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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Indizien

Mittwoch, 12. September, 9 Uhr vormittags

Der folgende Tag, ein Mittwoch, brachte uns nicht nur ein gutes Stück weiter: an diesem Tage begann Vance sich aktiv an der Untersuchung zu beteiligen. Die psychologischen Elemente des Falls hatten ihn unwiderstehlich angezogen; er spürte, daß man mit dem üblichen Polizeiverfahren zu keinem Ergebnis gelangen würde.

Markham hatte uns kurz vor neun abgeholt. Wir fuhren auf das Polizeipräsidium, wo Heath uns mit Ungeduld erwartete. Sein siegessicherer Gesichtsausdruck verriet, daß gute Nachrichten vorlagen.

»Die Sache geht wie am Schnürchen«, sagte er, sobald wir uns gesetzt hatten. Er war selber viel zu aufgeregt, um Platz zu nehmen, sondern stand, eine lange schwarze Zigarre zwischen den Fingern, vor Markhams Schreibtisch. »Wir haben den Stutzer erwischt. Gestern abend um sechs. Pikfein ertappt! Einer von den Leuten namens Riley patrouillierte an der Sixth Avenue. Da sah er, wie der Bursche sich von einer Trambahn schwang und auf McAnernys Pfandladen zuging. Riley blinkte sofort dem Verkehrspolizisten an der Ecke das Nötige zu und folgte dem Stutzer in den Pfandladen. Der Polizist hat geschwind einen Patrouillierenden aufgegabelt und ist ziemlich sofort an Ort und Stelle. So faßten die drei unsern Gecken ab, als er diesen Ring versetzen wollte.«

Er legte einen Ring mit einem viereckigen Solitär-Diamanten in einer filigrierten Platineinfassung auf den Tisch.

»Ich war auf dem Amt, als sie ihn einbrachten. Schickte Snitkin sofort mit dem Ring rauf nach Harlem ins Negerviertel, um nachzusehen, was die Bedienerin dazu zu sagen hätte. Sie erkannte den Ring sofort als Eigentum der Odell.«

»Aber er gehört doch wohl nicht zu den Schmuckstücken, die die Dame an jenem Abend trug?« fragte Vance flüchtig.

Der Sergeant zuckte die Achseln und sah Vance finster an. »Na, und wenn nicht? Er kam bestimmt aus dem aufgeknackten Juwelenkasten, oder ich heiße Ben Hur.«

»Natürlich, natürlich«, murmelte Vance und verfiel in Nachdenken.

»Das ist Dusel«, erklärte Heath, wieder zu Markham gewendet. »Es bringt Skeel direkt mit dem Raubmord in Verbindung.«

»Was sagt denn Skeel dazu?« Markham lehnte sich gespannt nach vorn. »Ich nehme an, Sie haben ihn gefragt.«

»Das können Sie mir glauben, daß ich ihn gefragt habe«, antwortete der Sergeant, aber seine Worte klangen nicht vergnügt. »Wir haben ihn die ganze Nacht vorgehabt und nach allen Regeln bearbeitet. Die Geschichte, die er uns vorerzählt, ist die: Das Mädchen gab ihm den Ring vor einer Woche. Seitdem will er sie nicht mehr gesehen haben, bis vorgestern nachmittag. Er will zwischen vier und fünf in der Wohnung gewesen sein ... Sie erinnern sich, das wäre gerade die Zeit, als das Dienstmädchen aus war ... Er behauptet, er wäre durch die Seitentür gekommen und gegangen. Er gibt zu, daß er um halb zehn nochmal ins Haus kam und sagt, er wäre heimgegangen, als er hörte, daß das Mädchen ausgegangen war. Sein Alibi ist, daß er zu Hause bis nach Mitternacht mit seiner Wirtin zusammensaß und Khun-Khan spielte. Ich stieg diesen Morgen auf seine Bude, und die alte Schachtel sagt, das wäre so. Das bedeutet natürlich nichts. Das Haus, wo er wohnt, ist eine finstere Höhle, und diese Vermieterin, ganz abgesehen davon, daß sie eine stinkversoffene Schlampe ist, ist schon ein paarmal wegen Ladendiebstahls stromauf nach Sing-Sing gefahren.«

»Und was sagt Skeel wegen der Fingerabdrücke?«

»Er behauptet natürlich, er hätte sie gemacht, als er am Nachmittag in der Wohnung war.«

»Und zu denen am Knauf der Kleiderkammer?«

Heath gab ein verächtliches Grunzen von sich.

»Auch darauf hat er 'ne Antwort. Er sagt, er hätte geglaubt, er hörte jemand reinkommen, und da hätte er sich schnell in der Garderobe eingeschlossen, um der Odell das Spiel nicht zu verderben.«

»Höchst rücksichtsvoll von ihm, daß er sich nicht sehen lassen wollte«, bemerkte Vance ... »Rührende Mannestreue, was?«

»Sie glauben der Ratte das doch nicht etwa, Mister Vance?« fragte Heath aufgebracht.

»Das könnte ich nicht gerade behaupten. Aber unser Jüngling spinnt ein gutes Garn.«

»Verdammt!« knurrte Heath.

»Ist das alles, was Sie aus ihm rausholen konnten?« Es war klar, daß Markham über das Ergebnis nicht sehr erbaut war.

»Jawohl, Sir, das ist alles. Er beharrt auf seinen Aussagen wie ein Besessener.«

»Sie haben keinen Kaltmeißel in seinem Zimmer gefunden?«

Heath verneinte. »Es war nicht zu erwarten, daß er sein Werkzeug daheim herumliegen läßt.«

Markham erwog die Sache ein paar Minuten lang.

»Meines Erachtens haben wir kein gutes Belastungsmaterial. Das Alibi ist gewiß dünn, aber im Zusammenhang mit der Aussage des Telefonisten wird es voraussichtlich vor Gericht standhalten.«

»Aber der Ring, Sir!« Heath war furchtbar enttäuscht. »Und die Drohungen! Und die Fingerabdrücke! Und sein Ruf als Einbrecher!«

»Lediglich beitragende Faktoren«, erklärte Markham. »Für einen Mord brauchen wir mehr. Ein guter Kriminalanwalt brächte ihn in zwanzig Minuten frei ... Es ist nicht ausgeschlossen, daß ihm die Odell den Ring vor einer Woche gab ... Sie erinnern sich, die Bedienerin sagte aus, daß er damals Geld von ihr verlangte. Und es besteht keine Möglichkeit nachzuweisen, daß die Fingerabdrücke nicht am Montag nachmittag gemacht wurden. Wir können ihn auch nicht mit dem Kaltmeißel zusammenbringen, denn wir wissen nicht, wer den Einbruch in der Park Avenue machte. Seine Erzählung paßt Punkt für Punkt, und wir haben nichts, was in klarem Widerspruch dazu steht.«

Heaths Hoffnungen waren zertrümmert, sein Schiff hatte allen Wind aus den Segeln verloren.

»Was, wünschen Sie, soll mit ihm geschehen?« fragte er tonlos.

»Ehe ich darüber entscheide, möchte ich mir den Burschen erst selbst mal vornehmen.«

Markham drückte auf die Schreibtischklingel und ordnete an, den nötigen Vorführungsbefehl in zwei Exemplaren auszufertigen. Als er die beiden Zettel unterschrieben hatte, schickte er Swacker damit nach dem Gefangenen.

»Bitte, Markham, frage ihn wegen der Seidenhemden«, flüsterte ihm Vance zu. »Und ob er es für möglich hält, zum Smoking eine weiße Weste zu tragen.«

»Dieses Büro ist kein Putzladen«, gab Markham bissig zurück.

»Aber Liebster, etwas andres wirst du aus diesem Petronius doch nicht herausbekommen.«

Zehn Minuten später führte ein Polizist den Gefangenen in Handschellen herein.

Skeels Erscheinung an diesem Morgen strafte seinen Spitznamen »der Stutzer« Lügen. Er war hager und fahl; das nächtliche Verhör war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er war unrasiert, ungekämmt, die Enden seines Schnurrbarts hingen herab, seine Krawatte saß schief. Aber trotz seines vernachlässigten Aussehens benahm er sich flott und trotzig. Er streifte Heath mit einem verächtlichen Seitenblick und sah den Polizeichef gelassen an.

Auf Markhams Fragen antwortete er verbissen mit derselben Geschichte, die er Heath erzählt hatte. Mit der Pedanterie eines Mannes, der seine Lektion bis aufs Tüpfelchen auswendig gelernt hat, versteifte er sich auf jede Kleinigkeit. Markham zog alle Register: er schmeichelte, er drohte, suchte einzuschüchtern. Aber Skeel hielt, ohne mit der Wimper zu zucken, dem Kreuzfeuer seiner Fragen stand.

Nach einer halben Stunde gab Markham die Sache auf. Seine Bemühungen waren völlig gescheitert. Er wollte Skeel gerade entlassen, als sich Vance lässig erhob und zum Schreibtisch schlenderte. Er setzte sich auf die Tischkante und sah Skeel mit einem Blick voll unpersönlicher Neugier an.

»So! Sie sind Khun-Khan-Spieler?« bemerkte er gleichgültig. »Ein verrücktes Spiel, was? Stammt, glaube ich, aus Ostindien. Spielen Sie es noch zweischichtig und so, daß man beim Paarmachen um die Ecke rumgehn darf?«

Skeel runzelte unwillkürlich die Stirn. Er war an heftige Polizeichefs und an die Knüttelmethoden der Polizei gewöhnt, aber hier war ein Typ des Inquisitors, der ihm völlig neu war. Dies machte ihn stutzig und gleichzeitig noch vorsichtiger. Er entschloß sich zu einem belustigten frechen Schmunzeln.

»Nebenbei bemerkt«, fuhr Vance in unverändertem Ton fort, »kann jemand, der sich in der Garderobe im Wohnzimmer der Odell versteckt hielt, das Sofa durchs Schlüsselloch sehen?«

Plötzlich war das Schmunzeln wie weggewischt von Skeels Zügen.

»Und was ich noch sagen wollte«, fragte Vance sofort weiter, »warum haben Sie keinen Alarm geschlagen?«

Ich beobachtete Skeel aus nächster Nähe und sah, wie seine Augen größer wurden.

»Bemühen Sie sich nicht, zu antworten«, sagte Vance, als Skeel sprechen wollte, »aber sagen Sie mal, ist Ihnen der Anblick nicht in die Glieder gefahren?«

»Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden«, stieß Skeel mit störrischer Frechheit hervor. Aber man spürte, daß ihm die Sache sehr unbehaglich war.

Vance ignorierte den Einwurf.

»Verdammt unangenehme Situation das ... Wie sind Sie sich denn da im Dunkeln kauernd vorgekommen, als der Türknauf rumgedreht wurde und jemand in die Kammer wollte?« Seine Augen bohrten sich in die Skeels, aber seine Stimme behielt ganz den Ton eines gelegentlichen Gesprächs.

Die Muskeln in Skeels Gesicht spannten sich.

»Glücklicher Zufall, was? Daß Sie sich vorsichtigerweise eingeschlossen hatten ... Stellen Sie sich mal vor, er hätte die Tür aufgekriegt, was hätten Sie dann gemacht?«

Er machte eine Pause und lächelte mit einer seidigen Süßigkeit, die eindrucksvoller war als jede Drohung.

»Da hätten Sie wohl Ihren Stahlmeißel gezückt? Aber der andre war vielleicht doch zu kräftig und zu gewandt für Sie. Vielleicht hätten Sie ein paar Daumen an Ihrer Kehle gespürt, bevor Sie noch zum Zuschlagen kamen – he? Fuhr Ihnen das nicht durch den Kopf dort in der dunklen Ecke? Wirklich, eine scheußliche Situation, richtig grausig!«

»Was phantasieren Sie denn hier herum?« Skeel spuckte verächtlich aus. »Sie sind verrückt!« Aber seine großtuerische Sicherheit war vergessen, und ein Ausdruck des Entsetzens war über sein Gesicht gehuscht. Dieses Erschlaffen seiner Pose dauerte jedoch nur einen Augenblick. Dann lächelte er wieder und wiegte den Kopf.

Vance schlenderte gemütlich zu seinem Sessel zurück, als ob sein ganzes Interesse an dem Fall verraucht sei.

Markham hatte den Zwischenfall aufmerksam beobachtet. Heath aber hatte mit schlecht verhehltem Verdruß dabeigesessen. Die eingetretene Stille wurde durch Skeel unterbrochen.

»Mir scheint, daß Sie mich reinlegen wollen. Sie haben sich die Sache wohl fein ausgedacht? ... Versuchen Sie's mal ... Mein Rechtsanwalt ist Abe Rubin; Sie könnten ihm telefonieren, daß ich ihn zu sprechen wünsche.« Abe (Abraham) Rubin war damals der gerissenste Verbrecheranwalt in New York.

Markham gab dem Polizisten ein Zeichen, daß er Skeel wegbringen solle.

»Was wolltest du denn aus ihm rausbringen?« fragte er Vance, sobald Skeel abgeführt worden war.

»Eine unfaßbare Vorstellung, wie sie sich bisweilen aus der Tiefe der Seele ans Licht ringt.« Vance rauchte behaglich weiter. »Ich bildete mir ein, Mr. Skeel könnte dazu bewegt werden, uns sein Herz auszuschütten. So umwarb ich ihn mit Worten.«

»Das soll wahr sein«, spottete Heath. »Ich erwartete jeden Augenblick, daß Sie ihn fragen würden, ob er Kreisel spielt oder ob seine Großmutter 'ne Ohreule war.«

»Seien Sie nicht ungütig, lieber Sergeant«, flehte Vance. »Sagen Sie mir lieber aufrichtig: hat Ihnen nicht mein Schwatz mit Mister Skeel eine Möglichkeit suggeriert?«

»Gewiß«, sagte Heath, »nämlich, daß der Stutzer in der Garderobe steckte, als die Odell abgemurkst wurde. Aber wo bringt uns das hin? Es läßt den Skeel aus, obwohl die Arbeit von einem Berufsgauner geschafft wurde und er mit dem Ring, den er dort geklaut hat, glatt abgefaßt wurde.«

Unwillig wandte er sich an den Polizeichef.

»Was nun?«

»Der Stand der Dinge mißfällt mir«, klagte Markham. »Wenn Skeel diesen skrupellosen Abe Rubin zum Verteidiger hat, dann haben wir nicht den Schimmer einer Aussicht. Ich bin überzeugt, daß er Dreck am Stecken hat, aber kein Richter nimmt meine Überzeugung für einen Schuldbeweis.«

»Wir können ihn ja freilassen und ihn beobachten«, schlug Heath mißgünstig vor. »Kann sein, daß er sein Spiel aufdeckt.«

Markham dachte nach.

»Ein guter Plan«, pflichtete er bei. »Wir werden sicher nichts aus ihm rauskriegen, solange er eingesperrt ist.«

»Es ist wahrscheinlich unsere einzige Hoffnung.«

»Gut!« entschied Markham. »Lassen Sie ihn glauben, daß wir mit ihm fertig sind. Dann wird er unvorsichtig werden. Dies alles bleibt Ihnen überlassen, Sergeant. Wählen Sie ein paar gute Leute, die Tag und Nacht ein Auge auf ihn haben.«

Heath erhob sich, ein geschlagener Mann.

»Zu Befehl. Ich werde es erledigen.«

»Und ich möchte noch mehr Nachforschungen über Charles Cleaver und seine Beziehungen zur Odell anstellen«, fügte Markham hinzu. »Spüren Sie auch dem Doktor Ambroise Lindquist nach. Seiner Vergangenheit, seinen Gewohnheiten ... Sie wissen ja, was ich brauche. Er behandelte das Mädchen in einer Nervensache, ich glaube, daß er es dick hinter den Ohren sitzen hat. Aber gehen Sie ihm nicht auf den Pelz, wenigstens zunächst nicht.«

Heath schrieb sich den Namen in sein Notizbuch.

»Und ehe Sie den eleganten Häftling freilassen«, setzte Vance mit einem Gähnen hinzu, »können Sie vielleicht mal nachsehen, ob er einen Schlüssel zu der Wohnung der Odell in der Tasche hat,«

Heath gab sich einen kleinen Ruck, dann grinste er.

»Na, das ist nun 'ne Idee, die was für sich hat. Komisch, daß ich nicht selbst dran dachte.« Und händeschüttelnd verabschiedete er sich von uns.

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