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Der Fall Larcier

Tristan Bernard: Der Fall Larcier - Kapitel 10
Quellenangabe
authorTristan Bernard
titleDer Fall Larcier
publisherWeltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m. b. H.
yearo.J.
translatorN. Collin
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180205
projectidbfd96cef
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IX

Vor unserer Abreise aus Bar-le-Duc glaubte ich nichts unversucht lassen zu dürfen, um auf Larciers Spur zu kommen. Wir hatten keine anderen Anhaltspunkte als seine Personalbeschreibung und jene Fünffrankstücke, die er beim Wechseln des Hundertfrankscheines auf dem kleinen Bahnhof von der Schalterbeamtin herausbekommen hatte. Es schien mir wahrscheinlich, daß das raffinierte Schicksal gerade diese Geldstücke gewählt hatte, um mich auf die Spur des Schuldigen zu führen, und von neuem stellte ich Nachforschungen darüber an. Ich wandte mich noch an den Wirt des Bahnhofsbüfetts, ebenfalls befragte ich den Wirt und die Kellner des der Station gegenüberliegenden Gasthofes, um zu erfahren, ob Larcier, während er auf den anderen Zug wartete, dort nicht eingekehrt sei, um mit den verräterischen zehn Frank zu bezahlen.

Aber ich erfuhr nichts, was mir von Nutzen hätte sein können, und ich mußte es aufgeben, diese Spur weiter zu verfolgen. So blieb mir nichts anderes übrig, als nach Paris zu fahren und den Zufall walten zu lassen.

Von Zeit zu Zeit sagte ich zu Blanche: »Da heißt es geduldig mit Methode vorgehen.« Zwei Minuten lang überlegten wir oder glaubten vielmehr zu überlegen, und wir träumten ... Dann nahmen unsere Gedanken eine andere Richtung. Weder sie noch ich waren fähig, uns auf unseren Reisezweck zu konzentrieren: sie, weil es sie langweilte, ich, weil ich ohne Selbstvertrauen war. Die Verwicklungen des Lebens erschreckten mich, und ich war von dem Eindruck beherrscht, daß es mir nie gelingen würde, dieses Geheimnis aufzuklären.

Solange es ausgesehen hatte, daß wir durch unsere Nachforschungen ein bestimmtes Ziel erreichen würden, waren Blanche und ich unbefangen zusammen gewesen. Aber jetzt schien es uns, daß dieser Vorwand unseres Beisammenseins weniger stichhaltig wurde, denn unsere Hoffnung, Larciers Spur in Paris wiederzufinden, war wirklich recht gering.

Ich suchte in meinen Erinnerungen, ich bemühte mich, mir manche Unterhaltungen, die ich mit meinem Freund gehabt hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen. Hatte er mir nicht von einem Hotel erzählt, in dem er in Paris abzusteigen pflegte? ... Aber es war kaum anzunehmen, daß er in diesem Hotel, in dem er bekannt war, wohnen würde, doch schließlich mußte man auch diese Möglichkeit in Erwägung ziehen.

Frühzeitig reisten wir nach Paris ab, wir fuhren zweiter Klasse. Blanche hatte dazu geraten. Sie wollte absolut die Unkosten der Reise selber bezahlen. Ich weigerte mich, aber da sie darauf bestand, war ich gezwungen, ihren Anteil zu nehmen, denn eigentlich gehörten wir ja auch nicht zusammen. Wir reisten einfach gemeinschaftlich wie zwei Kameraden, und kein intimeres Band berechtigte mich, ihre Reisen und ihre Hotelrechnungen zu bezahlen.

»Aber«, wandte ich ein, »Sie werden doch gar nicht so viel Geld mitgenommen haben ...?«

Es ist merkwürdig, wie eine ganz zufällige Unterhaltung auf die gesuchte Spur führen kann. Diese einfache Frage erweckte eine Erinnerung in ihr, die für unsere Forschung sehr wichtig wurde.

So geht es einem oft: man sucht lange vergeblich einen verlorenen Gegenstand und findet ihn ganz zufällig, wenn man etwas anderes sucht.

Blanche hatte auf meine Frage geantwortet:

»Ich habe kein Geld, aber ich kann mir in Paris welches verschaffen.«

Sie schlug sich an die Stirn:

»Da fällt mir etwas ein: Ich habe bei einem Sachwalter in Paris dreitausendfünfhundert Frank stehen. Ich hatte Larcier eine Vollmacht gegeben, diese Summe abzuheben und sie mir mitzubringen. Denn Sie wissen, daß er beabsichtigte, einige Tage nach Paris zu fahren. Es wäre doch merkwürdig, wenn er zu diesem Sachwalter gegangen wäre, um das Geld zu holen. Ich weiß sehr wohl, daß es ihm nicht gehört, aber da die gerichtliche Verfolgung ihn ganz sicher aus dem Gleichgewicht gebracht hat, würde ich ihn vollkommen entschuldigen, sogar seine Handlung billigen. Man könnte es ihm nicht verdenken, wenn er jede Möglichkeit, sich Geld zu verschaffen, ergriffe. Er weiß, daß ich nichts gegen ihn unternehmen würde.«

Unser Mittagbrot hatten wir uns in einem Körbchen mitgenommen und aßen es unterwegs. Der Zug kam gegen zwei Uhr in Paris auf dem Ostbahnhof an.

Ich nahm Blanches Arm. Wie glücklich war ich, mit ihr durch jene Straßen zu schlendern, in denen ich aufgewachsen war. Sie lagen um den Ostbahnhof herum, die Rue de Chabrot, die Rue d'Hauteville, das ganze Viertel machte einen sauberen, ein wenig strengen Eindruck, der durch die vielen Geschäftshäuser und durch das Kommen und Gehen der Reisenden nach dem Ostbahnhof und dem Nordbahnhof belebt wurde.

Meine Familie war nach Burgund verzogen, ich hatte nur noch einige Vettern in Paris, aus denen ich mir nichts machte und die ich nicht zu besuchen beabsichtigte.

Ich war entschlossen, mit Blanche das ganz freie Leben fremder Reisender zu führen.

Wir stiegen in einem Hotel der Rue Vivienne ab, wo ich schon öfter gewohnt hatte. Blanche hatte ein Zimmer in der ersten Etage. Zuerst wollte man mir ein Zimmer neben dem ihren geben, aber ich nahm es nicht und verlangte eins in der zweiten Etage. Wir waren schon vertraut genug miteinander ...

Aber wir hatten es uns ein für allemal zur Gewohnheit gemacht, wie gute Kameraden untergefaßt zu gehen.

Wir waren zu Fuß ins Hotel gegangen. Unser Gepäck hatten wir einem Dienstmann übergeben, der mit seinem Handwagen am Bahnhof stand.

Nachdem wir unsere Zimmer bestellt hatten, gingen wir auf dem Boulevard spazieren und setzten uns dann auf die Terrasse eines Cafés ... Wir hatten Eis bestellt und saßen vor unseren Tellern, unbewußt sehr vergnügt, daß wir beisammen waren. Da sagte Blanche plötzlich zu mir:

»Wir müßten vielleicht zu diesem Sachwalter gehen. Wenn Larcier sich das Geld von ihm geholt hat, werden wir so seine Spur haben; war er noch nicht da, so würde ich diese Summe abheben, die mir augenblicklich sehr zustatten kommen würde.«

Jetzt mußten wir den Namen des betreffenden Mannes feststellen. Er hieß so ähnlich wie »Morilleau«, aber Blanche wußte es nicht genau. Er wohnte Rue de la Victoire, sie erinnerte sich der Nummer, wir waren ganz in der Nähe und begaben uns langsam dorthin.

Herr Morilleau hieß Moriceau. Er wohnte auf dem Hof im Hochparterre. Die Wohnung bestand aus mehreren dunklen Zimmern, in denen Akten angehäuft lagen. Er empfing uns selbst. Er war ein kleiner, dicker Herr, der mit einer gewissen Sorgfalt angezogen war, die sich aber mehr im Schnitt als in der Sauberkeit seiner Kleidung zeigte. Um den Hals hatte er eine breite schwarze Krawatte geschlungen. Feiner weißer Staub lag auf seinem Kragen und auf seinen Schultern. Eine doppelte goldene Kette ruhte auf der Weste über seinem rundlichen Bauch.

Blanche Chéron erklärte ihm die Ursache ihres Besuches, und kaum hatte sie angefangen zu sprechen, als Herr Moriceau die Augenbrauen erstaunt hochzog. Das Geld war nicht mehr in seinem Besitz. Larcier hatte danach geschickt. Moriceau erzählte uns, daß er vor einigen Tagen – er nannte das Datum, es war der Tag nach dem Verbrechen – ein Herr zu ihm gekommen sei, von Larcier gesandt, was er auch durch eine regelrechte Vollmacht bewiesen hatte.

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