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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Vier Möglichkeiten

Mittwoch, den 12. September, abends

Vance schwieg, und es war eine lange Zeit ganz still. Markham, tief beeindruckt, saß in Nachdenken verloren da. Der Gedanke an Skeels Schuld, an den er sich geklammert hatte, seitdem die Fingerabdrücke identifiziert worden waren, hatte ihn nie völlig befriedigt. Aber er war außerstande gewesen, sich eine andere Möglichkeit zu denken. Nun hatte Vance diesen Verdacht abgelehnt und gleichzeitig eine Theorie des Verbrechens vorgetragen, die trotz ihrer Unbestimmtheit allen materiellen Faktoren des Falls Rechnung trug. Gegen seinen Willen hatte sich Markham für Vances Standpunkt einnehmen lassen.

»Verdammter Krempel!« murrte er. »Ich bin nicht im geringsten von deiner theatralischen Theorie überzeugt, Vance. Und doch spüre ich, daß deine Analyse spruchreif ist. Mich wundert nur ...« Er sah Vance forschend ins Gesicht. »Schau her, du hast eine gewisse Person im Auge für die Rolle, wie du grade angedeutet hast?«

»Auf mein Wort!« versicherte Vance. »Ich habe nicht die geringste Idee, wer die Dame kaltgemacht hat. Aber wenn du den Mörder auftreiben willst, dann mußt du dich nach einem gescheiten, überlegenen Kerl mit eisernen Nerven umgucken, einem Mann, der in unmittelbarer Gefahr stand, von der Odell ruiniert zu werden, einem hervorragenden Egoisten, einem Menschen, der mehr oder weniger Fatalist ist. Wenn es dir gelingt, Hand an ihn zu legen, dann wirst du baß erstaunt sein, wozu dieser Herr fähig ist.«

Markham verfiel wieder in Schweigen.

»Das einzig Mißliche an deinem scharfsinnigen Befund ist, daß er sich nicht mit den bekannten Gegebenheiten des Falls zusammenreimt. Und Tatsachen, mein lieber Vance, werden von uns altmodischen Juristen noch immer als schlüssig erachtet!«

»Wozu dieses Eingeständnis?« witzelte Vance. »Und welches sind denn die Tatsachen, die meinem Befund entgegenstehen?«

»Es gibt nur vier Männer von dem Typ, den du beschreibst, die irgendeinen Grund gehabt haben könnten, die Odell zu ermorden. Heaths Agenten haben den Lebenswandel unsrer Schönen gründlich durchforscht. In den letzten zwei Jahren waren nur vier – nämlich Mannix, Cleaver, Lindquist und natürlich Spotswood – ihre Vertrauten.«

»Du hast also ein ganzes Quartett zur Auswahl«, sagte Vance apathisch. »Was willst du denn mehr? Ein Regiment?«

»Nein«, antwortete Markham ungeduldig. »Was ich mehr will, ist eine einzige logische Möglichkeit. Mannix war vor mehr als einem Jahr mit dem Mädchen fertig. Cleaver und Spotswood haben beide wasserdichte Alibis. So bleibt nur Doktor Lindquist übrig, den ich mir beim besten Willen trotz seines Jähzorns nicht als Erwürger vorstellen kann. Auch er hat ein Alibi, und es kann immerhin echt sein.«

Vance wackelte mit dem Kopf.

»Es liegt, etwas Rührendes in der Kindergläubigkeit deines Juristengemüts.«

Er zündete eine neue Zigarette an und lehnte sich mit geschlossenen Lidern zurück.

»Erzähle mir, was du von den vier diensttuenden Kavalieren weißt. Du sagtest vorhin, du hättest Heath noch nach dem Mittagessen telefonisch beauftragt, seine Nachforschungen auch auf Mannix auszudehnen, und beim Abendessen bemerktest du, daß du den Rapport in Händen hättest. Erzähle uns alles von diesen Männern! Wer waren ihre Mamas? Was essen sie zum Frühstück? Neigen sie zu Hitzpocken? Aber laß uns erst Spotswood vornehmen. Weißt du irgendwas von ihm?«

»Nur das Allgemeine«, gab Markham zurück. »Er kommt aus altpuritanischem Haus. Seine Vorfahren waren Gouverneure, Bürgermeister, erfolgreiche Großkaufleute. Sie sind sämtlich Yankees gewesen, keinerlei Rassenmischung. Unstreitig stellt er die älteste und zäheste New-England-Aristokratie dar. Sein Verhältnis mit der Odell reimt sich freilich nicht mit der puritanischen Sittenstrenge zusammen.«

»Aber vorzüglich mit der Reaktion, die auf die puritanischen Lebenshemmungen folgt! Was tut der Mann? Wo hat er den Zaster her?«

»Sein Vater hatte eine Fabrik für Automobilzubehör. Machte ein Vermögen an der Sache und hinterließ ihm alles. Er selbst klempnert ein bißchen herum. Nicht sehr erfolgreich, obschon ich mal gehört habe, daß er ein paar Neuerungen auf dem Gebiet erfunden und auf den Markt gebracht hat. Aber Spotswood kann es ja nicht gewesen sein! Als Täter kommt er wirklich nicht in Betracht. Wir wissen, daß das Mädchen noch am Leben war, als er wegging. Und während der Zeit des Mordes saß er hier im Klub mit Judge Redfern zusammen.«

»Über diesen letzten Punkt stimmen wir überein«, gab Vance zu. »Und das ist alles, was du von dem Mann weißt?«

»Ja, außer daß er eine wohlhabende Frau aus den Südstaaten heiratete.«

»Na, das hilft uns nicht weiter ... Laß nun die Geschichte von Mannix hören!«

Markham zog ein in Maschinenschrift geschriebenes Papier aus der Tasche.

»Beide Eltern Einwanderer. Im Zwischendeck rübergekommen. Ursprünglicher Name war Manniekiewicz oder sowas. Er ist im Armenviertel geboren. Lernte den Pelzhandel im Kleinverkauf im Laden seines Vaters. Arbeitete in einer Fabrik und brachte es zum Werkmeister. Sparte sein Geld und vermehrte es durch geschickte Grundstücksspekulationen. Machte dann ein eigenes Pelzgeschäft auf und arbeitete sich Schritt für Schritt in die Höhe. Besuchte Volksschule. Nachtkurse der Handelshochschule. Heiratete 1900 und wurde ein Jahr darauf geschieden. Führt einen flotten Lebenswandel, trägt zur Erhaltung der Nachtklubs bei. Wird niemals betrunken. Gehört zu denen, die für den Wein berappen. Hat einiges Geld in Operetten gesteckt. Hat stets eine Bühnenschönheit im Schlepptau. Bevorzugt Blondinen.«

»Nicht sehr enthüllend«, seufzte Vance. »Die Stadt ist voller Mannixe ... Was hast du über unsern Modedoktor sammeln können?«

»Ich fürchte, New York hat auch Dutzende Lindquists. Er kommt aus einem kleinen Nest in den Mittelweststaaten. Französischer und ungarischer Abstammung. Machte seinen Dr. med. auf der Universität in Ohio. Hatte eine Praxis in Chikago. Irgendeine dunkle Sache lag dort gegen ihn vor. Er ist aber nie verurteilt worden. Er zog nach Albany, erfand eine Brustpumpe und gründete eine Aktiengesellschaft daraufhin; machte ein kleines Vermögen an der Sache. Dann ging er auf zwei Jahre nach Wien –«

»Aha, der Zug zu Freud!«

»– und kehrte dann nach New York zurück, wo er ein Privatsanatorium aufmachte. Verlangte hanebüchene Preise und machte sich dadurch bei den Neureichen beliebt. Hat sich seitdem ständig bei ihnen beliebter gemacht. War in einen Prozeß wegen gebrochenen Eheversprechens als Angeklagter verwickelt. Aber der Fall wurde außergerichtlich durch Abfindung geregelt. Ist unverheiratet.«

»Könnte nicht verheiratet sein«, kommentierte Vance. »Dergleichen Edelleute heiraten nie ... Eine interessante Zusammenstellung jedoch ... na ja ... ganz entschieden interessant ... Ich hätte Lust, eine Psychoneurose zu entwickeln und mich bei Ambroise in Behandlung zu begeben. Ich würde ihn gern näher kennenlernen.«

»Auf alle Fälle, ich glaube nicht, daß er jemanden morden könnte.«

»Du bist so vorurteilsvoll«, sagte Vance. »Aber laß uns fortfahren. Wie lautet Cleavers Leumund? Die Tatsache, daß er ›Pop‹ genannt wird, ist ein hilfreicher Anfang. Alan kann sich platterdings nicht vorstellen, daß jemand zu Beethoven ›Schlankerl‹ oder zu Bismarck ›Schnucki‹ gesagt hat.«

»Cleaver hat beinah sein ganzes Leben lang in der Politik gesteckt. Mit Fünfundzwanzig war er Wahlbezirksvorsteher. Dann Leiter eines Demokraten-Parteiklubs. War zweimal Stadtverordneter. Hatte eine Rechtsanwaltspraxis. Wurde Steuerkommissar. Gab dann die Politik auf und hielt sich einen kleinen Rennstall. Später sicherte er sich eine Spielhauskonzession in Saratoga. Nun hat er ein Wettbüro in Jersey City. Ist Sportsmann. Trinkt gern Schnaps.«

»Keine Ehen?«

»Nichts dergleichen gemeldet. Aber schau her: Cleaver ist aus der Sache raus. Er ist ja an jenem Abend um halb zwölf wegen Schnellfahrens in Boonton aufgeschrieben worden.«

»Ist das vielleicht das wasserdichte Alibi, das du vor einem Augenblick erwähntest?«

»Mit meinem primitiven Juristenverstand habe ich es so angesehen. Die Vorladung ist ihm um halb zwölf ausgehändigt worden, so steht es schwarz auf weiß auf dem Zettel. Und Boonton ist fünfzig Meilen von hier, zwei Stunden mit dem Auto zu fahren. Demzufolge muß Cleaver New York um halb zehn verlassen haben, und könnte nicht, selbst wenn er sofort umgekehrt wäre, vor halb zwei hier gewesen sein. Ich habe die Vorladung nachgeprüft und sprach soeben durchs Telefon mit dem Polizisten, der sie ausgestellt hat. Ich ließ die Sache niederschlagen.«

»Hat denn der Polizist Cleaver persönlich gekannt?«

»Nein, aber er gab mir die genaue Beschreibung. Und die Wagennummer stimmte.«

Vance sah Markham besorgt an.

»Lieber Markham! Lieber, guter Markham! Alles, was du bewiesen hast, ist, daß die ländliche Verkehrs-Nemesis einem glattrasierten, stämmigen Mann in mittleren Jahren, der Cleavers Wagen in der Mordnacht in der Gegend von Boonton herumfuhr, eine Vorladung wegen Geschwindigkeitsüberschreitung aushändigte ... So ein ähnliches Alibi würde sich dieser alte Knabe bestimmt besorgen, wenn er die Absicht hätte, der jungen Dame gegen Mitternacht das Leben zu nehmen.«

»Komm! Komm!« lachte Markham. »Das ist ein bißchen weit hergeholt. Du traust jedem Gesetzesbrecher die gerissensten Pläne zu.«

»Natürlich tu ich das«, gestand Vance ganz ruhig. »Genau solche Pläne heckt sich ein Mensch aus, wenn er vorhat, einen Mord zu begehen und weiß, daß dadurch sein Leben verwirkt sein kann. Was mich ärgert, ist diese naive Einstellung deiner Spürhunde, als ob an Mörder nicht fähig wäre, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu seiner Rettung zu fassen. Es ist wirklich rührend.«

Markham murrte.

»Mir kannst du schon glauben, daß es Cleaver selber war, der die Vorladung bekam.«

»Schön, du sollst recht haben«, lenkte Vance ein. »Ich wollte dir ja nur zuflüstern, daß die Möglichkeit einer Täuschung besteht. Der einzige Punkt, auf den ich mich versteife, ist, daß das faszinierende Fräulein Odell von einem Mann mit subtilem und überlegenem Geist umgebracht wurde.«

»Und ich meinerseits«, entgegnete Markham gereizt, »bestehe darauf, daß mir unsere vier Männer in Betracht kommen und daß keiner von ihnen eine vielversprechende Möglichkeit darstellt.«

»Ich befürchte, ich muß dir widersprechen. Sie sind alle vier vielversprechende Möglichkeiten. Und einer von ihnen ist schuldig.« – – –

In derselben Nacht, auf dem Heimweg, sagte Vance zu mir:

»Markham wird von seinem juristischen Bürokratismus erdrosselt, genau so wie der Kanarienvogel von starken Händen erdrosselt wurde. Eheu! Van Dine! Da bleibt nichts anderes übrig, als ich selber nachsehe, was ich für die edle Sache der Gerechtigkeit tun kann. Ich kann ungelöste Probleme nun einmal nicht ausstehen!«

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