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Der Fall Maurizius

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Fall Maurizius
authorJakob Wassermann
year1954
publisherC. Bertelsmann
addressGütersloh
titleDer Fall Maurizius
pages3-488
created20030627
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1928
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5

Sophia hatte sich abgekehrt, ging in dem schmalen Raum zwischen Schreibtisch und Bücherregal hin und her und betrachtete, wie man in gespannter, innerer Verfassung manchmal tut, anscheinend neugierig verschiedene Gegenstände, das Barometer beim Fenster, eine Bronzefigur in der Ecke, den Rücken eines Buchs. Dabei begann sie zu sprechen, in dem früheren, leichten Plauderton, mit ihrer beweglichen Mimik und, sooft sie stehenblieb oder sich umdrehte, einem witternden Emporheben der Nase. Was sie sagte, machte den Eindruck, als wolle sie durch die rücksichtslose Aufdeckung der Vergangenheit die ebenso rücksichtslose Entschlossenheit zur Zukunftsgestaltung andeuten. Mehr als bisher trat die ungewöhnliche Kühnheit einer Frau zutage, die zu denken fähig ist, zu denken gelernt hat und vor keiner Folgerung ihrer Gedanken zurückschreckt. Es war Herrn von Andergast in so bestürzender Weise neu, als hätte sich der Ofen hinter ihm in ein lebendiges Wesen verwandelt und in die Unterhaltung eingegriffen. Vor ihm erhob sich wieder das fürchterliche Zuspät, das ihm schon seit Etzels Flucht die schlaflosen Nächte in erschöpfende Länge gezogen hatte. Es grinste ihn von allen Wänden an, zu Hause, im Amt, auf der Straße, überall, überall, zu spät, zu spät, zu spät . . .

Sie scheute sich nicht, von ihrem Fehltritt zu sprechen, sachlich. »Als ich damals Ehebruch beging . . .«, sagte sie. Sie bezeichnete den Ehebruch als mißlungenen Fluchtversuch aus einem Kerker. »Bis zu meinem zwanzigsten Jahr war ich ein freier Mensch«, sagte sie, »mit dem Hochzeitstag wurde ich zur Klausur verdammt.« Nicht ohne leises Grauen bemerkt sie: »Man wird Mutter, wie einen der Blitz trifft. Nach Recht und Gesetz.« Dann: »Woraus bestand mein Leben? Woraus bestand meine Ehe? Der Mann, zusammengesetzt aus Geschlecht und Beruf, Nachtgeschlecht und Tagberuf, beides in immer trüberer Mischung, je sicherer ihn die Gewohnheit machte, hatte nicht so viel Humanität im Leib, mal nachzuschauen, warum das verkümmerte Ding an seiner Seite schwieg und schwieg und schwieg, bestenfalls ja sagte und nein sagte und artig und folgsam war und sich gut anzog und im übrigen vor die Hunde ging. Er war der Herr, der Gatte, der Vater, der Erhalter. Alles sehr gründlich, sehr gewissenhaft, nach Recht und Gesetz. Herz, was verlangst du mehr? Ja, aber das Herz, auch wo es sich nicht schämen müßte, zu lieben, weigert sich zu lieben. Gegen Recht und Gesetz. Und spürt dann in seinem Hunger, in seiner Ratlosigkeit, es muß lieben, irgendwen, um jeden Preis, nur um sich zu erproben, nur um zu wissen, daß es doch nicht für nichts, für Küche, Keller, Schlafzimmer und Kinderpflege auf der Welt ist, und wer zuerst nach ihm greift, wenn er nur halbwegs annehmbar ist, an den vergibt es sich. Auch gegen Recht und Gesetz. Liebe . . . schön, heißen wir's Liebe. Manche Leidenschaft verdankt ihre Entstehung nur der Furcht vor der Leere. Das sind die rabiatesten. Georg Hofer war kein Heros. Begabter Durchschnittsmensch, anständig, nobel. Wär er mehr gewesen, so hätte er eure Vorurteile verachtet und nicht den Eid geschworen, der mich retten sollte und der ihm das Leben kostete. Meineid! Dieser Cauchemar trieb ihn in den Tod. Nein, kein starker Mensch, ganz vom Ehrbegriff seiner Kaste durchdrungen und ganz überzeugt von deinem Recht und Gesetz, die mir immer wie die gekreuzten Knochen erschienen sind, die man als Warnungszeichen auf Giftflaschen klebt. Als du ihn zum Schwur zwangst, hattest du ja schon mein Geständnis und wußtest, daß du ihn damit vernichten würdest, nach Recht und Gesetz, und mir zwangst du das Geständnis mit der Lüge ab, daß ich ihn damit vom Schwur entband. Meineid . . . nützliches Instrument, so oder so, manchmal braucht und ignoriert man ihn, manchmal verdammt und verfolgt man ihn, der Zweck heiligt die Mittel. Es ist ja eine Welt des Meineids, in der ihr existiert. Der aber, mit dem du mich und ihn gefangen hast, ist ein schwarzer Fleck in deinem Leben, nicht auszutilgen, magst du sonst auch wie ein Büßermönch gelebt haben, der läßt sich nicht weglöschen und übertünchen. Ich hab mich oft gefragt, wie man damit fertig werden kann . . . wahrscheinlich durch Nichthinsehen, ihr habt ja so viel Kraft und Ausdauer im Nichthinsehen . . .«

»Ja. Meineid«, sagte Herr von Andergast tonlos, und sein gelbliches Gesicht über dem gebeugten Rumpf stieß aus der Dunkelheit vor, »ja, er muß wohl einen Meineid geschworen haben.« Sophia blickte erstaunt nach ihm hin. Sie wußte natürlich nicht, welche innere Verstörung diese Worte hervorgerufen hatten. Sie blieb stehen und sah ihn forschend an. Da sagte er, abgehackt: »Es ist nicht gut, die alten Geschichten aufzuwärmen. Nicht gut, Sophia. Besonders nicht, das hat seine Gründe, in diesem Moment. Du bist eine Frau, zwar verstehst du vielleicht mehr als andre, aber das . . . nein. Ihr Frauen habt neuerdings einen Appell, auf den wir nicht eingerichtet sind. Es sind da Differenzierungen, zu denen ihr gelangt, weil ihr Zeit habt, sehr viel Zeit, und nichts wißt von dem kaiserlichen Muß und Soll. Wenn ich wäre, was ich sein könnte, war ich in einem höheren Recht gegen dich. Jedoch . . . (er hielt aufatmend inne) bedenke, daß heute fast jeder Mann, der sich den Fünfzigern nähert, in seiner Lebensidee gebrochen ist. Ich bin, leider, keine Ausnahme von der Regel.« – Sophia stand mit gesenkten, langwimprigen Lidern. Sie antwortete: »Zieh deine Hand ab von dem Buben.« – Er darauf, mit seiner ganzen Starre wieder: »Ich kann nicht einsehen, mit welchem Recht –« – Sophia unterbrach ihn mit ungestümer Handbewegung: »Recht, Recht . . . ich habe meinen Preis bezahlt.« – »Auch mir hat man nichts geschenkt.« – Da sie schwieg, schaute er sie an und wußte auf einmal, was für einen Preis sie bezahlt hatte. Es gibt Frauen, die nach einem Leben freiwilliger, weil von einem alles aufzehrenden Ziel befohlenen Entbehrung eine zweite Jungfräulichkeit erringen. Er schaute sie an, sie lächelte, das Lächeln war schmal und hatte eine stille Gewalt. Plötzlich nickte sie ihm zu, fremd, stolz, und wandte sich zur Tür, im Gehen den Handschuh über die linke Hand ziehend. Herr von Andergast ließ sich auf dem Schreibtischsessel nieder, stützte die Ellbogen auf den Tischrand und schlug die Hände vor das Gesicht. So saß er zwei Stunden lang und hörte nicht das mehrmalige, immer zaghaftere Pochen der Rie, die sich endlich gegen elf Uhr ängstlich entschloß, die Türe sacht zu öffnen und durch den Spalt zu wispern, daß das kalte Abendessen bereitstehe. Sie war übrigens mit dem Besuch der Frau gewissermaßen versöhnt, denn als Sophia beim Verlassen des Zimmers die Rie auf dem Flur stehen sah, war sie auf sie zugegangen und hatte ihr stumm die Hand gedrückt.

6

Um sieben Uhr morgens befand sich Herr von Andergast abermals auf dem Weg nach Kressa. Was wollte er dort? Was erwartete er? Was zog ihn so ungeduldig hin, daß das Auto im Tempo einer Postkutsche zu schleichen schien und er jedes Hindernis auf der Fahrstraße mit Erbitterung betrachtete? Wieder Verhör und Befragung, es hatte keinen Sinn mehr. Die kriminellen Einzelheiten, mit denen er sich noch gestern solchen Sinn vorgetäuscht, hatten aufgehört, etwas zu bedeuten. Sie konnten dem Bild nichts hinzutun, nichts von ihm nehmen. Worin lag also der Antrieb? Er vermied es, darüber mit sich ins reine zu kommen. Diese Art von Unruhe näher zu untersuchen, als ob man . . . zum Lachen . . . als ob man einen Freund, bevor unaufhaltsame Entscheidungen fielen, noch sehen müsse, hätte auf bedenkliche Abwege geführt. Freund . . . der Zuchthaussträfling: Freund? Es war vielleicht der kranke Kopf, der solche Mißregungen gebar. Überarbeitung. Druck und Nachhall widriger Erlebnisse, das da mit der Frau und das andre mit dem Jungen. Indem er sich befliß, beiden das Gewicht abzusprechen, nicht daran zu denken, nicht daran zu leiden, jede Verschuldung zu leugnen, belud er möglicherweise, so sagte er sich, den Zwischenfall Maurizius aus innerer Gegendemonstration mit Scheingewichten. (Ein Raffinement der Selbstbeobachtung, das seinem Geist alle Ehre machte.) Gleichwohl, was ihn zu dem Sträfling trieb, war von ähnlicher Beschaffenheit wie das, was ihn nach dem Jungen verlangen machte, nicht so beleidigt und verfinstert, als wäre das Beste in einem verkannt worden, sondern hintergründiger, wie wenn man das Schicksal versöhnen müßte, die Schranken aber doch zu fest wären, als daß man sie durchbrechen könnte. (Diese absolut freudlosen, vom Wesen der Freundschaft nur aus verblaßten Jugendreminiszenzen wissenden Männer seines Schlags und seiner Generation gewahren ihre vollkommene Isolierung erst in einem sehr fortgeschrittenen Zeitpunkt ihres Lebens, und es kann wie bei manchen Frauen im Klimakterium passieren, daß sie mit verdunkeltem Willen das Entbehrte durch Handlungen zu erlangen suchen, die einer Umkehrung ihres bisherigen Charakters gleichkommen.) Es schwebte ihm vor: Aussprache, Verständigung, mehr noch ein (wie er nur zu gut wußte aussichtsloses) Sichverständlichmachen, dabei sträubte er sich gegen den Zwang, zuckte die Achseln über sich, ersann Vorwände, um sich die Notwendigkeit des neuerlichen Besuchs plausibel zu machen, konnte aber nicht verhindern, daß er beständig die gurrende Stimme im Ohr hatte, die zerhackten Gebärden, die flatternden Blicke des Gefangenen vor sich sah, den anmutig geschwungenen Mund, der an Napoleons Mund erinnerte, die kleinen Mädchenzähne, die schlohweißen Haare, und nebst alledem die Empfindung hatte, die sich schon beim ersten Gegenüberstehen geregt, wie wenn da ein Mensch mit dem Auftrag betraut wäre, der Welt Geheimnisse zu eröffnen, von denen sie bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte.

Kurz vor Kressa wurde die Fahrt durch eintretenden Regen verzögert, der Chauffeur mußte das Dach über den Wagen spannen. In der Kanzlei hatte er eine Viertelstunde zu warten, da man erst den Vorsteher benachrichtigte, der beim Rapport war. Als Pauli kam, teilte er ihm mit, der Sträfling 357 sei in der Nacht erkrankt, man habe aber auf seinen eigenen Wunsch davon abgesehen, ihn ins Lazarett zu schaffen, er liege in seiner Zelle. Übrigens sei es nach Angabe des Arztes nur eine leichte Unpäßlichkeit, Magenverstimmung oder dergleichen, der Patient fühle sich nach Einnehmen von kohlensaurem Natron ganz wohl, der Herr Baron könne ihn ohne weiteres sprechen. Der Schreiber mit den aufgeregten Augen erhob sich und reichte diensteifrig den Krankenzettel herüber. Zehn Minuten später, von der Gefängnisuhr schlug es eben neun, sperrte der Wärter die Zelle auf.

Maurizius lag auf der eisernen Bettstelle, mit einer grauen haarigen Wolldecke bis zur Brust zugedeckt. Sein Gesicht war kalkig, die Augen schwammen wie zwei Kohlenstücke in den schwarzumränderten Höhlen. Beim Anblick des Oberstaatsanwalts richtete er sich jäh empor, mit einem Ausdruck, als wolle er sagen: Schon wieder? Noch nicht genug? Über dem rauhstoffigen Hemd trug er den Zwillichkittel, dessen Knöpfe am Hals offen standen. Herr von Andergast trat auf ihn zu, schaute von seiner imponierenden Höhe aus mit trübverzogener Stirn auf ihn herunter – und plötzlich streckte er ihm beide Hände hin. Indes er wartete, daß die Gebärde erwidert werde (sie wurde es nicht), schimmerten seine großen Zähne durch die Lippen, die wulstig aussahen, wie geschwollen. Man hätte denken sollen, das weiße Gesicht des Sträflings hätte nicht weißer werden können, und doch war es der Fall. Was soll das? fragte der stiere Blick erschrocken und böse, wozu das? was steckt dahinter? Das charakteristische Mißtrauen des langjährigen Zuchthäuslers. Herr von Andergast ließ die Arme sinken. Eine Weile stand er grübelnd. Dann schritt er zum Fenster, schaute in die wie mattes Seidengewebe niederschleifenden Regenschwaden, sodann nahm er den Holzstuhl, schob ihn neben die Bettstelle und ließ sich schwer darauf nieder. Die Fingerspitzen beider Hände aneinanderlegend, sagte er bedächtig: »Ich möchte diesmal auf alle Ihnen unbequemen Erkundigungen und Nachforschungen verzichten. Beunruhigen Sie sich also nicht. Es tut mir leid, daß Ihre Gesundheit unter der gestrigen Anstrengung gelitten zu haben scheint.« – Maurizius legte den Kopf, den er bisher in gefolterter Aufmerksamkeit aufgerichtet gehalten, auf das grobe Kissen zurück. »Bah, Gesundheit«, sagte er gleichgültig. Weiter nichts. – Herr von Andergast beugte sich vor. »Eine Frage«, fuhr er in dem völlig veränderten Ton fort, den er heute gegen den Sträfling angenommen hatte, einem Ton, aus dem unverkennbar herausklang: ich spreche von Mann zu Mann, von gleich zu gleich, und der Maurizius aufhorchen ließ, als lausche er der mühsam unterscheidbaren Stimme aus einem fernen Gemenge, »eine einzige Frage. Wenn Sie für gut finden, nicht zu antworten, werde ich Ihr Schweigen verstehen. Es könnte ja auch nur eine einzige Deutung haben.« – Maurizius sah in die Luft. »Bitte«, flüsterte er. – »Würden Sie Ihre auf dem Gnadenweg verfügte Entlassung annehmen, ohne weitere Schritte ins Auge zu fassen? Ihr Wort würde mir genügen.«

Über Maurizius' ausgestreckten Körper läuft ein elektrisches Beben. Die vertrockneten Lippen pressen sich zusammen. Er kann nicht reden. Ein rasender Tanz verworrener Bilder durchtobt sein Hirn. Er möchte etwas schreien. Er kann nicht schreien. Er möchte sein Gesicht mit den Händen bedecken. Er vermag es nicht. Er hat das Gefühl, daß sein Rumpf ein Bleiklumpen ist und sein Herz ein scheppernder Motor, der gleich stillstehn wird. Herr von Andergast begreift. Mit sonderbarer Schüchternheit legt er seine Hand auf Maurizius' Arm. Er sagt: »Ich biete Ihnen, was zu bieten möglich ist. Sie haben noch eine Zukunft vor sich. Sie dürfen sie nicht um eines Phantoms willen von sich werfen.« – Maurizius' Gesicht verzerrt sich. »Phantom? Phantom, sagen Sie? Zukunft ohne dieses . . . dieses Phantom? Zukunft . . . mit dem da drinnen (er deutet mit dem Zeigefinger auf seine Augen) und mit dem da drinnen (er schlägt mit der flachen Hand auf seine Brust) . . . Zukunft!« – Herr von Andergast spricht ihm zu wie einem eigensinnigen Kind: »Sie müssen sich abfinden. Das Leben ist eine gewaltige Macht. Ein Strom, der Unrat und Gift filtriert. Denken Sie an die Freiheit . . .« (Banal, hoffnungslos banal, geht es ihm durch den Kopf, voll Zorn gegen die Verbrauchtheit und Zerlaugtheit der Worte.) Wieder rinnt das Beben über den ausgemergelten Leib des Sträflings. Er murmelt: »Freiheit . . .ja . . . o Gott . . . Freiheit . . .« Seine Augen werden naß. – »Nun, sehen Sie . . .«, sagt Herr von Andergast bewegt. (Er hat plötzlich das Gefühl des Wohltäters, des wirklichen Freundes, das bewegt ihn, er vergißt, daß das Almosen nicht einmal den Rang eines Geschenkes hat, er spürt nicht, daß es ein Spott und ein Hohn ist.) Maurizius liegt schweigend da. Es vergehen fünf Minuten, er regt sich nicht. Endlich beginnen seine Lippen zu zittern, und er fängt an, vor sich hinzusprechen.

7

»Ihr wißt es nicht. Es kann sich's niemand auf der Welt auch nur im entferntesten vorstellen. Die Einbildungskraft eines jeden Menschen verhält sich da wie eine störrische Kuh. Es reicht nichts hin, was man sagt und was draußen davon bekannt ist. Manche meinen, sie hätten's erfaßt, weil sie sich in gewisse Bilder eingelebt haben, die auf die Phantasie wirken. Sie haben nicht einmal den Zipfel erfaßt. Manche sagen wieder, es ist gar nicht so schlimm, jedes Individuum paßt sich an seine Bedingungen an, Gewöhnung ist alles, die Zustände werden von Jahr zu Jahr besser, die Gesetzgebung beugt sich dem Geist der Zeit, und dergleichen mehr. Ahnungslos. Alles Unrecht und Leiden der Erde hat seinen Grund darin, daß Erfahrungen nicht übermittelt werden können. Höchstens mitgeteilt. Zwischen dem Zugemessenen und dem Unerträglichen liegt der ganze Weg der Erfahrung, den immer nur einer allein für sich gehen kann. So wie immer nur einer allein seinen Tod stirbt und keiner vom Tod etwas weiß. Nicht so schlimm . . . nein. Lange Zeit denkt man: nicht so schlimm. Wäre man nicht seelisch, geistig, bürgerlich, gesellschaftlich, als Mensch und Sohn und Vater und Mann erledigt, das übrige wäre wahrhaftig nicht so schlimm. Ruhe, ich sagte es Ihnen ja schon, Ruhe und Frieden. Keinen Ehrgeiz mehr, keine Geldquälereien, keine Aufregungen, keine Szenen, keine Zeitungen, Ordnung, Frieden, Ruhe. Durch die Mauern da kommt nichts mehr an einen ran. Freiheit, von der hat man genug. Sie hat einen ja dahin gebracht, wo man ist. Man sagt sich: Du brauchst sie nicht, die Freiheit, sie macht dich bloß zum Unband, wie man zum Säufer wird, wenn man den Keller voll Wein hat. Lange Zeit ist es so. Sie haben sicher von der spanischen Wasserfolter gehört. Der Betreffende wurde unter einen tropfenden Hahn gelegt, in bestimmten Pausen fielen die Tropfen auf eine bestimmte Stelle des Körpers. Zuerst war es nur lästig, dann wurde es zum Schmerz, dann zur fürchterlichen Qual, schließlich wars bei jedem Tropfen, als ob ein Hammer auf den Schädel sauste, und Haut und Fleisch und Knochen wurden zur breiigen Wunde. Als ich in das Haus kam, da dacht ich: nicht so schlimm. Tag auf Tag verging, Woche um Woche, Monat um Monat, immer noch dacht ich: nicht so schlimm. Es gab sogar Stunden und Augenblicke, wo mir der aufs Unabsehbare hinaus abgeschlossene Zustand eine innere Sicherheit gab, wie wenn mir nun überhaupt nichts mehr geschehen könnte. Sie müssen eben bedenken, was hinter mir lag. Die Gedankenstarre mußte mal erst weichen. Na ja, dann hob sich der Nebel. Eines Tages sagte mir der Direktor: Sie sind nun fünfzehn Monate im Hause . . . ich erwähne nebenbei, daß man mich nie duzte wie die andern, zu jener Zeit wurden noch alle geduzt, ich nicht, da ich »Intelligenzler« war und gewesener Doktor. Nun, das durchfuhr mich wie ein Feuer, das mit den fünfzehn Monaten. Fünfzehn Monate, dachte ich, wo sind die hin? wo waren die überhaupt? was hatt ich von ihnen gesehen und gewußt? das ist doch sonst im Leben ein Abschnitt, den man bemerkt, im Guten wie im Bösen, draußen hatte man sozusagen die Zeit in den Knochen und Fingerspitzen . . . ich sagte: Herr Direktor, sind es wirklich fünfzehn Monate? Da lachte er und antwortete: Glücklicher, dem keine Stunde schlägt. Das war also der Anfang. Nämlich die Furcht davor, daß einem die lebendige Zeit aus den Sinnen schlüpft. Die Furcht wurde so grauenvoll, daß ich mich am Abend gewaltsam am Einschlafen verhinderte, um die Zeit zu halten, die Zeit zu wissen, wie man bei einem Pferderennen auf die Jockeis und ihre Farben starrt, um die Sekunde nicht zu verpassen, wo der Sieger das Ziel gewinnt. Aber es ist ein schlechter Vergleich. Ich möchte nicht vergleichen, es ist alles schief, alles falsch, schon weil es aus eurer Welt draußen ist. Die Angst um die Zeit fraß sich mir in die Nerven, grad wie wenn ich was zu verlieren gehabt hätte. Allmächtiger Himmel, was hatt ich denn zu verlieren oder zu versäumen . . . lebenslänglich! Sprechen Sie sich das vor: lebenslänglich! Was gibts da zu verlieren? Aber das Menschenhirn ist ein verrücktes Etablissement. Mit der einen Marter fand sich schon die zweite ein. Mit der Angst um die Zeit die Qual der Gleichzeitigkeit. Das war womöglich noch ärger. Ich stehe zum Beispiel im Arbeitssaal, die Hände verrichten das mechanische Ewig-Selbe, da überkommts mich: jetzt, in der Minute, geht der Postbote Lindenschmitt die Promenadenstraße herunter und läutet bei der Villa Kosegarten an oder: jetzt, in der Minute, begegnen sich Professor Stein und Professor Wendland an der Ecke der Universität und stecken die Köpfe zusammen, weil sie gegen Professor Straßmeyer wie gewöhnlich intrigieren. Ich seh sie. Ich seh den Postboten Lindenschmitt mit seiner Trinkernase, wie er in die Ledertasche greift und die Briefe hervorholt. Und wie die Magd in der Villa Kosegarten erst den Kopf zum Fenster herausstreckt und ihr Staubtuch schüttelt, bevor sie auf den Knopf drückt, der das eiserne Tor aufspringen macht. Ich seh's, weil ich's hundert- und tausendmal gesehen habe und weil sich daran schwerlich etwas verändert haben kann. Das wechselt mit jeder Stunde, in jeder Stadt, wo ich gewesen bin, auf den Bahnhöfen, in Hotels, in Kunstsammlungen seh ich die Verrichtungen, die eben zu der Stunde vor sich gehn, die Menschen, die ich gewohnt war, dort zu treffen, die Dinge, die von jeher dort zu finden waren und auch jetzt da sein müssen. Ich seh am Morgen die ersten Fuhrwerke durch die noch verschlafene Straße rollen und am Abend die ersten Bogenlampen aufflammen, ich seh eine kleine Bronzestatuette im Kasseler Museum, die ich immer gern gehabt, und denke mir: Sonderbar, daß sie dasteht und ich weiß, daß sie dasteht, es ist, als könnt ich sie greifen, doch ebenso könnt ich mir einbilden, den Sirius zu greifen, es ist und ist nicht, ist da und ist nicht da, und so mit allem, mit Bäumen, die ich kenne, mit kleinen Jungen, die ich kenne und die traumhafterweise größer werden, mit Gegenständen, die mir gehört haben und von denen ich mich frage, wo sie jetzt wohl sind, in dieser jetzigen Minute, irgendwo müssen sie doch sein . . . Es ließ mich nicht los und nicht los, und wie die Angst um die Zeit verursachte, daß die Zeit langsamer und langsamer floß, jeden Tag fühlbarer wurde, immer die heutige, verstehen Sie, wenn die einzelnen Tage aufgesammelt und vorüber waren, da war's, als hätte sie ein riesiges Raubtier alle mit einem Schwapp hinuntergeschlungen, wie also das durch die Angst um die Zeit bewirkt wurde, so machte das entsetzliche Gleichzeitigkeitsgefühl, daß alles vor einem sich in maßlosen Raum hindehnte. Ich wollte gar nicht glauben: hier sind Wände, ich schritt auf eine Wand zu, als müsse sie sich teilen wie der Vorhang im Theater. Raum, Raum, Raum, immerzu, daß ich eingesperrt war, schien ein blöder Witz. Doch das sind bloß Läppereien gegen das, was dann kam . . .«

Er drehte ein paarmal den Kopf hin und her, legt dann die Hände mit verschlungenen Fingern auf den Schädel und fährt fort: »Freilich, aus der Zeitqual ging alles andere hervor, namentlich das eine . . . das . . . wie soll ich's erklären, die Wenn-Qual, die Wenn- und Hätte-Qual. Wenn ich in der und der Situation das und das getan, bei dem und dem Wortwechsel das und das geantwortet hätte, wie dann alles anders gekommen wäre. Wenn ich dem Waremme an dem und dem Tag nicht die Hand gegeben, sondern gesagt hätte, so und so, ich hab es satt . . . Wenn ich an jenem vierundzwanzigsten Oktober den Personenzug und nicht den D-Zug benutzt hätte, wie sich dann alles abgespielt hätte, ganz anders, ganz anders, und das Ausmalen, wie es sich abgespielt hätte. Alle Vergangenheit wurde wie in einem Wundfieber neu gedichtet und arrangiert, ich sah den Unsinn und die Torheit, die Übereilungen, und daß man die Zeit nicht zurückschrauben konnte, um's zu ändern, es lag ja so nah, es zu ändern, es war so einfach, das zernagte das Herz, das verstörte den Kopf. Und Reue und Bedauern, verspätete Einsicht: dem hast du zuviel vertraut, dem zuviel geglaubt, dort war dein Argwohn fehl am Ort, da hättest du dich offen mitteilen müssen. Und was man alles vergessen zu haben meint . . . vergessen, den wichtigen Brief an Elli zu schreiben, der das gräßliche Mißverständnis verhütet hätte, vergessen, der Anna zu sagen, was mich und sie und die Frau vielleicht gerettet hätte, daß es mein heiliger Vorsatz war, alleine auszuwandern, wenn alles fehlschlug und mir nur Hildegard zu sichern. Zwanzigmal am Tag ist einem, als könne man's nachholen und wiedergutmachen, und wenn man dann zum Bewußtsein kommt, wie unmöglich es ist, ein für allemal unmöglich, ist's ein rasendes Aufknirschen gegen das Unmögliche. Das gewöhnt sich am schwersten: der gefesselte Wille, nein, das ist dumm ausgedrückt: daß man nicht mehr wollen kann. Das Organ in einem, das will, verkümmert. Beispielsweise: Die Zähne sind da zum Beißen, schön; kaum beißt du auf ein Stück Brot, fällt dir ein Zahn aus dem Mund, und erst wenn alle Zähne weg sind, hast du dich gewöhnt. So ist das. Infolgedessen geschieht es, daß das bloße Sein und Vonsichwissen was eigentümlich Subtrahiertes bekommt, daß man anfängt, sich in jeder Lebensregung zu mißtrauen. Es schwindelt einem beim Gehen, es überläuft einen der Schauder, wenn man eine Treppe hinuntersteigen soll, jedes Fenster ist wie ein Abgrund, man wagt sich nicht heran, aus dem Bett aufstehen ist wie eine große Gefahr, Essen und Trinken hat was komisch Anachronistisches, mit andern reden ist wie mit sich selber reden, lachen und weinen kann man nicht, das ist draußen geblieben. Man will immer noch, man will und will, aber es ist nichts da zum Wollen. Das macht einen toll. Das Aufregendste dabei ist, daß mit dem Wollen auch die Worte verfaulen, mit denen man will. Alles ist ja so eingeschränkt, das Auf und Ab, der Bereich leer, kein Wunsch, kein Hindrängen, bloß das gemeine Bedürfnis wagt sich vor, im Innern spinnt das Hirn, kocht und spinnt bis zur Verzweiflung. Es ist, wie wenn man in einem Wald geht und die Wege hinter einem verschwinden, so schält sich die Sprache von einem ab, ihr Kostbares ist nicht mehr da, ihr Zartes welkt ab, die höheren Begriffe zerschmelzen in was Ordinäres und Schmutziges. Manchmal steigen Erinnerungen auf wie feurige Drachen, der Atem steht einem still, und es ist doch nichts weiter als irgendein Beisammensein mit einem Freund oder daß einem die liebe Hand mal eine Blume geschenkt hat. Aber es ist unermeßlich weit, man wundert sich, man könnte schluchzen vor Sichwundern, daß man's erlebt hat. Zwei- oder dreimal im Jahr bin ich aus dem Schlaf aufgefahren und hab geschrien: Ich? Ich, mit einem Fragezeichen. Sonst nichts. Ich. Aber es ist so eine Sache mit dem Ich, hören Sie mal den Leuten, die jahrelang im Hause sind, beim Sprechen genau zu, und Sie merken, daß sie vor jedem Ich, das sie sagen, eine kleine Pause machen, wie wenn einer mit verbundenen Augen Angst hat zu stolpern, es hat mich immer sehr ergriffen. Überhaupt das mit den Leuten, das ist ein ganz besonderer Punkt, wie soll ich Ihnen das begreiflich machen oder nur auseinandersetzen, da find ich kein Ende, wenn ich nur anfange, schwankt mir schon alles vor den Augen, ich hab kein Talent zum Virgil, und ein Dante hat das noch nie geschaut, will mich dünken. Ich möchte Sie auch nicht langweilen, hoffentlich langweilt Sie's nicht, nein? Das ist gut. Vorher will ich noch was von den Hoffnungen und Erwartungen sagen, weil ich doch von den Erinnerungen sprach, die allmählich so was Flimmriges und Winziges wie Mikroben bekommen, ausgenommen die eine oder die andere, die wie eine Fackel dasteht, obwohl nichts an ihr dran ist, sie überwältigt einen doch, man weiß nicht warum . . . aber was man erwartet, worauf sich die Neugier richtet, das ist so, daß man sich schämen muß, so niedrig, so armselig. Was der Wärter für ein Gesicht machen wird, wenn er aufsperrt, ob der Herr Pastor beim Gottesdienst wieder so wettern wird wie das letzte Mal, ob heute ein Neuer eingeliefert wird, ob es gelingen wird, Zigaretten zu kriegen, ob sich im Gang die Maus wieder zeigen wird, die gestern zum allgemeinen Gaudium an der Hose des Inspektors hochlief . . . Ja, das mit den Leuten. In den ersten paar Jahren war's mir eine Erleichterung, mit den andern im Arbeitsraum beschäftigt zu werden. Siebzehn Monate schlief ich auch im gemeinsamen Schlafsaal mit meiner Gruppe. Aber in der Zeit war ich noch verkrampft, ich sah die Gesichter nicht, unterschied keinen vom andern, gelbliche Schatten operierten vor mir herum, solang das Schweigegebot in Kraft war, merkt ich auch nicht, daß sie mir aufsässig waren, und wenn sie reden durften, hört ich nicht hin und merkt es auch nicht. Sie hielten mich für hochmütig und unzugänglich, er bildet sich ein, was Besseres zu sein, höhnten sie, nannten mich den Schulmeister und den Kathederfritzen, na, das kennt man ja. Aber weil ich einmal bei einer Ausbruchsverschwörung und ein andermal, als es sich um geschmuggelten Schnaps und eine wüste Sauferei handelte, mich unwissend stellte und keinen verriet, obwohl der Direktor und der Assessor leichtes Spiel mit mir zu haben glaubten, stieg ich in ihrer Schätzung, und sie ließen mich nach ihrer Weise gelten. Das blieb dann Tradition. Die Tradition über einen Sträfling ist das Stärkste in so einem Haus. Jedoch ich wußte damals von keinem einzelnen was, keiner interessierte mich, ich fragte nichts und nach niemand, eigentlich kannt ich nur die Schuhe von einem jeden, und nachts, das war das Wunderlichste in jener Zeit, nachts, kaum aufs Bett gefallen, schlief ich wie ein Klotz. Das können Sie sich von vielen bestätigen lassen, die so wie ich aus der Geisteswelt ins Zuchthaus geraten, daß sie jahrelang nachts daliegen wie ein Klotz. Offenbar steht einem da die Natur zur Seite, sie will nicht alles zugleich in einem kaputtmachen lassen und schlägt vor der Menschenwut eine Tür zu, die letzte, die sie hat. Doch einmal in der Nacht wach ich auf, und es kribbelt und fingert was an meinem Körper herum. Mir wird gleich, ich weiß nicht wie, ich spür einen Bart und haarige Arme und schweißige Hände. Ich fahr auf und will den Kerl abdrängen, da speit er mir seinen stinkenden Atem ins Gesicht und röchelt: Hält's Maul, du Hund. Da fang ich an, mit ihm zu ringen, und neben und unter mir hör ich kichern und sappern, mein Bett war eins von den oberen. Der Kerl fährt mir mit der Hand an die Kehle, mit der andern ans Gemächte, ich stoß ihm die Knie in den Magen und die Finger in die Augen, er flucht schauerlich, ringsherum kichert und sappert es weiter, endlich werd ich Herr über ihn, und mit Krach und Getöse stürzt er aus dem Bett auf den Boden hinunter. Der Wärter erscheint, da ist schon alles totenstill. Am andern Tag hab ich dann um Einzelhaft nachgesucht, ohne von dem Zwischenfall was verlauten zu lassen, der Direktor, den wir damals hatten, derselbe, der mir das mit den fünfzehn Monaten gesagt hatte, war mir nicht feind, als ich ihm sagte, ich müsse in kürzester Frist zugrunde gehn, wenn ich nicht in die Zelle käme, sah er mich durchdringend an, als verschweige ich ihm was, dann erwiderte er: gut, es wird veranlaßt. Es dauerte noch drei Wochen, bis es soweit kam, wir waren damals überfüllt, ich hatte mich indessen einiger gefährlicher Anschläge von dem Kerl zu erwehren, der mich überfallen hatte, auch das ging vorüber, dann kriegt ich also meine Zelle. Und da begann was Neues, gewissermaßen eine neue Periode . . .«

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