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Der Fall Maurizius

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Fall Maurizius
authorJakob Wassermann
year1954
publisherC. Bertelsmann
addressGütersloh
titleDer Fall Maurizius
pages3-488
created20030627
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1928
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Drittes Kapitel

1

Dr. Raff ergriff die Gelegenheit, mit Robert Thielemann über Etzel zu sprechen. Er war in Sorge. Etzel ließ in seinen Leistungen bedenklich nach. Seine Unpünktlichkeit und Zerfahrenheit hatten in der letzten Zeit vielfachen Grund zur Klage gegeben. Man hatte es Etzel angedeutet. Es hatte keinen Eindruck auf ihn gemacht.

»Schade«, sagte Dr. Raff, während er mit Thielemann im Schulkorridor auf und ab ging. »Ich würde ungern zu Maßregeln greifen. Ich liebe nicht Maßregeln. Was ist los mit ihm? Wissen Sie es nicht?«

Thielemanns Kinn stieß wie ein Schnabel über den verbogenen Stehkragen vor. Die Erkundigung schmeichelte ihm; daß er keine Erklärung geben konnte, ärgerte ihn. Etzel wich ihm seit ungefähr einer Woche ebenso aus wie allen Mitschülern. Er gestand es nur zögernd. »Ich dränge mich nicht auf«, bellte er, »meinetwegen tut er, was er will. Vielleicht bin ich ihm nicht vornehm genug, und er hat zu Hause entsprechenden Befehl gekriegt.«

»Pfui, Thielemann«, sagte Camill Raff.

Der schlaksige Junge fuhr mit allen zehn Fingern durch seinen roten Schopf. Seine zänkische Geringschätzung sollte nur seine Verletztheit bemänteln. »Möglicherweise hat sein alter Herr Wind bekommen, daß ich politisch, na, wie sag ich nur schnell, nicht ganz zimmerrein bin. Das heißt, für die Nase des Herrn Barons.«

Dr. Raff unterdrückte ein ironisches Lächeln. Du guter Gott, unsere Marats und Saint-Justs! dachte er. »Es tut mir recht leid«, beteuerte er wieder in seiner alemannischen Dialektfärbung, »recht leid. Ich dachte, er hätte ein bißchen Vertrauen zu mir. Er war immer sehr freimütig gegen mich. Das hat sich geändert. Man müßte zu erfahren suchen, warum. Vielleicht holen Sie ihn bei Gelegenheit ein wenig aus. Nur keinen Trotz, Thielemann. Momentan sind Sie in der besseren Position, weil er im Unrecht ist. Halten Sie ihm den Weg offen.« Er nickte Thielemann zu und entfernte sich. Von hinten sah er aus, als ob er selbst noch Schüler wäre, klein, schlank, geschmeidig. Thielemann schaute ihm verdrießlich nach. Keinen Trotz, das gibt er gut, knurrte er vor sich hin, soll ich mich ihm etwa an den Hals werfen; Ihn kniefällig bitten, daß ich zu ihm kommen darf? Da kann er lang warten, er mitsamt seinem Andergast, an dem er scheint's einen Narren gefressen hat.

Es gibt in diesem Lebensalter unverrückbare Konventionen des Verkehrs. Sie werden um so strenger eingehalten, als sie sich ohne Worte und Abmachungen gebildet haben. Der Anlaß ihrer Entstehung ist meist ebenso zart und dunkel wie die Befolgung selbstverständlich. Solche stillschweigende Übereinkunft war, daß Etzel niemals zu Thielemanns in die Wohnung kam, sondern daß Robert ausschließlich Etzel Andergast besuchte, und nie, ohne daß er dazu von Etzel aufgefordert wurde. Nur im Thielemannschen Buchladen war Etzel ein paarmal gewesen. Hin und wieder hatte Robert eine Andeutung gemacht, aber lediglich, um den Schein zu wahren. Die Sache war die, daß er gar nicht ernstlich wünschte, Etzel möge zu ihm kommen, ja, daß er derartige Besuche geradezu fürchtete. Er hatte kein eigenes Zimmer zur Verfügung. Das Gelaß, in dem er schlief und arbeitete, teilte er mit zwei jüngeren Brüdern, mit denen er sich nicht vertrug. Das war aber nicht das Schlimmste. Es war ein Heim des Unfriedens, in dem er lebte. Zwischen Vater und Mutter herrschte beständig Hader. Sie boten ihren Kindern das triste Schauspiel von Eheleuten, die nicht zwei Minuten in demselben Raum sein können, ohne einander Bitterkeiten zu sagen und Vorwürfe zu machen. Unerträglich war für Robert der Gedanke, Etzel könne eines Tages Augen- und Ohrenzeuge davon werden. Dies erklärte zum einen Teil die Ungleichheit der wechselseitigen Beziehung. Zum andern Teil war es das Gefühl sozialer Unterlegenheit, doppelt wach und ausgeprägt bei einem ohnehin rebellisch gestimmten Gemüt. Vielfach wurzelt der Revolutionarismus eines Knaben in häuslicher Unordnung. In manchen bürgerlichen Wohnstuben ist die Zärtlichkeit seit Generationen ausgestorben. Ein Herz muß schon genial sein, damit es aus ungestilltem Hunger nach Zärtlichkeit nicht rachsüchtig wird. Geniale Herzen sind aber selten.

2

Etzel hat im Arbeitszimmer des Vaters das Gesuch des alten Maurizius entdeckt. Ein Begnadigungsgesuch. Peter Paul Maurizius, ehemaliger Ökonom und Gutsbesitzer, wohnhaft in Hanau, Marktstraße 17, stellt an den Herrn Oberstaatsanwalt das Ansuchen um Einleitung und Befürwortung der Begnadigung für seinen Sohn Otto Leonhart Maurizius, seit achtzehn Jahren und fünf Monaten Strafgefangener im Zuchthause zu Kressa. So die Betitelung der Schrift. Über das beschämende Bewußtsein, daß er sich zum Schnüffler erniedrigt hat, kommt Etzel mit einiger Rabulistik hinweg. Er empfindet zwar scharf das unehrenhaft Krumme des gewählten Weges, aber er rechtfertigt es durch die Umstände, die ihm keine Wahl gelassen haben. Es war ein animalisches Wittern und Aufspüren gewesen. Der Mann mit der Kapitänsmütze hat dabei eine Rolle gespielt wie der Geist im Hamlet. Gib mal gut acht bei dir zu Hause, haben seine kleinen boshaften beharrlichen Augen gesprochen, gib acht, und du wirst was finden. Bei dieser Mahnung schwebt ihm jedesmal zugleich die Briefschreiberin in der Schweiz vor. Gern möchte er den Brief lesen, insgeheim hofft er, ihn in einer Lade, einer Mappe zu finden. Gib acht, du wirst was finden, das läßt ihn nicht los. Die gebieterische Hand des Trismegistos zeigt sich in der Nacht, leuchtende Plastik in der Dunkelheit. Das Bild von der Dynamitkiste im Keller nähert sich der Wirklichkeit immer mehr. Doch gibt es noch lästigere Signale. Ein papierenes Gespensterwesen geht von dem mit Schriften und blauen Heften beladenen Schreibtisch des Vaters aus und verbreitet sich durch alle Räume. Die Aktengespenster rumoren in der Andergastschen Wohnung schon lange, nur für Etzels Ohren vernehmbar, ein raschelndes, namenloses Schattenvolk, nur für seine Augen zu sehen, die in manchen Stunden Schatten besser wahrnehmen als Körper. Seine Empfindlichkeit in diesem Punkt hat Züge von Hysterie. Es ist Gefahr vorhanden, daß die stete Beschäftigung mit Verdecktem und Verstecktem seinen Geist mit Zwangsvorstellungen füllt. Aber da er einmal als Mensch mit dem Funken in der Seele geboren ist, Gott weiß, woher ihm der kam, in dem Bezirk aufwachsend, wo menschlicher Frevel und Irrtum in allen Graden und Stufungen täglich in verruchter Unzahl zur Verantwortung gezogen, wo dem Verbrechen die Notbrücke zur Sühne geschlagen wird, über die eine ungeheure Faust den Schuldigen mitleidlos schleift, so kann er auf keinen Fall unangerührt bleiben von den Gesichten. Vermutlich haben die Aktengespenster schon seine Wiege umlagert, und ihr Gewinsel hat ihn in den Schlaf gelullt. In diesem Haus waltet das Schicksal in Konzentration, und das sollte er nicht fühlen, Membran zwischen der finstern und lichten Sphäre der Welt, die er ist?

Da geht er also, befehligt von dem beharrlichen Blick der kleinen boshaften, astigmatischen Augen durch die Zimmer der stillen Wohnung, gepeinigt von einem Namen, einer legendenhaften, umrißlosen Tat, die sich hinter dem Namen bedrohlich verbirgt wie eine schleimige Molluske hinter den schwarzen Gläsern eines Aquariums, geht von Zimmer zu Zimmer, wieder und wieder. Es ist ein Spätnachmittag Ende März, der Vater hat telephoniert, daß er abends nicht kommt, Hilde Sydow hat sich verlobt, er hat seinen Gesellschaftsanzug ins Amt bringen lassen, für Etzel gilt es, die Rie zu beschäftigen und abzulenken, mit ungemeiner List hat er ihr seine Sporthose gebracht, die einen Triangelriß aufweist, und hat an ihre Meisterschaft im Stopfen appelliert; zugleich hat er ihr das Versprechen abgeschmeichelt, daß sie ihm zum Abendessen, da sie doch beide allein sein werden, gefüllten Pfannkuchen bereiten wird. Er weiß, den bereitet sie selber zu, da läßt sie die Köchin nicht heran, sie hat ein besonderes Rezept, sie freut sich, daß der Knabe, der in den letzten Tagen wenig Appetit gezeigt hat, mit einem Feinschmeckeranliegen zu ihr kommt. »Schön, schön«, sagt sie, »dir kann geholfen werden, mein Junge«, und ist also für ein paar Stunden unschädlich gemacht. Nachdenklich steht Etzel im Wohnzimmer, draußen beginnt es zu dämmern, rosiggrau wie eine Fahne glüht ein Stück Himmel durchs Fenster, die geschlossene Tür zum Arbeitszimmer des Vaters lockt, er öffnet sie, betritt den Raum mit den verräucherten, dunklen Tapeten und dem eklen Geruch kalter Zigarren, verharrt vor den aufgeschichteten Akten. Stapel um Stapel liegen sie da, mit grünen und blauen Deckeln, jeder Deckel hat ein ovales weißes Schild mit kalligraphischer Aufschrift. Noch nie hat er gewagt, solch ein Heft aufzuschlagen, jetzt wendet er den Deckel des obersten um, »Gnadengesuche« steht auf dem ovalen Schild, und das erste, worauf sein Blick fällt, ist der Name Maurizius. Solche Zufälle sind Naturerscheinungen, elementar und gesetzmäßig.

Die Ausführungen des ehemaligen Ökonomen und Gutsbesitzers lassen die bittstellerische Demut fast gänzlich vermissen. Ein rechthaberisch verbissener Ton fällt auf. Hinweis auf frühere Hinweise, betreffend angebliche Fehler des prozessualen Verfahrens. Wie leicht kenntlich, sind es Schlußfolgerungen eines Laien. Das Gesuch scheint ohne die Hilfe eines Anwalts abgefaßt zu sein, vielleicht, weil die fachmännischen Ratschläge zu oft fruchtlos gewesen sind und der Schreiber endlich mit seiner eigenen Logik durchdringen will. Daher die unverblümte Sprache. Was schließlich zutage kommt, ist weit entfernt von Logik, es sind leidenschaftliche Behauptungen, ein hartnäckiges Immer-wieder-Zurückgreifen auf denselben Punkt, wie wenn jemand im Finstern gegen eine versperrte Tür poltert, ein verkrampftes Aufbegehren wie aus einer Wahnidee heraus. An zwei Stellen wird der Name Waremme genannt. Es läßt sich ersehen, daß er im Prozeß als Kronzeuge fungiert hat. Der Schreiber wagt es nicht, ihn unverblümt des Meineids zu bezichtigen, aber man kann die Anschuldigung zwischen den Zeilen lesen. Noch mehr, es klingt, als sei dies längst bekannte, von niemandem mehr geleugnete Tatsache, während sie doch möglicherweise nur in der kranken Einbildung des Schreibers besteht. Entschlösse man sich gerichtlicherseits, so heißt es in dem Gesuch, die Aussagen dieses Gregor Waremme nachzuprüfen, so gäbe es noch heute, nach fast neunzehn Jahren, triftige Gründe für die Wiederaufnahme des Verfahrens. Vielleicht falle dann auch auf eine gewisse Dame, Unseligste aller Unseligen, die zu nennen überflüssig sei, ein von dem bisherigen verschiedenes Licht. Die Worte »Unseligste aller Unseligen« waren zweimal unterstrichen und mit zwei eingeklammerten Ausrufezeichen versehen, woraus allein schon erhellt, wie wenig sich der Verfasser auf die Niederschrift eines amtlich einwandfreien Dokuments verstand. Der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft hatte ja auch bereits mit Rotstift quer darunter geschrieben: »Zur Begnadigung ungeeignet, Andergast.« Der ehemalige Ökonom und Gutsbesitzer hat keine Ahnung, wie man sich vorteilhaft insinuiert; zehn Zeilen weiter erklärt er sich bereit, dem Gericht mitzuteilen, wo sich der Zeuge Waremme, der bisher als verschollen gegolten hat, nunmehr aufhält, läßt also durchblicken, daß er sozusagen auf eigene Faust polizeilich tätig gewesen ist, welche dilettantische Einmischung kaum geeignet sein kann, seine Glaubwürdigkeit in den Augen der kompetenten Behörde zu erhöhen.

Zum Schluß aber erhebt er sich zu theatralischer Rhetorik. Ist etwa dieser Peter Paul Maurizius eine Art religiöser Sektierer, der sich in dem naiven Glauben befindet, durch eine feierliche Evokation im biblischen Stil Eindruck auf ein preußisches Gericht zu machen? Abseits von der Lächerlichkeit der Anmaßung liegt jedoch eine unüberhörbare Wahrheit in der bombastischen Beschwörung, eine subjektive wenigstens, und da eben ist es Etzel zumut wie Hamlet, wenn aus dem Innern der Erde der Geist des Vaters zu ihm redet. Sprich, armer Geist, sagt er mit kummervoller Bestürzung. In sein Hirn ätzen sich die Worte ein, er weiß, er wird sie niemals vergessen, er wird sie zitieren können, wenn man ihn zu Mitternacht aus dem Bett reißt und ihn danach fragt, mechanisch wird er sie herplappern wie eine auswendig gelernte Stelle aus dem Bellum Gallicum: »Bei Gott und seinen heiligen Heerscharen, es ist ein Unschuldiger, der seit mehr als achtzehn Jahren lebendigen Leibes im steinernen Grabe des Zuchthauses vermodert. Er hat die Tat nicht getan, für die er ist verurteilt worden; und wenn er sie hundertmal gestanden hätte, wie er sie nicht gestanden hat, und wenn die Inzichten noch so verdammlich gegen ihn gesprochen haben, unschuldig ward sein Leben in der Blüte geknickt, unschuldig hat er das Büßerjoch auf sich genommen, das will ich künden, und dafür steh ich ein, solang noch Menschenatem in meiner Brust ist.«

Sprich, armer Geist . . .

3

Törichte Finten, die Etzel in den folgenden Tagen anwandte, um die ihn beobachtenden Blicke über sich zu täuschen. Mit demselben Aufgebot an Kraft und List hätte er auch weiterhin ein zufriedenstellender Schüler sein können, statt derart zu erlahmen, daß seine Lehrer die Köpfe über ihn schüttelten. Aber das gerade vermochte er nicht. Was er bis zu einer gewissen Stunde eines gewissen Tages gewesen, dünkte ihn alt und unnütz. Es hatte sich etwas in ihm ereignet, wofür ihm selbst das Gleichnis und der Maßstab fehlten. Wenige Tage nach dem Gespräch zwischen Thielemann und Dr. Raff begannen die Osterferien, dadurch gewann er Zeit und konnte sein Verhalten für eine Weile der öffentlichen Kritik entziehen. Es blieb nur übrig, den Vater und die Rie hinters Licht zu führen, indem er den Unbefangenen spielte, den Gutgelaunten, den Aufgeweckten. Wenn er über den Flur schritt, pfiff er ein Liedchen vor sich hin; auch in seiner Stube hörte man ihn leise singen; wenn ihm die Rie begegnete, lachte er sie vergnügt an; richtete sie eine Frage an ihn, so antwortete er munter; beim Zusammensein mit dem Vater hatte er eine ganz besonders willige und gelehrige Miene des Zuhörens und eine Art, mit herzlichem Eifer zuzustimmen, mit leuchtenden Augen stummen Beifall zu spenden, ein beflissenes »Danke, ja, danke, nein« zu sagen, als trüge er sich nicht im entferntesten mit Absichten, die diesem heuchlerischen Artigkeits- und Mustersohnswesen dergestalt zuwiderliefen, daß ein mit den menschlichen Verfehlungen und überraschenden Zusammenbrüchen von Charakteren so gründlich vertrauter Mann wie Herr von Andergast bei der bloßen Andeutung an eine aberwitzige Verleumdung geglaubt hätte. Doch wenn nicht immerfort das scheinbar Unmögliche Ereignis würde, könnte ja jeder zu jeder Zeit auf das Mögliche gefaßt sein, und das Leben wäre eine einfache Sache. Vorläufig ruhte alles noch im Keim, vielleicht wußte der Knabe selbst noch wenig davon; was ich soeben als Heuchelei bezeichnet habe, war Frucht des Beschlusses, mit sich allein zu Rande zu kommen, das Dunkle mit dem Verstand aufzuhellen und sich keiner Gefühlsverschwommenheit und keiner Schwärmerei schuldig zu machen. Aber trotz aller »Orientierung nach der Seite der Geistesfreiheit«, wie er das in treuherziger wissenschaftlicher Trockenheit nannte, konnte er nicht verhindern, daß er während einer Unterrichtsstunde wie in ein tiefes Wasser hinuntersank, worin er mit allen seinen »aufhellenden« Gedanken ersoff, daß das halbtagelange Auf-der-Bank-Sitzen und sich einer Gegenwart gehorsam anpassen, die ihm auf einmal nicht mehr Raum bot als eine Erbse, schließlich doch über seine Kraft ging. Ja, auf einer Erbse hätte er eher Raum gehabt als in diesen Stuben, bei diesen Männern, mit dieser aufkeimenden, ungeheueren Pflicht in seiner Brust. So kam es, daß er auf der Straße pedantisch die Saumsteine des Gehsteigs entlangschritt, ohne von der schmalen Linie abzuweichen, nur weil er das »Denken« ersticken wollte, weil »Denken« vorerst zu nichts führte. Alleebäume wurden gezählt, gerade Zahl bedeutete: abwarten, ungerade: keine Zeit verlieren. Aber warten? worauf? Keine Zeit verlieren: in welcher Hinsicht? Was sollte getan werden? Was zunächst? Was später? Was konnte überhaupt getan werden? Wer wußte darüber Bescheid? Von wem war Rat zu holen? Wem konnte man sich anvertrauen? Wer würde nicht lachen, sich ausschütten vor Lachen und sagen: Unsinn, Junge, was ficht dich an! Was nimmst du dir heraus! Du bist wohl närrisch geworden, sieh zu, ob dein Hirnkasten kein Loch hat! Also im Ernst, wer war da, an wen sich wenden? Es ließ sich vorstellen, daß ein sehr edles junges Weib verstehen würde, was er wollte und vor welche Entscheidung er mit unabwendbarer Notwendigkeit langsam gedrängt wurde. Doch er kannte kein sehr edles junges Weib. Die Welt, die er kannte, war in dieser Beziehung entgöttert; was ihm an Frauen und Mädchen vor Augen kam – die Großmutter ist ohne Geschlecht –, war so verächtlich wie die Wachsköpfe in den Friseurauslagen. Es ist, in diesem Betracht, eine armselige Welt, eine männische Welt, in der kein Orpheus da war, um Eurydike von Hades und Persephone loszubitten. Jedoch man braucht Beistand, Rückhalt, Belehrung, praktischen Behelf, sonst wird alles total vernunftlos und findet sein Ende noch vor dem Anfang. Und Etzel marschiert in seiner Stube auf und ab, die linke Faust gegen die Brust gedrückt, die rechte Hand in die Hosentasche versenkt und mit Taschenmesser und Schlüsseln klappernd wie ein Kassenbeamter; er überlegt, sein Gehirn glüht und arbeitet in Bildern, obwohl er von ihm fordert, daß es ausschließlich logische Gedanken produziert. Es gelingt aber nicht immer, das Denkinstrument zu seinen naturgegebenen Funktionen zu zwingen. Er rechnet aus, daß achtzehn Jahre und fünf Monate zweihunderteinundzwanzig Monate sind oder annähernd sechstausendsechshundertdreißig Tage, notabene sechstausendsechshundertdreißig Tage und sechstausendsechshundertdreißig Nächte. Man muß das trennen, Tage sind eines, Nächte sind ein anderes. Aber bei diesem Punkt des Exempels sieht und faßt er nichts mehr, übrig bleibt nur eine nichtssagende Ziffer, es ist, als stehe er vor einem Ameisenhaufen und schicke sich an, das krabbelnde Geziefer zu zählen. Er will sich vorstellen, was es bedeutet: sechstausendsechshundertdreißig Tage, er will sich den Begriff verschaffen. Er denkt sich also ein Haus mit sechstausendsechshundertdreißig Treppenstufen; zu schwer. Eine Zündholzkiste mit sechstausendsechshundertdreißig Zündhölzern; hoffnungslos. Einen Geldbeutel mit sechstausendsechshundertdreißig Pfennigen; es gelingt nicht. Einen Eisenbahnzug mit sechstausendsechshundertdreißig Waggons; es wird nicht wirklich. Ein Buch mit sechstausendsechshundertdreißig Blättern (wohlgemerkt: Blättern, nicht Seiten; die Seiten jedes Blattes entsprächen dann dem Tag und der Nacht). Hier kann er zu einer Anschauung gelangen; er holt einen Stoß Bücher aus dem Regal; das erste hat hundertfünfzig Blätter, das zweite hundertfünfundzwanzig, das dritte zweihundertzehn, keines mehr als zweihundertsechzig, er hat es überschätzt, er stapelt dreiundzwanzig Bände aufeinander und kommt dann erst auf viertausendzweihundertzwanzig Blätter. Da ließ er es, mit staunenden Augen. Und zu denken, daß jeder Tag, der ihm verging, auch dort einen hinzutat! Sein eigenes Leben, es betrug kaum fünftausendneunhundert Tage, und wie lang kam es ihm vor, wie langsam floß es dahin, eine Woche war oft wie ein mühseliger Marsch auf der Landstraße, mancher Tag klebte wie Pech am Leib, man kriegte ihn nicht los, und das Gleichzeitige nun: während er schlief und las und zur Schule ging und seine Spiele trieb und mit Menschen redete und dies und jenes plante und es Winter war und Frühling war, die Sonne schien oder Regen fiel, der Abend kam, der Morgen kam, während alledem war auch Er dort mit derselben Zeit, in derselben Zeit, immer, immer, immer dort. Etzel war noch gar nicht geboren (unendlich geheimnisvolles Wort plötzlich: geboren!), da war er schon dort, jener, der erste Tag, der zweite Tag, der fünfhundertste Tag, der zweitausendzweihundertsiebenunddreißigste Tag: Etzel macht eine Gebärde, als schüttle er zwei eisern klammernde Hände von seiner Schulter ab, schaut zornig, ungeduldig, wild um sich herum, ergreift das Lineal aus Ebenholz und fängt an zu »dirigieren«. Es ist eines von seinen Spielen. Als achtjähriger Junge schon hat er eine Vorliebe dafür gehabt, jetzt verfällt er nur noch selten darauf, nur wenn er einmal uneins mit sich ist und einer niederschlagenden Stimmung nicht Herr werden kann. Er betrachtet es als einen Atavismus, Rückkehr in infantile Betätigung und verfällt dann in einen Katzenjammer wie nach einer Sauferei. Das Dirigieren besteht darin, daß er aus voller Kehle eine selbstkomponierte, das heißt aus allen möglichen Melodienreminiszenzen zusammengestoppelte Symphonie brüllt, die Holzbläser, die Pauken, das Blech, die Kontrabässe nachahmt und dazu mit Feuer und Ergriffenheit das Lineal als Taktstock schwingt. Er ist das Orchester, er ist die Musik, er ist der Führer, und die tobende Begeisterung, in die er sich hineinsingt und -schreit, zieht endlich die Rie herbei, die ihn verdrießlich zur Ruhe mahnt, das läppische Wesen nicht fassen kann und ihn darauf aufmerksam macht, daß jeden Augenblick der Vater nach Hause kommen wird. Schweißbedeckt, mit hochrotem Kopf, das Lineal noch in der aufgehobenen Hand, starrt er sie an, als erkenne er sie nicht; dann sagt er unmutig und betreten: »Mach die Tür zu, Rie, der Flur ist voll Zwiebelgeruch, da wird mir schlecht.«

4

Am andern Nachmittag, gegen vier Uhr, es war ein Mittwoch, erschien er unerwartet in der Thielemannschen Wohnung. Er ließ sich in Roberts Stube weisen, und plötzlich stand er vor dem verdutzten Freund, der ihn nicht einmal zur Tür hatte hereinkommen hören. Es war gut, daß Robert bei seinen Schularbeiten saß; für diese Zeit war ihm das Zimmer allein überlassen, ein unbehaglich großer fünfeckiger Raum, dessen zwei Fenster auf den engen Hof gingen und der infolgedessen so finster war, daß man schon am Nachmittag Licht anzünden mußte. Thielemann brauchte eine Weile, um seiner Verblüffung Herr zu werden; da Etzel noch nie bei ihm gewesen war, ergab sich eine neue Situation, abgesehen davon, daß er Ursache hatte, Etzel wegen seines unerklärlichen Benehmens in der letzten Zeit zu zürnen. Dazu kam, daß heute eine gewittrige Luft im Hause herrschte; Robert wußte selbst nicht recht, was eigentlich vorging; bei Tisch waren die Eltern in eisigem Schweigen gesessen, keiner der drei Brüder hatte den Mund aufzutun gewagt, mit dem letzten Bissen war Herr Thielemann aufgestanden und fortgegangen, die Frau hatte sich in ihr Zimmer begeben, ohne die Söhne eines Blicks zu würdigen, vor einer halben Stunde war der Vater wiedergekommen, gegen seine sonstige Gepflogenheit, er spielte gewöhnlich bis halb fünf Uhr im Kaffeehaus Billard und ging dann ins Geschäft. Er befand sich im Wohnzimmer; bisweilen verließ er es, schritt über den Korridor und schmiß krachend eine Tür zu, dann war es wieder ruhig; doch Robert traute der Ruhe nicht, er wußte, daß der Sturm jeden Augenblick losbrechen konnte. Fatal, daß Andergast gerade an einem solchen Tag kommen mußte, es gab auch bessere Tage, wo man nicht so auf heißen Kohlen saß. Er konnte kein Wort hervorbringen, verlegen suchte er nach dem Löschblatt und steckte den Federhalter hinters Ohr, eine Gewohnheit, die Etzel verhaßt war, weil sie ihn einem Kommis in einem Schnittwarenladen ähnlich machte, das hatte er ihm oft gesagt. Aber Robert hatte nicht die Absicht, Etzel zu gefallen. Es sollte nicht so sein, wie wenn nichts gewesen wäre. Er zwinkerte mit den Augen und schaute beflissen in die brennende elektrische Birne, die nackt und schirmlos am Kabel von der Decke hing. Was er dabei, mittels einiger scheuer Seitenblicke, von Etzel wahrnahm, stimmte ihn wieder versöhnlich. Weiß der Teufel, wie der Knirps das anfängt, dachte er, kaum ist er da, vergißt man, daß man was gegen ihn hat. »Ist was passiert?« fragte er, indem er den Blick durch die Stube wandern ließ, als wolle er sich vergewissern, ob der Raum nicht einen gar zu abstoßenden Eindruck machte und der Kontrast zu Etzels gemütlicher Stube für diesen nicht so fühlbar war wie für ihn selbst. »Ist was passiert?« wiederholte er, »du siehst für deine Verhältnisse so struppig aus . . .« Schon trat die unwillkürlich rücksichtnehmende Zärtlichkeit in seiner Stimme hervor, er nahm es zu seinem eigenen Verdruß wahr, die seine Beziehung zu Etzel von der zu jedem andern Kameraden unterschied.

Etzel holte Atem. »Ich bin schnell gegangen«, sagte er und setzte sich etwas schüchtern Robert gegenüber an den Tisch. »Ich wollte eine Sache mit dir besprechen. Das heißt, wenn du Zeit hast. Nicht viel, ich hab auch nicht viel, um fünf soll ich zu Haus sein. Nur . . . es ist eine verdammt heikle Sache . . . du mußt schweigen können, Thielemann. Hier hört uns doch niemand, wie?« Er sah sich forschend um. Seine Lippenwinkel zuckten wie bei einem Kind, dem man sein Spielzeug zerbrochen hat und das seitdem die Feindseligkeit der Welt erkannt zu haben glaubt. Es war immer so bei ihm, welches auch seine Erlebnisse sein mochten, und so gereift und entschlossen er sich auch dazu stellte, etwas in seinem Wesen wirkte achtjährig.

»Leg nur los«, sagte Robert, unsicherer, als er sich zeigen wollte, »Lauscher gibt's hier keine.«

Etzel, die flachen Hände zwischen die Knie gepreßt, dachte mit zusammengezogenen Brauen nach. Er wußte nicht, wie er beginnen sollte. Er beugte sich vor, und seine unfertige, nur in der Mittellage bereits männlich klingende Stimme möglichst dämpfend, sagte er, im allgemeinen sei es ihm zuwider, wenn Jungens über ihre häuslichen Angelegenheiten schwatzten, es sei die Art der Mädels. Aber da er momentan in einer verzwickten Lage sei und keinen näheren Freund habe als Thielemann, habe er den Plan gefaßt, sich an ihn zu wenden. Eigentlich wolle er nur Antwort auf eine Gewissensfrage haben. Es gelte nicht, etwas zu bedenken und lang und breit zu bequatschen, Thielemann solle nur nein oder ja sagen, ganz aus seinem Instinkt heraus. Es handle sich um seine Mutter. Es handle sich um das Verhältnis oder vielmehr nichtexistierende Verhältnis zwischen seinem Vater und seiner Mutter, das sich in der letzten Zeit zu einem peinlichen Konflikt für ihn selbst gestaltet habe. »Verstehst du, Thielemann?« fragte er mit einem hellen, freundlichen Blick. Robert zuckte zusammen. »Keine blasse Ahnung«, murmelte er mit einer Bewegung, als sei er unter das Wasser einer Dachtraufe geraten. Sein Gesicht wurde finster, er war auf solche vertrauliche Eröffnung durchaus nicht gefaßt und empfand sie wie Hohn, da er völlig unter dem Druck der Zwietracht in seiner eigenen Familie stand, der Bitterkeit über das jahrealte Übel, den Unfrieden, die Zerklüftung. Vater und Mutter, zwei haßerfüllte Parteien, jeder des andern Verächter, Verfolger, Verwünscher, jeder in trostloser Verblendung bemüht, auch die Kinder, die Söhne, zur Partei zu machen. Der Argwohn quälte ihn, daß Etzel von diesem unwürdigen Zustand unterrichtet und dadurch erst ermutigt worden war, auch seine häusliche Misere auszukramen, aus Mitleid gleichsam, und dagegen bäumte sich der kleinbürgerliche Stolz in ihm. So vertrackt arbeiteten seine angekränkelten Gedanken, so unordentlich sah es in seinem Gemüt aus. Zu seiner Entschuldigung ist allerdings zu bemerken, daß er eben nicht sonderlich intelligent war, nur gutherzig und entflammbar. Seine Augen hatten einen armen, hungrigen Blick, während er Etzel prüfend ansah; er konnte nicht vergessen, was draußen in der Wohnung sich vorbereitete; aber während er seine unruhig horchende Zerstreutheit zu beherrschen suchte, schwand das Mißtrauen gegen den Freund, und die Erwägung, daß Etzel heute zum erstenmal davon redete, rührte ihn plötzlich bis zu Tränen. »Werd es schon verstehen, Kleiner«, sagte er, »quetsch dich nur aus.«

Etzel nickte. »Hör zu«, sagte er. Er kennt seine Mutter nicht. Er hat auf direktem Weg nie von ihr gehört, auf indirektem nur das Dürftigste. Er weiß nicht einmal ihre Adresse, weiß nur, daß sie in Genf in der Schweiz wohnt oder bis vor kurzem gewohnt hat. Ob gesund oder krank, reich oder arm, allein oder nicht allein, weiß er nicht. Er weiß nicht, warum er nichts von ihr weiß und wissen soll. Er weiß nicht, ob sie schön oder häßlich, alt oder jung ist. Er hat kein Bild von ihr, weder ein inneres, da es zu lange her ist, daß sie aus seinem Leben verschwunden, und da jede Erinnerung, was er sich nicht erklären kann, erloschen ist, noch ein äußeres, Photographie oder Porträt. Es gibt nichts dergleichen, man hat sie sozusagen ausradiert. Warum? Er kann nicht aufhören zu fragen: warum? Gewiß hat sie nicht freiwillig auf die Verbindung mit ihm verzichtet; was aber konnte sie dazu gezwungen haben? Eine begangene Sünde; das Gefühl einer Schuld? Man hat nie gehört, daß Mütter ihre Kinder deshalb im Stich lassen oder vergessen. Es steckt also der Vater dahinter. Ihn zu fragen, ist ausgeschlossen. Man wäre zwei Sekunden danach, ohne daß man es merkt, vor die Tür gesetzt. Die Rie kommt nicht in Betracht. Die Großmutter, scheint es, ist aus einem Grund, den er nicht kennt, zum Schweigen verhalten. Jemand anders zu fragen, verbietet sich anständigerweise. Es liegt somit eine Verschwörung vor, ein richtiges Komplott. Im Mittelpunkt der Verschwörung oder Abmachung, wie man es nennen will, sitzt der Vater. Er hat die Anstalten getroffen, er hält die Fäden in der Hand. Er schaltet alles aus, was ihm nicht paßt, Wissen, Fordern, Forschen. Er ist so und er will es so, und weil er die Macht hat, geschieht es so. Etzel empfindet es als ein ihm zugefügtes Unrecht. Er schwankt, ob er sich den Maßnahmen noch länger unterwerfen soll. Bisweilen hält er es für ein inneres Gebot, den um ihn aufgerichteten Damm zu durchbrechen; es dünkt ihn auch notwendig, um eine fehlende Balance in seinem Leben herzustellen. Er macht einen sonderbar geistreichen Vergleich. Es ist ihm zumut, sagt er, als hätte er von einem Klavierstück bisher nur den Teil gespielt, den die linke Hand zu spielen hat, den Baß; er weiß wohl, daß er das gleichzeitige Spiel beider Hände niemals hören wird, aber er möchte auch einmal die rechte Hand spielen hören, damit er sich das Ganze wenigstens innerlich zusammensetzen kann. Die Schwierigkeit ist aber die, daß er den Vater ungern hintergehen möchte; er möchte sich nicht schnöde betragen; er anerkennt die Pflicht, die man als Sohn hat, Gehorsam und Rücksicht sind ihm bis zu einem bestimmten Grad keine leeren Worte, der Vater hat in seiner Weise für ihn gesorgt, hegt in seiner Weise wahrscheinlich auch Sympathie für ihn, man kann nicht so ohne weiteres über ihn hinweggehen, dazu ist er zu groß, zu bedeutend, zu sehr Er. »Nun, sag du, Thielemann«, Etzel erhebt sich ziemlich ungestüm, und in seinen Augen ist wieder das fließende bronzene Funkeln, »sag du, was ich tun soll. Du bist ein gerechter Mensch. Du fühlst gerecht und denkst gerecht. Darauf kommt's nämlich an. Sag: Soll ich mich als gebunden betrachten, soll ich bei ihm aushalten, bis es ihm eines Tages paßt, mir zu sagen: so und so, das und das, wähle, geh nach Links, geh nach rechts, bleib in der Mitte, jedenfalls weißt du jetzt, was die Glocke geschlagen hat. Das wird ja nie sein. Nie wird so was über seine Lippen kommen. Schön. Soll ich mich also gar nicht darum kümmern, soll ich mich auf meine zwei Beine stellen und tun . . . na ja, was da zu tun ist, brauchen wir ja jetzt nicht zu besprechen. Was es sein wird, weiß ich heute noch nicht, aber man muß bei solchen Sachen parat sein. Wozu rätst du mir also, Thielemann? Besinn dich nicht. Du kennst doch das Spiel: der Tisch – fliegt, der Vogel – fliegt, da heißt's: schnell den Finger hoch! Sag schnell, was du meinst.«

Es war eine ungemein einleuchtende Auseinandersetzung, vernünftig und beredt. Es steckte die ganze Klarheit, Furchtlosigkeit, Aufrichtigkeit eines jungen Menschen darin, der sich von seinen moralischen Einsichten nichts abfeilschen läßt. Es war eine Frage, die vielleicht nicht allein an Robert Thielemann gerichtet war – der mochte nur der Vorwand und zufällige Vertreter sein –, sondern an die Kameraden überhaupt, an den Geist der Kameradschaft, an die Umwelt und schließlich an sich selbst. Es mochte die Überlegung zugrunde liegen: Wenn ich einmal die Frage knapp und richtig formuliert habe, kann ich mir nachher nichts mehr vorschwindeln. Es kam nur darauf an, den Mut zu der Frage zu finden, das war das Schwerste. Einmal in einer Sache mutig gefragt, hieß für Etzel, Schwungkraft und Freiheit zu Handlungen zu gewinnen, die mit der einen besonderen Frage gar nichts mehr zu schaffen hatten. Das vor allem andern muß hier betont, förmlich in Sperrdruck vermerkt werden, schon wegen der versteckten Vielschichtigkeit dieses Charakters, bei all seiner fast lieblichen Einfachheit.

Robert Thielemann hatte es nicht so eilig mit der Antwort. Er stand schwerfällig auf, trabte mit schweren Stiefeln um den Tisch herum, fuhr mit den Fingern in den roten Schopf, murkste und räusperte sich, bevor er sich vernehmen ließ: »Das hat einen Herzbezug und einen Gehirnbezug. Zwei ungleiche Gäule. Ich kann nicht wissen, welcher besser läuft. Du bist gewissermaßen in Seide geboren. Seide zerreißt sich schwerer als Sackleinwand. Bist ein verdammt feiner Kerl, schleppst aber doch zu viel Vorurteile oder Traditionen, oder wie du das Zeug nennen willst, mit dir herum . . .«

Etzel hörte gar nicht mehr zu. Er lächelte still. Es war ein kluges, nachsichtiges, enttäuschtes Lächeln. Beim »Aber« hatte er angefangen zu lächeln. Sobald einer aber sagt, kann ich ihn nicht brauchen, dachte er, setzte sich wieder hin, nahm ein Blatt Papier und einen Bleistift und zeichnete ein Pferd mit einem Hirschgeweih, das mit den Vorderbeinen aufgeregt in der Luft zappelte. Thielemann hatte ein Gefühl wie in der griechischen Stunde, wenn er die Examensarbeit mit einem Ungenügend zurückbekam. Seine Stirn bedeckte sich mit Röte. »Ich will dir mal was sagen«, begann er geheimnisvoll und beugte sich zu Etzel hinab, »sie sperren uns in den Brotkorb, das ist der Trick. Sie haben keinen Dunst, wie es in uns aussieht. Es ist ein Kannä, und sie halten noch bei Benevent. Sie wissen nicht, was ihnen bevorsteht. Alles verstunken und versaut. Aber sie haben den Brotkorb in der Gewalt, und damit beherrschen sie die Lage. Ich möchte einen Riß durch das Ganze machen, weißt du, so!« Er ergriff das Blatt, auf dem Etzel noch lächelnd kritzelte, und riß es zornig mitten entzwei.

In diesem Augenblick klang das Kreischen einer Frauenstimme herein und gleichzeitig die wütend-polternde eines Mannes. Es dauerte kaum drei Sekunden, dann wurde eine Tür zugeschmettert. Eine Atempause lang war es still, dann wurde die Tür zweifellos wieder geöffnet, denn die Stimme der Frau schrie noch lauter als vorher, halb jammernd, halb keifend und sich in der Höhe förmlich überschlagend. Der Mann antwortete, aus etwas größerer Entfernung als das erste Mal, mit greulichen Schimpfworten und Drohungen. Etzel sprang auf. Er dachte, es sei ein Unglück geschehen. Er wollte zur Tür hin, jedoch Robert packte ihn an der Schulter, hielt ihn fest und raunte ihm mit verzerrter Miene, seine Hauerzähne bleckend, heiser zu: »Rühr dich nicht, oder du kriegst es mit mir zu tun.« Da war es also, was er bis zum Zittern gefürchtet, was er hatte verdecken wollen wie einen ekelhaften Ausschlag auf der Stirn, was ihm Pranger war und seine Jugend finster machte wie einen Keller. Er und Etzel standen zwei Schritte von der Tür entfernt, er hielt Etzel noch immer an der Schulter, sein Gesicht war so fahl, daß die Sommersprossen darauf fast schwarz aussahen, wie Schmutzspritzer auf einem Stück Pergament. Etzel hatte die Augen niedergeschlagen, und während er auf das widrige Gezänk lauschte, begriff er die Not seines Freundes. Er wagte Robert nicht anzuschauen; da hörte der Lärm so jäh auf, als wären die zwei Stimmen von einem Sandhaufen erstickt worden; eine Viertelminute war es ruhig, dann fing unerwartet jemand an, auf einem greulich verstimmten Klavier einen Walzer zu spielen. Daran war nichts Besonderes, es war einer von Roberts Brüdern, der sich in der Wohnstube musikalisch erging; jedoch die Aufeinanderfolge, erst das wüste Spelunkengebrüll und unmittelbar darauf die läppische Walzermelodie, bewies eine so rohe Unempfindlichkeit des Spielers, daß Etzel in das Leben der Familie wie in ein aufgeschlagenes Buch sah. Er reichte Robert zaghaft die Hand und flüsterte: »Ich geh jetzt, Thielemann, hab mich sowieso verspätet, leb wohl.« Damit war er schon draußen, schlich scheu durch den Korridor und sprang die Stiege hinunter. Gemein von mir, so fortzurennen, überlegte er, während er auf der Feyerleinstraße im Regen marschierte und mit verzogenem Mund in den Himmel schaute; aber wär' ich länger geblieben, hätt' es ihn auch nicht gefreut.

Er ging langsamer, in Gedanken versunken. Nach einer Weile blieb er mit einem Ruck stehen. Er preßte beide Hände an seine Brust, das Herz begann heftig zu schlagen, und er sagte laut: »Es nützt nichts, ich krieg nicht eher Ruhe, als bis ich bei dem Alten draußen in Hanau gewesen bin.«

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