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Der Fall Maurizius

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Fall Maurizius
authorJakob Wassermann
year1954
publisherC. Bertelsmann
addressGütersloh
titleDer Fall Maurizius
pages3-488
created20030627
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1928
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6

Herr von Andergast hatte die Lider über die veilchenblauen Augen herabgelassen. Es sah aus, als hätte sich der Theatervorhang über einen Szenenwechsel gesenkt. Er rührte sich kaum. Er ließ nur ein halb verbindliches, halb skeptisches »Hm« hören. Camill Raff, ohne Ahnung von der wahren Beschaffenheit des Mannes, seinem eisigen Hochmut, seiner geistigen Verletzlichkeit, der Starrheit seiner Anschauungen, glaubte fortfahren, den Knaben noch eingehender erklären zu müssen. Er wollte Herrn von Andergast überzeugen (Gipfel der Naivität); wovon überzeugen? Das wußte er schließlich selbst nicht mehr genau, er spürte nur den steinharten schweigenden Widerspruch und stemmte sich dagegen. Er erzählt, was mit Karl Zehntner passiert war, die Geschichte von dem gestohlenen Fünfmarkschein und wie ihm Etzel seine Skrupel gebeichtet, weil er einen Kameraden aus Übereilung ins Unglück gestürzt. Auch diese Begebenheit kennt Herr von Andergast nicht, er horcht auf, aber seine Miene verrät immer nur dieselbe höfliche Wißbegierde. Camill Raff sagt: »Ein so zartes Gefühl für das Maß ist absolut ergreifend. Ich wenigstens kenne nichts, was mich stärker packt. Ich meine das Maß dafür, was der andere Mensch tragen kann und was erlaubt ist, ihm aufzubürden . . .« – »Sie haben den Jungen wirklich aus dem Effeff studiert«, schaltete Herr von Andergast trocken ein. »Gewiß, Herr Baron, ich hielt es für eine meiner Aufgaben.« – »Gleichwohl scheinen Sie mir bestrebt, eine Tugendglorie um sein Haupt zu weben. Sie verzeihen, wenn ich das ein wenig übertrieben finde. Der Junge hat seine guten Eigenschaften, er ist in mancher Hinsicht nicht ohne Tüchtigkeit, von nicht ganz schlechter Zucht überdies, ziemlich vif, bisweilen ziemlich dreist und, verhehlen wir es uns nicht, wo er seine Zwecke durchsetzen will, mit einer reichlichen Portion Verschlagenheit ausgestattet. Oder finden Sie, daß ich ihm damit zu nahe trete?« Camill Raff findet eher, daß Herr von Andergast durch seinen maliziösen Ton ihm selbst zu nahe tritt. Er erwidert, er könne dem nicht beistimmen, er habe niemals Verschlagenheit an Etzel wahrgenommen, etwas anderes wohl, einen auffallenden Scharfsinn oder Spürsinn, das wohl, eine Art Indianerinstinkt, wenn es gilt, verborgene Dinge oder Umstände ans Licht zu bringen. Im Odenwalder Heim ist einmal ein Fall vorgekommen, der die Ursache war, daß sie den damals Vierzehnjährigen den Sherlock Holmes in Taschenformat nannten. Es war da ein siebzehnjähriger Junge, Rosenau hieß er, Stubenkamerad von Etzel. Er war nicht sonderlich ästimiert, erstens als Jude, dann wegen seiner mißtrauischen Unfreundlichkeit und schließlich, weil er Verse machte. Da es schlechtes Zeug war, was er dichtete, lauer Aufguß nach berühmten Mustern, mit einem nicht angenehmen erotischen Einschlag zudem, war der Spott, mit dem ihn die Jungen verfolgten, nicht ganz unberechtigt. Aber das verbitterte ihn natürlich nur noch mehr. Im übrigen war er ein anständiger Kerl, an dem keine böse Ader war. Aber er war nun einmal verhaßt, dagegen ließ sich nichts tun, und die meisten wollten ihn loswerden oder ihm wenigstens den Aufenthalt im Heim verleiden. Eines Tages hielt einer der Lehrer Umfrage nach einem Buch aus der Anstaltsbibliothek. Man suchte eine Weile, da sagte jemand: der Rosenau wird es haben, er hat sich's zwar nicht ausgeliehen, aber er grapscht immer Bücher von den andern. Rosenau war nicht im Haus, man entschloß sich kurzerhand, seinen Schrank zu öffnen, der Schlüssel hing am Nagel, der Lehrer stöberte in den Fächern herum, öffnete eine Schublade und stand plötzlich kopfschüttelnd und mit finsterm Gesicht da. In der Lade lag ein halbes Dutzend Photographien obszönster Art, wie man sie sonst nur in Bordellen unter allerlei Vorsichtsmaßregeln zu sehen bekommt. Außer Rosenau war die ganze Kameradschaft im Zimmer anwesend, es war kurz vor der Essenszeit, alle waren Zeugen der abscheulichen Entdeckung, einige feixten und höhnten, doch Zorn und Verachtung herrschten vor. Während der Lehrer nach dem Anstaltsleiter schickte und ihn herunterbitten ließ, kam Rosenau. Man zitierte ihn vor den Schrank, wies ihm die Bilder. Etzel stand dicht neben ihm und hatte sofort den Eindruck: der Junge weiß nichts von der Geschichte, man hat ihm da was Niederträchtiges eingebrockt. Er brauchte nur Rosenaus Gesicht zu betrachten, um in seiner Überzeugung befestigt zu werden. Solch erschrockenes Erstaunen, solche Ratlosigkeit waren unmöglich zu erheucheln. Von den übrigen hatte niemand den geringsten Zweifel, die Beteuerungen Rosenaus wurden mit gehässigem Schweigen aufgenommen. Der Leiter der Anstalt war am Morgen nach Würzburg hinübergefahren und sollte erst anderntags zurückkehren; so wurden die scheußlichen Bilder einstweilen konfisziert, und Rosenau bekam bis zur Entscheidung über das, was mit ihm zu geschehen hatte, Stubenarrest. Sämtliche Knaben sonderten sich demonstrativ von ihm ab. Er hockte brütend, das Gesicht zwischen den Händen, in einem Winkel. Etzel hatte unterdessen eine ihm wichtig scheinende Beobachtung gemacht. Er hatte bemerkt, daß die Photographie, die zuoberst gelegen, blutbefleckt war. Das Blut war in einem dünnen Streifen über das ganze Blatt geronnen. Er fragte sich: woher kommt das Blut? Unauffällig näherte er sich Rosenaus Schrank, zog die Schublade heraus und sah, daß an der Innenwand dicht neben dem Schloß ein Nagel mit der Spitze hervorstand, ferner, daß auch der Boden der Lade blutig war. Er sagte sich: der die Bilder in die Lade getan hat, war in Eile und hat sich dabei an dem Nagel verletzt, er muß ziemlich viel Blut verloren haben, und man muß die Wunde noch sehen. Ein wenig später, die Stube war bereits leer, die Knaben waren beim Fußballspiel, ging er zu Rosenau hin und sagte: »Zeig mir deine Hände!« Der Knabe schaute ihn verdutzt an und gehorchte, hielt ihm die offenen Hände hin. Sie waren unverletzt. Da dachte Etzel lange nach. Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er erbat sich einen zweistündigen Urlaub, marschierte nach Amorbach, was ja nicht weit war, und kaufte einen Sack voll Haselnüsse. Gegen Abend, als alle wieder in der Stube versammelt waren, holte er seinen Sack hervor und verkündete, er wolle Nüsse verteilen, heut sollten einmal zur Unterhaltung Nüsse geknackt werden, das sei lustig und gebe einen Mordsspektakel, einer nach dem andern möge die Hände hinhalten, er werde jedem seine Portion zuteilen. Es geschah so, unter viel Gelächter. Beim neunten in der Reihe gewahrte Etzel die verwundete Hand, einen langen roten Kratzer an der Innenfläche, genau wie er es vermutet, denn außen an der Hand konnte sich die Wunde nach der Art, wie die Manipulation vor sich gegangen sein mußte, nicht befinden. Der Knabe mit der verwundeten Hand hieß Erich Fenchel, er war der Stubenälteste, war fast achtzehn und wegen seiner Brutalität und Rauflust gefürchtet. Er schaltete wie ein Tyrann mit den Jungen, hatte seine Günstlinge und seine Mißliebigen, Etzel nahm eine Zwischenstellung ein, an ihn traute sich Fenchel nicht recht heran, alle gingen ihm um den Bart, Etzel nicht; seit jener einmal prahlerisch erzählt hatte, er habe ein taubstummes Mädchen vergewaltigt, war ihm seine bloße Nähe ein Grausen. Er hätte auf Erich Fenchel raten können, aber er wollte Sicherheit haben und ließ sich auch jetzt nicht das geringste anmerken. Alle knackten aufgeräumt ihre Nüsse, und er tat mit. Als die Knaben zu Bett gegangen und die Lichter ausgelöscht waren, blieb er wach. Stundenlang lag er still da und wartete. Es mochte gegen ein Uhr nachts sein, da stand er leise auf, lauschte, überzeugte sich, daß alle fest schliefen, schlich sich zwischen den Betten durch zu Fenchels Schrank, der Schlüssel steckte, unter dem Schrank hatte er am Abend eine kleine Blendlaterne verborgen, die er zugleich mit den Nüssen in der Stadt gekauft; kaum mehr Geräusch machend als eine Maus fing er an, den Schrank zu durchsuchen, die offene Tür deckte ihn gegen die Stube hin, es dauerte nicht lange, und er fand, was er suchte, wieder bestätigte sich seine Vermutung, wieder triumphierte seine logische Überlegung, Fenchel hatte nur einen Teil der Bilder in Rosenaus Schrank praktiziert, die andern befanden sich in seinem eigenen Fach, unter Heften und Büchern. Etzel schloß den Schrank zu, schlüpfte ins Bett und schlief bis zum Morgen. Gleich nach dem Frühstück ging er zum Lehrer, teilte ihm den Sachverhalt mit und wie er dazu gekommen, ihn klarzustellen. Eine Viertelstunde darauf war Rosenau rehabilitiert. Fenchel, neben allem andern ein wütender Judenfresser, hatte die Gelegenheit benutzt, als nach dem Buch gefragt wurde und niemand auf ihn achtete, die Photographien in Rosenaus Lade zu schmuggeln. Er wurde mit Schimpf aus dem Heim gejagt. Rosenau hing von da ab mit geradezu närrischer Liebe an Etzel. Das Jahr darauf wurde er aber von seinen Eltern, die nichts mit ihm anzufangen wußten, nach Südamerika geschickt.

Herr von Andergast schaute auf seine Hände herab. Es schien, als feßle ihn etwas am Nagel des einen Mittelfingers ganz ausnehmend, er hob die Hand bis ans Kinn und betrachtete den Nagel genau, während er wie absichtslos fragte: »Sie wußten selbstverständlich von dem Vorhaben meines Sohnes, sich zu entfernen?« Da er den Ausdruck unangenehmer Verwunderung auf dem Gesicht seines Gegenübers bemerkte, fügte er freundlich hinzu: »Ich würde es verstehen. Sie waren die Vertrauensperson. Sie genossen den Kredit. Ich hatte in solchem Grad den Vorzug nicht. Ohne mich beklagen zu wollen. Ich habe zum Beichtiger kein Talent. Offen gestanden auch geringe Lust. Ich schätze Herzensgeheimnisse nicht erheblich.«

»Herzensgeheimnisse, das dürfte nicht das richtige Wort sein«, wagte Camill Raff einzuwenden. Die Unterhaltung geriet aus dem Erzählerischen ins Dramatische, er sah plötzlich die Schlinge, die ihm um den Hals geworfen werden sollte. »Das Verhältnis überschritt nie die Grenze, die ich selber zog«, sagte er still.

»Sie haben die Frage nicht beantwortet«, versetzte Herr von Andergast sanft mit dem Augenaufschlag einer Frau, die sich über Vernachlässigung beschwert.

»Er kam zu mir in einer inneren Not«, sagte Camill Raff. »Als älterer Freund mußte ich ihm zu helfen suchen. Er fragte: So und so steht es mit mir, was soll ich tun? Oder vielmehr: Kann ich anders handeln als so und so? Ich wußte nicht, was er im Sinn hatte. Ich konnte es aus seinen Andeutungen nicht entnehmen. In jedem andern Fall hätte ich die Achseln gezuckt, hätte vertröstet, wäre ausgewichen. Bei ihm war das nicht möglich. In diesem Moment nicht. Ihm gestand ich zu, in diesem Moment, was ich keinem andern zugestanden hätte, nämlich zu tun, was ihm der Geist eingab. Ich leugne nicht – ich spreche immer von dem einen Moment –, daß ich es unterlassen habe, ihn von dem Entschluß abzuhalten, mit dem er kämpfte. Ich bedaure es auch nicht. Daß es ein so weitgehender Entschluß war, davon hatte ich freilich keine Ahnung.«

»Zweifellos hätten Sie dann doch Bedenken gehabt, ihn in solch einem höchst nebulosen Projekt zu bestärken?« erkundigte sich Herr von Andergast mit derselben sanften Stimme und einem kleinen, schlauen Lächeln.

»Das . . . ich weiß nicht . . .«, erwiderte Raff stockend, »es war etwas an ihm . . . ich hätte mich geschämt, Wasser in diesen Wein zu schütten . . . es ist so selten . . . Sie hätten ihn nur sehen sollen, Herr Baron . . .«

»Allerdings. Und ist Ihnen nicht bange geworden vor der Verantwortung?« fuhr die sanfte Stimme zu fragen fort.

»Nein«, sagte Camill Raff. »Nicht einen Augenblick.«

»Das erstaunt mich«, erwiderte Herr von Andergast und stand auf. »Nicht so sehr Ihre persönliche Haltung, die hat mich ja nicht zu kümmern, als vielmehr – wie soll ich mich ausdrücken? – die moralische Weitherzigkeit, die Sie als Erzieher bewiesen haben.« Camill Raff, der sich ebenfalls erhoben hatte, verfärbte sich leicht. »An Ihrer persönlichen Haltung habe ich bloß zu bemängeln, daß Sie mich zu warnen unterließen. Es wäre Ihre Pflicht gewesen . . .«

»Ich durfte ihn nicht verraten.«

»Einen Unmündigen? Kann man da von Verrat sprechen?«

»Ich denke doch, Herr Baron. Hier, scheint mir, ist Unmündigkeit nur ein juristischer Begriff.«

»Genügt der juristische Begriff nicht, wenn eine grobe Unzuträglichkeit zu verhüten ist? Gibt es einen höheren? Ich bin für Belehrung empfänglich.«

»Er genügt nicht, Herr Baron. Ja, es gibt einen höheren.«

Das Dramatische hatte sich also bis zu stichomythischen Repliken gesteigert, doch weder mit Schärfe noch mit Stimmenaufwand; im Gegenteil, man war auf der einen Seite vollendet höflich, auf der andern bescheiden, aber fest. Zum Schluß, seinen Gast zur Tür begleitend, fragte Herr von Andergast wie nebenbei, ob Camill Raff wisse, wo sich Etzel befinde; Raff antwortete, die Flucht des Knaben hätte ihn aufs äußerste betroffen, sein Aufenthaltsort sei ihm natürlich unbekannt. Herr von Andergast nickte ernst, schüttelte ihm die Hand und versicherte ihm, wie anregend ihm sein Besuch gewesen sei. Aber als Raff die Tür geschlossen hatte, stand er lange Zeit mit eingezogener Unterlippe grübelnd da. Am andern Tag richtete er ein Schreiben an die Schulbehörde, in welchem er die schwere Verfehlung, die sich Dr. Camill Raff gegen den Schüler Etzel Andergast hatte zuschulden kommen lassen, zur Kenntnis brachte und eine Disziplinaruntersuchung forderte. Die Untersuchung, von so hoher Stelle kategorisch verlangt, fand unverzüglich statt; die Folge war, daß Camill Raff seines Lehramts für zwei Monate enthoben und dann an das Gymnasium eines hessischen Provinznestes versetzt wurde, für ihn, dem schon der bisherige Wirkungskreis zu eng gewesen, ein niederschmetternder Schlag, der geistig wie körperlich verhängnisvoll für ihn wurde.

7

Einige Tage nach Camill Raffs Besuch, von dem er den Eindruck, als wäre etwas Demütigendes damit verbunden gewesen, noch immer nicht losgeworden war, lud Herr von Andergast den Präsidenten Sydow zum Abendessen ein. Der Präsident hatte es ihm nahegelegt, seine Familie war in der Oper, er wollte Gesellschaft haben. Der Tisch war gut, das Gespräch schleppte sich leer hin. Der Präsident war ein gemütlicher Herr, der gern Anekdoten erzählte. Herr von Andergast hatte keine Vorliebe für Anekdoten; aber die Leute, die sich darauf versteifen, ihre Schwänke an den Mann zu bringen, fragen nicht danach, ob der andere Interesse zeigt oder nicht, sie besorgen sowohl die Produktion wie den Applaus, und so merkte der Präsident nicht einmal, wie zerstreut sein Gastgeber war. Herr von Sydow genoß den Ruf eines »guten Richters«; aber was ihm den Ruf verschafft hatte, war eher eine Mischung von epikureischer Trägheit und allgemeiner Menschenverachtung als edle Aufgabe. Er ging den Dingen nicht gern bis auf den Grund, noch unlieber verstieg er sich in die Höhe, nur in der Mitte war ihm wohl. In vielen Fällen beruhte seine »Güte« auf der derben Gemütlichkeit eines mäßigen Alkoholikers. Selber schwerfällig wie ein Faß, beseufzte er die Schwerfälligkeit des juristischen Apparats, hielt die Geschworenengerichte, ohne sich je dagegen aufzulehnen, für eine lächerliche Farce; und solange er noch Strafrichter gewesen, waren seine gewinnendsten Eigenschaften zutage getreten, wenn er einen geständigen Verbrecher vor sich hatte: dem hätte er am liebsten die Hand geschüttelt und ein Stipendium zugewendet. Mit so einem verliert man doch nicht seine Zeit, pflegte er zu sagen, als ob die Zeit eines Richters ausschließlich der träumerischen Versenkung in behaglichen Weinstuben gehöre. Amtlich war er mit Herrn von Andergast häufig hart aneinandergeraten, außeramtlich standen sie vortrefflich, es gab da gar keine Möglichkeit der Reibung, die Entfernung war zu groß.

Er brach frühzeitig auf. Sie waren im Arbeitszimmer gesessen. Als Herr von Andergast allein war, öffnete er das Fenster, um den Zigarrenqualm hinausziehen zu lassen. Es war eine feuchtschwüle Aprilnacht. Die Bäume tropften, die dunkle Straße lag da wie ein aufgeschnittener Schlauch. Herr von Andergast bohrte den Blick in die Finsternis. Er hatte das Kinn auf die verflochtenen Hände gedrückt und stand unbeweglich wie ein Pfahl. Als er das Fenster geschlossen hatte, setzte er sich zum Schreibtisch, nahm einen Akt von dem bereitliegenden Stoß und schlug ihn auf. Doch seine Augen glitten interesselos über die Seiten. Er hielt einen Bleistift in der Hand und kritzelte zerstreut Zeichen und Worte auf ein leeres Blatt Papier. Auf einmal zuckte er zusammen. Da stand der Name Maurizius. Ohne es zu wissen und daran zu denken, hatte er ihn hingeschrieben. Er knüllte das Blatt zusammen, schleuderte es in den Papierkorb, warf den Bleistift auf den Tisch und erhob sich unwillig. Eine Weile schritt er auf und ab, blieb stehen, schien über etwas nachzudenken, verließ das Zimmer, stand mit unschlüssigem Ausdruck im Korridor, am Rand des Lichtscheins, der aus dem Zimmer fiel, machte wieder ein paar Schritte, bis er an der Tür von Etzels Stube war, öffnete sie und ging hinein. Er drehte den elektrischen Schalter auf, schloß die Tür vorsichtig, sah sich mit zusammengezogenen Brauen um und setzte sich, aufatmend, an den Tisch. Es war das erste Mal nach der Flucht des Knaben, daß er hier hereinkam.

Mit dem Rücken gegen das Fenster lehnte er sich in gewohnter Weise im Stuhl zurück und kreuzte die Arme über der Brust. Es war etwas eigentümlich Lautloses um ihn. Sein Gesicht sah unfroh und einsam aus. Die Spannung, aus der er es niemals entließ, vielleicht auch im Schlaf nicht, verringerte sich. Es schien, als ob die Stäbe von dem Gegenwartskäfig, die es umgitterten, einer nach dem andern wegschmölzen. Die Augen nahmen alle Dinge in dem Raum auf, das Messingbett mit der verschossenen gelben Seidendecke, den alten gestickten Kanevas vor dem Ofen, die zwei Strohstühle an den Schmalseiten des Tisches, das Bücherregal mit den wie Zahnlücken wirkenden leeren Stellen in den Reihen. Die fehlenden Bücher hatte der Knabe mitgenommen. Eine unbeschreibliche Traurigkeit erfüllte den Raum; Herr von Andergast konnte nicht umhin, sie zu verspüren. Ein von seinem Bewohner verlassenes Zimmer hat etwas von einer Leiche. Die Tischplatte war mit quadratisch gemustertem Linoleum bezogen, das um das Tintenfaß herum von Tintenflecken starrte. An einer Stelle war mit dem Messer das Profil eines Kopfes in den Stoff geschnitten, ein unbeholfener Versuch. Er hat zum Zeichnen nie Talent gehabt, denkt Herr von Andergast. Die Lade des Tisches stand ein wenig offen, sie war anscheinend leer. Knaben sind immer schlampig, denkt Herr von Andergast und schiebt die Lade zu. Die Lade erinnert ihn an den Vorfall mit den Photographien in der Ferienkolonie. Er lächelt ein wenig. Scheues Lächeln, das er gleichsam gegen das von der Erzählung Camill Raffs her verbliebene Unbehagen durchsetzt. Wie kommt es, daß er von solchen Episoden nie erfahren hat? Wie kommt es überhaupt, daß so ein Kind immer nur im gegenwärtigen Tag vor einem steht, nie im vergangenen? Daß die Worte von gestern verhallen, die Gestalt vom vorigen Jahr vergeht? Ist der menschliche Sinn zu faul, die Reihe und Folge der Erscheinungen festzuhalten, wird er immer nur vom Augenblick genährt und daher betrogen? Denn der Augenblick ist ein Betrüger. Unmöglich, ein Bild zu gewinnen, wie der Junge mit zehn Jahren ausgesehen hat. Oder noch früher, mit acht, mit sechs. Photos hat Herr von Andergast nie von ihm herstellen lassen, er hielt das Photographieren von Kindern für eitles Unwesen. Es kommt auch darauf nicht an, es käme darauf an, daß das Bild in der Erinnerung vorhanden wäre. Etzel war ein schönes Kind, so viel glaubt Herr von Andergast noch zu wissen. Er entsinnt sich auch, daß er sich jedesmal geärgert hat, wenn die Leute sein hübsches Gesicht, sein adrettes Aussehen, sein artiges Benehmen lobten. Während er so dasitzt und einen Zugang zur Vergangenheit sucht wie ein Einbrecher, der sich nachts in ein Haus schleicht, muß er an die Blendlaterne denken, die der Vierzehnjährige in Amorbach zusammen mit den Nüssen gekauft hat. Ein Zug von erstaunlicher Kombinationsgabe, die er dem Burschen nicht zugetraut hätte. Da sieht er auf einmal den Fünfjährigen, wie aus staubgrauen Schleiern taucht der braune Lockenkopf hervor. »Vater, schau den großen Atlas mit mir an und erzähl mir vom Meer und von Asien.« Sehr hübsch, wie die kleinen, weißen Zähne durch den frischen Mund schimmern. Der klare, große Blick, die Gläubigkeit drin, wie wenn Asien und das Meer keine Geheimnisse für die Allmacht und Allwissenheit des Vaters hätten. Das war damals »Gegenwart« gewesen. Gegenwart heißt: keine Zeit haben. Nein, Lockenköpfchen, der Vater hat keine Zeit, er muß arbeiten. Der Lockenkopf wagt nicht zu widersprechen, zeigt nur betrübte Verwunderung: kann es etwas geben, das wichtiger ist in diesem sehnsüchtigen Augenblick als der Atlas und Asien und das Meer? Keine Zeit haben ist eine unbegreifliche Vokabel, da doch so unermeßliche Mengen von Zeit um einen herumliegen und man gar nicht weiß, wie man vom Aufwachen bis zum Einschlafen der Fülle Herr werden soll. Da ist alles Rätsel des Lebens drin enthalten, in dem »keine Zeit haben« . . .

Wo mag er wohl jetzt sein, der Junge? Es ist Nacht, die Bäume tropfen, die Gasse liegt da wie ein aufgeschnittener Schlauch, wo mag er in der gegenwärtigen Stunde sein?

Den Beamten fiel am nächsten Tag die außerordentliche Wortkargheit ihres Chefs auf. Auch daß er bei Fragen, die sie an ihn zu richten hatten, nicht bei der Sache zu sein schien. Das letztere war ihnen besonders ungewohnt, manchmal warfen sie einander erstaunte Blicke zu. Etwas vor zwölf, ehe er sich zum Aufbruch anschickte, ließ er den Kanzleidirektor kommen. Als der Mann eintrat, war es (oder er stellte sich so), als ob er vergessen hätte, warum er ihn gerufen hatte. »Ja, richtig, lieber Haacke«, sagte er freundlich, »lassen Sie mir doch die Akten Maurizius aus den Jahren neunzehnhundertfünf und -sechs aus dem Landgericht holen und schicken Sie sie noch heute in meine Wohnung.«

»Zu Befehl, Herr Baron.«

Um drei Uhr lagen die nach Archivstaub riechenden Akten, über zweitausendsiebenhundert zum Teil schon vergilbte Seiten umfassend, zu Hause auf Herrn von Andergasts Arbeitstisch.

8

Am gleichen Abend begann er zu lesen. Da er sich nun einmal dazu entschlossen hatte, wollte er die Sache auch gewissenhaft durchführen. Entschlossen? Genau besehen war es etwas anderes gewesen als ein Entschluß, etwas, das mit seiner Freiwilligkeit wenig zu schaffen hatte. Ähnliches war ihm nie passiert, unwiderstehlicher Zwang, eben das; es gab das also, einen Zustand, an den er nie so recht geglaubt, den er im Grunde für eine Advokatenfinte gehalten hatte, ersonnen, um den Arm der Gerechtigkeit zu lähmen, und in das Gesetzbuch geschmuggelt, um bürgerlicher Halbwissenschaft zu schmeicheln. Angefangen hatte es mit dem Wort Maurizius, das plötzlich auf dem Blatt Papier stand, von ihm selbst geschrieben, er wußte nicht, wie. Als er dem Kanzleidirektor den Befehl erteilte, hatte er ihm kaum ins Gesicht zu blicken gewagt, er dachte, die Leute müßten es ihm ansehen, er litt, unter dem fortdauernden Zwang handelnd, wie im Gefühl einer unbekannten Krankheit des Nervensystems, und war beschämt wie vom Bewußtsein heimlicher Ausschweifung.

Nicht weniger sonderbar erging es ihm dann während der Lektüre. Sein Gedächtnis hatte nur die rohe Struktur der Begebenheiten behalten und außerdem den Standpunkt, den er selbst einstmals dazu eingenommen. Alles einzelne war verwischt, das Gegeneinanderspiel der Schicksale erschien zuerst kaum verständlich, Entwicklung und Ausbruch der Leidenschaften sah sich an wie durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtet, die Menschen glichen Kadavern, ihre Motive, ihre Taten, ihre Rechtfertigungen, Behauptungen, Beschuldigungen, Erklärungen, Ausreden, Wahrnehmungen hatten gleichfalls etwas Verwestes, ekel Abgestandenes, Formloses und Plattes. Ja, es war trostlos platt alles, Aussagen von Dienstboten, Laternenanzündern, Waffenlieferanten, Polizisten, Bahnschaffnern, Hotelportiers, Blumenhändlerinnen, Zimmervermieterinnen, Friseuren, Lohnkutschern und selbst die von Ärzten, Professoren, Professorenfrauen, Studenten, Kaufleuten, Industriellen, Baronen und Grafen, einer Armee von Zeugen, einem Schwall von Hörensagen, Gerüchten, Verhören, Gutachten, Plädoyers, Recherchen, Dokumenten und corpora delicti, Unsinn und Bemühung, menschlichem Leid und menschlicher Verworfenheit und Schwäche, aufbewahrt in diesem Berg von Papier, entblutet, entfärbt. Es zu prüfen war ein Geschäft, weit unergiebiger als das des Anatomen, der eine Sammlung von Spirituspräparaten registriert. Indes, Herr von Andergast hatte Erfahrung darin. Daß das Eindringen in die katakombische Welt kein vergnügliches Unternehmen abgeben und seine Geduld auf harte Probe stellen würde, wußte er im voraus. Aber Geduld zu üben war seine Bestimmung, und Vergnügen irgendwelcher Art zu genießen lag nicht in seiner Existenz. Er ging zunächst daran, das Wesentliche vom Überflüssigen zu scheiden, die Hauptcharaktere aus dem Wust herauszuschälen. Da war ja immer viel Murren gewesen über das Verdikt, das den Verbrecher getroffen hatte; nicht nur die gewohnheitsmäßigen Frondeure hatten Einspruch erhoben, nicht nur Wirrköpfe und Ordnungsfeinde hatten von einem Justizmord zu sprechen gewagt oder doch Zweifel an dem Verfahren und Zweifel an der Schuld geäußert, auch lautere Elemente hatten sich bedenklich gezeigt, und bis in die letzten Jahre waren die Stimmen nicht zum Schweigen gekommen, die eine Wiederaufnahme des Prozesses für erwünscht hielten. Dazu lag aber nicht die geringste Veranlassung vor, weder sachliche noch formale; dem letzten dieser Gesuche hatte Herr von Andergast vor sechs Jahren die Befürwortung versagt, er erinnerte sich nun genau. Je mehr er sich in das Studium der Akten versenkte, je deutlicher erhob sich der Prozeß in der Erinnerung, als ob nicht bloß auf den schmutzigen Aktendeckeln, sondern auch in seinem Gehirn die Schicht von Moder, die sich darüber gelagert, weggefegt wäre. Doch geschah es nicht auf einmal, es ging allmählich vor sich. Eines späten Abends wurden ihm Gestalt und Gesicht des Leonhart Maurizius ganz unerwartet gegenwärtig.

Er hatte die Akten zugeklappt und wanderte, eine Zigarette rauchend, im Zimmer auf und ab. Er sah müde aus, um die Augenhöhlen waren bräunliche Schatten. Aber gerade der ermüdete Geist produziert oft, weil er dann seine Zwecke abgeschüttelt hat, ohne Anstrengung, was er zweckgefesselt niemals hergäbe. Plötzlich sah er den jungen Menschen vor sich, wie er vor achtzehn Jahren vor den Schranken gestanden. Ein hübscher Kerl, ohne Frage, gute Haltung, elegant; wenn er saß und die Beine übereinanderschlug, gewahrte man über den tadellosen Schuhen die grauen Seidenstrümpfe. Daß Herren Seidenstrümpfe trugen, kam damals erst in Mode. Das Haar, kastanienbraun, reich gewellt, war sorgfältig gescheitelt, die Gesichtszüge offen, weichlich, fast frauenhaft empfindsam, die Hände schmal, unangenehm klein, die ganze Erscheinung in der Mitte zwischen einem Weltmann mit künstlerischen Allüren und einem verwöhnten eigensinnigen, selbstsüchtigen homme à femmes. Nie wich ein stereotypes Lächeln von seinen wohlgeformten, sinnlichen Lippen (Herr von Andergast entsann sich, welchen Widerwillen ihm stets dieser lächelnde, sinnliche Mund eingeflößt. Warum? Hier traf Dunkles auf Dunkles, stieß Abgrund an Abgrund – vielleicht deswegen), im Gegensatz hierzu lag in den schönen braunen Augen, deren Ausdruck aber durch ein häufiges Zwinkern entstellt wurde, ein entschlossener Trotz und zugleich eine aus unzugänglichen Tiefen hauchende Traurigkeit. Da war er – noch vor fünf Minuten hätte Herr von Andergast nicht sagen können, wie er ausgesehen, sich getragen, sich gebärdet, jetzt war er bis in die Falte gezeichnet da, und die minuziöse Genauigkeit des Bildes erschreckte ihn fast. Er wünschte es abzutun, wie von einem unzüchtigen Anblick glitten seine Augen davon weg; doch es war hartnäckig, es schien, als könne der Wille allein es nicht bannen, als könne es nur von einem andern Bild von noch größerer Wahrheit verdrängt werden. Und dieses zweite Bild stellte sich ein. Etzels Bild.

In allen Phasen der Beschäftigung mit den Prozeßakten Maurizius war es das Bild Etzels, das sich in die trübe, verworrene, wie ein gefrorener Sumpf allmählich auftauende Materie mischte, zunehmendes Licht über sie verbreitete und den Geist unerbittlich zu ihr hinzwang. Wie das zustande kam, ist schwer zu erklären bei einem Mann, der nichts von einem Halluzinator an sich hatte, dessen Ahnungsvermögen gleich Null und bei dem so wenig metaphysische Anlage zu finden war wie etwa bei einer (im übrigen glänzend funktionierenden) Rotationspresse. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Grübeln über Etzels Flucht, über seine Abwesenheit und deren Motive seinen Einfluß geltend machte, als Herr von Andergast mit Unlust, ja mit dem Gefühl, seine Zeit zu verschwenden, die Akten Maurizius aus ihrer archivarischen Vergessenheit hervorholen ließ. Was ihm bis dahin vornehmlich zu schaffen gemacht hatte, war seine verletzte Eitelkeit, ob sie sich nun, in den höheren Regionen des Bewußtseins, Würde nannte, Autorität, väterliche Verantwortung, gesellschaftliche Stellung, öffentliches Ansehen oder, in den geheimen Falten der Seele, Gefühl der Zurücksetzung, gescheiterte Hoffnung, Versagen der eigenen Kraft war. Wenn er sich auch hütete, letzteren Empfindungen nachzugehen und sie seinem Stolz gegenüber rundweg leugnete, litt er doch darunter wie unter einer körperlichen Unpäßlichkeit, die man nicht zu kurieren wagt aus Furcht vor der Entdeckung tieferliegenden Übels. In dem Bemühen, seine Gedanken auf die äußeren Umstände abzulenken, wurden gerade die zur Plage. Ein Sechzehnjähriger, ausgeliefert einer Welt, die er nicht kannte! Wie sollte er sich schützen vor täglichen Fährnissen, vor roher Zumutung, vor dem Gebirge von Schmutz, vor Verbrechen, solchem, das an ihm verübt, und solchem, zu dem er verführt werden konnte? Er setzte die Zukunft aufs Spiel, den Namen, die Ehre, die Gesundheit und schließlich auch das Leben. Da hat man ein Kind mit Sorgsamkeit gehegt, auf eine ihm zukommende Daseinshöhe vorbereitet, mit den überlegtesten Maßregeln der allgemeinen Verlotterung entzogen, auf einmal schlägt es die Hand, die es führt, ist Objekt polizeilicher Recherchen geworden, vogelfrei, mit dem Stigma des abenteuernden Ausreißers im Lande herumziehend. Unausdenklich und in jeder Weise schlimm. Ich habe meine Pflicht vollauf erfüllt, sagt sich Herr von Andergast, und die Erkenntnis, wie böse ihm in dieser Sache mitgespielt worden, kerbt einen Zug bitterer Verachtung um seine Lippen; ich war ihm ein treuer Berater; für seine Bedürfnisse war gesorgt; ich ließ es an Rücksicht nicht fehlen, an natürlicher Achtung nicht, an Gewährung notwendiger Freiheit nicht. Worüber hatte er sich zu beklagen? In jeder ernsten Schwierigkeit konnte er sich getrost an mich wenden. Anständigerweise mußte er es tun. Ich hätte ihm seine Unreife zum Vorwurf gemacht? seine Jugend unterdrückt? Ich? Es wird eher so sein, daß ich zuviel Sorgfalt, zuviel Gewissen an eine Niete vergeudet habe. Da ist doch wohl ein sittlicher Fleck im Charakter von der Mutter her. Es war zu befürchten. Ich konnte, bei aller Wachsamkeit, das Gift nicht ganz ausmerzen, die Natur war stärker.

In diesem Wechsel von Anklage und Selbstverteidigung, bohrendem Rückblick und düsterer Voraussicht nahm seine Gemütsverfinsterung unablässig zu. Hätte er einen Freund gehabt (den Fall gesetzt, daß ein Mann wie er der Freundschaft fähig wäre, denn er war es so wenig wie ein Verschnittener zur Zeugung), so wäre er zu dem hingegangen, hätte versucht sich auszusprechen und hätte vielleicht Erleichterung dadurch gefunden. Aber er hatte niemand. Eine solche Person gibt es nicht. Er ist unter der halben Million Menschen dieser Stadt so allein wie auf einem Boot in der Mitte des Ozeans. Erst jetzt fängt er an, es zu bemerken. Wenn er einmal einen Weg antritt, der ihn für eine Stunde von sich selbst erlöst, ungenügend erlöst, weil er von sich selbst ja niemals los kann, so führt ihn der, selten und nächtlicherweile, ganz woanders hin.

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