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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 11
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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Herr Moriceau suchte in seinen Papieren und sagte sodann:

»Ein Herr Marteau war bei mir, der mir diese Vollmacht vorlegte, die Sie selbst für Herrn Larcier ausgestellt hatten, gnädige Frau. So habe ich ihm denn die dreitausendfünfhundert Frank ausbezahlt.«

Anscheinend wußte Herr Moriceau von dem in Toul begangenen Verbrechen nichts. Er hatte vielleicht in den Zeitungen davon gelesen, aber der Name Larcier war ihm nicht aufgefallen, und er hatte keine Ahnung, daß er das Geld einem Mörder gegeben hatte.

Ich bat ihn, mir die Vollmacht, die er behalten hatte, zu zeigen. Ich prüfte die Unterschrift Larciers, sie war mit fester Hand geschrieben.

Unter Entschuldigungen verabschiedeten wir uns von Herrn Moriceau. Wir schlenderten durch die Straßen und überlegten das, was wir soeben gehört hatten.

Jedenfalls hatten wir etwas Neues erfahren: Larcier war bestimmt durch Paris gekommen. Er hatte hier die Hilfe eines Mannes namens Marteau in Anspruch genommen, und vielleicht konnte man diesen auffinden.

Aber in welchem Hotel war Larcier abgestiegen? Ich war so aufgeregt gewesen, daß ich vergessen hatte, Herrn Moriceau zu fragen, ob er es zufällig wußte.

So bat ich also Blanche, auf mich zu warten, und ging noch einmal zu dem Sachwalter hinauf. Ich traf ihn gerade, als er im Begriff war auszugehen. Er trug einen sehr gut gebürsteten Zylinderhut und fast saubere weiße Handschuhe.

Als Marteau gekommen war, um im Auftrage Larciers das Geld zu holen, hatte Herr Moriceau gesehen, daß er eine so große Summe nicht im Hause hatte. So schlug er Marteau vor, ihm das Geld ins Hotel zu schicken.

Marteau hatte erst gezögert. Er sagte, daß Herr Larcier Paris sofort wieder verlassen wollte ... Dann auf wiederholtes Fragen Moriceaus gab er endlich das Hotel an. Es war Hotel Savarin in der Rue Saint-Denis ... Eine Stunde nach jener Unterhaltung hatte Herr Moriceau sein Dienstmädchen mit dem Geld ins Hotel geschickt, sie hatte Marteau gesprochen, der ihr auch die Quittung übergeben hatte.

Ich bat Herrn Moriceau, mir Marteau zu beschreiben. Er sagte, es sei ein älterer Mann gewesen, der Typus jener alten, knurrigen Sachwalter, die sich mit dem Eintreiben von Schulden beschäftigen. Herr Moriceau kannte ihn nicht, aber man konnte seine Spur leicht wiederfinden.

Nachdem ich alle diese Auskünfte erhalten hatte, ging ich zu Blanche zurück. Voll Genugtuung sagten wir uns, daß wir nun auf der richtigen Fährte waren. Wir waren froh, uns der Wahrheit zu nähern und auch einen guten Vorwand gefunden zu haben, um zusammen in Paris zu bleiben.

Sofort begaben wir uns in das Hotel Savarin. Es war ein kleines Hotel mit einer schmalen Fassade, wie man sie so viel in den Straßen des Zentrums sieht. Das Bureau, das an einen kleinen Salon stieß, befand sich im Erdgeschoß, links im Flur, hinter der Haustür.

Ich war auf den Gedanken gekommen, mir in diesem Hotel ein Zimmer zu nehmen, um dort bleiben zu können, denn so würde es leichter für mich sein, die Leute des Hauses auszuhorchen.

So nahm ich denn ein Zimmer im zweiten Stock. Blanche und ich verabredeten, daß sie ins Hotel nach der Rue Vivienne, in dem sie gut und sicher aufgehoben war, zurückkehren sollte. Wenn es erforderlich war, würde ich im Hotel Savarin schlafen.

Ich setzte mich in den Salon des Hotels und tat sehr erschöpft, um einen Vorwand zu haben, dort einige Minuten bleiben zu können, um eine Unterhaltung mit einem weißbärtigen, leicht gelähmten alten Herrn anzuknüpfen, dem Vater der Hotelbesitzerin.

Blanche saß neben mir, und um diesen Mann mit den gesträubten Augenbrauen freundlich zu stimmen, hörten wir geduldig seine ganze Unterhaltung an. Er schien sehr darüber bekümmert, daß an der Straßenecke das Pflaster aufgerissen wurde, und meinte, es sei sehr ungesund, weil alle möglichen Fieber aus der Erde aufsteigen würden. Er war wohl ein alter Querulant, der gern widersprach. Aber wenn man liebenswürdig auf seine Ideen einging, so wurde er ganz entgegenkommend. Wir tauschten unsere Ansichten über Politik aus, dann fragte ich harmlos:

»Hat bei Ihnen nicht ein gewisser Marteau gewohnt?«

»Ja, vor zwei oder drei Tagen. Er ist nicht lange geblieben. Er kam abends, und am nächsten Morgen, nachdem man ihm Geld gebracht hatte, reiste er wieder ab ... Wohin ist er eigentlich gefahren?«

Er stellte sich die Frage selbst und enthob mich so dieser Mühe. Gerade ging ein langer Hausdiener, finster dareinschauend, durch den Korridor. Der alte Herr rief:

»Adolf! Wohin ist Herr Marteau abgereist, wissen Sie es?«

»Als man sein Gepäck in das Auto brachte, hat er ›Lyoner Bahnhof‹ gesagt, aber als sie um die Straßenecke herum waren, rief er dem Chauffeur zu: ›Nordbahnhof!‹ Ich weiß es, weil der Chauffeur, der ihn fuhr, ein Bekannter von mir ist. Es ist der Mann von der Gemüsefrau in der Rue des Petits-Champs. Dieser Herr Marteau, wie Sie ihn nennen, hat mir gesagt, ich soll ihm ein Auto holen. Natürlich habe ich meinen Freund, der gerade vor dem Geschäft seiner Frau hielt, genommen.«

Wenn Adolf sprach, sah er nicht mehr so finster aus. Ich bat ihn, zu versuchen, jenen Chauffeur wiederzufinden. Ohne zu antworten, verschwand er plötzlich. Es war uns klar, daß er ihn dort suchen ging, wo sein Wagen immer stand.

Natürlich war es ein Fehler von Marteau gewesen, falls er seine Spur verbergen wollte, sich von einem Hotelhausdiener ein Auto holen zu lassen. Es geschieht doch sehr oft, daß diese Burschen einen befreundeten Chauffeur nehmen, der seinen Autostand in der Nähe hat oder vor einer benachbarten Kneipe hält.

Nach ganz kurzer Zeit sahen wir einen dicken Mann mit einer Pelerine aus blauem Tuch auftauchen. Es war der Mann der Gemüsefrau. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte er wohl vor der Tür der Kneipe, wo er stundenlang wartete. Die Fahne seines Zählers stellte er auf »besetzt«, damit er nicht zu fahren brauchte. Er drängte sich nicht nach Arbeit. Wahrscheinlich war er Chauffeur geworden, weil man doch einen Beruf haben muß und dieser ihm ehrenvoll schien.

Sehr gefällig gab er uns die Auskunft, daß er Marteau nach dem Nordbahnhof gefahren habe. Er wußte nicht genau, wohin dieser gereist sei, aber vielleicht, wenn man nach dem Bahnhof zurückkehren würde, fände man einen der Gepäckträger wieder, von dem man erfahren könnte, zu welchem Zug der recht schwere Handkoffer, den der Reisende bei sich hatte, gebracht worden war.

Er beschrieb uns Marteau: dieser sei ein ziemlich alter, großer und schlanker Herr gewesen.

Einen Augenblick kam mir der Gedanke, daß Marteau nicht existierte und Larcier sich eine Maske gemacht hatte. Aber ich verwarf diese romantische Idee sofort: um sich so herzurichten und am hellen, lichten Tage mit angemalten Runzeln umherzulaufen, fehlte meinem Freund die Erfahrung. Marteau war augenscheinlich ein Handlanger Larciers. Es war ganz gut möglich, daß Larcier schon ins Ausland entkommen war, vielleicht nach England, und Marteau, dem er in Paris begegnet war, beauftragt hatte, das Geld bei Herrn Moriceau abzuholen und sich dann mit ihm in London wieder zu treffen.

Auf welche Weise hatte Larcier diesen Marteau kennengelernt? Er hatte mir nie von ihm gesprochen, aber es war natürlich möglich, daß er in Paris Leute kannte, von denen er mir nicht erzählt hatte. Unsere Freundschaft bestand eigentlich erst seit meinem Eintritt ins Regiment. Selbst unter sehr guten Freunden, die sich alles erzählen, kommt es vor, daß sie manche ihrer Bekannten erst erwähnen, wenn der Zufall es herbeiführt.

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