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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Vance demonstriert

Montag, 17. Sept., 11½ Uhr vormittags

Eine halbe Stunde später betraten wir vier das Haus in der 71. Straße. Spively saß am Klappenschrank und sah uns ängstlich an. Als Vance ihm liebenswürdig vorschlug, zehn Minuten lang um das Straßenviertel zu gehen, war er sehr erleichtert und machte sich schleunigst aus dem Staub.

Der Schutzmann vor der Wohnungstür der Odell salutierte.

»Wie steht's?« fragte Heath. »Besuch dagewesen?«

»Nur einer. Ein Herr, der sagte, er hätte den Kanarienvogel gekannt und wünschte die Wohnung zu sehen. Ich sagte ihm, er müsse eine Erlaubnis von Ihnen oder vom Polizeichef haben.«

»Vollkommen richtig«, sagte Markham, und dann zu Vance: »Vermutlich Spotswood, der arme Teufel!«

»Sicher«, murmelte Vance vergnügt. »Ein treuer Verehrer. Ja, die Romantik ... es rührt einen.«

Heath entließ den Beamten auf eine halbe Stunde, wir waren allein.

»Zur Sache!« sagte Vance vergnügt.

»Ich bin überzeugt, Sergeant, daß sie eine Schalttafel bedienen können. Seien Sie so freundlich, Spivelys Rolle zu spielen. Aber erst riegeln Sie, bitte, diese Seitentür gewissenhaft ab.«

Heath schmunzelte gutmütig. Er legte den Zeigefinger geheimnisvoll auf die Lippen, und wie ein Detektiv in einer Burleske schlich er geduckt und auf den Zehenspitzen den Hausflur hinunter. Nach einer Minute kam er zurück, den Finger noch auf den Lippen, lugte geheimnisvoll umher und flüsterte Vance ins Ohr: »Pst! Die Tür ist verriegelt. Grrr – – –« Er setzte sich an die Schalttafel. »Wann geht der Vorhang hoch, Mr. Vance?«

»Er ist schon oben.« Vance ging auf Heaths ulkige Laune ein. »Passen Sie auf. Es ist halb zehn, Montag nacht. Sie sind Spively. Nicht ganz so elegant und leider ohne Schnurrbärtchen, aber immerhin, Sie sind Spively. Und ich bin Tony Skeel in Gala. Bilden Sie sich bitte ein, ich trage gelbe Handschuhe und ein gefälteltes Seidenhemd. Mr. Markham und Mr. Van Dine stellen das Publikum dar. Und, apropos, Sergeant, geben Sie mir einen Schlüssel zur Wohnung der Odell; wie Sie wissen, besaß Skeel einen.«

Heath brachte den Schlüssel zum Vorschein und händigte ihn, noch immer grinsend, Vance ein.

»Noch eine Bühnenbemerkung«, fuhr Vance fort. »Sobald ich zum Haupteingang hinaus bin, müssen Sie genau drei Minuten warten, und dann kommen Sie und klopfen an der Wohnung des weiland Kanarienvogel.«

Er schlenderte zur Haupttür, wandte sich um und kam auf die Telefonnische zu. Markham und ich standen hinter Heath.

»Auftritt Mister Skeel«, meldete Vance. »Vergessen Sie nicht, es ist Montag nacht halb zehn!« Dann, als er zum Telefontisch trat: »Teufel noch eins! Sie haben ja ihr Stichwort vergessen, Sergeant! Sie hätten ja nun sagen müssen, daß Miß Odell ausgegangen ist. Aber das macht nichts, Mr. Skeel geht weiter ... So ... bis zur Tür der Wohnung ...«

Er ging an uns vorüber, wir hörten, daß er schellte. Nach einer kurzen Pause klopfte er an, dann kam er zurück.

»Ich sehe, Sie hatten recht«, zitierte er Skeels Worte, wie sie Spively überliefert hatte, ging vorüber und zum Hauptausgang hinaus. Er trat auf die Straße und wandte sich gegen den Broadway.

Wir warteten genau drei Minuten. Keiner von uns sprach ein Wort. Dann stand Heath auf und eilte zur Tür der Wohnung. Markham und ich folgten ihm auf den Fersen. Als Heath anklopfte, wurde die Tür von innen geöffnet. Vance stand auf dem kleinen Vorplatz.

»Ende des ersten Aktes«, grüßte er uns lustig. »Auf diese Weise hat Tony Skeel das Boudoir der Dame Montag abend betreten, ohne daß der Telefonist es merkte.«

Heath machte kleine Augen, sagte aber nichts. Dann drehte er sich geschwind herum und sah den Korridor zur Seitentür hinunter. Der Riegelgriff stand vertikal, was anzeigte, daß der Bolzen umgedreht und die Tür aufgesperrt worden war. Heath betrachtete die Tür einige Augenblicke lang, sah nach dem Telefontisch zurück und stieß plötzlich einen Freudenschrei aus.

»Sehr gut, Mr. Vance! Sehr gut. Das war leicht. Nachdem Sie geschellt hatten, sind Sie schnell den kleinen Korridor hinuntergelaufen und haben den Riegel 'rumgedreht. Nachher, als Sie ein paar Schritte nach dem Broadway gegangen waren, kreuzten Sie die Straße zweimal, kamen vom Hof her und gingen hinter unserm Rücken herein.«

»Einfach, was?« stimmte Vance bei.

»Sicher«, sagte der Sergeant geradezu geringschätzig. »Aber damit haben Sie noch nichts erreicht. Das Wiederabriegeln, das ist die Schwierigkeit! Der ›Stutzer‹ könnte – wohlverstanden, er könnte – so 'reingekommen sein. Aber er hätte nicht ohne fremde Hilfe die Tür wieder versperren können. Und sie war am nächsten Morgen verriegelt!«

Vance lächelte. »Der Vorhang zum zweiten Akt geht in die Höhe.«

Er führte uns in den allgemeinen Empfangsraum. Ein Blick auf den Grundriß wird die Anordnung sofort erklären. Dieser Raum lag, wie man sieht, hinter der Treppe; entlang seiner Rückwand verlief der Korridor zur Seitentür.

Vance bat uns, Platz zu nehmen. »Sie werden so gut sein, sich hier auszuruhen, bis Sie mich klopfen hören.«

skizze

West 71. Strasse

Er verschwand um die Ecke in den Korridor.

Heath rutschte auf seinem Stuhl hin und her und sah Markham mit einem besorgt fragenden Blick an.

»Glauben Sie, Sir, daß er die Karre schmeißt?«

»Ich ahne nicht, wie.« Markham zuckte die Achseln. »Aber wenn er es bewerkstelligt, dann ist Jessup unschuldig.«

»Ich mach mir keinen Kummer«, erklärte Heath. »Mr. Vance weiß einen Haufen. Er hat Ideen, aber wie er ... Zum Teufel!«

Ein dreimaliges lautes Pochen an der Seitentür unterbrach ihn. Wir sprangen auf und eilten um die Ecke. Der kleine Korridor war leer. Wir bemerkten sofort, daß der Riegelgriff horizontal stand. Die Tür war abgesperrt,

Heath war sprachlos. Er eilte zur Tür, aber er machte sie nicht sofort auf. Er kniete nieder und inspizierte die Riegelvorrichtung. Dann zückte er sein Taschenmesser und zwängte die Klinge in die Ritze zwischen Tür und Türrahmen. Die Spitze der Klinge stieß auf die innere Fuge des Rahmenbalkens auf, die Schneide traf kratzend auf den Drehbolzen. Es bestand kein Zweifel, der Eichenrahmen und die Klamme der Riegelvorrichtung waren solid und tadellos intakt; der Drehbolzen saß fest. Heath jedoch war immer noch nicht überzeugt. Er rüttelte heftig am Türknauf. Die Tür hielt stand. Schließlich öffnete er. Vance stand im Hof, gleichgültig rauchend, und studierte die Backsteinarbeit an der Mauer.

»Da schau mal her, Markham!« sagte er. »Diese Mauer muß sehr alt sein. Sie ist gebaut worden, als man noch viel Zeit hatte. Der schönsinnige Maurer hat die Backsteine im flämischen Bund gelegt anstatt im laufenden oder gestückten Bund unserer Tage. Und ein bißchen weiter oben« – er deutete gegen den Hinterhof – »ist ein Reihenschluß und ein Schachbrettmuster, sauber und hübsch, viel gefälliger als der bekannte englische Kreuzband. Und die Mörtelfugen sind alle mit der Kelle V-förmig ausgeglättet, stell dir das vor!«

Markham war wütend.

»Hol's der Geier, Vance! Ich bau doch keine Backsteinmauern! Was ich wissen will, ist, wie du hier rausgekommen bist und hinter dir die Tür verriegelt hast!«

»Ach, das!« Vance trat seine Zigarre aus und ging wieder ins Haus hinein. »Ich machte lediglich ein wenig Gebrauch von einem klugen Verbrechermechanismus. Er ist sehr einfach, wie überhaupt alle effektiven Vorrichtungen auf dieser Welt einfach sind ... Sieh dir das an!«

Er zog eine kleine Pinzette aus der Tasche. Ans Ende dieser Pinzette war ein anderthalb Meter langer roter Bindfaden geknüpft. Er zwängte die Pinzette auf den vertikal gestellten Riegelgriff und drehte diesen dann ein wenig nach links.

skizze

Dann legte er den Bindfaden unter die Türritze, so daß ein dreißig Zentimeter langes Ende über die Schwelle hinausreichte. Er trat hinaus und schloß die Tür. Die Pinzette hielt den Riegelgriff fest, die Schnur fiel direkt auf den Fußboden und verschwand unter der Tür.

Wir drei beobachteten den Griff mit größter Aufmerksamkeit. Die Schnur spannte sich allmählich, während Vance von draußen vorsichtig zupfte. Dann begann der Zug nach unten langsam, aber sicher den Riegelgriff umzudrehen.

Als der Bolzen vorgeschoben war und der Griff horizontal stand, kam ein kleiner Ruck an der Schnur. Die Pinzette löste sich und fiel lautlos auf den Teppich. Während die Schnur dann von außen angezogen wurde, verschwand die kleine Zupfzange in der Ritze zwischen Tür und Schwelle.

»Kindisch, was?« bemerkte Vance, als Heath ihn wieder eingelassen hatte. »Gradezu albern, nicht wahr? Und doch, mein teurer Sergeant, das ist die Art und Weise, wie der selige Tony diesen Ort Montag nacht verlassen hat ... Aber lassen Sie uns in die Wohnung eintreten, dann werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Ich sehe, daß Mr. Spively von seiner Promenade zurück ist, so kann er seinen Telefonistenposten wieder übernehmen und uns für eine kleine Plauderei freilassen.«

»Wann hast du dir denn diesen Hokuspokus mit der Pinzette und dem Bindfaden ausgedacht?« fragte Markham, sobald wir im Wohnzimmer der Odell Platz genommen hatten.

»Ich habe mir überhaupt nichts Derartiges ausgedacht«, antwortete Vance gleichgültig. »Es war Tony Skeels Idee. Ein kluger Junge, was?«

»Weiter, weiter!«

Markhams Geduld war zu Ende. »Wie kannst du denn das wissen?«

»Ich fand den Apparat gestern in seiner Frackweste.«

»Wie!« rief Heath kampfwütig. »Sie haben das gestern während der Durchsuchung aus Skeels Zimmer mitgenommen und nichts davon gesagt?«

»Ich nahm es erst, nachdem Ihre Frettchen das Ding übersehen hatten. Ich bin überhaupt erst über die Kleider dieses Ehrenmannes gegangen, nachdem Ihre erfahrenen Spürnasen und Schnupperer sie inspiziert und die Garderobentür wieder zugemacht hatten. Es stak in der weißen Weste. Sie wissen ja, daß Skeel seinen Frack trug in der Nacht, als die Odell aus dem Leben schied. Als ich die kleine Pinzette fand, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was sie bedeutete. Ich konnte mir nicht denken, daß Tony Skeel sich die Augenbrauen auszupfte. Und selbst wenn er diese Gewohnheit gehabt hätte, warum dann der Bindfaden? Diese Zupfzange ist ein delikates kleines Ding aus Gold, genau so was konnte die Odell benutzt haben. Letzten Montag nun hatte ich hier ähnliche Toilettengegenstände bemerkt, sie lagen in einer Schale aus Japanlack auf dem Frisiertisch nebenan im Schlafzimmer. Aber das war nicht alles.«

Er deutete auf den Papierkorb neben dem Schreibtisch, in dem ein großer Bausch zusammengeknülltes Einpackpapier lag ...

»Ich bemerkte außerdem dieses Einpackpapier mit dem Firmenaufdruck eines bekannten Geschenkladens in der Fifth Avenue. Als ich heute früh in die Stadt runterging, trat ich in den Laden ein und erfuhr, daß dieses Geschäft rote Paketschnur verwendet. Daraus schloß ich, daß Tony Skeel die Pinzette und den Bindfaden letzten Montag hier mitgenommen hatte ... Die Frage war nur die, warum sollte er sich die Zeit damit vertrieben haben, den roten Bindfaden an den goldenen Augenbrauenzupfer zu knüpfen? Ich gestehe mit jungfräulicher Bescheidenheit, daß ich keine Antwort finden konnte. Aber als Sie dann, Sergeant, von Jessups Verhaftung erzählten und solchen Nachdruck auf die Wiederabriegelung der Seitentür legten, da hob sich der Nebel, die Sonne schien, und die Vögel sangen ...«

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