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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die verriegelte Tür

Dienstag, 11. Sept., 10½ Uhr vormittags

Markham, Heath, Vance und ich waren nun allein in der Wohnung. Markham hatte sich eine Zigarette angezündet, Vance betrachtete mit zynischem Lächeln eines der Wandbilder – ich glaube, es war Bouchers »La Bergère Endormie«.

»Nuditäten mit Grübchen, Cupidos und wolliges Gewölk für königliche Kokotten«, kommentierte er. »Ich möchte nur wissen, was für Bilder die Kurtisanen in ihre Boudoirs hängten, bevor diese amourösen Spielereien erfunden wurden mit ihrem Blaugrün und den buntbebänderten Lämmern.«

»Mich interessiert zur Zeit mehr, was letzte Nacht in diesem Boudoir hier los war«, gab Markham ungeduldig zurück.

»Darüber bestehen kaum Zweifel«, sagte Heath mutig, »und wir werden mehr wissen, sobald Dubois die Fingerabdrücke, im Kriminalalbum nachgesehen hat.«

Mit einem vielsagenden Lächeln wandte sich Vance um: »Sie sind kolossal vertrauensselig, Sergeant. Ich habe eine Ahnung, als ob Sie bald wünschen werden, der Captain hätte diese Fingerabdrücke nie gefunden.« Er machte eine spielerische Geste, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Erlauben Sie mir, Ihnen zuzuflüstern, daß der Mann, der seine Fingerspitzen auf dem Tisch, am Türknauf ließ, mit dem plötzlichen Verscheiden der schönen Dame Odell ganz und gar nichts zu tun hat.«

»Nanu! Was ist denn dein Verdacht?« fragte Markham scharf.

»Keiner«, erklärte Vance. »Mein lieber Alter, ich wandere in einer Düsternis, in der es so wenig Wegweiser gibt wie im interplanetarischen Raum. Der Rachen der Dunkelheit verschlingt mich; es ist Mitternacht, und die Wüste liegt tot da. Die Finsternis meines Denkens ist ägyptisch, stygisch, kymerisch – ich befinde mich in einem vollkommenen Erebus der Verfinsterung.«

Markham biß erbittert die Zähne zusammen; er kannte diese ausweichende Redseligkeit von Vance zu gut. So ließ er den Faden des Gesprächs fallen und richtete eine Frage an Heath:

»Haben Sie bereits die Leute hier im Haus etwas gefragt?«

»Ich vernahm die Bedienerin der Odell, den Hausmeister und die beiden Telefonisten, bin aber nicht ins Detail gegangen, da ich auf Sie wartete. Was ich aber bisher erfuhr, kann einen kopfscheu machen.«

»Lassen wir die Leute reinkommen«, schlug Markham vor. »Die Bedienerin zuerst.« Er nahm auf der Klavierbank Platz.

Heath erhob sich, aber anstatt zur Tür zu gehen, trat er ans Erkerfenster.

»Da ist noch etwas, Sir, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ehe diese Leute vernommen werden.« Er zog die Vorhänge auf. »Sehen Sie sich dieses schmiedeeiserne Fenstergitter an. Sämtliche Fenster hier, sogar das im Badezimmer, sind genau wie dieses hier mit Eisenstangen diebessicher gemacht.« Er zog den Vorhang wieder zu und ging nach dem Vorplatz. »Ferner: diese Wohnung hat nur einen einzigen Eingang, und zwar hier vom Vorplatz in den Hausflur hinaus. Es ist weder ein Luftschacht noch ein Kelleraufzug im Haus. Die einzig mögliche Weise, in diese Wohnung zu gelangen, ist durch diese Tür. Diese Tatsache müssen Sie im Auge behalten, Sir, wenn Sie die Aussagen anhören ... Ich lasse die Leute nun reinbringen.«

Auf Heaths Befehl führte ein Detektiv von draußen eine etwa dreißigjährige, reinlich gekleidete Mulattin herein.

Ihr Name, erfuhren wir, war Amy Gibson. Sie hatte sich gut in der Gewalt, sprach überlegt und ruhig und gab folgende Auskunft:

Sie war an diesem Morgen kurz nach sieben angekommen. Sie besaß einen Schlüssel zu der Wohnung. Sie hatte sich selbst aufgeschlossen. Sie kam so früh, um für Miß Odell vor dem Aufstehen einige Näharbeiten zu erledigen.

Sobald sie die Tür aufgeschlossen hatte, sah sie die Verwüstung. Die Glastür ins Wohnzimmer stand weit offen. Beinah gleichzeitig entdeckte sie die Leiche ihrer Herrin auf dem Sofa.

Sie hatte sofort den Telefonisten Jessup herbeigerufen. Dieser, nach einem Blick ins Wohnzimmer, hatte die Polizei verständigt. Sie hatte sich dann im allgemeinen Empfangsraum des Hauses niedergesetzt und die Ankunft der Beamten erwartet. –

»Nun«, sagte Markham nach einer kurzen Pause, »lassen Sie uns auf gestern abend zurückkommen. Um wieviel Uhr haben Sie Miß Odell verlassen?«

»Ein paar Minuten vor sieben.«

»Gingen Sie gewöhnlich gegen sieben weg?«

»Nein, gewöhnlich um sechs. Gestern abend wünschte Miß Odell, daß ich ihr beim Ankleiden zum Abendessen helfen sollte.«

»Sie haben ihr also nicht immer beim Ankleiden für den Abend geholfen?«

»Nein. Aber gestern abend ging sie mit einem Gentleman dinieren und wollte besonders nett aussehen.«

»Ah!« Markham beugte sich ein wenig vor. »Und wer war der Gentleman?«

»Ich weiß es nicht. Miß Odell hat es mir nicht gesagt.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer er gewesen sein könnte?«

»Nein, Sir.«

»Wann hat Ihnen Miß Odell gesagt, daß Sie heute morgen früher kommen sollten?«

»Als ich gestern abend wegging, Sir.«

»Sie hatte also keine Ahnung von Gefahr oder gar Angst vor ihrem Begleiter?«

»Es sah nicht so aus.« Die Frau dachte eine Weile nach.

»Nein, bestimmt nicht. Sie war sehr guter Laune.«

Markham wandte sich an Heath.

»Möchten Sie noch etwas fragen, Sergeant?«

Heath nahm eine angezündete Zigarre aus dem Mund, legte die Hände auf die Knie und beugte sich vor.

»Welchen Schmuck hat diese Odellperson gestern abend getragen?« fragte er barsch.

Das Dienstmädchen wurde kühl und ein wenig hochmütig. »Miß Odell« – sie legte Nachdruck auf die Bezeichnung »Miß« – »trug alle ihre Ringe, fünf oder sechs, und drei Armbänder, eins mit Diamanten, eins mit Rubinen und eins mit Diamanten und Smaragden. Sie trug außerdem an einer Halskette einen Anhänger mit einem Strahlenmuster von Brillanten und eine mit Diamanten und Perlen besetzte Platinlorgnette.«

»Besaß sie außerdem noch andere Juwelen?«

»Ein paar kleinere Sachen vielleicht, aber ich weiß es nicht genau.«

»Und sie bewahrte den Schmuck im Stahlkasten im Schlafzimmer?«

»Ja, wenn sie ihn nicht trug.« Ein deutlicher Sarkasmus lag in dieser Antwort.

»Glauben Sie etwa, ich dächte, sie hätte die Schmuckstücke weggeschlossen, während sie sie trug? ...« Das Benehmen des Dienstmädchens hatte Heath feindselig gestimmt. Er erhob sich und deutete drohend auf die Dokumentenkassette auf dem Rosenholztisch.

»Schon mal das Dings gesehen?«

Die Frau nickte gleichgültig. »Manchmal.«

»Wo wurde das Dings gewöhnlich aufbewahrt?«

»Auf dem Dings.« Amy Gibson zeigte mit einer Kopfbewegung nach dem Bouleschrank.

»Was war in der Kassette?«

»Wie soll ich das wissen?«

»So, das wissen Sie nicht!« Heath schob den Unterkiefer vor, aber sein bulliges Benehmen machte nicht den geringsten Eindruck auf die Mulattin.

»Ich habe niemals gesehen, daß Miß Odell sie aufschloß«, sagte sie ruhig.

Der Sergeant schritt zur Tür der Wohnzimmer-Garderobe. »Sehen Sie diesen Schlüssel?« sagte er verärgert.

Wieder nickte die Frau. Aber diesmal war ein leichtes Staunen in ihrem Blick.

»Stak der Schlüssel immer innen?«

»Nein, er stak immer außen.«

Heath schoß Vance einen merkwürdigen Blick zu. Dann, nach einem Augenblick stirnrunzelnder Überlegung, winkte er dem Detektiv, das Mädchen abzuführen.

»Nehmen Sie ein genaues Protokoll über die Schmucksachen auf, Snitkin«, befahl er. »Und halten Sie die Person draußen, ich werde sie nochmals brauchen.« –

Vance lag der Länge nach auf dem Sofa und blies einen Rauchringel zur Decke.

»Sehr illuminierend, was?« summierte er das Ergebnis des Verhörs. »Das dunkle Fräulein hat uns gewaltig aufgeklärt. Nun wissen wir also, daß der Schlüssel auf der falschen Seite steckt und daß unser »Freudenmädchen« mit einem ihrer Gelegenheits-Liebhaber ausging und von diesem dann vermutlich nach Haus gebracht wurde, kurz ehe sie ihren unfreiwilligen Abschied von dieser schnöden Welt nahm.«

»Na, warten Sie mal ab, was noch kommt«, bemerkte Heath. Er wandte sich an Markham: »Schlage vor, jetzt zuerst den Hausmeister zu vernehmen. Ich will Ihnen auch zeigen, weshalb.« Er öffnete die Eingangstür zur Wohnung. »Schauen Sie, bitte, einen Augenblick hierher!« Er trat in den Hausflur hinaus und deutete den schmalen Korridor zur Linken hinunter.

Dieser etwa drei Meter lange Korridor lag zwischen der Wohnung der Odell und der Rückwand des allgemeinen Warteraums. An seinem Ende war eine gediegene eichene Tür, die an der Seitenfront des Hauses auf den Hof hinausging.

»Diese Tür«, erklärte Heath, »ist der einzige Nebeneingang ins Haus. Wenn sie versperrt ist, kommt man nur von der Straße her in das Haus und muß im Hausflur am Telefonisten vorbeigehen. Einbruch durchs Fenster ist, wiederhole ich, ausgeschlossen. Ich habe heute morgen die Runde ums Erdgeschoß gemacht und mich genau überzeugt.«

Er führte uns ins Wohnzimmer zurück und fuhr fort: »Als ich mir heute früh ein Bild von der Sache machte, nahm ich an, unser Mann müsse durch besagte Seitentür ins Haus geschlüpft sein. Ich sah also nach und fand die Tür verriegelt. Ich bemerke: von innen verriegelt, nicht etwa abgeschlossen. Und zwar handelt es sich nicht um einen einfachen Schieberriegel, wie man ihn von außen mit einem Dietrich oder einem Haken bewegen kann, sondern um einen zähen, alten Drehbolzen aus Messing ... Und nun hören Sie mal, was der Hausmeister Ihnen erzählen wird.«

Der Hausmeister, ein schwerfälliger Mann in mittleren Jahren, offenbar ein Deutscher, stand vor uns und musterte einen nach dem andern von uns mißtrauisch. Anscheinend hatte ihn die Unterbrechung seines gewohnten Alltags gründlich verstimmt.

»Um wieviel Uhr gehen Sie abends hier weg?« fragte Heath scharf.

»Sechs Uhr, manchmal etwas früher, manchmal später.«

»Und wann fangen Sie morgens an?«

»Acht Uhr, regelmäßig.«

»Wann sind Sie gestern weggegangen?«

»Nach sechs Uhr abends, vielleicht ein Viertel nach sechs«, kam es eintönig.

Heath pausierte und steckte sich endlich die Zigarre an, die er schon eine Stunde lang kalt geraucht hatte!

»Sie sagten mir, daß Sie jeden Abend, ehe Sie weggehen, den Seiteneingang absperren. Stimmt das?«

»Ja, das stimmt.« Der Mann nickte mehrmals bejahend mit dem Kopf. »Nur ich schließe sie nicht zu, sondern ich riegle sie ab.«

»Schön, Sie riegeln sie ab.« Wenn Heath sprach, schwankte die Zigarre. Schall und Rauch entströmten gleichzeitig seinem Munde.

»Und Sie haben gestern abend wie gewöhnlich um sechs Uhr abgeriegelt?«

»Ja. Mag sein, ein Viertel nach sechs«, verbesserte der Mann mit deutscher Gründlichkeit.

»Sind Sie dessen ganz sicher?« fragte Heath beinahe wütend.

»Ja, ja, ja. Ich bin ganz sicher. Ich tu es jeden Abend. Ich vergesse es nie.«

Der Ernst des Mannes ließ keinen Zweifel an dieser Angabe zu. Heath jedoch bearbeitete den Punkt noch mehrere Minuten lang.

»Wahrhaftig, Sergeant«, bemerkte Vance lächelnd, als der Hausmeister entlassen worden war, »dieser ehrliche Rheinländer hat die Tür gewissenhaft verriegelt.«

»Sicher hat er das«, sprudelte Heath hervor, »und ich habe sie heut morgen ein Viertel vor acht noch verriegelt vorgefunden. Das bringt ja die Sache so durcheinander! Wenn diese Tür die ganze Nacht über verriegelt war, dann soll mal jemand im Leichenwagen vorfahren und uns erzählen, wie dem Kanarienvogel ihr Süßer hier ins Haus rein- und wieder rausgekommen ist.«

»Warum denn nicht durch den Haupteingang von der Straße?« fragte Markham. »Das scheint doch der einzig logische Weg.«

»Ja«, gab Heath zu. »Aber nach der Aussage des Telefonisten ist niemand Verdächtiges ein- und ausgegangen.«

»Und der Telefontisch steht so, daß der unbekannte Besucher dort vorbeigemußt« hätte«, erwähnte Vance beiläufig.

»Stimmt!« platzte Heath heraus.

»Holen Sie den Kerl herein«, befahl Markham gereizt, »ich will ihn selbst ins Verhör nehmen.«

Heath gehorchte mit bösartiger Bereitwilligkeit.

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