Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen >

Der erste Beernhäuter (1)

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der erste Beernhäuter (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleDer erste Beernhäuter (1)
pages321-331
created20000905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
Schließen

Navigation:

Grimmelshausen

Der erste
BEERNHÆUTER /

Nicht ohne sonderbare darunter verborgene Lehrreiche
Geheimnus / so wol allen denen die so zuschelten pflegen /
und sich so schelten lassen / als auch sonst jedermann (vor
dißmal zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehren-
Tituls) andern zum Exempel vorgestellet /
Sampt Simplicissimi Gauckeltasche.
Von
Illiterato Ignorantio, zugenannt Idiota.

Gedruckt im Jahr / 1670.

 

 

        SO sah ich aus ich erster Beerenhäuter
Den Nahmen ich bekam vons Beeren-Haut
Den ich erschoß / daß mir nicht einmal graut /
Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider.
So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen /
So tief muß er im höchsten Schimpff jetzt liegen /
Man siht hieraus / was hoch geacht wird heut /
Das stürtzt der Neid in all zu kurtzer Zeit.
f. Protursicutius.

Vom Ursprung des Namens
Bernheuter

DJe so den Ursprung deß teutschgegebenen Schand-Namens Bernheuter

Per Ethymologiam ausecken wollen

haben vermeint / daß vor alten Zeiten / da die alten Teutschen noch auf allerhand Heuten geschlafen /

die jenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden / die immerhin aus Faulheit auf ihrer Bernhaut liegen blieben / und nie nichts tapffers auszurichten begehrt.

Es mag sein / mir gedenckt so weit hinaus nicht / daß ich Nachricht darvon geben könnte:

Aber auf dem Schloß Hohen-Roht hat sich ein uraltes Gemählt gefunden / davon auch beygefügtes Bildnus copiert worden / mit nachfolgendem Bericht / woraus dieser Name entsprungen.

Jm Jahr 1396. Als Sigismundus damaliger Ungarischer König von dem Türckischen Kayser Celapino geschlagen worden /

Jst ein teutscher Lands-Knecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darinn verirret;

Weil er nun noch darzu keinen Herren / keinen Krieg / kein Geld / und auch kein Handthierung oder sonst einig Mittel wuste / sich ins künfftig zuernähren / hatte er allerhand schwermühtige Gedancken!

Da erschien ihme ohngefehr und ehe er sichs versahe ein abscheuliches Gespenst oder Geist / weis nicht obs der böse Feind selber gewesen oder nicht

und sagte wann er ihm dienen wolte / so wolte er ihm Gelds genug geben / und ihn endlich gar zu einem Herrn machen.

O ja! Antwortet der Lands-Knecht

Aber mit dem Geding / daß mir solche Dienste an meiner Seeligkeit nicht schädlich seyen:

Jch muß aber auch zuvor sehen / sagte der Geist was du kanst / und was du vor eine Courage habest / damit ich mein Geld nicht umbsonst ausgebe.

Jn dem er solches redet / kam ein grosser ungeheurer Beer daher geloffen / diesen sagte der Geist schiesse vor den Kopff;

Der Lands-Knecht war nicht umbehend / sonder traff den Beeren auf die Nase / daß er über und über burtzelte

Da solches geschehen war / fieng das Gespenst oder der Geist an / mit ihm zu Capitulieren / und sagte

Wann du mir dienen wilst / so mustu mir siben Jahr zu dienen versprechen /

und in demselbigen alle Nacht ein Stund schildwacht umb Mitternacht stehen.

Deine Haar und Bart weder kämpeln / noch selbige wie auch die Nägel nicht abschneiden; Die Nase nicht schneutzen / deine Händ und daß Angesicht nicht wäschen / den Hindern nicht wischen / diese Beernhaut an statt deines Mantels und Betts brauchen / und niemal kein Vatter unser beten.

Hingegen will ich dich mit Comiss, Bier / Taback und Brandtewein versehen / daß du kein Mangel haben solst /

und nach den siben Jahren einen solchen Kerl aus dir machen / daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.

Der Lands-Knecht gieng alles ein / und sagte zum Geist / alles was du mir zuunterlassen gebotten hast / habe ich von Natur mein Tage niemal gern gethan; Jch wasch mich nicht gern / ich bette nicht gern / etc.

Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen / umb ihn in seine Roll die er bey sich hat zuschreiben /

Als er aber eines heiligen Namen nennete / sprach der Geist / dieser taug mir nicht; du solst Bernheuter heissen / wegen der Beernhaut / damit du heut begabt bist worden.

Darauff zog er dem Beern die Haut ab / und machte seinem Neugebornen einen Mantel daraus.

Und führt ihn mit sambt derselben Haut und aller seiner übrigen Bagage durch die Wolcken auf sein Lust-Haus dahin; Welches öde Schloß von dieser wunderbaren Fahrt / seinen Namen bekommen haben soll;

Daselbst versahe der Lands-Knecht seine sibenjährige Dienste /

und wurde in solcher Zeit

von Haut / Haar / Bart und Nägeln / ein solcher abscheulicher Unflaht /

daß er dem Geist selbst ähnlicher sahe als einem vernünfftigen Menschen /

der nach GOttes herrlichem Ebenbild erschaffen worden / sonderlich wann er an statt eines erbarn Mantels seine liebliche Bernhaut umb sich hatte:

Dann seine Haar wurden lauter Höllen-Zöpff / die ihm umb die Achseln herumb hiengen wie Indianische Schaffschwäntze; Sein Bart war S. H. von Rotz / Geiffer und andern Unlust in einander gebicht / wie ein grober Filtzhut / seine Nägel hatten eine Gestalt wie Adlers-Clauen / und sein Angesicht lag so voller mistigem Unflaht / daß man dem gemeinen Sprichwort nach / gar wol hette Rubsamen hinein säen können.

Nach dem er aber die siben Jahr bey nahe überstanden hatte / kam der Geist von sich selbst / und deutet ihm an / daß es nun mehr Zeit war / einmal mit ihm abzurechnen.

Und ihn der Gebühr nach auszuzahlen.

Doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen /

und befahle ihm sich lustig zu machen / und kein Geld zu sparen /

sonder zu thun und zu lassen was seinem Hertzen geliebte / und dem Geld wehe thät.

Aber der gestalt / daß er aus den Schrancken des getroffenen Accords:

Und seiner bisherigen Gewonheit nicht schreiten solte;

Weil seine siben Jahr noch nicht vollkommlich verflossen waren / in denen sie sich zusammen verbunden:

Der Lands-Knecht gehorsambte;

Da ihn aber wegen seiner greulichen Abscheulichkeit niemand aufnemen wolte / wurde er traurig;

Nach dem er aber auch von einem Würth / deren Profession ist / dem Frembden umb die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen / abgewiesen wurde /

zeigte er ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten / und aus dem andern eine Handvoll Duplonen / und wurde darauf dessen willkommener Gast.

Der Würth logierte ihn in ein besonder Zimmer / in welchem er ihn auch absonderlich tractirte /

damit andere Gäste ab seiner heslichen Gestalt kein Abscheuens haben:

noch ihm seinentwegen die Herberg in kein böß Geschrey bringen solten

Jn demselben mästete sich der Bernhäuter von des Geistes Gelde aus

biß der Geist einen Edlen Herren vom Lande auf der Reiß begriffen zu sein wuste / der in selbiger Herberg einkehren würde;

Da kam er bey Nacht und mahlete in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben / der berühmtisten Personen / so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten.

Als des Kains / Lamechs / Nimbrots / Nini / Roroastris / der Helenæ / der Troianischen und Griechischen Fürsten / nicht weniger Sesostris / Nabuchodonosoris / Cyri / Alexandri Magni / Julii Cæsaris / Neronis / Caligulæ / des Mahomets etc.

Ja so gar auch deren Bildnus so noch in die Welt kommen sollen / als der Wiederchristen und anderer / etc.

Worüber sich der Würth nicht unbillich verwunderte;

Vornemblich als der Bernheuter ausgab / er bette diese Gemählte selbst verfertigt.

Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nam / und seinen Würth der ihm bekannt war / fragte / Was Neus?

Erzehlte er ihm alles was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste / als

seinen wunderlichen Auffzug;

seine grosse Kunst in der Mahlerey /

und das er Gelds vollauf hette.

Der Herr antwortet / ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch sehen / sonst werde ich euch / was ihr mir gesagt schwerlich glauben.

Wie er des Morgens frühe selber sahe / was er gehöret hatte / befande sich zwischen ihm und dem Würth kein anderer Unterscheid / als daß er die Kunst der Mahlerey besser als jener verstunde

und sich dannenhero auch beydes über die kunstreiche Hand und die Arbeit selbst mehrers zu wunderte /

dann ihre Perfection war ohnvergleichlich! und in dem er sahe / das sich viel Contrafet mit denen künstlichen Antiquitäten verglichen die er allbereit anderwertlich gesehen / glaubt er daß die übrige auch dem jenigen gleich sahen / deren Bildnus sie repræsentiren / und die er bißher noch nicht gesehen.

Er fragte den Bernheuter

ob er solche Arbeit gemacht hette? derselbe aber fragte hinwiderumb / wer sonst?

Der Herr sagte hierauf / so mustu viel wissen / wann du auch die Gestalten der künftigen Menschen zuentwerffen weist /

Allzeit! antwortet der Bernheuter / weiß ich mehr weder mancher vermeint;

Der Herr fragte / wer bistu?

Jener antwortet / ich bin der Oberst Bernheuter / ein Soldat von Fortun /

und hab mich neulich im Krieg wieder den Türcken brauchen lassen.

Weil nun dieses ein neuer und noch kein schandlicher Namen war / fragte ihm der Herr auch nicht weiters nach.

Sondern sagte / ich hab drey Töchter von gleicher schöner Gestalt / welche auch ihre Mutter ihrer Aehnlichkeit wegen offt selbst voreinander nicht kennet.

Jch will dich solche sehen lassen /

wirstu nun wissen welches die Aelteste / die Mittler und die Jüngste sey!

So will ich dir eine davon zum Weib geben / welche du under ihnen haben wilst

wo nicht / so solstu sambt deinem Vermögen mir zum Eigenthumb verfallen sein.

Da der Bernheuter dessen zufrieden /

nahm ihn der edle Herr mit heim /

ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen!

Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bernheuter

Wisse dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte / und die Aelteste auf der lincken / die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu stellen.

Als er nun auf solchen Unterricht sagen konnte / welches die Erst / die Ander und Dritte war /

zumalen die jüngste zum Weib begehrt

schwur der Herr alsobalden

er wolte seine Paroln halten / wie es einem ehrlichen Cavallier gebühre

Gott geb was die Mutter darzu sagte /

und wie sich sein Kind darzu bequembte /

Er wolte auch die Hochzeit gleich für sich gehen lassen / ehe ein ander Gewirr drein käme /

aber der Bernheuter wolte nicht / sonder wendet andere Geschäfften vor /

doch mit Versprechen bald wieder zu kommen

und da er einen kostbaren Ring der hierzu gemacht war / von einander geschraubt: und ein Theil darvon seiner Braut gegeben hatte / gieng er seines Wegs.

Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwartz /

und wünschte vergeblich lieber allein zu leben / als sich mit dem abscheulichen Bernheuter zuverehlichen.

Aber was halfs? Jhr Herr Vatter wolts also haben.

Jhre Schwestern gönneten ihr diesen Heuraht /

sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter / und erneuerten damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohne das traurigen Hertzens / welches sie doch alles durch Gedult überwande.

Der Geist kam hingegen wieder / und führte den

Bernhäuter in den Rhein ins Bad /

er richtet ihm seine Haar / und beschor selbige sambt dem garstigen Bart auf die neue Mode

und zieret ihn der gestalt auf / durch besondern Anstrich

das er dem schönsten Cavallier vergliche.

Jetzt gehe hin nach N. (sagte er zu ihm) und mondiere dich wie ein rechter ehrlicher Obrister

und lebe wie ein Herr /

Jch will meine Schätze aufthun / die ich hierumb vergraben habe /

und dir Gelds genug hierzu geben.

Weil nun dem Bernheuter kein erwünschterer Befelch hett kommen können / war er desto gehorsamer.

Er hielte sich mit schönen Pferden / herrlichen Gutschen / köstlichen Kleiden und vielen Dienern Livree / wie ein Gros-Vezier

und da es dem Geist Zeit sein däuchte / stellte er sich wieder ein und sagte zu ihm /

Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heuraht /

und damit er desto reicher erscheinen konnte;

fällete er ihm beyde Gutschen Küsten voller Geld /

welches er ihm beydes zur Beschuldigung und zum Heuraht-Gut mit gab;

Also machte er sich auf die Reiß / und schickte einen Trompeter voran / seinen künfftigen Schwer / neben Vermeldung seines Diensts und Grusses anzuzeigen / daß ein stattlicher Cavallier auf dem Weg begriffen were / ihme zu zusprechen / und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten;

Mit einem Wort / eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zubegehren /

wofern er anderst gelitten werden möchte / und keine Ungelegenheit machte.

Als er nun die höfliche Antwort bekam / das er ein lieber Gast sein würde /

Jst er mit seiner Suitte prächtig eingezogen /

und wol empfangen:

auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen die beyde älteste Töchter gesetzt worden;

Welche sich auch ihm zugefallen / weil ihn jede zubekommen verhofft / trefflich geschmückt hatten.

Die Jüngste aber behalff sich unden an der Tafel / wie ein Turtel-Täublein / daß seinen Gemahl verlohrn / sintemal sie als eine Versprochene / keine Hoffnung schöpffen dörffte / diesen ansehnlichen Herrn zubekommen /

wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen hönischen Blick / und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben /

welches ihr tieff ins Hertz geschnitten.

Als nun der Bernheuter nach Vorweisung seines vielen Golds / daß Jawort:

und under den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam / zumalen noch jede / von den ältesten Schwestern ihn zubekommen vestiglich verhoffte

offenbarte er sich der Jüngsten / durch ein Stück des voneinander geschraubten Rings

davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt;

So hoch nun diese hierdurch erfreuet wurde

so sehr erschracken hingegen jene beyde / als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen;

Sie wurden so bestürtzt / daß sie nicht mehr wusten was sie thäten / und ihre Eltern wurden so erfreut / über der einen Tochter Glück

daß sie der andern beyden Anligen nit wahrnahmen;

Welche zugleich vor Schamhafftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden /

Also daß sich die eine selbst erhenckt /

die ander aber in einen Brunnen stürtzte;

Also / sagte der Geist / der dem Bernheuter gantz frölich erschiene / nun haben wir miteinander ausgefischt

du hast eine und ich zwo von den Töchtern bekommen / die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen Cavallier versagt.

Mein Hochgeehrter und Respectivè Grosgünstiger lieber Leser neme vor dißmal hiemit verlieb / und urtheile aus dieser Erzehlung was er will; Alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernachkommen   ENDE.