ich bin überzeugt, daß er uns auch den Flügel stimmen könnte.«

Seit Einführung Jeans verkehrte Müller weit ungescheuter mit der Familie Waxmann; er kam sehr oft und ohne weitere Einladung in das Empfangszimmer und unterhielt sich dann in zwangloser Weise mit den jungen Mädchen, denen zwar seine immer stärker hervortretende Dreistigkeit wenig zusagen wollte, die sie aber um ihres Vaters willen ertrugen. Dazu kam, daß seine Empfehlung des Bedienten so gut ausgeschlagen war; es fiel damit auch ein günstigeres Licht auf ihn selbst.

Während Harriet oft den allzu keck werdenden Herrn Müller in seine Schranken wies, ertrug Mary seine an den Tag kommenden Unarten mit großer Geduld und Nachsicht. Sie blieb stets freundlich und aufmerksam gegen ihn, obwohl er die Schranken der Schicklichkeit nicht selten übersprang. Bei Harriet durfte sich Herr Müller nicht das mindeste zu schulden kommen, sich kein unpassendes Wort entschlüpfen lassen, wenn er nicht fürchten wollte, von ihr mit schneidendem Spott zurecht gewiesen zu werden. So harmlos und gutmütig sie auch war, gebrauchte sie doch mit der Entrüstung und Schonungslosigkeit eines jungen und geistreichen Mädchens gegen die leisesten Verstöße die schärfsten Waffen. Wenn Mary das etwas freie Benehmen Müllers mit der Unbekanntschaft englischer Landessitte zu entschuldigen suchte, dann entgegnete sie stets: »Warum entschlüpft Herrn Willibald niemals ein unziemliches Wort, warum weiß er genau, was schicklich ist, aber ich irre mich nicht, dieser Müller ist ein gemeiner Landstreicher.«

»Er ist ein Freund des Vaters und unser Gast«, entgegnete Mary mit ungewöhnlicher Bestimmtheit, und je rücksichtsloser Harriet ihre Abneigung gegen den Fremden an den Tag legte, je mehr suchte sie dessen oft aufsteigenden heimlichen Groll durch desto größere Freundlichkeit zu beschwichtigen.

Müller gehörte nun einmal zu den Leuten, denen es unmöglich schien, sich lange Zeit einen Zwang anzuthun. Am ersten Tage freilich hatte er sich bemüht, soweit er's überhaupt vermochte, den gentleman herauszukehren, und er sagte sich selbst, daß es ihm vortrefflich gelungen sei, und daß er auf die wirklich »hübschen« Töchter seines Freundes den günstigsten Eindruck gemacht habe. Solange er nur verstohlen aus seinem Winkel hervorkriechen durfte, war es auch noch gegangen, und es hatte ihm nicht viel Mühe gekostet, seine Rolle weiterzuspielen; jetzt aber, wo er weit 35 zwangloser im Vorderhause verkehren durfte, ging ein solch zierlicher Eiertanz über sein Vermögen, er mußte sich etwas gehen lassen, dann erst wurde ihm wohl und behaglich, und wenn er sich auch nur wie ein frischer, fröhlicher, etwas derber Lebemann betrug, so kam doch seine innerlich rohe Natur mehr zu Tage, als er selbst denken mochte.

Unter diesem veränderten Benehmen seines Gastes litt gewiß Herr Waxmann am schwersten; sein feines Empfinden wurde dadurch auf das Tiefste verletzt, die leiseste Unschicklichkeit gegen seine Kinder berührte ihn wie ein Dolchstich, und doch mußte er dazu schweigen, dazu lächeln und den frischen übermütigen Humor des teuern Freundes in die günstigste Beleuchtung rücken. Mit dem leisesten Zeichen des Unmuts würde er nur Harriet das Signal zu noch schärferer, schonungsloserer Abwehr gegeben haben, und was dann?! – Von dem hochfahrenden, leidenschaftlichen Charakter dieses Menschen war alles zu fürchten.

Vielleicht würde auch Harriet den Gast ihres Vaters erträglicher gefunden haben, wenn sie nicht beständig Vergleiche angestellt hätte zwischen ihm und seinem Landsmann Dr. Willibald, die freilich stets zu gunsten des letzteren ausfielen. Nun erst traten ihr die trefflichen Eigenschaften des Musiklehrers in das schönste Licht. Beide waren Deutsche und doch welch ein Unterschied! Willibald zeigte überall die guten Manieren eines Mannes der feinen Welt, einen reichen, tiefen Geist und eine wahrhafte Herzensbildung. Sie liebte ihn nicht – nein nein, ihr junges Herz sträubte sich gegen dieses Bekenntnis – aber er war ein Mann, der ihr die höchste Meinung von den Deutschen beigebracht, denn sie hatte eine solch anmutige Vereinigung von Herz und Geist, von feinem Weltschliff und gründlicher Gelehrsamkeit noch niemals gefunden, und wie stach gegen diese edle Natur der andre Deutsche, Mr. Müller, ab! Der Gegensatz war zu groß und für sie förmlich empfindlich, sie konnte sich nicht helfen, sie mußte dem plumpen Gesellen ihre Geringschätzung an den Tag legen, und je mehr sie sich von dem einen abgestoßen fühlte, je mehr näherte sie sich dem andern. Rückhaltslos zeigte sie dem Doktor die hohe Achtung, die sie für ihn empfand, und wenn sie auch niemals ihre heitere, scherzhafte, sogar witzige Natur verleugnen konnte, verriet sie doch, daß auf dem Grund ihrer Seele noch etwas andres schlummerte, als dieser mit den bunten Erscheinungen des Lebens tändelnde Frohsinn. Willibald gewahrte dies wohl, und er war überrascht, 36 dort tiefe, originelle Gedanken, einen schönen Idealismus zu finden, wo sich an der Oberfläche nichts weiter zeigte, als ein sanguinisches Temperament. Wie eigentümlich berührte ihn diese Entdeckung! Während er sich anfangs weit mehr zu Mary hingezogen fühlte und er beinahe selbst gefürchtet, an die Braut eines andern sein Herz zu verlieren, empfand er jetzt erst den vollen Zauber, den Harriet auszuüben vermochte. Sie folgte mit geistiger Beweglichkeit seinem Gedankenfluge und zeigte für alles, was seine Seele erfüllte, das lebhafteste und wärmste Interesse. Sicher war Mary eine noch tiefer angelegte Natur, aber ihre geflissentliche Zurückhaltung ließ sie kälter und gleichgültiger erscheinen, als ihre Schwester. Sie liebte ja den Musiklehrer nicht, warum hätte sie sich rascher in Bewegung setzen sollen, um ihn zu fesseln, und Mr. Templeton mit seinem halb natürlichen, halb erkünstelten Phlegma hatte ihrer Neigung zum tiefinnern Ausleben noch Vorschub geleistet. Harriet dagegen kannte kein andres Bestreben, als mit ihrer jungen feurigen Seele sich für alles zu begeistern, was Willibald lieb und teuer war. Wie lauschte sie seinen anschaulichen, lebendigen Schilderungen aus der Paulskirche, seinen Hoffnungen und Träumen eines einigen freien deutschen Vaterlandes.

Es war doch ein seltsames Schauspiel, wie diese junge Engländerin für die Sache eines ihr bisher fremden Landes leidenschaftlich Partei nahm und ihr Ideenleben der eignen Heimat entwurzelte. Sie war bald in Deutschland mehr zu Hause, als in dem ihr bisher so teuern Vaterlande. Mit Eifer las sie Bücher über Deutschland, ja, sie lernte sogar heimlich und für sich selbst Deutsch; der Doktor mußte nur in den Zwischenpausen ihrer Aussprache ein wenig nachhelfen, und in kurzer Zeit machte sie die größten Fortschritte. Der Vater durfte freilich davon nichts wissen, er hatte ausdrücklich gewünscht, daß seine Töchter nicht Deutsch lernen möchten. Für solches Verbot gab er niemals Gründe an, und Harriet glaubte deshalb kein Unrecht zu begehen, wenn sie es jetzt übertrat, um so mehr, als ihr das Studium der deutschen Sprache einen so reichen Genuß verschaffte. Wie jauchzte sie auf, wenn es ihr gelang, ein Goethesches Gedicht im Original zu lesen und zu verstehen, und Dr. Willibald war überrascht, mit welcher Geistesschärfe sie den Sinn des Dichters und die Schönheit seiner kleinen, lieblichen Schöpfung herausfand.

Kein Wunder, daß sich diese beiden Herzen ohne jede Erklärung immer näher aneinander schlossen, daß sie die innigste, 37 reinste Liebe verband, noch ehe ihren Lippen ein Wort entschlüpft. Sie wußten, daß sie sich liebten, und genossen dies Glück rein, ungetrübt, ohne jeden Gedanken an die Zukunft, ohne den Wunsch, daß es je anders sein möge. Was sollten sie auch von der Zukunft fordern, sie schlürften ja die höchste Seligkeit, ihre Herzen konnten sich angehören, auch ohne daß sie ein äußeres Band vereinigte.

Was konnte es für sie Schöneres geben, als diese Stunden, in denen beide am Flügel saßen, sie mit glühenden Wangen das hartnäckig eingeübte Stück vortrug und nun sein freundliches Nicken beobachtete, sein aufmunterndes Wort hörte, mit dem er ihre raschen Fortschritte bewunderte. Dann wurden neue Gedichte vorgenommen, er las sie ihr vor mit seiner klangvollen, sonoren Stimme; wie wiegte sich seine Seele auf den weichen Melodien der Goetheschen Sprache, und wie andächtig lauschte sie darauf! Und zwischen hindurch trug er irgend ein klassisches Musikstück vor oder erging sich in Phantasien, was Harriet einen noch höheren Genuß bereitete. Musik und Poesie führten die beiden Liebenden in ihr unvergängliches Zauberland . . .

Mary saß dann in ihrem Schaukelstuhl und vertiefte sich in das Lesen eines Romans; die Liebenden schienen für sie so wenig vorhanden, wie sie in Wirklichkeit für diese. Auch ihre Stunden hatte sie rasch aufgegeben unter dem Vorwande, daß ihr die Lust und Neigung fehle, sich zur Virtuosin auszubilden, und dies war es gewesen, was zuerst den Doktor von ihr entfremdet. Er konnte ihr diese Versündigung an ihrem schönen Talent, wie er es nannte, nicht verzeihen und glaubte darin eine jener unerklärlichen Mädchenlaunen zu entdecken, die ihm zuwider waren. Wie wenig kannte Doktor Willibald trotz all seiner Philosophie ein Mädchenherz und noch dazu das der stillen, tief verschlossenen Mary! Sie hatte mit dem feinen Spürsinn, der ihr eigen war, herausgefunden, daß sich der Musiklehrer sehr lebhaft für sie zu interessieren begann – vielleicht war es nur die begabte Schülerin, die ihn anzog – aber sie mochte kein Spiel mit dem Herzen eines Mannes treiben, der ihr die vollste Achtung abzwang, und sie zog sich leise und vorsichtig ganz zurück. Vielleicht war noch ein andrer Beweggrund zu diesem Entschluß vorhanden gewesen – die Rücksicht auf ihre Schwester. Sie hatte wohl die Anwandlung von Laune und Eifersucht bemerkt, die Harriet heimsuchte, sobald diese bemerkte, daß Willibald sie vorzog und sich ihr ausschließlich zuwandte. Harriet fand dann den Musiklehrer ganz abscheulich, wollte keine Stunden 38 mehr nehmen und beruhigte sich erst dann, wenn Mary den an die jüngste Schwester gerichteten Worten Willibalds einen tieferen und schöneren Sinn unterlegte oder die Kleine damit tröstete, daß verschlossene Naturen, zu denen auch der Musiklehrer gehöre, sich immer am gleichgültigsten gegen diejenigen zeigten, die ihr lebhaftestes Interesse erregt, und Harriet war bereits viel zu trostbedürftig, um nicht diesen Zuspruch gläubig hinzunehmen.

Jetzt war Mary nicht mehr gefährlich, nicht einmal ihr Spiel, ihr hübsches Talent begeisterte den Doktor; er hatte nur noch Sinn und Verständnis für Harriet, und diese fühlte sich in ihrer Alleinherrschaft unendlich glücklich. Sie würde ihn schon geliebt haben, weil er endlich Augen für sie und nicht für die Schwester hatte; denn wie sie auch Mary liebte, hierin war sie doch nichts weiter als ein verzogenes Kind, das gewöhnt war, wo sie erschien, alle, selbst ihre Schwester in den Schatten zu stellen. Man hatte ihr schon als unreifstem Backfisch gehuldigt, ihre vielversprechende Schönheit bewundert, und jetzt, wo ihr Herz zum erstenmal sich zu regen begann, da wollte sie auch allein besitzen. Ihr Stolz fühlte sich um so geschmeichelter, daß sich Willibald ihr so rasch zugewandt, trotzdem ihn anfangs das Talent der Schwester bestochen. Wieviel sie dem vorsichtigen Zurücktreten Marys zu danken hatte, daran dachte sie nicht, sie sah nur ihren Sieg und feierte damit einen noch höheren Triumph, als sie Willibald tief und wahrhaft liebte.

In ihrer verschlossenen Weise traf Mary überhaupt weit leichter das Unglück, mißverstanden zu werden; sie hielt mit ihren innersten Gedanken zurück, und da es nicht jedermanns Sache ist, diese zu erraten, so waren schiefe Urteile unvermeidlich. Nur Mr. Templeton hatte seine Braut völlig erkannt, ihn konnte nichts mehr irre machen. Die beiden Liebenden sprachen nicht viel miteinander, und doch verstanden sie sich bis auf den innersten Grund ihrer Seelen! Es war die gleiche, ruhige Gemütsstimmung, dieselbe Tonart, aus der sich alles bei ihnen abspielte, die ihr Verhältnis so rein und ungetrübt erhielt.

Niemals kam es zwischen ihnen zu jenen kleinen Reibungen und Mißverständnissen, durch die sich ein liebend Paar erst zum wahren Frieden zu kämpfen meint. In ihren Herzen herrschte die schönste Harmonie; ein Blick, ein flüchtig Wort, und das innerste Empfinden lag vor ihnen gegenseitig entsiegelt.

Auch in Herrn Müller wurden durch das Benehmen Marys die irrtümlichsten Vorstellungen geweckt. Ihr Bemühen, den 39 scharfen Spott der Schwester durch größere Freundlichkeit wieder gut zu machen, nahm er für ganz was andres. Er glaubte darin eine keimende Herzensneigung für seine eigne interessante Persönlichkeit zu entdecken. Wenn er sich auch gestehen mußte, über die erste Jugend hinaus zu sein, so sagte ihm doch sein Spiegel, daß er noch immer ein stattlicher Mann sei, der wohl die Liebe eines jungen Mädchens erregen könne. Und war er nicht ein angenehmer, lustiger Gesellschafter, der mehr von der Welt gesehen als die Störche und tagelang die amüsantesten Geschichten auftischen könnte? Hatte sich nicht sogar ein Othello mit seinem Erzählertalent eine Desdemona erplaudert? Und Mary war nichts weiter, als die Tochter eines schlichten Kaufmanns und noch dazu seines teuern Freundes, der unter allen Umständen nicht »nein« sagen konnte und durfte. Wenn er seine Schnurren und Abenteuer zum besten gab, dann hörte Mary stets höchst aufmerksam zu, und das sonst so ernste Mädchen hatte oft dafür ein beifälliges Lächeln. Je mehr er sie sah, je mehr gefiel ihm das stille, blonde Kind, und zuletzt mußte er sich gestehen, daß er rasend in sie verliebt sei. Er wagte ihr jetzt beim Abschiede wärmer die Hand zu drücken, und sie duldete es. Wenn er sie ansah, dann schlug sie ihre blauen, milden Augen nicht nieder – kein Zweifel, sie liebte ihn, obgleich sie es nur in ihrer englisch ruhigen Weise zu verstehen gab. –

Müller war kein Freund von langem Zögern und Schwanken; was ihm durch den Sinn schwirrte, das mußte rasch ausgeführt werden, und als er eines Tages wieder das hübsche Kind nicht genug bewundern gekonnt und sie seinen Händedruck mit einem freundlichen Lächeln erwidert, da konnte er nicht länger zaudern, und er sagte am Abend zu seinem Freunde: »Es wäre mir lieb, wenn du mich heute in meine Klause begleiten wolltest, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Waxmanns Gesicht verdüsterte sich etwas; wenn Müller eine geheime Unterredung wünschte, dann durfte er sicher nichts Angenehmes davon erwarten, dennoch suchte er sich zu beherrschen, und als er in das kleine Gartenhaus trat, war sein Antlitz wieder so kalt und ruhig, wie immer.

Feodor wollte doch erst, um sich zu sammeln, mit hastigen Schritten das Zimmer durchstürmen, da ihn aber die Kleinheit des Gemaches daran hinderte, warf er sich in den Lehnsessel, daß er knackte, schlug die Arme über die Brust, und die Beine weit von sich 40 streckend, begann er nach kräftigem Räuspern: »Ja Herzensbruder, es ist eine wichtige Sache, die ich mit dir zu besprechen habe; ich könnte freilich eine lange Einleitung machen und dir weitläufig auseinandersetzen, wie das alles gekommen und warum mich's noch einmal so gewaltig gepackt, wie mich's als zwanzigjährigen Burschen nicht geschüttelt – aber ich bin nun auch schon lange in England, ich weiß: time is money – also grad' heraus mit der Sprache – es hilft nichts, wir lieben einmal einander, und du mußt mir deine Mary zur Frau geben.«

Waxmann war im Zimmerchen stehen geblieben, er hatte die rechte Hand etwas auf die Stuhllehne gestützt und hörte auf die wunderliche Einleitung mit gleichgültiger Miene; auch als Feodor geendigt und seine großen Augen forschend auf ihn richtete, veränderte sich sein Antlitz nicht im mindesten.

»Jean sagt mir, daß er dir täglich zwei Flaschen bringen muß, du solltest dich doch mit einer Flasche begnügen«, war seine ruhige Antwort.

»Zum Henker, glaubst du, ich bin betrunken?« lachte Müller, »ich war niemals nüchterner als heute. Es wäre mir freilich nicht zu verargen, wenn ich mich alle Tage betrinken wollte, denn deine Tochter liebt mich, und sie ist wirklich ein herrliches Mädchen und hat mein Herz angezündet, daß es lichterloh brennt.« Er schlug sich zur Bekräftigung so heftig auf seine breite Brust, daß es dröhnte.

Wenn Müller wirklich nicht betrunken war, dann mußte es in seinem Hirn nicht ganz richtig sein; vielleicht zeigten sich schon die ersten Spuren des Säuferwahnsinns. Waxmann blickte aufmerksam in das gerötete Antlitz seines Landsmannes, und ehe er noch etwas entgegnen konnte, fuhr der andre selbstgefällig fort: »Ja, sie liebt mich, sieh mich immer an, es ist doch wahr, und denkst du nicht, daß ich ein Kerl bin, der auf ein hübsches junges Mädchen noch Eindruck machen kann?« und er blickte voll Behagen in den Spiegel, der ihm das Bild eines stattlichen Mannes zeigte. »Das kommt davon, wenn man nicht in Stuben gehockt, sondern sich lustig in der Welt umhergetrieben hat. Während du schon ein alter Mann geworden, bin ich noch frisch und munter genug, mir die Liebe deiner Tochter zu erwerben, ist das nicht drollig?« und er brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Ja, es ist wirklich drollig, daß du dir solche Narrheit einbildest«, entgegnete Waxmann, und ohne ihn einer weiteren Antwort zu würdigen, wollte er das Zimmer verlassen.

41 Müller sprang wütend von seinem Stuhle auf, packte seinen Freund heftig am Arm und hielt ihn zurück. »Du schimpfst mich einen Narren, du glaubst mir nicht? und mir wagst du eine solche Unverschämtheit zu bieten, mir?!« rief er zornig, und seine ohnehin kräftige Stimme schwoll noch gewaltiger an.

»Ereifre dich nicht!« erwiderte Waxmann, den selbst das Aufbrausen Feodors nicht aus seiner Fassung bringen konnte, denn er war an solche Ausbrüche schon gewöhnt: »Wie soll ich deine krankhafte Einbildung anders nennen?«

»Krankhafte Einbildung! sehr gut«, höhnte der andre, »und wenn ich dir nun sage, daß mich deine Mary rasend liebt und ich ebenso gewaltig in sie verschossen bin, wie gefällt dir das?« Er stemmte die Arme in die Seiten und blickte den Freund triumphierend an. Seine unerhörte Eitelkeit grenzte in der That an das Komische, und trotzdem Waxmann durchaus nicht zu einer humoristischen Auffassung der Sache aufgelegt war, spielte doch ein überlegenes, vielleicht nur mitleidiges Lächeln um seine Lippen.

Feodor gewahrte es wohl, und es brachte ihn noch mehr in Harnisch: »Ah, du hältst es für unmöglich, daß sich die Tochter eines reichen Kaufmanns so weit verirren und in einen armen Teufel verlieben kann! Ihr personifizierten Rechenexempel könnt euch freilich nicht mehr vorstellen, daß ein junges Mädchen nach einem mit Banknoten auswattierten langweiligen Käsekrämer wenig fragt, daß es ein feuriges, stürmisches Herz haben will, einen Mann, der die Welt gesehen und sich in der Welt sehen lassen kann.« Er reckte sich dabei wohlgefällig in die Höhe und strich mit Selbstbewußtsein den noch immer völlig dunklen Knebelbart, auf den er wie auf alle seine übrigen Körpervorzüge nicht wenig stolz war. Er hatte sich stets den Frauen gegenüber für unwiderstehlich gehalten, und trotzdem er bereits im dreiundvierzigsten Jahre stand, war nichts imstande gewesen, seinen schönen Glauben zu erschüttern.

Waxmann fühlte sich von dieser bodenlosen Eitelkeit wahrhaft angeekelt, dennoch suchte er sich zu beherrschen und er entgegnete so kühl wie bisher, wenn auch mit etwas Spott gemischt: »Ich hege gegen deine Unwiderstehlichkeit bei den Frauen nicht den mindesten Zweifel, nur muß sich deine lebhafte Einbildungskraft nicht zu weit versteigen. Meine Mary ist bereits die glückliche Braut eines Ehrenmannes, und sie hat dir wahrhaftig niemals Anlaß gegeben, dir solche Illusionen zu machen.«

42 »Nicht?« höhnte Feodor, »was du nicht alles weißt! Aber ich sage dir, sie liebt mich, allen langweiligen Engländern zum Trotz. und ich werde sie heiraten, und wir wollen ein Leben miteinander führen wie im Paradiese.« Er lachte dabei übermütig auf, und seine großen Augen glänzten, als sei er schon im glücklichen Besitz des schönen Mädchens.

»Schwatze nicht länger solchen Unsinn«, war die trockene Antwort Waxmanns, »ich werde dir noch eine Flasche herüberschicken, und da kannst du dich in alter Gewohnheit wieder nüchtern trinken.«

»Wieviel millionenmal soll ich dir denn sagen, daß ich so nüchtern bin, wie dieser Holzschuppen?« und er wies verächtlich auf die Wände des schlechten Gartenhauses. »Mache mir länger keine Wippchen vor! Ich frage dich: willst du mir die Hand deiner Mary geben oder nicht?« Er stemmte die Arme unter, und sein Blick ruhte drohend und herausfordernd auf dem »teueren Freunde«.

»Die Hand meiner Tochter ist bereits versagt«, entgegnete dieser, ohne eine Miene zu verändern.

»Was kümmert mich das?« schrie Müller, und sein ohnehin rotes Gesicht wurde noch dunkler. »Mary liebt mich, und du am wenigsten hast ein Recht, unserm Glück entgegenzutreten«

Waxmann wollte versuchen, ob nicht ein letzter Funken gesunder Vernunft in dem Hirn dieses Menschen hervorzurufen sei; er legte deshalb vertraulich die Hand auf seine Schulter und sagte mit großer Gelassenheit: »Ich begreife nicht, wie dieser Irrtum in dir entstehen konnte. Mary hat dich mit Artigkeit behandelt, weil ich ihr sagte, daß du mein teurer Freund seiest, der jetzt verfolgt werde und deshalb unsre Hilfe und Teilnahme verdiene; aber niemals hat sie ein Benehmen gezeigt, das dich zu der unseligen Vorstellung berechtigen könnte, sie liebe dich.«

»So! – weil sie mir nicht gerade um den Hals gefallen?« spottete Müller, »denkst du, ich kenne nicht die Liebessprache solch kleiner, unschuldiger Dinger? Ein sanftes Erröten, ein Lächeln, ein freundlicher Blick, das ist alles! Weiter bringen's diese süßen, lieblichen Kinder nicht. Und hat sie nicht meinen heimlichen Händedruck geduldet? Rufe sie herbei und frage sie selbst; sie wird freilich nur schüchtern die Augen niederschlagen und kein Wort hervorbringen, das kenne ich schon, aber wenn ich sie herzhaft an meine Brust schließe, dann wird sie verschämt hervorlispeln: »Ja, ich liebe dich, und um deinetwillen lasse ich alle englischen Bräutigams 43 im Stich.« Er breitete dabei die Arme aus, als hielte er wirklich schon die Geliebte fest.

Seinem nüchternen Freunde kam dieses Treiben wahrhaft irrsinnig vor; er vermochte kaum seine Entrüstung länger zurückzuhalten. »In dem Damenkreise, in dem du dich bisher bewegt hast, magst du wohl solche Erfahrungen gemacht haben, aber meine Tochter hat dir nicht das mindeste Recht gegeben, dir solche Dinge einzubilden.«

»Du wirst wirklich beleidigend!« brauste Feodor auf. »So gehe und frage sie doch selbst, dann wirst du hören, wie es mit uns beiden steht.«

»Ich habe es nicht nötig«, war die bestimmte Antwort des andern, »ich weiß, daß Mary ihren Bräutigam wahrhaft liebt und daß ihre kindlich reine Seele niemals – sich so weit verirren kann, einen Menschen wie dich zu lieben«, wollte er hinzusetzen, besann sich jedoch, um den Konflikt nicht ohne Not bis zum Äußersten zu treiben, und verschwieg den kränkenden Nachsatz.

Müller hatte ihn trotzdem verstanden und ergänzte ihn in seiner Weise: »Nicht wahr? Niemals einen Menschen lieben wird, der sich tüchtig in der Welt herumgetummelt. Bah! Du kennst eben die Mädchen nicht, Männer wie ich machen immer Eroberungen, selbst wo sie keine Ahnung davon hatten«, und er nahm dabei wieder eine sehr selbstgefällige Haltung an.

»Ich gönne dir jeden Erfolg, nur gib den thörichten Gedanken auf, daß meine Mary dir eine mehr als freundliche Teilnahme geschenkt habe.«

»Du bist wirklich in Güte nicht zu belehren«, murrte Feodor; »ich frage dich zum letztenmal, willst du unserm Glücke länger in den Weg treten und mir dein Kind verweigern, das mich wahrhaft liebt?«

Jetzt war doch die Geduld Waxmanns erschöpft; wohl erhob sich seine Stimme nicht um ein Merkliches, aber das Zittern derselben verriet seinen inneren Unmut. Er empfand es als eine tiefe Beleidigung, daß sich dieser Mensch hartnäckig erfrechte, von einer schwärmerischen Neigung Marys zu ihm zu sprechen. »Du weißt, daß ich deinem Glück in keiner Weise hindernd entgegentreten will, daß ich die schwersten Opfer gebracht, um dich immer wieder oben zu erhalten; aber fordere nichts Unmögliches von mir, treibe solch hirnverbrannte Geschichten wieder aus deinem unruhigen Kopf.«

44 »Jedes Opfer gebracht! Schwatze nicht solchen Unsinn!« entgegnete Feodor heftig. »Jetzt, wo du mir wirklich einmal einen Gefallen erweisen sollst, ergreifst du alle möglichen diplomatischen Ausflüchte. Nichts da – ich stelle mein Ultimatum – entweder du gibst mir die Hand deiner Tochter, oder zwischen uns ist es aus! Hörst du's, ganz aus!« – Seine großen, unruhig rollenden Augen ruhten dabei stechend auf dem Freunde.

»Es ist wirklich zum wahnsinnig werden!« murmelte Waxmann vor sich hin, und seine Brust arbeitete heftig. Er wußte wohl, wessen er sich von diesem wilden, leidenschaftlichen Menschen zu versehen hatte, und daß er in blinder Wut vor dem Äußersten nicht zurückschrecken würde. Dennoch schwankte er keinen Augenblick, wo es das Glück seiner Tochter galt. Es bedurfte gar nicht erst eines mächtigen Entschlusses, bei ihm verstand es sich ganz von selbst, daß der Elende niemals sein Ziel erreichen dürfe, mochte daraus entstehen, was da wolle. Trotzdem wollte er versuchen, ob der tolle Mensch nicht in andrer Weise zu beschwichtigen sei.

»Fordere von mir, was du willst, mein halbes Vermögen, und du sollst es haben, nur gib einen Gedanken auf, der zu unsinnig ist, als daß vernünftige Menschen darüber streiten sollten. Was soll dir überhaupt eine Frau, und wie wärst du unter den jetzigen Umständen zu heiraten im stande?«

»Alles vorgesehen, mein sehr vernünftiger Freund«, höhnte Müller. »Wir machen rasch in aller Stille Hochzeit, ein Pfaffe, der uns traut, wird sich finden lassen. Du gibst deiner Tochter eine Aussteuer von 50 000 Thalern, und wir gehen damit nach Amerika. Ich könnte hunderttausend fordern, und ich bin sicher, daß ich damit noch lange nicht die Hälfte deines Vermögens gefordert habe. Du machst also ein brillantes Geschäft, edler Kaufmann, und ich begreife wahrhaftig nicht, warum du solange zögerst, damit abzuschließen.

»Ich will dir jede Summe zahlen, die du forderst, wenn du nach Amerika flüchten willst; aber das Geschick meiner Tochter lege ich nicht in deine Hände«, erklärte Waxmann mit großer Heftigkeit.

»Ist das dein letztes Wort?«

»Mein letztes!« –

»Und hast du auch reiflich erwogen, was du damit heraufbeschwörst?« knirschte Müller zwischen den Zähnen hervor, in seinen Augen glühten grenzenlose Wut und Rachsucht.

Waxmann preßte die Hand auf die stürmisch klopfende Brust 45 und sagte ruhig: »Vollkommen«, während eine Totenblässe sein Antlitz bedeckte.

»Du wirst es bitter bereuen, Herzensfreund, daß du mich zum Äußersten getrieben«, rief Feodor und erhob jetzt drohend seine Stimme.

»Dann fordere nichts Unmögliches.«

»Es ist nichts weiter als dein alberner Hochmut, der mir meinen Wunsch nicht erfüllen will«, grollte Müller; »bedenke, was für dich auf dem Spiele steht, wenn du das alte Band zerreißest und mich mit aller Gewalt zum Feinde machst. Besinne dich, ich will dir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit geben«, und jetzt war er es, der dem Freunde noch einmal Vernunft predigen wollte.

»Ich habe dir erklärt, daß ich freudig mein halbes Vermögen, aber nimmermehr die Ehre und das Glück meines Kindes hingeben werde«, entgegnete Waxmann mit großer Entschiedenheit, und mit heroischem Mut ertrug er den Blick unsäglichen Hasses, der aus Feodors Augen auf ihn herabzuckte.

»Du wirst es bereuen«, mehr vermochten die wutzitternden Lippen Müllers nicht hervorzubringen.

»Wenn du wirklich deine Drohung wahr machst, zerrst du nicht in blinder Wut uns beide in den Abgrund?«

»Ha, ha, was liegt daran?« hohnlachte Feodor, »ich habe schon alle Meere befahren, mir verschlägt es nicht, wenn ich einmal in einem stillen Hafen vor Anker gehe; aber du? Was wird die Welt dazu sagen, wenn sie erfährt, daß der ehrliche, der brave Mr. Waxmann –«

»Schurke!« rief dieser zornflammend, und außer sich vor Wut stürzte er sich auf den weit stärkeren Müller und packte ihn bei der Kehle, um jedes weitere Wort zu ersticken.

Feodor hatte sich eines solchen Angriffs nicht versehen, und trotz seiner weit überlegenen Kraft konnte er seinen Gegner nicht von sich abschütteln, dem die Verzweiflung Riesenstärke verlieh. »Ah, er will mich ermorden«, röchelte er mühsam hervor, und obgleich er die gewaltigsten Anstrengungen machte, sich von seinem Angreifer zu befreien, wäre es ihm doch nicht gelungen, wenn Waxmann nicht selbst von ihm abgelassen hätte. Sein Wutanfall war zu Ende, er ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken und zitterte an allen Gliedern. Sicher kam jetzt die Scham, daß ihm die sonst so gewaltige Herrschaft über sein Blut entgangen und daß er sich hatte zu einer Roheit hinreißen lassen.

46 »Und so wagst du mich zu behandeln? Glaubst du mich damit einschüchtern zu können?« rief Feodor mit gewaltiger Stimme, dessen befreite Kehle sogleich eine Kraftprobe zum besten geben wollte. »Du hast noch zum Überfluß das Gastrecht verletzt, ich habe vollends keine Ursache mehr, dich zu schonen.« Er nahm dabei ein Pathos an, das nicht länger zweifelhaft ließ, daß ihn sein sturmbewegtes Leben auch einmal, wenn auch noch so flüchtig, auf die Bretter verschlagen.

Waxmann saß noch immer völlig gebrochen da. »Vernichte mich, dann hat wenigstens alle Qual ein Ende«, sagte er mit leiser, gedämpfter Stimme und fuhr dann in größerer Erregung fort: »Ich habe ohnehin Unsägliches gelitten, ewig bist du vor mir aufgetaucht wie ein finsterer Schatten, um mir jeden freien Atemzug zu rauben, mich namenlos elend zu machen. Ich wußte, daß du es zum Äußersten treiben und mich doch vernichten würdest. Gehe, ich erwarte mein Geschick.«

»Und warum willst du dich nicht unter meinen Willen beugen, ehe ich dich zerbreche?«

Waxmann antwortete nicht mehr, er machte nur eine bezeichnende Handbewegung.

»Du weisest mir die Thür! Das sollst du mir nicht zweimal sagen!« und in grenzenloser Wut packte er seine Habseligkeiten zusammen, schnürte sie in ein Bündel und stürzte wenige Augenblicke später mit den Worten zur Thür hinaus: »Auf Wiedersehen, Herzensbrüderchen!«

Der schwer gebeugte Mann hatte in völliger Erstarrung dem Treiben Feodors teilnahmlos zugesehen und hörte nicht einmal dessen höhnenden Abschiedsgruß; erst als die Thür donnernd ins Schloß fiel, erwachte er aus seiner Betäubung, und nun wußte er, was vorgefallen war. Er schlug die Hände vor das Antlitz, und mit den Ausruf: »Meine Kinder, meine armen Kinder!« brach er wehklagend zusammen.

Seit jener Stunde war Waxmann ein völlig andrer geworden. Er ging düster und schweigsam umher, selbst den zärtlichsten Bemühungen seiner Töchter gelang es nicht, ihm nur das schwächste Lächeln abzulocken. Ihn nach der Ursache seines Kummers zu fragen, wagten sie nicht; er hatte ihnen nicht einmal mitgeteilt, daß sein Freund ihn plötzlich verlassen habe, sie hatten es nur von der alten Betty erfahren und mochten nicht erst diesen Punkt berühren, da sie wohl ahnten, daß die rasche Entfernung dieses 47 Menschen mit der tiefen Schwermut des Vaters im Zusammenhang stehe. Seltsam, seine Ankunft hatte den teuern Mann gewaltig erschüttert, und nun brachte sein plötzlicher Abschied eine noch furchtbarere Wirkung hervor. Die Schwestern grübelten vergeblich über das dunkle Rätsel nach und vermochten es nicht zu ergründen. Auch sie verloren jetzt alle Heiterkeit, und selbst Harriets jugendlicher Frohsinn war verschwunden.

Dr. Willibald gewahrte diese Veränderung wohl, und doch berührte sie ihn nicht unangenehm. Jetzt trat ihm die seelische Tiefe des geliebten Mädchens in ein noch helleres Licht. Wohl ahnte er, daß auf ihrem Gemüt irgend etwas lasten müsse, aber er berührte ihr heimliches Leid mit keinem Wort, und dennoch gelang es ihm, auf sie den heilsamsten und erquickendsten Einfluß auszuüben. Wenn sie mit ihm eine Stunde verplaudert, dann zogen alle Nebel an ihr vorüber, dann war sie wieder frei und glücklich, und die Hoffnung auf eine schönere Zukunft schwellte ihre Brust. Der Jugend fällt es ja ohnehin so schwer, dem Trübsinn allein die Oberhand zu lassen. Gerade die Art und Weise, wie er ihre Schwermut zu heilen suchte, gewann ihm vollends ihr Herz. Jetzt erst wußte sie, welch reichen Schatz von Liebe und Güte er in seinem Busen barg, und darum schloß sich um sie der tiefste und reinste Seelenbund.

Mr. Templeton gewahrte wohl auch die veränderte Stimmung der Geschwister und seines künftigen Schwiegervaters; aber er gab sich den Anschein, als entgehe ihm das alles – nur kam er seitdem noch öfter und wußte noch besser zu schweigen. Nichts konnte für Marys verschlossenes Wesen angenehmer und bequemer sein als dies Benehmen. Selbst das vorsichtigste Bemühen, sie zu zerstreuen und aufzurichten, würde sie nur beunruhigt und noch mehr verstimmt haben. Daß er sie ruhig ihres Weges wandeln ließ und ihr förmlich nur mit den Augen überall hin folgte, ohne die Miene zu machen, ihren Schattenweg zu teilen, war ihrer selbstlosen Natur eine wahrhafte Wohlthat. Sie wollte ihren Schmerz fest entschlossen allein tragen und am wenigsten den Geliebten in eine Welt der Sorgen hinabziehen, für die sie nicht einmal ein aufklärendes Wort hatte.

Waxmann achtete weniger auf die Niedergeschlagenheit seiner Töchter – der Kummer ist fast immer selbstsüchtig; am liebsten zog er sich in das einsame Gartenhaus zurück und saß dort stundenlang im dumpfen Hinbrüten, ja er siedelte bald völlig dahin über und ließ sich nur zur Mittagszeit bei seinen Kindern sehen. Den 48 neuen Diener wollte er auch entlassen, erinnerte er ihn doch beständig an Feodor; aber seine Töchter baten für den gewandten freundlichen Menschen, und auch er hatte sich bereits so an das einschmeichelnde Wesen desselben gewöhnt, daß er sich nicht weigerte, wenigstens diesen Wunsch zu erfüllen. Jean legte auch in der That eine Treue und Ergebenheit an den Tag, die für ihn einnehmen mußte.

Tage und Wochen vergingen, und noch immer nicht erfolgte der von Feodor angedrohte Schlag. Waxmanns geheime Nachforschungen konnten nicht die leiseste Spur von ihm entdecken, er schien aus London völlig verschwunden; vielleicht hatte der freche Abenteurer schon wieder den Boden Englands verlassen, ohne seinen Racheplan auszuführen. Auch Jean, den Herr Waxmann vorsichtig auszuholen suchte, wußte nicht die mindeste Auskunft zu erteilen. Er sagte, daß er Monsieur Müller in Paris kennen gelernt, wo er Gelegenheit gehabt, ihm einen wichtigen Dienst zu leisten, daß er mit ihm hier in London zufällig wieder zusammengekommen sei und er ihm aus Erkenntlichkeit versprochen habe, ihm eine gute Stelle zu verschaffen, und wie er ihm danke, ihn in ein so gutes, respektables Haus gebracht zu haben. Jean blickte dabei auf seinen neuen Herrn mit wahrhaft schwärmerischer Ergebenheit. Der junge Bursche sah so treuherzig aus, warum sollte er seine Angaben bezweifeln? Und Waxmann fühlte sich etwas beruhigt, wenigstens war er nicht ebenfalls in den Händen seines Dieners und Feodor nicht so weit gegangen, ihn an diesen zu verraten.

Vielleicht durfte er noch einmal freier aufatmen, und die düstere Wolke ging an ihm vorüber. Seine Hoffnung sollte sich erfüllen; eines Tages, als er wieder mit anscheinender Teilnahme Jean gefragt, ob er über das fernere Geschick des teuern Freundes keine Nachricht habe, berichtete ihm dieser, daß ihm der Wirt, bei dem er damals Monsieur Müller getroffen, erzählt, derselbe sei schon seit Wochen nach Amerika abgesegelt, er sei froh gewesen, daß er endlich den deutschen Trunkenbold los geworden, der immer so viel Skandal gemacht.

Waxmann vermochte kaum seine Freude über diese Nachricht zu verbergen, er glaubte an ihre Wahrheit; sie mußte wahr sein, denn sie machte ihn ja so unendlich glücklich. Nun war eine Bergeslast von seiner Brust hinweggewälzt, er atmete wieder freier. Mochte der tolle Mensch immerhin nach Jahren zurückkommen, dann war 49 gewiß sein Sinn geändert, dann ließ er sich wie früher mit einem wenn auch immerhin bedeutenden Geldopfer sicherlich abfinden. Er begriff nicht, warum er die Drohungen Feodors gar so ernst genommen; solch wüste, brauseköpfige und im Grunde völlig charakterlose Gesellen lassen ja stets zwischen Wort und That eine unausfüllbare Lücke. Nein, nein, er hatte wirklich von dem elenden Burschen nichts zu fürchten, und mit dieser Hoffnung kehrte auch die alte Ruhe in sein Herz zurück. Seine Töchter gewahrten mit unaussprechlicher Freude, daß der heimliche Kummer, der die Brust ihres armen Vaters so schwer gedrückt, verschwunden sei und der hellste Sonnenschein schon wieder über ihrem Hause ruhe.

Auch den elenden Winkel, in dem Waxmann bisher in düsterer Schwermut gehockt, gab er wieder auf; seitdem betrat er mit keinem Fuß mehr das Sommerhaus – er mochte durch nichts an die beängstigende Vergangenheit erinnert werden.

Ein ungetrübtes Glück herrschte jetzt in der kleinen Familie. Schon in einigen Monaten sollte die Hochzeit Templetons und Marys gefeiert werden, das glückliche Paar entwarf schon den ausführlichen Plan zu einer Hochzeitsreise, dem üblichen Ausfluge nach dem Kontinent, den jeder englische Gentleman gemacht haben muß, und es entstand nur die Frage, ob man am Rhein entlang durch die Schweiz Italien erreichen und den Rückweg über Paris antreten oder den umgekehrten Weg wählen und mit dem Besuch der französischen Hauptstadt beginnen solle. Templeton hätte am liebsten das Letztere gewählt; aber Harriet und Willibald, die an diesen Reiseplänen den lebhaftesten Anteil nahmen, verteidigten eifrig den andern Weg, weil sonst der ganzen Fahrt die nötige Steigerung fehle. Wer vorher die Alpen gesehen, könne dem Rheine nicht mehr gerecht werden, und da Mary sich auch diesem Plan zuneigte, ließ sich der gutmütige Templeton gern überstimmen.

Waxmann zeigte für diese Träume und Entwürfe ebenfalls die herzlichste Teilnahme, ja er war jetzt wie verwandelt und zog sich auch von dem Musiklehrer nicht mehr so kalt und geflissentlich zurück. Er fand sich regelmäßig ein, wenn die drei deutsche Lieder sangen, und da Willibald ihn niemals mit neugierigen Fragen belästigte, so entspann sich zwischen beiden Männern ein weit besseres Verhältnis. Der Doktor gewahrte bald, daß hinter der kühlen, verschlossenen Außenseite Waxmanns sich ein warmes, edles Herz berge, dem nur der Mut fehle, frisch und fröhlich zu schlagen. Ein finsteres Geschick schien irgend eine Feder in ihm 50 zerbrochen zu haben; seitdem ging das Uhrwerk seines Lebens einen stilleren und regelmäßigeren Gang; so schloß Willibald, nun konnte er nicht mehr in seinen Augen einen häßlichen, Mißtrauen erweckenden Zug entdecken, der die Berührung einer sorgfältig verborgenen Wunde scheut.

Auch der Vater Harriets faßte ein besonderes Zutrauen zu dem festen, ehrlichen Charakter seines Landsmannes. In seiner kühlen, verständigen Überlegenheit lächelte er wohl zuweilen über den kühnen Idealismus des Doktors, dem noch immer die Sache seines Vaterlandes das Höchste und Teuerste war, denn für die Träume eines einigen deutschen Reiches hatte er nur ein mitleidiges Achselzucken. Waxmann hatte nicht nur in seinem Äußern, sondern auch in seinem Innern den Deutschen abgestreift; er war durch den langen Aufenthalt in London in Denk- und Anschauungsweise Engländer geworden und blickte mit jenem Dünkel und Hochmut, der besonders jenem Volke eigen war und zu dem sich damals alle übrigen Nationen berechtigt hielten, auf die Deutschen herab.

»Ein Volk von Träumern, in dem niemals ein starkes, mächtiges Nationalgefühl erwachen wird«, das war auch Herrn Waxmanns Meinung. »Können Sie es uns deshalb verargen, wenn sich der deutsche Auswanderer an die fremde Nation anschließt, die ihm allein Schirm und Schutz verleiht? Als englischer, als amerikanischer Bürger bin ich überall gesichert, eine tüchtige Regierung steht hinter uns allen und ist stets bereit, jede Unbill, die dem einzelnen widerfährt, zu rächen und zu strafen. Bekennen Sie aber in der Fremde, daß Sie ein Deutscher sind, dann hält man sich für berechtigt, Sie nach Möglichkeit zu unterdrücken, denn man weiß genau, daß sich zur Verteidigung Ihrer Rechte keine Hand erhebt.«

Der Doktor mußte wohl die vorläufige Richtigkeit solcher Ansichten zugeben; aber er sprach die zuversichtliche Hoffnung aus, daß Deutschland dennoch einst die Weltstellung einnehmen werde, die ihm gebühre. Wie glänzten dann seine Augen, wenn er den Traum der deutschen Einheit und Freiheit weiter ausmalte, und wie andächtig lauschte Harriet seinen Worten, während Waxmann manch nüchterne erkältende Bemerkung einwarf, ohne damit den Doktor zu verletzen, der den trefflichen Charakter seines Landsmanns achten mußte, der trotz seiner äußerlich zur Schau getragenen Kälte das weichste und wärmste Herz besaß.

Es herrschten jetzt wirklich Behagen und Glück in dem kleinen Hause, und deshalb beachtete Waxmann einige geringe 51 Unannehmlichkeiten nicht weiter, die ihm in letzter Zeit zugestoßen. Mehrmals war es ihm begegnet, daß Goldstücke, die er in Zahlung angenommen, sich als falsch erwiesen. Bei seinem glücklichen Gedächtnis und seiner Ordnungsliebe wußte er stets ganz genau, von wem er die Guineen erhalten, und in den meisten Fällen wurde ihm auch der Verlust ersetzt, da er im Bewußtsein seines Rechtes auf dem Umtausch bestand.

Bisher hätte er diese für ihn unbedeutenden Summen verschmerzen können, und vielleicht wäre es auch klüger gewesen; aber in solchen Angelegenheiten konnte er den Kaufmann nicht verleugnen, den es empfindlich geschmerzt hätte, wenn er durch eignes Versehen oder durch die Unredlichkeit andrer etwas verloren, und je weniger man geneigt war, seinen Angaben Glauben zu schenken, je mehr erforderte es seine Ehre, sie mit Hartnäckigkeit zu verteidigen und auf dem Ersatz zu bestehen.

Seltsam genug begegnete ihm eine solche Verdrießlichkeit in kurzer Zeit mehrfach hintereinander, er konnte es sich selbst nicht erklären. Goldstücke, die er bei der Einnahme sorgfältig geprüft und dann wieder in Zahlung geben wollte, wurden ihm als falsch zurückgegeben, und während er bei der Empfangnahme gar nichts bemerkt, mußte er jetzt selbst die Unechtheit anerkennen. Brachte er nun diese Guineen demjenigen zurück, von dem er sie erhalten, so kam es stets erst zu den unangenehmsten Auseinandersetzungen, ehe man sich dazu verstand, die Ausgabe dieser falschen Stücke anzuerkennen. Hätte sich Waxmann nicht bisher in den Geschäftskreisen der allgemeinsten Achtung zu erfreuen gehabt, man würde mancher seiner Angaben keinen Glauben geschenkt haben.

In diesem glücklichen Bewußtsein, daß niemand an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln könne und dürfe, brachte er auch ein drittes und viertes Mal Goldstücke zurück, deren Unechtheit sich unerklärlicherweise erst nachher herausgestellt. Jeder andre würde, wenn ihm eine solche mißliche Geschichte mehrmals begegnet, nicht den Mut gehabt haben, sein gutes Recht zu verfechten; aber Waxmann notierte sich jedesmal, von wem er das Geld erhalten, schloß es sorgfältig ein, und wenn man ihn gerade mit falschem Gelde heimsuchte, was konnte er dafür? – Es fiel ihm gar nicht ein, daß darunter sein Ruf leiden könne, und selbst auf diese Gefahr hin, würde er nicht anders gehandelt haben. Er beschloß nur, von jetzt ab bei Abnahme von Gold desto vorsichtiger zu sein.

52 Eines Tages wurde ihm von einem Geschäftsfreund, Mr. Blackbird, eine größere Summe in französischen Louisdors ausgezahlt. Obwohl er die Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit gerade dieses Mannes genau kannte, blieb ihm nichts andres übrig, als jedes einzelne Stück einer genauen Prüfung zu unterwerfen, wenn er auch das Stirnrunzeln seines alten Geschäftsfreundes bemerkte. »Sie sind alle echt, ich habe sie selbst gewogen«, sagte endlich Mr. Blackbird etwas ungeduldig, als Waxmann immer wieder ein Stück nach dem andern von allen Seiten besah, jeden einzelnen Louisdor auf die Fingerspitze nahm und mit einem zweiten anstieß, um sich seines guten Klanges zu versichern.

»Nehmen Sie mir's nicht übel, lieber Freund«, entgegnete er ruhig. »Sie kennen ja das alte Sprichwort: Ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer, und ich habe in letzter Zeit wahrhaft merkwürdiges Unglück gehabt.«

»Wahrhaft merkwürdig!« brummte Mr. Blackbird vor sich hin und warf Herrn Waxmann einen eigentümlichen Blick zu. Endlich hatte sich dieser überzeugt, daß diesmal unter den edlen Füchsen sich nicht ein einziges falsches Exemplar eingefunden, er stellte seine Quittung aus und empfahl sich, unbekümmert darum, daß sein alter Geschäftsfreund ungewöhnlich kühl seinen Gruß erwiderte. Er begriff nicht, warum sich Mr. Blackbird gekränkt fühlte; war ihm denn eine solche Vorsicht zu verargen, nachdem er schon viermal mit falschem Gelde »geleimt« worden. Er wußte sich ganz genau auf diesen Ausdruck, der in seiner Vaterstadt gang und gäbe war, zu besinnen.

Sorgfältig wurden die erhaltenen Goldstücke in ein geheimes Fach seines Schreibtisches besonders gelegt, und Mr. Waxmann fühlte sich beruhigt. Wie erstaunte er aber, als er Zahlung zu leisten hatte und der Mann zwei der Louisdors als falsch zurückwies! Einem Goldarbeiter wurden die Stücke zur Prüfung vorgelegt, und richtig, sie waren unecht. –

Waxmann war darüber sehr empfindlich; weniger über den etwaigen Verlust, als darüber, daß alle seine Vorsicht nicht im stande gewesen, das Einschmuggeln von falschen Goldfüchsen zu verhindern. Er eilte nach Hause, ließ von dem Goldschmied auch die übrigen Louisdors noch einmal eine kritische Revue passieren, und siehe da, nicht weniger als sechs Stück mußten unter der Probierfeile ihr unberechtigtes Louisdorsein bekennen und ihre innere Wertlosigkeit an den Tag legen.

53 Den sonst so ruhigen Waxmann brachte diese häßliche Entdeckung außer Fassung. Es war ihm höchst fatal, seinen alten Geschäftsfreund mit dieser Angelegenheit zu behelligen, und doch gab es gerade hier kein Zurück. Der Mann, an den er Zahlung leisten gewollt, hatte ein wahrhaft empörendes Mißtrauen gezeigt und davon gesprochen, daß er die versuchte Ausgabe falschen Goldes der Behörde anzeigen müsse; da blieb Waxmann nichts weiter übrig, als zu erklären, daß er diese Goldstücke von Mr. Blackbird erhalten habe und er diesen dafür verantwortlich machen werde.

Auf der Stelle wandte er sich an Blackbird und teilte ihm die höchst unangenehme Entdeckung mit. Wenn er gehofft, daß es bei diesem nur seines Wortes bedürfe, um ihn von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen, so hatte er sich geirrt.

Blackbird machte ein sehr finsteres Gesicht: »Sie haben bei der Annahme der Goldstücke ein wahrhaft kränkendes Mißtrauen gezeigt, und obwohl ich Ihnen versichert, daß ich sie gewogen, jeden einzelnen Louisdor so lange beschnüffelt, daß Sie wohl selbst bekennen müssen, wie hier jeder Irrtum unmöglich ist, und ich kann mich deshalb von der Wahrheit Ihrer Versicherung nicht überzeugen.«

Waxmann hatte Mühe, an sich zu halten und seine Ruhe zu bewahren. »Ich habe das von Ihnen erhaltene Gold sorgfältig verschlossen, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß diese Louisdors von Ihnen ausgezahlt worden.«

Mr. Blackbird hatte von mütterlicher Seite rasches Blut in den Adern, das ihn nur zu oft mit fortriß; deshalb entgegnete er sogleich mit großer Bitterkeit: »Wie ich gehört, ist Ihnen dies Manöver sehr oft gelungen, und deshalb glauben Sie auch bei mir damit durchzukommen; aber Sie stoßen endlich auf den Unrechten.«

Jetzt verlor auch Waxmann die Fassung. Ein heftiger Zorn arbeitete in seiner Brust, und er fragte mit wutzitternden Lippen: »Herr, was wollen Sie damit sagen?«

»Daß ich nicht Narr genug bin, mich von Ihnen ebenfalls anräuchern zu lassen«, war die boshafte Antwort Blackbirds.

»Herr, wollen Sie mich des offenbaren Betrugs bezüchtigen?« brauste Waxmann auf; sein Gesicht war kreidebleich: eine solche Beleidigung hatte ihm noch niemand ins Gesicht geschleudert.

»Es fällt mir nicht ein, dies zu behaupten«, schrie der andre ebenso heftig, »aber ich habe Ihnen vollwichtige Louisdors ausgezahlt und damit Punktum.«

54 »Und ich gebe Ihnen wiederholt mein Ehrenwort, daß ich diese falschen Goldstücke aus Ihren Händen habe«, entgegnete Waxmann, der seine Selbstbeherrschung wieder gewonnen hatte.

»Pah, Ehrenwort!« höhnte Blackbird, der immer leidenschaftlicher wurde. »Ich gebe gar nichts darauf, nein, gar nichts.«

»Sie weigern sich also, die falschen Louisdors zurückzunehmen?«

»Gewiß weigere ich mich«, schrie Blackbird erbittert und schob die unechten Gesellen so hastig von seinem Tisch, daß sie in der Stube umherrollten. »Ich bin nicht ein solcher Narr wie die andern und lasse mich von bloßen Ehrenworten nicht berücken.«

»Dann mag das Gesetz zwischen uns entscheiden.« Waxmann raffte die Goldstücke vom Boden auf, und aufs tiefste verwundet, eilte er hinweg, fest entschlossen, auf dem Prozeßwege sein gutes Recht zu verfolgen. Er eilte in seiner Aufregung sogleich zu einem Advokaten und ließ die Klage gegen Blackbird anhängig machen. Wenn er auch sonst Prozessen sorgfältig aus dem Wege ging, diesmal mußte er eine Ausnahme machen, dies war er seiner Ehre schuldig. Blackbird wohnte in seiner Nachbarschaft; ließ er die Sache auf sich sitzen, so war sein Ruf auf immer gefährdet, und er kam noch in den Verdacht eines Betruges.

Der Advokat hatte ihm gesagt, daß der günstige Ausgang der Sache gar nicht zweifelhaft sei; nur werde er seine Angaben beschwören müssen, und Waxmann fühlte sich durch diese Auskunft sehr beruhigt. Er konnte mit gutem Gewissen die Wahrheit seiner Behauptung beeiden.

Als er nach Hause kam, merkten seine Töchter nicht im mindesten, welche Aufregung er durchgemacht. Um sie nicht erst zu beunruhigen, verschwieg er ihnen auch die fatale Geschichte; nur seinem Schwiegersohn teilte er sie mit, und dieser billigte vollkommen sein Verfahren.

Der Advokat hatte recht gehabt; es wurde Waxmann ein Eid zuerkannt, den er leistete, und der Verklagte mußte die acht Louisdors erstatten.

Mr. Blackbird schäumte vor Wut; er unterließ es nicht, den guten Ruf seines ehemaligen Geschäftsfreundes zu untergraben, und wo gäbe es nicht willige Zungen, die eben Gehörtes, irgend eine Verleumdung eifrig weiterverbreiten? Es ist so hübsch und erquickend, von einem Nebenmenschen die schlimmsten Geschichten so ganz im Vertrauen sich ins Ohr zu flüstern. Je tiefer man die andern in den Staub treten kann, desto höher steigt ja das 55 eigne werte Ich. Auch über Waxmann waren bald die ehrenrührigsten Gerüchte im Umlauf: »Er habe dennoch falsch geschworen, das sei gar keine Frage, könne doch der Mann niemand ehrlich ansehen.« Jetzt erinnerte man sich auch, daß er nicht einmal ein Engländer sei und er eigentlich gar kein Vertrauen verdiene. Mr. Blackbird aber schwur hoch und teuer, daß er dem elenden Falschmünzer schon das Handwerk legen wolle, und bald hatte sich die öffentliche Meinung, die beim Zerrädern eines Rufes rasch bei der Hand ist, über Waxmann gebildet. –

Er lebte ganz zurückgezogen von aller Welt, hatte schon mehrfach falsche Louisdors in Umlauf zu setzen gesucht, und wenn ihm dies nicht gelungen, die Ausgabe der falschen Goldstücke andern in die Schuhe geschoben; kein Zweifel, daß er ein Betrüger, wenn nicht am Ende selbst Falschmünzer war, wie Blackbird andeutete, ohne freilich einen Namen zu nennen.

Der Ruf Waxmanns war damit vernichtet, man wich ihm aus und zeigte ihm offenbare Verachtung. Waxmann war viel zu stolz, um dem Benehmen seiner Nachbarschaft irgend welche Beachtung zu schenken; er hatte mit diesen Leuten niemals in einem näheren Verkehr gestanden, und wenn ihm ein »guter Freund« vertraulich mitteilen wollte, welch abscheuliche Gerüchte über ihn in Umlauf seien, wies er ihn ohne weiteres kalt zurück. Trotzdem drangen ihm Gerüchte zu Ohren, daß Blackbird nach einer Gelegenheit trachte, sich an ihm zu rächen, und einige neue Unannehmlichkeiten, die ihm zustießen, glaubte er auf Rechnung der Bosheit dieses Mannes setzen zu müssen.

Seit der ihm selbst höchst fatalen Angelegenheit mit Blackbird war er jetzt bei Annahme von Gold die Vorsicht selber. Er ließ jedes Stück vorher durch einen Goldschmied prüfen, unbekümmert darum, wie sehr er durch dieses sein Mißtrauen die Leute vor den Kopf stieß. Deshalb hatte er dafür nur ein ruhiges Lächeln, wenn man ihm jetzt zuweilen Goldstücke als unecht zurückbrachte, die er irgendwo in Zahlung gegeben. Das konnte nur ein Anschlag des rachsüchtigen Blackbird sein, der nun das Messer umkehren und gegen ihn selbst richten wollte. Er vermochte nachzuweisen, von wem er sein Gold erhalten, es war durch einen Sachverständigen als echt anerkannt worden, und in seinem Geldschrank konnte es sich nicht plötzlich in falsche Münze verwandelt haben; er wies also mit großer Bestimmtheit die ihm wahrhaft komisch dünkende Behauptung zurück, daß er nun selbst diese unechten Goldstücke ausgegeben habe.

56 Seine hartnäckige Weigerung des Umtausches erhöhte nur das Mißtrauen, das gegen ihn zu herrschen begann, und verbreitete sich in immer weiterem Kreise.

Der gute Ruf Waxmanns litt weit mehr unter diesen Umständen, als er selbst zu ahnen vermochte. Unbekümmert um das düstere Gewölk, das sich über seinem Haupte zusammenballte, ging er seines Weges. Je mehr ihn die Leute mieden und heimlich verlästerten, desto höher hob er den Kopf. Es war zu lächerliches Geschwätz, das sein Ansehen in den Augen aller Einsichtigen und Vernünftigen nicht untergraben konnte. Was härmte ihn dies alberne Gerede; seitdem Feodor wirklich nichts mehr von sich sehen und hören ließ, konnte ein solch unbedeutender Umstand seine Gemütsruhe nicht erschüttern. Er war im Kreise der Seinen glücklicher denn je, und mit der zärtlichsten Sorge bereitete er alles zu der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter vor, die schon in wenigen Tagen gefeiert werden sollte.

Mary hätte die größte Stille und Einfachheit vorgezogen; aber der Vater konnte diesmal den Wunsch der geliebten Tochter nicht erfüllen. Er mußte der Welt zeigen, daß er Vermögen genug besaß, um den Verlust einiger Goldstücke sehr leicht verschmerzen zu können, und daß ihn bei seiner Handlungsweise kein andrer Umstand geleitet, als das völlige Bewußtsein des unerschütterlichen Rechtes. Deshalb sollte die Hochzeit so glänzend wie möglich gefeiert werden, eine Menge angesehener Gäste wurde geladen und das Haus von oben bis unten festlich geschmückt.

Die Ausstattung allein nahm viele Tausende in Anspruch, und der Vater schien ängstlich darauf zu sinnen, daß alles in reichster und bester Weise vorhanden sei. Auch die Vorbereitungen zur Hochzeit kosteten ein hübsches Sümmchen, und Waxmann war genötigt gewesen, auf der Englischen Bank, wo er den größten Teil seiner Ersparnisse niedergelegt, einen bedeutenden Betrag zu erheben. Er hatte in neuester Zeit die Annahme des ihm förmlich verhängnisvoll gewordenen Goldes verweigert, um allen Schikanen aus dem Wege zu gehen. Bei der Bank mußte er freilich von dieser geübten Praxis Abstand nehmen; hier war auch jede Vorsicht überflüssig, die Bank haftete für die Echtheit ihres ausgegebenen Geldes, und obwohl er die Goldstücke soviel wie möglich beim Aufzählen einer scharfen Kontrolle unterzog, steckte er sie doch sorglos in seine Börse, um so mehr, als sie den kleinsten Teil der ausgezahlten Summe ausmachten.

57 Übermorgen schon sollte die Hochzeit gefeiert werden. Waxmann wollte seine Tochter überraschen und ihr noch einen kostbaren Brillantschmuck kaufen. Wirklich fand er auch bei einem Juwelier der Nachbarschaft einen Schmuck, der all seinen Anforderungen entsprach. Er wählte mit Absicht diesen Laden, um den Leuten zu zeigen, über welche Summen er verfügen konnte. Auch über den Preis wurde man einig, der freilich etwas höher war, als er veranschlagt hatte. Die mitgebrachten Banknoten wollten nicht reichen, er mußte noch einige Goldstücke hinzulegen. Kaum hatte er sie auf den Tisch aufgezählt und der Juwelier auf die Münzen einen Blick geworfen, da rief der letztere sogleich: »Diese Goldstücke sind falsch!«

»Ich habe sie direkt auf der Bank erhalten«, entgegnete Waxmann ruhig.

»Sie sind falsch«, wiederholte der Juwelier mit der Sicherheit eines gewiegten Kenners.

»Das ist unmöglich.«

Statt aller Antwort unterwarf der Goldschmied die Goldstücke einer Prüfung. »Ich habe mich nicht getäuscht, sie sind falsch«, rief er triumphierend.

»Gestern erst habe ich dies Gold auf der Bank empfangen.«

»Ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit Ihrer Angaben«, entgegnete der Juwelier mit kalter Höflichkeit, »aber ich bin es im Interesse der öffentlichen Sicherheit schuldig, daß einmal der Sache ein Ende gemacht wird«, und er flüsterte einem seiner Lehrburschen etwas zu, der rasch verschwand.

»Was soll das bedeuten? Ich hoffe doch nicht –«

»Ich muß Sie bitten, nicht eher den Laden zu verlassen, als bis sich die Geschichte völlig aufgeklärt hat«, unterbrach ihn der Juwelier.

Wenn auch diese Zumutung tief beleidigend war, entlockte sie doch Herrn Waxmann unwillkürlich ein Lächeln. »Ah, das ist wirklich mehr, als ich erwarten konnte«, sagte er mit einem Anflug von überlegenem Spott, »und wenn ich auch als glücklicher Hochzeitsvater wahrhaftig nicht viel Zeit habe, will ich doch Ihrer liebenswürdigen Einladung Folge leisten.« Er ließ sich ruhig auf einen Sessel nieder und betrachtete in vornehmer Ruhe die steigende Aufregung des Juweliers.

Bald darauf erschien ein Polizeibeamter, und der Goldschmied erhob sogleich mit großer Lebhaftigkeit seine Anklage: die 58 Goldstücke seien falsch, und Herr Waxmann habe mit derlei Münzen bereits die ganze Nachbarschaft unsicher gemacht. Er mußte zum Überfluß mit Blackbird sehr befreundet sein, denn er kannte die kleinsten Einzelheiten jenes Prozesses und ließ nicht undeutlich hindurchblicken, daß sein Freund damals auch hintergangen worden.

Die Verteidigung Waxmanns war ruhig und gemessen, aber der Juwelier wußte immer neue Beispiele anzuführen, wo ganz dieselbe Geschichte wie heute gespielt habe.

Es gab vorläufig nur einen Ausweg – die Auskunft der Bank, und der Polizeibeamte ersuchte Waxmann, sich mit ihm dorthin zu bemühen. Beide bestiegen einen Wagen und waren bald an ihrem Bestimmungsorte.

Auf die Frage des Polizeibeamten erklärte der Kassierer der Bank mit Entschiedenheit, daß er diese Goldstücke nicht ausgegeben, denn es seien so schlechte Fabrikate, daß ihre Unechtheit kaum einem Laien, geschweige denn einem Kassierer der Englischen Bank, durch dessen Hände jährlich Hunderttausende wandern, entgehen könne. Und wirklich, Waxmann mußte sich jetzt selbst überzeugen, daß die Nachahmung eine ziemlich flüchtige Arbeit und leicht zu erkennen war. Wo hatte er nur gestern die Augen gehabt! Dennoch mußte er dabei stehen bleiben, daß er diese Goldstücke auf der Bank erhalten. Der Kassierer maß ihn mit einem geringschätzigen Blick. »Unmöglich«, sagte er trocken. »Legen Sie uns künftig wenigstens bessere Arbeiten vor, dann hätten Sie eher Aussicht zu reussieren, aber diese Spielmarken haben niemals meine Hände berührt.«

»Sind Sie davon fest überzeugt?« fragte der Polizeibeamte.

»Wie von dem Vorhandensein meiner Augen«, war die zuversichtliche Antwort des Kassierers.

»Und können Sie Ihre Angabe beschwören?«

»Ich stehe jederzeit zu Ihren Diensten«, entgegnete der Mann der Bank, verbeugte sich und wandte sich dann schon wieder anderweitiger Beschäftigung zu.

»Dann bleibt mir nichts andres übrig, als Sie zu verhaften«, erklärte der Polizeibeamte.

Bis zu diesem Augenblick hatte Waxmann nicht begriffen, wie viel für ihn auf dem Spiele stand. Es war zu lächerlich, daß man ihn selbst der Ausgabe falscher Münzen bezüchtigen könne. Die Aussage des Kassierers mußte ja alles wieder ins Geleis bringen und seine Unschuld glänzend an den Tag legen; als aber der Mann mit der unerschütterlichen Zuversicht eines alten Kassierers 59 die Ausgabe dieser Goldstücke bestritt, als es ihm jetzt selbst wie Schuppen von den Augen fiel und er das schlechte Fabrikat erkannte, da trat ihm plötzlich das Gefährliche seiner Lage in voller Klarheit vor die Seele.

Wie sollte er seine Unschuld beweisen, wo ein Wort dem andern gegenüberstand und die Aussage eines Kassierers der Bank schwer ins Gewicht fiel. Und welcher Schimpf, welche Schmach brach plötzlich über ihn herein! Verhaftet wegen Ausgabe falschen Geldes zwei Tage vor der Hochzeit seiner Tochter! – Man mußte ihn freilassen – sich bald von seiner Unschuld überzeugen – aber für seine armen Kinder war es doch ein fürchterlicher Schlag. Und jetzt bereute er seine Hartnäckigkeit, es in früheren Fällen bis zum Äußersten getrieben zu haben. Er hätte den Verlust einiger Louisdors so leicht verschmerzen können – während nun das alles beitrug, den Verdacht gegen ihn zu verstärken. Je mehr er über seine Lage nachdachte, desto bedenklicher erschien sie ihm. Sein scharfer Verstand sagte ihm, daß man sowohl die Zurückgabe falscher Goldstücke wie die spätere Weigerung des Umtausches zu seinem Nachteil auslegen würde. Trotzdem suchte er sich zu fassen – eine betrügerische Absicht konnte man ihm nimmermehr nachweisen, und darum war seine Freilassung gewiß. Ohne die mindeste Unruhe zu verraten, im Bewußtsein, daß seine völlige Unschuld an den Tag kommen müsse, wanderte er ins Gefängnis.

Noch hatten die Töchter Waxmanns nicht die mindeste Nachricht, welch Schicksal über ihren Vater hereingebrochen, da klopften schon Polizeibeamte an die Thür und drangen auf eine Haussuchung.

Mary zeigte sich im ersten Augenblick weit fassungsloser als Harriet; sie sank erbleichend auf einen Stuhl zurück, barg in den Händen ihr totenbleiches Antlitz, und kein Ton kam über ihre Lippen, – jetzt erfolgte endlich der vernichtende Wetterschlag, den sie längst gefürchtet. Harriet dagegen zeigte sich weit beherzter; sie hatte keine Ahnung davon, was dieses unverschämte Eindringen in ihr Haus bedeuten solle, und meinte fast in dem hohen Tone einer Lady, hier müsse wohl ein bedenklicher Irrtum mit unterlaufen, für den der Vater gewiß Rechenschaft fordern werde.

Die Polizeibeamten waren artig genug, der jungen Dame nichts zu erwidern, aber sie gingen trotz aller Einwürfe Harriets an ihre Aufgabe und durchstöberten jeden Winkel. Nirgends ließ sich etwas Verdächtiges entdecken, und sie wollten schon unverrichteter Sache abziehen, da fiel einem der Leute das im Winkel stehende 60 kleine Sommerhaus auf. Man forderte den Schlüssel, es war keiner vorhanden. Jean, der zitternd den Polizeibeamten gefolgt, behauptete, daß ihn der Herr haben müsse; es sei übrigens in dem alten Dinge nicht das Mindeste zu finden.

Man ließ durch einen Schlosser öffnen, und hier hatte man nicht lange zu suchen. Man fand alle Werkzeuge, die zur Anfertigung falschen Geldes nötig sind; Tiegel, Pfannen, Platten – einige mißratene Goldstücke lagen am Boden verstreut – das Verbrechen Waxmanns war damit erwiesen. – Jubelnd zogen die Beamten mit ihrem Funde ab.

Die jungen Mädchen konnten es gar nicht fassen – ihr Vater ein Falschmünzer! – das war mehr, als selbst Mary gefürchtet. Der Schlag kam zu unerwartet, er traf sie beide ins Herz. – Vom Gipfel des Glückes herabgestürzt in dieses Elend – das war zu viel – der grenzenlose Jammer drohte sie zu vernichten . . . . –

Als Mary die Nachricht erfuhr, kauerte sie sich verzweifelnd in einen Winkel und sprach kein Wort. So fand sie Templeton, der herbeigeeilt war, um ein Stündchen mit seiner Braut zu verplaudern. Er hatte schon an der verstörten Miene Jeans bemerkt, daß hier etwas vorgefallen sei, aber er mochte nicht fragen, und auch Mary gab ihm anfangs keine Antwort. Als er nun zärtlicher in sie drang, ihm mitzuteilen, was sie so tief erschüttert, erhob sie endlich das thränenfeuchte Haupt und schluchzte mühsam hervor: »Mein Vater ist als Falschmünzer verhaftet worden.«

»Das ist nicht möglich!« rief Templeton heftig, den bei dieser Nachricht die gewohnte Ruhe ebenfalls verließ.

Mary nickte mit dem Kopfe.

»Einzige teure Mary, das ist ja rein lächerlich! Sage mir, wie solch alberner Verdacht entstehen konnte!«

Mary vermochte kein Wort weiter hervorzubringen, sie barg in namenlosem Schmerz wieder das Antlitz in ihren Händen.

»Harriet, was ist vorgefallen? Sagen Sie mir alles!« wandte er sich an diese, als er sah, daß Mary nicht im stande war, ihm weitere Auskunft zu erteilen.

Das junge Mädchen hatte in starrer dumpfer Verzweiflung am Fenster gestanden und nicht einmal das Kommen Templetons beachtet. Ihr Vater im Gefängnis, ein Falschmünzer! – weiter vermochte sie nicht zu denken, diese Vorstellung verschlang alles! Und sie hatte ihn verehrt, seine strenge Rechtlichkeit war ihr stets 61 bewunderungswürdig erschienen, und nun war er – ein Verbrecher. – In diesem jungen glühenden Herzen zerschlägt eine solche Erfahrung alles – den Glauben an die Menschheit – die Freude an allem, was ihm lieb und teuer war. – Und mit dieser Schande behaftet, jetzt Willibald gegenüberzutreten, der ohnehin an Menschen und Dinge einen solch hohen Maßstab legte. – Sie durfte ihn niemals wiedersehen, und als jetzt Templeton seine Frage an sie richtete, gab sie ihm, nur von diesem Gedanken geleitet, die Antwort: »Lieber James, wollen Sie Dr. Willibald sagen, daß ich keine Stunde mehr nehmen darf, ich werde Ihnen gleich das noch rückständige Honorar einhändigen«, und sie wollte sich rasch entfernen.

»Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter, sagen Sie mir, was Ihrem Vater begegnet ist«, bat Templeton, und seine Stimme zitterte vor tiefer innerer Unruhe.

»Fragen Sie nicht, zerreißen Sie mir nicht das Herz!« jammerte Harriet, und dann stieß sie doch in wilder Verzweiflung heraus: »Man hat den Vater als Falschmünzer verhaftet und sein Handwerkzeug gefunden«, und händeringend will sie aus dem Zimmer stürzen.

»Mary, dein Vater ein Falschmünzer?! Es kann nicht sein, es muß auf einem Irrtum beruhen«, rief Templeton in höchster Bewegung. Er näherte sich ihr, strich mit der Hand über ihr schönes, blondes Haar und wandte nun all seine Überredungskunst an, um sie zu trösten und zu beruhigen. Das dem Vater zur Last gelegte Verbrechen war ja zu lächerlich. – Ein Mann, der sich in den besten Verhältnissen befand, kam nimmermehr auf den thörichten Einfall, sich durch solche Dinge noch mehr zu bereichern. Wenn auch der Schein augenblicklich gegen ihn war, seine völlige Unschuld mußte endlich doch an den Tag kommen . . . .

Nur zu willig lauschte Mary auf seinen Zuspruch, obwohl sie die stolze Sicherheit des Bräutigams nicht teilen konnte. – Ihr kam immer wieder die zeitweise Schwermut des Vaters in den Sinn – irgend etwas hatte längst auf ihm gelastet – und sie wagte kaum zu hoffen.

Da Templeton von seiner Braut Einzelheiten nicht erfahren konnte, so entfernte er sich rasch mit dem Versprechen, alles in Bewegung zu setzen, um die Befreiung seines Schwiegervaters zu bewirken. Er war wie verwandelt – der unerwartete Schlag hatte ihn plötzlich aus seinem gewohnten Phlegma aufgerüttelt 62 und mit der ganzen Zähigkeit und Umsicht, die ihm eigen war, suchte er sein Ziel zu erreichen.

Trotz aller Mühe und Opfer gelang es ihm nicht, zu seinem Schwiegervater ins Gefängnis zu dringen; aber er erfuhr wenigstens jetzt ganz genau, welche Verdachtsgründe gegen Waxmann vorlagen.

Sie waren schwer genug, und er konnte sich nicht verhehlen, daß die Sache weit schlimmer stand, als er gehofft. – Wenn der Kassierer der Bank bei seiner Aussage beharrte, dann war der Unglückliche gewiß rettungslos verloren. Zufällig erinnerte er sich, daß sein Vater mit diesem Manne befreundet gewesen, und ohne Zögern suchte er ihn auf. Als er dem Kassierer mitteilte, welch persönliches Interesse er bei dieser unseligen Angelegenheit habe, blickte ihn der alte Mann beinahe mitleidig an und sagte warnend: »Ziehen Sie sich rasch von diesem Menschen zurück, er ist ein Schurke, so wahr –«

»Schwören Sie nicht«, unterbrach ihn Templeton lebhaft, »wenn Sie diesen Ehrenmann so lange gekannt hätten, wie ich, dann würden Sie auch wissen, daß er eines gemeinen Verbrechens ganz unfähig ist.«

»Hm, junger Freund, Ihnen fehlt der rechte Blick«, meinte der Kassierer mit der Überlegenheit des Alters; »ich sage Ihnen, der Mann ist so falsch wie seine Guineen.«

»Und können Sie sich nicht dennoch geirrt haben?« warf Templeton ein.

»Junger Mann«, entgegnete der andre verletzt, »ich will Ihnen dies verzeihen, weil Ihr seliger Vater mein Freund war, aber behaupten Sie niemals wieder, daß sich der alte Smith geirrt habe«, und er nahm eine sehr hochmütige Miene an.

Es war unmöglich, die Überzeugung des alten Mannes zu erschüttern, er wurde zuletzt ungeduldig und zeigte ganz unzweideutig, daß ihm eine fernere Unterhaltung mit dem Sohne seines verstorbenen Freundes lästig sei. Templeton mußte sich entfernen.

Sein Herz war zu voll, er mußte wenigstens jemand haben, dem er sich mitteilen konnte, und er eilte zu Dr. Willibald. Auch dieser zeigte sich von der furchtbaren Nachricht tief erschüttert, dennoch entgegnete er in voller Überzeugung: »Trotz alledem kann ich an die Schuld des Herrn Waxmann nicht glauben.«

Templeton drückte ihm dafür dankbar die Hand. »Es freut mich, daß Sie ebenfalls an dem Charakter meines Schwiegervaters nicht irre werden.«

63 Willibald legte die Hand über die Augen, als suche er sich das Bild dieses Mannes noch einmal zu vergegenwärtigen, dann sagte er nachdenklich: »Oft schien es mir, als ob auf seiner Stirn eine frühere Schuld geschrieben sei, aber das liegt längst hinter ihm, und jedenfalls hat er einen tüchtigen Läuterungsprozeß durchgemacht, und jetzt ist seine Seele viel zu hoch und rein und nimmermehr eines solchen Verbrechens fähig.«

»Ich verstehe mich nicht auf Ihre Auseinandersetzungen«, meinte Templeton, »nur so viel weiß ich, daß mein Schwiegervater kein Falschmünzer ist.«

»Und wie haben Fräulein Mary – Harriet die Schreckenskunde aufgenommen?« fragte Willibald.

»O die Unglücklichen! Und zwei Tage vor der Hochzeit, es ist ein wahrhaft niederträchtiger Streich des Schicksals.«

»Ich muß zu Harriet eilen, die Ärmste wird in Verzweiflung sein«, rief der Doktor.

»Ach, ich vergaß, Harriet will Sie nicht mehr sehen, die Schmach ist zu groß.«

»Ich begreife ihren Wunsch, und doch kann ich ihn nicht erfüllen«, entgegnete Willibald; »jetzt wäre es jämmerlich, wenn ich mich zurückziehen wollte, wo das Unglück über sie hereingebrochen.«

»Aber sie hat mich ausdrücklich damit beauftragt«, warf Templeton ein.

»Kommen Sie, verehrter Freund, Harriet wird mich nicht von ihrer Schwelle weisen«, erklärte der Doktor, und Templeton erstaunte über seine Zuversicht – er hätte nicht gewagt, dem Wunsche seiner energischen kleinen Schwägerin zu trotzen – und zu seiner noch größeren Überraschung – wies Harriet wirklich nicht Willibald zurück; sie eilte ihm vielmehr mit einem schmerzlichen Ausruf entgegen, und er schloß sie zärtlich in seine Arme. »Meine teure Harriet«, rief er von tausend Empfindungen überwältigt, und Thränen drangen unaufhaltsam aus seinen Augen. –

Der Bund ihrer Herzen war damit auf immer geschlossen. – Was beide bisher nicht auszusprechen gewagt, das drängte sich in diesem Augenblick über ihre Lippen. – Sie wußten und sagten es sich jetzt, daß ihre Herzen für Zeit und Ewigkeit einander gehören würden. Und gerade der Schmerz, die Sorge führte ihre Seelen inniger zusammen – mochte nun alles über ihnen zusammenbrechen – eins blieb ihnen sicher – ihre Liebe . . . .

64 Selbst das Furchtbarste wird leichter ertragen, wenn wir ein Herz besitzen, das in schöner Selbstlosigkeit unsre Schmerzen mit aufnimmt und gleichsam verzehrt. – Auch die beiden Schwestern fühlten die ganze Herzenserquickung, die in solch warmer, inniger Teilnahme liegt, und ihre tiefe Gebrochenheit machte einer ruhigeren Stimmung Platz. Besonders war es Harriet, die mit jugendlicher Hoffnungslust den Trostgründen des Geliebten ein nur zu williges Ohr lieh. Bald mußte sich die Unschuld des Vaters glänzend herausstellen, und dann kam erst nach solchen Stürmen das rechte Glück. –

Vorläufig sorgte Templeton dafür, daß eine weitläufige Verwandte von ihm in das Haus zog, um den alleinstehenden Mädchen wenigstens einigen Halt zu geben und sie vor Verleumdung zu schützen.

In Angst und Unruhe, zwischen Hoffen und Verzweifeln, zogen die Tage dahin. – Die Stunde der Entscheidung rückte immer näher, und trotz all ihrer Bemühungen war es ihnen nicht gelungen, den Vater zu sprechen. Erst am Tage des Schwurgerichts sollten sie ihn wiedersehen . . . .

Sowohl Willibald wie Templeton waren dagegen, daß die Schwestern dem Termine beiwohnen sollten; aber beide waren diesmal allem liebevollen Einreden unzugänglich, und die Freunde mußten sich ihrem unbeugsamen Willen fügen, obgleich sie das Schlimmste fürchteten. –

Der seltsame Fall hatte allgemeines Aufsehen erregt. Es war doch zu merkwürdig: ein bisher angesehener, als wohlhabend geltender Mann – stand wegen Falschmünzerei vor den Schranken des Gerichtes; kein Wunder, daß sich das Publikum sehr zahlreich eingefunden hatte.

Es hegte niemand an der Schuld Waxmanns den mindesten Zweifel; aber man sah doch der Verhandlung mit größter Spannung entgegen. Es hat immer etwas Aufregendes, wenn ein Verbrecher mit allem Aufwand von List und Schlauheit den Armen der strafenden Gerechtigkeit zu entschlüpfen sucht und der Richter mit großer Umsicht auch das verborgenste Hinterpförtchen zuzuschlagen weiß.

Der Saal war deshalb zum Erdrücken voll – auf einer der hintersten Bänke hatte Templeton für die jungen Mädchen ein Plätzchen erobert. – Willibald saß an der Seite Harriets, er mußte ihren Mut bewundern, sie hatte nicht einmal den Schleier 65 über das Antlitz gezogen – die Hände lagen ruhig in ihrem Schoß, starr und unbeweglich saß sie da, ihre dunklen Augen erwartungsvoll auf die Thür richtend, in der endlich ihr Vater erscheinen mußte. Mary glich mehr einem Marmorbilde als einer Lebenden.

Eine Menge Nachbarn waren erschienen; man erkannte die jungen Mädchen, nun ging ein Flüstern durch den Saal: »die Töchter des Falschmünzers« – und die Ärmsten wurden der Gegenstand allgemeinster Aufmerksamkeit. Aller Augen richteten sich auf sie, mit Lorgnetten und Opernguckern wurden sie beobachtet und eine Menge häßlicher Urteile über sie gefällt. Sie beachteten es nicht – ihre Herzen schlugen nur der nächsten Sekunde entgegen.

Jetzt wurde der Angeklagte in den Saal geführt – wie totenbleich der Ärmste auch aussah, seine Haltung war ungebrochen. Mit ruhigem, edlem Anstand wanderte er durch den Saal – da erkannte er seine Kinder und zuckte zusammen. Er wollte die Hände nach ihnen ausstrecken, besann sich aber und schwankte langsam seiner Bank zu.

Die Gerichtsverhandlungen nahmen jetzt ihren Anfang. Zu schwer wiegende Verdachtsgründe, ja die schlagendsten Beweise an der Schuld des Angeklagten lagen vor. Das Zeugnis sämtlicher Zeugen fiel äußerst ungünstig gegen ihn aus. Sie bekundeten mit großer Bestimmtheit die verbrecherische Handlungsweise Waxmanns, namentlich machte die Aussage Blackbirds einen tiefen Eindruck. Nach derselben war es kein Zweifel, daß der Angeklagte nicht nur Falschmünzerei getrieben, sondern auch einen Meineid geleistet habe. Auch der Kassierer der Bank beschwor mit unerschütterlicher Gewißheit, daß er Waxmann die falschen Goldstücke nimmermehr ausgezahlt habe, und ließ sich durch alle geschickten Zwischen- und Querfragen des Verteidigers nicht irre machen. –

Waxmann blieb bei seiner Erklärung, die er schon in der Voruntersuchung abgegeben; daß er völlig unschuldig, der erhobene Verdacht gegen ihn wahrhaft lächerlich sei, da er seine ausreichende Existenz und wahrhaft nicht nötig habe, zu solchen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen. Wie das Handwerkszeug in sein Gartenhaus gekommen, wisse er freilich nicht; einer seiner Feinde müsse es heimlich hineinpraktiziert haben, um ihn zu verderben, und er nannte eine Menge Zeugen, die bekunden sollten, wie Blackbird ihm Rache geschworen.

66 Blackbird geriet ganz außer sich über diese Beschuldigung – er brach gegen Waxmann in so heftige Schimpfworte aus, daß er vom Gerichtshof zur Ruhe gewiesen wurde.

Der Verteidiger ergriff jetzt das Wort und suchte mit großem Geschick das Gewebe zu zerreißen, das man um den Angeklagten gesponnen. Er hob ganz besonders den fleckenlosen Charakter Waxmanns hervor und wie wunderlich es sei, daß jemand, der in den angenehmsten Verhältnissen lebe, zur Falschmünzerei seine Zuflucht nehmen würde, um möglicherweise einige Louisdors zu erwerben und dafür Ehre und Freiheit einzusetzen; deshalb sei auch die Annahme völlig begründet, daß irgend ein Feind das Handwerkzeug in das einsame Gartenhaus geschmuggelt, das von dem benachbarten Garten sehr gut zu erreichen sei. In seiner glänzenden Verteidigungsrede legte der Advokat immer wieder den Ton darauf, daß Waxmanns ehrenhafter Ruf über einen solchen Verdacht erhaben sei, und wirklich blieben die mit voller Überzeugung vorgetragenen Worte nicht ohne Eindruck.

Da erhob sich der öffentliche Ankläger von neuem; um seine Lippen spielte ein boshaftes Lächeln, und er begann sogleich:

»Es wird uns fortwährend die außerordentliche Ehrenhaftigkeit des Angeklagten gerühmt, sein fleckenloser Ruf hervorgehoben, und doch kann ich nicht umhin, meine bescheidenen Bedenken dagegen zu äußern. Es gibt einen dunklen Punkt in der Vergangenheit des Angeklagten, der all diese hochtönenden Behauptungen zu leeren Redensarten herabdrückt.«

Waxmann war den Verhandlungen mit größter Aufmerksamkeit gefolgt, und nach der geschickten Verteidigungsrede des Advokaten schöpfte er einige Hoffnung – kaum aber hatte der öffentliche Ankläger seinen neuen Angriff begonnen, da zuckte er, wie von einem harten Schlage getroffen, zusammen und senkte das Haupt. Eine Totenblässe bedeckte sein Antlitz, und vergeblich suchte er der Bewegung des Schreckens und Entsetzens Herr zu werden, die ihn völlig unterjochte.

Der öffentliche Ankläger warf einen stechenden Blick auf Waxmann, dann fuhr er fort: »Ja, dieser höchst redliche und ehrliche Charakter, der, wie die Verteidigung behauptet, schon durch sein vergangenes Leben über jeden Verdacht erhaben ist, hat doch nur sein Vermögen, seine behaglichen Verhältnisse einem Verbrechen zu verdanken. Er ging als junger Mensch seinem Prinzipal mit einer bedeutenden Summe durch, um dann hier in London das Leben 67 eines Ehrenmannes zu beginnen, was ihm nicht schwer fallen konnte, da man annahm, er sei nach Amerika geflüchtet.«

Ein herzzerreißender Schmerzensschrei aus dem Publikum lenkte die Aufmerksamkeit dorthin. – Es war Mary, die jetzt ohnmächtig zurücksank und hinausgetragen werden mußte.

Waxmann hatte bei den letzten Worten des Anklägers regungslos dagesessen; ihm war's, als ob alles Blut aus seinem Herzen hinwegströme und als müsse die Erde unter ihm versinken. Das entsetzliche Geheimnis, die Schuld seiner Jugend, die ihn sein ganzes Leben über so schwer gedrückt, war plötzlich vor aller Welt bloßgelegt, und nun erst fühlte er sich vernichtet. – Aus seiner Erstarrung weckte ihn der Schrei seiner Tochter – er wußte, daß es Mary war, und der Gedanke an seine Kinder, die sich von diesem Schlage gewiß nie wieder erholen konnten, brach ihm beinahe das Herz. – Er barg das Antlitz in seinen Händen, denn ihm dünkte es, als ob die Blicke jedes einzelnen Dolche würden, die ihn vollends vernichteten . . .

»Ich habe die Beweise in Händen und lege sie dem hohen Gerichtshof vor«, schloß der Ankläger seine Rede, »schwerlich wird der Angeklagte die Stirn haben, das Verbrechen seiner Jugend zu leugnen, das sich freilich, wie mir die deutsche Behörde mitgeteilt, der weitern Verfolgung entzieht, da es bereits verjährt ist; aber, meine Herren, ein Mann, der schon so früh den Pfad des Verbrechens betreten hat, wird vor nichts zurückscheuen, wo er hoffen darf, daß ihn sein fälschlich erworbener guter Ruf zu schützen vermöchte. Die Beweise seiner Schuld liegen klar am Tage, und ich habe zur Begründung meiner Anklage kein Wort weiter hinzuzufügen.«

Der Angeklagte wurde einstimmig zur lebenslänglichen Deportation verurteilt. –

Mit an Stumpfsinn grenzender Teilnahmlosigkeit hörte Waxmann auf den Urteilsspruch. Was konnte ihm die Zukunft noch bringen? Das Schlimmste lag bereits hinter ihm, seitdem das Schicksal seinen ehrlichen Namen vernichtet und seine Kinder der Schande preis gegeben hatte. Er bat nur um das eine, zu gestatten, daß seine Töchter ihn besuchen dürften, es wurde ihm erlaubt. Schon am andern Tage öffnete sich die Gefängnisthür, und die jungen Mädchen lagen schluchzend in seinen Armen.

»Ich fürchtete, ihr würdet nicht kommen, ihr würdet euch von einem Vater lossagen, der Schimpf und Schande über euch gebracht.« –

68 Die Töchter eiferten dagegen – und doch konnte Waxmann wohl bemerken, daß gerade Mary von diesem neuen Schlage härter betroffen worden, daß sie bitterer die Schmach empfand, die ihr Vater über sie gebracht. Die Liebe zu ihm drohte unterzugehen in dem alles vernichtenden Gefühl, daß sie ihn nicht mehr achten konnte. Harriet dagegen zeigte die ganze kindliche Ergebenheit einer Tochter, für die der Vater über alles teuer bleibt, mag auch die Welt noch so rücksichtslos über ihn den Stab brechen.

Es schmerzte ihn unsäglich, gerade bei Mary diese Entdeckung zu machen, der er stets ein weicheres, tieferes Empfinden zugetraut, weil er nicht begriff, daß es Menschen gibt, denen die Ehre über alles geht und die vor jeder gemeinen Handlung einen moralischen Abscheu empfinden. – Mary konnte nur wahrhaft lieben dort, wo sie auch wahrhaft achten mußte. Der teure Vater war ihr stets als das Ideal eines Ehrenmannes erschienen, und jetzt war alles in ihr zerbrochen.

»Ich habe euch rufen lassen«, begann Waxmann nach einem tiefen Atemzuge, »weil ich wenigstens vor euch in einem andern, wenn auch nicht in einem besseren Lichte erscheinen wollte. Ich will mich nicht entschuldigen, aber vielleicht lernt ihr milder urteilen, wenn ihr meine früheren Schicksale gehört.« Seine Augen ruhten dabei auf Mary, die langsam die ihren niederschlug.

»Ich bin der Sohn eines angesehenen Beamten«, begann Waxmann seine Erzählung, »und habe in meiner Jugend eine sehr sorgfältige Erziehung genossen. Der Vater setzte große Hoffnungen auf mich; ich sollte studieren, die Lehrer lobten meinen Fleiß, meine Fähigkeit und waren außerordentlich mit mir zufrieden. Mit 16 Jahren war ich schon in Prima – dieser rasche Studiengang stieg mir doch etwas zu Kopf und weckte meine Eitelkeit. Ich war ohnehin der Liebling meines Vaters, dem er gern durch die Finger sah. Ein Knabe, der so schnell die Klassen durchwandert, wird immer etwas verwöhnt und verhätschelt. – Da starb plötzlich der Vater, und alle kühnen Hoffnungen auf das baldige Beziehen der Universität – einer glänzenden gelehrten Laufbahn – waren zu Ende. Wäre ich das Kind eines armen Handwerkers gewesen, dann hätte ich mich wohl dennoch durchschlagen können; aber der Sohn einer verwitweten Geheimen Regierungsrätin durfte doch nicht um Stipendien und Freitische demütigst bitten und wohl gar den Kindern schlichter Bürgersleute für wenige Groschen nebenbei Stunden geben. – Von einer 69 Fortsetzung der Studien konnte deshalb bei der Mittellosigkeit der Mutter keine Rede sein. Ein Oheim derselben drang darauf, daß ich Kaufmann werden solle, und schweren Herzens fügte ich mich endlich in das Unvermeidliche.

Ein solch gewaltsames Herausschleudern aus einer einmal eingeschlagenen Bahn ist stets für die Jugend gefährlich. Es scheint, als ob sie damit auch allen moralischen Halt verliert; es müssen erst zu viel Hoffnungen in dem freudig aufstrebenden Herzen gebrochen werden, als daß es nicht für immer dadurch verkrüppeln sollte. – Auch ich hatte mit dem Aufgeben meines ersten glänzenden Ziels alle geistige Widerstandskraft verloren, es war mir gleichgültig, wohin das Boot meines Lebens trieb – ich überließ mich willenlos jeder Strömung . . .

Da ich aus meiner Gymnasialzeit tüchtige Kenntnisse mitgebracht und mir als Sohn meines geachteten Vaters ein größeres Vertrauen gezeigt wurde, so übertrug man mir trotz meiner Jugend die wichtigsten Geschäfte. Tausende gingen täglich durch meine Hände. In demselben Geschäfte befand sich noch ein junger Mensch, der mit mir so ziemlich in gleichem Alter war. Obwohl er meine bessere Stellung hätte beneiden können, schloß er sich dennoch höchst zärtlich an mich an, er ordnete sich mir förmlich unter; das schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich merkte es nicht, daß mich der schlaue Bursche trotzdem völlig beherrschte. Durch Feodor lernte ich Vergnügungen kennen, von denen ich früher keine Ahnung gehabt, und damit wurde sein Einfluß auf mich immer mächtiger. – Mein Gehalt war bald auf diese Weise verbraucht; aber der Durst nach einem tollen, lustigen Leben war erst recht geweckt worden und verlangte Befriedigung. Jetzt flüsterte mir der Gefährte zu: sei kein Narr, nimm das Geld, wo Du es bekommen kannst – dir macht man es ja so leicht. – Ich widerstand lange; aber trotz seiner Jugend war mir Feodor in der Neigung zum Schlechten weit überlegen: er schien ein wahrhaftes Betrugsgenie zu besitzen, und vor allen Dingen wußte er all meine Gewissensbisse einzuschläfern. – Immer und immer wieder entwarf er mir den kühnen Plan zu einer Flucht nach Amerika – bei passender Gelegenheit; er wußte mir von dem freien Lande die verlockendsten Bilder zu entwerfen und – der Drang nach irgend einem Abenteuer betäubte in mir alle andern Bedenken. Ich war ohnehin dieses elenden Krämerdaseins müde. – Er entwarf mit einer Schlauheit, die weit über seine Jahre ging, 70 bis in die kleinsten Einzelheiten den Plan. Es mußte glücken! – dafür verbürgte sich Feodor mit seinem Ehrenwort, und ich Thor gab seinen Einflüsterungen nur zu willig Gehör.

Als ob ein dämonisches Geschick mir in die Hände arbeiten wollte, erhielt ich eines Tages eine bedeutende Summe in Gold ausgezahlt. – Jetzt oder nie war der Augenblick gekommen – wohl trat mir noch einmal das Bild meines seligen Vaters warnend entgegen – aber zu lange hatte ich das Gift eingesogen: der Gedanke, wie Feodor mich verhöhnen, mich einen erbärmlichen Feigling schelten würde, behielt die Oberhand. – Ich eilte, wie wir verabredet, in seine Wohnung – zog mir dort die Kleider eines Handwerksburschen an, die Feodor bereit gehalten, und wanderte mit einem Ränzel auf dem Rücken, in dem ich das Gold sorgfältig aufbewahrt, dem Thore zu. Als ich jetzt weiter schreiten wollte, blieb ich noch einmal stehen – die Stimme des Gewissens erwachte von neuem; wenn ich umkehrte, konnte ich noch alles gut machen – vielleicht war mein langes Ausbleiben noch nicht aufgefallen! – Ach das war unmöglich, man würde doch Argwohn geschöpft haben, und dann war Schimpf und Schande mein Loos – ohne daß ich nur einen Gewinn davon gehabt. Nein, nein, es gab kein Zurück – und ich wanderte weiter, weiter – um nie mehr zur Ruhe zu kommen . . .«

Der Unglückliche barg das Gesicht in seinen Händen, und Thräne um Thräne tropfte über seine Finger.

Die Töchter unterbrachen ihn mit keinem Wort. Mary saß in düstere Gedanken versunken da, ihr bleiches Antlitz blieb völlig regungslos. – Mochte auch der Vater durch Erzählung seiner Jugendschicksale sein Abweichen von dem Pfade des Rechtes auseinandergelegt haben – sie begriff, sie verstand es dennoch nicht. – Wie der Sohn von achtbaren, ehrlichen Eltern sich durch einen solch elenden Buben zu einem Schurkenstreiche konnte hinreißen lassen – das ging über ihre Fassung. Wem niemals eine Anwandlung gekommen, von dem rechten Wege abzuweichen, wen Temperamentsanlage, angeborne Charakterfestigkeit von jedem Straucheln abhält, der ist auch weit strenger in der Beurteilung andrer; er kann es nicht begreifen, daß es Abgründe gibt, die solch armen Verblendeten mit Blumen verhüllt erscheinen, und in die sie unaufhaltsam hinabtaumeln . . .

Als der Vater von Feodors Verführungskünsten und dann von der Ausführung des schändlichen Planes berichtete, hätte sie 71 laut aufschreien und ihm warnend zurufen mögen: »Thue es nicht! Wahre deine Ehre! Denke, daß du damit für immer dein Lebensglück zertrittst!«

Vor Harriet dagegen lebte alles auf. Sie sah den armen Knaben, der durch den Tod des Vaters allen Halt verlor; sie begriff auch den Einfluß des schlechten Freundes und das falsche Ehrgefühl, das den Spott des Kameraden mehr fürchtete als die drohende Schande.

War durch den Einfluß des deutschen Lehrers ihr Verständnis für fremdes Thun und Leiden geweckt, oder war es ihr angeboren – sie vermochte den Irrgängen eines schwachen Menschenherzens zu folgen, und der Einblick in dieselben erhöhte nur ihre Teilnahme. Sie schmiegte sich jetzt zärtlich an ihren Vater an, streichelte ihm die blasse Wange und flüsterte voll tiefer Rührung: »Armer, armer Vater, du hast dein unbesonnenes Vergehen schwer genug gebüßt.«

Waxmann schaute voll inniger Dankbarkeit auf seine Tochter: »Ich will meine That nicht entschuldigen und doch, du hast recht, Harriet, es war eine Unbesonnenheit; ich handelte wie im Taumel, und als ich erwachte, war es zu spät . . . Feodor hatte seinen sorgfältig ausgeklügelten Plan ebenso geschickt zu Ende geführt. Als ich mit der einkassierten Summe nicht zurückkam, stellte er die Vermutung auf, man müsse mich beraubt haben, denn ihm habe heute geträumt, daß er mich mit blutigem Gesicht im Wasser gesehen. Er fand dafür um so leichter Glauben, als meine Zuverlässigkeit bisher über jeden Zweifel erhaben war. – Um die Leute in dieser Vorstellung zu bestärken, hatte er meine Kleider mit Blut befleckt und heimlich in den Fluß geworfen, die auch bald darauf gefunden wurden. Durch diese List wurde anfangs jede Spur von mir abgelenkt, und als man endlich meinen Leichnam nirgends finden konnte und der Verdacht eine andre Richtung nahm, war ich bereits in Sicherheit. Feodor hatte um einen vierzehntägigen Urlaub gebeten, und so war es ihm möglich, ohne das geringste Aufsehen nach Hamburg zu kommen, wo wir unsre Zusammenkunft verabredet. Wir teilten hier unsre Beute – und da ein Schiff nach Amerika nicht augenblicklich abging, ich aber im deutschen Vaterlande mich nicht mehr sicher fühlte, so nahm ich das erste beste Schiff, das aus dem Hafen abfuhr und das mich nach London trug.«

»Der einzige, verhängnisvolle Schritt hatte mich zum Manne gereift. – Das volle Bewußtsein meiner schändlichen That tauchte in mir auf und verließ mich nicht mehr. Das Glück wenigstens 72 schien mich zu begünstigen, ich kam während der Fahrt mit einem englischen Kaufmann in Berührung und hatte Gelegenheit, ihm einen kleinen Dienst zu erweisen. Er fand Gefallen an mir, und als er erfuhr, daß ich in London eine Buchhalterstelle suche, bot er mir in seinem eignen Geschäfte eine solche an, ohne nach meinen Papieren zu fragen. Nach wenigen Jahren schon konnte ich mich auf eigne Füße stellen; aber der Kaufmannsstand hatte niemals meine ganze Seele erfüllt, und nachdem ich mir durch Fleiß und Arbeit ein hinreichendes Vermögen gesammelt, zog ich mich vom Geschäft zurück. Die veruntreute Summe habe ich mit Zinsen an das damals geschädigte Haus heimlich zurückgezahlt, aber ich hatte damit meine Schuld noch nicht gebüßt. Der Genosse meiner verbrecherischen That war weniger glücklich gewesen; er kam schon nach einigen Jahren aus Amerika zurück und suchte mich auf. Ich mußte ihm eine bedeutende Summe zahlen, er wollte ebenfalls in London sein Heil versuchen. Er war damit in kurzer Zeit fertig und verlangte einen neuen Betrag. Ich verstand mich dazu unter der Bedingung, daß er wieder nach Amerika zurückging. Er willigte ein, aber in längeren oder kürzeren Zwischenräumen tauchte er immer wieder plötzlich auf und beanspruchte meine Hilfe. Es war nicht allein der Geldverlust, der mich empfindlich berührte, schon sein Erscheinen wurde für mich zur Quelle namenloser Unruhe, brachte mir mein Verbrechen wieder in Erinnerung und raubte mir allen Frieden.«

Als Waxmann erschöpft inne hielt, sagte Harriet: »Ach, darum dein Trübsinn, wenn dieser elende Mensch erschien. Aber warum ließest du es nicht lieber zum Äußersten kommen, als diese beständige Erpressung zu ertragen?!« Ihre dunklen Augen leuchteten, der energische Zug um die Lippen bewies, daß sie einen solchen Widerstand geleistet hätte.

»Die Furcht vor Schande lähmte jeden andern Entschluß«, entgegnete der Vater; »wohl sah ich ein, daß Feodor seine Forderungen immer höher spannen und ich doch endlich erliegen würde; aber mit der ganzen Zähigkeit des Feigen suchte ich diese letzte Entscheidung so weit wie möglich hinauszuziehen.«

»Ihr wißt, daß er vor einigen Monaten wieder kam«, fuhr Waxmann tief Atem schöpfend fort. »Feodor war immer tiefer gesunken, er hatte sich wieder einmal nach Deutschland verirrt, mußte dort irgend ein Verbrechen begangen haben, denn er wurde, wie er mir mitteilte, steckbrieflich verfolgt. – Er bat um eine Zufluchtsstätte, ich mußte sie ihm gewähren. Einmal in meinem Hause 73 wurde er immer unverschämter – er drang darauf, in meine Familie eingeführt zu werden. – O was es mich gekostet hat, euch mit diesem Elenden nur in Berührung zu bringen! . . .«

Der arme unglückliche Mann vermochte nicht weiter zu sprechen, Thränen erstickten seine Stimme.

Während Harriet mit unendlicher Zärtlichkeit bemüht war, die Verzweiflung des Vaters zu beschwichtigen, saß Mary noch immer unbeweglich da. Sie dachte nur, daß sich jede Schuld räche auf Erden, daß sie selbst namenlos unglücklich sei; als aber jetzt der Vater erzählte, wie Feodor zuletzt um ihre Hand angehalten und er durch seine entschiedene Weigerung dessen heftigsten Zorn erregt habe, und wie er annehmen müsse, daß der Schändliche dennoch in London sei und das Verbrechen seiner Jugend aus Rachsucht zur Anzeige gebracht habe, da schmolz der starre Sinn des jungen Mädchens, es sank mit einem schmerzlichen Ausruf dem Vater an die Brust und rief in überwallender Empfindung: »Verzeihe mir, daß ich dich heimlich anklagte, ja, du hast deine Schuld gebüßt!«

Der Vater verstand vollkommen den Sinn ihrer Worte und entgegnete mit milder Resignation: »Nein, nein, jetzt erst büße ich sie und deshalb werde ich ruhig tragen, daß man mich gestern unschuldig verurteilt hat, denn so wahr Gott lebt, an diesem Verbrechen bin ich unschuldig; aber das Gold war es, das mich damals verblendete, und jetzt kommt nur die Vergeltung und es ist wieder Gold, das mich ins Unglück stürzte.« Der Gefängniswärter mahnte jetzt daran, daß die bewilligte Zeit abgelaufen sei, und nun brach noch einmal ein furchtbarer Schmerz über sie herein – die Trennung. Waxmann bedurfte all seiner Fassung, um sich aufrecht zu erhalten, er suchte seine Kinder zu trösten, daß sie sich vorläufig noch öfter wiedersehen würden, aber als die Thür des Gefängnisses sich schloß, er wieder allein war – brach er doch in die Kniee . . .

Mary war jetzt wie verwandelt – der Alpdruck war von ihr genommen. Sie konnte wieder ihrem Vater das vollste innigste Mitleid schenken, wie sie es vorher nicht vermocht. Ihrer Schwester bekannte sie offen, wie hart sie den Vater beurteilt und wie sie sich eines bitteren Gefühles nicht habe erwehren können, daß er sich selber ehrlos gemacht. Nun aber wußte sie alles! Daß er lieber sich selbst als sein Kind geopfert, und nun schlug die grollende Stimmung in ihr Gegenteil um. Sie mußte ihn wieder lieben und bewundern, der so schwer gelitten und so entschlossen für ihr 74 Glück gekämpft, ohne nur ein Wort davon zu sagen, wie viel für ihn auf dem Spiele stand . . .

Noch besprachen die Schwestern das entsetzliche Geschick des Teuern, da trat Jean herein und meldete, daß Herr Müller da sei und Fräulein Mary allein zu sprechen wünsche.

So hatte der Vater nur zu richtig vermutet, der Elende war noch in London und die Anzeige sein Werk. Zitternd vor Aufregung entgegnete Mary: »Wie kann es der Nichtswürdige wagen, unsre Schwelle zu betreten!« aber Harriet rief sogleich rasch besonnen: »Führe Herrn Müller in das Empfangszimmer, Mary wird bald erscheinen!«

»Wie kannst du dem Elenden dies erlauben?« fragte Mary heftig. Die Schwestern schienen ihre Rollen vertauscht zu haben; während die älteste aus ihrer passiven Ruhe völlig herausgerissen war und sich jetzt heftiger, leidenschaftlicher zeigte, entfaltete die jüngste eine Ruhe und Besonnenheit, die ihr sonst fern gewesen, und sie entgegnete ohne die mindeste Erregtheit: »Warum sollten wir ihn auf der Stelle zurückweisen? Vielleicht verrät er sich mit manchem Wort, deshalb, Mary, zeige ihm dein ruhiges kaltes Gesicht von früher.«

»Und haben wir nicht alles von diesem Schurken zu fürchten?« fragte Mary in großer Erregung. »Ich werde dich begleiten«, war Harriets Antwort. Aber trotz des Zuspruchs der Schwester war es Mary doch, als versagten ihr die Kniee. – Harriet mußte mutig in das Empfangszimmer voranschreiten, dann erst folgte sie.

Herr Müller war schon da und hielt seine großen Augen aufmerksam auf die Thür gerichtet; als er die Jüngste zuerst eintreten sah, zeigte sich deutlich auf seinem blühenden Gesicht eine Enttäuschung. Dem Abenteurer mußte es in der Zwischenzeit leidlich gut ergangen sein; wenigstens seine Kleidung ließ nichts zu wünschen übrig, sie war elegant und, was bei ihm viel sagen wollte, sogar äußerst sauber. Selbst die rotbraunen Glacéhandschuhe waren völlig neu. Man konnte deutlich bemerken, daß sich der eitle Mensch in seinem neuen Aufzuge sehr gefiel.

Harriet grüßte artig und nahm zuerst das Wort: »Sie haben zwar meine Schwester allein zu sprechen gewünscht, aber wir sind jetzt unzertrennlich, und was Sie ihr anzuvertrauen haben, können Sie ruhig in meiner Gegenwart sagen. Ich hoffe, daß es Sie nicht stören wird.«

75 Mary begriff nicht, wie die Schwester diesen verhaßten Menschen mit solcher Höflichkeit behandeln konnte. Bei seinem Anblick kam ihr ja das traurige Schicksal ihres Vaters mehr als je zum Bewußtsein. Das war also der Elende, dessen Verführungskünsten damals der Jüngling unterlegen, der dann den Unglücklichen beständig gequält, verfolgt und zuletzt sogar die Frechheit gehabt, sich einzubilden, daß sie ihn liebe und ihm willig ihre Hand reichen werde. – Der tiefste Abscheu gegen den Elenden grub sich in ihre Seele – sie mochte ihm keinen Blick gönnen, obwohl sie fühlte, daß seine Augen auf sie gerichtet waren.

Das sichere Auftreten Harriets machte doch auf Feodor einigen Eindruck; er verlor etwas von seiner kecken Unverschämtheit, die er sonst gern zur Schau trug, und sagte nach einigem Zögern: »Was ich mit Ihrer Schwester zu sprechen habe, macht man freilich gern unter vier Augen ab; doch ich habe stets gewußt, was ich Damen schuldig bin, und füge mich Ihrem Willen.« Er machte dabei gegen Harriet eine Verbeugung, dann trat er Mary einige Schritte näher, und sich noch einmal räuspernd, fuhr er lebhafter fort, indem er seine rauhe Stimme nach Möglichkeit zu mildern suchte: »Fräulein Mary, ich kann wohl ohne Umstände mit Ihnen sprechen? Sie wissen längst, wie es in meinem Herzen aussieht, und auch ich schmeichle mir mit der Hoffnung, daß ich Ihnen nicht ganz gleichgültig geblieben bin.« Er machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.

Während Marys Antlitz eine Zornesröte bedeckte und sie ihre Entrüstung kaum unterdrücken konnte, spielte um die Lippen Harriets ein Lächeln. Wie ernst und düster sich auch alles gestaltet hatte, das Auftreten dieses Menschen war doch zu komisch und weckte unwillkürlich ihre Heiterkeit. Sie hatte dabei alle Mühe, durch Blicke und Zeichen einen Zornausbruch ihrer Schwester zu unterdrücken.

Feodor legte das Erröten Marys sowie ihr schüchternes Schweigen zu seinen gunsten aus und begann mit steigender Sicherheit von neuem: »Jeder andre würde unter solchen Umständen seinem Herzen einen Gnadenstoß gegeben haben; – aber meine Liebe ist echt, die kümmert sich nicht um die ganze Welt, und deshalb komme ich, wo Sie ganz allein und verlassen dastehen, und biete Ihnen meine Hand. Sie und Ihre Schwester haben dann für immer einen Beistand: wir wandern zusammen nach dem freien Amerika aus, dort fragt niemand nach Abstammung, Vater und Mutter, und wir werden miteinander ein Leben wie im Paradiese 76 führen. Schlagen Sie ein, mein süßes Herz!« Er trat dicht an sie heran und hielt ihr die Hand hin. Sie wich mit der Miene tiefsten Abscheues einen Schritt zurück, aber noch ehe sie die Lippen öffnen und ihrem erbitterten Herzen Luft machen konnte, wandte sich Harriet rasch dem frechen Menschen zu und sagte mit erhobener Stimme: »Mary und ich haben uns feierlich gelobt, daß wir nur demjenigen die Hand reichen, der unsern Vater rettet!«

Müllers Aufmerksamkeit wurde dadurch von Mary abgelenkt, er blickte etwas unwillig auf das ihm förmlich in den Weg tretende Mädchen und entgegnete: »Hm, das ist unmöglich. Mein armer Freund war freilich sehr unvorsichtig, hätte er wenigstens das Handwerkszeug besser verborgen, das mußte ihm freilich den Hals brechen.«

»Sie selbst haben in dem Gartenhause gewohnt und wissen recht gut, daß mein Vater dort nicht Falschmünzerei treiben konnte.«

»Er wird wohl alles vor meiner Ankunft beiseite geräumt haben; aber nachdem ich das Haus verlassen, hat er tagelang dort gesteckt.«

»Wie können Sie das behaupten, da Sie gar nicht mehr bei uns waren?« warf Harriet ein, ihre dunklen Augen ruhten dabei durchdringend auf Feodor, der kaum seine Verlegenheit verbergen konnte. »Ich mutmaße nur«, erwiderte er nach einigem Besinnen, »denn wo sollte er sonst gearbeitet haben.«

»Und doch wissen Sie, daß er unschuldig ist, daß er nimmermehr dies schändliche Verbrechen begangen hat«, fuhr Harriet fort, und ihre Augen nahmen einen fast drohenden Ausdruck an.

»Ich, Fräulein?« stotterte Müller, »wie kommen Sie zu dieser wunderlichen Behauptung?« Dann fuhr er schon wieder sicherer fort: »Mein Freund hatte leider eine Vorliebe für das Gold, ich habe ihn oft gewarnt und gesagt, das wird dir noch Unglück bringen, und richtig hat es ihn bis zur Falschmünzerei verlockt.«

Jetzt konnte Mary nicht länger an sich halten, die Schändlichkeit dieses Menschen ging zu weit: totenbleich trat sie ihm entgegen, ihre sonst so ruhigen Taubenaugen schleuderten Blitze, und mit zornerstickter Stimme rief sie: »Elender, das wagen Sie zu sagen, Sie, der allein damals seinen unerfahrenen Sinn berückt und ihn auf den Pfad der Sünde gelockt hat, Fluch Ihnen und ewige Verdammnis! Sie werden trotz aller Ränke und Schliche Ihrem Verhängnis nicht entgehen und für all Ihre Niedertracht endlich doch den Lohn erhalten!«

77 Feodor fiel wie aus den Wolken: einen solch heftigen Sturm hatte er am wenigsten von diesem sanften stillen Kinde erwartet; aber so war sie erst recht nach seinem Geschmacke, mochte sie sich immerhin ein wenig sträuben, um so glühender mußte sich dann auch ihre Liebe zeigen. Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt, brach er in freches Gelächter aus und rief übermütig: »So gefällst du mir, Liebchen! Hast niemals prächtiger ausgesehen als in diesem Augenblick, aber treib die Komödie nicht zu weit, sonst könnte ich doch verdrießlich werden. Bedenke, die Tochter eines zu lebenslänglicher Deportation Verurteilten hat keine große Wahl mehr. Laß dich deshalb an mein Herz drücken, Schätzchen!« Er streckte schon die Arme aus und wollte in blinder Leidenschaft auf sie losstürmen, da fühlte er sich plötzlich von hinten gepackt und in einem Nu zu Boden gerissen. »Was suchen Sie hier?« fragte eine ganz ruhige Stimme. Es war die Mr. Templetons. Mary vermochte vor Aufregung kein Wort hervorzubringen, und deshalb gab Harriet die nötige Aufklärung: »Dieser freche Mensch, der meinen Vater ins Unglück gestürzt, hatte jetzt die Stirn, Mary einen Heiratsantrag zu machen.«

»Was unterstehen Sie sich, hinaus!« befahl Templeton und machte Miene, den eben erst auf seine Füße gekommenen Müller noch einmal niederzuboxen.

Trotz seines beinahe herkulischen Körpers erwachte in ihm der alte Feigling. Die Boxerstellung des Engländers kam ihm zu bedenklich vor – er murmelte einen Fluch und zog sich dann vorsichtig zurück, erst an der Thür stieß er noch einige Drohungen aus, dann war er verschwunden.

Jetzt erst vermochte Mary das Vorgefallene zu erzählen. Templeton wurde nachdenklich. –»Jean muß mit dem Schurken im Bunde sein«, begann er nach einer Pause, »denn er sagte mir, die jungen Damen seien ausgegangen, und als ich dennoch auf dem Eintritt bestand, weil ich dir eine kleine Überraschung mitgebracht, da wurde er verlegen und meinte, ihr wolltet nicht gestört sein. Mir war ohnehin die bestürzte Miene des Burschen aufgefallen, deshalb kehrte ich mich nicht an seine dringenden Vorstellungen, und wie ich sehe, habe ich gut daran gethan.«

Die Erkenntnis, daß Müller mit Jean noch immer im besten Einvernehmen stehe, wirkte auf die Schwestern wahrhaft beunruhigend. Der glatte Franzose hatte eine solche Ergebenheit geheuchelt, und sie glaubten, sich gerade auf ihn verlassen zu können; 78 nun sahen sie sich plötzlich in ein förmliches Netz von Verfolgung gesponnen. Templeton riet, den nichtswürdigen Burschen sofort zu entlassen, und wie man noch die Angelegenheit weiter besprach, erschien Dr. Willibald.

Jetzt hatte Mary vollauf zu thun, um ihrem Bräutigam den schrecklichen Hergang ausführlicher zu berichten, und so konnte sich das andre Paar auch allein angehören. Jedes von ihnen plauderte in einem Winkel leise weiter.

So wenig wie Templetons Liebe konnte die Willibalds durch die letzte schwere Entscheidung erschüttert werden. Er hatte dem jungen Mädchen gestern beim Scheiden mit bewegter Stimme gesagt: »Harriet, lasse den Mut nicht sinken, was gäbe es wohl auf der Welt, das zwei engverbundene Herzen nicht überwinden könnten?« und heute kam er, um der Tochter des Verurteilten noch einmal Herz und Hand anzutragen. – Wie wohlthuend berührte sie sein unerschütterlicher Glaube an die Unschuld des Vaters, und sie erzählte ihm, was sie von dem Ärmsten gehört, und das eben Vorgefallene.

Der Doktor hatte mit großer Spannung, ohne Harriet zu unterbrechen, auf jedes Wort gelauscht, und als sie mit ihrem Bericht zu Ende war, ging er in sichtlicher Erregung einigemal im Zimmer auf und ab, öffnete dann die Thür, um sich zu überzeugen, ob jemand im Vorzimmer sei, und als er es leer fand, sagte er lebhaft: »Kein Zweifel, das ist ein elendes Komplott, und wir müssen den Buben auf die Spur kommen.« Als ihn Harriet fragend anblickte, fuhr er fort: »Jean ist von Müller empfohlen worden, er hat dann deinem Vater vorgeschwindelt, daß sein Freund nach Amerika geflüchtet sei, und statt dessen bis zur heutigen Stunde mit ihm in Verbindung gestanden – von diesem französischen Spitzbubengesicht war ohnehin das Schlimmste zu erwarten.«

»Er hatte ein so offenes freundliches Aussehen.«

»Harriet, es wäre traurig, wenn du bereits die Menschenkenntnis besäßest, um auch den abgefeimtesten Heuchler zu durchschauen, aber ich hege nicht den mindesten Zweifel, daß diese aalglatte, französische Bedientenseele an deinem Vater den schändlichsten Verrat geübt hat.«

»Er muß auf der Stelle fort«, rief Templeton dazwischen, der den Ausruf des Doktors gehört.

»Nein, nein«, erklärte Willibald, »damit würden wir uns jede Gelegenheit entschlüpfen lassen, ihr schändliches Geheimnis zu 79 ergründen. Meine Ahnung wird mich nicht betrügen. Niemand anders als dieser Jean hat jene Werkzeuge in das Gartenhaus gebracht, um deinen Vater zu verderben.«

Harriet jauchzte laut auf: »Ja, so ist es, es muß so sein! O du giebst mir das Leben wieder!«

Mary wurde von diesem Gedanken ebenso lebhaft ergriffen, und Templeton rief ungewöhnlich rasch: »Dann soll der Bube an unserm höchsten Galgen baumeln.«

»Noch ist nichts damit gewonnen, aber ich hoffe, daß wir dennoch die Schurken überlisten. Vor allen Dingen müssen wir Jean in Sicherheit wiegen und ihn nicht das mindeste merken lassen. Harriet, du mußt ihm sogar morgen eine Guinee schenken, als Beweis deiner vollsten Zufriedenheit.«

»Stockschläge wären weit besser angewandt«, meinte Templeton.

Da stürzte die alte Betty ganz gegen ihre Gewohnheit in großer Hast herein und berichtete in gewaltiger Aufregung: »Unser Jean ist soeben ausgerissen.«

»Ah, er hat bereits gemerkt, daß seine Rolle hier ausgespielt ist«, rief Willibald.

»Der Schändliche! ich fragte ihn, was das bedeuten solle«, fuhr die Alte mit zitternder Stimme fort, »und der freche Mensch antwortete mir, er wolle nicht mehr in einem Hause leben, wo der Herr« – sie mochte das verhängnisvolle Wort nicht aussprechen und fuhr mit der Schürze an die feuchten Augen.

Die rasche Flucht Jeans brachte auf die Schwestern die niederschlagendste Wirkung hervor. Damit waren die letzten Hoffnungen zertrümmert und das Schicksal ihres armen Vaters für immer besiegelt.

Da an Betty weitere Fragen nicht gerichtet wurden, zog sie sich mit dem Respekt einer alten guten Dienerin zurück. Willibald flüsterte Harriet zu, daß er mit der Alten noch etwas zu sprechen habe, und folgte ihr in die Küche. Sie war nicht wenig verwundert, als der Fremde ihr Gebiet betrat, auf dem sie allein mit diktatorischer Gewalt das Zepter schwang.

»Ich möchte Sie noch einiges fragen«, wandte sich Willibald an die Alte, die statt aller Antwort einen tiefen Knix machte. Sie war augenscheinlich von jener verdrossenen Schweigsamkeit, wie sie solchen Leuten eigen wird, die jahrelang in einem stillen kleinen Hause still ihre Beschäftigung verrichtet haben.

»Jean war Franzose und hat Ihnen gewiß all seine Liebesabenteuer erzählt.«

80 Trotz ihres Alters errötete Betty und warf auf den Fremden einen sehr übellaunigen Blick. Sie fand diese, an eine ehrbare Frauensperson gerichtete Frage höchst unpassend, sogar beleidigend. Sie murmelte nur einige unverständliche Worte, die fast zweifelhaft ließen, ob sie für den Doktor ein Kompliment waren.

Willibald achtete nicht weiter auf ihre Mißstimmung. »Sagen Sie mir, welchem Mädchen der Nachbarschaft Jean den Hof gemacht hat, es ist dies von höchster Wichtigkeit«, drängte Willibald.

Obwohl Betty die Wahrheit dieses Ausspruches nicht begreifen konnte, sagte sie doch: »O er hat viel geschwatzt, wie soll ich nur alles behalten.«

»Und kennen Sie nicht wenigstens seine letzte Liebschaft? Entschuldigen Sie nur, daß ich an Sie solche Fragen stelle«, fuhr Willibald fort, da er den höher steigenden Unwillen der Alten bemerkte; »ich muß es wissen, das Glück des Herrn Waxmann hängt davon ab.«

»Er schwatzte mir zuletzt von dem hübschen Kindermädchen des Dr. Ham«, berichtete die Alte.

»Kennen Sie das Mädchen?«

»Warum sollte ich das schwatzhafte kleine Ding nicht kennen?« entgegnete Betty mürrisch, »treibt sie sich doch den ganzen Nachmittag mit ihren Kindern in der Nähe unsres Hauses herum.«

»Können Sie mir die Kleine näher beschreiben?«

»Sie ist eine Französin und die einzige hier auf unserm Platze.«

Der Doktor wußte genug; mehr war ohnehin von der Alten nicht herauszupressen, und rasch verließ er das Haus – vielleicht begünstigte ihn das Glück. –

Er hatte kaum den Platz betreten, da sah er ganz in der Nähe ein Mädchen unter einem Baume sitzen, das sein Gesicht in seine Schürze begraben hatte und heftig zu weinen schien. Die ihrer Obhut anvertrauten Kinder tummelten sich weit entfernt auf dem schattigen Platze herum.

Der Doktor trat langsam näher und fragte dann in leisem, teilnehmendem Ton auf französisch: »Was fehlt Ihnen, Fräulein?«

Trotzdem die hübsche Kleine heftig erschrocken war, nahm sie sogleich die Schürze von den Augen, verbeugte sich und entgegnete mit dem ganzen theatralischen Aufwande, der jeder Französin zur Verfügung steht: »O mein Herr, ich bin sehr unglücklich – verlassen von aller Welt!«

81 »Haben Sie bei Ihrer Jugend schon solche Erfahrungen gemacht?«

»Und welche! Es ist unglaublich!« und sie nahm eine wahrhaft tragische Miene an.

»Armes Kind! Wer kann so nichtswürdig sein, ein solch hübsches blühendes Mädchen treulos zu verlassen.«

In all ihrem Schmerz fand dies Kompliment einen Eingang in ihrem Herzen. »Sie sind sehr liebenswürdig«, sagte sie geschmeichelt, »aber es ist doch so, er hat mir wohl versprochen, daß er mich nicht vergessen will, aber ich weiß schon, ich werde ihn nie wiedersehen.«

Bei solcher Jugend schon so viel Erfahrung, dachte Willibald; ein deutsches Mädchen würde den Versicherungen des scheidenden Geliebten doch mehr Glauben schenken – aber diese Französinnen kennen bereits die Welt, wo die Deutschen noch mit ihrer Puppe spielen. »Warum hat er sich denn überhaupt von Ihnen getrennt?« fragte er weiter.

»O das ist ganz plötzlich gekommen, vor einer Viertelstunde stürzte er mit Sack und Pack an mir vorüber. Ich fragte ihn, wohin plötzlich die Reise gehen solle, und er sagte mir, er möchte nicht länger in dem Hause eines Mannes bleiben, der zur Deportation verurteilt worden, denn Sie müssen wissen, mein Herr, daß er Bedienter bei dem Falschmünzer da drüben war. Wer hätte das aber denken können, so ein anständiger Mann, und die jungen Fräulein sind gar nicht so steif und stolz wie all die Engländer. O es ist ein Jammer!« Sie mußte sich wieder ihre Thränen trocknen, und es blieb ungewiß, ob sie noch ihr eignes oder schon das fremde Leid beweinte.

»Warum ist er dann erst jetzt gegangen, und so plötzlich?«

»Das hab' ich mich auch gefragt«, entgegnete die kleine Französin lebhaft. »Aber ich durchschaue seine Schändlichkeit; er hat es nur als Vorwand benutzt, um mich zu verlassen, weil er eingesehen, daß er mich doch nicht hintergehen kann.«

»Das wäre ja nichtswürdig, wenn er einem solch hübschen artigen Kinde nicht treu sein wollte.«

»Und doch war es der Fall«, rief die Französin lebhaft und fuhr mit großer Erregung fort: »O, ich habe die Beweise dafür! Fast jeden Abend war er nicht zu haben, er redete mir vor, er habe einen reichen Oheim zu besuchen, den er beerben wolle und deshalb nicht vernachlässigen dürfe, und ich Thörin glaubte anfangs 82 an diesen abgenutzten Onkel in der Komödie. Endlich wurde es mir zu bunt, der Onkel wollte seinen Neffen alle Abende sehen – ich mußte Licht haben in dieser dunklen Sache, und gestern abend wußte ich mich auf einige Stunden frei zu machen, lauerte ihm auf und schlich ihm nach. Ja, der Onkel wohnte sehr weit, und es ging durch eine Menge Straßen, die ich nie gesehen, und mir wurde ganz Angst; aber ich mußte endlich hinter seine Schliche kommen und nahm mein Herz in die Hände. Immer weiter ging die Reise, endlich blieb er vor einem alten, übelaussehenden Hause stehen, aus dem schon von weitem wildes Geschrei und Gesang erschallten. Er verschwand in der gemeinen Spelunke – dort also wohnte sein Onkel. – Durch die Fensterritze konnte ich zwei Harfenmädchen bemerken, und wie er an ihnen vorbeiging, küßte er die eine, ich hab' es noch deutlich gesehen. Und ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn es ein anständiges Wirtshaus gewesen wäre, aber seine Abende im »durstigen Hering« zuzubringen, anstatt bei mir, das konnte ich ihm nicht verzeihen.«

»Der »durstige Hering« ist vielleicht ganz anständig und sah nur von außen etwas schäbig aus«, meinte Willibald.

»Nein, nein«, eiferte die Kleine, »die elende Schenke liegt in dem verrufensten Matrosenviertel, wie mir ein Polizeimann sagte, den ich um Beistand bat, mich aus diesem Labyrinth herauszuführen. Es war mir daher gar nicht zu verargen, daß ich ihm heute morgen einige Vorwürfe machte; brauchte deshalb der erbärmliche Feigling gleich Reißaus zu nehmen?« Die Französin blickte mit ihren klugen, lebhaften Augen den Doktor fragend an.

»Gewiß nicht! Sie haben ganz recht daran gethan, ihm den Onkel aus dem »durstigen Hering« vorzuhalten«, entgegnete Willibald, grüßte artig und verschwand dann zum Erstaunen der Kleinen in dem Hause des Falschmünzers. –

In London grenzt das Elend dicht an die Größe, den Reichtum und die Pracht: seine stolzesten Marmorpaläste werfen ihren Schatten auf kümmerliche Wohnungen der Armut, auf moderfeuchte Stätten des Verbrechens, und parallel mit seinen vornehmsten und lebendigsten Straßen läuft auf beiden Seiten ein verfallenes Gassengewirr, in welchem die Fäulnis, der Schmutz und die Verworfenheit ihren bleibenden Wohnsitz aufgeschlagen.

Nicht weil vom Quadrant, jenem prächtigen Straßenbogen am Ende von Regentstreet, mit dem Denkmal des Herzogs von York, den breiten Treppen, die zum Park niederführen, und der Aussicht 83 auf die dichten, dunklen Baumgruppen desselben, steht eine Reihe von vier oder fünf Säulen zwischen den Häusern, mit einem Architrav, das sie in ihrer stattlichen Höhe verbindet und unter welchem man aus der breiten, weltberühmten Hauptstraße in eine kleine, dunkle, schmale und verkommene Seitengasse einbiegt, Unter-Johnstreet genannt. Am Ende dieser Gasse befand sich die Taverne »zum durstigen Hering«.

Es ging heute sehr lustig zu im »durstigen Hering«. Matrosen, Abenteurer aus aller Herren Ländern hatten sich eingefunden, die dem Wirtshausschild völlig Rechnung trugen. Die kleine Französin hatte recht gehabt, Jean war hier Stammgast und durfte auch heute nicht fehlen. Während an den meisten Tischen gelärmt, getrunken oder auch gespielt wurde, konnte er den galanten Franzosen nicht verleugnen und war eifrig um die beiden Harfenmädchen beschäftigt, die mit ihrem Spiel und Gesang den wilden Lärm noch zu erhöhen suchten.

»Dieser Jean bleibt doch ein nichtswürdiger Schürzenheld!« rief ein Mann aus einer Ecke des Zimmers mit kräftiger Stimme; »er streicht um die dicke Laura herum, wie eine Schaluppe um einen Dreimaster.« Da der Mann deutsch gesprochen hatte, verstanden ihn nur wenige am Tische, die aber dafür in ein desto schallenderes Gelächter ausbrachen. Nun wollten auch die andern wissen, was der Knebelbart gesagt, unter welchem Spitznamen Mr. Müller hier allgemein bekannt war. Er mußte es ihnen ins Englische und Französische übersetzen.

»Ja, diese Franzosen sind alle Don Juans«, meinte ein Engländer, und das Lachen begann von neuem.

Trotzdem Jean der dicken Laura seine Huldigungen darbrachte, hatte er das Wort noch gehört. »Wie soll man denn in euerm schwarzen London anders die Zeit totschlagen«, rief er lachend hinüber; »alles ist bei euch schwarz, die Häuser, die Denkmäler, die Sperlinge sogar.«

»O, es lebt sich ganz prächtig in diesem gewaltigen Bienenstock«, entgegnete Müller, »nur die englischen Sonntage sind mir ein Greuel; die Engländer freilich haben sich mit ihrem altbewährten Phlegma darein gefunden und betrinken sich im stillen, aber wir Deutschen wollen lachen und lustig sein, wenn wir uns mit einem Trunk das Herz erleichtern«, und er goß mit einem Ruck ein großes Glas Grog in seine Kehle. Die anwesenden Deutschen stimmten ihm lebhaft zu. Es waren gerade nicht Leute, auf die Deutschland stolz sein konnte, 84 die hier im »durstigen Hering« das deutsche Element vertraten. Es waren Bassermannsche Gestalten, mit wilden Bärten, aufgedunsenen Gesichtern und rohen Manieren, die, nach der Themsestadt verschlagen, hier verzweifelt um ihre Existenz rangen. Mehrere von ihnen sahen ganz danach aus, als hätten sie lange Zeit deutschen Zuchthäusern zur Zierde gereicht. Verzweifelte Elemente, die alle ihnen zu Gebote stehende Intelligenz und Energie anwandten, um sich durch allerhand kühne Schurkenstreiche durch das Leben zu schlagen, während sie mit der Hälfte dieses Aufwandes von Geist und auch Talent sich hätten ein ehrliches und behagliches Dasein verschaffen können.

Müller war anscheinend unter diesem Lumpengesindel eine Standesperson; wenigstens fühlten die meisten seine geistige Überlegenheit und ordneten sich ihm unter. Er war unermüdlich im Erzählen lustiger Abenteuer, konnte mit jedem um die Wette trinken, und seine derben Späße fanden ein dankbares Publikum. Selbst bei der übrigen, aus aller Herren Ländern zusammengewürfelten Gesellschaft war Müller wegen seiner ewig heiteren Laune, seines schlagfertigen Witzes sehr beliebt, und er konnte sich manchen Spaß erlauben, der einem andern die schönsten Prügel eingetragen hätte. Deshalb war ihm auch im »durstigen Hering« am wohlsten, hier fühlte er sich in seinem Elemente, seiner Eitelkeit schmeichelte es, bei dieser wüsten Bande die erste Geige zu spielen.

Heute war der Besuch der Taverne ganz besonders zahlreich; es hielt schwer, noch irgend ein Plätzchen zu erobern. Jetzt ging wieder die Thür auf, und zwei Matrosen stürmten ziemlich angeheitert herein und nahmen ihren unsicheren Kurs durch den gefüllten Raum. Beide waren schmucke Burschen, der größte von ihnen war unstreitig eine englische Teerjacke, das verriet schon sein Gesicht, seine ganze Haltung. Er mußte seine Zeit auf dem Lande schon sehr nützlich angewandt haben, das bekundete ein großes schwarzes Pflaster über dem linken Auge, und die mit baumwollenen Handschuhen bekleideten Fäuste schienen nicht übel Lust zu haben, das andre Auge auch noch dranzusetzen, um die Erinnerung an eine tüchtige Prügelei wieder mit an Bord zu nehmen. Sein Begleiter war etwas kleiner, gedrungener, und wenn auch sein Gesicht ebenfalls bartlos war, ließ sich seine Nationalität doch weit schwerer erkennen.

»Ostindienfahrer, die nicht eher Ruhe haben, bis hier der letzte Pfennig verjuxt«, flüsterte Müller seinen deutschen Freunden zu; »die Vögel wollen wir rupfen.«

85 Auch die andern erkannten in der Kleidung und dem ganzen Auftreten der Ankömmlinge Ostindienfahrer, Matrosen, die oft jahrelang die Planken ihres Schiffes nicht verlassen, und wenn sie endlich ans Land kommen, sich nicht eilig genug ihres Geldes entledigen können. Dann wird ein neuer Hut gekauft, das prachtvollste seidene Taschentuch um den Hals geschlungen und mit Guineen übermütig herumgeworfen, als wären es Rechenpfennige. Die beiden Matrosen waren sicher erst am Anfange ihrer Ferienarbeit, denn während sie sich fest umschlungen hielten, wühlten sie mit den freien Händen in den vollen Taschen, und das geübte Ohr Müllers konnte ganz deutlich den Klang der Goldstücke erkennen.

»Zwei Glas Grog«, rief der Größere von ihnen im breiten Yorkshireschen Dialekt.

»Hier kann ja aber kein Apfel mehr zur Erde«, murmelte der andre in deutscher Sprache vor sich hin und sah sich dabei allein nach einem Platze um.

»Hierher, Landsmann!« rief ihm Müller zu und suchte sogleich für die Ankömmlinge an seiner Seite Raum zu schaffen.

»Ist's möglich, ein deutsches Bruderherz«, jauchzte der Matrose und taumelte entzückt auf Müller zu und sank ihm mit einer Zärtlichkeit an die Brust, als ob er wirklich seinen Bruder gefunden.

Müller liebte solche Herzensergüsse, er war aufgestanden und schloß den Landsmann mit ebenso freundlicher Überraschung in die Arme.

»Zwei Flaschen Portwein, aber schnell!« rief dann der Matrose und warf ein Goldstück auf den Tisch.

Der Größere folgte seinem Beispiel und schleuderte ebenfalls eine Guinee auf den Tisch. »Wein, Grog«, lallte er dabei mit schwerer Zunge und schickte sich an, Müller auch zu umarmen. Augenscheinlich war er schon weit benebelter als sein Gefährte und folgte instinktartig dessen Leitung.

»Auch Deutscher?« fragte Müller erstaunt.

»Nein,« entgegnete der Kleine, »ein Engländer, er versteht kein Wort Deutsch, aber wir sind gute Kameraden, nicht wahr, Jack, gute alte Freunde«, wandte er sich auf englisch an diesen.

»Mein teurer Freund!« und er fiel auch ihm wieder in die Arme, weniger vielleicht aus Zärtlichkeit, als aus dem Bedürfnis, irgend eine Stütze zu suchen.

Endlich gelang es dem braven Jack mit Hilfe Müllers, am Tische Platz zu nehmen. Die bestellten Getränke erschienen. Das 86 aufwartende Dienstmädchen wollte auf die beiden Goldstücke herausgeben, aber Jack warf ihr die Silbermünzen verächtlich zurück und bemächtigte sich sogleich des Grogs, trank das Glas auf einen Zug aus und starrte dann mit behaglichem Stumpfsinn vor sich hin. Daß rings um ihn fortan deutsch gesprochen wurde, schien ihn nicht im mindesten zu stören.

»Trink, Bruderherz!« ermahnte der deutsche Matrose und füllte die Gläser.

»Du hast's gut getroffen, hier sind noch mehr Landsleute«, meinte Müller und wies auf einige der wildesten Gesichter.

»Wieviel?« fragte der Matrose ruhig.

»Fünf«, war die Antwort, und fünf Fäuste streckten sich ihm entgegen, die seine Rechte kräftig schüttelten.

»Fünf Flaschen Portwein!« befahl der Seemann, und die verwitterten, wüsten Gesichter der Deutschen hellten sich auf.

Nachdem der Wein aufgetragen und von dem freigebigen Ostindienfahrer bezahlt worden, begann das Zechen und Erzählen. Müller strich behaglich seinen Knebelbart, und je gläubiger ihm der teure Landsmann zuhörte, je größere Abenteuer wußte er aufzutischen. Seine Vermutung war ganz richtig gewesen – die Matrosen waren gestern erst aus Ostindien zurückgekehrt und wollten sich nun ein paar frohe Tage machen. »Mein Freund hat gestern dabei ein bißchen Händel bekommen«, berichtete der Deutsche, »und er kann von Glück sagen, daß man ihm die linke Scheibe der Laterne nicht ganz eingeschlagen.«

»Ja, Bruder, du hast dich ein Stück in der Welt herumgetrieben«, begann jetzt Müller, »aber andre Leute haben auch nicht hinter dem Ofen gehockt. Ich war Sekretär des Herzogs von Braunschweig und könnt' noch heute warm sitzen, wenn sich der dumme Kerl nicht hätte fortjagen lassen.«

»Ist ihm ganz recht geschehen«, schrie ein rotbärtiger, struppiger Demokrat und schlug auf den Tisch. Der Portwein hatte ihm Mut gemacht, jetzt konnte er selbst Müller gegenüber seine republikanische Gesinnung verteidigen.

»Ich trennte mich deshalb von diesem Lump«, fuhr Müller pathetisch fort, ohne sich stören zu lassen, »ging nach dem freien Amerika. Eine reiche Kreolin verliebte sich sterblich in mich, es blieb mir nichts weiter übrig, ich mußte sie heiraten. Ich versichere dich, Bruder, die Plantagen waren großartig; ich gehörte zu den angesehensten Farmern in Louisiana, ich wurde zum Deputierten gewählt 87 und hätte es gewiß noch zum Präsidenten der Republik gebracht, wenn nicht meine kleine Kreolin so eifersüchtig gewesen wäre. Ich schwöre dir, Bruderherz, die Eifersucht einer Kreolin ist vollends großartig – es war nicht länger zu ertragen. Ich war tiefsinnig geworden«, er leerte dabei mit schwermütiger Miene sein Glas.

»Armer Freund!« und der Matrose legte zärtlich seinen Arm um den unglücklichen Landsmann, dem diese Teilnahme unendlich wohl zu thun schien, denn er füllte sich in weicher Stimmung von neuem sein Glas, nahm wieder einen kräftigen Schluck, und nachdem er sich den Knebelbart behaglich gestrichen, fuhr er in seinen biographischen Mitteilungen fort:

»Die Neue Welt hatte ich satt, ich ging also gleich in die allerälteste zurück, da gerade ein Schiff nach Alexandrien absegelte. Eine Zeitlang kurierte ich dort mit Zaubersprüchen die Pest und ich hätte mir Millionen zusammengescharrt, wenn nicht die dortigen Ärzte neidisch geworden wären; sie denunzierten mich wegen Medizinalpfuscherei, ich sollte gepfählt werden, entkam noch glücklich auf ein englisches Schiff, segelte nach Griechenland und wurde vom König Otto als Bauaufseher in Dienst genommen. Aber das Lumpengesindel, die Griechen, wollen nur in Ruinen leben, sie erregten gegen mich einen Aufstand, und ich mußte flüchten.« Die Erinnerung an diese bedrängte Zeit übermannte ihn, er griff von neuem nach dem Glase und leerte es.

Die deutschen Zuhörer lachten, nicht etwa über die Windbeuteleien ihres Freundes, sondern über die treuherzige Glaubensseligkeit des Matrosen, der mit offenem Munde zuhörte, daß er sogar das Trinken vergaß, während seine Landsleute inzwischen um so eifriger der Flasche zusprachen. Müller wollte mit einem neuen Glase die trüben Gedanken verscheuchen, aber es war kein Tropfen mehr vorhanden. »Ich will lieber in einen Abgrund, als in ein leeres Glas sehen!« rief er in bitterem Unmut und forderte von dem aufwartenden Dienstmädchen eine neue Flasche.

»Fünf«, schrie sogleich der Matrose.

»Die kommen auf meine Rechnung«, rief Müller.

»Beleidige mich nicht, teurer Freund! Ich bin glücklich, einen solch prächtigen Kerl gefunden zu haben«, und der Seemann versetzte ihm dabei in überströmender Herzlichkeit einen so derben Schlag auf die Schulter, daß Müller schmerzlich betroffen zusammenfuhr und nur mit Mühe eine Verwünschung unterdrückte. Je mehr ihm seine Genossen zuwinkten, das Anerbieten des Matrosen anzunehmen, 88 je mehr weigerte er sich – bis dieser ärgerlich ausrief: »Entweder du läßt dich freihalten, oder ich schlage dir die Knochen entzwei«; und kaum hatte er drohend die Hand erhoben, da streifte schon sein Kamerad die Ärmel herauf und nahm eine Boxerstellung an. »Siehst du, mein Freund versteht nicht deutsch; aber er schlägt desto besser englisch zu.«

Müllers Widerstand war ohnehin nicht ernst gemeint, und Prügel zu bekommen, um sich die Ehre der Bezahlung zu erstreiten, war nicht nach seinem Geschmack. »Wenn du es durchaus willst, Herzensbruder«, sagte er in gerührter Stimmung, und die beiden Landsleute küßten sich versöhnt.

Die neue Ladung stand auf dem Tisch. »Ja, wo war ich denn stehen geblieben?« rief Müller. »Meine Gedanken müssen einen Anhaltepunkt haben«; er schenkte sich wieder ein Glas ein und begann von neuem: »Ich ging nach Kopenhagen, gab daselbst ein Konzert für die Armen, worunter ich mich vorzugsweise selbst verstand, wurde von der Polizei verfolgt und entfloh nach Petersburg. Ich ließ mich bei der deutschen Bühne engagieren, aber weil ich die Intrigantenrollen mit wirklich ergreifender Wahrheit darstellte, wollten mich die dummen Russen ganz erbittert mit der Knute bearbeiten, als ich das Theater verließ, ich trat deshalb als Sekretär in die Dienste des französischen Gesandten und ging mit demselben nach Paris.«

»Das war ein herrliches Leben!« rief Müller mit glänzenden Augen, und nahm mit seligem Lächeln einen Schluck. »Der Wein floß in Strömen«, und bei diesen Worten floß der Rest des Glases in seine stets trunkbereite Kehle. »Aber ich sollte mein deutsches Vaterland verraten, das konnte ich nicht, so stiefmütterlich es mich auch behandelt hat. Ich verließ den nichtswürdigen Gesandten, erhielt eine Empfehlung des Erzbischofs von Paris an Don Karlos, reiste nach Spanien, wurde dort Kapitän, geriet in Christinische Gefangenschaft, nur durch Flucht entrann ich dem Tode des Erschießens, ging in die Schweiz, von da nach Homburg, sprengte die Bank, um am andern Tage wieder den größten Teil des Gewinnes zu verlieren und mit dem Reste habe ich mich nun hier in London zur Ruhe gesetzt. Da siehst du, Herzensbruder, das nichtswürdige Spiel hat mich zu Grunde gerichtet«, schloß Müller den buntgefärbten Bericht seines Lebens, und diese trübsinnige Betrachtung verleitete ihn, von neuem sein Glas zu füllen.

Die Gefährten lachten aus vollem Halse, aber der Matrose 89 entgegnete teilnahmvoll: »Du bist ein prächtiger Kerl, Kapitän! Ich könnte dir die ganze Nacht zuhören. Aber so viel Geld und alles wieder verspielt!« Diese Vorstellung schien niederschlagend auf ihn zu wirken, er senkte den Kopf und starrte höchst traurig vor sich hin.

»Nimm dir's nicht zu Herzen, Bruder«, beruhigte Müller. »Wer Glück in der Liebe hat, hat Unglück im Spiel, und ich hab stets fabelhaftes Glück bei den Weibern – ich kann auch sagen: »Weennich, wiedu, wixsie!« sie waren alle in mich verschossen, rein weg; nur beim Spiel hab ich merkwürdig Pech. Die Karten sind mein Unglück. Spielst du auch, Bruder?« wandte er sich plötzlich an den Matrosen.

»Nein, aber mein Freund spielt leidenschaftlich gern«, er zeigte auf den Engländer, der noch immer in seinem tüchtigen Rausche vor sich hin starrte.

Müller forderte Jack sogleich in englischer Sprache auf, daran teilzunehmen, und dieser nahm die Einladung bereitwilligst an.

Bald war das Spiel im vollen Gange; Jack gewann anfangs fortwährend und davon verlockt, besetzte auch der deutsche Matrose eine Karte, sie schlug ebenfalls zu seinen Gunsten aus, er steckte das Goldstück zu sich und spielte trotz alles Zuredens nicht weiter, dagegen bestellte er wieder sechs neue Flaschen, und dies söhnte seine Landsleute etwas mit ihm aus. Jack und Müller tranken um die Wette, nur mit dem Unterschied, daß sich der trunkene Zustand des ersteren zu verschlimmern schien, während an dem letzteren noch keine Spur eines eigentlichen Rausches zu bemerken war.

Bald jedoch schlug das Glück um, Jack verlor eine Summe nach der andern und nach kurzer Zeit war er völlig ausgebeutelt und sein Geld in die Taschen Müllers und dessen Genossen gewandert.

»Ich bin fertig!« rief Jack mit großem Gleichmut und nahm dabei einen kräftigen Schluck.

»Soll ich dir was borgen?« fragte sein deutscher Freund.

»Kein Engländer borgt von einem Deutschen«, entgegnete dieser hochmütig.

»Das ist ja eine Beleidigung«, stachelte Müller seinen Landsmann auf.

»Er ist betrunken«, war dessen ruhige Antwort, und wirklich machte sich die Wirkung des genossenen Weines geltend, die um so stärker war, als Jack schon bedenklich angetrunken im »durstigen 90 Hering« erschienen war. Er blieb auch jetzt seinem schweigsamen Charakter treu, sprach kein Wort, sondern focht mehrmals mit den langen Armen in die Luft, nahm eine Boxerstellung an, als wolle er sich gegen einen anstürmenden Feind verteidigen und fuhr dann unter dem unauslöschlichen Gelächter der andern mit einem gewaltigen Ruck polternd unter den Tisch.

»Der ist abgethan!« rief Müller triumphierend.

»So macht er's immer«, bemerkte der deutsche Matrose. »Lassen wir uns nicht stören, wir trinken weiter«, er ging mit gutem Beispiel voran, indem er ein volles Glas hinunter stürzte. Die andern folgten.

Unterm Tisch begann Jack schon fürchterlich zu schnarchen.

»Er schnarcht wie eine Drechselbank«, meinte sein deutscher Freund.

»Ach, das ist noch gar nichts«, rief Müller sogleich. »Ich kannte in Amerika einen Gummischuhfabrikanten, der jede Nacht aufstehen und in einem einige hundert Schritt weit entfernten Gasthofe eine Schlafstelle suchen mußte, um nicht durch sein eignes Schnarchen aufgeweckt zu werden.«

Ein tolles Gelächter folgte seinen Worten.

»Teufelskerl, ich muß dich umarmen«, schrie der Matrose und drückte Müller stürmisch an die Brust. »Sechs Flaschen Wein«, befahl er von neuem und wenn er auch leider nicht im Spiel zu rupfen war, fanden die deutschen Landsleute wenigstens seine Freigebigkeit höchst achtenswert.

Müller wurde durch den Beifall, den seine Späße fanden, immer mehr aufgestachelt und in die höchste Stimmung versetzt. Er schwatzte immer tolleres Zeug durcheinander, und sein Groll gegen leere Gläser wuchs mit seiner guten Laune. Kaum hatte der Matrose das Glas wieder gefüllt, empfand er das dringende Bedürfnis, es wieder zu leeren, und doch konnte er diese Verfassung seines Glases am wenigsten vertragen, es mußte rasch wieder gefüllt werden.

Vergeblich waren die Winke und Abmahnungen seiner Genossen, sie erhöhten nur seinen Eifer, jeder Flasche auf den Grund zu kommen. »Ach, ihr denkt, ich werde von den paar Tropfen betrunken, wie oft soll ich's euch noch sagen, daß ich mich unseligerweise immer wieder nüchtern trinke«, trotzdem hätte ein aufmerksamer Beobachter wohl bemerken können, daß bei ihm ein tüchtiger Rausch im Anzuge sei.

91 Selbst als die andern aufbrachen, schimpfte er weidlich über die Treulosen, und war nicht zum Mitgehen zu bewegen. Jean allein blieb noch auf sein Bitten, um so lieber, als sich der größere Teil der Gäste entfernt hatte und er nun ungestörter der dicken Laura den Hof machen konnte, was ihn nicht abgehalten, von Zeit zu Zeit an den Tisch zu treten und ohne weiteres ein Glas zu trinken oder es seiner Angebeteten zu überreichen.

Müller war jetzt mit seinem Landsmanne allein, denn der unter dem Tische schnarchende Jack zählte nicht mit. Es bedurfte gar nicht erst des Zuredens des Matrosen, Müller war einmal im Zuge und je mehr er trank, je mehr schien sein Durst zu wachsen. Er war in der glücklichsten Stimmung, denn er hatte lange nicht einen solch guten Kameraden getroffen, der so dankbar und aufmerksam seinem Geschwätz zuhörte und noch dazu mit solcher Bereitwilligkeit die Berichtigung der Zeche übernahm.

Obwohl noch eine ungeleerte Flasche auf dem Tische stand, bestellte der Matrose schon wieder drei Gläser Grog zur Abwechselung und griff dabei in die Tasche, um die Bezahlung gleich bereit zu haben. Er zog den Louisdor aus der Tasche. »Nein, den hab ich gewonnen, der muß Glück bringen, den darf ich nicht ausgeben«, und er spielte in trunkener Laune damit, während Müller mit schwerer Zunge hervorbrachte: »Ja, der bringt Glück«, und er lachte dazu aus vollem Halse.

Der Grog erschien, und Müller stürzte den heißen Trank mit Gier hinunter; er beachtete nicht, daß der andre sein Glas mit einer geschickten Schwenkung weggoß. »Dieser Grog ist famos«, rief er dabei aus und befahl gleich sechs Gläser zu bringen.

»Sechs Gläser, Herzensbruder, da kommen auf jeden drei«, lallte Müller seelenvergnügt, »das ist eine schöne Zahl. Ich bin viel in der Welt herumgesteuert, aber du bist mein bester Freund«, und er besiegelte diese Herzensversicherung mit einem zärtlichen Kusse.

Der Matrose schluchzte vor Rührung. »Wir bleiben heute zusammen, wir dürfen uns nie wieder trennen«, rief er ebenso zärtlich.

Das Lokal hatte sich beinahe völlig entleert, nur einige Strolche lagen noch auf den Stühlen umher und waren in Schlaf versunken. Auch die beiden Harfenmädchen hatten längst ihr Spiel eingestellt. Die eine schwankte noch zwischen zwei Bewerbern; Jean war glücklicher gewesen, er behauptete bei der dicken Laura allein das Feld 92 und machte sie jetzt spottend auf die Umarmung der beiden Trunkenen aufmerksam. »So habe ich Müller noch gar nicht gesehen«, meinte er lachend.

»Sechs Glas«, sagte die Harfenistin, »bringen Sie uns zwei, die Kerle haben an vier genug«, und Jean kam ihrer Aufforderung bereitwilligst nach. Die beiden Deutschen schienen von der Annexion nicht das mindeste zu gewahren. Müller sah seine drei vollen Gläser noch vor sich stehen und war damit beruhigt, der Matrose tändelte mit dem Louisdor und warf nur von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf seinen Nachbar, als wolle er prüfen, welchen Höhegrad dessen Trunkenheit erreicht. Jetzt hatte er schon von den drei mächtigen Gläsern das erste geleert, seine hervorstehenden großen Augen nahmen einen immer glotzenderen Ausdruck an; er strich sich fortwährend den Knebelbart und schaukelte sich auf dem Stuhle so bedenklich hin und her, daß er beständig in Gefahr geriet, mit ihm zusammenzubrechen. Der Matrose hatte spielend mit dem Louisdor ans Glas getippt, besah jetzt das Goldstück von allen Seiten, wandte sich dann plötzlich Müller zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Bruder, feine Ware, wie habt ihr die fertig bekommen?«, und er hielt ihm dabei den Louisdor vor die Augen.

Müller starrte ihn anfangs eine Sekunde in sprachloser Verwirrung an, trotz seiner Trunkenheit schien er noch eine dunkle Ahnung von der Gefahr zu haben, die ihm drohe, er langte an sich herunter, um aus dem Stiefel sein Messer zu ziehen; aber der andre hielt ihm lachend die Hand: »Pst, sei kein Thor! Ich arbeite in demselben Fach. Nur sind die Meinen noch ein wenig besser, kann ich ohne Selbstlob sagen«; er zog aus seiner Tasche einige Goldstücke und ließ sie lustig klingen.

Die Trunkenheit Müllers hatte doch schon einen zu hohen Grad erreicht, als daß er sich nicht hätte leicht beschwichtigen lassen. Nicht einmal der Gedanke dämmerte in seinem völlig umnebelten Hirne auf, wie sonderbar es doch sei, daß ein Matrose sich der Anfertigung falscher Goldstücke rühme. Hatte er auch alles klare Bewußtsein verloren, seine grenzenlose Eitelkeit war ihm noch nicht völlig abhanden gekommen, und die fühlte sich durch die Bemerkung des Fremden verletzt: »Ha, ha, du denkst, wir haben sie erst jetzt fabriziert? Behüte, dann würden sie doch besser sein; ich habe sie noch aus Frankreich mitgebracht, und es ist der kleine Rest, mit dem wir Waxmann nicht mehr beglücken konnten.«

»Waxmann, den sie jetzt zur Deportation verurteilt?« rief der 93 Matrose mit gut geheucheltem Erstaunen; »war der wirklich ein solcher Fuchs?«

»Unsinn!« lachte Müller, »er ist diesmal so unschuldig wie ein Lamm.«

»Nicht möglich, und wie hast du es denn angefangen, den armen Teufel in die Tinte zu bringen?« Dem andern entging völlig die grenzenlose Aufregung des Fragers.

»Ja, da muß man schlau sein«, schmunzelte Müller und langte wieder nach einem Glase. »Dem Kapitän Müller kommt niemand gleich. Ich war Kapitän in der Fremdenlegion, mußt du wissen, und wer das nicht glauben will, dem gieße ich dies Glas Grog ins Gesicht«; da sich kein Ungläubiger fand, entleerte er den Inhalt in seine gläubige Kehle.

»Du bist ein Teufelskerl; ich möchte nur wissen, wie du das angefangen? Du bist der verschlagenste Mensch, den je Sonne und Mond beschienen.«

»Und Mond«, lallte Müller geschmeichelt nach; seine Gedanken begannen sich immer mehr zu verwirren.

Vergeblich wiederholte der Matrose seine Frage; Müller hielt nur noch abgerissene Selbstgespräche. »Die Mary hat mir's einmal angethan – so ist's mir noch nie ergangen – warum gab sie mir der Alte nicht gleich – dann war alles gut. Der Grog ist himmlisch – so himmlisch wie Mary. Konnte sie nicht froh sein, an mir eine Stütze zu haben? – Aber die Weiber, die Weiber – sie sind so störrisch, wie ein Droschkengaul! Nun, sie wird schon noch Amen sagen, wenn er nur erst fort, der Alte« – er hatte dabei das letzte Glas ergriffen. »Ja fort«, – wiederholte er und sank mit seinem Glase ebenfalls unter den Tisch zu Jack, der ein unwilliges Murren über den Ankömmling hören ließ.

Der Matrose taumelte jetzt lachend auf Jean zu und lallte mühsam hervor: »Wir beide, mein Herr, sind noch merkwürdig nüchtern, wir haben jetzt die heilige Pflicht, unsre Freunde nach Hause zu schaffen.«

»Wollen wir sie nicht lieber hier lassen?« rief Jean lachend.

»Ich habe ihnen feierlich versprochen, sie nach Hause zu bringen«, und der Seemann legte dabei die Hand auf seine Brust.

»Das wird eine schöne Arbeit werden!«

»Hilft nichts!«

Jack schien durch die unerwartete Niederfahrt Müllers aus seiner Trunkenheit ein wenig aufgerüttelt; er kroch jetzt von selbst 94 unter dem Tische hervor, machte zwar die verwegensten Schwankungen, aber er vermochte sich aufrecht zu erhalten. Schwieriger war es, den völlig trunkenen Müller aus seinem unfreiwilligen Asyl hervorzuziehen, und wenigstens so weit auf die Beine zu bringen, daß er von Jean und den Matrosen unter den Arm genommen, das Lokal verlassen konnte. Die dicke Laura hatte kräftigst Beistand geleistet, sie blieb, trotz aller Bitten Jeans, in der Taverne zurück.

Draußen schlug eine kühle Luft an ihre erhitzten Stirnen und schien sie alle etwas zu ernüchtern, bis auf Müller, dem es endlich einmal gelungen war, einen soliden, echten Rausch davonzutragen. Es gehörten tüchtige Kräfte dazu, ihn vorwärts zu bringen. Jean erwies sich zu schwach, der Engländer trat an seine Stelle und war dieser Aufgabe völlig gewachsen.

Als die kleine Gesellschaft mit Mühe und Not Regentstreet erreicht hatte, rief Jack sogleich ein vorübertrottendes Kab an, und der deutsche Matrose nannte seine Wohnung.

»Wollen wir nicht lieber zuerst Müller absetzen?« fragte Jean.

»Mein Landsmann hat mir geschworen, daß er unser Gast sein will, und ich lasse mir diese Ehre nicht streitig machen«, rief der Deutsche.

»Aber, meine Herren«, warf Jean bedenklich ein, »ich wohne vorläufig bei meinem deutschen Freunde, da ich augenblicklich kein andres Quartier habe.«

»Um so besser«, entgegnete der Deutsche, »es wird uns freuen, einen Vertreter der großen Nation bei uns zu sehen.«

Jean machte geschmeichelt seine Verbeugung. Man schob jetzt mit aller Gewalt Müller in den Wagen, nahm dann ebenfalls Platz, und das Gefährt rollte seiner Bestimmung zu.

»Fürchten Sie nicht, mein Herr, daß Sie in ein schlechtes Quartier kommen«, wandte sich der Deutsche während der Fahrt in französischer Sprache an Jean. »Sie müssen nämlich wissen, daß mein englischer Freund aus guter Familie stammt und nur aus toller Laune Seemann geworden ist. Wir wohnen ganz komfortabel und wollen unsre lieben Gäste so aufnehmen, wie es ihnen gebührt.«

Wirklich hielt der Wagen vor einem hübschen, stattlichen Hause.

Müllers Besinnung kehrte nicht zurück, er wurde deshalb sogleich im Erdgeschoß untergebracht, während die andern drei den ersten Stock aufsuchten. Jean fiel es nicht weiter auf, daß sich die Trunkenheit seiner Wirte ziemlich verloren, gewiß hatte die lange 95 Fahrt ihren Rausch verflüchtigt, und Seeleute können ohnehin mehr vertragen als alle andern.

Der Deutsche hatte recht gehabt. Jean wurde in ein hübsch möbliertes Zimmer geführt und fühlte sich augenblicklich sehr behaglich, besonders da ihn seine Wirte mit großer Artigkeit behandelten, sogleich Wein herbeibrachten und nicht übel Lust hatten, das Zechen von neuem zu beginnen.

»Wäre es nicht besser, wenn wir endlich zu Bett gingen?« erlaubte er sich zu bemerken.

»Wir wollen den Morgen heranwachen, das ist in London die schönste Zeit«, meinte Jack. Schon waren die Gläser gefüllt, der Franzose mußte Bescheid thun, er ließ sich nicht lange nötigen, denn es war Champagner, der in den Gläsern perlte.

Bald geriet auch Jean in eine sehr angeheiterte Stimmung, da ihm die beiden beständig zutranken und er sich gestehen mußte, daß der aufgetragene Champagner vortrefflich sei. Auch er begann jetzt von seinen Abenteuern zu erzählen, und wie dies von einem Franzosen nicht anders zu erwarten war, bezogen sie sich alle auf das schöne Geschlecht. Mit seiner Trunkenheit stieg auch der Rang seiner Geliebten, mit einfachen Köchinnen und Stubenmädchen hatte er seinen Bericht begonnen, um mit den schönsten Marquisen und Komtessen zu endigen.

»Mein Landsmann Müller ist aber noch ein ganz andrer Kerl«, meinte der Deutsche, »er hat doch bei den Frauenzimmern ein wahrhaft fabelhaftes Glück.«

»Der will bei den Frauen Glück haben?« lachte Jean höhnisch auf, »wie ist der erst wieder gestern abgeblitzt, und was hat er sich für Mühe gegeben, um an sein Ziel zu kommen, und wie habe ich ihm dabei helfen müssen.«

»Ja, er hat mir alles gesagt, und daß es ohne Sie gar nicht gegangen wäre.«

»Das will ich meinen«, sagte der eitle Franzose selbstgefällig. »Ich mußte ihm ja erst alles einblasen; was kann ich dafür, daß ihm die Mary trotzdem einen gewaltigen Korb verehrt hat.«

»Ganz recht, Müller sprach davon, daß Sie den ganzen Falschmünzerapparat heimlich in das Gartenhaus Waxmanns befördert.«

Trotz seiner Trunkenheit hatte der schlaue Franzose noch nicht all seine Vorsicht eingebüßt; er blickte den Sprecher mißtrauisch an, griff wieder nach seinem Glase und leerte es auf einen Zug, dann sagte er ausweichend: »Was mag Müller nur alles geschwatzt 96 haben, glauben Sie dem großen Maulhelden nichts. Er lügt wie gedruckt.«

»Herr, was unterstehen Sie sich, von meinem Landsmann so verächtlich zu sprechen!« brauste der Deutsche auf. »Er hat mir sein Ehrenwort darauf gegeben, daß er die Wahrheit gesagt, und ich habe mich königlich darüber gefreut, daß er den klugen Herren vom Gericht ein Schnippchen geschlagen. Wollen Sie meinen teuern Freund noch länger Lügen strafen, Herr!« und er hob drohend seine Faust.

Jean sah sogleich ein, daß dieser ehrliche Tölpel von Deutschen eine wahre Freude darüber empfand, wie klug sein Landsmann alles eingefädelt und daß es durchaus nicht ratsam sei, ihm noch ferner zu widersprechen; er entgegnete deshalb: »Wozu soll ich das auch leugnen, das war ja die geringste Arbeit. Noch ehe die Herren vom Gericht kamen, war alles schon in Ordnung gebracht.«

»Ja, das war die geringste Arbeit«, wiederholte der Deutsche mit schwerer Zunge, »so sagte Müller auch, aber der Anfang war schwierig, sehr schwierig! Da mußte Müller all seine Pfiffigkeit anwenden, der Teufelskerl!«

Die Eitelkeit des Franzosen litt es nicht, daß die Klugheit eines andern so gewaltig gerühmt wurde. »Bah, Müller hat gar nichts dabei gethan, als mir die falschen Münzen zu bringen, aber sie jedesmal in den Geldschrank Waxmanns zu praktizieren, das war der Witz.« In seinem Eifer, seine Geschicklichkeit in das beste Licht zu setzen, merkte er die Aufregung der beiden andern nicht. Jack war aufgestanden und wanderte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, während die Lippen des Deutschen zitterten und er die Hand auf die Brust halten mußte, um das unruhige Schlagen seines Herzens zu dämpfen. Nur mit Mühe vermochte er die Frage hervorzubringen: »Nicht wahr, Sie hatten einen Nachschlüssel zum Geldschrank, Müller sprach wenigstens davon.«

»Gewiß hatte ich ihn«, rief Jean triumphierend und schlürfte behaglich an seinem Champagner; »es ist stets mein erstes, mir von allen Schlössern Wachsabdrücke zu verschaffen, das hat mir schon viel genutzt. Ich hatte sie natürlich auch von dem Geldschranke Waxmanns, nun brauchte ich ja nur immer an die Stelle der echten ein paar falsche Goldstücke zu legen, und der arme Kerl konnte aus dieser Schlinge nicht mehr heraus.«

»Nichtswürdiger Schurke!« murmelte der Engländer ingrimmig zwischen den Zähnen und schien nicht übel Lust zu haben, den elenden Patron mit einem Faustschlage niederzuschmettern.

97 »Was meinte Ihr Freund?« fragte Jean, der die Verwünschung nicht deutlich genug verstanden hatte.

»Er kann kein Französisch und langweilt sich über unser Geschwätz. Erzählen Sie nur weiter, ich sehe schon, daß Sie doch weit geriebener sind als mein Freund.«

»Ich denke es wohl auch«, entgegnete der Franzose selbstgefällig und leerte auf das gemütliche Zureden des Deutschen noch ein Glas.

»Was wollte nun der gute Waxmann machen? Sobald er die goldenen Kuckuckseier wieder unter die Leute brachte, erntete er natürlich die schönsten Unannehmlichkeiten.«

»Und das Gold aus der Bank, von dem mir Müller sprach?«

»Ha, ha, begreifen Sie noch nicht? Es war echt; aber ein paar Stunden darauf hatte ich schon meine falschen Fabrikate dazwischen geschoben, und denken Sie sich, ich sollte noch mit Müller teilen.«

»Die falschen Louisdors?« fragte der Deutsche mit dem allerdümmsten Gesicht.

Jean lachte übermütig. »Ah, Sie begreifen nicht das feine Tauschgeschäft. Ich mußte doch für die hingelegten falschen Goldstücke soviel echte hinwegnehmen, sonst hätte es ja nicht gestimmt, und Waxmann würde auf der Stelle Verdacht geschöpft haben.«

»Aber wie konnten Sie denn wissen, welche Münzsorten Waxmann nach Hause bringen würde?« fragte der andre weiter.

Jean hätte nimmermehr geglaubt, daß aus dem umnebelten Hirn seines Gegenüber noch eine solche Frage aufsteigen würde; er lachte wohlgefällig. »Es war alles vorgesehen, wir hatten die verschiedensten Münzsorten parat. Ha, ha, wie mag er sich den Kopf zerbrochen haben, daß er plötzlich mit soviel falschen Goldstücken heimgesucht wurde.«

»Und er hat niemals die leiseste Ahnung gehabt, welche hübsche Falle man ihm aufgestellt?«

»Er ist ja ein Deutscher!« rief Jean lachend, und ohne daran zu denken, daß er einen Vertreter dieser Nation vor sich habe, fuhr er höhnisch fort: »Die Deutschen haben einen solchen Vertrauensdusel; wenn man sie erst einmal sicher gemacht hat, kann man sie vor sehenden Augen betrügen, und sie merken es nicht. Ich war der treue und brave Jean! Ha, ha, wüßten Sie nur, welche Schulen ich schon durchlaufen.«

»Prächtiger Kerl; so jung du bist, wird dir gewiß noch einmal das T. F. (Travaux forcés) eingebrannt.«

98 »Und wenn ich's schon hätte!« triumphierte Jean; er riß sich in seiner immer sinnloser gewordenen Trunkenheit den Rock von den Schultern.

»Elender! Du sollst in den Bagno zurückkehren, aus dem du entsprungen!« rief der Engländer außer sich vor Wut und schleuderte den frechen Burschen mit einem kräftigen Ruck zu Boden.

»Diese Engländer werden niemals Höflichkeit lernen«, lallte Jean und wollte sich mühsam wieder aufrichten.

»Schweig, oder ich zertrete dich«, rief der Engländer ingrimmig, riß sich das Pflaster vom Auge und beugte sich über Jean. »Erkennst du mich, du französische Kanaille?«

Jean versuchte noch einmal die Augen weit zu öffnen, starrte dann lange in das zornige Gesicht seines Gegners; endlich schien ein Funken Besinnung in sein Hirn zurückzukehren, und er murmelte erschrocken: »Monsieur Templeton.«

»Ja wohl, Schurke, du hast recht gesehen, und vielleicht erkennst du auch mich?« rief der andre lachend und beugte sich über ihn herab; aber Jean zwinkerte vergeblich mit den Augen.

»Ah, du erkennst Dr. Willibald nicht?« höhnte Templeton zornig, »weil er seinen Bart geopfert, um im »durstigen Hering« eure Bekanntschaft zu erneuern.«

In Jean dämmerte die Ahnung auf, daß er überlistet worden sei und sich in die Hände seiner Feinde geliefert habe. Wenn er auch nicht mehr wußte, was er gesprochen, so hatte er doch die dunkle Vorstellung, daß diese beiden ihn jetzt in einen Hinterhalt gelockt, mit dem letzten Aufwand seiner Kräfte suchte er sich auf die Beine zu bringen und womöglich die Flucht zu ergreifen.

»Bemühe dich nicht«, spottete Templeton, ihm den Weg vertretend.

»Meine Herren, ich verzichte auf Ihre Gastfreundschaft«, lallte Jean.

»Ich werde mich auch hüten, solche Schurken länger als nötig ist, unter meinem Dache zu beherbergen«, rief Templeton; er klingelte, und sein Tiger erschien. »Sind die Polizeibeamten bereits eingetroffen?«

»Sie warten schon unten«, war die Antwort.

»Ich lasse sie bitten.«

Jean starrte in sprachloser Verwirrung auf die beiden Freunde; sein Kopf begann sich zu drehen, in seinem Hirn arbeiteten Angst und Trunkenheit um die Wette, ihm jede klare Vorstellung zu rauben. Als er von den Polizeibeamten hörte, sah er sich noch einmal instinktartig nach Rettung um. Hätte er nicht an seinen Füßen die furchtbarsten Bleigewichte gefühlt, so würde er versucht haben, ans Fenster zu kommen, um hinabzuspringen; vergeblich war sein Mühen, bei den ersten Schritten schon begann er zu stolpern und fiel zu Boden.

Als die Polizeibeamten jetzt eintraten, schien er die Besinnung verloren zu haben; er hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht mehr.

Ein Beamter gab ihm einen Fußtritt. »Diese Engländer sind unhöflich«, lallte Jean, ohne im mindesten seine Lage zu verändern.

»Er heuchelt nicht, er ist wirklich total betrunken«, erklärte der Polizeibeamte mit großer Sachkenntnis.

Während Dr. Willibald sich beim Eintritt in die Wohnung mit Jean beschäftigte, hatte Templeton heimlich seinen Tiger nach Polizeibeamten geschickt, und diese waren mit der ihnen nachgerühmten Pünktlichkeit erschienen.

»Hier stelle ich Ihnen einen entsprungenen Galeerensträfling vor«, wandte sich Templeton zu den Beamten, »und der andre unten ist sein würdiger Genosse.«

Wirklich zeigten sich auf der Schulter Jeans bei näherer Untersuchung die eingebrannten Buchstaben T. F..

Templeton gab über das Verbrechen der beiden noch weitere Aufklärung, und nun machten sich die Polizeibeamten an die schwierige Aufgabe, die völlig Besinnungslosen fortzuschaffen. Auch Müller war aus seinem Rausche nicht herauszubringen; als er endlich mit Mühe und Not in den Wagen geschleppt worden war, lallte er noch einmal: »Ein Glas Grog!« ohne deshalb die Augen zu öffnen. Die beiden verwandten Seelen hatten völlig Zeit, im Gefängnis ihren Rausch auszuschlafen.

Kaum rollte der Wagen mit den beiden Gefangenen in den bereits erwachten Morgen hinaus, da sank Templeton mit einem Jubelschrei, wie er an dem ernsten, schweigsamen Engländer etwas Außerordentliches war, dem Doktor in die Arme. »O wie danke ich Ihnen, mein teurer, einziger Freund!« rief er voll tiefer Empfindung.

»Wir hatten ja beide das gleiche Interesse, den armen Waxmann zu retten.«

Templeton machte ein verwundertes Gesicht. Trotzdem er Gelegenheit genug gehabt, die aufkeimende Liebe Harriets und des 100 Doktors zu beobachten, hatte er diesen Verkehr für einen rein freundschaftlichen angesehen. Erst jetzt tauchte in ihm die Ahnung auf, sein Freund könne wohl doch sein Herz verloren haben. »Sie lieben meine Schwägerin?« fragte er nach einigem Nachdenken.

»Ist Ihnen dies wirklich entgangen, lieber Templeton?« fragte dieser zurück. »Ach, das beweist nur, wie tief und innig Ihre Liebe zu Mary ist, daß Sie darüber alles vergessen und übersehen.«

»Sie haben recht«, sagte Templeton langsam. »Nach dem heutigen Tage kann ich Ihnen völlig mein Herz öffnen«; er legte dabei die Hand auf die Schulter des Doktors und fuhr nach einigen raschen Atemzügen fort: »Ich habe, wie Sie, an die Schuld Waxmanns nicht geglaubt; nun warf aber doch der weitere Verlauf der Untersuchung einen argen Flecken auf ihn – mein künftiger Schwiegervater ein Verbrecher! Es war mir entsetzlich, unmöglich! – Ich wollte Mary entsagen und konnte es nicht. Der Muskel hier war stärker als ich!« und er wies auf sein Herz.

»Das ist brav! Was braucht uns dieser Jugendstreich zu irren!« meinte Willibald.

»Nein, es ist mir noch heute nicht gleichgültig«, entgegnete Templeton. »Sie kennen unsre Gesetze der Gesellschaft nicht genug. Indem ich der Tochter eines solchen Mannes die Hand reiche, sind mir die besseren Kreise ebenfalls verschlossen. Ich habe mir das alles gesagt und bereits meinen Entschluß gefaßt. Wir werden nach unsrer Hochzeitsreise uns in Deutschland, vielleicht am Rhein niederlassen.«

»Könnte ich Sie dahin begleiten!« seufzte der Doktor.

»Was hindert Sie daran? Ah, ich vergaß, daß Sie ein Verbannter sind.«

»Nun, mir soll es völlig gleichgültig sein, was die gute Gesellschaft von mir hält und denkt, ich werde dennoch Harriet als Gattin heimführen«, entgegnete Willibald.

Templeton mochte ihm seine Illusionen nicht zerstören, sonst würde er gesagt haben: Sie kennen unser Alt-England nicht. Auch Sie werden unter dem vernichteten Rufe des Schwiegervaters zu leiden haben, dessen Respektabilität für immer dahin, denn wir sind das aristokratischste Volk der Welt, und unsre erste Frage, wenn wir uns nach jemand erkundigen, bleibt stets dieselbe: »Ist er auch von guter Familie?«

Da Templeton schwieg, fuhr Willibald in seinen Träumereien fort, sich ein glückliches Heimwesen auszumalen. Endlich ließ sich 101 auch der nüchterne Engländer mit fortreißen, und jetzt umgaukelten beide die süßesten Zukunftsbilder.

Der Morgen war völlig angebrochen, und ein matter gedämpfter Sonnenschein ruhte über den fernen Straßen, während die hohen Ulmen des weiten stillen Platzes, in blauen Duft getaucht, sich leise und träumerisch hin und her wiegten, als wollten sie den beiden Glücklichen von noch schöneren Stunden erzählen. Über dem grünen, im Morgenschein versunkenen Platze dämmerte der Himmel weißlichblau, die Vögel jubilierten, und ein kühler Windhauch berührte ihre erhitzten Stirnen.

Mitten in allen Träumereien und Zukunftsplänen jauchzte immer wieder der Gedanke auf, daß ein Unschuldiger im letzten Augenblicke gerettet und der schwarze, mit teuflischer Klugheit ausgeführte Anschlag dennoch endlich vernichtet worden.

Das Erwachen Müllers war ebenso spät wie unangenehm. Er fühlte sich mehrmals an den furchtbar hämmernden Kopf, ehe er begreifen konnte, wo er sich befand, und glaubte anfangs, daß er noch betrunken sei; erst nachdem er herzhaft auf den Tisch geschlagen, nach einem Glase Grog geschrieen, und ihm von draußen eine rauhe Stimme Ruhe gebot, begannen sich seine Vorstellungen zu klären, und er kam zu der Erkenntnis, daß er im Gefängnis sitze. Wie und warum er hierher gekommen, war ihm freilich ein großes Rätsel, und er grübelte vergeblich darüber nach, wodurch er sich wieder einmal dies Quartier hinter vergitterten Fenstern verdient habe.

Wahrscheinlich habe ich mit jemand Streit bekommen und ihn etwas vertobakt, beruhigte er sich. Sich an den Gefängniswärter zu wenden, der ihm bald darauf mit verdrossener Miene das Frühstück brachte, hielt er für überflüssig; er wußte aus Erfahrung, wie wenig diese Schlüsselbewahrer geneigt sind, irgend eine Auskunft zu erteilen, und er konnte es ja abwarten. Die Sache mußte sich im Laufe des Tages aufhellen.

Als jedoch eine Stunde nach der andern verging und er noch immer nicht zum Verhör gerufen wurde, verließ ihn seine Ruhe. »Ich muß etwas Bedeutenderes ausgegessen haben«, dachte er und versank in eine trübe Stimmung. »Ob ich nur jemand erschlagen habe; aber das kann mir unmöglich hoch angerechnet werden, denn ich war sinnlos betrunken. Es ist freilich zweifelhaft, ob die heillosen englischen Gesetze hierin eine Ausnahme machen.«

Erst nach Ablauf von zwei Tagen wurde er vorgerufen; er war selbst neugierig, was er sich eigentlich eingebrockt habe, und er 102 wunderte sich nicht wenig, als ihn der Untersuchungsrichter, anstatt offen und ehrlich auf die eigentliche Sache loszugehen, nach seinem Freunde Waxmann befragte. Er hatte nur eine anonyme Anzeige an den öffentlichen Ankläger gerichtet, um diesen auf die Spur jenes ersten Verbrechens zu bringen, und er begriff nicht, wie die Behörde erfahren, daß auch er in jene Angelegenheit verwickelt gewesen.

»Vielleicht hat Waxmann davon geplaudert, um mich ebenfalls zu vernichten«, dachte Müller; »Prosit die Mahlzeit«, tröstete er sich rasch, »die Geschichte ist verjährt und kann mir nicht mehr eine Stunde Gefängnis eintragen.« Er beschloß deshalb, mit nichts hinter dem Berge zu halten, was ihn jedoch nicht hinderte, seinen Bericht so zu färben, daß er wenigstens als verführte Unschuld dastand und auf Waxmann allein alle Schuld fiel. Selbst wenn ihn nicht einmal das Bestreben dazu trieb, sich so weiß wie möglich zu brennen, hätte er es nicht anders vermocht. Er war bereits so an das Lügen gewöhnt, daß sich ihm die Wahrheit unter den Händen verwandelte und er zuletzt selbst nicht mehr wußte, wo ihm seine lebhafte Phantasie einen Streich gespielt.

»Sie haben dann später die Hilfe Ihres Freundes sehr oft in Anspruch genommen?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Er hatte meine ganze Zukunft vernichtet, es war nicht mehr als billig, daß er mich entschädigte«, entgegnete Müller mit Pathos.

»Sie verliebten sich dann in seine Tochter?«

»Oder umgekehrt«, war Müllers selbstgefällige Antwort.

»Und um die junge Lady Ihren Wünschen geneigt zu machen, entwarfen Sie einen höllischen Plan«, bemerkte der Richter.

Über Müllers volles, blühendes Gesicht breitete sich eine grenzenlose Bestürzung aus; er blickte den Beamten ganz versteinert an, öffnete den Mund und brachte dennoch keinen Ton heraus.

»Sie wußten Ihren Vorteil geschickt zu benutzen, daß Sie einen Ihrer Helfershelfer, den entsprungenen Galeerensträfling Baptiste Thomas, in dem Hause des Herrn Waxmann als Bedienten unterbrachten«, und als jetzt Müller einen lebhaften Einwurf machen wollte, brachte ihn der Richter mit einer Handbewegung zum Schweigen und fuhr mit eiserner Ruhe fort: »Baptiste Thomas oder Jean hatte sich bereits die Schlüssel zu allen Behältnissen des Hauses verschafft; er mußte jetzt regelmäßig einen Teil der echten Goldstücke des Herrn Waxmann mit falschen vertauschen, um ihn endlich in den Verdacht der Falschmünzerei zu bringen.«

103 Müller starrte förmlich entsetzt auf den Beamten. Stand der Mann mit unterirdischen Mächten im Bunde, daß er Dinge wußte, die so geschickt in Nacht und Nebel gehüllt worden? Er hatte nur die eine Vorstellung: Das ist ja gar nicht möglich, du bist noch betrunken, und nun spuken dir solche Geschichten im Hirn. Aber wie er sich auch die Augen rieb, der Mann mit dem überlegenen, ruhigen Lächeln und dem durchdringenden Blick ging nicht weg, er schien jeden seiner geheimsten Gedanken zu lesen, und eine entsetzliche Unruhe überkam ihn. Je vollständiger der Richter das ganze Gewebe seiner Niederträchtigkeit enthüllte, je unheimlicher wurde ihm zu Mute, all seine Keckheit brach damit zusammen, und nach einigem Drängen des Beamten legte er ein offenes Bekenntnis ab.

Er hatte wirklich nur aus blinder Leidenschaft seinen Freund vernichten wollen. Er würde sich vielleicht mit einer Anzeige begnügt haben; aber Jean entwarf ihm den weit feineren Plan, und er ließ sich gern mit fortreißen, um so mehr, als er hoffte, damit viel sicherer an sein Ziel zu kommen.

Jean, oder wie er mit seinem wirklichen Namen hieß, Baptiste Thomas, machte dem Untersuchungsrichter weit größere Schwierigkeit. Er leugnete alles, die Zeugnisse Dr. Willibalds und Templetons, das Bekenntnis Müllers; selbst der Umstand, daß noch der Nachschlüssel zu dem Geldschranke Waxmanns bei ihm gefunden wurde, vermochten ihn nicht zu erschüttern. Er schwur hoch und teuer, daß er völlig unschuldig sei, diese nichtswürdigen Deutschen ihn nur vernichten wollten, und entfaltete eine Zungenfertigkeit, die durch nichts einzuschüchtern war. Erst als man ihm drohte, ihn sofort nach Frankreich auszuliefern, um das Ende seiner Galeerenstrafe abzusitzen, schien er andern Sinnes zu werden, und nun bekannte er ebenfalls seine Schuld. Vielleicht mochte er denken, daß in diesem Falle seine Strafe nicht allzu hoch sein und er weit leichter einem englischen Gefängnisse als noch einmal dem Bagno entfliehen könne.

Die Unschuld Waxmanns hatte sich damit glänzend herausgestellt; er mußte aus dem Gefängnisse entlassen werden. Die Rettung kam zur rechten Zeit. Schon in wenigen Tage hatte seine Deportation erfolgen sollen. – Das war ein Glück, ein volles, unaussprechliches Glück. Waxmann glaubte zu träumen, als sich ihm die Gefängnisthür öffnete und man ihm seine Freiheit ankündigte. Er hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen und sich in sein Schicksal gefunden, und nun plötzlich dieser helle Tag nach 104 langer finstrer Nacht. – Es war zu viel des Glückes und wollte ihm anfangs die Brust zersprengen. Und wie jubelten erst seine Töchter, als sie so überraschend den Vater zurückerhielten, nachdem sie bereits alle Hoffnungen aufgegeben, denn weder Templeton noch Willibald hatten sich in den letzten Tagen sehen lassen. Der erstere hatte nur ein kurzes Billet geschickt, in dem er Mary mitteilte, daß er und der Doktor noch immer bemüht seien, die Befreiung des armen Vaters zu bewirken, und daß er deshalb keinen Augenblick für seine teure Mary übrig behalte.

Kaum war der Vater aus dem Gefängnis entlassen und der erste Rausch des Wiedersehens vorüber, erschien Templeton. Er gab die nötigen Aufklärungen, wie man die Schurken überlistet habe. Er ließ dabei dem Scharfsinn des Doktors alle Gerechtigkeit widerfahren, der allein das Ganze geplant und mit der größten Umsicht ausgeführt habe.

Harriet jauchzte auf. »O, der herrliche Mensch! Ich wußte es, daß er unsern Vater retten würde.«

»Und warum kommt er nicht, warum entzieht er sich unserm Danke«, rief Waxmann lebhaft.

»Deutsche Bescheidenheit!« meinte Templeton.

»Die ich diesmal nicht gelten lasse«, entgegnete der Vater. »Ich schulde ihm das Höchste, meine Freiheit, und bei Gott, er soll diesen außerordentlichen Dienst keinem Undankbaren erwiesen haben.«

»Ich glaube, Sie werden bald in die Lage kommen, ihm Ihre Dankbarkeit zu beweisen«, meinte Templeton trocken.

Harriet errötete; sie verstand ihren Schwager. Waxmann aber sagte in einer Erregtheit, die am deutlichsten bewies, wieviel ihm seine Rettung galt: »Er mag alles, alles von mir fordern, ich gebe es willig hin.«

»Alles«, wiederholte Templeton, »auch Ihr jüngstes Töchterchen?«

Ohne das mindeste Zögern rief Waxmann aus: »Auch Harriet, wenn sie ihn liebt, und Kind, daran darf ich wohl nicht zweifeln«, wandte er sich an seine Tochter, die statt aller Antwort ihm mit heißen Dankesthränen an die Brust sank.

Von Waxmanns Herzen schien durch das unerwartete Glück die letzte Rinde gesprengt: Er war ein völlig andrer. Alle Kälte, alle Gefrorenheit war von ihm gewichen, sein frisches, lebhaftes Temperament brach sich mächtig Bahn; er war nicht einmal im 105 stande, diese für Harriet sehr ernste Sache ernst zu nehmen, sondern zog sie in einen Scherz. »Dem geschickten Seemann, der mein Lebenswrack wieder flott gemacht, vertraue ich gern das Geschick meines Kindes«, sagte er mit freundlichem Lächeln und strich sanft über das schöne Haar seines Kindes.

»Dann ist es wohl das Beste, ich rufe den Doktor herbei«, wandte sich Templeton scherzend an seine Schwägerin. Harriet gab freilich keine Antwort, aber ihre strahlenden Augen sagten genug.

Eine Stunde später kam schon der Engländer mit seinem Freunde zurück. Harriet flog ihm mit einem lauten Jubelruf in die Arme.

»O, du guter, prächtiger Mensch!« dann zog sie ihn zu dem mit seligem Lächeln dreinschauenden Vater. »Hier bringe ich deinen Befreier.«

»Den ich leider auch in Ketten sehe«, scherzte Waxmann.

»Und die ich um keinen Preis der Erde abstreifen möchte«, entgegnete Willibald.

»Das sollst du auch nicht«, jauchzte Harriet.

Dem Doktor war es doch wie ein Rausch, als ihn jetzt Waxmann an seine Brust schloß und zärtlich seinen geliebten Sohn nannte, in dessen Hände er vertrauensvoll das Geschick seiner Tochter legte. Er vermochte das Glück kaum zu fassen. Auch jetzt noch hatte er gefürchtet, daß ihm Waxmann nicht ohne harten Kampf die Tochter gebe würde: und nun hieß der reiche und gewiß noch immer geldstolze Mann ohne weiteres den armen Musiklehrer als Schwiegersohn herzlich willkommen, ja er drückte offen und ehrlich den Freunden seinen Dank aus, daß sie keinen Anstand genommen, die Töchter eines solchen Mannes als Frauen zu begehren, dessen ehrlicher Name für immer vernichtet worden. Ein Hauch der alten Schwermut flog dabei über seine Stirn. Wie bitter hatte er schon sein im jugendlichen Leichtsinn begangenes Verbrechen bereut, und nun warf es seinen breiten, kalten Schatten über sein ganzes Leben. Was hatte es ihm geholfen, daß er seitdem ein andrer, ein besserer Mensch geworden, daß er sich die strengste Ehrlichkeit zur heiligsten Pflicht gemacht: es hatte nur des Bekanntwerdens seines Jugendstreiches bedurft, um ihn, den Richtern gegenüber, vollends zu vernichten. Er fühlte selbst, daß sein erstes und einziges Verbrechen zur Kettenkugel geworden, die er sein Lebelang mit sich herumschleppen mußte, und diese klare Erkenntnis weckte den alten Trübsinn.

106 Templeton empfand eine große Genugthuung, daß wenigstens sein Opfer völlig gewürdigt wurde; aber Willibald entgegnete mit größter Überzeugung: »Ihre Schuld ist längst gesühnt. Wer irgend eine schlimme That durch ein Leben voll redlicher Arbeit gut zu machen wußte, der hat das Vergangene ausgelöscht, und dem gebührt mehr als allen andern unsre höchste Achtung. Es ist keine Kunst, auf glatter, ebener Bahn nicht zu straucheln, redlich und tugendhaft zu bleiben, wenn niemals die Versuchung an uns herantritt; aber nach einem Fall sich wieder zu erheben, vom schlechten Pfade wieder abzulenken und mit dem Aufwand aller Kraft den Weg des Guten und Wahren einzuschlagen, das ist auch ein Heldentum und fordert unsre höchste Bewunderung heraus.«

Waxmann trank diese Worte wie eine halbverdurstete Pflanze den erquickenden Tau. »Ich danke Ihnen, das hat mir unendlich wohl gethan«; und unter heißen überströmenden Thränen zog der sonst so ernst verschlossene Mann Willibald noch einmal an seine Brust.

»Und bin ich nicht auch ein Gebrandmarkter«, scherzte der Doktor, »der steckbrieflich verfolgt worden. Aber auch mein Lebenshorizont hat sich ein wenig aufgehellt; ich habe heut die Nachricht erhalten, daß mich die Geschworenen meiner Heimat freigesprochen.«

»Um so besser, dann siedeln wir uns alle in Deutschland an«, meinte der Vater.

Die Hochzeit der Schwestern wurde an einem Tage gefeiert, und dann durchschweiften beide Paare das herrliche Rheinland und Italien, während der Vater noch in London zurück blieb, um all seine Geldangelegenheiten zu ordnen und eine Ansiedelung in Deutschland zu ermöglichen.

Templeton blieb seinem Vorsatze treu, er kaufte sich im prächtigen Rheingau ein kleines Besitztum und hätte am liebsten gesehen, wenn der Schwager seinem Beispiele gefolgt wäre, der es jedoch vorzog, einem Rufe an die Universität in Zürich zu folgen, und dort einen neuen, befriedigenden Wirkungskreis fand.

Waxmann pendelte zwischen den beiden glücklichen Familien hin und her, im Winter und Herbst blieb er am Rhein, um sich beim Beginn des Frühlings in der Schweiz einzufinden. In den heißen Sommermonaten flüchtete auch Templeton mit seiner Familie an die herrlichen Ufer des Züricher Sees, und dann verflossen diesen glücklichen, edlen Menschen die Stunden wie Minuten.

Harriet hatte nach Jahren nichts von ihrer Schönheit und 107 Fröhlichkeit eingebüßt, sie war die echte Frau eines deutschen Gelehrten, folgte ihrem Mann auf fast allen Wissensgebieten und nahm an seinen Bestrebungen den lebendigsten Anteil. Wohl hatte ihr der Himmel das Glück versagt, Kinder zu besitzen, aber die beiden Eheleute schienen den Mangel nicht einmal zu empfinden. Sie gehörten sich so ausschließlich an, hatten sich so tief und innig ineinander gelebt, daß in ihren Herzen jeder andre Wunsch erstarb.

Templetons Ehe war dafür mit Kindern reich gesegnet, und seltsam genug, Mary schien sich dabei eher zu verjüngen, als zu altern. Sie behielt ihren zarten Teint, ihre feine edle Blässe, und wenn sie am Arme ihres rasch ergrauten Gatten dahin schritt, erregte die blasse, schöne Frau noch immer die allgemeinste Aufmerksamkeit, trotzdem sie ein Häuflein Kinder von allen Lebensaltern und Größen umgab.

Müller fiel natürlich in dieselbe Grube, die er seinem »Herzensbruder« Waxmann gegraben. Er wurde zur lebenslänglichen Deportation verurteilt; Jean kam mit einer gelinderen Strafe fort, wurde aber dann nach Frankreich ausgeliefert und bei einem zweiten Fluchtversuche aus dem Bagno erschossen.

Waxmann verlebte sein Alter im tiefsten Frieden. Die Vergangenheit war jetzt völlig hinter ihm versunken, er konnte fröhlich und sorglos der heiteren Gegenwart angehören.

Wenn dann die Familienmitglieder am Züricher See versammelt und allein waren, veranlaßte die übermütige Harriet ihren Schwager stets, Szenen aus jener verhängnisvollen Nacht im durstigen Hering zum besten zu geben, und ihr Lachen klang noch so silberhell wie immer, wenn er mit vielem Humor seine unbehagliche Lage unter dem Tisch schilderte. »Hätte ich nicht so trefflich den Trunkenen gespielt und wäre ich nicht mit solcher künstlerischen Berauschtheit unter den Tisch gefallen, wir wären sicher verloren gewesen«, schloß er gewöhnlich seinen mit großem Ernst vorgetragenen Bericht.

»Ach, gestehen Sie es nur, lieber Schwager, daß Sie zu Ihrer Rolle die bedeutendsten Vorstudien gemacht«, lachte Harriet.

»Nein, wir spielten so trefflich, weil uns die Liebe begeisterte«, warf Willibald ein.

»Die immer trunken macht«, setzte Templeton hinzu und warf einen Blick auf seine Frau, der bewies, daß er nichts von seiner Zärtlichkeit eingebüßt.

108 »Aber wie leichtsinnig, so viel Geld hinzuwerfen«, scherzte Harriet.

»Die Münzen waren falsch, die wir erhielten«, entgegnete der Doktor, »und doch gewannen wir dafür die einzige echte Münze, die unveränderlich ihren Goldwert behält: ein liebend Herz.«

Die blauen, sonnenbeglänzten Wellen plätscherten eintönig zu ihren Füßen und als wollten sie ihre Zustimmung murmeln. Ein lachender Himmel spannte sich über die Glücklichen aus, und ein heller Widerschein davon zitterte durch ihre Herzen. In ihnen und um sie war Frieden, und sie besaßen das Talent, dies Göttergeschenk festzuhalten. 109

 


 

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