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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Eine Verhaftung

Sonntag, 16., und Montag, 17. September

Die Nachforschungen über Skeels Tod wurden mit großem Eifer betrieben. Doktor Doremus erschien prompt und stellte fest, daß Skeel zwischen zehn Uhr und Mitternacht erwürgt worden war. Vance bestand darauf, daß die vier Kavaliere der Odell sofort befragt werden sollten, wo sie sich während dieser zwei Stunden aufgehalten hatten. Markham pflichtete bei und beauftragte Heath mit der Sache, der sofort vier Beamte zu diesen Feststellungen entsandte.

Detektiv Mallory, der den Ermordeten am Abend vor der Tat beobachtet hatte, wurde wegen möglicher Besuche bei Skeel befragt. Da aber in dem Haus nicht weniger als zwanzig Leute wohnten, die zu allen möglichen Stunden aus und ein gingen, konnte man auf diesem Weg keinerlei Auskunft bekommen. Skeel war gegen zehn Uhr nach Haus gekommen und seitdem nicht wieder erschienen: mehr wußte Mallory nicht.

Die Vermieterin war durch die Tragödie plötzlich nüchtern geworden, bestritt jede Kenntnis, erklärte, sie habe »krank« auf ihrem Zimmer gelegen, und zwar seit dem gestrigen Nachmittag, bis wir ihren Morgenschlaf gestört hatten. Die Haustür war niemals verschlossen, da die Untermieter von einer so überflüssigen Unbequemlichkeit nichts wissen wollten.

Die Hausbewohner wurden vernommen, aber das Verhör führte zu keinem Ergebnis. Sie gehörten zu jenen Leuten, die der Polizei nur ungern Angaben machen. Es hatte auch nicht den Anschein, daß sie etwas von der Sache wußten.

Die Fingerabdruckspezialisten nahmen eine gewissenhafte Inspektion des Raumes vor, fanden jedoch, außer Skeels eigenen, keine Abdrücke. Eine gründliche Untersuchung der Sachen des Ermordeten nahm zwei Stunden in Anspruch, ergab aber nichts, was das Geheimnis des Mordes aufklären half. Unter den Bettkissen wurde ein voll geladener Revolver entdeckt, in einer hohlen Vorhangstange fanden sich elfhundert Dollar in großen Scheinen. Unter einer losen Fußbodenbohle im Vorplatz kam der vermißte Kaltmeißel mit der Scharte zum Vorschein. Um vier Uhr nachmittags wurde der Raum mit einem Vorhängeschloß abgesperrt und unter Bewachung gestellt.

Markham, Vance und ich waren ein paar Stunden am Tatort geblieben. Markham hatte die Hausgenossen Skeels persönlich verhört. Vance verfolgte die Tätigkeit der Kriminalpolizei mit großem Eifer, an der Durchsuchung nahm er sogar persönlich teil. Besonders schien ihn Skeels Frack zu interessieren, er untersuchte ihn ganz genau. Heath schielte von Zeit zu Zeit nach ihm hin, aber aus seinem Gesicht war auch der letzte Rest Spott verschwunden.

Um drei Uhr ging Markham weg, nachdem er Heath gesagt hatte, daß er für den Rest des Tages im Stuyvesant Club zu finden sei. Vance und ich fuhren mit ihm. Wir hatten ein verspätetes Mittagsmahl im leeren Grillroom.

»Diese Skeel-Episode schlägt dem Faß den Boden aus«, sagte Markham verzweifelt, als der Mokka serviert war.

»Keineswegs«, antwortete Vance. »Sie errichtet vielmehr eine neue Säule zum Aufbau meiner schwindelerregenden Theorie.«

»Ja, deine Theorie! Sie ist das letzte, was uns überhaupt noch geblieben ist.« Markham seufzte. »Heut morgen hat sie sich als absolut richtig erwiesen ... Es war erstaunlich, wie richtig du tipptest, als Skeel nicht erschien.«

Vance widersprach.

»Du unterschätzest meine kleine, etwas aufgeregte Schaustellung ... Ich nahm an, daß der Mörder der Odell von Skeels Anerbieten wußte. Dies Anerbieten war offenbar nur eine Drohung von Seiten Skeels, sonst hätte er nicht die Verabredung erst auf den folgenden Tag angesetzt. Zweifellos rechnete Skeel damit, das Opfer seiner Erpressung würde mittlerweile gefügig werden. Das in der hohlen Vorhangstange versteckte Geld läßt darauf schließen, daß er den Mörder des Kanarienvogels schröpfte. Vermutlich wurde ihm eine weitere Summe verweigert, gerade ehe er dir gestern telefonierte. So erklärt es sich, warum Skeel die ganze Zeit sein Wissen für sich behielt.«

»Damit kannst du recht haben. Aber nun sind wir noch schlimmer dran als zuvor, denn wir haben nicht einmal mehr den Skeel, um uns den Weg zu weisen.«

»Wenigstens war der Missetäter gezwungen, ein zweites Verbrechen zu begehen, um die Spuren der ersten Tat zu verdecken. Das ist schon was. Und wenn wir erst erfahren, was die Liebhaber des Kanarienvogels gestern nacht zwischen zehn und zwölf taten, dann werden wir wohl einen Wink bekommen. Wann dürfen wir denn diese Mitteilungen erwarten?«

»Es hängt davon ab, ob Heaths Leute Glück haben. Heut abend, wenn alles gut geht.«

Es war halb acht, als Heath seinen Rapport durchtelefonierte. Wieder hatte Markham eine Niete gezogen. Doktor Lindquist hatte am vorhergehenden Nachmittag einen Nervenzusammenbruch erlitten und lag im Hospital, und zwar unter Aufsicht von zwei prominenten Ärzten, an deren Wort sich unmöglich zweifeln ließ. Diese Feststellung schloß den Doktor von jeglicher Teilnahme an der Ermordung Skeels aus.

Mannix, Cleaver und Spotswood konnten kein befriedigendes Alibi nachweisen. Sie waren nach ihren Angaben alle drei am vorigen Abend wegen des schlechten Wetters zu Haus geblieben. Mannix und Spotswood gaben an, sie seien in den frühen Abendstunden ausgegangen, erklärten jedoch, vor zehn Uhr heimgekehrt zu sein. Mannix wohnte in einem Hotel, und es war sehr unwahrscheinlich, daß ihn jemand in der überfüllten Eintrittshalle hätte aus und ein gehen sehen. Cleaver hatte eine Privatwohnung in einem kleinen Haus, wo weder ein Hausmeister noch sonstige Angestellte seine Bewegungen beobachten konnten. Spotswood wohnte im Stuyvesant Club, und da seine Zimmer im dritten Stock lagen, benutzte er den Fahrstuhl selten. Außerdem hatte am vorigen Abend im Klub eine politische Veranstaltung mit Tanz stattgefunden, und er hätte nach Belieben ein dutzendmal gehen und kommen können, ohne bemerkt zu werden.

»Nicht sehr aufschlußreich«, sagte Vance, als Markham uns die Auskunft weitergab. –

»Lindquist scheidet auf alle Fälle aus.«

»Vollkommen. Und dies reinigt ihn auch von dem ersten Mordverdacht, denn diese beiden Fälle ergänzen einander. Die zweite Tat war lediglich eine Folge der ersten.«

Markham nickte.

»Klar! Jedenfalls bin ich darüber hinaus, dir zu widersprechen. Ich werde mich für eine Weile deiner Auffassung anschließen und sehen, was dabei herauskommt.«

»Es wird nichts dabei herauskommen, wenn wir nicht das Ergebnis erzwingen. Der Bursche, mit dem wir zu tun haben, hat wahrhaftig Grütze im Kopf.«

Während er sprach, war Spotswood eingetreten und sah sich um, als suche er jemanden. Als er Markham erblickte, kam er mit fragender Miene auf ihn zu:

»Verzeihung, wenn ich störe!« entschuldigte er sich bei Markham, während er Vance und mir liebenswürdig zunickte. »Heute nachmittag war ein Beamter bei mir und erkundigte sich nach meinem Aufenthalt gestern nacht. Es kam mir sonderbar vor, beschäftigte mich aber nicht weiter, bis ich zufällig den Namen Tony Skeel in der Überschrift eines Extrablattes sah und las, daß er erdrosselt worden ist. Ich erinnerte mich, daß Sie mich nach einem Mann dieses Namens fragten; besteht hier vielleicht eine Verbindung, so daß ich doch noch in die Sache reingezogen werde?«

»Nein, ich glaube nicht«, sagte Markham. »Es besteht die Möglichkeit, daß die beiden Verbrechen zusammenhängen, und nach dem Schema der Dienstvorschrift hatte ein Beamter alle näheren Freunde von Miß Odell zu befragen, für den Fall, daß sich etwas von Belang herausstellen könnte. Sie brauchen der Sache weiter keine Beachtung zu schenken. Ich hoffe«, fügte er hinzu, »daß der Beamte nicht unangenehm aufdringlich war.«

»Durchaus nicht.« Spotswoods beunruhigte Miene verschwand. »Er war sehr höflich, tat nur ein bißchen geheimnisvoll ... Wer war dieser Skeel eigentlich?«

»Ein Halbwelttyp. Früherer Einbrecher. Er hatte einen gewissen Halt an Miß Odell. Ich glaube, er bezog Geld von ihr.«

»So ein Kerl verdient das Schicksal, das ihn ereilt hat«, sagte Spotswood mit einer Miene des Abscheus.

–  – –

Am folgenden Morgen vor zehn Uhr waren wir auf dem Polizeipräsidium. Punkt zehn erschien Heath in glänzender Laune. Er grüßte Vance übermütig, wie ein Sieger den geschlagenen Gegner grüßt. Noch kerniger als sonst schüttelte er Markhams Rechte.

»Unsere Sorgen sind 'rum, Sir«, sagte er, schob eine Pause ein und zündete sich eine Zigarre an. »Ich habe Jessup verhaftet.«

Es war Vance, der die dramatische Stille nach dieser erstaunlichen Meldung unterbrach.

»Um Himmels willen, weswegen denn?«

Heath drehte sich langsam herum. Er war keineswegs betroffen.

»Wegen des Mordes an Margaret Odell und Tony Skeel.«

»Ach du meine Tante!« Vance starrte ihn völlige entgeistert an.

Heath war unerschütterlich in seiner Gemütsruhe.

»Sie brauchen Ihre Tante nicht zu bemühen, wenn Sie hören, was ich über den Kerl 'rausgebracht habe. Ich hab ihn wie die Katze im Sack, fix und fertig, um ihn den Geschworenen zu überliefern.«

Markham hatte sich vom Anprall des ersten Staunens erholt. »Schießen Sie los mit Ihrer Geschichte, Sergeant.«

Heath nahm in einem bequemen Stuhl Platz. Er brauchte ein paar Sekunden, um seine Gedanken zu ordnen.

»Es kam so. Gestern nachmittag dachte ich nach. Der ›Stutzer‹ war genau so wie die Odell erwürgt worden, nachdem er versprochen hatte, die Sache zu verquatschen. Anscheinend hatte derselbe Kerl alle beide kaltgemacht. Menschenskind, sagte ich, dann müssen also Montag nacht zwei Mann in der Wohnung gewesen sein, der ›Stutzer‹ und der Mörder, genau wie Mr. Vance immer behauptet hat. Mir wurde klar, daß die beiden einander gut gekannt haben müssen, denn der andere wußte nicht nur, wo der ›Stutzer‹ wohnte, er hatte auch Wind davon bekommen, daß der ›Stutzer‹ die Sache verquatschen wollte. Wahrscheinlich hatten die beiden das Ding zusammen gedreht, und das wäre der Grund, warum der ›Stutzer‹ von Anfang an nichts verraten wollte. Aber dann kriegte es der andere Bursche mit der Angst zu tun und schmiß die Schmucksachen weg. Skeel dachte daraufhin, daß es gescheiter wäre, sich zum Kronzeugen zu machen, und so rief er Sie gestern an.«

Der Sergeant rauchte eine Weile.

»Ich habe mir nie viel von dem Verdacht auf Mannix, Cleaver und diesen Doktor versprochen. Sie sahen mir nicht danach aus, als könnten sie so'ne Arbeit schaffen. Und sie hätten sich gewiß nicht mit so 'nem Zuchthausvogel wie Skeel eingelassen Ich ließ sie einfach beiseite und sah mich nach einem andern schweren Jungen um, irgendeinem Kerl, der Skeels Komplice hätte sein können. Aber erst guckte ich nach, wo die größten Schwierigkeiten für die Rekonstruktion des Verbrechens lagen.«

Wieder eine Pause.

»Die Sache, die uns die meiste Schererei gemacht hat, ist diese Seitentür. Ich ging deshalb zu dem Haus und sah mir den Seiteneingang noch mal an. Spively saß an der Schalttafel, ich fragte ihn, wo Jessup wäre, denn ich wollte den was fragen. Spively sagte mir, daß Jessup den Tag zuvor seine Stellung aufgegeben hätte. Sonnabend nachmittag!«

Heath machte eine kleine Kunstpause, um diese Tatsache gut wirken zu lassen.

»Ich fuhr schon wieder zur Stadt runter, als mir die Idee kam. Sie traf mich wie ein Schlag. Niemand außer Jessup konnte diese Tür aufgeriegelt und nachher wieder abgesperrt haben! Sonst war kein Mensch an Ort und Stelle, der es hätte tun können.«

Markham lehnte sich interessiert nach vorn. Heath fuhr fort:

»Ich ging der Sache sofort auf den Grund, verließ die Untergrund und telefonierte Spively wegen Jessups Adresse. Da bekam ich meine erste gute Nachricht. Jessup wohnt in der 2. Avenue, gerad um die Ecke von Skeel. Ich holte mir zwei Mann vom zuständigen Revier und stieg ihm auf die Bude. Wir fanden ihn, während er gerad seine Sachen zusammenpacken wollte, um nach Detroit zu fahren. Wir verhafteten ihn, ich nahm seine Fingerabdrücke ab und schickte sie rüber zu Dubois. Mir schwante, daß das der raschere Weg war, um etwas über ihn 'rauszubekommen, denn Gauner fangen ja gewöhnlich nicht mit so klotzigen Kisten wie Raubmord an.«

Heath gestattete sich ein selbstgefälliges Grinsen.

»Na, Dubois hat ihn angenagelt. Er heißt überhaupt nicht Jessup. Der Vorname William stimmt, aber in Wirklichkeit hört er auf den Namen Benton. Er ist 1909 wegen eingestandenen Raubüberfalls und Schlägerei verurteilt worden und hat ein Jahr in San Quentin abgesessen, zu gleicher Zeit, als Skeel dort als Strafgefangener war. Er wurde noch einmal erwischt, als er 1914 in Brooklyn bei einem Bankraub Schmiere stand; aber es ist nicht zur Verhandlung gekommen. Aus der Zeit stammen seine Fingerabdrücke im Präsidium. Als wir ihn gestern abend auf den Rost setzten, sagte er aus, er hätte nach dem Vorfall in Brooklyn seinen Namen geändert und sei ins Heer eingetreten. Das ist alles, was wir aus ihm 'rausbringen konnten. Na, mehr brauchen wir ja auch nicht! – Es steht also fest: Jessup hat wegen Raubüberfalls gesessen. Bei einem Bankraub hatte er seine Finger im Spiel. Er saß mit Skeel zusammen im Zuchthaus. Er hat kein Alibi für die Nacht, in der Skeel erwürgt wurde. Er wohnt gerad um die Ecke 'rum von Skeel. Er hat plötzlich am Sonnabendnachmittag seine Stellung aufgegeben. Er ist groß und stark und könnte die Arbeit geschafft haben. Er war gerade am Ausreißen, als wir ihn faßten. Und er ist die einzige Person, die diese Seitentür auf- und wieder zuriegeln konnte ... Sache, was, Mr. Markham?«

Markham saß in Nachdenken versunken da.

»Je nachdem. Aber welches war denn Jessups Motiv, das Mädchen zu erwürgen?«

»Ganz einfach. Mr. Vance hat es schon am ersten Tag berührt. Erinnern Sie sich? Er fragte Jessup nach seinen Empfindungen für die Odell, und Jessup wurde rot und nervös.«

»Heiliger Bimbam!« rief Vance ans. »Soll ich für einen Teil dieser Verrücktheit verantwortlich gemacht werden? ... Es ist wahr, ich habe den Burschen ein wenig auf den Zahn gefühlt, aber lange bevor was ans Licht gekommen war. Es war nichts als Vorsicht meinerseits. Ich wollte jede Möglichkeit, die sich ergab, ausprobieren.«

»Na, jedenfalls war es eine glückliche Frage von Ihnen«, stellte Heath fest und wandte sich wieder an Markham.

»Jessup hat sich anscheinend in die Odell verknallt. Sie hat ihm gesagt, er solle sich fortscheren. Es hat ihn selbstverständlich gewurmt, Nacht für Nacht dazuhocken und zu sehen, wie die andern Kerls zu ihr zu Besuch kamen. Da erscheint eines Tages der ›Stutzer‹, erkennt den alten Zuchthausbruder wieder und schlägt ihm vor, bei der Odell einzubrechen. Skeel kann nämlich das Ding nicht allein drehen, weil er am Telefontisch vorbei muß. Jessup sieht eine Gelegenheit, mit der Odell abzurechnen und jemand anderem dafür die Schuld in die Schuhe zuschieben. Die zwei wollen das Ding Montag nacht drehen. Die Odell geht aus, und Jessup riegelt die Seitentür auf. Skeel kommt und schließt mit seinem eigenen Schlüssel die Wohnung auf. Die Odell kommt unerwartet früh mit Spotswood zurück. Skeel versteckt sich in der Garderobe. Nachdem Spotswood gerade gegangen ist, macht Skeel eine ungeschickte Bewegung. Die Odell hört ihn und schreit. Er tritt sofort aus seinem Versteck heraus. Die Odell sieht, daß es der ›Stutzer‹ ist, und sagt zu Spotswood, es sei nichts gewesen. Jessup weiß nun, daß Skeel entdeckt ist, und entschließt sich, diesen Umstand auszunutzen. Nachdem Spotswood abgefahren ist, schließt er mit dem Passierschlüssel auf. Der ›Stutzer‹ glaubt, es sei ein anderer Besuch, und versteckt sich wieder. Jessup packt das Mädchen bei der Gurgel und erwürgt es, in der Absicht natürlich, daß der ›Stutzer‹ der Tat verdächtigt werden soll. Aber der kommt aus dem Versteck heraus, und sie reden über den Fall. Sie einigen sich und führen ihren ursprünglichen Plan aus. Sie durchstöbern die Wohnung und plündern. Jessup versucht, den Juwelenkasten mit dem Schürhaken aufzubrechen, der ›Stutzer‹ kommt dazu und macht mit seinem Kaltmeißel saubere Arbeit. Dann gehen sie weg. Der ›Stutzer‹ geht zur Seitentür 'raus, und Jessup riegelt hinter ihm ab. Am nächsten Tage gibt Skeel dem Jessup alles, was sie geklaut haben, damit er das Zeug aufhebt, bis die Luft nicht mehr so dick ist. Aber Jessup bekommt es mit der Angst und schmeißt den Schmuck weg. Die beiden Gauner kriegen Krach miteinander. Der ›Stutzer‹ will sich aus der Sache 'rauswinden und entschließt sich, den Jessup zu verpfeifen. Jessup hat Angst, daß der ›Stutzer‹ die Sache wirklich verquatscht, steigt ihm Sonnabend nacht auf die Bude und macht ihn kalt, genau so, wie er die Odell umlegte.«

Heath machte eine abschließende Geste und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Klug, verdammt klug!« murmelte Vance. »Sergeant, ich entschuldige mich wegen meines kleinen Ausbruchs vor einer Weile. Sie haben den Fall gelöst, Sie haben das Verbrechen fein rekonstruiert, und Ihre Logik ist tadellos ... Sie ist wundervoll, einfach wundervoll. Aber – sie ist falsch!«

»Na, richtig genug, um Jessup auf den elektrischen Stuhl zu bringen.«

»Das ist das Furchtbare an der Logik, daß sie oft unwiderstehlich zu falschen Schlüssen führt«, verkündete Vance.

Er stand auf und ging, die Hände in den Rocktaschen, im Zimmer auf und ab. Als er vor Heath stand, hielt er inne.

»Sagen Sie mir, Sergeant ... wenn jemand anderes diese Seitentür hätte auf- und zuriegeln können, würden Sie dann zugeben, daß Ihr Verdacht gegen Jessup hinfällig ist?«

Heath war großmütig aufgelegt.

»Sicher! Zeigen Sie mir jemand, der das fertiggebracht haben könnte, und ich bin bereit, zuzugeben, daß ich im Irrtum bin.«

»Skeel könnte es getan haben, Sergeant, und er hat es sogar getan, ohne daß jemand etwas davon merkte.« Vance wandte sich um und sah Markham an. »Hör mich an. Glaub mir, Jessup ist unschuldig.« Er sprach mit einem Eifer, über den ich staunen mußte. »Ich werde es beweisen. Meine Theorie ist beinah vollständig. Mir fehlen nur ein oder zwei Punkte. Und natürlich bin ich noch nicht imstande, dir den Schuldigen zu nennen. Aber die Theorie ist richtig! Du mußt mir nur Gelegenheit geben, sie zu demonstrieren. Deshalb müssen du und Sergeant Heath mit mir zum Haus der Odell kommen. Es wird nicht mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen.«

Er trat an den Tisch.

»Ich weiß gewiß, daß es Skeel und nicht Jessup war, der die Tür auf- und wieder zuriegelte.«

»Du weißt es tatsächlich?«

»Ja. Und ich weiß auch, wie er es angestellt hat.«

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