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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Abdruck einer Hand

Dienstag, 11. Sept., 9½ Uhr vormittags

Wenige Minuten später traf Doktor Doremus, der medizinische Sachverständige, ein und gleichzeitig mit ihm drei andere Kriminalbeamte, von denen einer eine große fotografische Kamera und ein Stativ trug. Es waren Captain Dubois und Detektiv Bellamy, Sachverständige für Fingerabdrücke, und Peter Quakenbush, der amtliche Fotograf.

»Schau, schau!« rief Doktor Doremus aus. »Hier ist ja die ganze Sippschaft versammelt. Ihre geschätzten Freunde, Herr Inspektor, könnten sich auch eine vernünftigere Zeit zum Austrag ihrer Meinungsverschiedenheiten aussuchen ... Dieses Frühaufstehen bekommt meiner Leber nicht.« Er schüttelte jedem lebhaft die Hand. »Na, und wo liegt die Leiche?« Sein Blick fiel aufs Sofa. »Aha, eine Dame!«

Rasch untersuchte er die Leiche, indem er ihr Arme und Kopf, Hals und Finger bewegte, um die gewaltsame Todesursache festzustellen. Dann streckte er sie flach auf dem Sofa aus und begann eine gründliche Untersuchung.

Wir andern gingen derweil ins Schlafzimmer. Heath winkte den Fingerabdruckspezialisten.

»Gehen Sie gut über die ganze Bude und schenken Sie besonders diesem Juwelenkasten und dem Griff dieses Schürhakens Ihr Augenmerk. Dann muß auch die Dokumentenkassette im Wohnzimmer eingehend besichtigt werden.«

»Schon recht«, sagte Dubois. »Bellamy und ich fangen hier an, während der Doktor nebenan zu tun hat.«

Unser Interesse galt natürlich der Arbeit des Captains. Geschlagene fünf Minuten beobachteten wir, wie er die verbogenen Seiten des Stahlkastens und den Griff des Schürhakens inspizierte. Er setzte eine Uhrmacherlupe vor sein Auge und beleuchtete vorsichtig jeden Quadratzentimeter der Gegenstände mit einer kleinen Taschenlampe.

»Nicht die Spur von einem Abdruck«, meldete er. »Ganz blank gewischt.«

»Hätt' ich mir denken können«, brummte Heath. »Gute Berufsarbeit!« Er wandte sich an den andern Spezialisten ... »Irgend was gefunden, Bellamy?«

»Ein paar alte, verstaubte Schmierpfoten ... wertlos.«

»Sieht nach Pleite aus«, bemerkte Heath ärgerlich. »Na – hoffentlich finden wir nebenan was.«

In diesem Augenblick trat Doktor Doremus ins Schlafzimmer, nahm ein Bettlaken, ging ins Wohnzimmer zurück und bedeckte die Leiche. Dann klappte er seinen Instrumentenkasten zusammen, setzte seinen Hut auf und trat zu uns mit der Miene eines Mannes, der es äußerst eilig hat, fortzukommen.

»Ganz einfacher Fall«, erklärte er schnell. »Strangulation von hinten. Fingerquetschungen an der Kehle; Daumenquetschungen zwischen Nacken und Hinterkopf. Angriff war unerwartet. Schnelle, zuverlässige Arbeit, obwohl sich das Mädchen ein bißchen gewehrt hat.«

»Wie erklären Sie es, Doktor, daß das Kleid zerrissen ist?« fragte Vance.

»Ah! ... Kann ich nicht sagen ... Sie hat es wohl selber getan ... Instinktbewegung beim Ringen nach Luft.«

»Nicht sehr wahrscheinlich, wie?«

»Weshalb nicht? Das Kleid war zerrissen, das Bukett los ... Der Würger aber hatte beide Hände an ihrer Gurgel ... Sie muß es also selbst getan haben.«

Vance zuckte die Achseln und zündete sich eine Zigarette an.

Heath, etwas verärgert, stellte die nächste Frage: »Diese Schrammen an den Fingern bedeuten doch, daß ihr die Ringe abgezogen wurden?«

»Möglich ... sind frische Schürfungen ... da sind auch 'n paar Schrunden am linken Handgelenk, und der Handrücken ist leicht geschwollen, da ist wohl ein Armband abgezogen worden.«

»Paßt prima!« stellte Heath mit Befriedigung fest. »Und man hat ihr einen Halsanhänger abgerissen.«

»Wahrscheinlich«, bestätigte Doremus unbeteiligt. »Ein Stück der Kette hat sie hinter der rechten Schulter leicht ins Fleisch geschnitten.«

»Und wann fand der Mord statt?«

»Vor neun oder zehn Stunden ... Sagen wir gegen dreiviertel zwölf ... Vielleicht ein bißchen früher ... Bestimmt vor Mitternacht.« Der Doktor wippte ungeduldig auf den Zehenspitzen. »Sonst noch was?«

Heath überlegte. »Ich glaube, das ist alles, Doktor«, entschied er. »Ich schicke Ihnen die Leiche zur Obduktion. Geben Sie uns so bald wie möglich den Befund.«

Doktor Doremus verabschiedete sich mit Händedruck und stob davon. Heath folgte ihm zur Tür und beauftragte den Schutzmann draußen, nach einer Ambulanz für die Leiche zu telefonieren.

»Ein muntrer Medikus«, sagte Vance zu Markham. »Scheint außer seiner Leber keine Sorgen zu haben.«

»Ja, gegen ihn hetzt die Presse auch nicht ... Nebenbei: was bedeutete eigentlich deine Frage nach dem zerrissenen Kleid?«

Vance betrachtete gemütlich sein Zigarettenmundstück.

»Stell dir die Sache vor: die Odell ist offenbar überrascht worden. Denn wäre ein Kampf vorausgegangen, hätte sie nicht auf dem Sofa sitzend von hinten erwürgt werden können. Das Kleid mit dem Bukett war also intakt, als man sie anpackte. Aber dein smarter Paracelsus irrt, wenn er annimmt, sie habe sich die Schäden am Gewand selbst beigebracht. Wenn das Kleid sich über der Brust gespannt hätte, dann hätte sie sich die Taille selbst von innen nach außen aufgerissen. Aber du sahst selbst, die Taille ist intakt. Zerrissen ist nur das Spitzenkleid, das sie darüber trug, und zwar ist es zerrissen oder richtiger: aufgetrennt worden durch einen starken Ruck von der Seite. Unter den gegebenen Umständen war für die Odell jedoch nur eine Bewegung von oben nach unten oder nach außen möglich. Ferner«, fuhr er fort, »ist da das Blumenbukett. Hätte sie es selbst abgerissen, während sie erdrosselt wurde, dann wäre es bestimmt zu Boden gefallen. Du mußt im Auge behalten, daß sie sich gewehrt hat. Ihr Körper war seitlich verdreht, das Knie hochgezogen, ein Schuh abgeglitten. Es fällt doch so einem Bündel von Seidenblümchen nicht ein, während so heftiger Bewegungen auf dem Kleid liegenzubleiben. Sogar wenn Damen stillsitzen, rutschen bekanntlich ihre Handschuhe, Handtäschchen, Taschentücher, Konzertprogramme ständig zu Boden.«

»Wenn also dein Argument korrekt ist«, wandte Markham ein, »dann kann das Auftrennen des Spitzenkleides und das Abreißen des Buketts nur erfolgt sein, als sie schon tot war. Und es besteht kein Grund für einen so sinnlosen Vandalismus.«

»Deswegen eben«, seufzte Vance, »ist es ja so teuflisch verwickelt.«

Heath sah ihn scharf an. »Das haben Sie nun schon zum zweitenmal gesagt. Es ist doch ein ganz simpler Fall.« Er sprach im Ton eines Mannes, der sich selber gegen seine Unsicherheit bestärken will. »Das Kleid kann schließlich irgendwann zerrissen worden sein. Und das Bukett hat sich wohl so in die Spitze vernestelt, das es einfach nicht runterfallen konnte.«

»Und wie erklären Sie den Juwelenkasten?« fragte Vance.

»Na ja ... Der Kerl hat erst den Schürhaken probiert, und als es damit nicht ging, hat er halt das Brecheisen genommen.«

»Wenn er schon das Brecheisen in der Tasche hatte, warum machte er sich dann erst die Mühe und holte dieses alberne Gußeisen vom Kamin herüber?«

Der Sergeant schüttelte den Kopf. Er war aus der Fassung gebracht.

»War sonst noch was, das Ihnen verwickelt vorkam, Mr. Vance?« fragte er schließlich. Geheime Zweifel schienen nun in ihm die Oberhand zu gewinnen.

»Ja, die Lampe auf dem Wohnzimmertisch.«

Heath drehte sich um und sah durch den Türbogen die umgekippte Lampe mit verständnislosem Blick an.

»Das sagt doch nichts; sie ist halt umgestoßen worden ...«

»Aber es besteht kein Grund dafür«, stellte Vance fest. »Sehen Sie, Sergeant, die allgemeine Unordnung hier beweist, daß der Platz durchsucht worden ist. Sie stimmt mit der Annahme eines Raubüberfalls überein. Aber die Lampe paßt nicht ins Bild. Sie ist eine falsche Note. Es ist ganz ausgeschlossen, daß sie während des Todeskampfes umgeworfen wurde. Sie hat nicht den geringsten Grund zum Umkippen gehabt, ebensowenig wie der hübsche Spiegel dort über dem Klapptisch zerbrochen zu sein brauchte. Deshalb ist die Angelegenheit so verwickelt.«

»Aber die Stühle und der kleine Tisch?« fragte Heath und deutete auf die umgeworfenen Möbel.

»Oh, die passen ins Bild«, antwortete Vance. »Es sind kleine Stücke, die in der Eile des Plünderns leicht zerbrechen oder gar umfallen konnten.«

»Die Lampe ebenfalls«, argumentierte Heath.

Vance schüttelte den Kopf. »Falsch, Sergeant, sie hat einen schweren Bronzefuß, sie stand ganz hinten auf dem Tisch und war niemandem im Weg ... Sie ist absichtlich umgeworfen worden.«

Der Sergeant schwieg. Frühere Erfahrungen hatten ihn gelehrt, Vances Beobachtungen nicht zu unterschätzen. »Sonst noch was, das Ihnen nicht ins Bild zu passen scheint?« fragte er nach einer Weile.

Vance deutete mit seiner Zigarette auf das Kleidergelaß des Wohnzimmers. Dieser kleine Garderobenraum lag neben dem Vorplatz, in der Ecke, in der der Bouleschrank stand. Die Eingangstür war dem Sofaende gerade gegenüber.

»Sie könnten dem Zustand dieses Beigemachs Ihr Augenmerk schenken«, schlug er freundlich vor. »Sie bemerken, daß es unberührt geblieben ist, obwohl die Tür halboffen steht. Es ist die einzige Stelle der ganzen Wohnung, die nicht durchstöbert worden ist.«

»Sonderbar«, gestand Heath nähertretend und schaute in die Garderobe.

Vance war ihm gefolgt und sah ihm über die Schulter.

»Tatsächlich!« rief er plötzlich aus. »Der Schlüssel steckt auf der Innenseite! Stellen Sie sich das vor! Das Gelaß kann nicht von außen versperrt gewesen sein, wenn der Schlüssel auf der Innenseite steckt. Stimmt's?«

»Das braucht nichts zu bedeuten«, bemerkte Heath hoffnungsvoll. »Vielleicht war die Tür gar nicht verschlossen. Darüber werden wir bald Auskunft kriegen. Ich habe das Dienstmädchen draußen festhalten lassen. Sobald der Captain hier fertig ist, werden wir sie verhören.«

Er wandte sich an Dubois, der gerade das Piano nach Fingerabdrücken untersuchte.

»Kein Glück bis jetzt?«

Der Captain schüttelte den Kopf.

»Selbe Sache wie nebenan«, brummte Bellamy, der auf Knien um den Schreibtisch herumrutschte.

Vance lächelte spöttisch und schaute uninteressiert aus dem Fenster. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür von der Diele und herein trat blinzelnd ein dürres, graubärtiges Männchen.

»'n Morgen, Professor«, grüßte Heath den Neuangekommenen. Freut mich, Sie zu sehen. Ich habe da was Pikfeines für Sie. Genau Ihr Steckenpferd.«

Abteilungs-Inspektor Conrad Brenner war einer aus der Armee unbekannter, aber hochbefähigter Untersuchungsspezialisten, mit denen die New-Yorker Krimmalbehörde ständig in Verbindung steht. Er war Fachmann für Schlösser und Einbruchswerkzeuge und verstand, die Spuren und Kratzer von Brecheisen und Diebesdietrichen mit größter Genauigkeit zu lesen. Seine Erscheinung erinnerte an einen runzligen alten Gelehrten, weswegen er von Vorgesetzten und Untergebenen stets »Professor« genannt wurde. Sein ungebügelter schwarzer Anzug war altmodisch im Schnitt, er trug einen sehr hohen steifen Kragen und eine schmale schwarze Halsbinde. Seine goldgefaßte Brille hatte so scharf geschliffene Gläser, daß dahinter seine Pupillen wie Tollkirschen wirkten.

Als Heath ihn angeredet hatte, stand er einfach still. Er schien nicht zu bemerken, daß sonst noch jemand im Zimmer war. Der Sergeant, der die komischen Angewohnheiten des kleinen Mannes schon kannte, ging, ohne auf eine Antwort zu warten, auf das Schlafzimmer zu.

»Hierher, bitte sehr, Professor«, sagte er mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit, trat vor den Toilettentisch und tippte auf den Juwelenkasten. »Beaugenscheinigen Sie das mal, bitte, und sagen Sie mir, was Sie sehen.«

Inspektor Brenner war Heath, ohne sich umzusehen, gefolgt. Er ergriff den Juwelenkasten, trat stillschweigend zum Fenster und begann mit seiner Untersuchung.

Vance, dessen Interesse anscheinend plötzlich wiedererwachte, trat hinzu und beobachtete den Alten. Volle fünf Minuten lang hielt der »Professor« den Kasten ganz nahe an seine kurzsichtigen Augen, dann zwinkerte er mehrere Male schnell und suchte Heath mit dem Blick.

»Zwei Werkzeuge wurden benutzt, um diese Kassette zu öffnen.« Seine hohe dünne Fistelstimme hatte den Ton und die Sicherheit einer unbestreitbaren Autorität. »Mit dem einen wurde der Deckel verbogen und die Emailleglasur beschädigt. Das andere, war ein Stahlmeißel, würde ich sagen, und zwar ein Stahlmeißel von einer ganz besonderen Beschaffenheit. Mit ihm wurde das Schloß aufgesprengt. Das erste Instrument war stumpf. Es ist sehr dilettantisch gebraucht worden, nämlich als Hebel, aber im falschen Winkel. Der Stahlmeißel aber wurde mit genauer Kenntnis des richtigen Hebelpunktes angesetzt, nämlich dort, wo ein Kraftminimum den notwendigen Gegendruck hervorbrachte, um die Bolzen im Schloß zu lockern.«

»Berufsarbeit?« suggerierte Heath.

»Hochgradige Berufsarbeit», antwortete der Inspektor blinzelnd, »das will natürlich sagen, das Aufknacken des Schlosses war Berufsarbeit. Ich möchte sogar sagen, hier ist mit einem Instrument gearbeitet worden, das speziell für solche ungesetzlichen Zwecke konstruiert war.«

Heath reichte ihm den Schürhaken. »Könnte die Arbeit damit geschafft worden sein?«

Der »Professor« sah den Feuerhaken genau an.

»Das könnte das Werkzeug sein, mit dem der Deckel verbogen wurde. Bestimmt aber wurde es nicht verwandt, um das Schloß zu sprengen. Dieses Ding ist aus Gußeisen. Der Kasten jedoch ist kalt gerollter achtzehn Druck starker Plattenstahl mit einem eingesetzten zylindrischen Feder-Fallschloß für parazentrischen Schlüssel. Die nötige Hebelkraft, um die Flansche zu verrücken, so daß der Deckel aufsprang, konnte nur mit einem Stahlmeißel ausgeübt werden.«

»So, das wäre dies.« Heath schien mit Inspektor Brenners Auskunft sehr zufrieden. »Ich werde Ihnen den Kasten runterschicken, Professor, und Sie werden mich dann wissen lassen, was Sie sonst noch herausfinden.«

»Ich nehme ihn lieber gleich mit, wenn Sie nichts dagegen haben.« Das Männchen packte den Kasten unter den Arm und schob ab, ohne weiter ein Wort zu sagen.

»Verrückter Kauz«, sagte Heath grinsend zu Markham. »Er ist einfach unglücklich, wenn er nicht Kratzer mit dem Millimetermaß messen kann. Er hat nicht abwarten können, daß ich ihm den Kasten schickte. Er wird ihn die ganze Strecke in der Untergrund fürsorglich auf dem Schoß halten wie eine Mutter ihr Baby.«

Vance stand noch immer bei dem Toilettentisch und sah verstört vor sich hin.

»Markham«, sagte er, »der Befund an diesem Juwelenkasten ist erstaunlich. Er kompliziert die Situation unerhört. Meiner Ansicht nach kann es unmöglich ein Berufseinbrecher gewesen sein, der diesen Stahlkästen aufschnappte, und doch war es ganz bestimmt einer von der Zunft.«

Noch ehe Markham antworten konnte, lenkte ein befriedigtes Knurren des Captains Dubois unsere Aufmerksamkeit ab.

»Da hab' ich was für Sie, Sergeant«, verkündete er.

Erwartungsvoll gingen wir ins Wohnzimmer. Dubois stand über das Ende des Büchertisches gebeugt, beinah genau hinter der Stelle, wo die Leiche der Odell vorgefunden worden war. Mit einem kleinen Handblasebalg bestäubte er einen Quadratfuß der Tischplatte mit einer feinen, sehr dünnen Schicht hellgelben Pulvers. Dann blies er das überflüssige Pulver vorsichtig weg. Der Abdruck einer menschlichen Hand zeichnete sich haarscharf in gelben Konturen ab. Die Zwiebel der Daumenwurzel, die Ballen zwischen den Fingergelenken und um die Handfläche standen wie kleine runde Eilande auf einer Landkarte da. Die Papillarrillen waren klar erkennbar. Der Fotograf baute seine Kamera auf dem Stativ auf, stellte gewissenhaft ein und machte zwei Blitzlichtaufnahmen von der Handspur.

»Das genügt.« Dubois war mit seinem Fund sehr zufrieden. »Es ist die rechte Hand. Ein sehr klarer Abdruck, und der Kerl, von dem er stammt, stand direkt hinter dem Weibsbild ... Außerdem ist es der neueste Abdruck am Platz.«

»Na, und was ist mit dieser Schachtel da?« Heath deutete auf die Dokumentenkassette, die auf dem Tisch neben der umgekippten Lampe stand.

»Nicht eine einzige Markierung – glatt abgewischt.«

Dubois begann, seine verschiedenen Gerätschaften einzupacken.

»Sagen Sie mal, Captain Dubois«, unterbrach ihn Vance, »haben Sie den Türknauf auf der Innenseite dieses Kleiderkabinetts untersucht?«

Der Mann drehte sich überrascht herum und maß Vance mit einem feindseligen Blick.

»Ein Wandgelaß macht man von außen auf und zu.«

Vance zog mit gekünsteltem Erstaunen die Augenbrauen in die Höhe.

»Ach, tut man das wirklich? Aber wenn nun jemand in dem Kabinett drinnen ist, dann kann er doch gar nicht nach dem Außenknauf greifen.«

»Die Leute, die ich kenne, schließen sich nicht selber in Kleidergelasse ein«, entgegnete Dubois sarkastisch.

»Sie setzen mich in Erstaunen, mein Teurer«, erklärte Vance. »Alle Leute, die ich kenne, frönen geradezu dieser Gewohnheit. Es ist eine Art täglicher Zeitvertreib, müssen Sie wissen.«

Markham intervenierte wieder.

»Was interessiert dich denn so sehr an der Garderobe, Vance?«

»Ich sehe mit dem besten Willen für die Ordnung da drinnen keinen Grund. Es müßte doch nach allen Regeln der Kunst durchstöbert sein.«

Heath war von denselben Ahnungen, die Vance bewegten, nicht ganz frei. Er wandte sich an Dubois und sagte: »Sie könnten wirklich mal den Knauf unter die Lupe nehmen. Mit diesem Kleiderkabinett ist was nicht ganz geheuer.«

Dubois machte sich mürrisch über die Tür des Gelasses und sprühte sein gelbes Pulver über den inneren Knauf. Als er den losen Staub weggeblasen hatte, beugte er sich mit dem Vergrößerungsglas über die Stelle. Schließlich richtete er sich, wieder auf und sah Vance starr an.

»All right, es sind frische Abdrücke dran«, gab er mürrisch zu, »und wenn ich mich nicht sehr irre, stammen sie von derselben Hand wie der Abdruck auf der Tischplatte. Beide Daumenabdrücke haben Ellenrillen, und beide Zeigefinger haben das Quirlmuster ... Hier, Peter« befahl er dem Fotografen, »knipse diesen Knopf ein paarmal ab.«

Nachdem dies geschehen war, verließen uns Dubois, Bellamy und der Fotograf.

Ein paar Minuten später nahm auch Inspektor Moran von uns Abschied. In der Tür streifte er zwei Männer in der weißen Tracht von Krankenwärtern, die gekommen waren, um die Leiche der Odell abzuholen.

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