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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der unbekannte Mörder

Dienstag, 11. Sept., 11¾ Uhr vormittags

Markham faßte die Sachlage zusammen: »Die Odell hat eine Verabredung zum Abendessen und zum Theater. Ein Herr holt sie um sieben Uhr ab und bringt sie um elf Uhr nach Haus. Er bleibt eine halbe Stunde. Um halb zwölf geht er weg und läßt sich vom Telefonisten ein Taxi bestellen. Während er wartet, schreit das Mädchen auf und ruft um Hilfe. Sie sagt ihm durch die Tür, daß alles in Ordnung sei, und schickt ihn nach Haus. Das Taxi kommt, er fährt weg. Zehn Minuten später ruft jemand die Odell an, ein Mann antwortet aus ihrer Wohnung. Heute morgen findet man sie ermordet und ihre Wohnung durchstöbert.« Er tat einen tiefen Zug aus seiner Zigarre. »Offenbar befand sich die Odell noch am Leben, als ihr Begleiter wegging. Der Telefonist sagt aus, daß sie mit ihm durch die Tür sprach, und zwar um halb zwölf. Doktor Doremus stellt fest, daß der Mord zwischen elf und zwölf stattfand. Miß Odell muß demnach zwischen halb zwölf und Mitternacht erwürgt worden sein.

Vermutlich war ein Mann in diesen Räumen versteckt, als die Odell mit ihrem Begleiter aus dem Theater zurückkam. Als das Dienstmädchen kurz vor sieben wegging, war er noch nicht hier. Er muß später eingedrungen sein. Durch den Seiteneingang kann er nicht gekommen sein. Der Hausmeister riegelte die Tür um sechs Uhr ab, die Telefonisten bestreiten, daß sie sich dort zu schaffen machten, Sergeant Heath hat sie heute früh noch versperrt gefunden ... Durch den Haupteingang kam nur eine einzige Person bis an diese Wohnungstür, schellte und ging wieder weg. Alle Fenster im Erdgeschoß sind vergittert. Niemand kann von den oberen Stockwerken herunterkommen, ohne vom Telefonisten gesehen zu werden.«

»Wie verhält sich denn die Sache mit der nächsten Wohnung? Nummer zwei ist es wohl?« fragte Vance. »Ich meine die, deren Tür dem kleinen Korridor gegenüberliegt.«

»Da habe ich bereits nachgeschaut«, bemerkte Heath gönnerhaft. »Sie wird von einer Dame bewohnt; ich habe sie um acht aufgeweckt und die Wohnung durchsucht. Nicht das geringste zu finden! Auf alle Fälle muß jemand ja genau so an der Schalttafel vorbei, ob er nun in diese oder jene Wohnung will. Niemand hat seit gestern nachmittag bei dieser Dame vorgesprochen. Und Jessup, der ein aufgeweckter Bursche ist, sagte mir, daß sie eine von der stillen Sorte ist, sie und die Odell haben einander nicht einmal gekannt.«

»Sie sind ein gründlicher Mensch!« murmelte Vance.

»Natürlich wäre es möglich«, fügte Markham hinzu, »daß jemand von der andern Wohnung aus operiert hat, aber da Sergeant Heath nichts Verdächtiges entdecken konnte, dürfen wir diese Möglichkeit wohl ausschließen.«

»Du magst schon recht haben«, gab Vance gleichgültig zu. »Aber trotzdem ist ein Mann reingekommen, erdrosselte das Mädchen und verschwand wieder vom Schauplatz ...«

»Es ist unheimlich«, sagte Markham betrübt.

»Geradezu übersinnlich!« verbesserte Vance. »Ich fange an, den Verdacht zu hegen, daß sich ein Medium hier umtrieb und ein paar tipptoppe Materialisationen vorführte ...«

»Das war kein Spuk, von dem diese Fingerabdrücke stammen«, knurrte Heath düster.

»Irgendwo stimmt da was nicht«, entschied Markham. »Entweder die Bedienerin irrt sich oder einer von den Telefonisten ist eingeschlafen und will es jetzt nicht zugeben.«

»Oder einer von der Gesellschaft lügt«, ergänzte Heath.

Vance schüttelte den Kopf. »Die dunkelhäutige Kammerfrau ist außergewöhnlich vertrauenswürdig. Und wenn jemand unbemerkt reingekonnt hätte, dann wären die Burschen an der Schalttafel bestimmt versessen darauf, es zuzugeben.«

»Ich wette auf den Burschen, der gestern abend um halb zehn vorsprach und nicht reinkonnte«, stellte Heath fest. »Mit diesem Vogel möchte ich mal reden.«

Vance nahm eine Zigarette aus seinem Etui. »Na, nach der vorliegenden Beschreibung würde ich ihn nicht für eine mitteilsame Natur halten.«

Ein bösartiges Funkeln glomm in Heaths Augen auf. »Wir haben Mittel und Wege«, knirschte er, »verdammt interessante Sachen aus schweigsamen Leuten herauszukriegen!«

Vance seufzte.

Markham sah nach der Uhr.

»Ich habe wichtige Arbeit auf dem Amt«, sagte er, »und das Gerede bringt uns nicht weiter.« Er legte die Hand auf Heaths Schulter. »Ich lasse Sie hier zur Weiterarbeit. Heute nachmittag werde ich mir die Leute zu einer weiteren Vernehmung aufs Amt bringen lassen. Vielleicht kann ich ihnen das Gedächtnis ein bißchen aufrütteln ... Haben Sie einen bestimmten Plan für die Untersuchung?«

»Das übliche Schema«, erwiderte Heath betrübt. »Ich werde die Papiere der Odell durchsehen und drei oder vier von unsern Leuten Erkundungen über ihr Leben einziehen lassen.«

»Und sofort bei der Gelben Taxi Company nachforschen«, schlug Markham vor. »Vielleicht bekommen Sie raus, wer der Mann war, der hier um halb zwölf wegging und wohin er fuhr.«

»Bildest du dir auch nur einen Augenblick ein, daß dieser Mann etwas vom Mord weiß?« fragte Vance.

»In dieser Richtung erwarte ich nichts von ihm«, sagte Markham gleichgültig. »Aber die Odell könnte ihm etwas gesagt haben, was uns auf die Fährte führt.«

Vance schüttelte drollig den Kopf. »Sei mir gegrüßt, weißhändige Hoffnung, reinblickender Engel ...«

Markham war nicht in der Laune zu spaßen. Er wandte sich wieder an Heath.

»Rufen Sie mich, später am Nachmittag an; vielleicht stellt sich was Neues heraus ... Und«, fügte er hinzu, »postieren Sie einen Mann hier zur Wache. Ich wünsche, daß nichts angerührt wird, bis wir ein wenig mehr Licht in der Sache sehen.«

»Wird gemacht«, versicherte Heath.

Ein paar Minuten später sausten Markham, Vance und ich im Auto davon.

»Entsinnst du dich unseres Gesprächs vorgestern abend über Fußtapfen im Schnee?« fragte Vance, als wir in die Fünfte Avenue einbogen.

Markham nickte.

»Du hattest ein Schulbeispiel, in dem es nicht allein Fußspuren gab, sondern auch ein Dutzend oder mehr Zeugen, einschließlich eines Wunderkindes ... Grau, teurer Freund, ist alle Theorie! ... Da steckst du nun in dieser verbiesterten Klemme, und weder Spuren im Schnee noch Zeugen, die eine flüchtige Gestalt sahen, sind da ... Weder direkte noch indirekte Indizien. Schade, schade ...«

Teilnahmsvoll wackelte er mit dem Kopf.

»Weißt du was, Markham, die Zeugenaussagen in diesem Fall erbringen den schlüssigen Beweis, daß niemand in der Sterbestunde der Odell anwesend war. Ergo: sie lebt vermutlich noch. Die Leiche der Dame ist lediglich ein unwichtiger Nebenumstand vom Standpunkt des gerichtlichen Verfahrens aus. Ich weiß, ihr gelernten Juristen erkennt keinen Mörder ohne Leiche an. Aber, um Himmels willen, was fängst du mit einem ›corpus delicti‹ ohne Mörder an?«

»Hör auf mit dem Unsinn«, bat Markham.

»Gern«, sagte Vance. »Aber erst mußt du mir zugeben, daß es peinlich für einen Kriminaljuristen ist, keinerlei Fußtapfen im Schnee zu haben ...«

Markham drehte sich plötzlich scharf zu ihm: »Du natürlich brauchst keinerlei Spuren noch sonst greifbare Anzeichen. Die Gabe der Divination, die gewöhnlichen Sterblichen versagt wurde, ist dir zuteil geworden. Hast du nicht etwas großsprecherisch behauptet, daß du angesichts der Art und der Umstände eines Verbrechens mich unfehlbar zu dem Täter führen könntest? Nun, wie steht's damit? Bitte, beseitige endlich meine Zweifel. Wer hat die Odell ermordet?«

»Tatsächlich«, lachte Vance, »ich bin halb und halb geneigt, in diesen albernen Mord reinzugucken ... Ich will aber noch ein bißchen warten und sehen, was der verzweifelte Heath auftreiben wird.«

»Dein Edelmut ist wirklich erschütternd«, brummte Markham und lehnte sich in das Polster des Wagens zurück.

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