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Gutenberg > Willibald Alexis >

Der falsche Woldemar

Willibald Alexis: Der falsche Woldemar - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer falsche Woldemar
authorWillibald Alexis
yearca. 1870
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer falsche Woldemar
created20021220
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1842
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Zwölftes Kapitel.

Magdeburg.

In Magdeburg waren große Feste. Die Ställe der Herbergen standen voller Rosse, die Höfe voller Wagen. In der Gasse wimmelte es von Menschen; so Fremden, welche die Stadt schauen wollten, und ihre Merkwürdigkeiten, als von Bürgern und heimischem Volk, das sah sich die Fremden an, und ihre reiche Kleidung und ihre bunten Aufzüge. – Magdeburg ist eine alte deutsche Stadt. Sie ist die Hauptstadt des Sachsenlandes. Von ihr ging aus das deutsche Recht in die Städte, die im Lande der Wenden erwuchsen. Und wo ihnen das Recht ausging, sie holten es wieder vom Schöppenstuhl zu Magdeburg. Der war durch alle Welt berühmt, wo deutsche Zunge gesprochen ward. Und der Magdeburger Gewerbfleiß und ihre Reichthümer wurden durch den Handel, der von je an hier blühte, weithin versandt, durch alle slavischen Lande, bis zu den Griechen, das sind die moskowitischen Reußen, ja bis nach Asien, und zu den Schweden und Finnen. Ein Kaufherr in Magdeburg, das war ein Mann; und ihre Kaufläden in den langen, krummen Straßen, mit den hohen und schönen Gibelhäusern, die strotzten so voll von schönen, kunstreichen und seltenen Dingen, daß die Leute aus Berlin und Prenzlow wohl Stundenlang davor stehen mochten, und das Maul aufsperren, und konnten sich doch nicht satt sehen.

Alles, was in Deutschland gefertigt und erzeugt wird, durften die Magdeburger in's Slavenland fahren zum Verkauf von Alters; nur nicht Helme und Schilde, nicht Schwerter und Lanzen, und was einen Mann waffnet auf deutsche Art. Das hatte ihnen untersagt Kaiser Karl der Große. Damit die Wenden nicht deutsche Waffen führten gegen die Deutschen. Nun aber das Slavenland deutsch geworden, und die Marken des Reiches hinausgerückt waren, weit hin, zur Oder, und drüber bis zur Weichsel, führten die Magdeburger gar oft deutsche Waffen in das ehemalige Land der Wenden. Nicht zum Verkauf, sondern zum Schlagen. Die Magdeburger und die Märker waren böse Nachbarn geworden, und wo in Brandenburg etwas los ging, waren die Magdeburgischen dabei und zur Hand, und ihr Oel gossen sie nicht in die Wunden, sondern ins Feuer. Die Brandenburger gaben's ihnen zu Zeiten wieder. Das glich es aber nicht aus, es mehrte nur den Unfrieden.

Wer das reiche Magdeburger Land sieht, der weiß wahrhaftig nicht, was große Lust sie haben konnten nach unsern dürren Sandfeldern und kalten Seen, nach unsern Schlössern, die waren nicht reich und schön, und nach unsern Städten, die mußten die großem Steine selbst zu ihren Kirchen von den Magdeburgern kaufen. Aber Reichthum macht stolz, und wer viel hat, will noch mehr. Sie hatten doch einen Fluß, den größten im deutschen Lande, ohne Donau und Rhein, und sie hatten das Stapelrecht, und was auf der Elbe gefahren kam, aus Meißen und Böhmen, und das, was aus der Nordsee und von Hamburg kam, mußte bei ihnen auslagern und Markt suchen. Das zog viel Hunderttausende jährlich nach Magdeburg. Und dazu hatten sie ihre Kirchen und Klöster und den herrlichen Dom, an dem hundert und fünfzig Jahr gebaut worden, und darüber; und Heiligthümer und Reliquien, die zu schauen die Frommen aus allen Weltenden herbeiströmten; und ihr Erzbischof, der der Erste im Reich war nach den Dreien von Mainz, Köln und Trier, hielt einen fürstlichen Hof und zahllos waren seine Vasallen, und reiche Städte standen unter dem Erzstift; und dieser Erzbischof hatte ihnen die Heermesse gegeben, zu Ehren des heiligen Märtyrers Mauritius oder Moriz, und zur Zeit, wo sie anhub, strömte es von nah und fern herbei, um dem Hochamt beizuwohnen und den Processionen und dem Markt, der dann gehalten wurde, und es ward so viel Geld da gelöst, manches Fürstentum wär' dafür feil.

So viel hatten die Magdeburger, und konnten so viel gewinnen, und waren doch nicht zufrieden. Aber der Ursachen giebt's mannigfache, warum Bürger und Völker nicht zufrieden sind. Den Einen geht es zu schlimm, den Andern zu wohl. Hätte man einem Magdeburger gesagt, daß es ihm wohl gehe, er hätte dir eine ganze Litanei vorgeklagt, und es war nichts erlogen. Wie stritten sie sich und vertrugen sich mit ihrem Erzbischof. Bald durft' er nicht in ihre Mauern hinein, und wo er sich blicken ließ, warfen sie ihm Steine an den Kopf; bald waren sie ein Herz und eine Seele, und wollten ihn nicht von sich lassen und lösten ihn mit schwerem Gelde, wenn er gefangen war von den Feinden. Dann stritten sie mit dem Adel, der ringsum saß, ließen sich von ihm zwicken und zwacken, und ihre Heerden forttreiben, und brannten ihm dafür seine Dörfer nieder und zerstörten ihm seine festen Schlösser. Und dann waren sie wieder mit ihm einig, und stritten in einer Reihe wider die Nachbarn in Sachsen, Braunschweig und Brandenburg, oder machten verschlungene Hände gegen einen Erzbischof, der ihnen beiden zuwider war, so Adel als Bürgern. Aber wäre nur in der Stadt selber immer Friede gewesen! Da hoben die Zünfte ihre Arme auf wider den Rath, lästerten, schrieen, und Lanzen und Pickelhauben dröhnten durch den breiten Weg und um den neuen Markt. Da vertrieben sie ihre Geschlechter, aber die Geschlechter kamen wieder, und drückten ihre eisernen Hände auf die Gemeinen. Da, so der Stadt Uebles widerfuhr, Kriegsnoth, Pest, Bann, Theurung, Hungersnoth und Ueberschwemmung, und die Ungeduld fuhr in sie, die sonst stark waren in der That und in der Ausdauer, wußten sie's allezeit Einer auf den Andern zu schieben; und es setzte blutige Köpfe; ja sie haben sich nicht allein ausgetrieben, geächtet und geschlagen, auch Scheiterhaufen richteten sie auf dem Markte auf, und die Ueberwundenen wurden verbrannt. So hat's oft den Anschein, daß Einer glücklich ist, und in seinem Hause sieht's schlimmer aus, als bei dir selbst. Und wahrhaftig, es waren Wenige im deutschen Reich, die nicht die Magdeburger beneiden durften; und es galt wohl von ihnen das Wort: Wem zu wohl ist, dem thut auch der Floh weh.

Was die vielen Fremden diesmal in die Stadt geführt, wußte eigentlich Niemand. Es war Friede seit Kurzem, und ein feiner und kluger Herr saß auf dem Fürstenstuhl, Erzbischof Otto; der war ein geborener Landgraf zu Hessen. Zur schlimmen Zeit war er gewählt worden, als der Bann aus Rom über dem Stifte und der Stadt schwebte, und Theurung und große Noth Stadt und Land drückte. Er hatte, was an ihm, das Schlimme wieder zum Besten gekehrt; und war's ihm gelungen, daß der Bann wieder gelöst wurde, was jedoch der Stadt schwere Kosten gemacht. Und dieweil er die Bürger gewähren ließ, in ihrem alten Streit wider den Rath und Geschlechter, was dahin endete, daß, vom Jahre 1330 ab, die Rathmannen nicht mehr aus den Geschlechtern, sondern bis auf zwei aus der gemeinen Bürgerschaft gewählt wurden, worauf viele Adelige und Geschlechter, die damit unzufrieden waren, die Stadt auf immer verließen. Derweil er also darin dem Willen der Bürger nachgab, und sich Liebkind bei ihnen machte, wußte er's geschickt anzufangen, daß sie um die eine Freiheit, so er ihnen gab, die andern einbüßten. Nämlich: um die Mühe, die er sich genommen, sie vom Banne los zu machen, mußten sie ihm huldigen, und sie thaten es dazumal gern, und bedachten nicht, was sie einbüßten. Die Magdeburger wären ohnedem reichsfrei geworden, als es manche bischöfliche Stadt wurde, und Bremen und Lübeck sind es noch.

Erzbischof Otto war fein und klug, er war aber auch streitbaren Sinnes; nicht so, daß er Händel anfing aus Lust an Händeln und drauf losschlug, wo ein Anderer die Faust aufhob. Ehe er das Schwert aus der Scheide zog, hatte er scharf zugesehen, wie stark der Andere war, und was er hinter sich hatte. So war's ihm gelungen, daß er dem Stifte wieder gewann, was unter seinem Vorgänger verloren gegangen, und noch mehr. Es war keine Fehde mit den Braunschweigern und mit den Meißenern, noch wer seine Nachbarn waren, wo nicht das Stift eine Stadt, ein Schloß, ein Ländlein gewann. Verstand er aber im Krieg zu handeln, daß er allzeit zu seinem Vortheil ausschlug, so noch geschickter, wo es Kaufen und Tauschen galt. Da wuchs unter seinem Regimente des Stiftes Ansehen, und manche große Dinge wurden in Magdeburg verhandelt, und wo er zugegen war, daß Fürsten tagefahrteten. Ja, wo er ein Fest besuchte und eines gab, da meinten die Leute, es müsse etwas dahinter stecken. Ohne Absicht that er Nichts.

Nun war Friede, als ich gesagt, für die Magdeburger. Nicht die Bürger, nicht der Adel, nicht der Bischof hatten Fehde. Die vielen großen Herren, um was mußten sie in dieser Woche grade den Erzbischof besuchen? fragten die Bürger. Vom Kaiser aus Böhmen waren Boten eingetroffen, Andere waren dahin geritten. Also meinten sie, es gelte etwas Großes, und riethen auf den Römerzug, den Kaiser Karl IV. vorhatte, und die vom Hofe widersprachen dem nicht. Ein Römerzug kostet immer viel, und hat nie dem deutschen Lande etwas eingebracht.

Da standen auf dem Markte Mehre beisammen, unfern von dem steinernen Bild, das sie dem großen Kaiser Otto zu Ehren gesetzt, welcher vor Alters die Stadt insonders geliebt, und sie mit schönen Kirchen und Klöstern ausgestattet, und ihr Privilegien und Freiheiten geschenkt, mehr als einer Stadt in Deutschland. Und sein Weib, Kaiserin Editha, von Engelland, ruht noch daselbst in der Gruft im Dom, weil sie im Leben Magdeburg mehr als eine Stadt in Deutschland geliebt, denn es dünkte sie dort, als sei sie in ihrem London, und die Gegend an der Elbe sei wie die an der Themse. Dort standen Viele beisammen, und mußten Platz machen, denn ein Reiterzug, mit Trompeten voran, ritt vorüber, und ein alter stattlicher Herr nickte dem Volk, wo sie ihn grüßten. Er war Herzog Rudolf von Sachsen, und der ihm zur Seite ritt, war der alte Graf von Anhalt Dessau, auch in einem fürstlichen Gewande. Beide ritten zum Mittagtisch, es sollte hoch her gehn an des Bischofs Tafel. Alle Pfeifer und Geiger aus der Stadt waren dazu beschieden.

Da, wo Einige den Herren Freudiges zuriefen, zischten Andere. Das ist so Menschenart. Wo war unter so Vielen Einer, dem nicht der oder jener von den Herren ein Leid angethan, oder er hatte es durch seine Leute erfahren. Und wo Die ihm langes Leben wünschten, schrie Der ihm zu, daß er sich den Hals breche. Die Fürsten machten sich nichts draus oder lachten. Wer hätte einem freien Bürger das Maul verbieten wollen! Ja heut, wo Alles gedruckt wird, was man denkt, ist man im Sprechen fürsichtiger. Hätte man das alles schwarz auf weiß zu lesen, was dazumal gesprochen und geschimpft ward, gegen die Fürsten und Magistrate, sie glaubten die Welt müßte untergehn. Und sie stand sicher und fest, und die Herren und Obrigkeiten schickten sich und waren zufrieden, und ihr Ansehn war groß.

Da wurden allerhand Meinungen zu Tage gebracht; an den Römerzug wollten die Wenigsten glauben: »Wann sammelten sich die Fürsten, sprach Einer, zu einem Römerzug in Magdeburg? Welschland liegt gen Mittag und Magdeburg gen Mitternacht.« Andere wollten es doch von wichtigen Personen gehört haben, die am Hofe des Erzbischofs sind.

Jener lachte: »Um deswillen, so ichs vorher geglaubt hätte, nun glaubte ich's nicht. Was ein Pfaff im Schilde führt, das vertraut er nicht seinem Koch und Kellermeister. Denkt an den Burchard! Was der sagte und versprach, da kam man immer zurecht, so man das Gegentheil glaubte; und wenn er einen Eid leistete auf Heiligengebeine, da wußte man, er würde ihn morgen brechen.«

Die Andern schwiegen und sahen ernst aus. Es that nicht gut, an den Erzbischof Burchard zu erinnern, um den die Magdeburger in Bann und Interdict lagen, und erst vor wenig Jahren waren sie losgesprochen. Er hatte sie geplagt und betrogen, und gebrandschatzt und geschunden, Einen um den Andern, Bürger und Rath, und Vasallen und Adel und sein eigen Domcapitel, bis sie sich alle zusammen gethan, und schwere Vergeltung an ihm geübt. Sie hatten ihn gefangen genommen und Alle auf die Reliquien geschworen, ihn nicht wieder frei zu geben. Und den Eid hielten sie. Der Burchard sah nicht mehr das Licht der Sonne. Vom Rathhaus ward er fortgeschleppt in ein Gewölbe und vier wilden Gesellen übergeben, die sollten Wärter des Eides sein, den die Bürgerschaft sich gethan. Die Gesellen lachten höhnisch, und schworen's, der Eid solle ihrer sein. Dann rissen sie ihn in einen Keller hinunter, und schlugen ihn mit einem Eisenriegel todt. Er hatte es verdient, aber es kam der Stadt schwer zu stehn.

Ein alter Mann sagte nach einer Weil: »Es wär besser worden um Magdeburg, so wir bei unserm ersten Schluß wären stehen geblieben. Blut fordert Blut und ein Mord ist nimmer gut.«

»Was war das?« fragten Einige; denn die Sache war nun drei und zwanzig Jahr alt. Der Bürger erzählte es ihnen, daß die Meister in den Gewerken damals, und die Rathmannen hatten's gebilligt, einen Käficht zimmern wollten von Balken. Der sollte auf freiem Markte stehen und da hinein wollten sie den Burchard sperren, ihm zum Hohn und der Stadt zur Genugthuung, daß sie ihn preßten, als er sie gepreßt. Da wäre kein Blut geflossen und die Sache wäre gut geworden. Denn der Erzbischof im Käficht wäre Erzbischof geblieben, und hätte ihnen Alles zugestehen müssen, was sie von ihm forderten. Da stimmten Mehre bei, und die finstern Gesichter wurden wieder fröhlich. Zumal als ein Anderer sie an den Käficht erinnerte, den die Bürger, es war nun auch beinahe hundert Jahre her, für den Markgrafen von Brandenburg gezimmert, den sie bei Frose in der Schlacht gefangen genommen, und das sei ihnen so gut ausgeschlagen.

An gute Dinge, die einer Stadt Ehre bringen, sind die Bürger gern erinnert. Darum traten sie zusammen und horchten Einem zu, der Denen um ihn den Vorfall erzählte, und weil immer mehr kamen, die es hören wollten, mußte er immer wieder von vorn anfangen. Man sahs ihm aber an, er that es gern, und wußte sich etwas; denn er war angestellt im Keller des Erzbischofs. Darum dünkte er sich mehr, und hatte auch wohl vom süßen Weine mehr getrunken als nöthig war.

»Das sind just siebenzig Jahr her, ihr Leute. Und die Brandenburger stänkerten in unsre Sachen. Ihre Markgrafen wollten uns einen ihrer Brüder zum Erzbischof aufdringen, der hieß Erich. Das Domkapitel und die Magdeburger wollten den Erich aber nicht. Warum nicht? Weil wir wollen ihnen Markgrafen machen, die uns gefallen, aber sie sollen uns keine Erzbischöfe machen, die uns nicht gefallen. Also grade darum, und aus keiner andern Ursach wählte unser hochwürdiges Kapitel den Günther zum Bischof, der war ein Graf von Schmalenburg. Der verstand's und gab's ihnen, daß sie sich kümmern sollten, um was sie angeht. Da verschworen sie sich mit aller Welt; ihr Markgraf Otto, das war ein Ketzer, just als wie ihr jetziger Markgraf ist, der rückte mit einem Heere auf, wie man's noch nicht gesehen hatte an der Elbe, und verschwor sich hoch und theuer, zu Abend wolle er seine Rosse saufen lassen im Dom, und die Domherrn sollten ihnen den Hafer aus ihren Händen reichen. So sprachen die Brandenburgischen; und Viele in der Stadt fürchteten sich. Aber unser hochwürdiger Erzbischof, Gott habe ihn selig, der ergriff die Fahne des heiligen Moriz und trat auf den Markt und redete zu den Bürgern, daß ihnen das Blut im kalten Januar zu Feuer wurde, und sagte ihnen, was der Markgraf gedroht, und zeigte auf den heiligen Moriz, daß er es nicht dulden werde. Und Alle riefen mit einer Stimme: »Er wirds nicht dulden!« und rüsteten sich und zogen aus, Kinder und Alte mit; so viel streitbare Männer sah man nie aus Magdeburgs Thoren ziehen. Und bei Frose ward eine Schlacht geschlagen, die war heiß. Der zugefrorne Boden thaute auf und rauchte. Die Elbe floß roth nach Magdeburg von Brandenburger Blut, und wie das Wasser roth, so kam der Markgraf weiß nach der Stadt. Weiß vor Schreck und Angst. Denn er kam nicht als Sieger, sondern als Gefangener. Sein Roß ließ er nicht saufen im Dom, denn er hatte keins mehr, er mußte zu Fuß durch die Straßen nach dem Markt. Und sie betteten ihm nicht im Schloß unterm Thronhimmel, er mußt' auf Stroh liegen unter Gottes Sternenhimmel. Aber Musica hatte er. Denn sie zimmerten bei Fackelschein unter seinen Augen einen Käficht aus Balken, und sangen ihm Spottlieder. Und als der erste Hahn krähte, war er fertig, und der hochnäsige Markgraf mußte hinein. Wie lange er drinnen saß, ob's Wochen waren oder Monate, das weiß ich nicht; aber das weiß ich, ihm ward's zu lang, und es gefiel ihm gar nicht, daß die Magdeburger ihn sahen, Morgens und Abends, und was er that und verrichtete, und ihm Gesichter schnitten, und ihn fragten, wann er denn in den Dom reiten wolle? Seine Vasallen kamen auch nicht, um ihn zu befreien; also mußte der hochmüthige Herr zu Kreuze kriechen. Und nun kam seine Frau, die Markgräfin, und sie verhandelten ums Lösegeld. – Bis dahin war alles gut; doch nun kam's nicht so gut. Denn gegen Weiberlist schützt sich Niemand. Die Frau Markgräfin ging scharwenzeln umher von Domherrn zu Domherrn, von den Bürgermeistern zu den Rathsherren, und wimmerte. Zehn tausend Mark das wäre zu viel. Sie hatte Recht; ich gäbe auch nicht so viel um einen Markgrafen von Brandenburg. Sie könnten's nicht aufbringen im ganzen Land. Das glaub ich wohl. Die Kirchenmäuse drüben! Sie müßten ihre Glocken einschmelzen, ihr Kirchengeräth in die Münze schicken, sagte sie. Thuts! hätte ich geantwortet. Aber, wie gesagt, die Frau kriegte die Domherrn rum, Einen um den Andern. Weiß nicht, was sie ihnen dafür geboten hat. Kurz, er wurde losgelassen, der Markgraf, auf sein Ehrenwort, und sollte vier tausend Mark zahlen. Und glaubt Ihr's mir, nicht mal vier tausend Mark konnten sie aufbringen im ganzen Land. Da sollten die Vasallen und Städte Beede zahlen; ja sie hatten keine Lust. Und hätte nicht ein alter Edelmann, der hieß Buch, dem Markgrafen in irgend einem Winkel einer alten Kirche einen Geldkasten entdeckt, worin des Markgrafen seliger Vater einen Schatz zusammengespart, wir hätten noch heut in Magdeburg das Ehrenwort in unserm Kasten, und's gäbe in Brandenburg keine Ehre. Was wär's. Sie brauchen keine! – Und nun, als er sie aufgezählt die vier tausend Mark, fragte er den Erzbischof, ob er ganz frei sei? Unser Herr sagte ja! bei seinem Worte. Da lachte der Markgraf hell auf und rief: »Ihr Magdeburger wisset nit einen Markgrafen von Brandenburg zu schätzen. Denn so Ihr das gewußt, hättet Ihr mich auf ein Pferd setzen lassen, und mit gehobenem Arm hätte ich eine Lanze halten müssen. Und nun hättet Ihr fordern müssen, daß ich so viel Geld ausschütten ließ, bis die Spitze meiner Lanze nicht mehr zu sehen war. Das hätte der Mühe gelohnt, daß Ihr mich gefangen nahmt. Denn so viel bin ich werth.« Und lachte uns aus und ritt fort. Und den hochwürdigen Erzbischof verdroß der Schimpf, den ihm der Markgraf angethan, dermaßen, daß er den Bischofstab von sich that und drauf starb aus Aerger. Wißt Ihr, der Schimpf sitzt noch auf uns. Aber so wir wieder einen Markgrafen fangen, wir wollen ihn besser einsperren.«

Da lachten sie. Einige nur sahen sich bedenklich an; denn sonder Absicht sprach das der bischöfliche Mann nicht.

Ein junger Gesell, der nicht weit davon stand, lachte nicht. Vielmehr hatte er verdrießlich zugehört. Er war fremd hier, das sah man ihm an. Er trug ein braun Lederkoller und eine solche Kappe auf dem Kopf mit Eisen beschlagen; und war auch sonst gut bewehrt. Doch mocht er grad kein Kriegsmann sein, noch einem Ritter dienen, denn die trugen sich anders.

Der Bursch trat an den Bischöflichen und fragte ihn: »Was würdest Du mit ihm anfangen?«

Der hätte nun wohl sehen können, daß Einer vor ihm stand, der nicht mit ihm spaßen wollte, und Einer zugleich, mir dem Niemand gern Händel anfängt, wer seine Haut lieb hat. Aber entweder war's der Wein, oder die Zuversicht, weil er vom Hofe war und bei den Bürgern was galt. Also antwortete er grob:

»Einsperren ihn in den Käficht. Und wer bist Du, der das Maul verzieht, als ständ's ihm nicht an?«

»Ein Brandenburgischer, sprach der Andere, und hast recht, mir steht's nicht an, daß Du einen Markgrafen verredest, der ein guter Brandenburger war.«

»Da Du brandenburgisch bist,« antwortete der Böttcher, »will ich Dir einen guten Rath geben: Nimm Deine Beine unter die Arme und lauf was Du kannst, denn die Brandenburger haben hier nichts zu suchen, als Schläge.«

Der Fremde antwortete noch ruhig, aber er beugte sich mit dem Oberleib über, und hielt die Ellenbogen so rührig, daß man wohl spüren konnte, was daraus kommen sollte:

»Meister, Du irrst. Wir suchen nicht Schläge, aber wo wir hinkommen, bringen wir sie mit. Da Du mir einen guten Rath gabst, will ich Dir nichts schuldig bleiben: Widerruf's auf der Stelle was Dein Lästermaul sprach, oder ich will Dir ein brandenburgisch Frühstück zu kosten geben!«

Das war kaum gesagt, als der Fremde auf den Mann aus dem bischöflichen Keller losfuhr, und eh der sich's versah, hatte er ihn am Kragen gefaßt, und wo er noch eben mit dem Gesicht hinstand, da stand er nun mit dem Rücken. Und wenn er da meinte fest zu stehen, hatte ihn der Andere schon wieder herumgeschüttelt, und Einigen war's zum Aerger, Andern aber zum Lachen, wie der baumstarke Gesell mit dem Mann hanthirte, der doch auch stark und groß war, als wär's eine Puppe.

»Willst Du noch sagen, daß wir in Brandenburg keine Ehre nicht brauchen thun?« rief der Grimmige und hielt den Andern zwei Schuh hoch über der Erde.

Der wußte wohl nicht, was er sprach, und wie ihm zu Muth war.

»Meinst Du noch, daß man zu Magdeburg unsre Markgrafen machen soll?«

»In's Teufels Namen macht sie Euch, wo Ihr Lust habt,« pustete der Meister, den der Andere nun unsanft fallen gelassen, und er turkelte rechts und links.

Das aber war zu viel, als Jeder glauben mag, für einen guten Magdeburger. Sie schrien, wer er denn sei?

»Kommt, ich will's Euch zeigen, rief der Gesell. Zehn auf Einen, da hält ein Brandenburger noch Stich, und will's Euch beweisen, daß Ihr Lästermäuler seid. Daß wir nicht nöthig haben nach Magdeburg zu kommen, um zu wissen, was die Glock geschlagen hat, daß wir nit Kirchenmäuse sind; daß wir wohl haben, um einen Markgrafen zu lösen. Seht, damit lösen wir ihn. Das ist brandenburgische Münze.«

Und er schwang kreuzweis den Flamberg um seinen Kopf; hatte das auch nöthig. Denn Steine, Scherben, Aepfel und Kohlstrünke flogen um ihn, und Messer und Lanzen blitzten. Und wäre er tapfer gewesen als Hildebrand und Dietrich, er hätte auch der hörnene Siegfried sein müssen, daß er unverletzt davon kam. Wer wollt's den Magdeburgern verdenken, daß sie das nicht auf sich sitzen ließen! In einen Sack war er gedrängt, und schon blutete manche Stirn, da kam ihm Hülfe von anderwärts. Und den Magdeburgern auch. Es wär ihnen nicht gut gewesen, so jetzt wieder und grade die Blutschuld auf sie kam.

»Im Namen der heiligen Dreieinigkeit, wer bricht hier den Frieden der Stadt und des Stiftes?« rief eine Stimme, und sie machten Platz für einige vornehme geistliche Herren, so über den Markt kamen. Er war der Kanzler des Erzbischofs und Bruno, der Domdechant von Brandenburg. Der Bischöfliche vom Keller fluchte nun wider den Brandenburger, als hätte der Fremde, als er ihn geschüttelt, den Wein erst recht aufgerührt, dessen er voll war. Kaum konnte sich der Kanzler Gehör verschaffen vor dem tollen Bürger.

»Die Brandenburger!« schrie er. Da kostete es Mühe, daß die Herren nur erfuhren, was vorging.

»Und daß Du's weißt, Ketzerdiener,« schrie der Bischöfliche, und sah wie ein Puterhahn aus, und streckte beide Fäuste aus. »Ja, wir bringen Euch einen Markgrafen; aus unserer Macht sollt Ihr ihn haben. Eh der Hahn wieder kräht, ist er fertig.«

Der Dechant Bruno und der Kanzler sahen sich bedenklich an.

»Was habt Ihr für Leute!« flüsterte der Dechant. »Der schwätzt aus der Schule!«

Den Böttchermeister mußten drei von seinen Leuten fassen, daß sie ihm nur das Maul hielten; er achtete nicht, daß der Stadthauptmann selber den Stab geschwungen und Ruhe gebot.

»Und Du, rasender Gesell,« rief der Brandenburger Domdechant zu dem Andern, der den Streit anhub und da er Luft hatte, sich schüttelte vor Zorn und die Klinge nicht aus der Hand ließ, »wer giebt Dir ein Recht, daß Du lästerst wider die christliche Stadt dieses frommen Erzbischofs?«

»Mir ein Recht!« rief der Gesell. »Sollt' ich's ruhig anhören, daß sie einen Käficht bauen thäten aus Balken und unsern Markgrafen drin einsperrten als einen räudigen Hund. Und daß sie Lust hätten noch mehr Markgrafen einzusperren, und daß wir arm sind wie Kirchenmäuse und nicht Geld haben, um unsre Fürsten zu lösen. Und daß wir nicht Glocken brauchen, und Ehr nicht nöthig hätten. Duldet Ihr's, Herr, ich duld' es nicht.«

Sie schrien nun: »Faht ihn, bindet ihn!« Aber er schrie, er sei ein Freier, und lasse sich nicht binden. Die Herren hatten Mühe vor den wilden Bürgern, daß sie ihn nur ausfragten, wer er sei.

»Bist Du ein Dienstmann des Baiern Ludewig?« fragte ihn Bruno, der Dechant.

»Behüte Gott,« antwortete der Gesell. »Was geht mich der fremde Markgraf an, der's uns nicht ist.«

Da schauten ihn die Herren verwundert an.

»Nun, Du unsinniger Bursch, was redest Du, und bringst uns in Schreck! wer ist Dein Markgraf, den Du verteidigest?«

»Herr, Sie sollen auf keinen Markgrafen nicht schimpfen, wo ein Brandenburger bei ist, ob's ein todter oder ein lebendiger.«

Da lachten Viele und hielten ihn für einen Narren. Und Einige sagten, er sei doch kein Ritter nicht; was ihn ein Fürst angehe, der nicht seiner wäre.

Er hatte es gehört.

»Nein, kein Ritter bin ich nicht. Aber ich meine, es ist an einem Jeden, weß Zeichens er sei, daß er nicht schimpfen läßt auf sein Land und seine Fürsten. Und was Ihr gesagt, Ihr wolltet uns Markgrafen machen, die Euch gefallen und uns nicht, so probirt es mal. Was Ihr nicht mögt, ist uns auch schlecht, und werden selber für uns sorgen, und wissen, was uns Noth thut. Ihr wißt es nicht.«

Das gefiel Manchem, daß ein Gesell im groben Wamms so sprach, und war ganz allein ohne Anhang in einer fremden Stadt.

»Wer ist er denn? Und wer ist sein Herr?« riefen sie, und Keiner wußte Antwort.

Aber mit einem Male war es still, die Stadtwächter machten Platz und zogen fort, doch ohne einen Gefangenen; und Einer zischelte es dem Andern zu; »Es ist keines Herrn Dienstmann. Ein Stellmeiser ist's.«

Nun waren sie erst voll Neugier, den kecken Gesellen zu sehen, den doch Keiner anrühren durfte, warum? das werdet Ihr erfahren, aber er war fort, und es ward still und leer auf dem Markt, als es vorhin laut und voll war.

»Das wäre fast bös worden,« sagte der Dechant Bruno, als er an der Seite des Kanzlers weiter ging. »Es ist schlimm, daß das Geheimniß schon in Eure Keller drang, daraus es der Wein leichtlich austrägt.«

Der Kanzler lächelte: »Was zu Tage will, hält keine Kunst zurück. Aber das ist seltsam, Dechant, daß unter Allen, so da waren, nur ein so niedriger Mensch, als der Knecht eines Räuberhauptmanns, für Euer Land den Handschuh aufnahm.«

Den Dechanten mochte es wurmen: »Ist viel seltsamer, dünkt mich, daß der hochwürdige Erzbischof von Brandenburg mit den – Freien aus der Haide sich verträgt, und will einen Pakt schließen mit Räubern.«

Der Kanzler lächelte: »Von heut ab sollen sie nicht mehr frei sein, sondern gebunden. Gebunden nämlich zu unserm Dienste.«

Der Dechant schaute ihn etwas befremdet an. Er meinte, ihre Sache hätte so viele gute Bundesgenossen, daß sie deren aus den Wäldern entbehren möchten.

»Saget das nicht. Wir haben solche, die sehr stark sind, aber auch sehr theuer. Jeder möchte der Bund sein, und die Andern sollten nur seine Helfer sein. Denn jedes Schloß, das Einer nimmt, nimmt er für sich; und ist größere Gefahr, daß einer unserer Freunde uns ein stärkerer Feind wird, als dem wir zu Leibe gehen. So nun Neid und Zwietracht ausbrechen, wißt Ihr, wer umspringt, wenn der Baier ihm mehr bietet? Da thun gut solche Bundesgenossen, welche nicht Länder wollen, nur Geld, und man kann ihnen auf's Maul schlagen, wenn sie schreien; und sind sie mit hundert Mark nicht zufrieden, so bietet man ihnen Galgen und Rad. Glaubt mir, das ist wohlfeiler und sicherer.«

Das hatten sie gesprochen, als sie schon in dem Flure eines stattlichen Hauses waren, darin die Gräfin Mathilde von Nordheim und ihre Tochter wohnten. Ihr Vetter, der Erzbischof, hatte die Gräfin zum Mittagstisch eingeladen, und die geistlichen Herren kamen, um sie abzuholen.

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