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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das Ende

Dienstag, 18. September, 3 Uhr nachmittags

Um halb vier kamen wir im Klub an. Markham ließ sofort den Geschäftsführer rufen und hatte eine kurze private Unterredung mit ihm.

Der Geschäftsführer verschwand eilig und kam fünf Minuten später zurück.

»Mr. Spotswood ist allein auf seinen Zimmern und schreibt«, meldete der Markham. »Ich habe den Elektriker hinaufgeschickt unter dem Vorwand, die Glühbirnen nachzusehen.«

»Und die Zimmernummer?«

»Dreihunderteinundvierzig.« Der Geschäftsführer sah etwas besorgt aus. »Die Sache wird doch kein Aufsehen machen, Mr. Markham?«

»Ich rechne nicht damit«, sagte Markham eisig.

Er fing an, erregt vor dem Eingang auf und ab zu wandern. Vance suchte sich einen bequemen Sessel aus, in dem er teilnahmslos versank.

Zehn Minuten später trafen Heath und Snitkin ein. Markham führte sie sofort in eine Nische und erklärte kurz den Auftrag.

»Spotswood ist gerade oben in seinen Zimmern«, sagte er, »ich wünsche, daß die Verhaftung unauffällig vor sich geht.«

»Spotswood?!« wiederholte Heath erstaunt. »Ich kann nicht verstehen, wieso – – –«

»Sie brauchen jetzt nichts zu verstehen«, schnitt ihm Markham scharf das Wort ab. »Ich übernehme alle Verantwortung für die Festnahme, und Sie kriegen das Lob dafür, wenn Sie wollen. Paßt Ihnen das?«

Heath zuckte die Achseln.

»Mir auch recht ... Wie Sie es wünschen.« Er schüttelte den Kopf. »Und was wird mit Jessup?«

»Bleibt in Haft. Hauptzeuge.«

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Spotswoods Zimmer lagen am Ende des Ganges. Markham, mit grimmiger Miene, ging voran.

Auf sein Klopfen öffnete Spotswood die Tür und trat liebenswürdig grüßend zur Seite, um uns einzulassen.

»Hat sich was ereignet?« fragte er.

In diesem Augenblick sah er zum erstenmal Markhams Gesicht in vollem Licht. Er spürte sofort die Drohung, die hinter unserem Besuch stand. Seine Miene änderte sich nicht im geringsten, nur sein Körper spannte sich. Seine Augen glitten langsam von Markham zu Heath und Snitkin. Dann fiel sein Blick auf Vance und mich.

Niemand sprach. Heath und Snitkin traten vor und warteten auf Befehl. Spotswoods Augen waren zu Markham zurückgekehrt. »Was kann ich für Sie tun, Sir?« Seine Stimme war ruhig und fest, ohne den leisesten Unterton.

»Sie können diese beiden Beamten begleiten, Mr. Spotswood«, sagte Markham leise, mit einer leichten Kopfbewegung auf die beiden Detektive hin. »Ich verhafte Sie wegen des Mordes an Margaret Odell.«

»Ah –!« Spotswood zog die Stirn fragend hoch. »Dann haben Sie – – – etwas entdeckt?«

»Das Beethoven-Andante.«

Nicht ein Muskel in Spotswoods Gesicht verzog sich, aber nach einer Pause machte er eine resignierende Geste.

»Das kommt nicht völlig unerwartet«, sagte er gleichmütig, mit dem Anflug eines tragischen Lächelns im Gesicht. »Besonders, da Sie jede Bemühung meinerseits, der Platte habhaft zu werden, vereitelten. Aber dann ... Das Glück im Spiel ist immer ungewiß.« Das Lächeln verschwand, er wurde ernst. »Sie haben großmütig gegen mich gehandelt ... Und da ich dieses Entgegenkommen sehr hoch schätze, wäre es mir lieb, daß Sie wissen, daß mir keine andere Wahl blieb, als dieses Spiel zu spielen.«

»Ihr Motiv, so zwingend es auch immer sein mag, kann Ihr Verbrechen nicht entschuldigen.«

»Glauben Sie, ich will mich entschuldigen?« Spotswood wies die Zumutung voll Verachtung zurück. »Ich bin kein Schuljunge. Ich rechnete mit allen Folgen meiner Tat. Gewiß, es war ein gewagtes Spiel; aber ich pflege mich nicht über Mißgeschicke zu beklagen. Hätte ich nicht gespielt, dann hätte ich nichtsdestoweniger verloren.« Seine Miene wurde bitter.

»Diese Frau, Mr. Markham, hat Unmögliches von mir verlangt: nicht damit zufrieden, daß sie mich schröpfte, sie verlangte auch gesellschaftlichen Schutz und gesellschaftliche Stellung von mir, Dinge, wie sie nur mein Name ihr geben konnte. Sie verlangte, daß ich mich scheiden lassen und sie heiraten sollte. Verstehen Sie dieses Ansinnen in seiner Ungeheuerlichkeit? ... Sehen Sie, Mr. Markham, ich liebe meine Gattin, und ich habe Kinder, die ich liebe. Ich werde Ihre Intelligenz nicht damit beleidigen, daß ich Ihnen erkläre, wie das, trotz meiner Lebensführung, möglich ist ... Und dieses Mädchen forderte von mir, daß ich mein Leben zertrümmern und die, die mir teuer sind, erniedrigen und kränken sollte! Und dies nur, um ihren kleinlichen, lachhaften Ehrgeiz zu befriedigen. Als ich mich weigerte, drohte sie damit, unsere Beziehungen meiner Gattin zur Kenntnis zu bringen und ihr Abschriften von Briefen zu schicken, die ich an sie gerichtet hatte ... mich öffentlich zu verklagen ... kurz, einen solchen Skandal zu verursachen, daß auf alle Fälle mein Leben ruiniert, mein Heim zerstört und meine Familie entehrt worden wäre.«

Er hielt an und schöpfte tief Atem.

»Ich habe mich nie mit Halbheiten befreunden können«, fuhr er ruhig fort. »Ich habe kein Talent zu Kompromissen. Vielleicht habe ich das mit meinem Blut ererbt ... Ich muß eine Hand bis zur letzten Karte, bis um den letzten Heller ausspielen. Ich wählte den einzigen Weg, der meine Angehörigen vor Schande hätte bewahren können. Es bedeutete ein verzweifeltes Wagnis. Aber ich konnte nicht zaudern, und ein furchtbarer Haß feuerte mich an. Ich setzte mein Leben aufs Spiel gegen einen Zustand lebendigen Todes, auf die ungewisse Aussicht hin, meinen Frieden zu gewinnen, und ich verlor.«

Er lächelte matt.

»Ja, das Glück im Spiel ... Aber glauben Sie nicht, daß ich klage oder Sympathie zu erwecken suche. Ich habe andere belogen, aber niemals mich selbst. Ich verachte den, der jammert und sich entschuldigt.«

Markham schwieg lange.

»Wollen Sie mir etwas über Skeel sagen?« fragte er endlich.

»Dieses Schwein! Solche Geschöpfe könnte ich täglich ermorden und mich für einen Wohltäter der Menschheit halten ... Ja, ich habe ihn erwürgt, ich würde es früher getan haben, hätte sich eine Gelegenheit geboten ... Skeel war im Kleiderschrank versteckt, als ich aus dem Theater zurückkehrte. Er muß gesehen haben, wie ich die Frau ermordete. Hätte ich gewußt, daß er dort saß, dann hätte ich die Tür eingebrochen und ihn erledigt. Aber wie hätte ich das ahnen können? Es schien mir natürlich, daß das Gelaß verschlossen war, ich dachte weiter nichts dabei ... Am nächsten Abend rief er mich hier im Klub an. Er hatte erst in meinem Haus auf Long Island angerufen und erfuhr dort, daß ich hier wohne. Ich hatte ihn nie gesehen, wußte nichts von seiner Existenz. Aber er kannte mich anscheinend. Ich vermute, ein Teil des Geldes, das ich der Frau gab, ist in seine Tasche geflossen ... Als er anrief, erwähnte er das Grammophon. So wußte ich, daß er was entdeckt hatte. Ich traf ihn in der Halle des Waldorf-Hotels, und er sagte mir die Wahrheit. Es bestand kein Zweifel, daß er alles wußte. Er verlangte eine so unerhörte Summe, daß ich taumelte.«

Spotswood zündete mit ruhiger Hand eine Zigarette an.

»Mr. Markham, ich bin kein reicher Mann mehr. Tatsächlich stehe ich vor dem Bankerott. Die Fabrik, die ich von meinem Vater erbte, steht seit fast einem Jahr unter Geschäftsaufsicht. Das Besitztum auf Long Island, wo ich wohne, gehört meiner Gattin. Nur wenige Leute wissen das alles, aber es ist leider wahr. Es war vollkommen ausgeschlossen, daß ich die Summe, die Skeel forderte, auftreiben konnte, selbst, wenn ich bereit gewesen wäre, den Feigling zu spielen. Ich gab Skeel deshalb genug Geld, um ihm auf ein paar Tage den Mund zu stopfen, und versprach ihm alles, was er verlangte, sobald es mir gelänge, die Summe flüssig zu machen. Ich hoffte, in der Zwischenzeit der Platte habhaft zu werden und ihm so das Geschütz zu vernageln. Aber dies gelang mir nicht. Als er damit drohte, Ihnen alles zu verraten, willigte ich ein, das Geld Samstagabend in seine Wohnung zu bringen. Ich ging zu der Verabredung mit der festen Absicht, ihn zu töten. Ich war vorsichtig, als ich ins Haus eintrat; er hatte mir genau mitgeteilt, wie ich ungesehen passieren könne. Sobald ich da war, machte ich kurzen Prozeß. Im ersten Augenblick, als er nicht aufpaßte, packte ich ihn. Ich war sogar stolz auf meine Tat. Dann schloß ich die Tür ab, ging ganz offen aus dem Haus und kehrte hier in den Klub zurück.«

Vance sah ihn nachdenklich an und fragte: »Als Sie mich gestern abend übersteigerten, bedeutete diese Summe wohl einen beträchtlichen Teil Ihres Vermögens?«

Spotswood lächelte: »Die Summe stellte beinahe jeden Cent dar, den ich noch besitze.«

»Erstaunlich! Warum verwendeten Sie das Etikett von Beethovens Andante für Ihre Schallplatte?«

»Eine falsche Voraussetzung meinerseits«, gestand Spotswood betrübt. »Ich dachte mir, daß – falls jemand den Apparat öffnen sollte, bevor ich die Platte vernichten konnte – der Betreffende ein populäres Musikstück einem klassischen vorziehen würde.«

»Und ausgerechnet jemand, der populäre Musik nicht ausstehen kann, mußte die Platte finden! Ich glaube, Mr. Spotswood, ein ungünstiges Geschick waltete über Ihrem Spiel.«

»Ja ... Wenn ich religiös veranlagt wäre, dann würde ich etwas über die Vergeltung und Gottes Rache daherreden.«

»Ich muß Sie leider auch wegen des Schmuckes fragen«, sagte Markham. »Ich hoffe, das beleidigt Sie nicht.«

»Ich werde in keiner Frage, die Sie an mich richten, einen Grund zur Beleidigung sehen, Sir«, antwortete Spotswood verbindlich. »Nachdem ich meine Briefe an mich genommen hatte, brachte ich die Wohnung in Unordnung, um den Eindruck eines Raubmordes zu erwecken. Natürlich war ich vorsichtig genug, Handschuhe anzuziehen. Aus demselben Grund nahm ich den Schmuck mit ... Nebenbei: ich hatte den größten Teil davon selbst bezahlt. Ich bot den Schmuck Skeel als Bestechung an, aber er hatte Angst, ihn anzunehmen. Schließlich entschloß ich mich, die Juwelen loszuwerden. Ich wickelte sie in eine der Zeitungen des Klubs und warf das Paket in einen Abfallbehälter am Bügeleisenbau.«

»Sie haben die Sachen in den Morgen-›Herald‹ gewickelt«, fügte Heath hinzu. »Wußten Sie, daß Pop Cleaver nichts anderes liest?«

»Sergeant!« Vances Ton war eine schneidende Zurechtweisung. »Zweifellos wußte Mr. Spotswood dies nicht, sonst hätte er den ›Herald‹ nicht gewählt.«

Spotswood lächelte mitleidig und etwas verächtlich auf Heath herab. Nach einem anerkennenden Blick auf Vance wandte er sich wieder an Markham.

»Etwa eine Stunde nachdem ich mich des Schmuckes entledigt hatte, kam mir die Befürchtung, er könne gefunden und die Herkunft der Zeitung entdeckt werden. So kaufte ich einen anderen ›Herald‹ und steckte ihn in den Halter zurück.« Er hielt inne. »Ist das alles?«

Markham nickte. »Danke. Das ist alles. Außer daß ich Sie nun bitten muß, diese Beamten zu begleiten.«

»In diesem Fall«, sagte Spotswood ruhig, »möchte ich Sie um eine kleine Vergünstigung bitten, Mr. Markham. Nachdem das Gewitter über mich hereingebrochen ist, möchte ich meiner Frau schreiben. Und dazu wünsche ich allein zu sein. Sie werden diesen Wunsch verstehen. Es wird nur ein paar Augenblicke dauern. Ihre Leute können vor der Tür warten. Ich kann Ihnen ja nicht davonlaufen. Der Sieger kann es sich leisten, großmütig zu sein.«

Ehe Markham antworten konnte, trat Vance vor und berührte ihn am Arm.

»Ich bin überzeugt«, sagte er fürsprechend, »du wirst es nicht für notwendig halten, Mr. Spotswood diese Bitte abzuschlagen.«

»Du hast dir das Recht zu diktieren, redlich verdient«, sagte Markham schließlich.

Er befahl Heath und Snitkin, vor der Tür zu warten. Mr. Vance und ich gingen in das anstoßende Zimmer. Markham stand, wie ein Wachtposten, an der Tür. Vance aber schlenderte zum Fenster und sah hinaus.

»Wirklich, Markham«, erklärte er, »dieser Spotswood ist ein kolossaler Kerl. Ich bewundere ihn.«

Markham gab keine Antwort.

Die nachmittägliche Stadt dröhnte durch die geschlossenen Fenster in die verhängnisvolle Stille des Zimmers.

Ein Schuß fiel im Nebenzimmer.

Markham riß die Tür auf, Heath und Snitkin eilten herbei und bückten sich über Spotswoods Leiche.

Markham drehte sich wütend herum und funkelte Vance an. »Er hat sich erschossen!«

»Was du nicht sagst!« lächelte Vance.

»Du! Du hast gewußt, daß er das tun würde?« stieß Markham hervor.

»Es war vorauszusehen, denke ich.«

Markhams Augen sprühten.

»Und du bist absichtlich für ihn eingestanden?«

»Na, na, mein Lieber«, sagte Vance vorwurfsvoll, »ich bitte dich, laß dich nicht zu einer moralischen Entrüstung hinreißen! ... Wie unethisch es immer – wenigstens der Theorie nach – sein mag, einem anderen das Leben zu nehmen: mit seinem eigenen Leben kann jeder anfangen, was er will. Darauf hat jeder ein unverbrüchliches Recht.«

Er sah nach der Uhr und runzelte die Stirn.

»Sieh her, da hab ich mein Konzert verpaßt, während ich mich mit deinen verbiesterten Geschichten abplagte«, beschwerte er sich liebenswürdig und lächelte Markham verbindlich an. »Und du gibst mir Schelte! Wahrhaftig, alter Freund, sehr dankbar bist du grade nicht!«

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