Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > S. S. van Dine >

Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/dine/odell/odell.xml
typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121119
projectida315a9d0
Schließen

Navigation:

Ein Alibi wird nachgeprüft

Donnerstag, 13. September, nachmittags

Schön-Alys war eine wahre Goldgrube, was?« sagte Vance heiter, als wir wieder auf die Straße traten. »Du hättest dich nur besser beherrschen sollen, als sie den Namen ihres ›Verlobten‹ nannte. Ich sah, wie du zusammenfuhrst und den Atem anhieltest.«

Aus der Telefonzelle in der nächsten Drogerie rief er Markham an: »Ich habe ein paar Geheimnisse, die ich dir gern zuflüstern möchte. Iß zu Mittag mit uns!« Sie redeten noch eine Zeitlang, aber Vance behielt schließlich seinen Willen.

»Dieses Mädchen ist gescheiter als Heath«, murmelte er, als wir in einer Taxe zu unserer Verabredung mit Markham fuhren. »Ihre Meinung von dem geschniegelten Tony war nicht gerade elegant ausgedrückt, aber sie traf den Nagel auf den Kopf.«

Eine Zeitlang rauchte er schweigend.

»... Mannix! Komisch, daß er nun wieder auftaucht. Er hat Alys eingeschärft, die Stumme zu spielen ... Warum? ... Da stimmt was nicht mit dieser Singspielkonferenz Montag nacht ... Und dann Cleaver! ... Das ist kein Ammenmärchen, daß er genau zehn Minuten vor zwölf anrief! ... Aber wie konnte er das von seinem sausenden Auto aus? ... Vielleicht wollte er wirklich mit seinem entflogenen Kanarienvogel zusammenkommen ... Aber warum dann die Umständlichkeit? Er hätte doch direkt bei ihr anrufen können ... Hallo! Das hat er vielleicht auch getan, zwanzig Minuten vor zwölf. – und als eine Männerstimme an ihrem Apparat antwortete, wandte er sich an Alys ... Jedenfalls war er nicht in Boonton ... Armer Markham! ... Und diese Geschichte mit dem Doktor! ... Manische Eifersucht, das paßt ausgezeichnet zu seinem Charakterbild ... Die schlaue Alys hat diesen gefährlichen Burschen erkannt und den Kanarienvogel vor ihm gewarnt ... Ein verflixter Wirrwarr! Ganz fraglos, es geht vorwärts, aber ich hab' keinen Dunst, in was für einer Richtung es vorwärtsgeht ...«

Markham wartete auf uns und grüßte Vance irritiert.

»Was hast du mir denn so verdammt Wichtiges zu sagen?«

»Na, sei doch nicht gleich so bissig!« Vance strahlte übers ganze Gesicht. »Wie geht es deinem Leitstern Skeel?«

»Bisher hat er alles getan, was rein und edelmütig ist, außer dem ›Christlichen Verein Junger Männer‹ beizutreten.«

»Na, laß ihm doch ein bißchen Zeit! Es ist ja bald Sonntag ... Du bist also nicht gerade glücklich, lieber Markham?«

»Hast du mich von meinen anderen Verabredungen hergelotst, um dich nach meiner Laune zu erkundigen?«

»Das wäre Wortverschwendung! Dir ist offensichtlich scheußlich zumute ... Paß auf! Ich hab' dir was zum Nachdenken mitgebracht.«

»Zum Teufel! Ich habe ohnehin schon zuviel zum Nachdenken.«

»Hier, nimm ein Brötchen!« Vance bestellte die Mahlzeit, ohne uns beide nach unseren Wünschen zu fragen. »Und nun zu deinen Offenbarungen. Erstens: Pop Cleaver war nicht in Boonton Montag nacht. Er war mit Leib und Seele in diesem Wolkenkratzer-Gomorrha und sehnte sich nach mitternächtlicher Gesellschaft.«

»Wundervoll«, knurrte Markham. »Ich labe mich am Brunnen deines Wissens. Cleavers anderes Ich war also auf der Straße nach Hopatcong.«

»Sag, was du willst: Cleaver war in New York.«

»Und die Vorladung wegen Schnellfahrens?«

»Das wirst du aufzuklären haben. Am besten schickst du nach Boonton und läßt dir diesen Automobilfänger kommen. Stell ihn Pop gegenüber. Wenn er sagt, daß Cleaver der Mann ist, den er angehalten hat, dann will ich meinem Leben demütig ein Ende machen.«

»Na, das wäre den Versuch wert! Ich werde den Polizisten heute nachmittag in den Stuyvesant Club bestellen und ihm Cleaver zeigen ... Weiter mit deinen Enthüllungen!«

»Mannix sollte man sich näher ansehen.«

»Der Himalaja türmt sich auf! Auf dieses Zeugnis hin sollte er sofort ins Loch gesteckt werden! ... Du fühlst dich doch ganz wohl, mein Lieber? Keine Schwindelanfälle in letzter Zeit? Keine stechenden Kopfschmerzen? Kniesehnen fest?«

»Weiterhin: Doktor Lindquist war Hals über Kopf in den Kanarienvogel verschossen. Kürzlich drohte er, er wolle eine Pistole nehmen und ein kleines Schlachtfest abhalten.«

»Das ist besser!« Markham richtete sich auf. »Wo hast du denn das her?«

»Mein Geheimnis!«

»Warum?« Markham war verstimmt.

»Geht nicht anders. Ich habe mein Wort gegeben.«

Markham kannte Vance zu gut, um weiter in ihn zu dringen.

Wir fuhren zusammen zum Polizeipräsidium. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Heath hereinkam.

»Ich habe da noch was über Mannix rausgebracht«, meldete er. »Burke erwischte ein Bild von ihm und zeigte es den beiden Telefonisten. Beide erkannten ihn sofort. Er ist öfters dort im Haus gewesen. Aber er hat nicht den Kanarienvogel besucht, sondern die Dame, die in der Wohnung Nummer 2 wohnt. Sie heißt Frisbee und war früher eine von Mannix' Pelzmannequins. Er hat sie in den letzten Monaten mehrmals besucht. Aber seit ein paar Wochen hat er anscheinend nicht bei ihr vorgesprochen ... Taugt das was?«

»Kann man noch nicht sagen.« Markham schoß Vance einen scharfen Blick zu. »Jedenfalls: Dank für die Auskunft, Sergeant!«

»Nebenbei bemerkt, Markham, ich fühl' mich wohl vom Scheitel bis zur Sohle«, flötete Vance, sobald Heath gegangen war. »Keine Kopfschmerzen. Keine Schwindelanfälle. Kniesehnen fest.«

»Freut mich. Trotzdem kann ich niemanden wegen Mords unter Anklage stellen, weil er sein Pelzmodell besucht.«

»Du bist so hastig!« Vance erhob sich und gähnte. »Komm mit, Van Dine ...« In der Tür hielt er inne. »Sag, Markham, was wird mit dem Beamten aus Boonton?«

Markham läutete nach Swacker.

»Wird erledigt. Schau gegen fünf in den Klub rein, wenn's dir paßt. Ich werde mit dem Polizisten dort sein, denn Cleaver kommt sicher vorm Nachtessen hin.«

Als Vance und ich in den Klub kamen, fanden wir Markham in einem Sessel im Vestibül. Neben ihm saß ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit sonnverbranntem Gesicht.

»Verkehrsbeamter Phipps ist vor einer Weile eingetroffen«, sagte Markham, während er ihn vorstellte. »Cleaver muß jeden Augenblick kommen, er hat eine Verabredung für halb sechs.«

»Hoffentlich ist er pünktlich.«

»Hoffentlich«, gab Markham spitz zurück. »Ich sehe deinem Selbstmord mit großer Freude entgegen.«

Es dauerte keine zehn Minuten, und Cleaver erschien. Als er an uns vorbeikam, tauschte er Grüße aus. Markham hielt ihn mit ein paar belanglosen Fragen auf. Dann ging Cleaver weiter.

»Ist das der Mann, den Sie aufgeschrieben haben?« fragte Markham Phipps.

Phipps runzelte die Stirn.

»Er sieht ihm ähnlich, Sir. Aber er ist es nicht. Bestimmt nicht, Sir. Der Mann, den ich angehalten habe, war dicker als dieser Gent und nicht so groß.«

»Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher?«

»Jawohl, Sir. Irrtum ausgeschlossen. Der Mann, dem ich den Zettel anhängte, wollte mir die Sache abstreiten und mich rumkriegen. Wie das nicht ging, versuchte er, mich mit einem Fünferlappen zu schmieren. Ich hatte das Licht von meinem Scheinwerfer voll auf ihm.«

Phipps wurde mit einem guten Trinkgeld entlassen.

»Vae misero mihi!« seufzte Vance. »Mein wertloses Leben ist somit verlängert. Du mußt es zu ertragen versuchen, Markham ... Sag mal, wie steht denn Cleavers Bruder aus?«

»Das ist er«, nickte Markham. »Ich kenne den Bruder. Er ist kleiner und dicker. Das ist mir zu bunt! Ich werde die Sache mit Cleaver mal gleich ins reine bringen. Ich will wissen, warum er mich beschummelt hat!«

Vance hielt ihn nur mit größter Mühe zurück. Er überzeugte ihn, daß es besser sei abzuwarten, bis mehr gegen Cleaver vorläge.

Wir gingen in den Palmenraum und bestellten Tee. Dort saßen wir eine halbe Stunde, als Spotswood hereinschlenderte. Er grüßte, und Markham lud ihn ein, bei uns Platz zu nehmen. Spotswood schien sehr niedergedrückt.

»Ich wage es kaum, Sie zu fragen, Mr. Markham: wie steht es mit meiner möglichen Vorladung als Zeuge?« fragte er zaghaft.

»Sie ist Ihnen gewiß nicht näher als bei unserer letzten Unterredung«, erwiderte Markham. »Die Lage ist unverändert, wir hoffen jedoch, bald zu einer Verhaftung schreiten zu können.«

»Sie wünschen, daß ich noch weiter in der Stadt bleibe?«

»Wenn Sie es einrichten können, ja.«

»Ich möchte nicht gern den Eindruck erwecken, als wolle ich mich vor der Verantwortung drücken«, sagte Spotswood nach einem längeren Stillschweigen. »Aber würde nicht auf alle Fälle die Aussage des Telefonisten genügen, um die Stunde von Miß Odells Rückkehr in ihre Wohnung und ihre Hilferufe festzustellen?«

»Natürlich. Nur wenn die Verteidigung sich auf die Frage der exakten Zeit versteift oder die Aussage des Telefonisten aus irgendeinem Grund angefochten oder disqualifiziert wird, dann müssen Sie sich auf eine Vorladung gefaßt machen.«

Spotswoods Niedergeschlagenheit schien ein wenig behoben.

»Sie sind sehr großzügig gegen mich, Mr. Markham. Ich wünschte, ich könnte es Ihnen je danken.« Er sah zaudernd auf. »Ich vermute, Sie sind noch immer dagegen, daß ich die Wohnung besuche? Was wird wohl aus Miß Odells Eigentum werden, den Möbeln und so weiter?«

»Sergeant Heath hat von einer Tante von ihr gehört. In Seattle. Sie ist, glaube ich, bereits unterwegs, um den Nachlaß zu übernehmen.«

»Und solange wird alles unberührt bleiben?«

»Vermutlich sogar länger. Auf jeden Fall aber solange.«

»Ich weiß, Sie werden mich für sentimental halten ... aber da sind ein oder zwei Kleinigkeiten, die ich gern für mich hätte«, gestand Spotswood verschämt.

Vance unterhielt sich mit ihm mit einer Sympathie, die ich selten bei ihm bemerkte. Nach einer Viertelstunde erhob sich Spotswood, eine Verabredung vorschützend, und wünschte uns guten Abend.

»Ich hoffe, es gelingt mir, seinen Namen aus dem Spiel zu lassen«, sagte Markham, als er gegangen war.

»Ja«, pflichtete Vance bei. »Er ist in keiner beneidenswerten Lage. Ein Moralist würde das für Vergeltung halten.«

»Da war der Zufall aber sichtlich auf Seiten der moralischen Gerechtigkeit. Wenn er nicht gerade Montag nacht in den Wintergarten gegangen wäre, dann säße er jetzt bei seiner Familie, und nur sein schlechtes Gewissen würde ihm vielleicht das Leben schwermachen.«

»Es sieht so aus.« Vance sah auf die Uhr. »Die Erwähnung des ›Wintergarten‹ nebenher erinnert mich, daß ich heut abend mal frivol sein möchte. Paßt es euch, früh zu nacht zu essen? Ich möchte in die ›Scandals‹ heute abend.«

Wir sahen ihn an, als ob er plötzlich den Verstand verloren hätte.

»Tu nicht so entsetzt, lieber Markham! Warum soll ich nicht auch mal einem plötzlichen Einfall nachgeben ...? Und nebenbei hoffe ich bis morgen mittag gute Nachrichten für dich zu haben.«

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.