Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > S. S. van Dine >

Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/dine/odell/odell.xml
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121119
projectida315a9d0
Schließen

Navigation:

Der Schuldige

Dienstag, 18. September, 1 Uhr nachmittags

Punkt eins am folgenden Tag traten Vance und ich in den Stuyvesant Club und trafen Markham im Grillroom.

»Ich hoffe, du hast bereits nach deinem gestrigen Pech zu sparen angefangen«, spöttelte Markham, als wir Platz genommen hatten.

Vance zog die Augenbrauen hoch.

»Pech? Ich bilde mir vielmehr ein, außerordentliches Glück gehabt zu haben.«

»Du hattest zweimal einen Poker in der Hand und hast zweimal damit verloren.«

»Aber paß auf«, gestand Vance sanft. »Diese beiden Male wußte ich doch genau, was für Karten meine Gegenspieler in der Hand hatten.«

Markham war sprachlos.

»Ja, natürlich«, versicherte Vance. »Ich hatte es im voraus eingerichtet, daß diese beiden Karten ausgegeben wurden.« Er lächelte gütig. »Mein lieber Alter, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich deinen Takt bewundere. Du hast mich nicht mal nach meinem seltsamen Gast, Mr. Allen, gefragt! Es war geschmacklos, diesen Herrn so ungefragt in dein Heim aufzubringen. Ich schulde dir eine Erklärung und eine Entschuldigung. Mr. Allen ist nicht grade, was man einen reizenden Herrn aus der Gesellschaft nennt. Ihm fehlen die patrizierhaften Feinheiten. Seine Schaustellung von Juwelen war ein bißchen vulgär, obschon ich persönlich seine Diamantknöpfe seiner scheckigen Binde unendlich vorziehe. Aber ›Doc‹ Allen hat seine ganz entschiedenen Lichtseiten ...«

»›Doc‹ Allen? Doch nicht der notorische alte Schurke, der die Eldorado-Spielhölle hatte?«

»Eben der! Der berühmte Glücksritter vom grünen Tisch und einer der geschicktesten Kartenkünstler, ein Meister in seiner einträglichen Profession.«

»Und dieser Bursche hat gestern die Karten manipuliert?«

Markham war sehr aufgebracht.

»Nur zweimal. Wie du dich entsinnst, gab Allen. Ich hatte mich absichtlich zu seiner Rechten gesetzt und hob nach seiner Vorschrift ab. Du mußt wirklich zugeben, daß gegen meine Täuschung kein Einwand erhoben werden kann, da ja Allens Fingerfertigkeit Cleaver und Spotswood zugute kam. Obschon mir Allen zweimal einen Poker zuschob, habe ich beide Male schwer damit verloren.«

Markham sah Vance lange an. Er wunderte sich über ihn. Dann lachte er auf.

»Du mußt ja gestern menschenfreundlich aufgelegt gewesen sein! Du hast Mannix beim Karten schneiden glatt tausend Dollar geschenkt, indem du ihn den Einsatz bei jedem Schnitt verdoppeln ließest. Ein etwas närrisches Verfahren, möchte ich behaupten!«

»Na, das hängt von der Einstellung ab. Trotz meiner Verluste war das Spiel höchst erfolgreich für mich. Ich habe nämlich mein Ziel erreicht ...«

»Ach, ja so ... Ich erinnere mich«, sagte Markham leichthin, als ob ihm diese völlig belanglose Sache entfallen wäre. »Du wolltest feststellen, wer die Odell erwürgte.«

»Glänzendes Gedächtnis! Ja, ich ließ die Andeutung fallen, daß ich das bis heute aufklären würde.«

»Nun? Wen darf ich verhaften?«

»Ich bin felsenfest überzeugt, daß du mir nicht glauben wirst«, erwiderte Vance trocken. »Es war Spotswood, der das Mädchen tötete.«

»Was du nicht sagst!« Markham sprach mit unverhohlener Ironie. »Spotswood?! Mein lieber Vance, das schmeißt mich glatt um. Ich werde sofort an Heath telefonieren, aber leider werden Wunder, zum Beispiel das Erwürgen von Personen von einem anderen Stadtteil aus, in unserem Zeitalter nicht für möglich gehalten.«

Vance mimte bittere Verzweiflung.

»Es ist wirklich hanebüchen, wenn ein gebildeter Mensch in dieser primitiven Weise an optische Täuschungen glaubt. Du kommst mir wie ein Kind vor, das annimmt, der Zauberer erzeugt tatsächlich das Karnickel in seinem Hut.«

»Nun wirst du auch noch beleidigend!«

»Scheint mir auch so«, bestätigte Vance liebenswürdig. »Aber drastische Maßnahmen sind angebracht.«

»Soll ich mir vielleicht vorstellen, wie Spotswood hier oben im Stuyvesant Club sitzt und seine Arme nach der 71. Straße hinüberreckt? Das bring ich nicht fertig.«

»Wenn du sie so auffaßt, erscheint die Sache gewiß übernatürlich. Und doch: in unserm Fall ist das Unmögliche wahr. Spotswood ist schuldig, darüber besteht kein Zweifel.«

Vance hatte mit jener Selbstsicherheit gesprochen, die Gegengründe von vornherein ausschließt. An Markhams verändertem Gesichtsausdruck konnte ich sehen, daß er lebhaft interessiert war.

»Erzähle mir doch, wie du zu dieser phantastischen Überzeugung gekommen bist!«

Vance drückte seine Zigarette aus und verschränkte die Arme.

»Fangen wir mit meinem Quartett an. Ich sah, daß das Verbrechen ausführlich geplant und vorbereitet war. Ich wußte, daß das einzige Ziel des Mörders der Mord selbst war, denn der Raub war Mache. Es war mir klar, daß der Schuldige nur jemand sein konnte, der hoffnungslos in die Netze der Frau verstrickt war. Mannix, Cleaver, Lindquist, Spotswood – einer von diesen vieren mußte also der Schuldige sein. Lindquist kam nicht mehr in Betracht, als wir herausfanden, daß er in der Nacht von Skeels Ermordung im Krankenhaus lag ...«

»Aber Spotswood hat doch«, unterbrach Markham, »ein ebensogutes Alibi für die Mordnacht.«

»Bedaure, ich kann da mit dir nicht übereinstimmen. Tatsächlich krank und schwach in einem Bette liegen, an einem neutralen Ort, umgeben von unbestechlichen Zeugen, und zwar in der Zeitspanne vor und nach der Tat, das ist eine Sache ... und tatsächlich kurz zuvor am Ort gewesen sein und in der folgenden Viertelstunde in einem Taxi, das ist eine andere Sache. Niemand, soweit wir wissen, hat die Odell am Leben gesehen, nachdem Spotswood weggegangen war.«

»Aber der Beweis, daß sie am Leben war, ist da.«

»Zugegeben: eine Tote schreit nicht und ruft nicht um Hilfe und spricht noch dazu mit ihrem Mörder.«

»Aha! Ich sehe«, sagte Markham sarkastisch, »du glaubst, es war Skeel, der seine Stimme verstellte ...«

»Himmel! Nein! Was für ein absurder Einfall! Skeel wollte ganz und gar nicht bemerkt werden. Warum sollte er so ein Meisterstück an Blödheit aufführen? Das ist gewiß nicht die Erklärung. Wenn wir die Antwort finden, dann wird sie sich als einfach und sinnvoll erweisen.«

»Wenigstens ein Trost!« lächelte Markham.

»Cleaver, Mannix und Spotswood standen noch unter Verdacht. Ich bat dich um einen Abend geselligen Beisammenseins, um diese drei Herren unter mein psychologisches Mikroskop zu nehmen. Obwohl Spotswood, schon seiner Abstammung nach, der Schuldige hätte sein müssen, gestehe ich, daß ich Cleaver oder Mannix für den Täter hielt. Jeder von diesen beiden hätte, ohne daß es den bekannten Umständen widersprach, das Verbrechen begehen können. Da Mannix gestern abend deine Einladung zum Poker ausschlug, stellte ich zunächst Cleaver auf die Probe. Ich funkte also Mr. Allen, und er vollbrachte sein erstes Kartenkunststück ... Du erinnerst dich, wie die Dinge standen? Es ging um einen hohen Pott. Allen gab Cleaver vier Karten zu einem Straight-Flush und zauberte mir drei Könige in die Hand. Die Karten der anderen waren so armselig, daß jedermann paßte. Ich eröffnete, und Cleaver ging mit. Beim Kartenkaufen händigte Allen mir den vierten König aus und versorgte Cleaver mit der nötigen Karte, so daß er seinen Straight-Flush machte. Ich bot zweimal niedrig, und Cleaver steigerte hoch. Schließlich forderte ich ihn auf aufzudecken, und er gewann natürlich. Er konnte gar nicht anders! Er setzte auf seine bombensichere Sache. Cleaver wußte das, und nachdem er einen Straight-Flush hatte, wußte er auch, ehe er mich steigerte, daß er mich geschlagen hatte. Mir war sofort klar, daß er nicht der Mann war, den ich suchte.«

»Weshalb?«

»Ein Pokerspieler, Markham, der auf eine Bombenkarte überbietet, besitzt nicht jenes egoistische Selbstvertrauen, das den subtilen, überlegenen Spieler auszeichnet. Er ist nicht der Mann, der angesichts geringer Chancen wagt, denn er ist bis zu einem gewissen Grad mit dem behaftet, was die Psychoanalytiker den Minderwertigkeitskomplex nennen. Kurz gesagt, er ist nicht der Spieler schlechthin, der unverfälschte, im letzten Sinn gültige Typus des Spielers. Der Mann jedoch, der die Odell tötete, war solch ein überlegener Spieler, einer, der alles auf eine einzige Drehung des Glücksrades setzt. Nur ein Spieler, der es verachten würde, auf eine Bombenkarte zu steigern, kann dieses Verbrechen begangen haben. Daher war Cleaver ausgeschaltet.«

Markham hörte nun gespannt zu.

»Die Probe, auf die ich Spotswood ein wenig später stellte«, fuhr Vance fort, »war ursprünglich Mannix zugedacht. Das machte aber nichts. Wenn ich imstande gewesen wäre, Cleaver und Spotswood auszuscheiden, dann wäre Mannix eben der Schuldige gewesen, und ich hätte dann etwas anderes gefunden, um die Feststellung zu erhärten ... Das Spiel, das Spotswood gegen mich spielte, hat er selbst hinreichend erklärt. Wie er wörtlich sagte, würde nicht ein Spieler unter tausend gegen ein so gutes Blatt und, nachdem er selber nichts in der Karte hatte, überboten haben. Es war der tollste Bluff, der je beim Pokern gemacht wurde. Ich mußte ihn restlos bewundern, als er so ruhig seine Spielmarken zur Mitte schob, denn ich wußte ja doch, daß er nichts in der Hand hatte. Du siehst, er setzte alles ein, lediglich auf seine Überzeugung, daß er meiner Kalkulation Schritt für Schritt folgen könne und mich dann letzten Endes doch überlisten würde. Dazu gehört Mut und ein außerordentlicher Grad von Selbstvertrauen. Die psychologischen Faktoren in diesem Kartenzweikampf sind mit denen des Verbrechens identisch. – Ich bedrohte Spotswood mit vorzüglichen Karten – genau so wie zweifellos das Mädchen Odell ihn bedrohte – und anstatt mich aufzufordern oder selbst zu passen – reichte er über mich hinaus und tat einen überlegenen Coup, obwohl dieser Coup alles aufs Spiel setzen hieß ...

Siehst du nicht, Markham, wie der Charakter dieses Mannes, so wie ihn dieses Spielergebnis offenbarte, genau in die Psychologie des Odell-Mordes hineinpaßt?«

Markham schwieg und dachte nach.

»Aber du selbst schienst nicht völlig befriedigt.«

»Sehr richtig, mein Lieber! Ich war maßlos verlegen. Der Beweis für Spotswoods Schuld kam unerwartet; ich hatte einfach nicht damit gerechnet. So hegte ich noch immer in bezug auf Mannix Zweifel. Es war rein theoretisch denkbar, daß er die Karten genau so gespielt hätte wie Spotswood. Deswegen wollte ich sehen, wie er reagierte.«

»Aber er setzte ja grade alles auf eine einzige Drehung des Glücksrads!«

»Stimmt wohl. Aber doch nicht in demselben Sinn wie Spotswood. Mannix ist im Vergleich zu Spotswood ein vorsichtiger Spieler. Von vornherein hatte er die gleiche Chance und das gleiche Gebot, während Spotswood eins gegen zwei setzte und überhaupt keine Chance hatte, denn seine Karten enthielten nichts. Spotswood wagte auf eine rein verstandesmäßige Berechnung hin. Das nenne ich in einer höheren Region spielen. Mannix warf lediglich ein Geldstück in die Luft in der Hoffnung, daß die Münze auf die richtige Seite fallen und gewinnen würde. Dazu braucht es keinerlei Berechnung, kein Planen, kein Wagen. Und wie ich dir von allem Anfang gesagt habe, der Mord an der Odell war vorüberlegt und wurde mit scharfsinniger Berechnung und überlegenem Wagemut durchgeführt. Und dann: welcher wirkliche Spieler wird denn den Einsatz bei jedem Spiel verdoppeln? Ich prüfte Mannix absichtlich in dieser Weise, um die Möglichkeit eines Irrtums auszuschließen. Ich erledigte ihn also, ich rottete ihn mit Stumpf und Stiel aus. Es hat mich tausend Dollar gekostet, aber es hat mein Gemüt von jedem Zweifel gereinigt. Ich wußte also, daß Spotswood allen Indizien zum Trotz den Kanarienvogel aus der Welt geschafft hat.«

»Theoretisch ist dein Fall plausibel, aber praktisch kann ich ihn nicht annehmen.« Ich spürte, daß Markham stärker beeindruckt war, als er zugeben wollte. »Hol's der Geier, Mann! Sieh dir doch die Tatsachen an! Wir wissen, daß das Mädchen aufschrie und ›Hilfe!‹ rief und redete, fünf Minuten nachdem Spotswood ihre Wohnung verlassen hatte. Er stand in Jessups Gegenwart an der Tür! Da war sie doch bestimmt noch am Leben! Und fünfzehn Minuten später traf er Judge Redfern, hier vor dem Klub, also vierzig Straßenblocks von dem Tatort entfernt. Es ist unmöglich, die Strecke in kürzerer Zeit zu fahren. Außerdem ist da die Aussage des Chauffeurs.

Spotswood hatte also weder Zeit noch Gelegenheit zum Mord zwischen halb zwölf und Mitternacht. Und dann spielte er mit Redfern bis um drei, also stundenlang, nachdem das Mädchen tot war ...«

Markham schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Vance, es ist nicht menschenmöglich, um diese Tatsachen herumzukommen. Sie sind erhärtet, Sie schließen Spotswoods Schuld so endgültig aus, als ob er in jener Nacht am Nordpol gewesen wäre.«

Vance blieb fest.

»Ich gebe das glatt zu. Aber wenn materielle Tatsachen mit psychologischen in Konflikt geraten, dann sind die materiellen Tatsachen falsch.«

Das war zuviel für Markhams überreizte Nerven.

»Vorwärts also! Zeige mir, wie Spotswood es zuwege gebracht hat, und ich werde ihn verhaften lassen.«

»Auf mein Wort, ich kann es nicht. Allwissenheit ward mir versagt. Aber, der Teufel soll's holen, ich habe gute Arbeit geleistet, indem ich den Schuldigen herausfand. Ich habe ja nicht seine Technik aufdecken wollen.«

»So! Deine hochgerühmte Intelligenz bringt dich nur bis dahin und nicht weiter! Schön und gut! Hier auf der Stelle erkläre ich nun, daß Doktor Crippen die Odell ermordet hat. Crippen ist zwar tot, aber das schert mich nicht im geringsten. Wie du einsehen wirst, deckt sich Crippens Charakter vollkommen mit den psychologischen Voraussetzungen des Verbrechens. Morgen werde ich um die Erlaubnis zur Ausgrabung seiner Leiche einkommen.«

Vance blickte Markham verschmitzt mit vorwurfsvollen Augen an. »Ich sehe, daß mein Verstand zu meinen Lebzeiten verkannt bleiben wird.« Er dachte eine Weile angestrengt nach. Dann, nach einem Blick auf die Uhr, sagte er: »Markham, ich geh um drei in ein Konzert. Ich habe eine Stunde Zeit. Ich möchte mir gern nochmals die Wohnung der Odell ansehen. Spotswoods Trick – ich bin überzeugt, daß es nichts als ein Trick war – wurde dort ausgeführt. Wenn wir die Erklärung finden wollen, dann müssen wir am Tatort nachspüren.«

Nach einem lauen Protest willigte Markham ein.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.