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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121119
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Vance entwickelt eine Theorie

Mittwoch, den 12. September, abends

Mittwoch abend saßen wir wie gewöhnlich in unserer Ecke im Klub und rauchten. Markham war erschöpft in seinen Stuhl gesunken und murrte:

»Verdammt, diese Zeitungen! Alle schreien sie nach dem Mörder! Als ob ich ihn aus dem Ärmel schütteln könnte!«

Er fauchte.

»Ich beklage mich nicht über Kritik. Aber die düstere Phantasie dieser fixen jungen Reporter geht mir auf die Galle. Sie versuchen, dieses dreckige Verbrechen in ein Liebesdrama umzudichten, in dem die Leidenschaften rasen und allerlei geheimnisvolle Einflüsse am Werk sind ... Ein Schuljunge sieht doch ein, daß es ein gemeiner Raubmord ist.«

Vance zog die Augenbrauen in die Höhe. Er staunte Markham ungläubig und etwas mitleidig an.

»Was! Du willst mir wirklich einreden, daß du deine Mitteilung an die Presse in gutem Glauben gegeben hast?«

»Selbstverständlich!« Markham sah ihn verwundert an.

»Ach so?! Ich hatte deine Ansprache an die Reporter für einen Schachzug gehalten, um den Schuldigen in falsche Sicherheit einzulullen und so für die Untersuchung freies Feld zu gewinnen.«

Markham staunte ihn einen Augenblick völlig verblüfft an.

»Sage mal, worauf zielst du eigentlich ab, Vance?« fragte er irritiert.

»Ich weiß, daß der grimme Heath im Ernst an Skeels Schuld glaubt«, versicherte Vance liebenswürdig, »aber es ist mir nie die Idee gekommen, du selber könntest annehmen, daß das Verbrechen von einem Berufsgauner begangen wurde. Ich bilde mir ein, daß du Skeel heute morgen in der Hoffnung freiließest, er würde dich zu der schuldigen Person führen.«

»Ah, ich sehe! Du hältst noch immer an deiner widersinnigen Theorie fest, daß zwei Bösewichter im Spiel waren.« Markham konnte seinen Sarkasmus nicht länger zügeln.

»Ich weiß, daß meine Theorie widersinnig klingt. Aber sie ist nicht widersinniger als eure Theorie von dem alleinstehenden schweren Jungen.«

»Und weshalb, bitte?« bestand Markham sehr energisch.

»Aus dem einfachen Grund, weil das Verbrechen nicht die Tat eines Berufsgauners war, sondern der absichtlich auf Täuschung angelegte Akt eines außerordentlich gescheiten Mannes, der zweifellos diese Ausführung wochenlang vorbereitet hat.«

Markham sank in seinen Stuhl zurück und lachte herzhaft.

»Vance, du hast den einzigen Sonnenstrahl zu diesem sonst so finsteren Fall beigesteuert.«

Vance verbeugte sich in scherzhafter Demut.

Eine kurze Stille folgte, dann fragte Markham spöttisch:

»Wie begründest du deinen Schluß auf den hochintellektuellen Charakter des Mörders?«

»Markham!« sagte Vance ruhig, aber sehr ernst. »Wenn du mir nicht glaubst, kannst du den Fall aufgeben. Ich sage dir, daß da ein kluges, äußerst subtiles Verbrechen vorliegt. Glaub mir, kein gemeiner Gauner hat es begangen. Der Täter war ein Mann von überragendem Intellekt und erstaunlicher Erfindungsgabe.«

Vances sicherer, sachlicher Ton hatte eine sonderbare Überzeugungskraft. Markham, seinen Spott zügelnd, nahm eine Miene geduldiger Ironie an.

»Na, dann sage mir doch, auf welchen Geheimpfaden des Denkens du zu deinem phantastischen Schluß gelangt bist.«

Vance paffte ein paar Züge an seiner Zigarette und sah träge dem geringelten Rauch nach.

»Du weißt, Markham«, begann er nüchtern, »daß jedes echte Kunstwerk eine Eigenschaft hat, die die Kritiker Elan nennen, das heißt Schmiß, Enthusiasmus, spontanen Wurf. Einer Kopie fehlt dieser entscheidende Charakterzug. Die Imitation ist zu perfekt, zu exakt, zu vorsichtig. Der Nachahmer ist zu sehr bestrebt, die Details korrekt hinzusetzen. Er tüftelt mit einer Selbstbewußtheit, die der echte Künstler in seiner schöpferischen Erschütterung nie aufbringen kann. Der Punkt liegt nun hier: es ist unmöglich, den Schmiß nachzuahmen, den ein Originalgemälde schlechthin besitzt. Wie sehr auch die Imitation dem Original ähneln mag, dieser ungeheure psychologische Unterschied besteht. Die Kopie hat stets etwas Überperfektes ... Du folgst mir doch, he?«

»Du sprichst außerordentlich instruktiv!«

Vance verbeugte sich sanftmütig.

»Nun laß uns den Fall Odell betrachten. Du und Heath stimmen überein, daß es sich um ein alltägliches, brutales, gewinnsüchtig-schmutziges, von einem phantasielosen Kerl begangenes Verbrechen handelt. Ich bin anders vorgegangen als ihr zwei und habe die Faktoren analysiert. Ich habe das Verbrechen psychologisch angeschaut. Und da habe ich entdeckt, daß es sozusagen kein Original ist, sondern die kluge Imitation eines Raubmordes. Ich gestehe, es ist typisch und korrekt bis ins letzte Detail. Aber gerade hier ist der Punkt, an dem es versagt. Die Technik ist zu gut. Es fehlt der Elan. Es ist ein Schwindel.«

Er hielt inne und sah Markham mit einem verbindlichen Lächeln an. »Ich hoffe, das Orakel hat dich nicht gelangweilt.«

»Bitte, sprich weiter!« drang Markham in ihn. Sein Gehaben war scherzhaft, sein Ton aber ernst.

Vance nahm den Faden wieder auf.

»Was von der Kunst gilt, gilt auch vom Leben. Jede menschliche Handlung trägt entweder den Stempel der Echtheit oder der Berechnung. Sie ist entweder aufrichtig oder geflunkert. Zum Beispiel sitzen da zwei Menschen an einem Tisch und essen genau in derselben Art und Weise. Sie benutzen ihre Messer und Gabeln nach derselben Form, und dem Anschein nach tun sie dasselbe. Obwohl nun der aufmerksame Beobachter nicht mit den Fingern auf den Unterschied deuten kann, so spürt er doch, daß die Tischsitten des einen echt und natürlich, die des andern nachgeahmt und bewußt sind.«

Er blies den Rauch seiner Zigarette gegen die Zimmerdecke und versank noch tiefer in seinen Sessel.

»Was sind die allgemein bekannten Anzeichen eines, gemeinen Raubmords? ... Brutalität, Unordnung, Hast, geplünderte Schubladen, durchstöberte Schreibtische, aufgebrochene Stahlkassetten, Ringe, die von den Fingern des Opfers gerissen wurden, umgeworfene Stühle, gekippte Lampen, zerbrochene Vasen, Fußböden, die mit allem möglichen bestreut sind, und so weiter. Nun überlege einen Augenblick. Abgesehen von Kriminalromanen und -dramen in wieviel Verbrechen erscheinen alle diese Anzeichen in richtiger Reihenfolge und ohne ein einziges Element, das dem Zweck widerspricht? Wieviel Raubmorde also sind ihrer Aufmachung nach technisch perfekt? Kein einziger! Und warum? Einfach deshalb, weil nichts Spontanes im Leben je der Idealform in jedem Detail entspricht. Die Gesetze des Zufalls und der Fehlbarkeit wirken sich unabänderlich aus.«

Er machte eine leichte, bezeichnende Geste.

»Laß uns wieder auf unsern Fall zurückkommen. Sieh ihn dir an. Was findest du? Du bemerkst, daß er bis ins kleinste Detail in Szene gesetzt ist. Er ist beinah mathematisch perfekt. Und darin liegt beschlossen, daß er umsichtig überlegt und vorbereitet war. Um einen Fachausdruck zu gebrauchen, war das ein zusammengefextes Verbrechen. Folglich war die ihm zugrunde liegende Idee nicht spontan ... Sein großer Makel besteht in seiner Makellosigkeit. Deswegen ist dieser Raubmord nicht echt.«

Markham schwieg eine Weile.

»Du bestreitest also jede Möglichkeit, daß ein gemeiner Dieb das Mädchen gemordet haben könnte?« fragte er endlich. Der letzte Anflug von Sarkasmus war aus seiner Stimme verschwunden.

»Wenn das ein gemeiner Dieb getan hat, dann gibt es keine Wissenschaft der Psychologie«, behauptete Vance. »Dann bestehen die philosophischen Wahrheiten und die Gesetze der Kunst nicht. Wenn dies ein echter Raubmord war, dann besteht unter demselben Grundsatz auch nicht der geringste Unterschied zwischen einem alten Meister und der Kopie eines klugen Maltechnikers.«

»Für dich scheidet demnach Raub als Motiv aus?«

»Selbstverständlich!« versicherte Vance. »Der Raub war inszeniert. Ein viel mächtigeres Motiv stand hinter der Tat. Ein Mensch, der eine so feine Täuschung zuwege bringt, ist offenbar phantasiebegabt und gebildet. Er hätte nicht das Risiko eines Mordes auf sich genommen, wenn ihm nicht andernfalls ein überwältigendes Unheil sicher gewesen wäre. Das Weiterleben der Odell hätte ihm noch fürchterlichere Qualen verursacht als ihre Ermordung. Zwischen zwei kolossalen Gefahren wählte er das Verbrechen als die kleinere.«

Markham schien in Nachdenken und Zweifel verloren.

»Aber was sagst du zu der aufgeknackten Juwelenkassette?« fragte er. »Der Kaltmeißel eines Berufseinbrechers, von sachkundiger Hand benutzt, widerspricht deiner ästhetischen Hypothese.«

»Das weiß ich nur zu gut.« Vance nickte langsam.

»Dieser Kaltmeißel hat mich gequält und eingeschüchtert, seit ich an jenem ersten Morgen die Spuren seiner Arbeit entdeckte. Dieser Meißel ist die einzige echte Note. Es ist so, als ob der wirkliche Künstler gerade in dem Augenblick des Weges gekommen wäre, als der Kopist mit dem Bilde fertig war, und hätte ein einziges kleines Objekt mit Meisterhand dazugemalt.«

»Aber das bringt uns doch unabweisbar auf Skeel zurück?«

»Skeel, ach ja. Da liegt die Erklärung, ohne Zweifel. Aber nicht in der Art, wie du sie dir zurechtlegst; Skeel hat den Juwelenkasten aufgeknackt, ich stelle das nicht in Abrede. Aber der Teufel soll's holen, das ist das einzige, was er getan hat, und sonst nichts. Es war auch das einzige, was ihm zu tun übriggeblieben war. Deshalb hat er auch nur einen Ring erwischt, den die schöne Margaret an jenem Abend nicht trug. All der andre Tand, mit dem sie sich geschmückt hatte, war ihr abgerissen worden und war bereits weg.«

»Wieso denkst du so positiv über diesen Punkt?«

»Der Schürhaken, Mensch! Siehst du es denn nicht? Dieser dilettantische Versuch, Stahl mit Gußeisen zu brechen, kann nicht gemacht worden sein, nachdem der Deckel bereits aufgesprengt worden war. Dem wirklich Schuldigen lag nichts daran, ob er den Kasten aufbekam oder nicht. Er wollte lediglich den Eindruck erwecken, als hätte er versucht, ihn aufzubrechen. So benützte er den Schürhaken und ließ ihn neben dem Kasten liegen.«

»Ich verstehe.« Dieser Punkt, glaube ich, machte auf Markham einen stärkeren Eindruck als alle anderen, denn den Schürhaken hatten weder Heath noch Inspektor Brenner wegerklären können. »Deshalb also hast du Skeel so ausgefragt, als ob er Tatzeuge gewesen wäre?«

»Ganz richtig, der Juwelenkasten bewies mir, daß er entweder in der Wohnung war, als der simulierte Raubüberfall bewerkstelligt wurde, oder aber, daß er erst auf den Schauplatz kam, als der Täter sich bereits davongemacht hatte ... Nach der Art und Weise, wie er auf meine Fragen reagierte, glaube ich eher, daß er anwesend war.«

»In der Kleiderkammer versteckt?«

»Ja. Das wäre dann der Grund dafür, warum diese Kammer nicht durchstöbert war. Wie ich die Sache ansehe, ist dieses Wandgelaß aus dem einfachen Grund nicht geplündert worden, weil der elegante Skeel darin eingesperrt war. Wie hätte sie sonst dem Wüten des Pseudo-Einbrechers entgehen können! Er würde sie nie absichtlich ausgelassen haben, und er war viel zu gründlich, um sie zufällig zu übersehen. Und dann sind ja auch die Fingerabdrücke am Knauf.«

Vance trommelte mit den Fingerspitzen auf die Lehne seines Sessels.

»Ich sage dir, Markham, du mußt ganz entschieden deine Auffassung des Verbrechens auf dieser Hypothese aufbauen und entsprechend vorgehen. Sonst stürzt dir das Dach über dem Kopf zusammen.«

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