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Gutenberg > Willibald Alexis >

Der falsche Woldemar

Willibald Alexis: Der falsche Woldemar - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer falsche Woldemar
authorWillibald Alexis
yearca. 1870
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer falsche Woldemar
created20021220
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Eilftes Kapitel.

Der Sturm.

Engel des Friedens waren nicht bei der Gräfin, als wir sie eine Stunde darauf in ihrem Gemache sahen.

»So ist es,« sprach der Dechant Bruno. Er trug einen Reiserock über sein Habit, Sporen an den Hacken. Sein Gesicht glänzte nicht voll, seine Augen lächelten nicht süß.

Ihr Auge flammte unruhig wie die Kerzen, in denen die Zugluft spielte.

»Er kommt, aber er ist noch nicht da.«

»Er ist so gut als da, sein Name ist da. Der Graf von Anhalt sah blaß, Herzog Rudolf polterte. Einen Boten um den andern schickten sie gen Magdeburg. Sie schimpfen auf den Erzbischof – sie zweifeln am Kaiser.«

»Mit solchen Menschen im Bunde sein! Ich will auf der Stelle nach Berlin.«

»Das wäre gefährlich. Spandow hat die baiersche Fahne unverhüllt auf den Thurm gepflanzt. Die Frankfurter sind tollwüthig, Herrmann Wulkow macht Streifzüge durch's Land. Das ermuthigt die Einzelnen. Der Baier hat mehr Freunde als wir dachten, in den Herrenhäusern.«

»Nach Berlin, Bruno, ich will ihnen den Kopf zurecht setzen.«

»Dafür sorgt schon ein Anderer.«

»Wer?«

»Der Mann. Sie thun nichts ohne ihn.«

»Wer steckt hinter ihm? Mein Vetter, der Erzbischof, schwört Stein und Bein, er ist ihm fremd. Wer spricht aus ihm?«

»Das weiß Gott. Die Mehrzahl meint der Kaiser.«

»Der Kaiser ist ein kluger Mann, ein sehr kluger Kaiser. Aber hat er hundert Augen? Er weiß von Brandenburg so viel als Du vom Monde. Aber sie haben doch vielleicht Recht. Der Kaiser fand ein gutes Werkzeug. Ei, Euer Majestät! es giebt in diesem Lande noch klügere Leute, als die Euer Majestät bezahlt, um klug zu sein.«

»Der Mensch weiß Alles,« fuhr der Dechant auf. »Mögt Ihr's denken, so kennt er Eure Plane hier, daß er den Grafen von Anhalt drüben in's Gebet nahm. Der alte Albrecht wurde verwirrt und roth, wie ein Schulknab als er's ihm auf den Kopf zusagte, er spiele geheimes Spiel mit Euch. Was aus dem Bunde werden sollte, so Jeder nur an sich denke! Der Graf leugnete und betheuerte und gestand zu. Das Ende vom Liede war, er gab ihm sein fürstlich Wort, daß Brietzen und die Grenzstädte nicht seinem Neffen, sondern dem Manne huldigen sollten.«

»Schwachkopf! Nach Berlin, Bruno!«

»Und Ihr wollt Brietzen und die Städte lassen.«

»Gestern endlich gaben mir die Rathleute ihr Wort: die Thore nicht dem Manne und den Fürsten zu öffnen. Sie wollen sie dem rechten Herrn und Erben halten. – Dafür muß man sich für den Augenblick begnügen. Was schaust Du so bedenklich?«

»Eben, als ich zu Euch kam, sprach ich meinen Vertrauten, der im Rathe saß. Drei Stunden rathschlagte heut das Pack, wer der Rechte sei? – Gräfin, geht nicht nach Berlin, oder Eure Macht ist verloren. Sie öffnen dem Baier die Thore.«

»Wer war der Verräther?«

»Der Graf von Schwarzburg war im Geheim bei der Sitzung.«

»Günther! – Darum also! – Man sollte keinem Mann trauen. – Lauert noch eine Botschaft?«

»Nur der Rathschlag eines Freundes. Der baiersche Landeshauptmann hat auf dem Rückzug von Berlin Völker gesammelt. Er könnte sich hierher werfen, er wird sich hierher werfen, wenn er weiß, wen er im Netze fängt. Er kann morgen, er kann heut kommen. Trau einer diesen Bürgern.«

»Und wir!«

»Zwei Entschlüsse bleiben uns, Gräfin. Hier ist kein Schloß, in das wir uns werfen. Der Eine: Ihr laßt packen und satteln und noch in der Nacht brechen wir auf.«

Die Gräfin sprang auf: »Ich wähle den andern, wir bleiben. Wir müssen die Stadt halten, den Schlüssel gegen Sachsen. Wir müssen, Brietzen in der Hand, dem Kaiser entgegentreten.«

»Und Ludwig!« sagte der Dechant.

»Reden will ich ein Wort mit diesen Bürgerherren,« sprach die Gräfin, »ein Wort, das viele ausgleicht, die ich an ihrer Zähheit verschwendete.«

Der Octobersturm heulte stärker draußen; er hatte schon ihr Gespräch begleitet. Sie blickten lange schweigend vor sich nieder, denn sie hatten Viel und Wichtiges gesprochen.

»Keinen Augenblick Verzug,« schloß die Gräfin. »Sende hinaus in die Haiden, was er Männer auftreibt, damit bricht er durch die Thore. Du gehst inzwischen noch ein Mal zum Bürgermeister, höflich, fein. Wenn ich vor Blut und Brand schreckte, hätte ich das Werk nicht angefangen.«

Es war eine stürmische Nacht. Die Leute, die zu Bette gingen, kreuzten sich heute drei Mal. In den Lüften führten die Winde Krieg mit den Wolken. Oft fuhr es prasselnd in die Schlotte nieder, und stäubte die Asche weit in die Küche. Fenster wurden aufgerissen und Thüren zugeschlagen. Der wilde Jäger war's nicht; der haust nur in Gebirgen; aber eine Nacht war's für Diebe und Räuber, und für Belagerer, auf die Mauern zu klettern. Die hundert Wetterfahnen rasselten wie so viel Schilde und Harnische. Da schlichen Männer an den Häusern und klopften leis an's Fenster, und wenn die Bürger den Kopf raussteckten, sprachen sie leis mit einander. Und bald sah man Bewaffnete, aber sie trugen die Speere zu Boden, durch die Gassen ziehen. Und Stahl und Feuersteine blinkten gegeneinander, aber man sah kein Licht aufleuchten. Nur im Rathhaus flimmerten die Fenster des großen Saales und Gestalten in Mänteln schlichen hinein und heraus.

Nur da und hinter den kleinen Fenstern der Herberge brannte Licht, so sparsam, als leuchte eine Lampe am Bette eines Siechen. Aber das Lager der Gräfin war unberührt. Unruhig ging sie auf und ab, in einem Reiterüberrock, den Hut auf dem Kopfe. War sie krank, so war's ein Fieber, das, den es schüttelt, nicht niederwirft, es treibt ihn auf. »Noch kein Bote?« rief sie der Zofe entgegen, die mit ängstlichen Blicken eintrat.

Die schüttelte den Kopf: »Es sah Keiner den Dechanten.«

»Ist meine Tochter auf?« –

»Wie Ihr befahlt und fertig zur Reise. Aber die Leute unten in der Schenkstube schauen gar wunderlich auf, und sehen Einen an, daß man nicht weiß, was es soll. Als der Marschalk um die Zeche fragte, ging der Wirth hinaus. Die Wirthin brummte: das habe ja noch Zeit; vor dem Hahnenschrei reise nur der Dieb von Haus und Hof. Sie munkeln, daß von den Stellmeisern einer den Bürger draußen erschlug. Einer stierte mich an, als wollte er mich fressen, und zischelte meiner gnädigen Gräfin Namen. Sie wissen, daß die Banden in Euren Diensten stehen.«

Die Gräfin warf verächtlich die Lippe auf: »Morgen vielleicht, daß ich die Frauen dieser guten Rathleute zum Imbis lade. Wahrhaftig, ich vergaß es. – Sind meine Leute« –

»Alle in den Ställen. Satteln heimlich und rüsten.«

»Rufe den Marschalk!«

Die Dienerin ging. Der Gräfin Unruhe stieg. Sie lauschte am Fenster; die dichten Wolken, so der Sturm über den Horizont peitschte, verfinsterten die Straßen. Sie glaubte Fußtritte, Waffen klirren zu hören. – »Es ist bald Mitternacht.« – Der Sturm ward immer heftiger. – »Thorheit, was ist's! Wenn Blut fließt, was ist's für Blut! Und morgen ist's geschehn!« – Der Diener kam nicht, auch die Zofe blieb aus. – Sie wollte die Thür öffnen, als ein Geräusch sie zurückschreckte. »Der Wind hat einen Thorflügel zugeworfen.« – Aber viele dumpfe Stimmen dröhnten aus der Ferne. Sie lauschte – jetzt hörte sie's nicht – jetzt wieder. Es schlug Zwölf vom Thurm; der Wind kürzte und dehnte die Glockenschläge.

»Thorheit! dreifache Thorheit!« rief sie, sich ermannend. – »Ich fürchtete mich damals nicht. – Ward ich ein alt Weib!«

Sie wollte rufen. Aber die Stimme versagte ihr. Wer in der Nacht ruft, dem antworten Stimmen der Nacht. Sie ergriff den Leuchter und wollte auf die Gallerie, selbst sehen, was ihrem Willen im Wege stand. Da hüstelte es im Gange, und leise drückte eine Hand die Thür auf.

Es war nicht die Zofe, es war nicht der Marschalk, nicht der Dechant; es war ein Mann, den sahen wir schon. Im Schlosse der Gräfin trat er aus der Täfelthür.

»Du hier!« – Ihre Aufregung wich der Ueberraschung, aber der Schrecken wich nicht von ihrem Gesicht.

Er machte ein Zeichen zum Schweigen.

»Deine Nähe bringt mir nimmer Gutes. Ich befahl Dir, mit Deinem verhaßten Angesicht mir aus dem Aug zu bleiben!«

»Und doch ließt Ihr mich rufen.«

»Wo Du hingehörst. Auf die Mauer, an die Thore. Ist's geglückt?«

Er zuckte die Achseln.

»Unseeliger, was bedeutet Dein Kommen?«

»Gefahr.«

»Du bist mein Dienstmann.«

»Auf ein Jahr mit Mann und Roß; mit Sein und Willen. Darf nichts thun, als was Ihr heißt, und was ich thue, das thut Ihr. Aber der Dienst, den ich Euch jetzt thue, ist nicht bedungen im Vertrage. Ihr seid verrathen – die Bürgerherren umstellten längst Eure Schritte. – Den Dechanten fingen sie, er sitzt im Rathhaus. Das Thor der Herberge ist verschlossen; in der Wirthsstube sitzen Gewappnete. Eure Knechte sperrten sie in die Ställe; wer das Maul aufthut, dem drohen sie den Schädel einzuschlagen. Euern Marschalk schmissen sie in den Keller, die Thür zu, ein Riegel vor. Item, Ihr seid ohne Diener und ohne Freunde, und wärt ohne Botschaft, so ich mich nicht durchstahl.«

»Gefangen!«

»So scheint's beinahe.«

»Wer gab ihnen die Frechheit!«

»Fragt die Baierschen. Man hört schon ihre Harnische auf der Straße klirren.«

»Du bürgtest mir –«

»Was ein Weib unternimmt, da bürge ich nie für den Ausgang. 'S wird niemals, was es soll, Gräfin. Euer Gemahl damals starb zu früh, ich meine ohne Noth. Er wäre auch ohnedem gestorben. – Einen Markgrafen wolltet Ihr – nun was Ihr dafür habt, Ihr wißt's. Itzt wolltet Ihr diese Stadt. Handeltet zu früh, und rieft mich zu spät. Wo sollte ich meine Leute in den wenig Stunden aus den Haiden zusammentreiben! Die Mauern sind hoch, die Bürger vom Kopf bis zur Zeh in Eisen.«

»Josef Maria! was ist das!« rief die Gräfin am Fenster. An der Quergasse blitzte heller Waffenglanz. Es ward, was der Sturm zu hören erlaubte, in der Stadt lauter und lauter.

»Du kommst nicht um nichts,« fuhr sie den Hauptmann an. »Sprich und handle. Den sichersten Weg führe mich fort.«

»Hier ist ein Mantel, ich könnte Euch die Seitentreppe hinab bis an das Pförtlein führen. Gefährlich ist freilich der Weg.«

»Als Flüchtige, als eine Bettlerin vor'm Kaiser erscheinen!«

»Besser gewiß, so Ihr ihm die Stadt überliefert!«

»Löse Deine Zunge, hinter Deinen Blicken lauert noch ein Rathschlag.«

»Hört die Trompeten – wahrhaftig es antworten schon die Trommeln. Die Thorbalken rasseln.«

»Gebenedeite Mutter Gottes, nur nicht in seine Hände!«

Der Stellmeiser griff ihren Aermel: »Flucht wär auch schon zu spät. Wollt's wagen?« – Sein Gesicht grinste von häßlicher Lust. »Ein gut sicher Häuflein birgt sich in den Hinterhäusern, Andre stehen draußen. Einige Knechte hier sind heimlich mein. Gilt es, Gräfin, ich wagte etwas; versteht mich wohl. An Kopf und Kragen geht es. Für mich wagt ich's. Um Lohn thut man's nicht. Diese Silberpfeife giebt einen hellen Ton, dies Licht, auf's Dach getragen, einen noch hellern Schein. Er ruft meine Leute.«

»Deinen Preis?«

»Die Stadt.«

»Die Stadt?«

»Die wollt Ihr selbst. Ohne Sorge, wir verständigen uns schon. Die Mauern neid ich Euch nicht. Ihr mögt die Knochen dem Kaiser übergeben. Ich will das Fleisch.«

»Blutlechzender Tiger!«

»Kein Fleisch ohne Blut. Das Nest ist reich, und grade jetzt vollgespeichert. Wär's auch nicht, die Väter dieser edlen Rathsleute waren's, die mich – doch was gilt Euch das. Wollt Ihr? Ich bin der Mann.«

»Ihr Blut kommt auf meine Seele.«

»Freilich. Ein Dienstmann thut nur, was sein Herr befiehlt.«

»Nimmermehr!«

»Könnt ja nachher Opferkerzen anzünden, für die Bürgerseelen Messe lesen lassen. Eure Hände lassen sich noch weiß waschen.«

»Ihr Heiligen im Himmel!«

»Die hören's nicht vorm Sturm. Wenn die Flammen durch die Wolken schlagen, daß sie's sehen, ist's geschehen.«

Er schlug den Mantel über die Schultern und hielt die Pfeife an die Lippen:

»Auf dies Zeichen sprengen meine Freunde die Thüren der Ställe und Keller. Haben wir das Haus besetzt, zünd ich die Fackel an für die Andern.«

Die Gräfin schwankte: »Ja – nein.«

Der Stellmeiser ließ den Mantel fallen. »Als Euch beliebt. Ludewig wird doch nicht Euer Blut fordern, als Ihr seines. Mit schönen Frauen nimmt er's nicht so genau.«

Krampfhaft griff sie in die Luft, als wolle sie ihn festhalten.

»Stoß in Dein Horn! vollaus! – Gott sei mir gnädig!«

Sie hörte mit zugepreßten Augen, die Arme starr vor sich gestreckt, einen langen, gellenden Ton. Er schnitt ihr durch die Seele, er bebte durch ihre Glieder. Sie hatte wieder die Augen auf und sah doch nichts. Die Thür schlug zu. Er war fort. Da pulste wieder das erstarrte Blut, sie athmete auf; sie stürzte ihm nach, sie wollte auf die Gallerien, aber die Thür war zu. Vergebens drückte, stieß sie – die Thür blieb fest. Sie hatte im Schreck vergessen, daß die Thür nach innen aufging. Sie rief, sie schrie. – Wer hörte in dem Sturmgeheul, in dem Waffengeklirr; die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten. Es krachte auf dem Hofe, Geheul, Brüllen, Jubelgeschrei, Schmerzenslaute. Das Haus bebte unter ihr, als habe der Sturm, der in den Lüften sauste, sich in die untern Räume geworfen und wühle in den Kellern und rüttle an den Mauern, die es hielten. Die Dielen zitterten unter ihren Füßen, als wollten sie sinken.

Auch sie fühlte sich zum Sinken. »Jesu Maria! und meine Tochter!« Sie stürzte an's Fenster. Sie riß es auf. Da war es plötzlich wie ein Mährchen. Die dunkle Straße war heller worden. Tausend Lichter und Lampen flimmerten an den Fenstern. Kopf an Kopf unten, Blechhauben, Helmbüsche, Pieken, Schilde. Der Lärm, die tausende von Stimmen überschrieen den Sturm.

Sie löschte die Kerzen in der Stube aus, daß Niemand sie von unten sehe. Sie lehnte erschöpft auf den Tisch, sie sank in den Sessel. Die Sturmglocken dröhnten durch die wüste Nacht. Stärker und stärker, als müßten sie die Mauern sprengen.

»Und du hier allein – hülflos – eingekerkert – vergessen – du die Ursach von Allem – du die Lenkerin dieser furchtbaren That!«

So raunte ihr eine Stimme zu. Dann rief eine andere klagende Stimme: »Mutter, Mutter! um dich das Alles! Mutter verlaß nicht deine Tochter!«

Keines Menschen Stimme drang durch das Getöse. Es waren die Geister in ihrem Busen.

Aber andere Stimmen sprachen nun über ihrem Haupte. Es regte und bewegte sich, als wolle das Dach sich heben, es sauste, wogte und knisterte, und der Mörtel bröckelte von der Decke.

Wieder war alles anders. Die Lichter, die vorhin in die Straße schienen, waren matt gegen den rothen Gluthschein, der die Giebel und Dächer anleuchtete. Mordgeheul, klirrende Lanzen, sausende Schwerter. Gefecht und Metzelei. »Nieder mit den Räubern!« – »Schlagt die Mordbrenner nieder!« – »Hoch Baiern!« – »Hoch der Markgraf!«

Die Stadt brannte. Die Flammen, die aus den Schilfdächern mächtig prasselnd die Wolken rötheten, warfen ein gräßlich Licht auf den Kampf. Eine hohe Rittergestalt, in blankem Harnisch, sprengte, das Schwert überm Haupte, durch die Gassen. Flucht vor ihm, Sieg war hinter ihm. Vor der geschlossenen, ehernen Mauer seiner Reiter hielten die Feinde nicht Stich.

Vorm Rathhaus hielt der Ritter und überschaute mit Feldherrnblick das wüste Schlachtfeld: »Sei mir Gott gnädig, wo ist Euer Feind?« rief er die Rathsherren an, die auf der Treppe standen, »so er nicht in Euern Häusern steckt. Von den Rossen die Reisigen! Abgesessen Ihr Herren! Betkin Osten rechts! Friedrich, Du links! Ihr dort! Hier müssen die Bürger die Ritter führen!«

Und in Sturmeseil kamen sie des Feldherrn Befehl nach, Reisige und Ritter und Vasallen verteilten sich in die Gassen, und stürmten in die Höfe und Häuser. Aber die Flammen beleuchteten ein neues Schauspiel. Wie wenn eine Feuersbrunst vom ersten Angriff bewältigt scheint, und mit einem Male lodert sie heftiger auf, und die Flammen schlagen, der eitlen Arbeit spottend, mit Macht gen Himmel. Feinde auf's Neue! Feinde überall. Auf ihren Rossen sprengten sie durch's Getümmel. »Hier ist Brandenburg! – Hier ist Anhalt! – Zu uns, Bürger!« – Verwirrung. Zaudern. Der Bürgermeister ließ alle Trommeln rühren, die Bürger wieder zu sammeln, die auf den Dächern löschten und in den Häusern mit ihren Verderbern kämpften.

»Hier Brandenburg! Tod den Fremden!« rief eine kraftvolle Stimme, und Heinrich, vom Pferde gesprungen, flog die Treppe hinauf, die Rathmannen zurückstoßend. Die Fahne von Anhalt wehte im Flammenschein auf dem Söller.

»Ein Schurke, wer sie anrührt!« und er saß wieder zu Roß und er stürmte seinem Freunde nach, der die Gassen räumte.

»Die Fürsten von Anhalt«, lief es durch die Bürger, »sind eingedrungen. Wir sind verloren. Ihre Völker sind zahllos!«

Aber der Baier, als er's vernahm, schwang sein Schlachtschwert in den Lüften: »So Gott Dank, Ihr Herren! Mit Rittern ist's besser kämpfen, als mit Gesindel.«

Da erst brach ein Kampf los. Pfeilregen von den Dächern; Funken und Asche fielen auf die Köpfe und sättigten das rauchende Blut auf der Erde. Vorwärts und zurück wogte das Getümmel, lange unentschieden. Es waren gute Leute hüben und drüben.

»Die Fahne von Anhalt!« schrie der Baier, der sie flackern sah über dem Rathhaus. »Mein Freund, wer mir die bringt!«

Die Ritter um ihn wetzten die Zähne und setzten die Sporen in die keuchenden Thiere. Die Pfeile und Steine, so Die aus den Fenstern, die dort eingedrungen waren, auf sie schleuderten, thaten ihren guten Stahlrüstungen wenig.

Die Glocken stürmten, die Hörner schmetterten, umsonst. Sie riefen keine neuen Völker für die Bedrängten; sie waren versteckt und gehorchten nicht einem Führer.

Da machte sich mit blutender Stirn der Bürgermeister, die Fahne von Anhalt über dem Haupte schwingend, Platz durch das Getümmel zum Anführer: »Hier ist die Fahne, hoher Herr! Wir sind Deine Freunde.«

Der Feldherr ergriff sie und schwenkte sie in die Lüfte: »Das soll Dir gelohnt sein, treuer Mann. Gott und das Recht für Baiern.«

»Aber die Hexe, wo ist sie!« rief Niclas Köckeritz.

»Wo ist sie.«

»Die Herberge brennt! – Sie brennt!«

»Gott sei dafür! Das wäre zu arg, daß eine Frau verbrennt!« rief der Anführer. »Ihr Herren bedenkt, daß Ihr Ritter seid.«

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