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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 5
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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IV

Das kleine Café, in dem ich saß, lag im Erdgeschoß eines Gasthauses. Reisende, die durch eine schlechte Zugverbindung gezwungen waren, einen Teil der Nacht zu warten, und in der Nähe der Station bleiben wollten, verweilten hier. Zu dieser frühen Morgenstunde waren außer mir noch zwei Gäste anwesend, Viehhändler, die eine Partie Ekarté mit alten abgenutzten Karten spielten. Gegenüber von mir stand ein altes Billard; an der Wand hing eine Karte, die eine Reihe Stöße, Kopfstöße und Rückstöße, angab.

Jene unbestimmte müde Zufriedenheit dauerte während der kurzen Eisenbahnfahrt bei mir an. Ganz allein saß ich in meinem Abteil. Über der Landschaft, durch die wir fuhren, lag etwas Frisches, Einsames und Klares. Ich hatte die Nacht gut geschlafen und fühlte mich wohl. Ich hatte es gar nicht eilig, an meinen Bestimmungsort zu gelangen, denn ich wußte, daß ich gezwungen sein würde, in den Straßen der kleinen Stadt spazierenzugehen, bevor ich Frau Chéron aufsuchen konnte.

Nachdem der Zug eine halbe Stunde gefahren war, hielt er auf einem netten kleinen Bahnhof, dessen Stationsgebäude mit Blumentöpfen geschmückte Fenster zeigte und von einem hübschen Gärtchen umgeben war. Vor der Tür wartete ein Omnibus auf den Zug. Der Kutscher, der von seinem Sitz heruntergestiegen war, führte eine gemächliche Unterhaltung mit einem alten Vagabunden des Ortes.

Ich ging den Weg, der zu den ersten Häusern führte, entlang. Dann schritt ich weiter bis zu dem Mittelpunkt der Stadt. Die Post, ein großer Materialwarenladen, eine Konditorei, eine Tankstelle für Automobile, ein kleines Café und ein Schnittwarengeschäft lagen um einen ziemlich großen Platz herum, auf dem in der Mitte die Statue eines Generals stand, den ich mir ansah, weniger aus Neugierde als aus Langeweile. Aber der Name war mir unbekannt.

Dieses fleißige Städtchen war schon erwacht. An den Fenstern waren die Gardinen schon zurückgezogen, die Kaufläden wurden geöffnet. Als ich über den Platz ging, sah ich ein großes Ochsengespann in einer der anstoßenden Straßen. Die Ochsen zogen einen gewaltigen Baumstamm, der den Eindruck erweckte, als wäre er dahin gestellt worden, das Ländliche des Bildes noch mehr hervorzuheben.

Ich setzte mich auf eine Bank und wollte einige Augenblicke die Ruhe und den Reiz dieses kleinen Platzes genießen, aber schon nach zwei Minuten merkte ich, daß ich nicht in der Stimmung dazu war und mich zwingen mußte, um noch Freude an der Romantik dieses Ortes zu haben. Ich entschloß mich, in das kleine Café zu gehen und einen Brief an Frau Chéron zu schreiben, in dem ich ihr meine Ankunft mitteilte mit der Bitte, mich in zwei Stunden zu erwarten. Ich wollte sie auf meinen Besuch vorbereiten.

In diesem Sinne schrieb ich ihr ein paar Zeilen und schickte ihr das Briefchen durch einen Jungen, der sich vor der Tür des Cafés umhertrieb. Nachdem ich noch eine zweite Tasse schwarzen Kaffee getrunken und festgestellt hatte, daß die kleine Gaststube die typische Einrichtung der Provinzcafés hatte, ließ ich mir das Adreßbuch der Provinz geben und vertiefte mich lange in ein geographisches Studium des Departements Meurthe-et-Moselle.

Ich langweilte mich, ich hätte gern mit jemandem gesprochen, aber die einzige Person, die sich im Café befand, war die Wirtin, eine ältere Frau, schwerfällig, weil sie sehr dick war, und deren Gesicht kein Entgegenkommen zeigte ... Die beiden Stunden wollten kein Ende nehmen. Ich versuchte zu schlafen, aber ich saß auf der mit glattem, schwarzem Möbelplüsch bezogenen Bank sehr schlecht.

Aber immerhin war es noch besser, als in den Straßen oder auf den Feldern umherzulaufen. Ich hätte mir ein Buch in dem nahen Papiergeschäft kaufen können ... Doch hatte ich keine Lust, zu lesen und mich in eingebildete Geschichten zu vertiefen, denn ich war selber in ein tragisches und wirkliches Abenteuer verwickelt. Und dann hat das Lesen nur Reiz für mich, wenn ich keine Zeit habe, mich der Lektüre hinzugeben ...

Endlich geschah das, was ich für nicht mehr möglich gehalten hatte: der große Zeiger der Uhr hatte zweimal den Kreis, den er beschreiben mußte, zurückgelegt, und ich konnte mich nach der kleinen Straße begeben, wo Frau Chéron wohnte.

Bald stand ich vor dem Gitter, das einem kleinen weißen, viereckigen Häuschen gegenüberlag. In dem Vorgarten war ein Teich ohne Wasser und eine Glaskugel auf einem Dreifuß. Um diese Schönheitsfehler zu entschuldigen, muß ich erklären, daß Frau Chéron nicht in ihrem Haus wohnte, sondern bei ihren Schwiegereltern lebte, und daß sie also keine Schuld an der Glaskugel hatte. Vor einigen Sträuchern stand eine Atalante aus schmutzigem Gips, in einem ewigen Lauf begriffen. Ich ging die Freitreppe herauf und kam an eine Glastür, die mir die älteste Bedienungsfrau Frankreichs öffnete. Ihr von einer Haube eingerahmtes Gesicht zog sich zusehends immer mehr zusammen. Die Frau führte mich in einen dunklen Salon, wo alles, Klavier, Sessel und eine Uhr, von Bezügen bedeckt war. Es schien, als ob ein unsichtbares Löschhütchen auf diesem Raum lag. Ich setzte mich auf ein Kanapee, unter dessen weißem Bezug sich kleine Kampfer- und Naphthalinsäckchen blähten. Im ganzen Zimmer war ich allein von keiner schützenden Hülle bedeckt. Es schien mir, daß ich diese Stille profanierte, und da ich nun zwischen diese eingeschlafenen Dinge eingedrungen war, bestand kein Grund, weshalb ich nicht ebenfalls einschlief. Nach und nach fühlte ich, wie ich mit diesem eingeschlummerten Mobiliar verschmolz, und überrascht fuhr ich auf, als die Tür knarrte und das Licht hell in diese Stätte des Schlummers hineinströmte.

»Ach! Sie sind ja hier vollständig im Dunkeln, Herr Ferrat. Ich begreife Emérancie nicht, daß sie Sie so sitzen läßt. Weshalb hat sie nicht die Fenster aufgemacht?«

Und ganz ohne Respekt für den Schlummer der Sessel schob Frau Chéron die Möbel beiseite, die ihr den Weg versperrten, und ging ans Fenster. Mit einer kräftigen Bewegung triumphierte sie über den bösen knurrenden Willen des Fensters und riß die widerspenstigen, knarrenden Jalousien hoch. Dann drehte sie sich um. Eine blonde, kleine und zarte Frau mit schönen, grauen, sanften Augen und blitzenden Zähnen stand vor mir. Sie setzte sich mir gegenüber, auf ihrem Gesicht lag ein Ernst, der sie um so besser kleidete, als man wohl merkte, daß es nicht ihr gewohnter Ausdruck war.

»Ist es nicht entsetzlich?« rief sie ... »Ich weiß gar nicht, was ich denken soll ... Was ist eigentlich geschehen?«

Ich berichtete ihr von meinem Besuch in Toul, und wie ich die Vorgänge, die sie jetzt in den Zeitungen las, erfahren hatte. Weitschweifig erzählte sie mir ihren ganzen Kummer, wie sie außer sich über das Benehmen ihrer Familie sei, die mit geheuchelter Teilnahme innerlich frohlockte. Dieselbe Schadenfreude, wie ich sie in der Kaserne gespürt hatte, umgab sie auch hier, und es war für uns ein großer Trost, beisammen zu sein und unsere freundschaftlichen Empfindungen für den armen Larcier auszutauschen.

Wir hatten denselben Gedanken gehabt: wohl war man gezwungen, sich den belastenden Beweisen, die das Gericht gesammelt hatte, zu beugen, aber es war uns unmöglich, zu glauben, daß Larcier ein Verbrecher war.

Sie war nicht wie ich auf die Idee gekommen, daß ein Unfall vorliegen könne, sie war noch zu verwirrt, um die Sachlage klar zu übersehen. Als ich ihr meine Vermutung mitteilte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Auch sie wollte Larcier gern wiedersehen, mit ihm sprechen und sich von ihm erzählen lassen, wie sich alles abgespielt hatte. Was uns beunruhigte, war, daß er uns nicht geschrieben hatte, aber er wollte sich jedenfalls den Nachforschungen der Polizei entziehen, und es wäre gefährlich, uns zu benachrichtigen. Ich sagte zu Frau Chéron, daß ich mich auf die Suche nach meinem Kameraden begeben wollte und zu diesem Zwecke Urlaub erhalten hatte.

Sie dankte mir sehr herzlich, sie würde im Kreise ihrer Familie unerträgliche Tage verbringen ... Sie beneidete mich, daß ich tätig sein durfte, und hätte sich mir gern angeschlossen, aber wie sollte sie das machen?

»Könnten wir nicht,« sagte ich, »irgendeine Reise zu einer von Ihren Freundinnen erfinden, und Sie treffen mich, damit wir uns zusammen auf die Suche begeben?«

Sie überlegte einige Augenblicke und schüttelte leicht den Kopf ... Es war schwerlich möglich ... Wohl hatte sie eine Freundin, die in Lille wohnte, und sie konnte vorgeben, diese einige Tage zu besuchen ... Ich drang in sie, die Idee zur Ausführung zu bringen. War diese Freundin ihr wirklich ergeben, so konnte sie ihr alles ruhig erzählen. Diese Dame würde es gern übernehmen, alle Briefe, die sie ihr nach Lille schickte, an die Familie zu senden, und unterdessen konnten wir beide unsere Nachforschungen anstellen und die Spur des entflohenen Freundes suchen.

Ich hatte sofort bemerkt, daß Frau Chéron eine schüchterne und sehr fügsame Natur war.

Sie stand unter dem Einfluß ihrer Familie, aber wurde sie von anderer Seite beeinflußt, so ließ sie sich eben von dieser anderen Seite leiten. Ich bin für mich selber nicht sehr energisch, aber ich flehte sie an, mit ihrer Familie zu sprechen. Sie wollte es erst abends tun, aber die Zeit drängte. Ich veranlaßte sie, sofort zu den Ihren zu gehen und zu sagen, weshalb ich gekommen sei. Sie brauchten nicht zu wissen, daß ich Larciers Freund war. Sie sollte erzählen, ich sei mit Frau Tubaud in Lille bekannt, die mich beauftragt hatte, ihrer Freundin eine Einladung zu übermitteln und sie zu bitten, unverzüglich zu ihr zu kommen.

Frau Tubaud hätte durch mich sagen lassen, daß sich eine Heirat für Frau Chéron böte und sie ihr so schnell wie möglich den Ehekandidaten vorstellen wollte. Wir wußten, daß dieser Grund stichhaltig sein würde, denn es lag der Familie sehr daran, daß sich Frau Chéron wieder verheiratete, und um so mehr, als dadurch das Gerücht einer bevorstehenden Verlobung mit dem unglücklichen Larcier erstickt würde.

»Meinen Sie nicht, daß es richtig wäre, wenn Sie mit uns Mittag äßen?« fragte sie.

Was für eine Unvorsichtigkeit! Man würde mich über Tubauds ausfragen ... Ich käme in Gefahr, Dummheiten zu sagen ... Es wäre ratsamer, daß ich sofort den Zug auf der nächsten Station nähme. Frau Chéron konnte den Dreiuhrzug benutzen, und wir würden uns unterwegs treffen.

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