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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 3
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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II

So war es also leicht, Larciers Abwesenheit bis zum nächsten Morgen zu verbergen. Trotzdem war ich unruhig, als ich ihn nach dem Bahnhof begleitete ... Er schien jedoch nur an die unangenehme Auseinandersetzung, die er mit seinem Verwandten haben würde, zu denken.

»Onkel Bonnel – ich nenne ihn Onkel, trotzdem er nur mein Vetter ist –, Onkel Bonnel ist ein altes Original, er hat etwas sehr Entschiedenes und Energisches. Ich würde es nie wagen, ihm gleich zu sagen, daß ich das Geld im Spiel verloren habe. Ich werde so tun, als ob ich von ihm, dem bisherigen Vormund, meine Abrechnung verlange, die ich schon seit mehreren Monaten hätte haben müssen ... Ich bin fast zweiundzwanzig, weißt du, ich bin mit neunzehn Jahren zum Militär gegangen.«

»Aber wie kommt es, daß diese Abrechnung noch nicht erfolgt ist?«

»Ach, weil mein Vetter davon überzeugt ist, daß das Geld bei ihm in besseren Händen ist als bei mir. Es macht immer den Eindruck, als ob er mich nicht ernst nimmt. Er hat Angst, daß wir unser kleines Vermögen verschwenden, daß ich es schlecht anlege ... Verschiedentlich hat er das schon zu Mama gesagt, die ganz seiner Ansicht zu sein scheint. Nicht, daß sie mir mißtraut! Die gute Mama! Wie bestürzt und bekümmert würde sie sein, wenn sie wüßte, daß ich spiele! ... Nein, sie hält mich für einen sehr soliden Burschen, aber trotzdem findet sie mich ein wenig jung, und sie hat großes Vertrauen zu Onkel Bonnel.«

In diesem Augenblick fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Ich drückte Larciers Hand ... Noch sehe ich ihn vor mir, wie er in das Abteil stieg. Er war groß und schlank, in dem anschließenden Waffenrock kam seine gute Figur vorzüglich zur Geltung. (In unserem Regiment leisteten sich die Unteroffiziere kleine Extravaganzen in der Kleidung. Der Oberst sah über diese Dinge hinweg.)

Ich sah, wie der Zug sich in Bewegung setzte. Larcier stand am Fenster und nickte mir einen Abschiedsgruß zu. Er war zerstreut, aber er zwang sich, mir zuzulächeln. Als ich nach Hause ging, sagte ich mir, daß ich unrecht hätte, mir den Kopf zu verdrehen, mein Freund würde seine fünftausend Frank bekommen, und nach einer gehörigen Szene mit seinem Vormund würde die Sache erledigt sein.

Wenn ich in diesem Augenblick auch nicht sehr unruhig war, so machte ich mir doch Vorwürfe, daß er eine so große Summe verloren hatte, denn ich sagte mir, daß er durch mich mit jenen Reservisten bekanntgeworden war.

Zum Abendstriegeln kehrte ich in die Kaserne zurück. Im Hofe riefen mich die Unteroffiziere an. Sie wußten schon, daß Larcier wieder Pech beim Spiel gehabt hatte, trotzdem die Spieler abgemacht hatten, daß wegen der hohen Summe zu niemand darüber gesprochen werden sollte. Aber gerade deshalb wurde darüber gesprochen. Voll Wichtigkeit erzählten diese jungen Leute, daß sie sehr hoch gespielt hätten, und beklagten den unglücklichen Larcier.

»Ich habe ihm zweitausend Frank abgenommen, und das macht mir kein Vergnügen«, sagte ein Brigadier der Reserve, ein Angestellter einer Hypothekenbank, und heimlich überlegte er bei diesen Worten, welch ein guter Zuschuß diese Summe für den beabsichtigten Kauf eines Autos sein würde. Der Feldwebel Raoul von der dritten Eskadron machte, ohne sich direkt an mich zu wenden, kleine Bemerkungen, die mir augenscheinlich gelten sollten. Er war ein kleiner Blonder mit einem Kneifer, der mit sanfter Stimme sprach und kaum die Lippen auseinanderbrachte. Ein Rekrut hatte ihm den Beinamen »Zuckerzange« gegeben.

»Ich kann ja begreifen, daß man Tollheiten im Spiel begeht, wenn man die Mittel dazu hat. Ich habe kein Mitleid mit Larcier. Er hat gespielt, weil er überzeugt war, daß er gewinnen würde. Als er merkte, daß die jungen Leute aus Paris ein großes Portemonnaie hatten, wollte er die Gelegenheit ausnutzen ...«

»Ich glaube nicht, daß Ihre Auffassung richtig ist«, sagte ich, mich beherrschend. »Larcier braucht nichts, es lag ihm nicht daran, zu gewinnen. Zuerst hat er gespielt, um sich zu amüsieren, und dann wollte er sich sein Geld zurückholen.«

Der Feldwebel antwortete mit einer zweifelnden Geste, zwar höflich, aber doch mit einer Spur von Impertinenz. Er begann eine eifrige Unterhaltung mit einem anderen Unteroffizier und zeigte sehr deutlich, daß er keine Lust habe, weiter mit mir zu sprechen.

Sehr verärgert begab ich mich in die Ställe, wo die Rekruten meines Beritts mit dem Striegeln begonnen hatten. Ich schritt durch die Gänge. Wenn ich an den Leuten vorbeikam, sah ich, wie sie nachlässig ihre Tiere zu striegeln begannen, aber ich kümmerte mich nicht viel um sie.

Plötzlich stand ich dem diensthabenden Offizier, Leutnant Richin de Roisin, gegenüber, der mir zurief:

»Hören Sie mal, Ferrat, was wird mir da von Larcier erzählt? Es scheint, daß ihm etwas Unangenehmes passiert ist?«

»Sie wissen es also, Herr Leutnant?«

»Ja, Raynaud hat es mir erzählt.«

Feldwebel Raynaud war mit dem Leutnant de Roisin gut bekannt. Sie stammten aus derselben Stadt und hatten sich früher einmal geduzt.

Ich konnte mir denken, wie es gekommen war. Die Unteroffiziere hätten nie gewagt, den Offizieren die Geschichte offen zu erzählen, aber sie wußten genau, daß Raynaud sie als guter Bekannter dem Leutnant berichten und daß das interessante Ereignis auf diese Weise zu den Ohren der höchsten Vorgesetzten gelangen würde.

Leutnant de Roisin hielt mir zuerst eine Moralpredigt über die Gefahren des Spiels, dann fragte er mich nach Einzelheiten über die Partie und vertiefte sich mit so viel Eifer in Geschichten über Bakkarat, daß er vergaß, die Pferde zur Tränke zu schicken. Es läutete zum Abendbrot. Alle Pferde der anderen Schwadron waren schon zurückgekehrt und fraßen bereits ihren Hafer ... Nur meine Leute waren gezwungen, durch die ausgedehnte Unterhaltung immer weiter zu striegeln. Die Zunächststehenden waren schon ganz erschöpft von der Arbeit, die ihnen durch die lästige Nachbarschaft des Leutnants aufgezwungen wurde.

An jenem Abend hatte ich keine Lust, in der Kantine zu Abend zu essen. Ich ging in ein kleines Restaurant, dort wußte ich, würde ich allein sein. Aber um neun Uhr mußte ich wegen des Appells meiner Schwadron in die Kaserne zurückkehren, und um so mehr, weil ich in Abwesenheit Larciers den Appell auch bei seinen Leuten abhalten wollte.

Nach neun Uhr gingen die Feldwebel, die Furiere, die Unteroffiziere, die sich nicht in die Stadt begaben – und da an diesem Abend im Theater nicht gespielt wurde, waren es eine Menge –, in die Kantine, wo sie am Büfett blieben, bis das Licht ausgelöscht wurde. Einer von ihnen, welchen die anderen wahrscheinlich abgesandt hatten, forderte mich auf, mich zu ihnen zu gesellen. Sie wollten mich aushorchen. Aus einer Art Trotz nahm ich ihre Einladung an und verbrachte eine Stunde in ihrer Gesellschaft. Sie sprachen von Larcier mit geheucheltem Mitleid. Aber ich fühlte, daß sie sich alle gegen ihn und gegen mich verbündet hatten. Vielleicht, wenn ich mit nur einem von ihnen den Abend verbracht hätte, würde ich ein wenig wahre Teilnahme in ihm erweckt und seinen Groll und Haß besiegt haben. Aber ich fühlte, daß ich gegen einen solchen Wall von Böswilligkeit nicht ankommen konnte. Offen zeigten sie, daß sie Larcier nicht ausstehen konnten. Diese Geschichte war ihnen eine Genugtuung. Es war ein gefundenes Fressen, das ihnen das Schicksal sandte, nie hätten sie so viel Großmut aufbringen können, auf ihre Schadenfreude zu verzichten.

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