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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Ein mitternächtlicher Zeuge

Freitag, 14. Sept., 3½ Uhr nachmittags

Mannix war augenscheinlich von dem Gedanken an eine zweite Vernehmung wenig erfreut. Er war noch wachsamer; sein Rücken war steif wie eine Stange.

»Ich bin durchaus nicht mit dem zufrieden, was Sie mir am Mittwoch gesagt haben, Mister Mannix«, begann Markham streng, »und ich hoffe, daß Sie mich nicht zu drastischen Maßnahmen zwingen werden, um endlich herauszubekommen, was Sie über Miß Odells Tod wissen.«

»Was ich weiß?« Mannix zwang sich ein Lächeln ab. »Mister Markham! Mister Markham!« er wirkte noch öliger als sonst, als er mit flehenden Händen in der Luft herumfuhr. »Wenn ich was wußte, glauben Sie mir, ich würd's Ihnen sagen, ich würd's Ihnen sagen!«

»Sagen Sie mir erst mal, bitte, wo Sie Montag um Mitternacht waren.«

Mannix' Augen wurden kleiner und kleiner, bis sie wie zwei winzige Pünktchen in seinem Gesicht saßen. Nach einer längeren Pause sprach er: »Ich soll Ihnen sagen, wo ich Montag nacht war? Na, warum soll ich Ihnen das sagen? ... Bin ich vielleicht des Mordes verdächtig, ja?«

»Sie stehen bisher nicht unter Verdacht. Aber Ihre mangelnde Bereitwilligkeit, mir diese Frage zu beantworten, ist gewiß verdächtig.«

»Ich habe keinen Grund, es zu verheimlichen.« Mannix zuckte die Achseln. »Ich habe nichts getan, dessen ich mich schämen müßte. Beileibe nicht! Ich hatte einen Haufen Anrechnungen durchzugehen, Einkäufe für die Wintersaison. Ich saß auf meinem Büro bis zehn, kann sein sogar später. Dann um halb elf – –«

»Das genügt!« Vance schnitt ihm scharf das Wort ab. »Kein Grund, jemanden anders in die Sache hineinzuziehen.«

Mannix sah ihn verschmitzt an. Vances Miene war undurchdringlich. Die Warnung jedoch hatte genügt.

»Sie wollen also nicht wissen, wo ich um halb elf war?«

»Das ist unwichtig«, entschied Vance. »Wir wollen wissen, wo Sie um Mitternacht waren. Sie brauchen niemanden zu erwähnen, der Sie um diese Zeit sah. Wenn Sie die Wahrheit sagen, werden wir Bescheid wissen.«

Vance hatte nun selber diese Miene von Allwissenheit angenommen, die er vor einer halben Stunde Markham anempfohlen hatte. Er hatte sein Wort nicht gebrochen, das er Miß La Fosse gegeben hatte, aber Mannix war verwirrt und unsicher geworden. Ehe dieser sich noch eine Antwort zurechtlegen konnte, war Vance aufgestanden und lehnte sich nun über das Pult des Polizeichefs.

»Sie kennen eine Miß Frisbee. Sie wohnt in dem Haus, in dem Miß Odell wohnte. In der Wohnung Nummer zwei. Sie war früher Mannequin in Ihrem Geschäft. Ein geselliges Mädchen, noch immer den Anerbietungen ihres früheren Chefs willfährig. Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? Denken Sie nach, Mister Mannix, ehe Sie antworten. Sie haben Zeit, es sich zu überlegen.«

Mannix ließ sich Zeit. Eine geschlagene Minute verging, bis er sprach, und dann war es nur, um der Antwort durch eine Gegenfrage zu entgehen.

»Ist es vielleicht ein Unrecht, wenn ich eine Dame besuche? Habe ich nicht das Recht, he?«

»Gewiß haben Sie das! Weshalb sollte also die Frage Ihnen unangenehm sein?«

»Mir unangenehm?« Mit Anstrengung brachte Mannix ein Schmunzeln hervor. »Ich wundere mich nur, was meine Privatangelegenheiten Sie eigentlich angehen.«

»Ich will's Ihnen sagen. Miß Odell wurde Montag gegen Mitternacht ermordet. Niemand ist durch den Haupteingang des Hauses gekommen oder gegangen, und die Seitentür war versperrt. Die einzige Möglichkeit, in die Wohnung von Miß Odell zu gelangen, war über die Wohnung Nummer zwei. Und niemand, der Miß Odell näher kannte, hat je in der Wohnung Nummer zwei vorgesprochen außer Ihnen.«

Bei diesen Worten neigte sich Mannix schwer vornüber und hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Seine Augen wurden weit, seine wulstigen Lippen hingen schlaff. Aber es war nicht Angst, was aus seinem Benehmen sprach, sondern ein unerhörtes Erstaunen.

»Ah, das ist es also, was Sie denken, so?! Niemand hätte raus- und reingekonnt außer über die Wohnung Nummer zwei!« Er lachte ein kurzes, giftiges Lachen. »Wenn die Seitentür aber Montag nacht offen war? Wo steh ich dann? He? Wo steh ich dann?«

»Vermutlich bei uns – vor dem Polizeichef.« Vance bewachte ihn, wie eine Katze die Maus.

»Sicher tu ich das!« spuckte Mannix. »Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, mein Freund: genau hier stehe ich!« Er drehte sich schwerfällig um und sah Markham ins Gesicht. »Ich bin ein guter Kerl, aber nun habe ich lange genug den Mund gehalten ... Die Seitentür war nicht versperrt Montag nacht. Und ich weiß, wer sich dort fünf Minuten vor zwölf hinausgeschlichen hat.«

»Na also!« murmelte Vance. Er nahm ruhig seinen Platz wieder ein und zündete sich eine Zigarette an.

Markham war zu erstaunt, um sofort zu reden. Heath saß stockstill, die Zigarre im Mund. Schließlich verschränkte Markham die Arme und sprach: »Es ist Zeit, daß Sie uns die ganze Geschichte erzählen.«

Mannix lehnte sich zurück.

»Oh, ich erzähl schon. Sie waren auf der richtigen Fährte. Ich verbrachte den Abend mit Miß Frisbee.«

»Um welche Zeit sind Sie hingegangen?«

»Nach meinem Büro, zwischen halb sechs und sechs. Kam mit der Untergrund rauf, stieg bei der 72. Straße aus und ging zu Fuß rüber.«

»Sind Sie von der Straße her ins Haus gekommen?«

»Nein.«

Ich ging den Außengang runter und kam durch die Seitentür. Ich mach das immer so. Was der Telefonist nicht weiß, macht ihn nicht heiß ...«

»Stimmt so weit«, bemerkte Heath. »Der Hausmeister hat die Tür nicht vor sechs verriegelt.«

»Und sind Sie den ganzen Abend über geblieben?« fragte Markham.

»Sicher! Bis kurz vor Mitternacht. Miß Frisbee kochte Abendessen, und ich hatte 'ne Pulle Wein mitgebracht. Netter gemütlicher Abend. Niemand außer uns zweien. Und, wohlbemerkt, ich hatte keinen Fuß aus der Wohnung gesetzt bis fünf Minuten vor zwölf. Sie können die Dame hierherkommen lassen und sie fragen. Ich verlange nicht, daß Sie mir aufs Wort glauben.«

Markham lehnte die Zumutung mit einer Handbewegung ab.

»Und was ist fünf Minuten vor zwölf vorgefallen?«

Mannix zögerte, als sei es ihm leid, zu diesem Punkt zu kommen.

»Ich bin ein guter Kerl, verstehen Sie? Eines Freundes Freund. Aber ich frage Sie: Ist das ein Grund, mich in falsches Licht zu setzen?«

Er wartete auf eine Antwort; als keine kam, fuhr er fort: »Sie haben mich verstanden. Wie gesagt, ich war bei Miß Frisbee zu Besuch. Aber ich hatte für später in der Nacht noch eine andere Verabredung. So ging ich also ein paar Minuten vor Mitternacht weg. Gerade als ich die Tür zum Flur öffnete, da sah ich, wie sich jemand von der Wohnung des Kanarienvogels wegschlich, den kleinen Korridor runter zur Seitentür. Es brannte Licht im Hausflur. Ich sah ihn so klar und deutlich, wie ich Sie sehe.«

»Wer war es?«

»Na, wenn Sie es wissen müssen, es war Pop Cleaver.«

Markham zuckte leise zusammen.

»Was taten Sie daraufhin?«

»Nichts, Mister Markham, absolut nichts! Ich dachte mir nicht viel dabei, verstehen Sie? Ich wußte, daß Pop hinter dem Kanarienvogel her war. So nahm ich halt an, er habe sie besucht. Aber ich wollte nicht, daß Pop mich sehen sollte. Es geht ihn ja nichts an, wo ich meine Zeit verbringe. Ich wartete also ruhig, bis er hinausgegangen war –«

»Zur Seitentür hinaus?«

»Natürlich! Dann bin ich denselben Weg gegangen. Ich hatte zum Hauptausgang hinausgewollt, weil ich wußte, daß die Seitentür nachts immer abgesperrt ist. Aber wie ich den Pop dort hinausgehen sah, da sagte ich mir: ›Tu dasselbe, ist ja Unsinn, der Telefonist braucht nichts zu wissen.‹ So ging ich durch dieselbe Tür, durch die ich gekommen war, erwischte ein Taxi am Broadway und fuhr –«

»Genug!« Ein Kommando von Vance schnitt ihm das Wort ab.

»Ja! Schon gut! Schon gut!« Mannix schien zufrieden, seine Mitteilungen an diesem Punkt abbrechen zu dürfen. »Ich möchte nur nicht, daß Sie denken – – –«

»Keineswegs!« sagte Vance.

Markham wunderte sich über die Unterbrechungen, bemerkte aber kein Wort dazu.

»Als Sie von Miß Odells Tod lasen«, fragte er, »warum sind Sie da nicht mit dieser höchst wichtigen Auskunft zum Polizeipräsidium gegangen?«

»Ich sollte mich in die Sache reinmischen?!« rief Mannix aus. »Ich habe ohnehin Sorgen genug, reichlich genug.«

»Das ist kein Grund. Außerdem erzählten Sie mir, daß Cleaver von Miß Odell erpreßt wurde.«

»Sicher tat ich das! Zeigt das vielleicht nicht, daß ich reell handeln wollte, indem ich Ihnen diesen Tip gab?«

»Haben Sie sonst jemanden im Hausflur oder im Außengang gesehen?«

»Niemanden, nein, niemanden.«

»Haben Sie jemanden in der Wohnung der Odell reden oder herumgehen hören?«

»Nicht einen Laut.« Mannix schüttelte nachdrücklich den Kopf.

»Und über den Zeitpunkt, wann Sie Cleaver hinausschleichen sahen, sind Sie Ihrer Sache ganz sicher? War es fünf vor zwölf?«

»Ja. Ich sah nach meiner Uhr und sagte zu der Dame: ›Ich geh am selben Tag fort, an dem ich gekommen bin. Es dauert noch fünf Minuten, bis es morgen ist‹.«

Markham vernahm ihn nun Punkt für Punkt und versuchte ihn zu weiteren Aussagen zu bewegen. Aber Mannix fügte seiner Feststellung nichts hinzu und änderte sie in nichts. Nach einem Kreuzverhör von einer halben Stunde wurde Mannix entlassen.

»Eine Lücke im Rätsel wäre gefüllt«, bemerkte Vance. »Ich kann zwar noch nicht sehen, wie das Ganze nun ausschaut, aber die Auskunft ist hilfreich. Ich muß sagen, meine Intuition betreffs Mannix war gut.«

»Jawohl – deine kostbare Intuition!« spöttelte Markham. »Warum hast du ihn denn zweimal unterbrochen, als er mir was sagen wollte?«

»Nie sollst du mich befragen!« sang Vance. »Ich kann es dir einfach nicht sagen. Tut mir furchtbar leid.«

Markham drang nicht weiter in ihn.

»Das mit der offenen Seitentür will mir nicht ganz einleuchten«, nörgelte Heath. »Wie, zum Teufel, ist denn wieder abgeriegelt worden, nachdem Mannix draußen war? Und wer hat sie nach sechs Uhr abends aufgeriegelt?«

»Alles zu seiner Zeit, lieber Sergeant; es wird alles an den Tag kommen«, sagte Vance.

»Die Antwort heißt Skeel, darauf können Sie sich verlassen. Er ist der Vogel, von dem wir die Spuren haben. Cleaver ist kein Fachmann mit Diebeswerkzeug und Mannix erst recht nicht.«

»Auf jeden Fall war ein begabter Nachahmer zur Stelle, und Ihr Freund, der ›Stutzer‹, war es nicht. Aber es war vermutlich der Künstler, der den Stahlkasten aufknackte.«

»Zwei waren dort? Das ist Ihre Theorie, nicht wahr, Mr. Vance? Ich sag gewiß nicht, daß Sie Unrecht haben. Aber wenn wir einen Teil davon dem Skeel nachweisen können, dann wird er schon damit rausrücken, wer sein Kamerad war.«

»Es war kein Kamerad, Sergeant. Es war höchstwahrscheinlich ein Fremder.«

Markham sah finster vor sich hin.

»Der Anteil Cleavers an dieser Affäre gefällt mir nicht«, sagte er.

»Ja«, fiel Vance ein, »sein falsches Alibi nimmt nun eine düstere Bedeutung an. Du verstehst jetzt, warum ich dich gestern davon abhielt, ihn im Klub zur Rede zu stellen. Nun kannst du ihm einige Zugeständnisse entlocken.«

»Das werde ich auch tun.« Markham läutete nach Swacker. »Suchen Sie Charles Cleaver«, befahl er gereizt. »Rufen Sie ihn im Stuyvesant Club und in seiner Wohnung an. Und sagen Sie ihm, ich wünsche ihn in einer halben Stunde hier zu sehen, oder ich werde ein paar Detektive schicken und ihn in Handschellen herbringen lassen!«

Nach fünf Minuten trat Swacker wieder ein.

»Tut mir leid, Sir. Nichts zu machen. Cleaver ist über Land gefahren. Wird nicht vor heut nacht zurückerwartet.«

»Verdammt! ... Na, macht nichts! Danke.«

Markham wandte sich an Heath.

»Sie lassen Cleaver heute nacht feststellen und bringen ihn morgen früh um neun hierher.«

»Er wird zur Stelle sein!« Heath hielt in deinem Rundgang inne und sah Markham an. »Da ist noch 'ne Sache, Sir, die mir immer im Kopf rumgeht. Sie erinnern sich an die schwarze Dokumentenkassette, die auf dem Tisch im Wohnzimmer stand. Sie war leer. Eine Frau bewahrt gewöhnlich Briefe in so'ner Blechschachtel auf. Was mir Gedanken macht, ist, daß die Blechkassette nicht aufgebrochen, sondern mit dem Schlüssel aufgeschlossen war. Und außerdem steckt ein Berufseinbrecher keine Briefe und Dokumente ein ... Merken Sie, wo ich hinauswill?«

»Teuerster Sergeant!« rief Vance aus. Ich erniedrige mich vor Innen! Ich sitze Ihnen zu Füßen! Die Dokumentenkassette, die fein säuberlich aufgeschlossene Dokumentenkassette! Und leer war sie auch! Skeel hat sie in seinem Leben nicht geöffnet! Das war die ›Arbeit‹ des andern Burschen!«

»Was dachten Sie wegen der Kassette, Sergeant?« fragte Markham.

»Wie Mr. Vance schon die ganze Zeit behauptet, könnte jemand außer Skeel dagewesen sein. Nun erzählte Ihnen Cleaver, daß er der Odell im Juni einen Haufen Geld bezahlte, um seine Briefe wiederzubekommen. Nehmen wir mal an, daß er dieses Geld nie bezahlt hat ... daß er Montag nacht dorthin ging und sich die Briefe holte ...«

»Nicht dumm. Und wohin führt das?«

»Wenn Cleaver sie Montag nacht geholt hat, dann hat er sie vielleicht noch. Und wenn ein paar von diesen Briefen später als Juni datiert sind, dann haben wir ihn ertappt.«

»Und?«

»Wie gesagt, Sir. Ich habe gedacht ... Nun ist der Cleaver tagsüber über Land ... wenn wir heute diese Briefe erwischen könnten ...?«

»Es könnte sich natürlich als hilfreich erweisen«, sagte Markham kühl, »aber so was kommt selbstverständlich nicht in Frage.« Er sah dem Sergeanten scharf ins Auge.

»Hat Sie Cleaver vielleicht nicht in der hundsgemeinsten Weise reingelegt?« brummte Heath.

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