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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 9
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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VIII

Es hat mir immer an Selbstvertrauen gefehlt. Ich habe mich nie für fähig gehalten, eine schwierige Nachforschung bis zu Ende zu führen. Es fehlte mir nicht nur an Vertrauen zu meinem Scharfblick, sondern zu dem Scharfblick der Menschen im allgemeinen. Mir schien es immer, als sei der Gang der Ereignisse so kompliziert, daß die Intelligenz der Menschen nicht ausreicht, um ihn zu entwirren. Ich habe auch nie sehr an diese berühmten Detektive geglaubt, die ich für Erfindungen von Romanschriftstellern hielt. Die wirksamste Hilfe für einen Polizisten ist der Zufall. Es war auch nicht meine eigene Geschicklichkeit, sondern der Zufall, der mich plötzlich auf Larciers Spur geführt hatte. Das machte ich mir in diesem Augenblick klar und gab mich durch diesen ersten Erfolg keinen törichten Illusionen über meine künftige Geschicklichkeit hin.

Ich sagte mir, daß, wenn es mir auch gelungen war, den Mörder bis zu einem gewissen Punkt des Weges zu verfolgen, ich doch bald ohne Führer an einem Kreuzweg stehen und nicht ein noch aus wissen würde. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich sicher bei meiner Zaghaftigkeit mein Vorhaben aufgegeben. Glücklicherweise hatte ich einen Ansporn, und zwar Blanche Chéron; sie trug sehr dazu bei, daß ich meinen Plan nicht aufgab.

Ich teilte meiner Gefährtin meine Entdeckung mit. Nicht nur, daß sie mich sehr ermutigte, sondern die zwischen uns bestehende Freundschaft wurde durch diese gemeinsame Aufgabe noch enger. Unsere Sorge um Larcier gab uns Stoff für unsere Unterhaltung, die sonst befangen gewesen wäre; wir hatten ein gemeinsames Interesse und ein gemeinsames Ziel. Es war wie ein Buch, das wir zusammen lasen und das um so spannender war, weil wir allein dem Gang der Handlung folgen konnten, weil das Ende dieses Buches noch nicht vorhanden war, weil man nicht hintereinander darin lesen konnte, es nicht wie eifrige Leser zu überfliegen vermochte, um schnell das Ende zu erfahren. Diese gemeinsame Besorgnis hatte auch den großen Vorteil, daß ich mich bei dem Zusammensein mit Blanche weniger verwirrt fühlte, denn ich hatte für meine Gegenwart eine ständige Entschuldigung. Ich war nicht verpflichtet, ihr den Hof zu machen, sie brauchte nicht kokett zu sein. Jedes gegenseitige Mißtrauen fiel fort, man konnte sich viel natürlicher geben, und vielleicht entwickelte sich dadurch unbewußt zwischen uns beiden schneller eine intimere Freundschaft, wie es sonst der Fall gewesen wäre.

Nach dem Abendbrot fuhren wir nach Bar-le-Duc. Aber als wir dort ankamen, konnten wir die so wichtige Auskunft nicht mehr erfahren. Es fuhr kein Zug mehr zu dieser Stunde, und die Schalterbeamtin war nicht mehr anwesend. So blieb uns also nichts anderes übrig, als bis zum nächsten Morgen zu warten.

Wieder gingen wir in den Straßen der Stadt spazieren. Wir suchten ein Café auf, in dem musiziert wurde. Trotzdem es Blanche gar nicht behagte, blieben wir doch bis zum Schluß und kritisierten die ausübenden Künstler.

Blanche war mit ihrem Mann zusammen in Paris gewesen, und sie hatten die üblichen Sehenswürdigkeiten besucht: die Comédie Française, die Folies-Bergères. Sie hatten im Bois de Boulogne Mittag gegessen, waren im Botanischen Garten gewesen und durch den Louvre und das Cluny-Museum gejagt ... Sie war von ihrer Reise sehr befriedigt zurückgekommen: sie war in Paris gewesen!

Ihr Mann hatte in Nancy studiert, dort hatte er auch sein Abiturientenexamen gemacht, nachdem er mehrere Male durchgefallen war. Er war ein guter Junge, der wenig sprach. Da ihm die Gabe fehlte, seine Gefühle auszudrücken, so machte er einen dummen Eindruck. Sie waren nur acht Monate verheiratet gewesen, und dann war er an einer Erkältung gestorben. Bei seinem Tode hatte sie wirklichen Kummer gefühlt und reichlich Tränen vergossen. Ihre Umgebung betrachtete den Tod Herrn Chérons als etwas Ungerechtes. Man pries ihn als netten Kerl und zählte seine Verdienste auf. Eine Woche lang wurde seine Erinnerung durch Lobreden gefeiert, dann sprach man nicht mehr von ihm.

Man war ärgerlich auf ihn, daß er nicht ein so großes Vermögen hinterlassen hatte, wie man zuerst vermutet hatte. Kurz vor seinem Tode hatte er Papiere gekauft, die erst nach langer Zeit Gewinn bringen würden. In seinem Testament hatte er auch seine Frau bedacht. Frau Chéron hatte einige tausend Franks Zinsen, aber bis alles geklärt war, mußte sie bei der Familie ihres Mannes wohnen. Übrigens fühlte sie kein Bedürfnis nach Unabhängigkeit, und wenn niemand kam, um sie diesen Verwandten zu nehmen, so würde sie ihr ganzes Leben bei ihnen bleiben. Wie sie sagte, war sie kein Widerspruchsgeist. Sie konnte manchmal in Zorn geraten, aber diese Aufwallung dauerte nicht lange.

Sie hatte ihre Eltern ziemlich früh verloren und wurde von einer Tante erzogen, von der sie sehr geliebt und außerordentlich verwöhnt wurde. In der Schule hatte sie nichts gelernt, aber nachher viel gelesen. Sie wußte eine Menge, aber nichts Positives, und hatte eine recht oberflächliche Bildung. Sie behauptete oft, daß sie sehr unwissend sei, aber man durfte ihr darin nicht zu sehr recht geben, denn sie war im Grunde doch eitel auf ihre geistigen Fähigkeiten. Sie besaß die Intelligenz vieler Frauen, das heißt, sie hatte keine eigenen Gedanken, aber sie verstand zuzuhören.

Als wir ins Hotel zurückkehrten, sprachen wir ganz leise. Sie stützte sich auf meinen Arm, und ich merkte, wie ein zärtliches Gefühl für sie in mir aufwallte ... Ich hätte meine Lippen auf ihre Schläfe und ihre blonden Haare drücken mögen.

Als ich mich zu Bett legte, dachte ich wieder an Larcier und die Spur, die ich zu verfolgen beabsichtigte. Es schien mir, daß ich Toul ein wenig zu schnell verlassen hatte. Es wäre richtiger gewesen, den Untersuchungsrichter zu besuchen; gewisse Punkte hätten aufgeklärt werden müssen. Entschieden war ich ein recht elender Detektiv, denn wenn ich sorgfältig alle Einzelheiten erwog, so hatte ich mich um die hauptsächlichsten Umstände, die für meine Untersuchung in Betracht kamen, nicht gekümmert. Besonders zog mich das an, was spitzfindig war, als ob die Wahrheit immer spitzfindig sei. Das ins Auge Fallende reizte mich nicht, sondern nur die fast unsichtbaren Spuren, die meiner Meinung nach dazu führen mußten, den geflüchteten Verbrecher zu finden.

Ich war schon im Begriff, nach Toul zurückzukehren, und beabsichtigte, am selben Vormittag hierher zurückzukommen, als meine Blicke auf eine Zeitung fielen, und ich sah, daß sie Einzelheiten über den Fall Larcier brachte.

Der Geldschrank und die anderen Schränke des alten Bonnel waren geöffnet gewesen, aber wahrscheinlich hatte der Mörder nur mit einem bestimmten Namen gezeichnete Papiere gefunden. Er hatte sie wohl zusammengerafft und mitgenommen, denn diese Schränke waren jetzt leer. Der Mörder hatte sie nicht aufgebrochen, wahrscheinlich hatte er sie mit den Schlüsseln aufgeschlossen, die er in der Tasche des Toten gefunden hatte.

Der unglückliche Bonnel mußte wohl in dem Augenblick ermordet worden sein, als er seinen Geldschrank öffnete, so daß der Mörder nicht die Mühe gehabt hatte, das Geheimnis des Patentschlosses zu ergründen.

Selbstverständlich war das die Hypothese des Redakteurs oder des Untersuchungsrichters, die meine war ganz anders, und ich behielt es mir vor, im gegebenen Augenblick die Aufmerksamkeit des Gerichts auf diesen Punkt zu lenken.

Ich wußte, daß Larcier die Abrechnungen seines Vormundes verlangt hatte. Der alte Bonnel schuldete ihm also Geld. Unter diesen Umständen war es wenig wahrscheinlich, daß er den Greis bestehlen wollte, und die wahre Ursache des Verbrechens war, meiner Meinung nach, ein Streit, ein Zornausbruch, ein Unfall, die fürchterliche Angst, für schuldig gehalten zu werden ... Doch störten die leeren Schränke und der leere Geldschrank ein wenig meine Vermutungen. Warum hatte Larcier diese Papiere verschwinden lassen? ... Aber es war auch möglich, daß der alte Bonnel die Papiere gar nicht zu Hause hatte. Die Untersuchung, die im Gange war, würde sich an die Bankhäuser wenden, mit denen Bonnel in Beziehung gestanden hatte, und sie würden vielleicht Aufschluß geben ... Aber augenblicklich dachte niemand daran, diese Forschungen vorzunehmen. Nach Ansicht des Untersuchungsrichters hatte der Mörder die Papiere mitgenommen, und es lohnte sich nicht, weiter danach zu forschen.

Für mich blieb es das einfachste, zu versuchen, Larcier wiederzufinden. Ich war ihm schon auf der Spur und wollte mich nicht um die gerichtliche Untersuchung kümmern.

Frühzeitig begab ich mich auf den Bahnhof in Bar-le-Duc und fand endlich die Schalterbeamtin. Ich fragte sie, ob sie kürzlich einige Fünffrankstücke bekommen hätte, aber sie verneinte es. Weiter fragte ich sie, ob ihr nicht gestern ein großer Mann mit einem weichen Hut und einem langen dunklen Überzieher an ihrem Schalter aufgefallen wäre, und ob dieser Mann nicht ein Taschentuch vor das Gesicht gehalten hätte, als ob er verschnupft wäre.

»Ach, wenn Sie wüßten,« sagte sie, »wieviel Leute hier vorbeikommen. Ich könnte Ihnen antworten, daß ich mich dessen erinnere, aber ich besinne mich wirklich nicht. Vielleicht weil Sie mich fragen, bilde ich mir schließlich ein, daß ich ihn gesehen habe, aber offengestanden weiß ich es nicht.«

Ich kehrte ins Hotel zurück, wo Blanche mich erwartete, aber ich mußte gestehen, daß die Hoffnung, Larcier bald zu finden, eine sehr geringe war.

Ich dachte zwar, daß er nach Paris gegangen sei ... Aber wenn wir in Paris sein werden, wohin sollten wir dann unsere Nachforschungen richten? Aber trotzdem würden wir nach Paris gehen ...

Übrigens bevor er auf der kleinen Station, wo er die hundert Frank wechselte, ein Billett nach Bar-le-Duc verlangte, hatte er eine Fahrkarte nach Paris gefordert und sich dann verbessert. Sicher war er in Paris oder war mindestens durchgefahren. Also auf nach Paris! ...

Blanche und ich, wir dachten wohl jeder für uns: Es ist doch gleich wohin, da wir zusammen reisen! ... Aber niemand wagte diese Worte auszusprechen, und wir trauten uns kaum, sie zu denken.

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