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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Doktor enthüllt

Freitag, 14. September, 2 Uhr nachmittags

Um zwei Uhr wurde Lindquist gemeldet. Heath begleitete ihn. Nach seiner Miene zu schließen, war der Sergeant dem Doktor nicht sehr gewogen.

Kaum hatte Lindquist Platz genommen, als er auch schon losbrach: »Was berechtigt Sie eigentlich, einen Staatsbürger von seinen Geschäften wegzuholen?«

»Meine Pflicht, Mörder zu überführen«, entgegnete Markham eisig. »Wenn Sie irgend etwas zu befürchten haben, so sind Sie befugt, Ihren Anwalt zuzuziehen. Wollen Sie ihm telefonieren?«

Lindquist zögerte.

»Ich brauche ihn nicht. Wollen Sie mir, bitte, sofort sagen, warum ich hierhergebracht wurde?«

»Sie sollen ein paar Punkte, die über Ihre Beziehungen zu Miß Odell entdeckt worden sind, aufklären. Außerdem wünsche ich zu wissen, warum Sie mich bei unsrer letzten Unterredung über diese Beziehungen angelogen haben.«

»Sie haben also ungerechtfertigterweise in meinem Privatangelegenheiten nachgeforscht. Ich habe gehört, daß solche Taktiken früher in Rußland an der Tagesordnung waren.«

Markham unterbrach ihn scharf: »Ist es wahr oder nicht, daß Ihr Interesse an Miß Odell über eine väterliche Zuneigung hinausging«?«

»Werden nicht einmal die heiligsten Gefühle eines Menschen von der Polizei dieses Landes respektiert?« Der Ton Lindquists war unverschämt und voll Hohn.

Markham beherrschte seine Wut in bewunderungswürdiger Weise. »Unter gewissen Umständen ja, unter anderen nein. Sie brauchen mir natürlich nicht zu antworten. Aber falls Sie es vorziehen, schon hier zu reden, können Sie sich womöglich die Demütigung ersparen, in öffentlichem Prozeß vernommen zu werden.«

Lindquist zuckte zusammen und überlegte die Sache eine Zeitlang.

»Und wenn ich zugebe, daß meine Neigung zu Miß Odell anders als väterlich war – was dann?«

»Sie waren heftig eifersüchtig auf sie, nicht wahr?«

»Eifersucht«, bemerkte Lindquist mit beruflicher Ironie, »ist eine nicht ungewöhnliche Folgeerscheinung bei solchen Verirrungen. Alle Autoritäten betrachten sie als die psychologische Konsequenz der erotischen Anziehung.«

»Sehr instruktiv.« Markham nickte verständnisvoll. »Darf» ich also annehmen, daß Sie von Miß Odell betört – oder sagen wir lieber: erotisch angezogen – waren, und daß Sie gelegentlich die psychologische Konsequenz, genannt Eifersucht, gezogen haben?«

»Sie können annehmen, was Ihnen beliebt. Ich bin außerstande, einzusehen, was mein Gefühlsleben Sie angehen kann.«

»Hätten Ihre Gefühle Sie nicht zu der höchst verdächtigen Drohung hingerissen, Miß Odell das Leben zu nehmen, dann wäre das Gesetz natürlich nicht neugierig.«

Lindquist wurde gelb im Gesicht. Seine Finger krallten sich an die Stuhllehne.

»Die Drohung ist unanfechtbar festgestellt«, fügte Markham kühl hinzu. »Ich hoffe, daß Sie nicht durch einen Versuch zu leugnen den Verdacht gegen sich noch verstärken wollen.«

Vance hatte Lindquist sehr gespannt beobachtet. Nun lehnte er sich vor.

»Verzeihen Sie, Doktor, mit welcher Todesart haben Sie Miß Odell bedroht?«

Lindquist wandte sich schnell um und sah Vance an. Er atmete tief, sein Körper spannte sich. Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, und die Muskeln um seinen Mund zuckten. Einen Augenblick schien es, als würde er die Selbstbeherrschung verlieren, aber er überwand sich rasch.

»Sie glauben wohl, daß ich sie zu erwürgen drohte?« Seine Stimme bebte vor leidenschaftlicher Wut. »Und Sie möchten mir gern aus der Drohung einen Strick drehen, um mich daran aufknüpfen zu lassen? Pah!« Er hielt an, und als er wieder sprach, war seine Stimme ruhiger geworden. »Es entspricht der Wahrheit, daß ich einst unbedachterweise Miß Odell einzuschüchtern versuchte. Ich drohte, daß ich sie töten und dann Selbstmord begehen wolle. Aber wenn Ihre Auskunft so genau ist, wie Sie mich glauben machen wollen, dann wissen Sie ja, daß ich mit dem Revolver drohte.«

»Richtig«, nickte Vance. »Und das spricht zu Ihren Gunsten.«

Lindquist fühlte sich augenscheinlich durch diese Bemerkung von Vance ermutigt. Er wandte sich wieder an Markham und erweiterte sein Geständnis.

»Eine Drohung ist selten der Vorläufer einer Gewalttat. Sie wird in einem Erregungszustand ausgesprochen, sie wirkt als Sicherheitsventil.«

Er sah weg.

»Ich bin unverheiratet ... Mein Gefühlsleben ist daher nicht ausgeglichen. Ich lebe in ständiger Berührung mit empfindlichen und überspannten Leuten. Als ich mich leidenschaftlich in Miß Odell verliebte, teilte sie meine Gefühle nicht – oder wenigstens nicht mit einem Eifer, der auch nur annähernd dem meinen gleichkam. Ich litt sehr. Sie machte nicht die geringste Anstrengung, meine Leiden zu lindern. In der Tat machte ich ihr mehr als einmal Vorwürfe, daß sie mich mit andern Männern quäle. Sie gab sich keine Mühe, ihre Untreue vor mir zu verbergen. Ich gestehe, daß mich das ein paarmal zur Verzweiflung trieb. In der Hoffnung, sie zu einer rücksichtsvolleren Auffassung zu zwingen, drohte ich ihr. – Ich nehme an, daß Sie Menschenkenner genug sind, mir dies zu glauben.«

»Lassen wir diesen Punkt einen Augenblick beiseite«, antwortete Markham unverbindlich. »Wollen Sie mir nun genauere Auskunft über Ihren Aufenthalt Montag nacht geben.«

Lindquist wurde wieder gelb im Gesicht. Aber als er sprach, tat er es mit seiner gewohnten Höflichkeit.

»Ich denke, mein Brief an Sie hat diese Frage zur Genüge beantwortet. Waren meine Angaben etwa lückenhaft?«

»Wie hieß der Patient, mit dem Sie in dieser Nacht zu tun hatten?«

»Mrs. Anna Breedon, Witwe des Direktors der Breedon National Bank in Long Branch.«

»Und Sie waren bei ihr, wie Sie feststellten, von elf bis eins?«

»Das stimmt.«

»Ist Mrs. Breedon die einzige Zeugin für Ihre Anwesenheit im Sanatorium?«

»Ich befürchte, daß es sich so verhält. Nach zehn Uhr abends läute ich nie. Ich habe meinen eigenen Schlüssel zu dem Haus.«

»Ich hoffe, man wird Mrs. Breedon über diesen Funkt befragen können.«

Im Tone des tiefsten Bedauerns sagte Doktor Lindquist:

»Mrs. Breedon ist eine schwerkranke Frau. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, als ihr Gatte im vorigen Sommer starb, und ist seitdem ständig in einem Zustand des Halbbewußtseins. Die geringste Aufregung könnte da zu den schlimmsten Folgen führen.«

Er nahm einen Zeitungsausschnitt aus seiner Brieftasche und reichte ihn Markham.

»Sie werden bemerken, daß dieser Nachruf auf ihren Gemahl Mrs. Breedons Unterbringung in ein Privatsanatorium erwähnt. Ich bin seit Jahren ihr Arzt.«

Markham gab den Zeitungsausschnitt, nachdem er ihn überflogen hatte; zurück. Eine kleine Stille trat ein, die Vance unterbrach. »Apropos: wie heißt die Nachtschwester in Ihrem Sanatorium?«

Lindquist sah schnell auf.

»Die Nachtschwester? Warum? Was hat sie denn mit der Sache zu tun? Sie war Montag nacht sehr beschäftigt. Ich verstehe nicht, wieso ... Aber wenn Sie den Namen wissen wollen, sie heißt Miß Amelia Finckle.«

Vance schrieb den Namen auf, erhob sich und trug den Zettel zu Heath hinüber.

»Sergeant, bringen Sie Miß Finckle morgen früh um elf hierher«, sagte er, indem er das eine Auge zusammenkniff.

»Wird erledigt. Gute Idee.« Heaths Gesicht versprach nichts Gutes für Miß Finckle.

Lindquists Mienen wurden besorgt.

»Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen sage, daß mir Ihre Methoden nicht den geringsten Eindruck machen.« Sein Ton war verächtlich. »Darf ich hoffen, daß Sie nun zu Ende sind?«

»Ich glaube, das ist alles«, entgegnete Markham höflich. »Kann ich ein Taxi für Sie rufen lassen?«

»Danke, mein Wagen wartet unten.«

Doktor Lindquist zog sich hochmütig zurück.

Markham schickte sofort nach Tracy, der auch gleich erschien.

Er verbeugte sich höflich, während er seine Zwickergläser abwischte. Man hätte ihn eher für einen Schauspieler gehalten als für einen Detektiv. Seine Gewandtheit in Angelegenheiten, die eine delikate Behandlung erforderten, war sprichwörtlich im ganzen Amt.

»Bitte, holen Sie Mister Mannix nochmals hierher«, sagte Markham. »Bringen Sie ihn sofort, ich warte auf ihn.«

Tracy verbeugte sich liebenswürdig, setzte seinen Zwicker auf und trat ab.

»Und nun«, sagte Markham und sah Vance vorwurfsvoll an, »möchte ich gern wissen, was du dir eigentlich dachtest, als du Lindquist wegen der Nachtschwester warntest. Glaubst du, ich hätte nicht auch an sie gedacht? Jetzt hat er bis morgen um elf Zeit, ihr ihre Antworten einzupauken. Du hättest nichts Besseres tun können, um einen Versuch, das Alibi dieses Mannes zu erschüttern, zunichte zu machen.«

»Ich habe ihm ein bißchen Bange gemacht, nicht wahr?« Vance schmunzelte. »Sobald dein Gegner anfängt, spitze Bemerkungen über deine Methoden zu machen, dann ist es ihm verteufelt heiß unterm Kragen. Brich mir also nicht in Tränen aus über meine Beschränktheit. Glaubst du vielleicht, dieser schlaue Kunde hätte nicht auch an die Krankenschwester gedacht? Wenn diese Miß Finckle von der willfährigen Sorte wäre, dann hätte Lindquist längst ihre Meineidsdienste in Ansprach genommen. Er hätte sie heute zusammen mit der schlafsüchtigen Mrs. Breedon als Zeugin genannt. Die Tatsache, daß er sie geflissentlich nicht erwähnte, zeigt, daß er sie nicht zu einer falschen Aussage beschwatzen kann. Ich habe ihn mit Absicht gewarnt. Nun muß er Schritte unternehmen, ehe wir Miß Finckle befragen. Ich bin eitel genug, mir einzubilden, daß ich weiß, was er tun wird.«

»Was heißt das nun?« warf Heath ein. »Soll ich diese Miß Finckle morgen früh hier vorführen oder nicht?«

»Es wird nicht nötig sein«, entschied Vance. »Wir werden nicht das Vergnügen haben, die Tüchtige zu sehen. Eine Begegnung zwischen ihr und uns ist ungefähr das letzte, was sich dieser edle Arzt wünscht.«

»Das mag stimmen«, gab Markham zu. »Immerhin kann er Montag nacht etwas anderes angefangen haben, von dem er einfach nicht will, daß es bekannt wird.«

»Durchaus richtiger Einwand! Sonderbare Herren, diese Kanarienvogelzüchter! Was hatten sie Montag nacht alle vor? Skeel macht uns weis, daß er Khun-Khan spielte. Cleaver behauptet, daß er im Seendistrikt von New Jersey herumfuhr. Lindquist will uns einreden, daß er als Tröster am Bett einer Kranken geweilt habe. Und Mannix, wie ich privat weiß, hat sich auch allerhand Mühe gegeben, ein kleines Alibi aufzubauen für den Fall, daß wir die Nase in seine Angelegenheiten stecken. Keiner will gestehen, was er wirklich tat, selbst wenn es für ihn darauf ankommt, sich von dem Verdacht zu reinigen.«

»Ich wette auf Skeel«, erklärte Heath hartnäckig. »Ich kenne Berufsarbeit. Die Fingerabdrücke und der Befund über den Meißel lassen sich nicht abstreiten. Wenn wir nachweisen könnten, wie er ins Haus rein- und wieder rausgekommen ist, dann hätten wir einen besseren Stand gegen ihn. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es der Bursche geschafft hat. Wir könnten mal einen Architekten nachsehen lassen. Das Haus ist ziemlich alt und mehrmals umgebaut worden. Vielleicht haben wir einen Eingang übersehen.«

»Herrlich!« Vance starrte Heath in satirischer Bewunderung an. »Sie werden romantisch! Heimliche Passagen! Versteckte Türen! Treppen zwischen den Wänden! ...«

Anscheinend versprach Heath sich selbst nicht viel von der Untersuchung. »Na, es ist wenigstens ratsam, herauszubringen, wie er nicht reingekommen sein kann.«

»Ich werde einen Architekten mit der Sache beauftragen«, entschied Markham. Er läutete nach Swacker und gab die nötigen Instruktionen.

Vance reckte sich und gähnte.

»Ich setze meine Hoffnungen auf Mannix«, sagte er. »Fraglos verbirgt er uns was, Markham, laß ihn ja nicht fort, ehe er dir erzählt hat, wo er Montag nacht steckte. Und vergiß nicht, recht vielsagend auf den Pelzmannequin anzuspielen.«

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