Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > S. S. van Dine >

Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/dine/odell/odell.xml
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121119
projectida315a9d0
Schließen

Navigation:

Die Verabredung auf zehn Uhr

Sonntag, den 16. September, vormittags

Am nächsten Vormittag fiel ein dünner Regen, und die erste vorwinterliche Kälte lag in der Luft. Kurz nach neun holten wir Markham in Vances Wagen ab. Er machte einen recht nervösen Eindruck.

»Ich bin gespannt«, sagte er während der Fahrt, »ob Skeel überhaupt wichtige Auskünfte zu geben hat. Sein Anruf war sehr merkwürdig. Gar nichts Dramatisches, kein Ersuchen um Straffreiheit –, nichts als die klare Feststellung, daß er den Mörder der Odell kenne und sich entschlossen habe, mir reinen Wein einzuschenken.«

»Sicher ist, daß er das Mädchen nicht erdrosselt hat«, behauptete Vance. »Meiner Auffassung nach steckte er in der Kleiderkammer, als die düstre Tat begangen wurde. Wie du dich entsinnst, war ich die ganze Zeit der Ansicht, daß er um die Sache wisse. Das Schlüsselloch der Garderobentür liegt in einer Linie mit dem Sofa. Es ist wahrscheinlich, daß er durchs Schlüsselloch lugte, als sein Rivale sich betätigte. Als ich ihn über diesen Punkt befragte, schien es ihm gar nicht zu behagen.«

»Aber in diesem Fall – – –«

»Ich weiß, es gibt tausend Einwände gegen meinen wilden Wahn. Warum hat er nicht Alarm geschlagen? Warum hat er nicht gleich die Sache erzählt? ... Ich bin nicht allwissend, ich kann nicht mal behaupten, daß ich eine logische Erklärung für die Zusammenhänge meines Wachtraums habe. Meine Theorie ist sozusagen nur eine Skizze. Aber ich bin fest überzeugt, daß der elegante Tony weiß, wer seinen lieben Kanarienvogel umgebracht hat.«

»Von den drei Verdächtigen kannte Skeel nur einen, nämlich Mannix.«

»Jedenfalls ist Mannix der einzige aus dem Trio, der seinerseits Skeel kennt ... Ein ganz interessanter Punkt.«

Heath erwartete uns am Eingang. Auch er war gespannt.

»Ich habe Snitkin als Liftmann angestellt«, meldete er nach kurzem Gruß. »Burke ist im Empfangszimmer, und mit ihm ist Emery, der in Swackers Büro postiert werden soll.«

Wir traten in das sonntäglich verlassene Gebäude ein und fuhren mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock. Markham schloß sein Amtszimmer auf, und wir traten ein.

»Guilfoyle, der Mann, der dem Skeel auf den Fersen sitzt, hat Auftrag, sofort die Detektivabteilung anzurufen, sobald der ›Stutzer‹ sein Haus verläßt«, erklärte Heath, als wir Platz genommen hatten.

Es war zwanzig Minuten auf zehn.

Fünf Minuten später kam Swacker an. Er stationierte sich mit seinem Stenogrammblock hinter der Flügeltür zum Nebenraum, wo er ungesehen alles, was gesagt wurde, hören konnte.

Markham zündete sich eine Zigarre an, Heath ebenfalls. Vance rauchte bereits mit Behagen. Er war der Ruhigste von allen Anwesenden und räkelte sich in dem großen Ledersessel, als ob ihn die ganze Sache nichts anginge. Aber darin, wie er die Asche in den Aschenbecher klopfte, erkannte ich, daß auch er erregt war.

Fünf oder zehn Minuten vergingen, ohne daß jemand sprach. Ein Knurren des Sergeanten unterbrach das Schweigen.

»Ich weiß nicht«, sagte er, als ob er einen angefangenen Gedanken laut zu Ende dachte, »was ich von der Sache halten soll ... Das Auftauchen der Schmucksachen ... in dieser Zeitung ... das Anerbieten des ›Stutzers‹, die Sache zu verquatschen ... Nein, es reimt sich nicht zusammen.«

»Seltsam ist es wohl, Sergeant, aber ungereimt doch nicht.« Vance starrte an die Decke. »Der Kerl, der die Juwelen beschlagnahmte, wußte nichts mit ihnen anzufangen. Er wollte sie ja gar nicht haben. Sie machten ihm nur Scherereien.«

Diese Bemerkung war zu schwierig für Heath. Die Entwicklungen am vorhergehenden Tage hatten seinen Argumenten den Boden entzogen. Er verfiel abermals in stumpfes Brüten.

Um zehn Uhr erhob er sich, ging in das Anmeldezimmer und sah sich um. Er kam zurück, verglich seine Taschenuhr mit der Wanduhr und fing an, unruhig im Zimmer auf und ab zu schreiten. Markham versuchte, einige Papiere auf seinem Schreibtisch zu sortieren, schob sie aber bald mit einer ungeduldigen Geste beiseite.

»Nun dürfte er bald erscheinen«, sagte er mit erzwungenem Gleichmut.

»Er wird schon kommen, oder er kriegt Freifahrt hierher«, polterte Heath und setzte seine Wanderung im Zimmer fort. »Ich werde meine Dienststelle anrufen und fragen, was Guilfoyle gemeldet hat. Dann werden wir wenigstens wissen, wann der ›Stutzer‹ zu Haus fortgegangen ist.«

Als er sich mit dem Hauptquartier verbunden hatte, stellte sich heraus, daß dort keine Meldung von Guilfoyle vorlag.

»Verdammt komisch ist das«, bemerkte Heath, als er den Hörer anhängte.

Es war bereits zwanzig Minuten nach zehn. Markham wurde nervös. Die Spannung war zuviel für ihn. Er schob seinen Stuhl zurück, ging zum Fenster und starrte in den rieselnden Regen hinaus.

»Ich gebe unserem Freund bis halb elf Uhr Zeit«, sagte er grimmig. »Wenn er dann nicht da ist, dann werden Sie, Sergeant, das zuständige Polizeirevier anrufen und ihn im Wagen herbringen lassen.«

Abermals trat eine längere Stille ein. Vance lehnte in seinem Sessel mit halbgeschlossenen Augen. Ich bemerkte, daß er ohne zu rauchen seine Zigarette in der Hand hielt. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt; er dachte angestrengt nach. Während ich ihn noch beobachtete, riß er plötzlich die Augen auf und fuhr in die Höhe. Mit einem Ruck schmiß er die ausgegangene Zigarette in den Aschenbecher.

»Oh, bei Gott!« rief er aus. »Das kann ja nicht sein! Und doch –« – sein Gesicht verfinsterte sich – »doch, das ist's! ... Ich Esel, ich unglaublicher Esel ...!«

Er sprang auf und starrte vor sich hin wie ein Mensch, der sich vor seinen eigenen Gedanken fürchtet.

»Markham! Das gefällt mir nicht! Gar nicht!« Er schien völlig aus dem Häuschen zu sein. »Ich sage dir, etwas Furchtbares ist geschehen. Etwas Unheimliches. Mir gruselt, wenn ich daran denke ... Ich werde anscheinend alt und sentimental«, fügte er mit erzwungener Leichtherzigkeit hinzu, aber seine Augen straften seinen Ton Lügen. »Warum habe ich das nicht gestern schon gesehen? Und ich habe es geschehen lassen!«

Wir alle schauten ihn verwundert an. Ich hatte ihn nie in diesem Zustand gesehen. Gerade weil er gewöhnlich so zynisch und distanziert war, wirkten seine Worte so erschütternd.

Nach einem Augenblick schüttelte er sich, als ob er das Entsetzen abwerfen wollte. Er trat zu Markhams Tisch, stützte sich auf beide Hände und lehnte sich vornüber.

»Merkst du denn noch nichts?« fragte er. »Skeel kommt nicht ... Es ist zwecklos, zu warten ... zwecklos, daß wir überhaupt hergekommen sind ... Wir müssen zu ihm gehen ... Komm, nimm deinen Hut!«

Markham war aufgestanden, und Vance packte ihn fest am Arm.

»Sei still! Frag nicht lange! Früher oder später mußt du doch zu ihm. Du kannst genau so gut gleich gehen.«

Er hatte den wohlwollend protestierenden Markham in die Mitte des Zimmers geführt. Nun winkte er Heath mit der freien Hand.

»Kommen Sie mit, Sergeant. Tut mir leid, daß Sie hier warten mußten. Es war mein Fehler. Ich hätte diese Sache voraussehen müssen. Beschämend! Aber ich hatte meine Gedanken woanders gestern mittag ... Wissen Sie, wo Skeel wohnt?«

Der Sergeant nickte mechanisch. Er war von der sonderbaren Heftigkeit Vances wie gebannt.

»Dann warten Sie nicht. Und nehmen Sie besser Burke oder Snitkin mit. Hier wird heute niemand gebraucht werden.«

Heath war verwirrt. Er sah Markham um Rat fragend an. Markham nickte zustimmend und zog, ohne ein Wort zu sagen, seinen Regenmantel an. Snitkin kam mit uns. Burke und Emery fuhren auf die Dienststelle, um dort weitere Weisungen abzuwarten. Swacker wurde entlassen. Wir vier fuhren mit dem Auto ab.

Skeel wohnte in der 35. Straße, nahe beim East River, in einem Haus, das bessere Zeiten gesehen hatte. Nun war es schmutzig und baufällig, Schutt lag davor. Ein großes Schild »Zimmer zu vermieten« stand in einem Fenster des Erdgeschosses.

Als wir vorgefahren waren, späte Heath sogleich herum. Alsbald entdeckte er einen verwahrlosten Mann, der im Toreingang einer Drogerie gegenüber herumlungerte. Er gab ihm ein Zeichen. Der Mann schlenderte verstohlen herbei.

»Schon in Ordnung. Guilfoyle. Wir statten dem ›Stutzer‹ einen Besuch ab. Was ist eigentlich los? Warum haben Sie nichts gemeldet?«

»Befehl lautete, die Dienststelle anzurufen, sobald der ›Stutzer‹ das Haus verließe. Aber er ist noch drinnen. Mallory hat ihn gestern abend nach zehn heimbeschattet. Ich habe Mallory heut früh um neun abgelöst.«

»Er ist bestimmt noch drinnen«, sagte Vance ein wenig ungeduldig zu dem Sergeanten.

»Wo liegt sein Zimmer, Guilfoyle?«

»Erster Stock, rechts, hinten 'raus.«

»Gut! Warten Sie hier!«

»Vorsicht!« mahnte Guilfoyle. »Er hat 'nen Schießprügel.« Heath ging voran, die paar ausgetretenen Stufen hinauf, die vom Bürgersteig zur Haustür führten. Ohne zu schellen, rüttelte er am Türknauf. Die Tür war offen, und wir traten in den muffigen Hausflur.

Ein ungekämmtes, völlig verschlamptes altes Weib in einem zerlumpten Hausmantel tauchte aus einer Hintertür auf und wankte auf uns zu. Sie musterte uns grollend aus verschwiemelten Augen.

»Sag'n Se«, fuhr sie uns mit heiserer Stimme an, »was fällt Ihn'n denn ein, einer respektablen Dame so ins Haus zu fall'n?« Sie brach in eine Flut gemeiner Verwünschungen aus.

Heath legte ihr seine große Hand auf den Mund und schob sie zur Seite.

»Sie scheren sich nicht um das, was jetzt hier vorgeht« riet er und begann, die Treppen hinaufzusteigen.

Im Vorplatz des ersten Stocks brannte eine flackernde, offene Gasflamme. In der ungenauen Beleuchtung konnten wir den Umriß einer Tür rechts hinten erkennen.

»Skeels Bude«, bemerkte Heath.

Er ging auf die Tür zu, und während er seine Rechte in die Rocktasche versenkte, drückte er mit der Linken auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Er klopfte laut und legte das Ohr an die Türfuge, um zu lauschen. Snitkin stand direkt hinter ihm, die Rechte ebenfalls in der Rocktasche. Wir anderen hielten uns im Hintergrund.

Heath hatte zum zweitenmal geklopft, als Vances Stimme aus dem Halbdunkel kam: »Zeitverschwendung diese Formalitäten, Sergeant!«

»Stimmt«, kam nach einer unerträglichen Stille Heaths Antwort.

Heath inspizierte das Schlüsselloch.

»Der Schlüssel ist weg!«

Er trat einen Schritt zurück, ging in Ausfallstellung und warf sich mit der Schulter gegen die Türleiste direkt über der Klinke. Das Schloß hielt fest.

»Kommen Sie mit 'ran, Snitkin!« befahl er.

Die beiden Detektive warfen sich mit aller Wucht auf die Tür. Beim dritten Ansprung splitterte das Holz, man hörte, wie der Riegel aus der Kramme fuhr. Die Tür schwankte nach innen auf.

Das Zimmer war beinahe stockdunkel. Wir zögerten auf der Schwelle, während Snitkin vorsichtig zum Fenster tappte und die Blenden rasselnd in die Höhe schwirren ließ. Das gelbgraue Licht sickerte herein, die Gegenstände im Raum nahmen erkennbare Form an. Ein großes altmodisches Bett stand mit der Schmalseite an der rechten Wand.

»Sehen Sie!« schrie Snitkin und deutete hin. Etwas in seiner Stimme machte mich schaudern.

Wir drängten uns hinzu.

Auf dem der Tür zugekehrten Ende des Bettes lag die verrenkte Gestalt Skeels. Er war erwürgt worden, genau so wie der Kanarienvogel. Sein Kopf hing über die Bettstelle, das Gesicht war gräßlich verzerrt. Sein Hals zeigte dunkle Quetschwunden.

»Erwürgt!« murmelte Vance. »Seltsam, seltsam.«

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.