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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 16
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
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XV

Sprachlos starrten wir Galoin an, der uns folgendes erzählte:

»Als ich nach Toul kam, begab ich mich sogleich an die Stätte des Verbrechens und ließ durch Leute aus der Nachbarschaft den Polizeikommissar holen, dem ich sagte, daß ich vom Sicherheitsdienst geschickt worden sei. Der Kommissar kam ziemlich schnell, und zusammen durchsuchten wir das Haus. Dabei entdeckte ich auf dem Boden die Papiere, von denen ich Ihnen erzählt habe. Ich legte ihnen noch keine große Wichtigkeit bei und wußte noch nicht, welchen Wert sie hatten, als ich Larciers Kleidungsstücke prüfte. Diese waren mit anderen Überführungsbeweisen beim Gericht deponiert worden, und es machte ziemlich viel Schwierigkeiten, die Erlaubnis vom Untersuchungsrichter zu erhalten, um die Kleidungsstücke oder vielmehr die Stücke dieser Kleidung genau prüfen zu dürfen – denn ich muß hier von einem interessanten Umstand berichten, den die Zeitungen nicht erwähnt haben, nämlich daß der Waffenrock in Stücke geschnitten war. Ich untersuchte die Tuchstücke, die stellenweise am Futter festklebten, und ich war von einer Einzelheit betroffen, die, glaube ich, dem Scharfblick des Untersuchungsrichters entgangen war: die Kleider waren gut gewaschen worden, aber besonders die Innenseite – das graue Satinfutter. Keine Spur von Blut war noch sichtbar, doch sah ich auf dem Umriß des Fleckes, den die Feuchtigkeit zurückgelassen hatte, einen leichten bräunlichen Rand. Ich überlegte also, daß das Futter des Waffenrockes blutig gewesen war ...

Wie hatte es der Mörder fertiggebracht, die Blutflecke auf der Innenseite seines Rockes zu haben?

Ich reimte mir diese Tatsache mit dem Verschwinden des Leichnams zusammen, dann begab ich mich schleunigst ins Hotel, wo ich einen Teil der auf dem Boden entdeckten Papiere prüfte.

In diesen Papieren fand ich die Namen einiger Leute, mit denen Bonnel korrespondierte, und darunter auch Hilbert, den ich nun endlich gefaßt habe.

Unter den Adressen waren ebenfalls einige Pariser Bankhäuser angegeben.

Ich benutzte den Nachtzug, um frühmorgens in Paris zu sein, denn wir wollten um vier Uhr nach London reisen. Wäre meine Untersuchung damals nicht schon so weit vorgeschritten gewesen, so hätte ich Sie gebeten, die Reise aufzuschieben, weil meine Anwesenheit in Paris notwendig gewesen wäre.

Doch durch einige Besuche, die ich machte, ehe ich mich mit Ihnen am Nordbahnhof traf, hatte ich einen Einblick in Bonnels Leben bekommen.

Dem Richter in Toul hatte ich nichts von meinen Feststellungen gesagt, denn dieser verfolgte seine Idee, und man soll Leuten nicht widersprechen ... aber meine Überzeugung stand fest.

Nach Ihren Erzählungen war ich sicher, daß Larcier zu seinem Onkel gegangen war, um eine Abrechnung von ihm zu verlangen, und meine Nachforschungen hatten mir bewiesen, daß der alte Bonnel kurz vor dem Bankrott stand ... Ich hatte sein Leben während der letzten Jahre genau verfolgen können ... Was solche Schufte wie Bonnel ins Verderben stürzt, ist, daß sie nicht vollkommen skrupellos sind; Nachlässigkeit, Unvorsichtigkeit und zuweilen auch Pech bringt sie mehr als Gemeinheit zum Fall.

Vor sechzehn bahren war der alte Bonnel zum erstenmal durch einen Freund zu einem Börsengeschäft verleitet worden, das sehr schlecht ablief. Er verlor an jenem Tage fünfzigtausend Frank – diese Summe war ein Teil des Vermögens der minderjährigen Geschwister Larcier –, jedoch hoffte er, das Geld durch eine glückliche Spekulation wieder beschaffen zu können. Hartnäckig versuchte er sechzehn Jahre lang, das Verlorene zurückzugewinnen, nicht mit andauerndem Pech, denn sonst hätte er vielleicht das Spekulieren aufgegeben, sondern abwechselnd mit Glück und Unglück. Jedoch selbst in seinen günstigsten Zeiten gelang es ihm nicht, die veruntreute Summe auch nur annähernd zurückzubekommen, so daß er nicht aufzuhören wagte und immer wieder versuchte, das noch fehlende Geld herbeizuschaffen.

Nach zwölf Jahren des Kampfes war das Kapital der Kinder Larcier vollständig verbraucht. Seit vier Jahren lieh Bonnel sich Geld, um Frau Larcier und ihren Kindern die Zinsen schicken zu können; die sie zum Leben brauchten.

Von jetzt an ließ sich der alte Bonnel auf alle möglichen Geldgeschäfte ein. Es gelang ihm, einige Leute zu finden, die ihm ihr Geld anvertrauten, mit dem er angeblich spekulierte und auch angeblich Dividenden von fünfzehn bis achtzehn Prozent gab. Selbstverständlich nahm er das Kapital seiner Kunden, um Rückstände zu bezahlen, darunter auch die verspäteten Zinsen, die er Frau Larcier schuldete.

Eine ganze Menge Geld floß ihm auf diese Weise zu, und er hätte sich durch solche Schwindeleien noch vielleicht zehn Jahre halten können. Doch spekulierte er weiter in der Hoffnung, alles zurückzahlen zu können. Er konnte sich nicht damit abfinden, sich selbst als Schurken zu betrachten. So spielte er immer weiter und hoffte, daß er durch irgendein Bombengeschäft eines Tages mit einem einzigen Schlage aus seiner Verlegenheit herauskommen und seinen Verpflichtungen ehrenhaft nachkommen könnte.

Seit sechs Monaten hielt er die Mutter Larciers mit Versprechungen hin, um das Zahlen der Zinsen hinauszuschieben.

Als Larcier an jenem Abend seinen Vormund aufsuchte, musste er dreimal klingeln, bevor ihm geöffnet wurde. Dann machte der Greis selbst auf. Als er sein Mündel sah, fuhr er zurück. Er stotterte einige erklärende Worte, daß er ohne Dienstboten sei. Wahr ist, daß sein einziges Dienstmädchen ihn vor vierzehn Tagen verlassen und er als Ersatz eine Bedienungsfrau genommen hatte, die nur morgens kam.

Der alte Bonnel bereitete sich selbst sein Abendbrot: Eier und Aufschnitt. Die Nachbarn wußten, daß er sehr einfach lebte, aber sie schrieben diese Einfachheit einer übertriebenen Sparsamkeit zu. Sein Ruf, ein Geizhals zu sein, verstärkte den Glauben der Leute an ihn, die ihm ihr Geld anvertraut hatten.

Bonnel führte Larcier ins Eßzimmer, und erst eine Weile nachher fragte er, ob sein Gast schon Abendbrot gegessen hätte.

Larcier suchte nach Worten, denn er war völlig von dem Gedanken in Anspruch genommen, daß er um Geld bitten müsse. Er ahnte nicht, daß sein alter Vormund noch fassungsloser war als er selber.

Er nahm die Einladung zum Abendbrot an ...

Man kann den Augenblick nicht genau feststellen, in dem Larcier mit dem Greis von seinen Vormundschaftsabrechnungen sprach. Es ist anzunehmen, daß es nach dem Abendessen geschehen ist. Der andere muß wohl durch diese Mahnung gänzlich außer Fassung geraten sein. Er ging mit seinem Mündel in sein Arbeitszimmer, das in der oberen Etage lag.

Zweifellos ist das nach sehr kurzer und schneller Überlegung geschehen ... Meiner Meinung nach muß man den Gedanken des Vorbedachts annehmen, denn Bonnel mußte sich klar geworden sein, welche Vorteile das Verschwinden Larciers und sein eigenes ihm bringen würden. Wenn er Larcier tötete, so entledigte er sich eines lästigen Gläubigers; tötete er sich anscheinend selber, so entledigte er sich aller seiner Gläubiger. Nahm er nun noch sämtliche Papiere mit, so verschwanden die Beweise seiner Betrügereien ...

Meiner Meinung nach ist es sicher, daß Larcier in dem Arbeitszimmer seines Vormunds getötet wurde, während er sich an den Tisch setzte und darauf wartete, daß der Greis in seinem Sessel Platz nahm und vor ihm die Papiere ausbreitete, die er aus seinem Schreibtisch geholt hatte. Der Schreibtisch stand hinter Larcier ... Ich war in dem Bureau Bonnels. Die Stühle waren nicht mehr auf demselben Platz wie im Augenblick des Verbrechens, aber ich glaube, die Szene hat sich folgendermaßen abgespielt: Larcier hatte Bonnel gegenüber Platz genommen, also an der anderen Seite des Schreibtisches, zwischen Tisch und Schreibtisch, und Bonnel hatte aus seiner Schreibtischschublade, die er geöffnet hatte, eine Waffe, ein Messer genommen. Er stand so hinter Larcier, die Gelegenheit bot sich ihm, und er hat dem jungen Mann einen Messerstich in den Rücken versetzt, der seinen sofortigen Tod herbeiführen mußte. Der Waffenrock war links im Rücken durchbohrt. Aber das mit dem Messer gemachte Loch hätte einen erdrückenden Beweis gegen Bonnel geliefert. So hat er mit einer Schere den Stoff des Waffenrocks vollständig zerschnitten, was den Untersuchungsrichter zu der Vermutung führte, der Mörder hätte zuerst die Absicht gehabt, die kompromittierende Jacke zu verbrennen und wahrscheinlich nur deshalb darauf verzichtet, weil es ihm zu lange gedauert hätte. Der Richter hat die Stücke des Waffenrocks wieder zusammensetzen, aber nicht nachmessen lassen. Sonst hätte er feststellen müssen, daß die rechte Seite schmaler als die linke war, weil das Messer ein richtiges Loch in den Stoff gebohrt hatte, und um diesen belastenden Beweis zu beseitigen, hatte der Mörder einen schmalen Streifen herausgeschnitten. Wahrscheinlich hat er diesen mitgenommen, um ihn wegzuwerfen oder um ihn zu verbrennen. Er hat wohl das erstere getan, denn ich habe im Kamin keine Spur Asche gefunden.

Was Bonnel mit Larciers Leiche gemacht hat, wissen wir nicht, und nur Bonnel allein, wenn wir ihn gefasst haben werden, kann uns Ausschluss darüber geben. Die Untersuchung ist in dieser Beziehung nur sehr oberflächlich gewesen. Man hat einfach im Garten nach der Leiche gesucht und auf einem Bonnel gehörigen Stück Land, das zwei Kilometer von seinem Haus entfernt liegt. Würde man sich die Mühe nehmen, die Gegend ringsherum abzusuchen, so würde man vielleicht die Leiche finden, entweder in dem Fluß oder in einem der vielen Entwässerungsgräben jener Gegend. Aber über alle diese Einzelheiten wird man natürlich aufgeklärt werden, sobald Bonnel verhaftet ist.

Das Verbrechen muß abends ziemlich früh begangen worden sein. Da der Mörder erst den Zug um vier Uhr dreißig morgens auf dem kleinen Bahnhof nahe bei Toul benutzt hat, so blieben ihm noch vier oder fünf Stunden, um jene falsche Fährte herzustellen und die Leiche zu beseitigen. Man darf nicht vergessen, daß Bonnel, nachdem er Larcier getötet hatte, seine Taschen durchsuchte und die Vollmacht fand, die Frau Chéron dem Ermordeten gegeben hatte. Es war sehr unvorsichtig, dieses Geld abzuheben, aber vermutlich hatte der Mörder keine andere Hilfsquelle und setzte sich lieber dieser Gefahr aus, als daß er hungerte. So hatte er sich denn selber eine falsche Vollmacht auf den Namen Marteau ausgeschrieben, denn Marteau und Bonnel sind natürlich ein und dieselbe Person.

Es schien mir sehr merkwürdig, daß der Mörder, um das Geld abzuheben, sich einen Komplicen gesucht hatte. Das war der erste Umstand, der mir auffiel: Es war sicher, daß der Mörder Geld brauchte, ebenso sicher war es, daß, wenn Larcier der Mörder gewesen wäre, er es nicht gewagt hätte, so offen zu einem Pariser Sachwalter zu gehen, denn er mußte sich sagen, daß der Mord schon bekannt war ...

Deshalb war ich auch davon überzeugt, daß, wenn man Marteau wiederfinden würde, auch Bonnel wiedergefunden sein würde ... Wir haben ihn übrigens auch schon ... Gestern habe ich endlich Hilbert entdeckt, er wohnt ein paar Schritte von hier am Soho-Square. Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen, er hat einen recht üblen Ruf. Es ist sehr möglich, daß Bonnel sich ihm anvertraut hat, weil er ihn für noch schwebende Geschäfte braucht.

Es war gefährlich, zu Hilbert zu gehen, um von ihm die Auskunft, die er mir zweifellos nicht gegeben hätte, einzuholen. Das beste war, Hilbert zu beobachten oder in der Nähe seiner Tür zu warten, um zu sehen, ob Bonnel ihn aufsuchen würde.

Sobald ich also Hilberts Adresse von dem Tabakshändler erfahren hatte, stand ich morgens schon um zehn Uhr Posten vor seiner Tür. Gegen halb zwölf sah ich ihn aus dem Hause gehen. Ich folgte ihm und sah, wie er auf dem Waterloobahnhof in den Zug nach Claremond stieg. Auf dem Claremonder Bahnhof erwartete ihn ein älterer Mann, in dem ich Bonnel erkannte.

Sie gingen in ein Haus des Dorfes, und ich habe keine Ahnung, was sie dort für Pläne schmiedeten. Vor einem in der Nähe liegenden Gasthaus wartete ich auf sie. Sie benutzten nachher den Zug, um nach London zurückzufahren. Ich folgte ihnen natürlich und mußte sehr vorsichtig sein, um nicht von ihnen bemerkt zu werden. Es war darum so schwierig, weil ich mir keine ihrer Bewegungen entgehen lassen wollte.

Ich hatte eine Depesche nach Paris geschickt, um einen Haftbefehl zu erwirken. Später telephonierte ich in das Hotel, um zu erfahren, ob dieser Haftbefehl eingetroffen sei. Da ich die englische Polizei schon benachrichtigt hatte, fand ich bei meiner Ankunft in Waterloostreet einen Detektiv, der sich zu mir gesellte, und der Hilbert nun folgt. Jetzt sind Hilbert und Bonnel in Hilberts kleinem Hause am Soho-Square. Ich weiß nicht, was sie da anzetteln werden, aber mein hiesiger Kollege ist der Meinung, daß Bonnel London und sogar England schon morgen verlassen wird. Es ist also keine Zeit mehr zu verlieren ...«

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