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Der Fall der Margaret Odell

S. S. van Dine: Der Fall der Margaret Odell - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorS. S. Van Dine
titleDer Fall der Margaret Odell
publisherVerlag des Druckhauses Tempelhof
printrun31.-55. Tausend
year1949
translatorHans Schiebelhuth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Ein erzwungenes Interview

Dienstag, den 11. September, 8 Uhr abends

Wir speisten im Stuyvesant Club zu Nacht. Markham hatte uns eingeladen, wohl weil er damit rechnete, daß unsere Gegenwart an seinem Tisch als Bollwerk gegen neugierige Bekannte dienen würde. Nach dem Essen zogen wir uns in eine gemütliche Ecke der Klubhalle zurück und rauchten. Wir saßen dort noch keine Viertelstunde, als ein untersetzter Mann mit hochrotem Gesicht und grauen Haaren zu uns trat und Markham jovial einen guten Abend wünschte. Ich wußte sofort, daß dieser Mann Charles Cleaver war.

»Ich bekam Ihren Brief. Sie wünschten mich zu sprechen?« Es war ein Unterton von Kälte und Berechnung in seiner sonderbar leisen Stimme.

Markham hatte sich erhoben. Nach einem Händedruck stellte er Cleaver uns beiden vor. Es schien, daß Vance ihn bereits kannte. Cleaver setzte sich Markham gegenüber in einen Sessel, nahm eine »Corona« heraus, machte sie umständlich zum Rauchen fertig und steckte sie vorsichtig in Brand.

»Tut mir leid, Sie zu belästigen, Mr. Cleaver«, begann Markham. »Sie haben ja wohl gelesen, daß Margaret Odell gestern nacht ermordet wurde ...«

Er machte eine Pause. Wahrscheinlich erwartete er, daß Cleaver nun seine Bekanntschaft mit dem Mädchen erwähnen würde. Aber nicht ein Muskel in dem Gesicht des Mannes bewegte sich.

»Meine Erkundigungen über das Leben der jungen Frau ergaben«, fuhr Markham fort, »daß Sie ziemlich gut mit ihr standen.«

Er machte abermals eine Pause. Cleaver zog die Augenbrauen beinahe unmerklich in die Höhe, sagte aber nichts.

»Sie wurden in einem Zeitraum von fast zwei Jahren ständig mit ihr gesehen«, fuhr Markham fort. »Das läßt schließen, daß Sie mehr als oberflächlich an ihr interessiert waren.«

»Ja?« warf Cleaver unbefangen ein.

»Ja!« wiederholte Markham. »Ich darf hinzufügen, daß ich mich auf irgendwelche Vorwände und Verheimlichungen nicht einlassen kann. Ich spreche hier privat mit Ihnen. Sie könnten mir bei der Aufhellung der Angelegenheit helfen. Ein gewisser Mann steht schwer unter Verdacht; wir hoffen ihn binnen kurzem verhaften zu können. Aber, wie dem auch sei, wir werden Hilfe brauchen, und deswegen habe ich Sie um diese kurze Unterredung gebeten.«

»Und womit kann ich Ihnen dienen?« fragte Cleaver kalt.

»Sie wissen vielleicht aus Ihrem Verkehr mit dem Mädchen einige vertrauliche Tatsachen, die ein Licht auf diesen brutalen Mord werfen könnten.«

»Ich befürchte, daß ich Ihnen nicht dienen kann«, sagte Cleaver nach einer Weile. Er starrte die Wand an.

»Ihre Auffassung entspricht nicht der, die man von einem Mann mit ganz reinem Gewissen erwartet«, stellte Markham leicht gereizt fest.

Cleaver sah ihn mit einem fragenden Blick an.

»Was hat meine Bekanntschaft mit dem Mädchen denn mit dem Mord zu tun? Sie hat mir nicht anvertraut, wer ihr Mörder sein würde ...«

Vance saß dicht neben mir. Er lehnte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Der arme Markham! Er ist einem andern Juristen aufgesessen! Zum Schießen!«

»Sie sind hier nicht auf dem Zeugenstand, Mr. Cleaver«, sagte Markham scharf. »Allerdings scheint es, daß Sie für diesen Platz in Betracht kommen.«

Cleaver starrte geradeaus, ohne zu antworten.

Markham lehnte sich zurück. »Mir ist es ja gleichgültig«, sagte er gelassen, »ob Sie die Sache nun hier im Klub mit mir bereden wollen oder nicht. Wenn Sie es vorziehen, morgen früh durch einen Polizisten mit einem Haftbefehl auf mein Amt gebracht zu werden, dann will ich Ihnen den Gefallen gern tun.«

»Das ist Ihre Angelegenheit«, erwiderte Cleaver feindselig.

»Und Angelegenheit der Reporter ist es, was nachher darüber in den Zeitungen steht. Ich werde den Herren von der Presse einen wortwörtlichen Bericht von dem Interview geben.«

Cleaver lenkte ein. »Aber ich weiß ja nichts, das ich Ihnen mitteilen könnte.« Der Gedanke an die Publizität war ihm sichtlich unangenehm.

»Das haben Sie mir schon vorhin gesagt.« Markhams Ton war jetzt ganz kalt. »Somit wünsche ich Ihnen guten Abend.« Er wandte sich wieder zu Vance und mir, als betrachtete er das Gespräch für beendet.

Cleaver jedoch rührte sich nicht von der Stelle.

»Zum Teufel!« murmelte er mit erzwungener Gutmütigkeit. »Wie Sie sagten, ich bin ja nicht auf dem Zeugenstand. – Also: was wollen Sie wissen?«

»Ich habe Ihnen die Sachlage bereits erklärt.« Markham schien verstimmt. »Sie wissen, was für Auskünfte ich brauche. Wie hat dieses Mädchen Odell gelebt? Mit wem hatte sie intime Beziehungen? Was für Feinde hatte sie? Kurz, alles, was zu einer Erklärung des Mordes beitragen könnte und nebenbei auch alles, womit Sie sich selbst von einem möglichen Verdacht der Teilnahme reinigen können.«

Während dieser letzten Worte war Cleaver aufgefahren und wollte offensichtlich protestieren. Aber plötzlich änderte er seine Taktik. Mit einem geringschätzigen Lächeln nahm er einen kleinen, zusammengefalteten Zettel aus seiner Brieftasche und reichte ihn Markham.

»Das ist leicht genug«, sagte er zuversichtlich. »Hier ist eine gerichtliche Vorladung wegen Schnellfahrens. Aus Boonton, New Jersey. Beachten Sie das Datum und die Zeit. Den 10. September, also gestern, um halb zwölf in der Nacht. Ich fuhr meinen Wagen runter nach Hopatcong und kam durch Boonton. Ein Motorradpolizist hielt mich an und gab mir diesen Wisch wegen Überschreitens der Geschwindigkeitsgrenze. Morgen früh muß ich deswegen dort vor dem Kadi erscheinen. Eine verdammte Plage, diese Konstabler auf den Landstraßen.« Er sah Markham mit einem berechnenden Blick an. »Sie könnten das vielleicht für mich ins reine bringen? Es ist eine ekelhafte Fahrt runter nach Jersey, und ich habe morgen alle Hände voll zu tun.«

Markham, der die Vorladung flüchtig gelesen hatte, steckte sie in die Tasche.

»Ich werde die Sache erledigen«, versprach er liebenswürdig lächelnd. »Nun sagen Sie mir, was Sie wissen.«

Cleaver paffte nachdenklich an seiner Zigarre, schlug die Beine übereinander und begann:

»Ich bezweifle, daß ich Ihnen helfen kann. Ich mochte den Kanarienvogel recht gern, wirklich, ich stand eine Zeitlang recht gut mit ihr. Ich tat 'nen Haufen verrücktes Zeugs, schrieb ihr 'nen Stoß närrischer Briefe, als ich voriges Jahr in Kuba war. Hab' mich sogar mal mit ihr in Atlantic fotografieren lassen.« Er machte eine Grimasse. »Dann fing sie auf einmal an, die Kalte zu spielen, und versetzte mich. Zu verschiedenen Verabredungen kam sie einfach nicht. Ich schlug einen Höllenkrach, aber die einzige Antwort, die ich bekam, war eine Forderung um Geld.«

Er hielt inne und betrachtete die Asche an seiner Zigarre. Ein giftiger Haß glomm in seinen schmal gewordenen Augen, die Muskeln über seinen Backenknochen spannten sich.

»Keinen Sinn, es zu verschweigen ... Sie hatte diese Briefe von mir, und sie schröpfte mich um ein nettes Sümmchen, eh' ich sie wiederbekam ...«

»Wann war das, bitte?«

Cleaver zögerte einen Augenblick. »Vergangenen Juni«, sagte er dann. Er fuhr schnell fort, seine Stimme war bitter. »Mr. Markham, ich sage nicht gern einer Toten Übles nach, aber dieses Weib war die gerissenste, kaltblütigste Erpresserin, die mir je begegnet ist. Ich war nicht der einzige, den sie schröpfte. Sie hat noch andere geneppt ... Ich weiß zufällig, daß sie den alten Louis Mannix für schweres Geld reinlegte, er selber hat es mir erzählt.«

»Können Sie mir die Namen dieser andern Männer geben?« fragte Markham gespannt. »Von der Mannix-Episode weiß ich.«

»Ich habe den Kanarienvogel hie und da mit andern Männern gesehen«, sprach Cleaver bedauernd, »aber die Namen kenne ich nicht. Es ist die alte Geschichte. Von dieser Seite werden Sie kaum Aufschluß kriegen. Aber es gibt ein paar andere, die nach Mannix drankamen. Die müßte man auftreiben. Da ist besonders einer, den ich letzthin ein paarmal mit ihr sah ...«

»Sie vermuten also hinter dem Mord den Racheakt eines enttäuschten Liebhabers?«

Cleaver erwog seine Antwort.

»Sehr leicht möglich«, sagte er nach einigem Zögern. »Sie trieb es so toll, daß sie mal zu Fall kommen mußte.«

»Wissen Sie zufällig was über einen jungen Mann, den Miß Odell näher kannte – gut aussehend, klein, blonder Schnurrbart, hellblaue Augen –, mit Namen Skeel?«

Cleaver schnaufte spöttisch. »Nein, nein. Sowas paßt gar nicht zu dem Kanarienvogel. Soweit ich Bescheid weiß, hat sie die jungen Kerle immer links liegenlassen.«

In diesem Augenblick trat ein Klubpage zu Cleaver und verneigte sich. »Verzeihung, Sir, ein Telefonanruf für Ihren Herrn Bruder. Der Teilnehmer sagt, es sei dringend. Er bat den Telefonisten, Sie zu fragen, ob Sie vielleicht wüßten, wo Ihr Herr Bruder sich aufhält.«

»Woher soll ich das wissen?« sagte Cleaver wütend. »Lassen Sie mich damit in Ruhe.«

»Ihr Bruder ist in New York?« fragte Markham beiläufig. »Ich lernte ihn vor Jahren kennen. Wohnt er noch in San Franzisko?«

»Ja, er ist nur auf ein paar Wochen hier.«

Ich hatte den Eindruck, daß Cleaver aus irgendeinem Grunde verärgert war. Markham kam sofort auf den Mord zurück. »Ich kenne einen von den Männern, die in der letzten Zeit viel mit Miß Odell verkehrt haben. Vielleicht ist es derselbe, den Sie mit ihr gesehen haben.« Er beschrieb Spotswood.

»Das ist der Mann«, bejahte Cleaver. »Ich habe ihn erst vorige Woche mit ihr in einem Lokal gesehen.«

Markham war enttäuscht.

»Dieser Mann kommt leider nicht in Frage ... Aber es muß doch wohl jemanden geben, zu dem das Mädchen Zutrauen hatte. Können Sie sich vielleicht an jemanden erinnern?«

Cleaver schien nachzudenken.

»Doktor Lindquist, vielleicht? Sein Vorname ist, glaube ich, Ambroise. Er wohnt nahe bei der Lexington Avenue. Aber ich kann natürlich nicht sagen, ob er in Betracht kommt. Jedenfalls stand er ihr eine Zeitlang recht nahe.«

»Sie meinen, dieser Doktor Lindquist könnte außerberuflich an ihr interessiert gewesen sein?«

»Behaupten kann ich es nicht. Jedenfalls: Lindquist ist Spezialarzt für die exklusive Gesellschaft. Nennt sich Neurologe. Soviel ich weiß, hat er ein Privatsanatorium für nervöse Frauen. Geld muß er unbedingt haben. Und seine gesellschaftliche Stellung ist natürlich ungeheuer wichtig für seinen Beruf. Also eine Sorte Mann, wie sie sich der Kanarienvogel auszusuchen pflegte. Ich weiß, daß er öfter bei ihr vorsprach, als es ein Arzt seiner Art zu tun pflegt. Ich traf ihn mal zufällig abends bei ihr zu Hause. Als sie uns einander vorstellte, benahm er sich nicht einmal höflich.«

»Vielleicht wird es sich lohnen, ihn aufzusuchen«, bemerkte Markham gleichgültig. »Fällt Ihnen sonst noch jemand ein, der etwas von Belang wissen könnte?«

Cleaver schüttelte den Kopf: »Nein, niemand.«

»Hat Miß Odell Ihnen gegenüber erwähnt, daß sie sich vor jemandem fürchte oder Schwierigkeiten von irgendeiner Seite voraussah?«

»Nicht ein Wort. Die Nachricht von ihrem Tod hat mich vollkommen überrumpelt. Außer der Morgenausgabe des »Herald« lese ich keine Zeitungen – ausgenommen natürlich mein Rennblatt. Die Morgenzeitung heute brachte noch nichts über den Mord. So hatte ich keine Ahnung, bis man kurz vor dem Abendessen im Billardsaal über den Fall sprach. Ich ging rüber ins Lesezimmer und sah in die Nachmittagszeitung. Sonst hätte ich vor morgen früh nichts von der Sache erfahren.«

Markham besprach den Fall mit ihm bis halb neun Uhr, konnte aber weiter nichts herausbekommen. Schließlich erhob sich Cleaver.

»Tut mir leid, daß ich Ihnen nicht weiter behilflich sein konnte«, sagte er. Sein rotes Gesicht strahlte, und er schüttelte Markham aufs freundlichste die Hand.

»Na, diesen zähen alten Affen hast du tadellos geschaukelt«, bemerkte Vance, als Cleaver gegangen war. »Da stimmt was nicht. Der Übergang von dem glasigen Spielerblick zur schwatzhaft-plumpen Vertraulichkeit war zu plötzlich. Mir kommt der Mann nicht gerade wie eine Feuersäule der Wahrhaftigkeit vor. Ich kann seine hartgesottenen Sünderaugen nicht leiden; sie passen schlecht zu seiner sprudelnden Offenherzigkeit.«

»Man muß ihm seiner peinlichen Lage wegen Zugeständnisse machen«, versetzte Markham, »es ist nicht gerade ein Vergnügen, zugeben zu müssen, daß man einer spröden Erpresserin ins Garn gegangen ist.«

»Immerhin, er hat seine Briefe im Juni zurückgekriegt, wie er sagt. Warum machte er dann weiter der Lady den Hof? Heaths Nachforschungen stellten fest, daß er sich bis zuletzt um den Kanarienvogel bemüht hat.«

»Na, mag sein, daß er der Typ des unentwegten Liebhabers ist«, lächelte Markham. »Und jedenfalls hat er uns den Doktor Ambroise Lindquist als mögliche Auskunftsstelle angegeben.«

»Stimmt«, sagte Vance. »Das ist aber auch das einzig Brauchbare an seiner leidenschaftlichen Enthüllung. Ich bin dafür, daß du diesen Äskulap des schönen Geschlechts sofort aufsuchst.«

»Ich bin hundemüd«, wandte Markham ein. »Morgen ist auch ein Tag!«

Vance warf einen Blick auf die große Uhr über dem Kaminsims.

»Zugegeben, es ist etwas spät. Aber sollten wir nicht doch die Gelegenheit beim Schopf packen? Pittacus, der Weise von Mytilene, lehrte, man solle den Moment nicht verpassen. Der gute Abraham Cowley schrieb: ›Wem die Gelegenheit entschlüpft, der findet sie nie mehr, Verpaß die Zufallsgunst, und du hinkst traurig hinterher.‹ Und in seinen ›Diaticha de Moribus‹ schrieb der ältere Cato:

›Fronte capillata‹ – – –«

»Hör auf! Hör auf!« flehte Markham und erhob sich. »Ich will alles tun, um dieser Hochflut von Zitaten zu entgehen.«

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