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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 4
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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III

In meinem Zimmer wurde ich ruhiger. Ich teilte die Stube mit Larcier und einem Unteroffizier, der im Bureau des Majors arbeitete. Dieser, ein dicker, zerstreuter Mann, verkehrte wenig mit den anderen Unteroffizieren. Sie hielten ihn für einen Dummkopf, weil er sein besonderes Steckenpferd hatte. Er beschäftigte sich beständig mit Statistik, war auf Geographie ganz versessen und machte andauernd auf Zetteln Notizen über die Lage der Städte. Man hat niemals erfahren, ob sie irgendeinen praktischen Nutzen hatten, jedenfalls widmete er sich dieser Arbeit mit Leib und Seele.

Wir standen nicht schlecht miteinander, aber wir sagten uns kaum guten Tag und guten Abend; ein Kopfnicken beim Eintreten, ein Murmeln beim Fortgehen. Da wir noch einen Dritten haben mussten, so war Leonard eigentlich noch der angenehmste Gefährte. Übrigens waren wir sehr wenig im Zimmer. Wir suchten es auf, um uns schlafen zu legen, was gewöhnlich sehr spät war, und verließen es morgens außerordentlich zeitig. Nur um uns umzuziehen, gingen wir am Tage hinein.

Leonard arbeitete zuweilen nachts an seinen Statistiken und mußte dazu die Lampe brennen lassen. Es war eine kleine Lampe mit einem Lichtschirm, die uns nicht am Schlafen hinderte. Unser Gefährte war wegen dieser Duldsamkeit sehr dankbar. Wir empfanden diese Dankbarkeit mehr, als daß wir sie erfuhren, denn er gab sie auf keine Weise kund.

An jenem Abend war ich übermüdet, und es dauerte lange, bis ich einschlief. Leonard arbeitete noch eine ganze Weile, und nachdem er die Lampe ausgelöscht hatte, lag ich lange mit offenen Augen in der Dunkelheit. Aber schließlich schlief ich ein, und die Nacht verging nachher so schnell, daß es mir schien, als ob der Wecker fast gleich darauf läutete. Sein Klingeln kam mir noch schriller als sonst vor. Der Tag war grau, ich war entsetzlich müde, und trotzdem ich gegen diese Müdigkeit anzukämpfen versuchte, schlief ich noch einmal einige Sekunden ein. Ich hätte auch etwas später heruntergehen können, denn es war nicht unbedingt notwendig, daß ich in den Ställen war, wenn die Pferde Heu bekamen. Aber der diensttuende Offizier, ein widerlicher Kerl, hätte sich über meine Abwesenheit wundern können oder, was noch schlimmer gewesen wäre, über Larciers Fernbleiben. Es wäre niemand dagewesen, um ihm eine Auskunft zu geben, und so nahm ich mich denn zusammen und stand auf. Der Kopf war mir schwer, mein Herz war von bangen Ahnungen erfüllt. So ging ich in die Ställe hinunter, aber diese Sorgen waren überflüssig gewesen, denn der Offizier war nicht anwesend. Nachdem die Mannschaft den Pferden Heu aufgeschüttet hatte und wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war, ging ich in die Kantine, wo auf den Tischen Schalen mit schwarzem Kaffee standen und Brotstücke lagen. Ich fühlte mich schlecht; ich hatte Lust, wieder hinaufzugehen und mich ins Bett zu legen, aber ich sagte mir, daß, wenn ich es täte, ich mich vielleicht nicht wieder würde aufraffen können, um beim Striegeln um neun Uhr dabei zu sein, und meine Anwesenheit war Larciers wegen sehr nötig.

Als das Striegeln beendet war und es zum Frühstück läutete, fing ich an, nervös zu werden. Larcier mußte gegen halb elf Uhr in die Kaserne zurückkehren: der Zug von Toul kam um zehn Uhr zwanzig an. Ich wußte, daß ich es nicht aushalten würde, diese halbe Stunde in der Kaserne zu warten. Schnell ließ ich mich von einem Stallburschen abbürsten und eilte nach dem Bahnhof.

Der Touler Zug hatte fünfzehn Minuten Verspätung. Ich konnte seine Einfahrt gar nicht erwarten. Würde er seine Verspätung wieder einholen? Würde er nicht gleich aus dem Tunnel hervorkommen? Ich sah im voraus die schwarze Lokomotive weit unten auftauchen, als wäre sie von den nachfolgenden Wagen gestoßen, am Bahnsteig halten, die Türen sich öffnen und zuschlagen und das Gesicht Larciers in der Menge. Schon im voraus hörte ich meine angstvolle Frage: »Nun, hast du Geld bekommen?«

Doch der Zug kam nicht, und anstatt seine Verspätung einzuholen, schien diese immer größer zu werden ... Ich fing an, mich zu beunruhigen, denn käme er zwanzig Minuten vor elf Uhr an, würden Larcier und ich kaum noch Zeit haben, in die Kaserne zu laufen, aufs Pferd zu springen und die Reitbahn zu erreichen, wo uns sicher ein Krach erwartete, denn der Offizier würde voller Wut auf uns harren und ungeduldig mit seinem Stöckchen auf seine Reitstiefel schlagen.

Zehn Uhr siebenunddreißig ... zehn Uhr achtunddreißig ... zehn Uhr neununddreißig ... Eine wimmernde und singende Glocke kündigt den Zug von Toul an. Einige Augenblicke später hörte man ihn heranbrausen, gleich darauf sah man ihn aus dem Tunnel fahren. Jetzt bleibt er wieder stehen, wer weiß, warum er keine Einfahrt hat ... Das Geleise ist nicht frei, ein Güterzug muß erst auf einen anderen Schienenstrang gebracht werden. Die Passagiere des Touler Zuges treten an die Fenster, aber ich sehe Larciers Mütze nicht. Das ist ein schlimmes Zeichen! ... Er weiß, daß der Zug Verspätung hat, er müßte ungeduldig sein und Angst haben, nicht pünktlich zum Zureiten zu kommen. Was ist denn passiert, daß sein besorgtes Gesicht nicht an einem der Fenster zu sehen ist? Ich werde immer nervöser. Endlich setzt sich die Lokomotive wieder in Bewegung, der Zug fährt ein. Ich war auf eine Bank gestiegen, um Larciers Uniform besser aus der Menge herauszuerkennen, aber es steigen nur schwarz oder grau gekleidete Leute aus ... Da unten vielleicht ... nein, das ist ein Infanterist, der schwerfällig ein Abteil verläßt.

Larcier war nicht mitgekommen. Warum?

Aber für solche Fragen hatte ich jetzt keine Zeit. Mit wirrem Kopf eilte ich in die Kaserne zurück. Ich wußte nicht, was ich dort erzählen sollte, um die Abwesenheit meines Freundes zu entschuldigen ... Aber schließlich blieb mir noch immer die Ausrede, daß er krank ist.

Ich zog mich um und ging schleunigst in die Reitbahn. Wie ich gedacht hatte, erwartete mich der Offizier ungeduldig und ging vor den aufgereihten Pferden auf und ab. Die Unteroffiziere und die Brigadiere, die das Zureiten zu besorgen hatten, waren schon alle auf ihrem Posten. Nur Larcier und ich fehlten. Ich ging auf den Offizier zu und sagte ihm, daß mein Kamerad krank sei. Er zuckte die Achseln:

»Er hat wohl einen Kater, das ist allerdings eine schlimme Krankheit ...«

Larciers Pferd wurde in den Stall zurückgeführt, wir sprangen auf unsere Gäule und ritten in den Reitstall.

Ich war an der Spitze des Ritts und hielt »Calomel«, ein ganz frommes Tier, das an mein nachlässiges Reiten gewöhnt, kurz im Zügel. Das schien ihn zu wundern, er bäumte sich, vielleicht weil ich ihn zu fest zwischen die Schenkel geklemmt hatte. Ich fing einige Bemerkungen auf, weil die Kameraden in ihren Volten gestört worden waren. Glücklicherweise kam ich durch eine einzelne Halbvolte, die die Reiter durcheinanderbrachte, an das Ende des Ritts. Jetzt hörte ich auf, »Calomel« meinen Willen aufzuzwingen. Dieser, der schon frühzeitig den Geist der Knechtschaft begriffen hatte, machte jetzt getreulich nach, was die anderen Pferde in der Reitbahn taten.

Ich überlegte, was ich nach dem Essen, nachmittags, vornehmen könnte. Wahrscheinlich würde ich nach Toul fahren ... Als ich vom Pferde gestiegen war, meldete ich dem Feldwebel, daß ich zum Striegeln nicht da sein würde. Ich benutzte den Dreiuhrzug, nachdem ich mich noch einige Zeit in der Stadt herumgetrieben hatte. Zwar ohne mir viel Hoffnung zu machen, war ich nach dem Bahnhof gegangen, um den Personenzug, der ein Uhr fünfundvierzig von Toul kam, zu erwarten. Vielleicht hatte ihn mein Freund benutzt.

Ich wußte, wo Larciers Vormund wohnte. Eines Sonntags waren wir nach Toul gefahren, um dort spazierenzugehen. Ich hatte Larcier zu seinem Verwandten begleitet und vor dem Gitter des kleinen Gartens draußen auf ihn gewartet. Der Greis hatte meinen Freund damals herausbegleitet; ich stand fünfzehn oder zwanzig Schritte von dem Gitter entfernt, als Larcier aus dem Garten herauskam, und darum war ich Herrn Bonnel nicht vorgestellt worden.

Der Besitz lag nahe bei Toul, ungefähr fünfzehnhundert Schritt vom Bahnhof entfernt, in einer kleinen, von Gärten umgebenen Häusergruppe. Ich ging die Straße entlang, die zu dieser Art Weiler führte. Es war ein von Bäumen eingefaßter Weg. Von Zeit zu Zeit kam man an einer Fabrik oder an einem Holzhof vorbei; ringsherum lagen Felder.

Das Haus Bonnels war von ferne nicht zu sehen, denn es lag etwa hundert Schritt hinter einer Biegung des Weges. Ungeduldig wünschte ich schon dort zu sein. Wenn es mir sonst auch ein wenig peinlich war, zu einem Menschen, den ich nicht kannte, zu gehen, so empfand ich an jenem Tage diese Verlegenheit nicht, so sehr trieb mich mein freundschaftlicher Eifer, zu erfahren, was aus Larcier geworden war.

Als ich an der Biegung des Weges anlangte, gingen zwei Arbeiter an mir vorbei, und ich hörte den einen von ihnen sagen:

»Es ist gegen zwei Uhr morgens geschehen ... Er wird schon lange in Belgien oder in Deutschland sein. Den werden sie nicht so schnell fassen ...«

Von jäher Unruhe ergriffen, blieb ich plötzlich stehen, ehe ich in den Weg einbog, als ob ich Furcht vor dem hätte, was ich auf diesem noch nicht sichtbaren Teil der Straße sehen würde. Mühsam schleppte ich mich weiter, die Füße versagten mir, und als ich um die Biegung des Weges herumkam, sah ich ungefähr fünfzig Leute vor dem Hause Bonnels stehen.

Ich hatte kaum noch die Kraft, bis dahin zu gehen; eine so fürchterliche Angst hatte sich meiner bemächtigt, das, was ich erriet, bestätigt zu hören! Ich schleppte mich mechanisch weiter und mischte mich unter die vor dem Gitter stehende Menge. Einige der dort stehenden Neugierigen blickten mich an, und einer von ihnen bemerkte die Nummer auf meinem Kragen. Er wandte sich an einen alten Herrn, der vor der Tür stand und sagte zu ihm:

»Herr Kommissar, da ist gerade ein Unteroffizier aus demselben Regiment.«

Ein grauer Bart umrahmte das Gesicht des Kommissars, und über den Augen sträubten sich die buschigen Augenbrauen. Er fragte mich:

»Sie kennen Larcier?«

»Ja, Herr Kommissar,« antwortete ich mit schwacher Stimme, »ich kenne ihn. Aber was ist denn geschehen? Ich komme soeben in Toul an und habe von nichts eine Ahnung ...«

»Ihr Kamerad hat seinen alten Vetter ermordet ... Aber ich möchte über Verschiedenes Auskunft von Ihnen haben. Wir wollen hier nicht stehenbleiben, kommen Sie mit ins Haus.«

Wir gingen zusammen in das Eßzimmer. Der Kommissar setzte sich an die Ecke des alteichenen Tisches, und nachdem er seinem Sekretär zugewinkt hatte, sich zu uns zu setzen, zog er Papiere aus der Tasche. Er erzählte mir, daß er schon nach unserer Garnison telephoniert und der Oberst ihm die Abwesenheit des Unteroffiziers Larcier bestätigt habe. Der Kommissar wußte auch bereits, daß mein unglücklicher Freund Geld im Spiel verloren hatte. Es war leicht, sich die heftige Szene vorzustellen, die sich zwischen dem Vormund und Larcier abgespielt hatte. In Herrn Bonnels Bureau waren Blutspuren gefunden worden, der Fußboden war gewaschen; die Tür des Geldschrankes stand offen, der Schlüsselbund lag oben auf dem Schrank. Der Greis mußte in dem Augenblick, als er diesen Geldschrank geöffnet hatte, ermordet worden sein. Bis jetzt waren alle Bemühungen, seine Leiche zu finden, vergeblich gewesen. Nur die Kleidungsstücke des Mörders waren gefunden worden: Seine Dragonerunteroffiziersuniform lag zusammengerollt hinter einem Eckstein in einer Gartenecke.

Der Mörder mußte sich dann im Hause Zivilkleidung verschafft haben, um durch seine Uniform nicht aufzufallen. Das war wenigstens die erste Vermutung. Aber sofort tauchte eine zweite auf: nicht aus diesem Grund hatte sich Larcier seiner Uniform entledigt, sondern weil sie wahrscheinlich mit Blut befleckt war. Denn Rock und Beinkleid waren sorgfältig gewaschen. Zuerst schien Larcier versucht zu haben, die Flecken herauszureiben, aber da die Kleidungsstücke zu feucht waren, hatte er wohl darauf verzichtet, sie anzuziehen. So hatte er sich dann wahrscheinlich entschlossen, einen Anzug seines Vormunds zu nehmen, der ungefähr seine Figur hatte.

Aber wohin war die Leiche des unglücklichen Bonnel verschwunden? Das hatte der Kommissar bis jetzt noch nicht ergründen können. Sorgfältig hatte man den Boden des Gartens untersucht, aber überall war die Erde hart, nirgends war sie aufgewühlt worden.

Der Kommissar forderte mich auf, noch einen Tag in Toul zu bleiben; um dem Gericht Auskunft zu geben. Er bat übrigens den Oberst telephonisch um Urlaub für mich.

Es war mir angenehm, nicht in die Kaserne zurückkehren zu müssen, wo der haßerfüllte Kreis der Feinde Larciers durch dieses entsetzliche Drama gewiß in große Aufregung versetzt war. Aber vor allen Dingen hatte ich den Wunsch, den Mörder zu finden, mit ihm zu sprechen, von ihm zu hören, wie das Verbrechen geschehen war. Es war mir unmöglich, zu glauben, daß Larcier jemand ermordet hatte ... Nie kann er die Absicht gehabt haben, diesen Mann zu töten ... War er überhaupt fähig, in eine solche Wut zu geraten, durch die impulsive Menschen imstande sind, einen jener fast unfreiwilligen Morde zu begehen? Es ist richtig, daß, seitdem Larcier sich dem Spielteufel ergeben hatte, eine Veränderung in seinem Charakter vorgegangen war. Aber war diese Veränderung so groß, um aus meinem Freund einen Mörder zu machen? Ich war überzeugt, daß sich irgendein Zwischenfall ereignet hatte. Während einer heftigen Auseinandersetzung war der Greis vielleicht gefallen, war bei dem Fall gestorben ... und Larcier hatte die Leiche verscharrt, aus Furcht, des Mordes angeklagt zu werden.

So hatte sich die Tragödie wahrscheinlich abgespielt. Aber ich war dessen nicht sicher ... Ein entsetzlicher Zweifel packte mich: Wenn Larcier doch fähig gewesen wäre, einen Menschen umzubringen! ... Um diesen fürchterlichen Gedanken loszuwerden, hätte ich zu gern meinen Freund wiedergesehen, um zu hören, wie sich alles zugetragen hatte.

Diese meine Gedanken teilte ich dem Kommissar mit. Aber er hörte mir nur zerstreut zu. Und seine Ungläubigkeit schüchterte mich ein. Ich fühlte, daß ich nicht eindringlich genug sprach. Ich war immer von dem Willen beseelt gewesen, meine Freunde zu verteidigen, aber es fehlte mir an der nötigen natürlichen Autorität und Kampflust. Bei solchen Gelegenheiten machen die Menschen den Eindruck auf mich, als ob sie mir mit überlegener Nachsicht zuhören und sagen wollen: »Sie haben recht, daß Sie Ihren Freund verteidigen, es ist nett von Ihnen, aber wir glauben Ihnen nicht: diese Freundschaft macht Sie sogar selber verdächtig.«

Für den Polizeikommissar war die Angelegenheit sonnenklar: Larcier hatte Geld im Spiel verloren und hatte seinen Vormund aufgesucht, um ihn um eine größere Summe zu bitten. Da dieser sich weigerte, sie ihm zu geben, hatte er ihn getötet. Es stand also fest, wer der Mörder war, man würde ihn fassen, es war entsetzlich.

Ich verstand nicht, weshalb die Polizei nicht sofort mit der Verfolgung begann, und ich entschloß mich, da das Gericht sich so lange Zeit ließ, um sich Larciers zu bemächtigen, mich selbst auf die Suche nach meinem Freund zu begeben, so schnell wie möglich zu ihm zu eilen, damit er mir alles erkläre. Als der Kommissar mit meinem Oberst telephonierte, bat ich ihn, mir einen etwas längeren Urlaub zu erwirken. Ich erbot mich, Larcier zu finden und ihn dem Gericht auszuliefern.

Der Kommissar unterstützte meine Bitte, nicht weil ihm viel an meiner Hilfe lag und weil er sehr an den Nutzen meiner Nachforschungen glaubte, sondern er tat es aus Liebenswürdigkeit; zweifellos dachte er, daß ich gern Urlaub haben wollte und diesen Vorwand eifrig ergriff, um die Kaserne vierzehn Tage verlassen zu können. Ich gab mir nicht die Mühe, diese beleidigende Auffassung zu widerlegen. Die Hauptsache war, daß der Oberst darein willigte, mir zwei Wochen Freiheit zu geben.

Jedoch beschloß ich, abends in die Kaserne zurückzukehren, um mir Kleidungsstücke zu holen, denn ich war nur mit den Sachen, die ich anhatte, nach Toul gefahren. Übrigens verknüpfte ich mit der Rückkehr in unsere Garnison noch einen anderen Zweck.

Aus Andeutungen Larciers wußte ich, daß er eine Freundin hatte. Eine Art sentimentaler Keuschheit hielt ihn davon zurück, viel mit seinen Freunden von seinen Herzensangelegenheiten zu sprechen. Diese Freundin war also eine junge Frau, seit kurzer Zeit Witwe. Ich wußte, daß sie moralisch einwandfrei war. Larcier hatte mir von ihr erzählt; ich glaube, sie liebten sich sehr und hatten beschlossen, sich zu heiraten. Sie wohnte nicht in derselben Stadt wie wir, sondern in dem eine halbe Stunde von Nancy entfernt liegenden kleinen Marktflecken Saint-Renaud. Larcier fuhr ein- oder zweimal wöchentlich abends zu ihr. Sonntags konnte er seine Freundin freilich nicht besuchen, weil sie dann mit ihrer ganzen Familie zusammen war.

Nachdem ich die Nacht in der Kaserne geschlafen hatte ich war zu müde gewesen, um mir ein Hotel in der Stadt zu suchen –, ging ich morgens sehr zeitig fort. Ich hatte in der Kaserne nur meinen Stubenkameraden gesehen, den Unteroffizier, der andauernd Statistiken machte. Er fragte mich über den Fall Larcier aus, hörte mir nachdenklich zu und begab sich kopfschüttelnd wieder an seine überflüssigen Arbeiten; was dieses Kopfschütteln bedeuten sollte, wußte ich allerdings nicht.

Ich verließ also am nächsten Morgen, gleich nachdem ich angezogen war, die Kaserne. Der einzige Kamerad, den ich um diese Zeit treffen konnte, war ein Unteroffizier, der die Wache hatte und vor der Tür der Kaserne stand. Schnell lief ich an ihm vorbei, und wie jemand, dem nicht daran liegt, sich in eine Unterhaltung einzulassen, nickte ich ihm flüchtig zu. Ich kannte die Ansichten aller dieser Leute, ich wußte, mit welcher versteckten Schadenfreude sie mit mir sprechen, wie nett und liebenswürdig sie gegen mich sein würden, jetzt, wo das Schicksal ihnen diese Genugtuung bereitet hatte, meinen unglücklichen Freund als einen Verbrecher zu betrachten.

Als ich mich mit großen Schritten von der Kaserne entfernte, rief mich der diensttuende Offizier an.

»Ich habe Urlaub bekommen, Herr Leutnant«, sagte ich.

Er erwiderte nur: »Ach!« Ich glaubte, er würde anfangen, von Larcier zu sprechen, und der Gedanke, was ich wieder zu hören bekommen würde, machte mich schon nervös. Aber wahrscheinlich fielen ihm nicht die geeigneten Worte ein, denn er nickte nur mit dem Kopf, um mich zu verabschieden, und ging nach der Kaserne zurück. Es wäre mir peinlich gewesen, mit ihm zu sprechen, jedoch war ich ein wenig enttäuscht, als er mir gar nichts sagte.

Diese Erzählung ist eine Beichte, und ich muß alles berichten, was in mir vorging.

Seit gestern abend war ich unglücklich, wie von körperlichen Schmerzen taten mir alle Glieder weh. Schon eine Stunde vor der Abfahrt des Zuges, der mich nach Saint-Renaud bringen sollte, saß ich dem Bahnhof gegenüber. In diesem Augenblick empfand ich eine Art Entspannung und verbrachte eine Stunde frohen, ja, wirklich frohen Ausruhens. Ich war glücklich, Urlaub zu haben, ich war glücklich, die Bekanntschaft von Larciers junger Freundin zu machen. Dieser Empfindungen war ich mir noch nicht so recht bewußt, glücklicherweise wagte ich in jenem Moment nicht, mir die Gründe meines Behagens klarzumachen, denn ich wäre entsetzt darüber gewesen. Aber es ist jetzt sicher, daß dieser Eindruck von Freiheit und auch diese Hoffnung, eine junge Frau zu sehen und zu trösten, mich einen Augenblick eine Menge Dinge vergessen ließen.

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