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Der Fall Maurizius

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Fall Maurizius
authorJakob Wassermann
year1954
publisherC. Bertelsmann
addressGütersloh
titleDer Fall Maurizius
pages3-488
created20030627
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1928
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Neuntes Kapitel

1

Die Generalin hatte von Sophia von Andergast einen Brief erhalten, der sie ungesäumt zu folgender Antwort veranlaßte:

Liebe Sophia, ich finde es richtig, daß Du herkommst. Übrigens hast Du nicht nach mir zu fragen, und ich hab Dir nicht einmal zu raten. Ich finde Deinen Entschluß so richtig, daß ich Dich einlade, bei mir zu wohnen, wenn Du es annimmst, bin ich froh. Hoffentlich bist Du nicht schon unterwegs, und diese Zeilen treffen Dich noch. Wer sollte Deine Verzweiflung besser begreifen als ich? Bin ich doch, seit der Bub fort ist, in einem scheußlichen Zustand selber. Darüber, was Du tun sollst, werden wir sprechen. Von mir freilich kannst Du wenig Hilfe erwarten, ich bin eine unnütze Alte und nicht bloß durch diese traurige Tatsache in meiner Bewegungsfreiheit gehemmt. Dein Sohn ist der Sohn von meinem, voilà tout. Aber diesmal, Sophia, steh ich zu Dir, und soweit Mut und Kräfte reichen, will ich Dir auch beistehen. Natürlich zittre ich bei dem Gedanken einer Begegnung zwischen Dir und Wolf. Es muß aber sein, Du hast recht. Er muß Dir Rechenschaft ablegen, vor Gott und Menschen ist er dazu verpflichtet. Du hast Dein Kind von ihm zu fordern. Wenn er Dir auch nicht wird sagen können, wo es ist, leider, so wird er sich doch verantworten müssen, wie es dahin kommen konnte, daß er es nicht weiß. Deine Freunde haben Dir nicht falsch berichtet, niemand weiß etwas über das Verbleiben unseres Jungen. Ach Gott. Ich schlafe keine Nacht mehr. Ich zerbreche mir immerfort den Kopf über das Warum und Wo. Dein Brief hat eine letzte blöde Hoffnung in mir zerstört, nämlich, daß er zu Dir geflohen sein könnte. Er sprach in letzter Zeit oft von Dir, ich aber durfte ihn nicht anhören; und was geschah? Er schwieg von Dir. Da kam ich mir erst recht wie eine unbrauchbare Scharteke vor, zu nichts gut in der Welt. Ach, nicht alt werden, oder wenn, nicht alt sein. Nach alledem wirst Du Dich um so mehr über diesen Brief wundern. Aber der Umstand, daß Du, die Mutter, erst von Fremden, nenn sie Freunde, die Fremden, fremd sind sie in dem Fall eben doch, also von Fremden erst erfahren mußtest, daß Dein Kind ihn verlassen hat und nicht mehr aufzufinden ist, war der Tropfen, der das Gefäß zum Überlaufen gebracht hat. Schön, er hat die drei Briefe ignoriert, die Du ihm in den letzten Monaten geschrieben hast, ich will es zur Not noch verstehen, aber Dir, Dir nicht mitzuteilen, wenigstens von seinem Anwalt Dir schreiben zu lassen, daß das passiert ist, was Dich ebenso angeht wie ihn und tausendmal mehr vielleicht, das ist mir zu viel – Konsequenz. Ihr zieht überhaupt so merkwürdige Konsequenzen, ihr jüngeren Leute, auch Du, mir ist ja manches unerklärlich auch an Dir, aber ich will nicht schwatzhaft werden, wenigstens nicht auf dem Papier, Du wirst es mir vielleicht erklären. Ich habe Dich jetzt neun Jahre nicht gesehen, liebe Sophia, oder sind es Gott behüte zehn? Und ich weiß nicht, was als Mensch aus Dir geworden ist, als Frau bist Du mir näher als damals, ich denke, wir werden uns ohne viele und große Worte verstehen, ich halte wenig von Worten, hingegen von Menschen, vorausgesetzt, daß sie welche sind, desto mehr. Es grüßt Dich Deine Dir wohlgeneigte Cilly von Andergast.

Um nicht beschuldigt zu werden, daß sie hinter seinem Rücken mit der Gegnerin konspiriere, hielt es die Generalin für notwendig, ihren Sohn von dem Briefwechsel zu verständigen. Sie tat es in einem Schreiben, das wesentlich kürzer gefaßt war als das an die ehemalige Schwiegertochter gerichtete, und fügte hinzu, daß Sophia morgen oder übermorgen ankommen und bei ihr im Hause logieren werde. Ein unerwarteter Hieb für Herrn von Andergast, der ihm die Fruchtlosigkeit jahrelanger Vorkehrungen schroff vor Augen führte. Er fand den Brief der Mutter nachmittags auf seinem Schreibtisch. Er las ihn, faltete ihn zusammen, legte ihn beiseite. Er nahm ihn wieder, las ihn wieder, zerriß ihn in vier Stücke, warf ihn in den Papierkorb. Zehn Minuten später holte er die Stücke aus dem Papierkorb hervor, warf sie in den Ofen, zündete sie an und sah zu, wie sie verbrannten. Dann schritt er auf und ab, dann hob er den Hörer vom Telephon, ließ sich mit dem Justizgebäude verbinden, forderte den Direktor Günzburg zum Apparat und beauftragte diesen, den Vorsteher der Strafanstalt Kressa sofort zu benachrichtigen, daß der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft morgen vormittag dort eintreffen werde. Ob ein Kausalnexus zwischen dem so umständlich vernichteten Brief und der amtlichen Verfügung bestand, läßt sich nur vermuten. Keinesfalls hatte Herr von Andergast für die geplante Unterredung mit dem Strafgefangenen Maurizius vorher schon einen bestimmten Termin festgesetzt. Wenn es nicht Flucht vor Sophia war, so mochte es das Gleichnis einer Flucht sein, die innere Abwehr, die er vor sich selbst durch Veränderung des Aufenthaltes demonstrierte. Wenigstens nicht da sein, wenn sie kam. Denn entgehen, das wußte er, konnte er ihr nicht. Diesmal mußte er sich stellen.

2

Hoch türmt sich Kressa zwischen bewaldeten Hügeln, eine uralte Burg, Stammsitz eines königlichen Geschlechts. Daß die Nationen ihren Menschenabschaum dort in Sühnezwang halten, wo die Wiege ihrer Fürsten stand, ist wie eine Schauerballade auf die Vergänglichkeit irdischen Glanzes. Das Dienstauto des Herrn von Andergast schmettert ölrauchend den steilen Hang zu dem erst jüngst angebauten Trakt hinauf, der Vorsteher Pauli wartet bereits am Tor. Er ist ein schmaler, blasser, etwa dreißigjähriger Mann mit Zwicker und blondem Schnurrbärtchen, ehemaliger Lehrer im Ort Kressa. Er empfängt den Oberstaatsanwalt und führt ihn in seinen zur Linken befindlichen Amtsraum, eine peinlich saubere Stube, Mittelding zwischen bürgerlichem Wohnzimmer mit Deckchen auf Sofa und Stühlen, Photographien an den Wänden und Kanzlei mit Aktenschrank, Schreibtisch, Telephon und Signalapparaten. Am Schreibtisch sitzt ein Schreiber, bevorzugter Sträfling, den der hohe Besuch offenbar in atemlose Erregung versetzt, denn seine Augen sind wie verglast, die Hände greifen sinnlos nach links und rechts, um Papiere zu ordnen. Herr von Andergast nimmt Platz und fordert Pauli auf, mit einer Handbewegung fast nur, ihm Bericht zu erstatten. Er sagt Herr Vorsteher zu ihm und ist in höflicher Weise trocken. Pauli erklärt, seit dem letzten Ausbruchsversuch, der sich vor zehn Tagen ereignet hat, sei Ruhe in der Anstalt, besondere Klage liege jedenfalls nicht vor. Herr von Andergast wünscht Einzelheiten über den Ausbruch zu hören, der dank der Wachsamkeit des Nachtpostens im oberen Hof mißglückt ist. Das blutlose Gesicht des Vorstehers rötet sich schwach, es ist die Erinnerung an das betrübende Vorkommnis, an die Schande, in die es einen bringt, das schlechte Ansehen bei den Herren der Vollzugsbehörde und schließlich der Gedanke, daß man keinen Tag vor der Wiederholung sicher sein kann. Es gibt nur eines, das noch schlimmer ist und in den Folgen unheilvoller, die offene Revolte. Auch das hat man gehabt. Es scheint unvermeidlich. Nach zwei, drei Monaten friedlichen Auskommens ballt sich regelmäßig eine Katastrophe zusammen. Man tut für die Leute, was irgend möglich ist, sie haben ihre ordentliche Kost, ihre bemessene Schlafzeit, ihren Gottesdienst, ihre Erholungsruhe, man geht anständig mit ihnen um, verschafft ihnen Erleichterungen, wo es nur angeht, und doch, sie haben keine Einsicht, sie lassen nicht ab von Verschwörungen und strafbaren Verständigungen. Das alles malt sich in den Zügen des jungen Vorstehers, während er die Geschichte des letzten Ausbruchskomplotts erzählt, eine reizlose und trübselige Geschichte, die nur dadurch einige Verwunderung verdient, daß es den Leuten, es waren die vom Schlafsaal zwölf, in zwei Nachtstunden gelungen ist, die fünfundsiebzig Zentimeter dicke Mauer geräuschlos zu durchbrechen, ein Loch herzustellen, durch das sie bequem schlüpfen konnten, und sich an Bastseilen, die sie aus den Arbeitssälen nach und nach entwendet und im Schlafsaal versteckt hatten, unbegreiflich wie und wo, aus einer Höhe von dreiundzwanzig Meter herunterzulassen, fünf Mann. »Es war sinnlos, es war aussichtslos«, sagt der Vorsteher mit seiner leisen traurigen Stimme und niedergeschlagenen Augen, »denn dort hatten sie ja wiederum dreißig Meter Kletterei vor sich, und dazu waren die Seile nicht lang genug, sie hätten die letzten fünf Meter springen müssen. Einfach toll.«

Und sonst? erkundigt sich Herr von Andergast vorsichtig, wie um die Empfindlichkeit des Mannes zu schonen. Soviel er wisse, seien ein paar schwierige Leute hier. Ja, gewiß, gab Pauli resigniert zu. Da sei vor allem Hiß, der Mörder des Gendarmeriewachtmeisters Jänisch, der Herr Baron werde sich ja entsinnen, nächtlicher Überfall auf der Straße. Mit dem habe man seine Not, der Mann sei auf keine Art zu bändigen und ans Reglement zu gewöhnen, man habe ihn nun sechs Wochen im Hause, und jeden Tag melde er sich zu einer grundlosen Beschwerde, sei drei Monate in Dietz gewesen, dort habe er Bittschriften über Bittschriften eingereicht, er wolle weg, halte es nicht aus, bis man ihn endlich nach Kressa verbracht, und nun wolle er um jeden Preis wieder nach Dietz zurück. Er sei von einer krankhaften Arbeitsscheu beseelt, sein einziges Verlangen sei, zu schreiben, seine Lebensgeschichte wolle er niederschreiben und damit zugleich den Beweis seiner Unschuld liefern, nämlich daß er keinen Mord begangen, sondern durch die Brutalität seines Vaters, eines unheilbaren Säufers, von dem er ja auch im Suff gezeugt worden, ins äußerste Elend geraten sei und den Wachtmeister damals in der Winternacht nur um Zigaretten angebettelt, worauf der eine Bewegung in die Tasche nach seinem Revolver gemacht, da habe er, Hiß, aus Angst, erschossen zu werden, selber geschossen. Das könne man doch nicht Mord nennen, dafür könne man nicht lebenslänglich eingesperrt werden, es sei Notwehr gewesen, nichts anderes. Leider habe sich ein Aschaffenburger Rechtsanwalt gefunden, fuhr Pauli kopfschüttelnd fort, der sich der Sache dieses Lügners und Heuchlers als einer gerechten Sache angenommen und seitdem immerfort um Konferenzen mit seinem Klienten nachsuche und das Gericht mit Wiederaufnahmeanträgen überschwemme. »Sie werden ihn ja sehen, Herr Baron«, schloß der Vorsteher. »Wir haben ihm vor drei Tagen die Einzelzelle bewilligt, um die er gebeten hat, damit er schreiben könne, er hat Papier, Feder und Tinte erhalten, aber bis zur jetzigen Stunde hat er nicht eine Silbe geschrieben. So einer ist das.« Er sandte einen Blick zu dem Schreiber hinüber, der verstand sogleich, zog ein blaues Heft aus einer Lade und reichte es Pauli. Auf dem ovalen Schild war zu lesen: Meine Jugenderinnerungen. »Das hat er in Dietz verfaßt«, sagte der Vorsteher und gab Herrn von Andergast das Heft, der es aufschlug und eine Weile darin blätterte. Die eiligen gewandten Schriftzüge ließen auf einen Handelsangestellten schließen, im Stil wechselte eine unleidliche, tränenselige Geschwollenheit mit prahlerischer Selbstbewunderung, jedes dritte Wort enthielt einen orthographischen oder grammatikalischen Fehler, dabei herrschte erstaunliche Genauigkeit in einer Fülle nicht uninteressanter Details. »Ja, sie nehmen es sehr ernst mit ihrer eigenen Person und sehr nonchalant mit uns andern«, sagte Herr von Andergast, indem er das Heft weglegte und sich erhob. »Ich möchte, Herr Vorsteher, einen Gang durch die Anstalt machen und nachmittags um drei Uhr den Sträfling Maurizius zu einem Gespräch unter vier Augen aufsuchen.« Pauli verbeugte sich und läutete nach dem Inspektor. »Wie hält sich der Mann?« fragte Herr von Andergast im Ton der Beiläufigkeit, die rechte Hand schon an der Türklinke. Pauli lächelte mit emporgezogenen Brauen. »Oh«, antwortete er, »wenn alle so wären, Herr Baron. Da hätten wir ein leichtes Leben.« Der Inspektor, ein wohlgenährter Greis mit freundlichem, gescheitem Gesicht trat ein.

3

Ein eisernes Gitter wird aufgesperrt, man gelangt in einen düstern Hof, den die himmelhohen Mauern des Gebäudes umgrenzen. Der Inspektor geht voran, ihm folgen Herr von Andergast und der Vorsteher, den Schluß bilden zwei Aufseher in ihren Uniformen. Der Hof ist sauber gekehrt, überall macht sich eine Ordnung bemerkbar, die vielleicht nicht die alltägliche ist. Herr von Andergast weiß natürlich, was es mit solch angekündigtem Besuch auf sich hat, da ist alles, was Arme und Beine hat, zuvor in Tätigkeit versetzt worden, damit man sich keinen Rüffel zuziehe, und wo etwas faul ist, hofft man mit dem Hinweis auf eingerissene Gewöhnung oder nicht bewilligte Mittel auf Nachsicht. Aber er weiß auch, die Leute sind pflichttreu und obliegen ihrem harten Beruf mit Verständnis und Geduld. Es ist nicht mehr wie in früheren Zeiten, die allerdings gar lang noch nicht vorbei sind, wo die Strafhäuser verrufene Höllen waren, von deren Schrecklichkeit das Volk nur ängstlich zu raunen wagte, ihre Direktoren verantwortungslose Tyrannen, ihre Wärter Folterknechte. Man lebt in einem Kulturstaat, und der Strafvollzug wird nach humanen, es steht zu befürchten, manchmal nur allzu humanen Grundsätzen gehandhabt. Kressa genießt zudem in dieser Beziehung einen besonders guten Ruf.

Doch um eine der üblichen Revisionen vorzunehmen, ist er nicht gekommen. Er hat sich eines offiziellen Vorwands bedient, um den eigentlichen Zweck möglichst unscheinbar zu machen. Er wünscht nicht, daß es heiße, der Oberstaatsanwalt ist bei Leonhart Maurizius gewesen, offenbar nimmt er sich der Sache an, es ist etwas im Zuge. Er wünscht kein Gerede. Nein, es ist nichts im Zuge, man sei ganz beruhigt. So wird der Vorwand gewissenhafte Verrichtung.

Die fünf Männer klimmen schweigend eine steilgewundene Holztreppe empor, der Inspektor schließt eine eiserne Tür auf, es geht durch einen langen, fast kreisförmig gewundenen Gang, in der Höhe sind kleine vergitterte, nach außen verengte Fenster, abermals klirren die Schlüssel des Inspektors, eine zweite Eisentür öffnet sich, man tritt in einen der Arbeitssäle. Herr von Andergast zieht unwillkürlich sein Taschentuch und drückt es an den Mund. Ein Geruch schlägt ihm entgegen wie aus einem Tierzwinger. Er kennt den Geruch. Als junger Beamter hat er vor solchen Besuchen an Herzbeklemmungen gelitten, weil ihn der Geruch jedesmal einer Ohnmacht nahe brachte. Es riecht nach muffigen Kleidern, nach stockigem, warmem Leim, nach ranzigem Fett, nach schimmliger Mauer, nach Menschenschweiß und üblem Atem. Es ist ein rauher Tag, die Fenster sind in allen drei Sälen geschlossen. Etwa hundertfünfzig Männer jeden Alters bewegen sich teils frei, teils in hürdenartig mit Baststricken abgesperrten Pferchen. Sie flechten Strohmatten, drehen Seile, einige schustern, einige arbeiten an Hobelbänken. Ein gekrümmt dastehender Mensch nähert sich, kaum daß er seiner gewahr wird, mit schleichendem Schritt und geheimnisvoller Miene dem Vorsteher, zupft ihn am Ärmel und flüstert ihm ins Ohr, das mit dem Bohrwurm in seinem Gehirn werde nicht besser, er leide täglich ärgere Schmerzen. Der Vorsteher gibt sich den Anschein, als nähme er seine Klagen ernst, und wechselt einen wissenden Blick mit dem Inspektor, der die Achseln zuckt. Es besteht kein Zweifel, der Mann simuliert, gleichwohl gerät er in einen Zustand gefährlicher Erregung, wenn man ihm nicht glaubt und ihm Vorwürfe macht. Vielleicht hat er sich die fixe Idee vom Bohrwurm im Gehirn nur zurechtgelegt, um sich Beachtung zu erzwingen und vor sich selber was zu gelten. Der Inspektor ruft einen gewissen Buschfeld heran, der sich am Morgen eine Aufsässigkeit hat zuschulden kommen lassen, und stellt ihn leise und in einer netten Manier, gleichsam im Namen der gesunden Vernunft, zur Rede. Buschfeld hat während des Umsturzes 1918 den General Winkler in Darmstadt erschossen, nachdem er ihn zuvor geohrfeigt, aus keinem andern Grund, als weil er eben General war. Im übrigen war er ein harmloser Mensch, durchaus nicht unbeliebt. Buschfeld hat ein sonderbares Lächeln, während er sich rechtfertigt, fast wie ein Bub, dem man seine Renitenz vorwirft, halb beschämt, halb höhnisch, dabei blitzen seine herrlichen großen Zähne in dem wohlgebildeten, nur von langen Bartstoppeln verunzierten Gesicht mit dem stark entwickelten Kinn. Herr von Andergast tritt heran und hört zu. Wie alle hier, wenn ihnen bloß zu reden verstattet ist, kommt Buschfeld schon nach drei Sätzen auf seine Straftat und Verurteilung und beweist mit vielen, offenbar sorgsam überlegten Argumenten, daß er unschuldig ist. Da er Publikum um sich sieht, legt er sich ins Zeug, schildert die Situation, erklärt das Mißverständnis, dessen Opfer er geworden. Er lächelt fortwährend mit den herrlichen, großen Zähnen, und Herr von Andergast blickt in seine großen, stumpfen, wie Nußkerne braunen Augen. Es ist eine Begierde in den Augen, unhemmbar, verschlingend, beim leisesten Anpochen des Gedankens verrückt machend: das Draußen. Wenn er »draußen« sagt, so meint er Welt, Leben, Freiheit, Baum, Wiese, Weib, Himmel, Wirtshaus, ein glühendes Konglomerat seliger Dinge. Der fremde Herr da vor ihm, er kommt von »draußen«, er hat infolgedessen einen Nimbus, einen berauschenden Duft, etwas Unvergleichliches an Möglichkeiten. Er starrt ihn an und scheint verwundert zu fragen: Wie, du kommst von »draußen« und gehst wieder »hinaus« und bist nicht närrisch vor Glück? Das haben sie alle, jeder hat die verschlingende, verrückt machende Vorstellung vom »Draußen« in den Augen, die etwas anderes ist als Sehnsucht, mehr, viel mehr, jenseits davon, erhabener, finsterer, sternhafter, als irgendeine Sehnsucht auf Erden sein kann. Es gibt Augen, in denen sie nahezu erstorben ist, zu viel Zeit ist vergangen, der Geist hat die Bilder verloren, sie rascheln tot um ihn her wie verdorrte Blätter, dann ist auch der Mann selber verdorrt. Da ist ein fünfzigjähriger Mensch mit einem pechschwarzen Rahmenbart um das ganze seifig glänzende fahle Gesicht, eine Köhlerfigur. Er befindet sich seit neun Jahren im Hause. Er hat seinen Dienstgeber erschlagen, weil ihm der die zweitausend Mark vorenthalten hat, die er sich in vieljähriger Arbeit erspart und vertrauensvoll bei ihm hinterlegt hatte. Auf Verlangen erzählt er die Geschichte in seiner rheinischen Mundart, tiefer Atem hebt dabei seine Brust, der mächtige verbogene Körper erlebt die unerträgliche Unbill wie in einem fernen Echo wieder, das ihn durchschüttelt und durchtönt: wie er das Geld gebraucht und es gefordert, einmal, zweimal, fünfmal, wie der Bauer sich ausredet, sich herumdrückt, ihn vertröstet, wie er sich endlich überzeugen muß, das Geld ist nicht mehr vorhanden. Was kann da helfen? Kein Gott, kein Richter kann helfen, den Mann muß man kaltmachen, sonst frißt es einem das Herz ab. Verstörte Seele. Zermalmte, irre Seele. Neben dem arbeitet Schergentz, ein fünfundzwanzigjähriger Bursche, Brandstifter. Man hat niemals erfahren, weshalb er das Feuer gelegt hat, er ist ein braver Sohn und fleißiger Arbeiter gewesen. Eines Nachts zündet er die Nachbarscheune an, drei Menschen verbrennen. Warum? Niemand weiß es, er hat seit der Stunde seiner Verhaftung keine Silbe mehr gesprochen. Vater, Mutter, Zeugen, Untersuchungsrichter, Gendarme, Richter, Verteidiger, Geschworene haben sich vergeblich bemüht, keine Silbe, er ist stumm. Auch im Schlaf spricht er nicht, wenn er allein ist nicht, niemals vergißt er sich. Der Vorsteher redet ihm auch jetzt wieder zu, aus den Mienen des Inspektors und der Aufseher erkennt man, wie aussichtslos der Versuch ist. Herr von Andergast legt ihm schwer die Hand auf die Schulter, und den Blick der veilchenblauen Augen in die verstockt lohenden des Sträflings einbohrend, sagt er: »Na, Mann, was soll es denn eigentlich? Wem zuliebe? Ihnen selber sicherlich nicht? Na also –!« Aber diese Lippen sind versiegelt. Ein Mithäftling, einer von der »Intelligenzzelle«, hat vor Monaten die Meinung geäußert: In der ersten Minute nach der Entlassung wird er wieder sprechen, vorher nicht. Und so verrichten seine Hände die gewohnte Arbeit, während die düster geschlossenen Augen, schweigend auch sie, an den Männern vorüberschauen. Kein größerer Gegensatz als der zwischen ihm und seinem Nebenmann, dem jungen Giftmörder. Er hat den Vater seiner Braut mit Arsenik aus dem Weg geräumt, weil er die Heirat verhindern gewollt und sich weigerte, der Tochter eine Mitgift auszuzahlen. Glieder, Gelenke, Muskeln, Lippen, Stirn, alles zittert an ihm in konvulsivischer Bewegung, sein Gesicht rötet sich hektisch, wenn er von der unfaßlichen Ungerechtigkeit spricht, die ihm durch das Schuldurteil widerfahren, daß nichts bewiesen worden ist, daß er an Böses nie gedacht, daß die Zeugen seine Feinde waren, das Gericht voreingenommen. Er zitiert die Aussagen der chemischen Sachverständigen, die Aussagen des Apothekers, alles falsch, alles Verleumdung, jenes sei verschwiegen, dieses erfunden worden, alles um ihn zu verstricken, zu verderben. Warum? fragt Herr von Andergast trocken. Er hebt leidenschaftlich die Schultern hoch. Weltkomplott. Seine leisen Worte überstürzen sich, während er hastig flicht und mit einem flachen Schlägel die Matte klopft, die Zungenspitze näßt die Lippen und springt hervor wie bei einer Natter, die Augen sind beständig gesenkt, der ganze Mensch verkörperte Lüge. Doch wie armselig die Lüge, wie verkrochen-scheu, wie durchsichtig und wie krank. Der Leib gehorcht dem Willen nur noch scheinbar, er ist ein zerstörter Mechanismus, eine Maschine mit verrosteten Rädern und gebrochenen Röhren, daß er atmet, greift, schluckt und verdaut, ist eine Attrappe. Da ist im dritten Saal ein alter Mensch, sechzig, fünfundsechzig Jahre, er weiß es selbst nicht genau, dreiunddreißig Jahre hat er mit nur kurzen Unterbrechungen in der Anstalt verbracht, Typus des Rückfälligen. Vor elf Jahren ist er zum letztenmal eingeliefert worden. Er sieht aus wie ein gemütlicher Vagabund mit seinem graumelierten Kinnbärtchen, seiner dicklichen Figur, dem kurzen Hals, dem kleinen, runden Kopf, der kleinen Stupsnase, dem kleinen Mündchen, der kleinen, vorgewölbten Stirn. Herr von Andergast erkundigt sich bei ihm nach seiner Straftat. Er lächelt behäbig vor sich nieder, ach, son kleener Diebstahl, und prüft die Schneide des Hobels am Finger. »Na, Käsbacher«, wendet der Inspektor vorwurfsvoll ein, »Diebstahl, das hätte doch nicht elf Jahre abgegeben.« – »Jewiß nicht«, gibt der Alte zu, »'n bißchen Sittlichkeit war eben ooch dabei.« – »Nun, und sind Sie zufrieden mit der Behandlung?« fragt Herr von Andergast. – Zufrieden? Oh, das wohl, darüber sei nicht zu klagen, jetzt, seit die humanen Bestrebungen im Schwange seien, habe man es ausnehmend gut in »solchen Etablissemangs«. Die Humanität überhaupt, es sei eine schöne Sache damit. Nur das Fett könnte 'n bißchen reichlicher sein. Fett, er müsse es gestehen, entbehre er zuweilen. Dann, mit elegischem Augenaufschlag: »Am dreiundzwanzigsten Mai hab ich Geburtstag.« – »So. Und was möchten Sie denn da?« Der Inspektor, mit kennerischem Spott: »Blutwurst, das möchten Sie wohl gern, was?« – »Erraten, Herr Inspektor, Blutwurst, die hab ich fürs Leben gern.« Und der Gedanke an Blutwurst verschönt sein zusammengeschrumpftes altes Verbrechergesicht wie ein Sonnenuntergang das eines schwärmerischen Fräuleins. Für den gibt es nicht einmal das »Draußen« mehr.

4

Man steigt einen Stock höher zu den Einzelzellen. Herr von Andergast wünscht nur »Stichproben« zu sehen. In der ersten Zelle, die die Form eines Turmgelasses hat: ein Mörder aus Eifersucht, schlanker Mensch mit schwermütigen Zügen, Anfangsstadium der Schwindsucht. Man hat durch das Okular geschaut, da saß er in tiefer Versunkenheit am Tisch, als sich die Tür öffnet, springt er empor und steht militärisch stramm. Das ist, was man als gute Haltung bezeichnet, er ist darum auch hochbeliebt. Eine Marionette, die ihre innere Verzweiflung bis zur persönlichen Ausgelöschtheit zu verbergen weiß. Der Inspektor, die eiserne Tür wieder schließend, bemerkt sachlich: »Oft hört man ihn die ganze Nacht laut seufzen, viele Stunden lang.« Nächste »Stichprobe«: Ein hünenhafter Mensch, Gewalttäter, war beteiligt an dem Ausbruchsversuch vom vorigen Oktober. Er hatte sich eine Eisenstange zu verschaffen gewußt, damit wollte er auf dem Weg zum Bad den Wärter niederschlagen, das entscheidende Zeichen für die Mitverschworenen. Es geschah aber, daß der Wärter, der an dem Tag Dienst hatte, gerade der war, der ihm vor Wochen einmal heimlich ein Stückchen Kautabak zugesteckt hatte. Da konnte er nicht zuschlagen, die Eisenstange fiel ihm einfach aus der Hand. Er steht an der Mauer seiner Zelle und blinzelt. Er kann von seinem Zellenfenster aus, weit in der Landschaft, einen einzelnen, blühenden Apfelbaum wahrnehmen, der sich, in der Flußniederung, zart und fern gegen den Giebel eines Hauses abhebt; es kommt vor, daß der Mensch vom Mittag bis die Dunkelheit anbricht an die Mauer gelehnt dasteht und auf den fernen Apfelbaum starrt, regungslos, öffnet dann der Wärter die Tür, so bewegt er bloß wie schlaftrunken den Kopf und blinzelt, blinzelt . . . So lang er »draußen« war, hat er solche Regungen nicht gekannt, was war ihm damals ein blühender Apfelbaum, er sah gar nicht hin, jetzt ist er was Ungeheures für ihn, Sinnbild alles Entbehrten und Versäumten, so wie für seinen Zellennachbar der Zeisig, den er halten und pflegen darf. Der ist ein Lebenslänglicher, er hat ein achtjähriges Mädchen erdrosselt und dann geradezu zerfleischt, aber er liebt seinen Zeisig so, daß ihm die Augen vor Rührung übergehn, wenn er ihn nur anschaut. Die Wände seiner Zelle sind mit allerlei Photographien, Zeitungs-Illustrationen, einer kleinen Farbendruckmadonna geschmückt, Vergünstigung für gute Führung, jedes dieser Dinge ist ihm ans Herz gewachsen, jedes kann er stundenlang betrachten. Mit kindlichem Lächeln begrüßt er die Eintretenden, es ist etwas tief Verdächtiges um dieses Lächeln, so natürlich und gewinnend es scheint, es erinnert an das Phantasieren eines Fieberkranken, er hat ein Tuch um den Kopf gewunden, der Vorsteher fragt, was denn los sei, er antwortet humorvoll, er sei in der Nacht auf der Kirchweih in Kressa gewesen – und lacht. Er drückt die Lippen an das Gitter des Vogelbauers und lockt den Zeisig, das Tierchen ist wohldressiert, er hat es dressiert, ihn zu küssen, es flattert herbei und stößt seinen Schnabel in die Lippen des Mörders, man ist in eine kitschige Szene aus einer populären Erzählung versetzt, worin die menschliche Seite verworfener Verbrecher dargetan werden soll, das unvertilgbar Göttliche vielleicht. Doch wie schauerlich ist es, wie entzogen dem erklärenden Wort, kann Gott etwas davon wissen?

Sie gelangen in die Schlafsäle. Der Vorsteher zeigt Herrn von Andergast das Fenster, durch welches vor anderthalb Jahren zwei Sträflinge ausgebrochen sind, der dritte Beteiligte ist zwischen den Gittern steckengeblieben. Kopf, Brust und Arme hatte er schon durchgezwängt, mit den Hüften blieb er stecken, die Stubenkameraden konnten ihn nicht befreien, so hing er von Mitternacht bis morgens mit dem fettbeschmierten nackten Leib quer wie ein Balken über der Tiefe und stöhnte vor Qual. Die zwei andern waren nackt in der Winterkälte über die Chaussee gerannt, waren in ein leeres Landhaus eingebrochen, hatten dort Kleider geraubt und waren entkommen. Der Vorsteher, das enge Gitter mit der Hand ausmessend, erklärt, daß es ihm noch heute ein Rätsel sei, wie ein ausgewachsener Mensch sich habe durch die Stäbe pressen können, kaum daß eine Katze mit knapper Not durchzuschlüpfen vermag. Herr von Andergast bemerkt: »Es scheint, der Freiheitsdrang verleiht diesen Menschen übernatürliche Fähigkeiten.« Vorsteher und Inspektor stimmen schweigend zu. Aber Herr von Andergast fühlt die banale Schwächlichkeit seines Ausspruchs, es ist ihm, seit er in diesem Hause weilt, fast krankhaft unzulänglich zumut, er kann sich nicht entsinnen, daß er sich selber je zuvor so zweifelhaft war. Es drückt sich in seiner Blässe aus, in der Unsicherheit seines Schrittes, er geht so schwer, als seien die Knochenkanäle mit Blei gefüllt. Vierzig Betten in einem Raum, sechzig im nächsten, er sieht das plötzlich, Betten übereinander, Betten nebeneinander wie Ehebetten, er sieht es plötzlich, er sagt, auf die Betten deutend, dumpf und unwillig, die Einrichtung sei unhaltbar. Die beiden Aufseher grinsen heimlich, die männlich-ernsten Züge des Inspektors geben erfahrene Sorge zu erkennen, der Vorsteher murmelt: »Ein Infektionsherd von Übeln.« Auch dieses Wort ärgert Herrn von Andergast durch seine Seichtheit, als steige Zorn in ihm empor, rötet sich seine Stirn. Er blickt immer noch über die leeren, getürmten Bettstellen hin, von einer Vision des Grauens getroffen, die das Gefühl quälender Unzulänglichkeit zu einer Ahnung von Schuld hinaufsteigert, er deckt die Hand über die Lider, er will die Betten nicht mehr sehen, unsäglich ekel machen sie ihm den Begriff des Menschen, Schleim, der sich aufbläht in Tücke und Wollust, das Innere der Brust ein abgegrenztes Stück Finsternis mit einem zuckenden Muskel inmitten, den zu einem Behälter von Tugenden zu machen stets das ergebnislose Geschäft von Dichtern und religiösen Schwärmern gewesen ist. Exemplum docet, sagt sich Herr von Andergast, als sie in die Zelle des gefürchteten Hiß treten, die nicht aufgesperrt werden muß, weil sich der Anstaltsgeistliche darin befindet und ein Wärter, jüngerer Mensch mit brutalem, von Rotlauf zerfressenem Gesicht, davor Wache steht. Der Seelsorger begrüßt Herrn von Andergast. Mit seinen wettergebräunten Zügen und der weißen Mähne gleicht er einem norwegischen Fischer. Doch wie bei vielen dieser Männer täuscht auch bei ihm der Anschein priesterlicher Kraft, der ihnen wie ein leuchtender Nimbus um die Stirn schimmert. Die Kraft, die sie einmal beflügelt hat, ist meistens aufgebraucht, sie haben einsehen gelernt, daß sie von dem Berg des Jammers nur Sandkörner abtragen können, daß der Stollen, den sie hineinbauen, sie selber jeden Tag von neuem verschüttet, sie sind müde geworden, sie haben keinen Glauben mehr an die Sendung und funktionieren als Beamte, weil der Staat sie dafür bezahlt. »Ein hoffnungsloser Fall«, raunt er Herrn von Andergast zu, die Schulter gegen den Sträfling bewegend, und über sein Gesicht breitet sich schaler Verdruß aus wie bei einem Menschen, dem man zum hundertstenmal zumutet, er solle einen Baum mit den Wurzeln aus der Erde ziehen. Hiß steht da mit geducktem Oberkörper, der Mund in dem zitronengelben Gesicht ist bösartig verkniffen, die fliehende Stirn ist von kleinen Schweißperlen bedeckt, die Augen, gelb wie die eines Panthers, sind in bodenlosem Haß auf den Pfarrer geheftet, und als ihn der Vorsteher anredet und ihn fragt, ob er mit dem Schreiben begonnen habe, richtet sich der Blick mit demselben Ausdruck bodenlosen Hasses auf den Vorsteher. »Konnte nicht«, knurrt er erbittert, »wie soll einer hier schreiben können, fortwährend brüllt der da drüben in seinem Käfig, da vergeht einem ja der Kopf . . .« Der Haßblick wandert schleichend reihum, in jedes Gesicht, der Rücken duckt sich tiefer, die gefährliche Pantherbestie in dem kaum noch menschenähnlichen Wesen kann jede Sekunde ausbrechen. Herr von Andergast weicht unwillkürlich einen Schritt zurück, stumm verläßt er die Zelle, der Aufseher hat schon die nächste geöffnet, ihr Insasse ist der, der »im Käfig brüllt«. Es ist ein zu einer Disziplinarstrafe verurteilter Gefangener, er ist für drei Tage im eisernen Käfig eingesperrt, hockt in der Halbdunkelheit, rüttelt von Zeit zu Zeit an den Gittern wie ein Gorilla, brüllt von Zeit zu Zeit, klagend wie eine Kuh, die nach dem Kalb schreit, das geschlachtet wird. Streng ruft ihm der Inspektor zu: »Lorschmann, wenn Sie nicht Ruhe geben, laß ich Sie morgen hungern«, worauf ein knarrendes Geräusch aus dem Innern des Eingegitterten kommt, als hätte er eiserne verrostete Eingeweide. Da: Der »Mensch«! total vernichtet, der berühmte »Mensch«, selbst die äußere Form ist nur noch Zerrbild. Herr von Andergast steht an der Zellentür, als sei er selbst gefangen, warum ist ihm dies neu, ein in furchtbarer Weise Niegesehenes? Ist in seinen Augen etwas, was vorher nicht drinnen war, oder ist der Schein der Blendlaterne auf das dämonenhafte Bild gefallen wie unlängst in das Gehirn des Spiegelwesens?

5

Drei Uhr. Herr von Andergast hat im Gasthof in Kressa Mittag gegessen, das heißt, er hat eine Reihe von Speisen bezahlt, zu sich genommen hat er nur zwei Tassen schwarzen Kaffee. Die Zelle des Sträflings 357 wird aufgeschlossen und hinter ihm wieder verriegelt. Ein Mann erhebt sich vom Tisch, mit der gedrillten Raschheit, die das Haus fordert, steht still wartend da. Er ist ungefähr einen halben Kopf kleiner als Herr von Andergast, das graue Sträflingskleid hängt schlotterig um seine dürre Gestalt. Er steht sehr gerade, auch der Kopf ist nicht gebeugt. Die graue Gesichtsfarbe unterscheidet sich kaum vom Grau des Gewands, über einer hohen Stirn liegen schlohweiße, schlichte Haare, ungeschoren. Die Zelle ist fünfeckig, sie enthält die eiserne Bettstelle, den verdeckten Kübel, den Holztisch, den Holzstuhl, den Eisenofen, einen Ständer mit wenigen Büchern. Das Fenster geht auf den Hof, unten bewegen sich fünfzig Sträflinge schweigend im Kreis. Es ist der vorschriftsmäßige »Spaziergang«. Mehr als fünfzig haben im Hof nicht Platz. Es dauert fünf Stunden, bis acht Partien ihren täglichen Spaziergang absolviert haben. Man hört das Schlurren der Füße auf dem Steinpflaster herauf. Es klingt, wie wenn der Wind in schlaffe Segel fährt und sie flattern macht.

»Sie werden sich kaum meiner erinnern«, beginnt Herr von Andergast konventionell das Gespräch. Es scheint ihm nicht um Bindung zu tun, er erweckt nicht einmal den Eindruck, als wolle er eine Stimmung sondieren. Ebenso formelhaft nennt er seinen Namen. Maurizius, der sich bis dahin nicht gerührt, hebt ein wenig das Kinn, als hätte er einen Stoß empfangen. Da er mit dem Rücken zum Fenster steht, kann man den Ausdruck seiner Augen nicht erkennen, sie nehmen sich wie zwei schwarze Kreise in dem langgezogenen Gesicht aus. Herr von Andergast setzt sich auf den Stuhl und erwartet, wie er durch eine Handbewegung andeutet, daß Maurizius ihm gegenüber auf der Bettstelle Platz nehme. Dieser zögert jedoch. Was ihm die Auszeichnung verschaffe, fragt er mit belegter Stimme, der man den seltenen Gebrauch anhört. Herr von Andergast sitzt vorgebeugt, die Hände zwischen den Schenkeln gefaltet. Die veilchenblauen Augen haben ihre strahlende Glut wiedererlangt. Es sei in einem Wort nicht zu sagen. Er wiederholt die zum Sitzen auffordernde Geste, faltet wieder die Hände. Ein Schweigen tritt ein. Sodann bemerkt Herr von Andergast, zu Boden blickend, er wünsche festzustellen, daß sein Besuch keinen amtlichen Charakter trage, sondern durchaus von privaten Erwägungen eingegeben sei. Maurizius läßt sich endlich auf der Bettstelle nieder, vorsichtig, wie um keine Silbe zu verlieren. Jetzt, wo das volle Tageslicht darauf fällt, sieht sein Gesicht geisterhaft aus. Man könnte denken, in den Adern fließt weißes Blut. Die Nase ist eingefallen, der Mund, von außerordentlich gefälliger, ja beinahe anmutiger Schwingung, ist hart verpreßt. Die Augen sind nicht mehr schwarze Kreise, sondern kaffeebraun mit einem milden, beständigen, freudlosen Blick.

Private Erwägungen? Welche könnten das sein? Herr von Andergast wendet dem Nagel seines rechten Mittelfingers eine ausgiebige Betrachtung zu. Dann, mit dem Augenaufschlag biederer Offenheit (entschieden, so gemacht er ist, ein Etzelscher Augenaufschlag), es handle sich um allenfallsige künftige Maßnahmen. Maurizius, schwach interessiert: Maßnahmen welcher Art? – Darüber könne doch schwerlich ein Mißverständnis herrschen. Habe denn Maurizius auf jede Hoffnung verzichtet? – Maurizius hebt langsam die Hand und legt sie auf seinen weißen Scheitel, eine Bewegung, bei der Herr von Andergast den alten Maurizius vor sich sieht, wie der vor ihm gestanden, die Hand auf dem Scheitel, es ist etwas Geheimnisvolles um Abstammung, was die Natur an Äußerlichkeiten vom Vater auf den Sohn verpflanzt, ist viel zeugender und oft auch wahrer als die Innerlichkeiten. Maurizius erwidert stockend, jedoch fest, er habe niemals, zu keiner Zeit, unter keinen Umständen den Gedanken an seine Rehabilitation aufgegeben. Herr von Andergast läßt die Zeigefinger beider Hände umeinander spielen. Rehabilitation? Daran sei wohl kaum zu denken. Es stehe jedenfalls in weitem Feld. Eine solche Möglichkeit, wenn sie vorhanden wäre, hätte ihn auch nicht zu der heutigen Unterredung bestimmen können. Man habe die reale Lage der Dinge in Betracht zu ziehen. Die zeige nur einen einzigen Weg. Und auch dieser Weg sei nur gangbar, wenn eine gewisse Bedingung erfüllt werde, die daran geknüpft sei wie die Angelschnur an die Rute. »Ich verstehe«, sagt Maurizius. – »Ich glaube selbst, daß wir uns verstehen«, sagt Herr von Andergast. Pause.

»Es ist wieder einmal ein Versuch am untauglichen Objekt«, beginnt Maurizius mit seiner ungeübten Stimme und blickt mit zusammengezogenen Brauen auf seine Knie. »Seit ich in dem Haus lebe, haben sich viele schon bemüht. Sie waren ganz wild vor Ehrgeiz nach dem einen Ziel, Direktoren, denn daß wir einen Vorsteher haben, ist ja eine neue Einrichtung, vier Direktoren, darunter ein ehemaliger Oberst, dann die verschiedenen Herren von der Vollzugsbehörde, auch ein Herr aus dem Ministerium war ein paarmal hier, nun, und vor allem die geistlichen Herren natürlich. Pfarrer Porschitzky, den wir jetzt haben, ist der siebente, der zu mir kommt. (Er zählt in Gedanken nach.) Ja, der siebente. Einer, ich weiß nicht, ob es der dritte oder vierte war, er hieß Meinertshagen, ging einmal zwei Tage und zwei Nächte nicht aus meiner Zelle. In derselben Zeit und mit weniger Anstrengung hätte er ein ganzes Negerdorf bekehren können. Es war schließlich, als ob man mir den Schädel zerhämmert hätte. Da sagte ich ihm in meiner Verzweiflung, damals konnt ich noch über so etwas verzweifeln: Herr Pfarrer, als Moses aus dem Felsen Wasser schlug, tat er ein Wunder. Sie wollen auch an mir ein Wunder tun, aber was Sie aus mir herauszaubern wollen, müßten Sie vorher erst hineinzaubern. Wie soll ein Mann eine Tat gestehen, die er nicht verübt hat? Da gab er es auf, aber von dem Tag ab war ich Luft für ihn. Er hat mir nicht geglaubt. Es glaubt mir keiner.«

Herrn von Andergasts Miene drückt ein gewissermaßen phrasenhaftes Bedauern aus. Er will nicht den Anschein erwecken, als »glaube« auch er nicht, aber Maurizius wird wohl wissen, daß er nicht »glaubt«. Man einigt sich vorläufig mit ihm auf der Basis höflichen Zuhörens. Man hat schon viel damit erreicht, daß er auf das Thema von selber gekommen ist, und möchte ihn um keinen Preis in seinen Ergießungen stören. Herr von Andergast weiß, daß diese Leute, zwangseinsam seit Jahrzehnten, bei dem geringsten Anstoß, auch wenn man sie nur durch einen Blick zum Sprechen ermutigt, in einen Automatismus der Mitteilung verfallen. Sie empfinden es als eine erlösende Wohltat, wenn man ihnen bloß das Ohr leiht, und rechnen auf Zwiesprache kaum. Aber es ist, als wittre Maurizius diese Spekulation seines Besuchers. Du magst dies und anderes vielleicht wissen, scheint ein flüchtiges Zucken seines Mundes zu bedeuten, aber was weißt du von den »Jahrzehnten«? Was weißt du von der Zeit? Daß Zeit ist, wißt ihr alle nicht, nur daß sie war. Gegenwart ist für euch ein herrlicher Blitz zwischen zwei Finsternissen, für mich eine nicht endende Finsternis zwischen einem Feuer, das unter den Horizont versunken ist, und einem, auf dessen Aufgang ich warte. Ewiges, ewiges Warten ist meine Gegenwart, und solang ich warten muß, ins unabsehbar Ungewisse hinein, ist Gegenwart. Nur der kennt die Hölle, der erfahren hat, was Gegenwart wirklich ist. Wie die wächsernen Deckel über den Augen einer Puppe heben sich Maurizius' Augenlider. Es ist, als begriffe er jetzt erst, wer da vor ihm sitzt, daß es derselbe Mann ist, der ihn einst, vor vieler, vieler Zeit, mit übermenschlicher Unerbittlichkeit in diesen Abgrund gestoßen hat. Wie ist es möglich, daß du noch lebst? scheint sein nach innen grabender Blick zu fragen, indes er mit den seltsam kleinen, weißen Zähnen des Unterkiefers an der Lippe nagt, wie ist es möglich, daß du da bist, in meiner Gegenwart mit deiner Ungegenwart? Es ist ungefähr so, als säße Attila oder Iwan der Schreckliche vor einem, und die draußen seien ebenso unsterblich wie man selber. Da Herr von Andergast bei seinem auffordernden Schweigen beharrt und sich auf eine Magie verläßt, deren Stärke er aus analogen Fällen kennt (als ob bis jetzt nicht der kleinste Teil seiner Selbstgewißheit erschüttert worden wäre, als ob er ihre heillose Unterhöhltheit nicht spürte), greift Maurizius zum letzten Wort zurück, das in ihm wiederkehrt. »Nein, keiner hatte den Glauben«, spricht er vor sich hin, »es war nur die Anklage nötig, da war ich auch schon schuldig. Ich habe viele Freunde gehabt, damals, ich durfte sie Freunde heißen, unter dem Gesichtspunkt meines damaligen Lebens waren es Freunde, aber mit dem Tag, wo ich unter Anklage stand, waren sie weggeblasen. Ich sah mich immer nach ihnen um, ich konnte es nicht fassen, solch ein Abfall . . . Ich hatte doch keinem was Böses angetan, hatte keinen verraten, ich dachte, sie müßten mich kennen, jeder Mensch hat doch sozusagen seinen moralischen Standard, man hatte einander so vieles anvertraut, keine Falte war unverdeckt geblieben, bildete man sich ein, . . . und keiner . . ., keiner, wie wenn man plötzlich unter fremdem Namen aufgetaucht wäre . . ., in einer andern Welt . . .« – »Einen vergessen Sie«, mahnt Herr von Andergast, »ich denke, Ihr Vater hat den Glauben niemals verloren.« Er entschließt sich nicht leicht zu einem Hinweis, der zuviel Familiäres enthält, aber erstens sagt er sich, daß er hier ist, um zu dissimulieren, zweitens beginnt ihn sein Gegenüber zu fesseln, es ist da eine Mischung von Bestimmtheit und Weite, von Kälte und vermutbarer, entschlossen eingedämmter Glut, die ihn aufzumerken zwingt und die mißtrauische Gleichgültigkeit, mit der er gekommen ist, verflüchtigen läßt. Maurizius nickt kaum merklich. »Ja, es ist wahr«, antwortet er, »Vater, ja, der . . . Aber Vater, das zählt nicht. Es ist ein Unterschied zwischen Blutliebe und anderer. Gehört einem ein Mensch, so beweist es der Welt nichts, wenn man zu ihm steht. Eigentum tilgt Schuld. Auch Elli hatte . . .« Er stockt, schüttelt den Kopf. Es war jedenfalls ein wunderliches Auch, wunderliches Beispiel, das er unterdrückte. Herr von Andergast zieht die Zigarettendose aus der Weste, reicht sie Maurizius geöffnet hin, der nimmt mit gieriger Eile, überrascht, eine Zigarette. Herr von Andergast gibt ihm Feuer, zündet sich selbst eine an, eine Weile schauen sie einander wortlos rauchend ins Gesicht. Herr von Andergast überlegt angestrengt. Endlich, als habe er angefangen, Zweifel zu hegen, und hoffe, auf eine Fährte gebracht zu werden, wirft er die Frage hin: »Wenn ich also annehmen soll, daß Sie nicht geschossen haben, wohlgemerkt, ich darf es nicht annehmen, ich suche mich nur in Ihre Auffassung zu versetzen, wer, nach Ihrer Auffassung, könnte sonst geschossen haben?« Um seine Lippen spielt ein freundlich-ermunterndes Lächeln, die Veilchenaugen blicken beinahe gütig. Maurizius starrt ihn an. Seine Brauen heben sich verächtlich, so daß auf der Stirn eine tiefe Kerbe erscheint. Es vergehen ungefähr anderthalb Minuten, während welcher sein Gesicht von einer Finsternis überzogen wird, die etwas von stummer Raserei hat. Ist es die Frage, die tausend- und abertausendmal im gleichen Ton, mit der gleichen Skepsis, mit dem gleichen Richter- und Henkertriumph gestellte Frage, die ihn so verwandelt? Schwerlich. Er hat Geduld gelernt. Er hat die Geduld der Frager kennengelernt. Er ist hart und taub dagegen geworden. Die Frage trifft in ihm nichts mehr, lockt und löst in ihm nichts mehr. Sie niemals, unter keiner Seelen- und Körperqual zu beantworten, nicht mit Blick, noch Hauch, noch Geste, das ist beschlossene Sache seit achtzehn Jahren und sieben Monaten. Da bissen sie auf Granit. Aber es ist nicht das. Es ist der Mann selber. Er begreift auf einmal: da sitzt der Gegner. Fünfundsiebzig Zentimeter von dir entfernt der Verdammer, der Verderber, der übermenschlich Unerbittliche, nicht bloß Repräsentant, von solchen waren viele hier, nein, die Person selber. Fügung und Schicksalsinkarnation. Alles Draußen verdichtet in ein einzelnes Individuum, Welt, Menschheit, Gericht, Urteil, alles Erlittene, alles in diesem Raum Ergrübelte, alle die ewige Gegenwart, alle die schlaflosen Nächte, die Demütigungen, Entbehrungen, Verzweiflungen, Todesängste, Todeswünsche, Lebensgier und Fleischesgier, der ganze Raub des Lebens: verleiblicht in dem einen Mann. Er fühlt sich ihm grauenhaft nah, so nah, wie einem im Traum zuweilen der eingeborene Widersacher ist. Mit ihm abzurechnen ist wie Stillung eines seit achtzehneinhalb Jahren ungewußt gehegten Verlangens. Doch er muß zur Ruhe kommen. Er darf den einmal gewesenen Menschen in seinem Innern nicht auferstehen lassen. Ihm ahnt, daß er mit dem Mann da Zeit hat. Er sagt still: »Ein Richter muß mir meine Schuld beweisen. Daß ich ihm meine Unschuld beweisen soll, wenn ich es nicht kann, geht gegen den Sinn der Welt. Es gibt Völker, die das längst eingesehen haben, und darum sind sie größer. Besseres Recht, besseres Volk.«

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