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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Ein früherer Liebhaber

Mittwoch, 12. Sept., 10½ Uhr vormittags

Swacker hatte anscheinend auf eine Gelegenheit zu einer Unterbrechung gewartet. Sobald Heath gegangen war, trat er ein und meldete mit etwas säuerlicher Miene:

»Die Reporter sind hier. Sie wollten um zehn Uhr dreißig die Herren empfangen.«

Auf ein Kopfnicken des Polizeichefs hielt er die Tür offen, und etwa zwölf Herren kamen herein.

Markham grüßte liebenswürdig: »Keine Fragen, wenn ich bitten darf, heute morgen. Fragen wären verfrüht beim gegenwärtigen Stand der Dinge ... Ich werde Ihnen alles Wissenswerte sagen. Ich stimme mit Sergeant Heath überein, daß der Mord an der Odell die Tat eines Berufsverbrechers war, und zwar desselben, der im Sommer in der Park Avenue einbrach ...«

Kurz und bündig sprach er von Inspektor Brenners Befund über das Brecheisen.

»Wir sind noch nicht zur Festnahme geschritten, aber eine Verhaftung darf binnen kurzem erwartet werden. Die Polizei hat den Fall fest in der Hand. Sie geht vorsichtig vor, um die Möglichkeit eines späteren Freispruchs auszuschließen. Wir haben bereits etwas von den geraubten Schmucksachen aufgetrieben ...«

Er sprach etwa fünf Minuten.

Als wir wieder allein waren, kicherte Vance vor Bewunderung. »Ein Meisterstück an geschickter Umgehung, mein lieber Markham! Eine juristische Ausbildung hat doch ganz entschiedene Vorteile! ›Wir haben bereits etwas von den geraubten Schmucksachen aufgetrieben ...‹ Süße, beschwingte Worte das! Nicht unwahr, o nein, aber zu welchen falschen Annahmen verleiten sie! Du gehörst mit einem Myrtenkränzchen gekrönt!«

»Lassen wir das jetzt«, entgegnete Markham ungeduldig. »Sage mir lieber, warum du Skeel mit deinen Zauberformeln bearbeitet hast. Worauf zielte all dies Verschwörergerede über dunkle Kleiderkammern, Lauern durch ein Schlüsselloch, Alarmschlagen, kräftige Griffe an die Kehle und so weiter ...?«

»Ich dachte gar nicht, daß mein Geplauder so mysteriös war«, antwortete Vance. »Tony Skeel lag zweifellos während des fatalen Abends in der Kleiderkammer auf der Lauer. Als Amateurdetektiv bemühte ich mich, die genaue Stunde seines Verstecktseins herauszubekommen.«

»Und ist es dir geglückt?«

»Nicht einwandfrei.« Vance schüttelte den Kopf. »Ich wollte, ich hätte den Fatzke überhaupt nicht gefragt ... Ich habe nämlich eine Theorie dieses Verbrechens, und wenn diese Theorie sich beweisen ließe, dann würde die Sachlage noch unfaßbarer sein, als sie es ohnehin schon ist.«

»Du scheinst es also allen Ernstes für möglich zu halten, daß Skeel Zeuge des Mordes war. Das kann doch aber unmöglich deine kostbare Theorie sein?«

»Jedenfalls ist es ein Teil von ihr.«

Markham lachte laut auf. »Also Skeel ist deiner Auffassung nach unschuldig. Aber behält seine Kenntnisse fein für sich, erfindet ein Alibi und macht nicht mal den Mund auf, wenn er eingesperrt wird ... Nein, sowas hält kein Wasser.«

»Ich weiß«, seufzte Vance. »Es ist tatsächlich ein Sieb. Und trotzdem verfolgt mich diese Vorstellung.«

»Du bist dir doch klar, daß deine wahnwitzige Theorie voraussetzt, daß zwei Leute in der Wohnung waren, als Spotswood und das Mädchen vom Theater heimkamen ... und zwar zwei Männer, die nichts voneinander wußten, nämlich Skeel und dein angenommener Mörder?«

»Natürlich, das ist mir klar. Dieser Gedanke ist es ja, unter dem mein Verstand zusammenbricht.«

»Jeder dieser beiden müßte für sich allein in die Wohnung gelangt sein. Jeder müßte für sich allein gehandelt haben. Wie also, wenn ich fragen darf, sind sie rein- und wieder rausgekommen? Und welcher von den zweien war daran schuld, daß das Mädchen aufschrie, kurz nachdem Spotswood weggegangen war? Und was hat wohl der andre derweil getan? Und wenn schon Skeel ein erschrockener stummer Zuschauer war, wie erklärst du es dann, daß er den Juwelenkasten aufknackte und den Ring klaute?«

»Hör auf! Hör auf!« flehte Vance. »Martere mich nicht so! Ich weiß ja, daß ich etwas mondsüchtig bin.«

»Über diesen Punkt sind wir uns wenigstens einig«, lächelte Markham.

Swacker kam herein: »Ein Bote brachte diesen Brief. Er trägt die Aufschrift ›Dringend‹.«

Das Schreiben, auf schweres, graviertes Bütten geschrieben, war von Doktor Lindquist. Er erklärte, daß er in den Nachtstunden von elf bis ein Uhr am Montag einen Patienten in seinem Sanatorium behandelt habe. Er entschuldigte sein Benehmen: er hätte einen ungewöhnlich anstrengenden Arbeitstag gehabt, unser überraschender Besuch und die scheinbar feindselige Natur von Markhams Fragen hätten ihn völlig durcheinandergebracht. Sein Ausbruch täte ihm leid. Er erklärte sich bereit, in der Sache behilflich zu sein.

»Er hat es sich in aller Ruhe überlegt«, sagte Vance, »und bietet dir hiermit ein nettes kleines Alibi an, das schwerlich zu erschüttern sein wird. Ein schlauer Kunde! Merkst du was? Er war bei einem Patienten! Bombensicher war er das. Natürlich bei einem Patienten, der viel zu krank ist, um vernommen zu werden ... Da hast du's! Nicht übel, was?«

Markham legte den Brief weg. »Dieser pompöse Esel von einem Quacksalber wäre in seinem Leben nie ungesehen in die Wohnung der Odell gelangt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich so einer auf geheimen Pfaden einschleicht.« Er griff nach einem Stoß Akten. »Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich mich nun bemühen, mein Gehalt zu verdienen.«

Statt sich zu verabschieden, schlenderte Vance zum Tisch und schlug das Telefonbuch auf.

»Gestatte mir einen Vorschlag, Markham«, sagte er nach einem Augenblick. »Gönne uns erst eine nette Unterredung mit Mr. Louis Mannix. Er ist der einzige Liebhaber der spröden Margaret, der bisher noch keine Audienz gehabt hat. Ich möchte gern seiner Fabel lauschen. Wie ich sehe, haust er herrschaftlich in der Maiden Lane, es würde nicht lange dauern, ihn herzubringen.«

Als Vance Mannix' Namen erwähnte, wollte Markham Einspruch erheben. Aber dann schien ihm der Vorschlag doch einzuleuchten. Er schellte.

»Zwar, Heath hat festgestellt, daß das Mädchen ihm schon vor einem Jahr den Laufpaß gegeben hat ...«

»Man kann nie wissen, vielleicht hat er noch Heu an den Hörnern.« Vance nahm wieder in seinem Sessel Platz.

Markham schickte nach Tracy und beauftragte ihn, das Dienstauto des Polizeipräsidiums zu nehmen und Mannix aufs Amt zu bringen: »Lassen Sie sich für alle Fälle einen Haftbefehl ausstellen.«

Ungefähr eine halbe Stunde später kam Tracy zurück.

»Mr. Mannix machte keine Schwierigkeiten«, berichtete er. »Er war durchaus entgegenkommend. Er ist draußen im Wartezimmer.«

Tracy wurde entlassen und Mannix hereingebeten.

Mannix war einer von jenen dicken älteren Herren, die so elastisch gehen, weil sie gern jünger erscheinen wollen, als sie sind. Er trug einen dünnen Spazierstock aus Wanghee-Rohr. In seinem karierten Anzug, bestickter Seidenweste, perlgrauen Gamaschen und buntbebandetem Strohhut sah er wie ein Geck aus. Aber wenn man sein Gesicht ansah, vergaß man dieses lebemännische Auftreten. Seine auffallend kleinen Augen funkelten listig. Eine kurze Trinkernase saß unproportioniert über seinen dicken, sinnlichen Lippen und dem schweren vorgeschobenen Unterkiefer. Die Öligkeit seiner Manieren wirkte unwillkürlich abstoßend.

Auf eine Geste Markhams hin setzte er sich auf den Rand eines Stuhles und legte die schwammigen Hände auf die Knie. Sein ganzes Gebaren war wachsam und mißtrauisch.

»Es tut mir leid, Mr. Mannix«, sagte Markham verbindlich, »daß ich Ihnen Unbequemlichkeiten bereite ... Eine Miß Odell wurde vorgestern nacht ermordet, und im Verlauf der Nachsuche stellte sich heraus, daß Sie seinerzeit gut mit ihr bekannt waren. Es kam mir der Gedanke, daß Sie mir vielleicht irgendwelche Tatsachen mitteilen könnten, die für die weitere Untersuchung von Wichtigkeit sind.«

Ein seifiges Lächeln huschte über Mannix' Lippen.

»Gewiß, ich kannte den Kanarienvogel – ziemlich lange her allerdings.« Er gestattete sich einen Seufzer. »Ein' erstklassiges Mädel, kann ich Ihnen sagen. 'ne Dummheit von ihr, daß sie nicht bei der Bühne geblieben ist. Aber –« er machte eine wegwerfende Handbewegung – »ich habe seit einem Jahr nicht mit ihr gesprochen.«

»Sie haben sich mit ihr entzweit?« fragte Markham beiläufig.

»Na, ich würde nicht so weit gehen und sagen, daß wir uns zerstritten hätten.« Mannix suchte nach dem rechten Ausdruck. »Wir hatten uns sozusagen auseinandergelebt. Das letzte, was ich ihr sagte, war, daß sie wissen sollte, wo ich zu finden sei, wenn sie einen Freund brauchte.«

»Sehr großzügig von Ihnen«, murmelte Markham. »Und Sie haben die Beziehung nie wieder aufgenommen?«

»Nie, nie.«

»In Anbetracht gewisser Dinge, die mir mitgeteilt wurden, Mr. Mannix, muß ich eine sehr persönliche Frage an Sie richten.« Markham sprach im Ton des Bedauerns. »Hat Miß Odell je einen Erpressungsversuch an Ihnen gemacht?«

Mannix zögerte. Er dachte schnell. Seine Augen wurden noch kleiner.

»Ganz bestimmt nicht«, antwortete er mit verspätetem Nachdruck. »Davon kann gar keine Rede sein.« Er hob die Hände, wie um gegen den Gedanken zu protestieren. »Wer hat Ihnen denn das eingeredet?«

»Es ist mir gesagt worden, daß Miß Odell einigen ihrer Bewunderer Geld erpreßte.«

Mannix machte eine Grimasse des Staunens, die nicht sehr überzeugend war.

»Schau, schau! Was Sie nicht sagen! Ist's die Möglichkeit!« Er sah den Polizeichef schlau an. »Wer kann das nur gewesen sein? Vielleicht war es Charlie Cleaver, den sie schröpfte? Ja?«

Markham nahm die Andeutung sofort auf.

»Wieso kommen Sie auf Cleaver?«

Mannix machte wieder eine wegwerfende Handbewegung.

»Kein besonderer Grund dafür. Ich dachte gerade zufällig an ihn.«

»Hat Ihnen Cleaver vielleicht gesagt, daß sie Geld von ihm erpreßte?«

»Cleaver hätte mir sowas gesagt? Da frage ich Sie, Mr. Markham: Warum sollte mir Cleaver sowas erzählen? ... Warum sollte er?«

»Und Sie selber haben Cleaver nie gesagt, daß Miß Odell Geld von Ihnen erpreßt hätte?«

»Sicher nicht!« Mannix lachte ein kurzes, abweisendes Lachen. »Ich und dem Cleaver sowas sagen? Das ist ja absurd!«

Markham ließ den Gegenstand fallen.

»Was wissen Sie über Miß Odells Beziehung zu einem Doktor Lindquist?«

»Nie von ihm gehört. Damals kannte sie ihn wohl nicht.«

»Wen außer Cleaver kannte sie nachher?«

»Ich weiß nicht. Ich habe sie mit dem oder jenem Mann gesehen, aber Namen weiß ich nicht.«

»Haben Sie je von Tony Skeel gehört?« Markham lehnte sich schnell vornüber und fing den leeren Blick des andern auf.

Wieder zögerte Mannix. Seine Äugen glitzerten berechnend.

»Mir kommt es vor, als ob ich von diesem Burschen gehört hätte. Aber beschwören kann ich es nicht. Was soll ich denn von diesem Skeel gehört haben?«

Markham überhörte die Frage.

»Haben Sie von jemandem gehört, der der Odell etwas nachtrug oder den zu fürchten sie Grund hatte?«

Mannix betonte ausführlich seine vollkommene Unkenntnis einer derartigen Person. Nach einigen weiteren Fragen, die ihm nichts als ablehnende Antworten entlockten, ließ Markham ihn gehen.

»Nicht so übel, was?« Vance schien von dem Ergebnis der Unterredung entzückt. »Weshalb mag er nur so spröde sein? Kein netter Mensch, dieser Mannix. Er ist so ängstlich. Er möchte nicht mit der Sprache rausrücken. Warum ist er denn so vorsichtig?«

»Ja, vorsichtig genug, um uns nichts zu sagen«, erklärte Markham düster.

Vance lehnte sich zurück und rauchte.

»Darin kann ich dir nicht ganz beistimmen. Hier und da schimmerte ein Lichtstrahl durch. Unser Pelzimporteur und Frauenfreund leugnet, daß er geschröpft wurde, was eine platte Unwahrheit ist. Er versuchte uns weiszumachen, daß er und Schön-Margaret bei ihrer Trennung wie Turteltauben gurrten ... Na! Stuß! ... Und dann diese Erwähnung Cleavers, das war nicht spontan, beileibe nicht. Die Sternenbahnen dieser beiden Liebeshelden kreuzen sich irgendwo. Er hatte seinen guten Grund, Cleaver zu erwähnen ... Andrerseits ist es klar, daß er Lindquist nicht kennt, dagegen über die Existenz eines Mr. Skeel sehr gut orientiert ist ... Ein Haufen Auskunft, aber – mein Gott! – was läßt sich damit anfangen?«

»Ich gebe es auf«, gestand Markham verzweifelt.

»Es ist eine böse, böse Welt«, tröstete ihn Vance. »Wir wollen mal zuerst auf das ganze Ragout ein Rührei setzen. Es ist Zeit zum Essen.« Markham läutete, dann ließ er sich von Vance in Lawyers Club mitnehmen.

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