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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Eine Pokerpartie

Montag, den 17. September, abends

Gegen vier Uhr telefonierte Markham, daß er die nötigen Schritte getan habe, um den Abend mit Cleaver, Mannix und Spotswood zu arrangieren. Vance verließ sofort das Haus und kehrte erst kurz vor acht zurück. Sein Benehmen machte mich neugierig; er weigerte sich aber, mir nähere Erklärungen zu geben. Als wir dann ein Viertel vor neun auf die Straße traten, saß bereits ein mir Unbekannter im Wagen. Ich brachte ihn sofort mit Vances Ausfahrt in Verbindung.

»Ich habe Mister Allen eingeladen, uns heute abend Gesellschaft zu leisten«, geruhte Vance zu bemerken, als er uns einander vorstellte. »Du spielst leider nicht Poker, und so brauchen wir noch eine Hand, um die Partie interessant zu machen. Nebenbei, Mr. Allen ist ein alter Spielgegner von mir.«

Daß Vance ungefragt einen Gast in Markhams Heim mitbringen würde, erstaunte mich weniger als die Erscheinung dieses Fremden. Allen war kurz und gedrungen, seine Gesichtszüge scharf und klug, sein Haar war schwarz und glatt. Er hatte den Hut ein wenig schief auf und trug eine mit einem Muster weißer Vergißmeinnicht gezierte Smokingbinde und diamantbesetzte Knöpfe in der Hemdbrust, Der Kontrast zwischen ihm und Vance, der sich stets peinlich korrekt anzog, sprang stark ins Auge.

Cleaver und Mannix waren bereits anwesend, als wir in Markhams Salon eintraten. Ein paar Minuten später erschien Spotswood. Nachdem Markham vorgestellt hatte, saßen wir im Halbkreis um das Holzfeuer im offenen Kamin, rauchten und nippten ausgezeichneten Whisky-Soda. Markham hatte natürlich den ungebetenen Mr. Allen herzlich empfangen; aber seine gelegentlichen Seitenblicke auf ihn besagten, daß es ihm schwerfiel, die Erscheinung dieses Mannes mit Vances Bürgschaft in Einklang zu bringen.

Hinter der unechten Liebenswürdigkeit der kleinen Herrengesellschaft verbarg sich eine heimliche Spannung. Da saßen drei Männer, von denen jeder von den zwei andern wußte, daß auch sie an Margaret Odell interessiert gewesen waren. Markham allerdings gelang es, durch feinen Takt, die Betreffenden fühlen zu lassen, daß sie hier lediglich an der Diskussion eines abstrakten Problems teilnahmen. Er hoffe, sagte er, eine zwanglose Besprechung würde ihm vielleicht eine Anregung zur Aufklärung des Verbrechens geben. In diesem Sinne appellierte er durchaus freundlich an seine Gäste. Als er zu Ende gesprochen hatte, war die allgemeine Spannung beträchtlich gefallen.

In der darauffolgenden Erörterung war Cleaver bitter und machte sich selbst die schlimmsten Vorwürfe. Mannix gab sich aufdringlich offenherzig, war aber dabei ungemein vorsichtig und stets auf seine Rechtfertigung bedacht. Spotswood schien nur höchst ungern von der Sache zu reden; er antwortete höflich auf Markhams Fragen, aber es gelang ihm nicht ganz, seinen Groll darüber zu verhehlen, daß er in das Gespräch hineingezogen worden war. Vance beschränkte sich auf gelegentliche, stets an Markham gerichtete Bemerkungen. Allen saß heiter dabei.

Wenn Markham sich wirklich etwas von der Unterhaltung, die ja nur ein Vorwand war, versprochen hatte, wurde er schmählich enttäuscht. Als es gegen elf Uhr an der Zeit schien, die Rede auf die Partie Poker zu bringen, standen seinem Vorschlag keine Hindernisse entgegen. »Sein Ton war verbindlich und bescheiden, aber da er seine Einladung in Form einer persönlichen Bitte vorbrachte, hatte er praktisch die Möglichkeit einer Ablehnung vorweggenommen. Cleaver und Spotswood schienen beide diese Gelegenheit, einer unangenehmen Diskussion auszuweichen, aufrichtig zu bewillkommnen. Vance und Allen waren natürlich sofort bei der Sache. Mannix allein lehnte ab. Er erklärte, daß er das Spiel nur oberflächlich kenne, sprach aber den Wunsch aus, den Kiebitz zu spielen. Vance versuchte vergeblich, ihn umzustimmen. Markham befahl seinem Diener, den Tisch für fünf Spieler herzurichten.

Vance wartete, bis Allen Platz genommen hatte, und setzte sich dann rechts neben ihn. Cleaver saß links von Allen, Spotswood rechts von Vance. Dann kam Markham. Mannix zog seinen Stuhl in die Mitte hinter Markham und Cleaver.

skizze

Cleaver nannte als erster einen ziemlich mäßigen Mindesteinsatz. Spotswood schlug sofort höhere Einsätze vor. Vance ging noch höher, und als Markham und Allen ihm zustimmten, wurde sein Vorschlag angenommen.

Daß alle fünf Mann am Tisch ausgezeichnete Spieler waren, stellte sich, noch ehe zehn Minuten vergangen waren heraus. Zum ersten Male an diesem Abend schien Allen sich vollkommen behaglich zu fühlen.

Die ersten zwei Runden gewann Allen, Vance zog den dritten und vierten Pott. Eine kurze Weile neigte sich nun das Glück zu Spotswood. Dann zog Markham einen sehr hohen Pott, der ihn ins Vordertreffen stellte. Cleaver war bis dahin der einzig Verlierende; aber in der nächsten halben Stunde gelang es ihm, sich ziemlich zu erholen. Dann kam Vance stark vorwärts, aber nur, um seine Gewinnsträhne an Allen abzutreten. Nachher war für eine Weile das Glück ziemlich gleichmäßig verteilt. Später fingen Cleaver und Spotswood an, schwer zu verlieren. Gegen halb eins war das Spiel grimmig geworden, denn die Einsätze waren so hoch und das Überbieten ging so schnell, daß selbst für bemittelte Männer – wie es alle Mitspielenden zweifellos waren – die Summen, die ständig von Hand zu Hand gingen, sehr beachtenswerte Beträge darstellten.

Kurz vor ein Uhr, als das Spielfieber seinen Höhepunkt erreicht hatte, sah ich, wie Vance Allen einen Blick zuwarf, und sich mit dem Taschentuch über die Stirn fuhr. Einem Fremden würde dies vollkommen natürlich vorgekommen sein, mir aber waren seine Bewegungen so vertraut, daß ich sofort eine Absicht in dieser Geste erkannte. Zur gleichen Zeit bemerkte ich, daß Allen grade die Karten mischte, um zu geben. Offenbar kam ihm in diesem Augenblick ein wenig Rauch von seiner Zigarre ins Auge, er blinzelte, und eine. Karte fiel zu Boden. Er steckte sie rasch zurück, mischte nochmals und legte Vance den Pack zum Abheben vor.

Der Pott war schon mehrere Male stehen geblieben, und ein kleines Vermögen in Spielmarken lag auf dem Tisch, Cleaver, Markham und Spotswood paßten. Das Spiel stand bei Vance. Er eröffnete und setzte eine ungewöhnlich hohe Summe. Allen legte seine Karten weg. Cleaver ging mit. Markham und Spotswood paßten, so daß das Spiel zwischen Cleaver und Vance ausgetragen wurde. Cleaver kaufte eine Karte, und Vance verlangte zwei. Vance bot niedrig, und Cleaver überbot ihn beträchtlich. Daraufhin steigerte Vance Cleaver um eine kleine Summe. Cleaver überbot abermals sehr hoch. Vance zögerte und »sah« D. h. forderte ihn auf, seine Karten zu zeigen, was den Schluß der Partie bedeutete. ihn. Cleaver zeigte triumphierend seine Karten.

»Straight-Flush (d. h. eine Sequenz in derselben Farbe) bis zum Buben«, meldete er. »Haben Sie mehr?«

»Jetzt nicht mehr, nachdem ich zwei Karten verlangt habe«, sagte Vance bedauernd. Er zeigte die Karten, mit denen er das Spiel eröffnet hatte. Es waren ein Poker und vier Könige.

Ungefähr eine Stunde später nahm Vance abermals sein Taschentuch heraus und fuhr sich damit über die Stirn. Wiederum war es Allen, der Karten gab. Abermals stand ein sehr hoher Pott. Allen pausierte, um einen Schluck Whisky-Soda zu trinken und seine Zigarre anzuzünden. Dann, nachdem Vance abgehoben hatte, gab er.

Cleaver, Markham und Spotswood paßten. Vance eröffnete mit dem ganzen Betrag, der im Pott stand. Niemand außer Spotswood ging mit; das Spiel war ein Zweikampf zwischen Vance und ihm. Spotswood verlangte eine Karte, Vance keine, ein Augenblick atemloser Stille folgte. Alle verfolgten gespannt das Spiel. Vance und Spotswood saßen unbeweglich und unheimlich still. Keiner verriet auch nur das leiseste Anzeichen einer Erregung.

Vance hatte zu bieten. Ohne ein Wort zu sagen, rückte er eine Säule gelber Spielmarken in die Mitte des Tischs. Es war bei weitem das höchste Gebot, das den ganzen Abend gemacht wurde. Spotswood setzte eine ebenso hohe Säule daneben. Dann zählte er kühl und gewandt den Rest seiner Spielmarken, schob sie alle mit der flachen Hand gegen die Mitte und sagte ruhig: »Ich überbiete.«

Beinah unmerklich zog Vance die Schultern hoch und sprach: »Ich passe. Der Pott gehört Ihnen.« Er lächelte Spotswood freundlich an und deckte seine Hand auf, um seine Eröffnung zu zeigen. Er hielt die vier Asse.

»Schlag! Das ist gespielt!« rief Allen aus und kicherte.

»Gespielt?« echote Markham. »Wenn einer sich mit den vier Assen auf so einen Pott schon hinlegt?«

Auch Cleaver brummte sein Erstaunen, und Mannix spitzte mißbilligend den Mund.

»Ich meine es nicht beleidigend, Mr. Vance«, sagte er, »aber wenn ich dieses Spiel vom Geschäftsstandpunkt ansehe, dann muß ich sagen, Sie haben sich zu früh gelegt.«

Spotswood sah auf.

»Sie tun Mr. Vance unrecht, meine Herren«, sagte er. »Er hat perfekt gespielt. Daß er sich gelegt hat, sogar mit einer so hohen Karte wie vier Asse, ist durchaus korrekt.«

»Aber sicher ist es das!« stimmte Allen bei.

Spotswood nickte und wandte sich an Vance.

»Die gleiche Situation kehrt wohl kaum wieder. Ich werde sofort Ihre Neugier befriedigen. – Ich hatte nichts in der Hand.«

Spotswood legte seine Karten auf. Er hatte die Fünf, Sechs, Sieben, Acht in Treff und den Herzbuben dazu.

»Ich kann nicht behaupten, daß ich Ihrem Gedankengang folge, Mr. Spotswood«, gestand Markham. »Mister Vance hatte Sie geschlagen und verzichtete trotzdem?!«

»Betrachten Sie die Sachlage«, erwiderte Spotswood verbindlich. »Da ich mitging, obschon Mr. Vance mit einer so hohen Summe eröffnet hatte, ist es selbstverständlich, daß ich vier sehr aussichtsreiche Karten, und zwar vier aufeinanderfolgende der gleichen Farbe hatte. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich sagen, daß ich ein zu guter Spieler bin, um andernfalls mitgegangen zu sein. Nachdem ich jedoch meine fünfte Karte gezogen hatte, war die einzige Frage für Mr. Vance, ob mir mein Straight-Flush geglückt sei. Wenn nicht, dann rechnete er – und rechnete richtig –, daß ich ihn nicht noch auf sein hohes Gebot überboten hätte. Nicht ein Spieler unter tausend hätte in diesem Fall geblufft. Es wäre also falsch gewesen, wenn Mr. Vance sich nicht mit den vier Assen gelegt hätte, als ich ihn trotzdem überbot. Es stellte sich nun heraus, daß ich tatsächlich bluffte; aber das ändert an der Tatsache nichts, daß es korrekt und logisch war, wenn Mr. Vance sich legte.«

»Genau so verhält es sich«, stimmte Vance bei, »Mister Spotswood hat fraglos die psychologische Feinheit des Spiels um einen Bruchteil höher getrieben – er hat meinen Gedanken analysiert und ist dann mit seinem eigenen Denken noch einen Schritt weitergegangen.«

Spotswood akzeptierte das Kompliment mit einer leichten Verbeugung. Cleaver zog die Karten ein und begann zu mischen. Aber der Bann war gebrochen, und das Spiel wurde nicht wieder aufgenommen.

Irgend etwas jedoch schien Vance verwirrt zu haben. Lange saß er in Gedanken verloren da und beschäftigte sich stirnrunzelnd mit seiner Zigarette und seinem Whisky-Soda. Schließlich erhob er sich, ging zum Kamin und studierte ein Aquarell von Cezanne, das er Markham vor Jahren geschenkt hatte.

Als eine kleine Pause in der Unterhaltung eintrat, wandte er sich scharf um und sah Mannix an.

»Wie kommt es eigentlich, Mr. Mannix«, sagte er, »daß Sie nie Geschmack an Poker gefunden haben? Alle guten Gesellschaftsleute sind doch meines Erachtens Spieler.«

»Sicher sind sie das!« entgegnete Mannix. »Aber Poker, wissen Sie, liegt mir nicht recht. Ganz und gar nicht. Es ist zu wissenschaftlich. Es geht mir nicht schnell genug. Es ist nicht genug Murr dahinter. Meinem Tempo entspricht das Roulette. Als ich vorigen Sommer in Monte Carlo war, da ließ ich mehr Geld in zehn Minuten als alle die anwesenden Herren diesen ganzen Abend über hier verloren haben. Aber ich hatte Betrieb für mein Geld.«

»Dann nehme ich also an, daß Sie sich überhaupt nichts aus Karten machen?«

»Nicht um Spiele damit zu spielen.« Mannix wurde mitteilsam. »Ich habe nichts dagegen, auf eine einzelne Karte zu wetten. Aber nicht auf zwei unter dreien. Kartenschneiden, das ist mein Fall! Ich will meinen Spaß rasch haben.« Er schnipste mehrmals hintereinander mit den Fingern, um zu zeigen, wie rasch er seinen Spaß haben wollte.

Vance ging zum Tisch und nahm einen Pack Karten.

»Was sagen Sie zu einem einmaligen Schnitt um tausend Dollar?«

Mannix erhob sich sofort.

»Ihr Spiel!«

Vance reichte ihm die Karten, und Mannix mischte. Dann legte er die Karten hin und schnitt. Er hob eine Zehn auf. Vance schnitt und zeigte einen König.

»Schulde Ihnen tausend«, sagte Mannix mit nicht mehr Aufhebens, als ob es sich um zehn Cents gehandelt hätte. Vance wartete, ohne zu sprechen. Mannix sah ihn schlau an.

»Ich würde nochmals mit Ihnen schneiden. Für zweitausend diesmal. Ja?«

Vance zog die Augenbrauen hoch.

»Gedoppelt? ... Selbstverständlich!«

Er mischte und schnitt eine Sieben.

Mannix schlug eine Fünf auf.

»Macht dreitausend, die ich Ihnen schulde.«

»Möchten Sie nochmals verdoppeln, was?« fragte Vance. »Viertausend diesmal?«

Markham sah Vance verdutzt an, und über Allens Gesicht kam ein Zug gradezu possierlichen Staunens. Jeder der Anwesenden schien über das Angebot erstaunt, denn offenbar mußte Vance wissen, daß er Mannix unerhörte Chancen gab, indem er die ständige Verdoppelung des Einsatzes zuließ. Am Ende mußte er ja verlieren. Markham wollte grade protestieren, aber in diesem Augenblick nahm Mannix die Karten vom Tisch und fing an zu mischen.

»Viertausend! Es gilt!« stellte er fest, legte die Karten hin und schlug auf. Er harte die Karokönigin. »Na, diese Dame werden Sie nicht schlagen können.« Er wurde plötzlich jovial.

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte Vance und schnitt eine Drei.

»Wollen Sie weiterspielen?« fragte Mannix gutmütig.

»Es genügt. Danke.« Vance schien gelangweilt. »Viel zu aufregend für mich. Ich habe nicht Ihre Konstitution.«

Er ging zum Schreibtisch und schrieb einen Scheck auf tausend Dollar für Mannix aus. Dann wandte er sich an Markham und reichte ihm die Hand.

»Ich hatte einen kreuzfidelen Abend und so weiter ... Vergiß nicht, daß wir morgen zusammen Mittag essen. Ein Uhr im Klub. Es ist dir doch recht?«

Markham zögerte.

»Falls nichts dazwischen kommt.«

»Aber, mein Lieber, es darf eben nichts dazwischenkommen«, bestand Vance. »Du hast ja keine Ahnung, wie gespannt du darauf bist, mich zu sehen.«

Er war ungewöhnlich nachdenklich während der Heimfahrt. Als er mir gute Nacht sagte, sprach er:

»Ein einziges, sehr wichtiges Stück zu dem Rätsel fehlt noch. Solang wir das nicht finden, ist alles andere belanglos.«

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