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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Rekonstruktion des Verbrechens

Montag, den 17. September, 12 Uhr vormittags

Heath starrte Vance an, als wollte er ihm vor Bewunderung an die Gurgel springen. Markham aber brummte aus der Tiefe seines Sessels: »Ich wünschte, deine Inspirationen wären etwas hilfreicher. Diese Enthüllung bringt uns wieder auf den Ausgangspunkt zurück.«

»Ach, sei doch nicht so pessimistisch! Laß uns mit hellen Augen in die Zukunft blicken ... Willst du meine Theorie hören? Sie ist mit Möglichkeiten gradezu vollgepfropft.«

Vance machte es sich in seinem Sessel bequem.

»Skeel brauchte Geld, vermutlich für neue Seidenhemden. Nach seinem erfolglosen Versuch, es der Odell bei seinem Besuch eine Woche vor deren Tod zu entlocken, erschien er letzten Montag abend hier auf der Bildfläche. Er wußte, daß sie ausgegangen war, und beabsichtigte, sie zu erwarten, da sie sich wahrscheinlich geweigert hatte, ihn auf dem üblichen gesellschaftlichen Weg zu empfangen. Er wußte, daß der Seiteneingang nachts abgeriegelt war. Da er bei seinem Eintritt nicht gesehen zu werden wünschte, so heckte er den kleinen Plan aus, die Tür aufzuriegeln, während er anscheinend einen vergeblichen Besuch machte. Um halb zehn setzte er ihn in die Tat um. Nachdem ihm dies geglückt war, kehrte er zu einer beliebigen Zeit vor elf Uhr durch den Hintereingang ins Haus zurück und schloß sich in der Wohnung ein. Als die Odell mit einem Begleiter zurückkehrte, versteckte er sich geschwind in der Garderobe. Spotswood ging weg, und Skeel trat hervor. Die Odell, durch sein plötzliches Erscheinen erschreckt, schrie. Aber als sie ihn erkannte, sagte sie Spotswood, der an der Tür trommelte, daß nichts los sei. Spotswood fuhr weg und spielte Poker. Nun folgte eine finanzielle Auseinandersetzung zwischen Skeel und der Dame, vermutlich eine recht erregte Aussprache. Das Telefon klingelte dazwischen. Skeel nahm den Hörer ab und sagte, die Odell sei aus. Sie zankten sich weiter, bis plötzlich ein andrer Liebhaber in der Wohnung erschien. Skeel verbarg sich zum zweiten Male. Zu seinem Glück war er vorsichtig genug, sich einzuschließen. Natürlich lugte er durchs Schlüsselloch, um den Eindringling zu sehen.« Vance deutete auf die Garderobentür.

»Das Schlüsselloch liegt in einer Linie mit dem Sofa. Als der gute Tony nun durchguckte, da sah er etwas, das ihm das Blut in den Adern gerinnen machte. Der Neuangekommene, vielleicht mitten in einer Liebkosung, packte den Kanarienvogel bei der Gurgel und erwürgte ihn ... Stelle dir Skeels Empfindungen vor. Mich wundert nicht, daß er wie versteinert dahockte. Er dachte wohl, der Mann da draußen sei wahnsinnig. Der Täter muß ein kräftiger Kerl gewesen sein; Skeel aber war eher schmächtig und klein.

Vermutlich holte der Mörder dann die schwarze Dokumentenkassette aus dem Schrank, öffnete sie mit dem Schlüssel, den er dem Handtäschchen der Odell entnahm und steckte einen Stoß belastender Papiere zu sich. Dann fing er an, einen berufsmäßigen Raubmord zu inszenieren, Er zerschliß die Spitze am Abendkleid der Odell, streifte der Toten die Ringe und Armbänder ab, zerriß die Kette am Halsanhänger, kippte die Lampe um, durchstöberte die Schubladen, zerbrach den Spiegel, zerrte an den Draperien und so weiter ... Die ganze Zeit über starrte Skeel wie fasziniert durch das Schlüsselloch, atemlos vor Entsetzen und vor Angst, daß er entdeckt und seiner Liebsten nachgeschickt werden würde. Denn nun war er einwandfrei davon überzeugt, daß der Mann da draußen ein Tobsüchtiger sei. Die Zerstörung wurde immer weiter betrieben. Skeel konnte alles hören, selbst als die Vorgänge aus seinem Gesichtskreis verlegt wurden. Und er selbst saß da, gefangen wie eine Ratte in der Falle. Eine scheußliche Situation, was?«

Vance zündete sich eine neue Zigarette an.

»Weißt du, Markham, ich stelle mir vor, der schlimmste Augenblick in Skeels Leben war der, als der geheimnisvolle Störenfried die Garderobentür zu öffnen versuchte ... Kannst du dir ausmalen, wie erleichtert der Racker war, als der Mörder schließlich den Knauf losließ und weiterging?! Es ist ein Wunder, daß er nicht in Ohnmacht fiel. Aber das tat er nicht. Er lauschte, bis der Eindringling die Wohnung verließ. Dann, mit schlotternden Knien, von kaltem Schweiß bedeckt, kam er hervor und überschaute das Schlachtfeld.«

Vance blickte im Zimmer umher.

»Kein hübscher Anblick, was?

Und dort auf dem Sofa lag die Leiche. Das war das Schlimmste. Skeel schwankte hin, um sich die tote Odell anzusehen, und stützte sich dabei mit seiner rechten Hand auf die Tischplatte auf ... Daher stammt der Handabdruck, Sergeant ...

Plötzlich traf es Skeel wie ein Schlag. Da stand er, allein mit der Ermordeten. Seine Beziehungen zu dem Mädchen waren bekannt. Er war ein Einbrecher von Ruf. Wer würde an seine Unschuld glauben? Und obschon er vermutlich den Täter kannte und erkannt hatte, war er keineswegs in der Lage, den Vorfall zu erzählen. Alles sprach gegen ihn: sein Einschleichen, sein vergeblicher Besuch um halb zehn, seine Beziehung zu dem Mädchen, sein Leumund ... Ich frage dich, Markham, ob du ihm geglaubt hättest?«

»Frag mich das jetzt nicht«, gab Markham zurück. »Fahr lieber fort.«

»Von diesem Punkt an«, nahm Vance wieder das Wort, »verläuft meine Theorie nach ihrem eigenen Trägheitsgesetz. Skeel mußte in erster Linie sehen, unbemerkt davonzukommen.

Sein Leben war verscherzt, falls es ihm nicht gelang. Er hätte natürlich ungesehen durch die Seitentür entwischen können, aber dann hätte man diese Tür offen gefunden, und das, in Verbindung mit seinem Besuch um halb zehn, hätte ihn schwer belastet.

Er wurde sich andrerseits klar darüber, daß ihm nichts geschehen konnte, wenn es ihm gelang, sich aus dem Staub zu machen und die Tür hinter sich abzuriegeln. Hiermit konnte er sich sein einzig mögliches Alibi verschaffen, zwar ein negatives, aber er konnte damit rechnen, daß es mit Hilfe eines guten Rechtsanwalts vor Gericht genügen würde. Er fing an, mit rasender Geschwindigkeit zu denken. Wie konnte er diese Tür abriegeln ...?«

Vance stand auf und gähnte.

»Skeel mit seinem gerissenen Gaunerhirn ersann den Ausweg. Es mag sein, daß er stundenlang in diesen Gemächern herumging, ehe ihm der Plan einfiel. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er die Vorsehung mit einem gelegentlichen ›O mein Gott‹ anrief. Was die Idee mit der Pinzette anbetrifft, so neige ich zu der Annahme, daß sie ihm unmittelbar wie eine Erleuchtung kam. Der erfinderische Junge sah sich nervös nach irgendeinem anregenden Ding um. So erspähte er vermutlich die Pinzette auf dem Toilettentisch – es ist ja bekannt, daß keine Dame heutzutage ohne diesen Augenbrauenzupfer auskommen kann – und sofort war sein Problem gelöst. Er brauchte nur einen alten Trick neu anzuwenden.

Ehe Tony Skeel aber wegging, knackte er noch den Juwelenkasten auf, den der andre Besucher bereits mit dem Schürhaken verbogen hatte. Er fand jenen Brillantring, den er später zu versetzen suchte. Nun wischte er – wie er dachte – alle seine Handspuren aus, vergaß aber, den Türknauf innen in der Garderobe und das Konterfei seiner Hand auf der Tischplatte abzuwischen. Dann stahl er sich hinaus, sperrte innen hinter sich ab, steckte die Zupfzange in seine Westentasche und vergaß sie.«

Heath nickte wie ein Orakel.

»Auch der gescheiteste Gauner übersieht immer etwas.«

»Warum beschränken Sie Ihre Kritik auf die Gauner, Sergeant?« fragte Vance lässig. »Kennen Sie überhaupt jemanden auf dieser unvollkommenen Welt, der nicht immer was übersieht? Sogar die Polizei hat die Pinzette übersehen.«

Heath knurrte und zündete sich seine ausgegangene Zigarre wieder an.

»Was sagen Sie dazu, Mr. Markham?«

»Die Sachlage wird nicht viel klarer«, bemerkte Markham düster.

»Meine Theorie ist gewiß keine vollkommene Aufhellung«, gestand Vance. »Aber man kann doch bestimmte Folgerungen daraus ziehen. Zum Beispiel: Skeel kannte den Mörder, und sobald er sein Selbstvertrauen wiedergewonnen hatte, machte er sich sofort daran, Geld von ihm zu erpressen. Skeels Tod ist ein weiterer Beweis dafür, daß sich unser Unbekannter lästiger Personen auf einfache Art und Weise zu erledigen pflegt ... Außerdem trägt meine Theorie allen bekannten Indizien des Verbrechens Rechnung.«

»Ja, ja«, seufzte Markham, »sie erhellt alles bis auf den einzigen, allerwichtigsten Punkt, nämlich die Identität des Mörders.«

»Stimmt«, sagte Vance. »Wir wollen zum Essen gehen.«

Nach Tisch nahm Markham den Fall wieder auf.

»Der Verdacht scheint sich auf Cleaver und Mannix zu verdichten.«

»Ja ...« pflichtete Vance bei. Er schlürfte stirnrunzelnd seinen Mokka. »Mein Quartett schrumpft zusammen, und das paßt mir gar nicht. Das Denken hat keinen Spielraum, wenn man nur zwei Möglichkeiten zur Wahl hat. Einer von dem Quartett ist schuldig. Dabei wollen wir bleiben! Aber Spotswood kann es nicht gewesen sein und Lindquist auch nicht ... Zwei von vier macht zwei ...« Er hielt sich die Schläfen. »Ach! Ich will mein Quartett wiederhaben!«

»Ich befürchte, du wirst dich mit zweien begnügen müssen!« erwiderte Markham müde. »Einer kommt nicht in Betracht, und einer liegt krank im Bett. Wenn es dir Spaß macht, kannst du ihm ja Blumen ins Spital schicken.«

»Einer liegt im Bett«, wiederholte Vance. »Ja ... jawohl ... das ist sicher ... Und eins von vier macht drei ... drei!« Er starrte zum Fenster hinaus und rauchte. Nach einer Weile fragte er: »Markham! Wäre es schwierig für dich, Mannix, Cleaver und Spotswood auf einen Abend – sagen wir heute abend – in deine Wohnung einzuladen?«

Markham stellte seine Tasse hin.

»Was ist das für eine neue Harlekinade?«

»Schäm dich, mein Lieber. Antworte mir auf meine Frage.«

»Natürlich könnte ich das arrangieren«, erwiderte Markham zögernd.

»Die Herren würden es wohl nicht wagen, dir so eine Einladung abzuschlagen, nicht wahr?«

»Ich glaube kaum.«

»Und wenn sie alle in deinen Gemächern versammelt sind, dann würden sie wohl nichts dabei finden, wenn du ihnen ein paar Runden Poker vorschlügest?«

»Kaum«, sagte Markham, durch diesen erstaunlichen Vorschlag in die Enge getrieben. »Cleaver und Spotswood spielen beide. Und Mannix kennt zweifellos das Spiel. Aber warum Poker? Meinst du das ernst?«

»Verteufelt ernst.« Vances Ton ließ keinen Zweifel aufkommen. »Die Pokerpartie wäre der Zweck des Ganzen ... Neun Zehntel im Poker ist Psychologie. Wenn einer das Spiel versteht, dann kann er in einer Stunde am grünen Tisch mehr über die innere Natur eines Menschen erfahren als während eines Jahres im gelegentlichen Verkehr. Du hast mich ausgelacht, weil ich behauptete, ich könne dich zum Urheber eines Verbrechens führen, nachdem ich die Faktoren der Tat analysiert hätte. Aber selbstverständlich muß ich den Mann, zu dem ich dich führen soll, kennen. Sonst kann ich ja nicht sagen, ob sich die psychologischen Gelegenheiten der Tat mit dem Charakter des Schuldigen decken. Ich weiß, was für ein Mensch der Mörder der Odell und Tony Skeels ist. Aber ich bin nicht genügend mit den Verdächtigen bekannt, um mit dem Finger auf den Schuldigen deuten zu können. Ich hoffe jedoch, nach einer Partie Poker imstande zu sein, ihn dir zu nennen.«

Markham sah ihn staunend an. Er wußte, daß Vance ein vortrefflicher Pokerspieler war und eine unheimliche Kenntnis der Spielerpsychologie besaß; aber er war doch verblüfft durch Vances Behauptung, er könne auf diese Weise den Mörder der Odell entdecken.

»Verdammt«, brummte er, »der Plan kommt mir verrückt vor ... wenn du wirklich diese Pokerpartie wünschst, dann habe ich nichts dagegen einzuwenden. Aber ich sage dir im voraus: es ist heller Unsinn!«

»Ah was!« sagte Vance. »So eine kleine Abendunterhaltung wird uns nichts schaden.«

»Aber warum hast du Spotswood eingeschlossen?«

»Ich habe selbst keine Ahnung. Er gehört nun mal zu meinem Quartett. Und wir brauchen noch einen vierten Spieler.«

»Aber verlange nachher nicht, daß ich ihn wegen Mords einsperren soll. Ich muß da einen Strich ziehen. So sonderbar dies deinem Laiengemüt scheinen mag, ich würde ungern ein Verfahren gegen einen Mann einleiten, von dem ich weiß, daß er das Verbrechen unmöglich begangen haben kann.«

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