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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 13
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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XII

Das saubere und wohlgepflegte Gesicht Herrn Galoins hatte nichts Anmaßendes.

Als er mich sah, sagte er ganz einfach:

»Ich bin der Inspektor beim Sicherheitsdienst, ich hörte, Sie wollten mich sprechen.«

Er zog nicht wichtig ein Notizbuch aus der Tasche, um sich Anmerkungen zu machen, sondern bat nur, ihm alles zu erzählen, was ich von dem Touler Verbrechen und von Marteau wußte.

Von Zeit zu Zeit schüttelte er den Kopf, nicht mit der Würde eines Papstes, sondern mit der Befriedigung eines Mannes, der eine für seine Untersuchung wichtige Einzelheit vermerkt.

Ich glaube, daß er seinen Beruf liebte, und es schien etwas ganz Selbstverständliches, daß er mit Leib und Seele dabei war. Er fragte mich, ob ich die Absicht hätte, nach London zu gehen, und sagte mir, daß er es nicht für nötig erachtete und ich mir diese Unbequemlichkeit ersparen könnte.

Aber als er merkte, daß mir an dieser Reise viel lag, meinte er:

»Schließlich ist es mir ebenso recht, wenn Sie mitkommen. Ich konnte noch nicht alle Fragen an Sie richten, die Sie mir vielleicht beantworten könnten. Deshalb wird es mir sehr angenehm sein, Sie bei der Hand zu haben, damit ich, wenn es nötig ist, weitere Einzelheiten über Larcier und alles, was seinen Fall betrifft, von Ihnen erfahren kann. Man denkt nicht gleich an alles, was man wissen muß. Es fällt einem erst nach und nach ein.«

Herr Galoin gab mir diese Antwort nicht, um sein System besonders zu preisen. Er sagte es aus Höflichkeit, um nicht als verschlossen und geheimnisvoll zu gelten und um zu zeigen, wie seine Arbeitsmethode war. Nachher bemerkte ich aber doch, daß er nicht alles sagte, sondern eine Menge Vermutungen verschwieg. Er hat mir dann später erklärt, weshalb er sich nicht immer über seine Mutmaßungen äußerte: nämlich weil er fürchtete, daß die Mißbilligung oder die Ungläubigkeit seines Zuhörers ihn irreführen könnte.

»Man spricht Dinge vor jemand aus,« sagte er, »man hat eine Idee, und die Person, der man sie anvertraut, scheint nicht derselben Ansicht zu sein. Man fragt sich dann nicht, hat diese Person auch überlegt, bevor sie ihre Mißbilligung ausdrückte, sondern man wird unwillkürlich durch ihre Haltung beeinflußt, und gibt dadurch zuweilen sogar seine Idee auf. Das ist natürlich nicht richtig.«

Ich fragte Herrn Galoin, wann wir nach London fahren würden, aber es war ihm unmöglich, vor dem übernächsten Tage um vier Uhr abzureisen.

War es nicht sehr unklug, Marteau einen zu großen Vorsprung zu geben? Herr Galoin antwortete mir, daß er sich darüber keine Sorgen machte. Diese Sicherheit flößte mir um so mehr Vertrauen ein, als er sonst die Dinge nicht so bestimmt auszusprechen pflegte.

So trafen wir uns denn am übernächsten Tage um vier Uhr im Zug nach Boulogne.

Blanche und ich freuten uns sehr, mit einem Detektiv reisen zu können. Mit jener reizenden Indiskretion der Frauen, die man so leicht entschuldigt, stellte sie ihm Fragen über sein Leben.

Herr Galoin erzählte ganz offen, daß er Verwalter in einem Gÿmnasiumsinternat gewesen sei und dort Unannehmlichkeiten gehabt hatte ... Er konnte eine Summe, die er der Kasse entnommen, nicht zur Zeit zurückerstatten. Bekannte hatten die Angelegenheit zu ordnen. Er hatte seine Stellung als Verwalter verloren, aber denselben Freunden verdankte er, daß er zuweilen beim Sicherheitsdienst gegen Bezahlung arbeiten konnte.

Vier Jahre übte er diesen neuen Beruf aus, in dem er schon einige sehr wichtige Dienste geleistet hatte. Eine Fälscherbande war von ihm entdeckt worden, und in der sehr verwirrten Buchführung einer großen Firma hatte er Klarheit geschaffen.

Ich fragte ihn, ob es beim Sicherheitsdienst wirklich außergewöhnliche Detektive gäbe.

Er erwiderte mir, daß sich intelligente Leute darunter befänden, die ein wenig zu sehr von sich eingenommen wären und zweifellos nicht alle die scharfsinnigen Eigenschaften besäßen, die sie zu haben glaubten. Aber trotzdem hatten sie eine hervorragende Fähigkeit, die Leute zum »Sprechen« zu bringen.

»Anfangs fehlte mir diese Gabe in meinem neuen Beruf«, sagte Herr Galoin. »Ich wagte nicht, mit den Leuten zu reden, ich fürchtete immer, indiskret zu sein, wenn ich sie ausfragte ... Dann habe ich mich daran gewöhnt. Schließlich habe ich mir jetzt angeeignet, die Fragen so zu stellen, daß die Leute, die ich ausfrage, mir gern Antwort geben. Das lernt man durch die Gewohnheit.«

Blanche drückte ihre Verwunderung aus, daß er einen Vollbart trug. Wie sie meinte, ließe sich dadurch weniger leicht eine Veränderung im Aussehen vornehmen.

»Dazu habe ich bisher selten Gelegenheit gehabt«, erwiderte Herr Galoin. »Bis jetzt hatte ich noch keine Aufträge, die mich zwangen, meine Eigenschaft als Kriminalbeamter zu verbergen, ich verstehe es auch nicht, mich zu verkleiden, und man würde es mir bald anmerken. Ich habe immer einen Bart getragen. Mein Gesicht fällt weiter nicht auf, ich möchte sogar sagen, es ist banal, wenigstens glaube ich kein Spitzelgesicht zu haben.«

Wir drei waren allein in unserem Abteil. Der Zug fuhr mit großer Schnelligkeit den Abhang von Chantilly herunter. Herr Galoin hatte seinen steifen Hut abgenommen und mit einer Mütze vertauscht. Um seine Zeitung zu lesen, hatte er sich in eine Ecke gesetzt. Blanche und ich sahen von unseren Plätzen aus den Beamten neugierig an.

Blanche fragte ihn geradezu:

»Sind Sie verheiratet, Herr Galoin?«

Er legte die Zeitung beiseite, lächelte ein wenig über die Indiskretion meiner Freundin und sagte dann:

»Nein, gnädige Frau.«

Blanche fühlte sehr gut die Bedeutung dieses Lächelns und errötete, aber sie tat, als ob sie es nicht merkte.

»Um so reisen zu können, ist es auch bequemer, frei zu sein«, meinte sie.

Dann stockte die Unterhaltung.

Herr Galoin begann wieder zu lesen, aber er schien zerstreut zu sein, denn er legte plötzlich die Zeitung hin und stellte mir über den Fall, der uns beschäftigte, einige Fragen. Die Tatsache, daß die Leiche nicht wiedergefunden worden war, interessierte ihn augenscheinlich sehr. Er erkundigte sich auch eingehend über Larciers Uniform, die man im Garten gefunden hatte. Dann griff er von neuem nach der Zeitung.

»Warum stellen Sie diese Fragen?« rief Blanche, die wirklich von einer ein wenig störenden Indiskretion war.

»Um Bescheid zu wissen«, erklärte Herr Galoin kurz und lächelte, um die Trockenheit seiner Antwort zu mildern.

»Ich frage mich,« sagte ich zu ihm, »weshalb Larcier, der nicht Englisch konnte, nach London und nicht nach Belgien gegangen ist. Macht Sie das nicht stutzig?«

»Nein«, sagte Herr Galoin. »Ich denke in diesem Augenblick nicht an Larcier, ich will Marteau wiederfinden. Man muß nicht zwei Dinge auf einmal machen wollen.«

»Dürfte ich Ihnen einige Fragen stellen?«

»Aber bitte sehr, bitte sehr!« erwiderte er. »Das stört mich in keiner Weise. Mein Beruf ist es ja, zu fragen, und es wäre sehr merkwürdig, wenn ich mit meinen Antworten zögern würde, da gäbe ich ja ein schlechtes Beispiel.«

»Nun, ich möchte wissen, ob Sie irgendeinen Anhaltspunkt haben, um diesen Marteau in London wiederzufinden? Das scheint mir schrecklich schwierig. Ich weiß wohl, daß es Hotels gibt, die vorzugsweise von Franzosen aufgesucht werden, aber wenn dieser Marteau Englisch kann, was sehr wahrscheinlich ist, und er auf Anordnung Larciers den Nachforschungen entgehen will, so ist er bestimmt in einem rein englischen Hotel abgestiegen, in dem gewöhnlich keine Franzosen verkehren und für das sich die französische Polizei nicht besonders interessiert ...«

»Halten Sie es denn für absolut sicher, daß Marteau in England ist?«

»Das werden wir sehen«, erwiderte Herr Galoin ausweichend.

Er schien einige Fingerzeige zu haben, denn wenn dem nicht so gewesen war, so würde er es mir mitteilen. Allmählich fing ich an, ihn kennenzulernen. Ich sagte mir, daß er wohl in diesem Moment einen neuen Einfall überlegte, den er nicht aussprechen wollte, damit der Glaube an diese Idee nicht von mir erschüttert werde.

Wir hörten auf, von dem Fall Larcier zu sprechen. Ich setzte mich neben Blanche, und wir unterhielten uns vertraulich ganz leise. Von Zeit zu Zeit warfen wir Herrn Galoin einen verstohlenen Blick zu. Wir fühlten uns beide geniert. Es lag etwas Unausgesprochenes zwischen uns, und solange wir allein gewesen waren, hatte es uns nicht gestört. Aber jetzt, seitdem das prüfende Auge Herrn Galoins auf unserer Freundschaft ruhte, waren wir befangen.

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