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Der falsche Woldemar

Willibald Alexis: Der falsche Woldemar - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer falsche Woldemar
authorWillibald Alexis
yearca. 1870
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer falsche Woldemar
created20021220
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Vierzehntes Kapitel.

Die Ritter.

Auf dem Felde lag, hingesunken auf ihren Knieen die Gräfin. Das waren wunderbare Gedanken von Freude, Furcht, Entsetzen und wieder Lust, die in ihr wogten. Die Hände hielt sie gefaltet und betete, und die Augen geschlossen. Aber das Gebet war als ein Waldbach, der über Felsen stürzt. Wie wagst du, in Andacht versunken, den Herrn loben und seine Heiligen, wo Flüche um dich die Luft verwunden; Flüche, Geschrei und Jubellaute vor Gier, die den Wölfen mehr ziemen, denn dem Menschen. Wie magst du beten und nur den Herrn schauen, wenn du zitterst vor Furcht und Hoffnung, wenn das Schwert über deinem Haupte hangt, nur an einem Haare: nein nicht über deinem allein, über dem Haupte deines einzigen Kindes, und der Bolzen, der in die Luft saust, kann ihr das Herz durchbohren.

Sie konnte die Augen nicht geschlossen halten, und schaute sie auf, konnte sie die Hände nicht falten; sie hob die Arme und wehte ihren Segen zu den Flüchtlingen jenseit. Und wollte aufspringen, vom Roß reißen die Verfolger, die schreiend an's Wasser ritten, und Miene machten überzusetzen. Und sie war ein ohnmächtig Weib, ein Stoß mit der Faust, mit dem Griff der Keule hätte sie niedergestreckt. Der Herr und seine Heiligen halfen anders. Mit blinder Wuth schlugen sie die Bösewichter.

Das war wohl ein wunderbar Schauspiel, wie sie von den Rossen stürzten, auf dem Boden lagen, Einer den Andern drängte und stieß, wie sie schrieen, fluchten und rafften, ihre groben Hände in blinkendem Silbergeld. Das lag ausgebreitet, als hätte es Münze geregnet vom Himmel, an der Hügellehne; hier sparsam und dort in dicken Haufen. Geld ist rund, darum rollt es weiter. Geld hat es nie geregnet in der Mark Brandenburg, auch ist dort Keiner so thörig, noch so reich, daß er auf dem Felde einen Geldsack ausstreut um nichts. Aber der Marschalk, als sie den Hügel hinabritten, er die zween Saumrosse zu beiden Seiten, der hatte mit dem Messer unvermerkt den Sack, darin die viele Münze, aufgeschlitzt und dann den Rossen die Sporen blutig in die Weichen gesetzt. Die streuten klirrend eine Silbersaat rechts und links, und war's ein Anblick, der mochte Andere verwirren als gemeine Räuber.

Der Anführer mochte so viel Teufel anrufen, als in der Hölle sind, er mochte stampfen, fluchen, schreien, als er wollte, sie hörten nicht. Wie gierige Krähen waren sie gestürzt von den Pferden und lagen zu Boden; und derweil hatte der Marschalk des Fräuleins Roß am Zügel ergriffen, und war mit ihr durch das Fließ geritten in der Verwirrung. Die war groß; Keins sah das andere und die Rosse liefen umher. Zehn rüstige Männer hätten in dem Augenblick die hundert und mehr geworfen und vernichtet. Der Anführer knirschte mit den Zähnen, er heulte vor Wuth. Er sah mehr als sie.

Die Gräfin sah und hörte nichts mehr in der Staubwolke ringsum, in dem Geschrei der bösen Menschen und dem Gewieher der frei umhertummelnden Pferde. Aber eine Stimme hörte sie doch, ein Gesicht sah sie, das als der leibhafte Tod sie angrinste, einen Druck fühlte sie, es war der Druck einer Männerfaust, die sie aufriß; und des Mannes Stimme gellte ihr in's Ohr: »Du sollst mir's büßen.«

Der wilde Anführer riß sie, die Widerstandslose, mit sich. Durch Kiefer und Sträucher, zu Fuß neben dem Reiter; 's ist nicht Art, wie ein Ritter edle Frauen führt. Der Tod drohte hinter dem Räuber und seiner Beute. »In die Haide!« schrie er den Seinen zu, die noch hören mochten. – Es war zu spät. Der Tod war schon dicht hinter ihm. Ein Streich sauste durch die Büsche, die Spitze einer scharfen Klinge traf. Die blutige Binde fiel durchschnitten von der Stirn, aber aus dem getroffenen Schädel ergoß sich ein neuer Blutstrom; und der, deß Lebensblut es war, wankte im Sattel, und bald wankte er nicht mehr, er stürzte köpflings zur Seite. Aber der Fuß war im Bügel hangen blieben; das Roß schleifte den todten Reiter mit sich und die Hand des todten Reiters hielt die Hand der Lebendigen fest als mit Eisenklammern.

Das ist ein hart Loos für eine edle Frau, an eines Todten Hand zu hangen, und der Todte hangt an einem unvernünftigen Thier. Das ist ein hart Loos für einen stolzen Sinn, daß er nichts ist, als ein geknickt Reis, das der Strom treibt, als eine Faser, die der Sturm weht, und setzt sie hin, wo es ist. Sind wir Alle, vom Weib geboren, nur Reiser und Fasern, die Strom und Sturm treiben, und wir meinen zu steuern und fliegen.

Auf Dornenwegen über Strauch und Stein wird Mancher gerissen, er hat nicht Ahnung wohin. Aber wann der Schmerz am ärgsten, träuft auf allen Wegen der Balsam für deine Wunden herab, gleich dem Manna dort in der Wüste, wo kein Strauch wächst. Auch die Ohnmacht ist ein Trost, die der Herr sendet für die Schwachen.

Die Gräfin war ohnmächtig. Da sie die Augen aufschlug, nach wie lang, ich weiß es nicht, faßte sie eine Hand; aber es war nicht die kalte eines Todten. Heinrich stand vor der Gräfin und sah sie voll Traurigkeit an.

»Ist das ihr Blut?« sprach er.

Denn sie war voll Blutes und Staub. Ihre Frauen, die da waren, tauchten ihre Tücher in den Fluß, und wuschen mit klarem Wasser ihr die Stirn und legten die feuchten Tücher um die Schläfen.

»Mein Blut!« rief Mathilde und fuhr auf. »Mein Blut, mein Kind, mein einzig Kind, habt Ihr sie ermordet, so komm es über Euch!«

Da sagte mit sanfter Stimme Heinrich: »Gott und seine Heiligen werden bei dem Fräulein sein, als ihr frommer Sinn bei Gott ist und ihnen. Die bösen Schelme sollen's büßen, was sie Euch Angst gemacht; und daß sie dem Fräulein nachreiten und sicher heimbringen zu Euch, sandte ich die Besten aus. Deß keine Sorge edle Frau.«

Sie sah ihn groß an und erkannte ihn nun, und ihr Auge ward freundlicher; aber sie war noch schwach und sank wieder in die Arme ihrer Frauen. Die aber hatten freudig erkannt, daß ihre Herrin nicht verwundet war; es war das Blut des Räubers, der unfern im Busche lag, dahin ihn das Roß geschleudert, eine regungslose Leiche.

Und sie schlug wieder, nach einer kleinen Weil, die Augen auf. Da erkannte sie die Gegenstände, und ihre Sinne kehrten zurück; und sie erinnerte sich, was vorgefallen. Daß Heinrich, der kühne Stellmeiser, der schon in Brietzen ihr die Tochter gebracht auf den brennenden Gassen, und sie über die Brücke sicher in die Haide geleitet, daß er es auch hier war, der sie gerettet, das wußte die Gräfin. Er stand, auf sein geröthet Schwert gelehnt, und musterte die Leute. Aber Die, mit denen er's gethan, die sah sie nicht; wohin sie auch das Aug' wandte, sie war allein.

Die Räubergesellen aber standen, die Köpfe zu Boden, als wie ein Rohrfeld, wo das Wetter eingeschlagen. Die Meisten zitterten, und blickten verstohlen auf Heinrich, und schlugen die Augen nieder, wenn sein Blick sie traf, nur Wenige schauten finster und trotzig.

Mathilde sah ihn sorglich an, und winkte ihm. Er merkte, was ihr Angst machte.

»Diese wagen's nimmermehr. Sie kennen mich«, sprach er.

»Die Guten werden schwach und die Schwachen fehlen, wo Keiner ist, der zu befehlen weiß. Schaut selber, hohe Gräfin, was sie folgsam sind und thun, was an ihnen, das Böse gut zu machen.«

Da auf seinen Wink stürzten sie und lasen die Münzen von der Erde auf, die noch da lagen und thaten sie in die Säcke; und da die nicht voll wurden, hieß er die Taschen umdrehn und sagte: »Jeder Heller, der zurückbleibe, sei einen Strick werth.«

»Nun bindet die Säcke zu!« gebot er.

Drei oder vier von den Wildesten standen noch als vorhin, hatten nicht ihre Arme gerührt. Zwinkten mit den Augen.

»Laßt Diese gehen, um aller Heiligen willen! Es ist genug«, sprach ihm die Gräfin leis zu und zupfte ihn am Arme.

Aber mit gewaltiger Stimme rief er: »Her drei Stricke! Diesen die Hände aus den Rücken, und mit ihnen vor das Gericht der Freien.«

Da wies ihm Einer die Zähne: »Wir sind Freie!« knirschte er. »Keiner darf den Andern binden.«

»Sankt Petrus!« rief Heinrich, »wie Ihr das gut wisset. Wär' Euch aber besser, so Ihr alle Satzungen der Freien, als die eine wüßtet. Ist die erste die, daß alle Brüder auf's Wort gehorchen dem Einen, der bei einer Fahrt zu ihrem Hauptmann gekürt ist. Ist die zweite, daß wem wir Dienste und Treue geschworen, zu dem halten wir im Glück und Unglück, so lang wir's geschworen haben, und ist die dritte die, daß der ein Schelm ist, der davon läuft, und seinen Herrn verräth, den er durch Vertrag hat und Schwur. Freien darf kein Freier die Hände binden, aber einem Hund wirft der Freiknecht die Schlinge um den Hals und tritt ihn mit den Füßen. Und doch ein Hund ist treu, was seid Ihr denn? Einen Hund schlägt man todt, so er räudig ist. Einem Hund, der nicht mehr gut ist zur Jagd, schnallt man die Päcke auf. Die Rosse sind müd, bindet Denen hier die Säcke auf den Rücken. Die ihren Herren den Rücken wenden, sollen ihnen auch mit dem Rücken dienen.«

Deß wunderte sich sehr die Gräfin, was Der, den sie für einen gemeinen Gesellen geachtet, für Gewalt hatte über die Leute. Aber wie er sagte, so geschah's.

Die Sonne war schon weit über die Mittagshöhe, als die Gräfin ihr Roß anhielt, und Heinrich that's auch.

Die Drei, die er verurtheilt, kamen keuchend unter ihren schweren Säcken vorüber und schauten sie grimmig an. Es war eine saure Last, wo die Sonne brannte, und der Sand unter ihren Füßen wich.

Die Gräfin schauderte etwas und ritt, in Gedanken versenkt, weiter. Aber sie schaute, wenn er's nicht merkte, ihren Begleiter an, wie Frauen wohl einen Mann anschauen, der ihnen nicht mißbehagt.

»Wo lerntest Du's«, sprach sie nach einem Schweigen, »wie man das wilde Volk bändigt, da Du doch nicht hoch geboren bist«

Heinrich sah vor sich in die Luft. Die Frage kam ihm seltsam: »Kann's wahrhaftig nicht sagen. Meine aber, das kam so von selbst.«

Sie sah ihn noch verwunderter an, wie er das sprach, und es hatte edle Art. Er war ein schöner Mann, und Kraft in jeder Muskel. Sie dachte, wenn der im Ritterwams oder im Silberharnisch wäre, ein Freiherr schaute nicht besser.

Von den Stellmeisern ließ sie sich erzählen, von ihrem Bunde und ihrem Leben im Walde, und sie lauschte achtsam, was er sprach und hatte ihr Vergnügen dran, weil er so klug und voll Lust erzählte.

»Du bist ein Glückskind«, sprach die hohe Frau seufzend, »und was Du unternimmst, gelingt Dir. Du hast, als ich höre, einen Fürsten aus dem Sattel gehoben, und einen Fürsten, der die Reiterkünste wohl verstand. Deß mag sich ein schlechter Mann selten rühmen. Dennoch ist noch schwerer die Kunst, wer es nicht gelernt, zu befehlen. Gehorchen lernt Einer unter gemeinen Leuten, aber woher kommt Deine Art, wie Du die Niederen anherrschest, und sie folgen Deinem Blick wie Deinem Wort, und unter den Freien im Holz sind doch nicht gute Leute.«

»Doch, edle Frau!« sagte Heinrich, und erzählte, daß ihrer Mehre von ritterbürtigen Häusern im Walde wären. »Unser Oberst, der Gottseibeiuns von Soltwedel, ist nicht fein auf sie zu sprechen. Sagt, die Junker röchen überall den Braten, und kämen nun gar in die Haiden und Höhlen gekrochen zu den Geächteten, seit sie gemerkt, daß da was zu holen sei. Er möchte sie gern fortjagen aus den Banden. Aber ich meine, wackere Leute sind allerwegen gut; und so Einer ein Schild hat, was soll er's nicht aufstecken auch im Walde. Manche hübsche Gesellen sind darunter, und ihre Art ist fein, davon man wohl lernen kann, so man will. Ja, als Euch bekannt ist, war auch der edle Graf Woldemar, mein lieber Herr und Freund, eine Weil auf Wort und Handschlag unter uns.«

Die Gräfin schlug etwas spöttisch die Augen auf, als meine sie, wie Heinrich hoch und stolz auf dem Rosse saß, für den sei der kleine Graf kein Lehrmeister gewesen.

Nun waren sie auf eine Höhe kommen, nicht allzu weit von da, wo die Räuber vorhin mit ihren Gefangenen lagerten, und man konnte noch weiter sehen. Auf dieser Höhe hielt Heinrich stille und sprang vom Rosse. Drauf sprach er, sittig zur Gräfin sich neigend: »Hier, so es Euch beliebt, hohe Frau, gehen unsere Wege auseinander.«

Sie sah ihn verwundert an. Er verstand es anders. »Thut mir leid, edle Frau, daß ich kein Hochgeborner bin. Aber hier ist Keiner, so Euch seinen Arm bieten mag.«

Da schwang sich die Gräfin rasch vom Sattel, legte ihren Arm um seine Schulter und ließ sich von ihm herabheben. Sie blickte ihn freundlich an.

»Will Dir den Ritterdienst vergelten. Nimm's zu meinem Angedenken. Das ist meine Farbe.«

Verwundert schaute Heinrich. Sie nahm das schmale Tüchlein, das sie vielmals um den Hals geschlungen hatte, wie Frauen, wenn sie zur Reise gehn. Dann schlug sie's ihm um die Schulter und knüpfte ihm eine Schleife, wo das Heft seines Schwertes hing.

Heinrich stand fast zitternd.

»Was seufzest Du?« fragte sie.

»Daß mein Graf Woldemar noch nicht Markgraf ist.«

»Und was soll's Dir?«

»Er wollte mich zum Ritter schlagen; dann wäre ich der Ehre werth gewesen.«

Die Gräfin gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter: »Sag's Niemand wieder, ich schlug Dich. Wer edlen Frauen dient, und sie erkennen's an, und lohnen's ihm, der ist ihr Ritter. Und ihm ist's mehr werth, als so der Kaiser durch drei Herolde es ausrufen läßt.«

»Wahrhaftig!« fuhr sie fort, da er roth und verwirrt vor ihr stand, und wenn er das Aug aufschlug, senkte er's wieder, »ich wünschte, Du wärst guter Leute Kind; ja ich wollte – Doch, macht man Markgrafen aus einer Vogelscheuche, warum nicht aus Dir einen Herrn. Rechne auf mich zur guten Stunde, und von heut ab bist Du in meinem Dienst.«

Da wußte Heinrich doch gar nicht, was er sagen sollte. Und wenn er den Mund aufthat, war's ihm, als sollt er ersticken, so heiß und trocken kam's ihm aus der Lunge. Endlich griff er ihre Hand und küßte sie:

»Gottes Lohn, edle Frau, und nun müssen wir scheiden.«

Sie schaute ihn groß an: »Was soll's? Hab ich Dich nicht zu meinem Ritter gekürt!«

»Werdet dort bessere Ritter finden, und weiß nicht, ob ich da mit darf.«

Er wies hinunter, wo sie das weite Feld übersahen. Da war Getümmel und Staub weithin, Helmbüsche und Fahnen und Lanzenspitzen blickten durch, und sie hörte jetzt erst das Getümmel, das Wiehern von tausend Rossen und das Gemurmel von viel tausenden von Männerstimmen. Das konnte nicht mehr eine Schaar von freien Gesellen sein, es war ein großes Kriegsheer, das da lagerte. Und auf einer hohen Stange, die sie aufrichteten, saß ein Vogel, man konnt' es sehen aus der Ferne, mit zween Köpfen, davon der eine nach links, der andere nach rechts schaute. Und jetzt wirbelte die Trommel, und als es still ward, dröhnte ein Ruf durch das ganze Heer, den mochte man auch, wer ein feines Ohr hatte, hören.

Da hielt Heinrich, wie in Ehrfurcht, seine Lederkappe, mit den Hahnenfedern darauf, in der Hand.

»Ihr seht, hohe Gräfin, dort ist nicht meines Weilens. Ihr aber seid in Sicherheit in minder denn einer Viertelstunde. Also gehen hier unsere Wege auseinander.«

Die Gräfin stand sinnend da und sprach lange kein Wort, als überschlichen sie vielerlei ernste Gedanken. Auch was sie nun sprach, das war, als spräche sie's zu sich; aber sie maaß dabei den Gesellen, und ihre Lippen warfen sich halb spöttisch, während doch trüber Ernst noch auf ihrer Stirn lagere

»Das also das Wunder, das die Heiligen fügten! Dies Heer sah der Räuber! Sieh, Lieber, und ich hielt Dich für den Paladin, davor die Schurken das Schrecken ergriff. Doch – nickte sie ihm freundlich zu, – Du thatest, was Du konntest.«

»Es thut Keiner mehr, als Gott zuläßt, edle Frau. Und, meine ich, was Wunder die Heiligen fügten, zu unserm Frommen, wir sollen's mit Dank hinnehmen.«

»Dein Dienst ist noch nicht aus,« sagte sie schnell. »Als mein Ritter und neuer Vasall geleitest Du mich hinunter. Es ziemt nicht für die Gräfin von Nordheim, allein und sonder Gefolge, in einem solchen Heer und vor ihrem Gebietiger zu erscheinen.«

Da er verlegen da stand, meinte sie, er scheue sich, als ein Freier aus dem Wald vor die Fürsten und ihre Richter hinzutreten; also sagte sie: »Du hast mein Geleit, und der Macht bin ich zu Gott noch, meine ich, daß ich Dir für Hals und Kragen stehe.«

Heinrich sprach: »Das ist's nicht, hochedle Frau; so Ihr mich gewürdigt, Euch zu dienen als Vasall und Mann, da wäre ich ein schlechter Gesell, so ich nicht Hals und Kragen einsetzte. Aber meinem Herrn und hohen Freund, dem Grafen Woldemar, der gefangen ist vom Feinde, dem habe ich's bei mir gelobt, daß ich ihn errette, und will nicht eher ruhen und rasten.«

»So laufe hin,« sprach sie verdrießlich. Man sah's, die Antwort verdroß sie, da sie so holdselig gegen ihn gewesen, und meinte, er, den sie so gehoben, müsse ihr nun folgen als der Schatten seinem Herrn. »So laufe hin und brich Dir den Kopf an den Mauern von Brietzen.«

Er erschrak, da er sie so zornig sah, aber er schwieg nicht. Er sprach davon, daß er ausgekundschaftet, wie der Baierherzog nach Frankfurt sich werfen wolle, dem an der Oder, und nehme die Gefangenen mit; unterwegs aber, da er Feld und Wege kenne, hoffe er in einem Hinterhalt auf sie zu stoßen und den Grafen von Anhalt frei zu machen. »Bis dahin, hohe Gräfin –«

»Soll ich hier auf Dich warten,« unterbrach sie ihn. »Bis dahin kommt die Nachtluft, mein ich; gieb mir die Schärpe wieder, ich möchte mich verkühlen, bis Du all Deinen Freunden aus der Noth halfst.«

Ach Gott, wie kühl, wie eiskalt traf das auf sein warm Herz, den armen Heinrich. Er glaubte es kaum, was er hörte, und wenn er dachte, wie holdselig noch eben die edle Frau zu ihm gesprochen, daß ihm das Herz laut schlug und's ihm im Kopf umging. Wie Männer sind zu Männern, das hatte er gelernt. Er streckte die Arme aus, als wollte er sie falten, oder der Gräfin Hand ergreifen; aber die zog sie zurück und hatte sich halb umgewandt. Schien's, als hätte die hohe Frau an dem Spiele Lust, ein Spiel, das dem Gesellen das Herz brach.

»O edle Frau, zürnet mir nicht, da ich nur meine Pflicht thue.«

»Du bist ein freier Mann, und ich entlasse Dich meines Dienstes,« sprach sie noch immer abgewandt; und wer sie sah, sah sie wieder lächeln; er aber sah's nicht.

»Thut's nicht, bei Gott, ich will Euch treu sein, und zu Allem gewärtig, so's nur nicht ist gegen meine Pflicht. Befehlt mir's, was Ihr wollt, und –«

»Du wirst Deinen Freund erst fragen, ob er nichts dawider hat, oder Dich nicht besser braucht. Grüß ihn, sage ihm aber, so er künftig edlen Frauen Hüter bestellt, möge er solche wählen, die wissen, daß einer Frauen Wille für einen Ritter das erste Gebot ist.«

Da brach dem armen Heinrich eine helle Thräne aus dem Aug: »Fraue, Gott verzeiht mir und mein edler Freund; aber so stellt mich auf die Prob und sagt mir, was Euer Wille ist. Ich thu's.«

»Zween Dinge will ich.«

»Sprecht!«

»Das erste, Du sollst Deinen Freund befreien, aber mit Fürsicht, daß es gelinge. Darum darfst Du nicht fortstürzen, als ein wüthiger Stier, und durch Deine Hast, was gut werden soll, zum Schlimmen wandeln. Ich will, daß Du meinen Rath hörst, und nach meiner Weisung handelst. Davon seiner Zeit. Willst Du's?«

»Ich will's.«

»Das zweite hat nicht Weil. Willst Du mein Ritter sein, mußt Du auf der Stelle fort.«

»Sprecht.«

Wer las die große Angst auf dem Gesicht des Gesellen! Aber die Gräfin lächelte und wies mit dem Finger seitwärts hinunter. Da kamen durch den Bruch am Fluß das Fräulein mit dem alten Konrad und Etlichen zurück, die sie ereilt. Aber ihre Thiere waren matt und scheuten am Wasser, und der Boden war sumpfig. Also wollte die Reiterin absteigen und über ein schwankend Brett zu Fuß über das Fließ, und schaute sich um, wem sie unter den wilden Gesellen die Hand reiche, daß er sie führe.

»Hinunter, mein Ritter,« sprach die Gräfin. »Daß die Hand eines guten Mannes mein Kind zu ihrer Mutter leite.«

Da hatte Heinrich auch kein Bedenken mehr, er stürzte als ein junger Edelhirsch den Abhang hinunter.

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