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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Falle

Freitag, den 14. September, mittags

Am folgenden Morgen schlief Vance lange. Ich hatte ihn am vorhergehenden Abend in die »Scandals« begleitet, völlig außerstande, seinen wunderbaren Wunsch zu verstehen, denn ich wußte, daß er Varietéunterhaltung verabscheute. Um zwölf Uhr mittags bestellte er sein Auto und gab dem Chauffeur Befehl, zum Belafield Hotel zu fahren.

»Wir werden Schön-Alys noch einmal besuchen«, sagte er. »Ich möchte ihr gern ein paar Blümlein auf den Tisch des Hauses stellen, fürchte aber, der liebe Mannix könnte sie danach fragen.«

Grollend empfing uns Miß La Fosse.

»Hätt ich mir ja denken können ... Vermutlich wollen Sie mir sagen, daß die Polizei auch ohne Ihren Beistand auf mich verfallen ist.« Sie war großartig in ihrem Hohn. »Geschieht mir ganz recht, warum war ich so blöd!«

Vance verbeugte sich liebenswürdig.

»Ich kam nur, um Ihnen meine Aufwartung zu machen und Ihnen zu sagen, daß die Polizei Ihren Rapport über Miß Odells Bekannte an die Untersuchungsbehörde eingereicht hat und daß ihr Name nicht darin erwähnt ist. Mir schien gestern, als ob Sie deswegen ein bißchen besorgt wären; ich wollte Sie nur völlig beruhigen.«

Ihre Züge entspannten sich.

»Wirklich? Mein Gott, wenn Luki rausbekäme, daß ich geschwatzt habe ... Mir tät was Schönes passieren.«

»Niemand wird was erfahren, es sei denn, daß Sie es ihm selber sagen ... Wollen Sie uns nicht einen Stuhl anbieten?«

»Aber natürlich, verzeihen Sie ... Ich trinke gerade Kaffee, wollen Sie nicht eine Tasse mittrinken?« Sie läutete nach zwei Tassen.

»Ich war gestern abend in den ›Scandals‹, ein bißchen spät für das Programm, aber ich habe am Anfang der Saison keine Zeit gefunden, mir diese Revue anzusehen«, erzählte Vance in nachlässigem Unterhaltungston. »Wie kommt es denn, daß auch Sie erst so spät dazu kamen, dieses Programm zu sehen?«

»Ich hatte so entsetzlich viel mit Proben zu tun«, erwiderte sie.

»Mögen Sie Revuen gern?« fragte Vance. »Mir scheint, sie sind für die Hauptdarsteller schwieriger als Singspiele.«

»Ja, da haben Sie recht.« Miß La Fosse nahm eine berufliche Miene an. »Und außerdem sehr unbefriedigend. Die Einzelleistung geht dabei im Ganzen verloren. Man hat keine Gelegenheit für sein Talent.«

Vance schlürfte tapfer Kaffee.

»Ganz so dachte ich's mir! Und dennoch, da waren ein paar Nummern in den ›Scandals‹, in denen Sie geglänzt hätten. Fabelhaft! Mir schienen die Rollen Ihnen auf den Leib geschrieben. Ich dachte immer an Sie dabei, und das verdarb mir das Vergnügen an der jungen Darstellerin. Offen gestanden, haben Sie nicht Montag nacht ein ganz klein wenig den Wunsch verspürt, den ›Chinese Lullaby Song‹ zu singen?«

»Ach, ich weiß nicht.« Miß La Fosse erwog den Vorschlag mit Bedacht. »Die Bühnenbeleuchtung ist recht matt in dieser Nummer, und Kirschrot steht mir nicht sehr gut. Aber die Kostüme waren fein, nicht wahr?«

»Oh! Ihnen hätten sie gewiß fabelhaft gestanden ... Was für Farben bevorzugen Sie eigentlich?«

»Ich schwärme für Orchideentöne«, gestand sie enthusiastisch. »Auch in Türkisblau sehe ich gar nicht so schlecht aus. Ein Maler sagte mir einmal, ich solle immer Weiß tragen. Er wollte mich porträtieren, aber der Gentleman, mit dem ich damals verlobt war, konnte den Maler nicht leiden.«

Vance sah sie mit bewundernden Blicken an.

»Ich glaube, Ihr Malerfreund hatte recht. Wissen Sie, die Sankt Moritzer Nummer in den ›Scandals‹, die wäre das richtige für Sie gewesen. Die kleine Brünette, ganz in Weiß, die das Schneelied sang, war entzückend. Aber, wissen Sie, sie hätte Ihr goldenes Haar haben müssen. Dunkle Schönheiten gehören ins südliche Klima. Es fehlt ihr auch das Übermütige, Sprühende, das zu einem schweizerischen Winterkurort gehört. Das hätten Sie in bewundernswertem Maß mitgebracht.«

»Ja, diese Nummer hätte mir besser gelegen als die chinesische ... Polarfuchs ist außerdem mein Lieblingspelz ... Aber selbst dann ...« Sie seufzte.

Vance stellte seine Tasse hin und sah sie mit spaßig vorwurfsvollen Augen an.

»Meine Liebe, warum haben Sie mich eigentlich über den Zeitpunkt von Mr. Mannix' Verabredung Montag nacht beschwindelt? Das war nun nicht nett von Ihnen.«

»Was ist los?« rief Miß La Fosse wütend.

»Sehen Sie«, erklärte Vance, »die Sankt Moritzer Nummer in den ›Scandals‹ kommt erst gegen elf auf die Bühne. Sie beschließt das Programm. Sie können sie unmöglich gesehen und zu gleicher Zeit Mr. Mannix hier um halb elf empfangen haben. Sagen Sie mir doch, bitte, um wieviel Uhr er tatsächlich Montag nacht hier ankam.« Das Mädchen wurde rot vor Ärger.

»Sie sind ja ein ganz Gerissener ... Was ist denn dabei, wenn ich erst nach Schluß der Vorstellung nach Haus kam? Ist doch wohl kein Verbrechen?«

»Ganz und gar nicht«, entgegnete Vance milde. »Nur ein kleiner Vertrauensbruch, da Sie mir erzählten, Sie seien vor elf nach Haus gekommen.« Er beugte sich vor und sah sie ernst an. »Ich bin nicht hier, um Ihnen Ungelegenheiten zu machen Im Gegenteil, ich möchte Sie vor Scherereien bewahren.«

Miß La Fosse zog die Brauen energisch zusammen.

»Passen Sie auf. Ich habe nichts zu verbergen. Und Luki – das ist Mister Mannix – auch nicht. Aber wenn er mir sagt, ich soll sagen, daß er irgendwo um halb elf gewesen ist, dann sag ich das. Das ist meine Auffassung von Freundschaft. Aber wenn Sie so frech sind und behaupten, ich hätte unfair gespielt, dann will ich's Ihnen sagen: er ist nicht vor Mitternacht hier angekommen. Aber wenn mich sonst jemand danach fragt, dann soll er sich erst zum Teufel scheren, bevor ich ihm was anderes als die Halbelfuhrgeschichte erzähle. Verstehn Sie?«

»Ich verstehe durchaus und schätze Sie deswegen.«

»Aber gehn Sie mir nicht fort mit der falschen Idee im Kopf«, sagte sie rasch, während ihre Augen vor Eifer sprühten. »Luki mag hier nicht vor Mitternacht angekommen sein, aber wenn Sie sich deswegen einbilden, daß er was über Margots Tod weiß, dann sind Sie schief gewickelt. Die Margot war für ihn erledigt seit einem Jahr. Er wußte kaum noch, daß sie am Leben war. Und wenn sich so'n Kriminaler einredet, daß er in die Geschichte verstrickt war, dann werde ich ihm ein Alibi ausstellen, und wenn es das letzte ist, was ich auf dieser Welt tue.«

»Ich schätze Sie mehr und mehr«, sagte Vance und zog zum Abschied ihre Hand an seine Lippen.

Er war nachdenklich, als wir nach der unteren Stadt fuhren. Wir näherten uns schon dem Kriminalgerichtsgebäude, als er sagte:

»Die primitive Alys ist wirklich ein netter Kerl, viel zu gut für den öligen Mannix. Frauen sind so gescheit – und so leichtgläubig. Eine Frau kann einen Mann mit nachtwandlerischer Sicherheit verstehen, aber sie ist völlig blind, wenn es sich um ihren eigenen Mann handelt. Zum Beispiel der Glaube der holden Alys an Mannix ... Er hat ihr vermutlich gesagt, daß er Montag nacht auf seinem Büro schwitzte. Das glaubt sie natürlich nicht. Aber sie weiß ganz genau – wohlgemerkt: sie weiß – daß Luki unmöglich was mit dem Mord zu tun haben kann. Hoffen wir, daß sie recht hat und Mannix nicht in Haft kommt, wenigstens nicht, bevor er die neue Rolle für sie finanziert hat ...«

Als wir auf das Polizeipräsidium kamen, fanden wir Markham und Heath in einer Konferenz. Markham hatte einen Stoß Schreibpapier vor sich, von dem schon mehrere Seiten mit Notizen bedeckt waren. Heath saß ihm gegenüber, die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände gestützt. Eine Wolke von Zigarrenrauch umgab die beiden.

»Ich ackere gerade den Fall mit dem Sergeanten durch«, erklärte Markham. »Er ist auf laufenden. Aber je mehr wir erfahren, desto größer wird anscheinend der Wirrwarr. Wir haben gegen niemand einen Beweis. Verdacht besteht gegen Skeel, Lindquist und Cleaver. Das Interview mit Mannix hat nichts Belastendes ergeben. – Von Skeel haben wir ein paar Fingerabdrücke, die Montag nachmittag gemacht sein können. Doktor Lindquist verfällt in eine Berserkerwut auf die Frage, wo er Montag nacht gewesen sei, bietet dann ein dürftiges Alibi an. Er gibt eine väterliche Neigung zu dem Mädchen zu, während er tatsächlich leidenschaftlich verliebt in sie war. Ein Stück verständlicher Verlogenheit. –

Cleaver hat seinem Bruder seinen Wagen geliehen und lügt mich an, daß er Montag nacht in Boonton war. – Das ist alles.«

»Recht beachtenswerte Auskünfte«, bemerkte Vance trocken, »sie wären verteufelt wertvoll, wenn uns nicht große Stücke zu dem Rätsel fehlten.«

»Leicht gesagt!« brummte Markham. »Wo sollen wir denn diese Stücke auftreiben?«

Heath zündete seine Zigarre wieder an und machte eine ungeduldige Geste. »Von Skeel können Sie nicht abkommen. Dem Kerl möchte ich die Wahrheit aus den Rippen schwitzen. Nebenbei, Mr. Vance, er hatte einen Privatschlüssel zu der Wohnung der Odell in der Tasche, ja.« Er sah Markham zögernd an. »Ich will nicht kritisieren, Sir, aber mir kommt es wie Zeitverschwendung vor, hinter den Kavalieren der Odell herzulaufen.«

»Sie haben vielleicht recht«, stimmte Markham zu. »Ich möchte nur erst gern wissen, warum Lindquist sich so verdächtig benahm.«

»Kann ja von Nutzen sein ...« Heath schien zu diesem Kompromiß bereit. »Warum sollte man ihn nicht mal ordentlich einschüchtern? Sein Leumund ist ja ohnehin nicht grade einwandfrei.«

»Ein ausgezeichneter Gedanke!« pflichtete Vance bei.

Markham sah auf seinem Kalender nach.

»Ich habe noch Zeit heute nachmittag. Wie wär's, wenn Sie ihn herbrächten, Sergeant? Lassen Sie sich einen Haftbefehl ausstellen.« Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Entweder wird sich ein weiterer Verdacht ergeben, oder wir können die Sache als erledigt beiseiteschieben.« Heath schien pessimistisch, als er sich verabschiedete.

»Wolltest du nicht«, fragte Markham bissig, »als Bringer froher Botschaft hier in Erscheinung treten?«

»Ja, das habe ich dir in Aussicht gestellt.« Vance sah lange nachdenklich zum Fenster hinaus. »Hör mal, dieser Bursche Mannix zieht mich magnetisch an. Er raubt mir den Schlaf. Er plagt und peinigt mich bis aufs Blut.«

»Soll diese Jeremiade vielleicht eine frohe Botschaft sein?«

»Ich werde nicht ruhen, bis ich weiß, wo Luki, der Kürschner, Montag nacht zwischen elf und zwölf war. Und du, Markham, mußt das herausfinden. Bitte, mach Mannix zum Gegenstand deiner nächsten Offensive. Unter dem nötigen Druck wird er schon zu reden anfangen. Sei brutal, lieber Alter. Laß ihn glauben, daß du ihn des Mordes verdächtigst. Frag ihn wegen des Pelzmannequins. Wie heißt Sie? Ach ja, Frisbee!« Er stutzte und zog die Stirn in Falten. »Ja, ja, nach ihr mußt du ihn fragen. Frag ihn, wann er sie zuletzt gesehen hat. Und gib dir recht Mühe, daß du dabei allwissend und geheimnisvoll aussiehst.«

Markham war am Ende seiner Geduld angekommen. »Was hält dich eigentlich auf dieser Fährte? Seit drei Tagen spielst du ständig auf Mannix an!«

»Intuition – nichts als Intuition!«

»Man möchte dir beinah glauben.« Markham zuckte die Achseln. »Schön! Ich werde mir Mannix vorknöpfen, sobald ich mit Lindquist fertig bin.«

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