Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Tristan Bernard >

Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 2
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
Schließen

Navigation:

I

Larcier und ich waren Unteroffiziere bei den Nancÿer Dragonern. Ich hatte meine Zett fast abgedient, und Larcier, der aktiv zu werden beabsichtigte, wollte beim Militär bleiben. Wir waren sehr schnell zu Kavallerie-Unteroffizieren ernannt worden, und das war in unserem Regiment gar nicht leicht gewesen, denn es waren eine Menge eingestellt worden. Jedoch war der Umstand, daß plötzlich mehrere abgingen, uns zustatten gekommen.

Wir standen uns mit den anderen Unteroffizieren nicht sehr gut. Sie gehörten einer ganz anderen Generation an, das heißt sie waren zwei oder drei Jahre älter als wir, und dadurch hatten sie drei Jahre länger gedient, und das machte einen beträchtlichen Unterschied.

Einige von ihnen, die uns nicht leiden konnten, hatten es fertig bekommen, uns bei allen anderen unbeliebt zu machen. Diese feindselige Atmosphäre war um so gefährlicher, weil wir uns nicht darum kümmerten und nichts taten, um sie zu vermindern. Larcier und ich genügten einander, und wir zeigten den übrigen deutlich, daß wir niemanden weiter brauchten. Da alle diese Unteroffiziere nach der Instruktionsstunde sich nicht zu überarbeiten brauchten und sehr wenige von ihnen sich in Saumur vorbereiteten, war der wahre Haß, den sie uns entgegenbrachten, eine Art Zeitvertreib für sie geworden, auf den sie nicht leicht verzichtet hätten.

Larcier stammte aus der Gegend von Nancÿ, das heißt seine Familie wohnte zehn Meilen von dieser Stadt entfernt. Eines Tages nahm er mich mit nach Hause, und ich lernte seine Mutter und seine beiden jüngeren Brüder kennen. Sein Vater war Lehrer am Gÿmnasium in Nancÿ gewesen und war an einer Gehirnentzündung gestorben. Er hatte ihnen ein kleines Vermögen hinterlassen, das einer ihrer Vettern verwaltete, ein alter Herr, der in den Vogesen Notar gewesen und jetzt in der Vorstadt Toul wohnte.

Robert Larcier hatte bei seiner Großjährigkeit keine Abrechnung von seinem Vormund verlangt. Er hielt es für richtiger, diese Formalität aufzuschieben, bis er aktiver Soldat geworden war. So empfing er also die Beträge, die er für sein bescheidenes Unteroffiziersleben brauchte, weiter von dem alten Herrn.

Durch einen meiner Bekannten, der in unserer Garnison zur Übung eingezogen war, veränderte sich unser bisheriges Leben ziemlich plötzlich. Unter den neuangekommenen Reservisten waren einige Unteroffiziere; einer von ihnen war mein Schulkamerad gewesen. Sein Vater war ein großer Pferdehändler in Paris, und der junge Mann, der sich gern amüsierte, beabsichtigte, die Wochen, die er hier verbringen mußte, so vergnügt wie möglich zu gestalten. Er hatte sich im besten Hotel ein Zimmer genommen, und alle Abend lud er fünf oder sechs von uns zu sich ein. Es wurde getrunken und Bakkarat gespielt. Noch andere junge Leute aus Paris zählten zu der Gesellschaft: der Sohn eines Maklers, ein Journalist, ein Kunsthändler ... Alle diese Herren hatten ein gut gefülltes Portemonnaie und waren ganz gehörige Spieler.

Mich hatte das Spiel immer abgestoßen, und ich hielt mich ein wenig zurück. Von Zeit zu Zeit wagte ich fünf Frank, die ich verlor, und dann hatte ich fürchterliche Gewissensbisse. Doch der unglückliche Larcier war im Gegensatz zu mir ein leidenschaftlicher Spieler. Eines Abends verlor er über fünfhundert Frank. Da er schon einen kleinen Vorschuß bei seinem Verwandten genommen hatte, wagte er diesen nicht mehr um Geld zu bitten, von seiner Mutter wollte er sich auch nichts leihen. Glücklicherweise konnte ich ihm das Geld geben. Meine Eltern, die in Chalon-sur-Saône wohnten, schickten mir die Summe durch Postanweisung.

Die Geschichte wurde in häßlicher Weise von einem aktiven Unteroffizier weiter verbreitet, der sie von einem Reservisten erfahren hatte. Hauptmann von Halban, der unsere Eskadron kommandierte, ließ Larcier zu sich kommen und machte ihn gehörig herunter, zur heimlichen Genugtuung des Feldwebels Audibert, der Larcier besonders übel wollte. Larcier nahm sich diese Strafpredigt, gegen die er sich innerlich auflehnte, sehr zu Herzen. Sonst war er eine friedliche Natur. Aber anscheinend hatte ihn der Spielverlust verbittert. Er sprach in sehr gereiztem Ton von dem Hauptmann und regte sich zum ersten Male über das Benehmen der Unteroffiziere auf, das ihn bis jetzt so gleichgültig gelassen hatte.

Schließlich sagte er sich: Ich werde diese Lehre mit fünfhundert Frank bezahlen und nicht mehr spielen. Ich werde jetzt Schluß machen, und es hat mich nicht Kopf und Kragen gekostet!

Abends schlenderten wir durch die Straßen der Stadt. Da ich Larcier nicht den Vorschlag machte, wieder das Hotel aufzusuchen, in dem mein Pariser Freund wohnte, versuchte er schließlich folgende Ausrede:

»Es macht vielleicht einen schlechten Eindruck, nicht wieder hinzugehen, weil ich verloren habe.«

Aus Schwäche gab ich nach. Wir betraten das Zimmer der Reservisten. Sie saßen schon beim Bakkarat. Larcier setzte eine gleichgültige Miene auf, als er zusah.

Man fragte ihn, weshalb er nicht spiele. Mit einer etwas gezwungenen Offenheit erwiderte er, daß er schon zuviel verloren habe und nicht die Mittel besäße, mitzuspielen.

»Übrigens«, fügte er hinzu, »habe ich gar kein Geld bei mir. Selbst wenn ich nicht sehr viel verliere, vielleicht tausend oder zweitausend Frank, könnte ich die Schuld auch nicht in vierundzwanzig Stunden begleichen, denn ich brauchte länger als einen Tag, um das Geld von meinem alten Verwandten zu bekommen ... Aber«, fügte er in nicht sehr überzeugtem Ton hinzu, »es ist besser, daß ich mir keine solchen Sorgen aufbürde.«

Man redete ihm zu.

»Sie brauchen doch nicht sofort zu bezahlen, wir sind ja vier Wochen hier, von denen erst eine Woche um ist ... Wir werden uns noch oft genug sehen.«

Er nahm mich beiseite und sagte zu mir:

»Hör' mal, Ferrat! Ich will nur spielen, um die fünfhundert Frank zurückzugewinnen, die du mir geliehen hast ...«

»Larcier, alter Bursche, ich flehe dich an. Ich brauche die fünfhundert Frank nicht. Du kannst sie mir in einem Jahr, in zwei Jahren wiedergeben ... ich will nicht, daß du meinetwegen wieder zu spielen anfängst. Du wirst nur noch mehr verlieren ...«

»Keine Idee, gestern abend hatte ich unerhörtes Pech, aber das wird sich ändern ... Das ist gar nicht anders möglich ... Heute habe ich meinen guten Tag, ich fühle, daß ich Glück haben werde ... ich habe die Ahnung, daß ich so viel gewinnen werde, wie ich will ...«

Es blieb nichts anderes übrig, als ihn gewähren zu lassen ... es war nichts dagegen zu machen ... Der Spielteufel hatte sich seiner wieder bemächtigt, Larcier war keiner Warnung mehr zugänglich.

Er setzte sich an den Spieltisch, und als wir um drei Uhr morgens in die Kaserne zurückkehrten, hatte er fast fünftausend Frank verloren.

Schweigend gingen wir auf dem Kasernenhof umher, er konnte sich nicht entschließen, sein Zimmer aufzusuchen.

»Du kannst dir doch denken,« sagte er, »daß ich keinen Gebrauch von der Frist machen werde, die mir diese Leute da bewilligt haben, um so mehr, als nachdem wir aufgehört hatten zu spielen, sie nicht wiederholt haben, was sie vor dem Spiel sagten: nämlich, daß ich Zeit hätte, ihnen zu bezahlen, daß wir Kameraden wären ... Es sind ja keine schlechten Kerle,« fügte er hinzu, »aber ich fühle recht gut, daß, als sie mir sagten, ich brauchte mich nicht mit der Zahlung zu beeilen, sie doch nicht lange auf ihr Geld warten wollen ... das habe ich herausgefühlt ...«

Ich war derselben Ansicht. Als wir uns von den anderen verabschiedeten, hatte ich erwartet, daß einer der Gewinner dem unglücklichen Larcier ein paar freundliche Worte sagen würde, aber sie schienen alle den Mund nicht aufmachen zu können.

Um meinen Freund nicht noch mehr aufzuregen, verbarg ich ihm meinen Eindruck und sagte im Gegenteil, daß es mir vorgekommen sei, sie hätten alle den Wunsch gehabt, ihm keinerlei Unannehmlichkeiten zu bereiten ...

»Nein, nein,« wiederholte er, »ich kann sie nicht warten lassen. Es ist vier Uhr. Ich will versuchen, noch einige Stunden zu schlafen, dann fahre ich noch heute zu dem Alten nach Toul. Er muß mir eben Geld geben. Die Hauptsache für mich ist, daß Mama nichts erfährt. Das würde ihr zu großen Kummer bereiten ...«

»Du willst also um Urlaub bitten, um nach Toul zu fahren?«

»Nein, das will ich nicht tun. Ich müßte dann dem Hauptmann Erklärungen geben, ihm sagen, weshalb ich dorthin will, und ihm beichten. Nach dem Verweis neulich will ich das nicht ... Und dann habe ich keine Lust, einen Schwindel zu erfinden ...«

Ich erkannte ihn gar nicht mehr wieder. Er sprach wie verstört. Das Spiel hatte ihn vollständig verändert. Bis jetzt war er in Disziplinfragen peinlich korrekt gewesen. Ohne daß er es ahnte, war das Kampflustige, das bisher in ihm geschlummert hatte, plötzlich erwacht ... Das zeigte sich sogar in seiner Art, zu sprechen. Er war entschlossener ... eigensinniger ...

Wie schmerzlich ist es, einen Mann, mit dem man befreundet ist, den man gut zu kennen glaubt, sich so unerwartet verändern zu sehen. Wir fühlen uns in unseren Gedanken, unseren Empfindungen abgestoßen ...

Um drei Uhr nachmittags begleitete ich ihn nach dem Bahnhof; morgens hatte eine Musterung stattgefunden, und er hatte die Kaserne nicht verlassen können. So würde er zum Abendessen in Toul ankommen. Wenn der diensttuende Offizier entgegenkommend war, so brauchte er erst am nächsten Tage um elf Uhr vormittags zurückzukehren, um die Pferde zu besorgen. Bis dahin würde sicher niemand nach ihm fragen. Suchte der diensttuende Offizier ihn abends oder morgen früh zum Striegeln, so würde man schon irgendeine Ausrede für seine Abwesenheit finden: daß ihm nicht gut gewesen sei und er sich auf sein Zimmer zurückgezogen habe ... Wenn ein Unteroffizier eine solche Entschuldigung vorbringt, fügt man ihm nicht die Beleidigung zu, seine Worte zu bezweifeln und von ihm zu verlangen, daß er zum Stabsarzt geht.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.