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Der erkaufte Henker

Friedrich Gerstäcker: Der erkaufte Henker - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Silbermine
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDer erkaufte Henker
pages93-120
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Der erkaufte Henker

Eben verkündete im fernen Osten ein blasser Streifen am bewölkten Firmamente den nahenden Tag, als ein einzelner Reiter auf schäumendem Rosse an der Gartenthür des Ferry-Hotels im Pointe-Coupé in Louisiana hielt und mit donnerndem Klopfen und lautem Ruf die schläfrigen Bewohner zu wecken versuchte. – Endlich öffnete sich die grüne, auf die Gallerie führende Thür des Hauses und der Wirt steckte den Kopf heraus.

»Wer lärmt denn da vorn, als ob es heller Mittag wäre?« rief er; »glaubt Ihr, daß Leute, die um zwei Uhr zu Bett gehen, auch um vier Uhr gewöhnlich wieder aufstehen?«

»Seid Ihr es, Röttken?« frug der Reiter, indem er sich aus dem Sattel schwang und den Zügel seines schnaubenden Thieres an einen durch die Latten ragenden kleinen Zweig befestigte. »Macht auf, schnell – ich habe Eile und muß gleich wieder fort.«

»Wer zum Henker seid Ihr denn überhaupt?« frug Röttken wieder, ohne die Thür weiter aufzumachen, denn der Wind zog kalt und unfreundlich aus Nordwesten hernieder; »glaubt Ihr, ich kenne die ganze Ansiedelung an der Stimme?«

»Nun,« lachte er draußen, »Ihr seid der Sache diesmal ziemlich nahe gekommen; zum Henker gehöre ich auch mit, und überhaupt geht den Henker mein Besuch heute Morgen besonders an, denn seinetwegen kam ich her – ich bin der Constabler.«

»Oh, Bedford, Ihr seid's!« rief der Deutsche – »nun wartet, ich mache den Augenblick auf, will mir nur erst etwas überwerfen.«

Damit zog er sich für kurze Zeit zurück, erschien aber gleich wieder an der Thür und öffnete die beiden inwendig vorgelegten Riegel.

»Guten Morgen, Röttken!« sagte der Eintretende und schüttelte die dargebotene Hand, »guten Morgen! schließt mir aber vor allen Dingen erst einmal Euren Schenkstand auf. Der unfreundliche Morgenwind hat mich auf eine merkwürdige Art ausgetrocknet.«

»Was führt Euch denn in aller Welt vor Tagesanbruch hierher?« frug Röttken erstaunt, indem er dem ihm Folgenden voran in's Haus schritt und dort ein Licht anzündete.

»Das sollt Ihr bald erfahren,« entgegnete der Constabler; »vor allen Dingen erst etwas zu trinken, dann schickt augenblicklich Euren Hausknecht zur Wache an die Fähre und Kähne hinunter, und laßt ihn dieselben, außer er wird abgelöst, mit keinem Schritt verlassen.«

»Hallo – hinter wem seid Ihr wieder her?« frug Röttken verwundert, indem er die in den Schenkstand führende Thür aufschloß und Flaschen und Gläser herausholte.

»Ein fürchterlicher Mord ist gestern Abend geschehen,« fuhr Bedford fort – »Banizet, oben in Pointe-Coupé, gerade über Morgan's Plantage – Ihr kennt ja den Platz – hat seine junge hübsche Frau mit der Axt erschlagen und ist entflohen.«

»Höll' und Teufel!« rief Röttken, überrascht zu ihm aufschauend.

»Glücklicher Weise,« erzählte der Constabler weiter, »ritt einer der dort wohnenden Creolen noch spät am Abend vorbei, und das Schreien und Jammern der Kinder, das er an der Straße – obgleich die Wohnung wohl zweihundert Schritt abwärts liegt – hören konnte, machte ihn aufmerksam; er hing seines Pferdes Zügel über die Fenz, ging durch das kleine Baumwollenfeld zwischen der niedern Hütte und dem Fahrweg, und öffnete die Thür. – Ihr kennt Luizot, er ist ein großer, starker Mann, aber er schwur mir's zu, daß er bei dem Anblick, der sich ihm dort bot, vor Entsetzen in die Kniee gesunken sei. Das Feuer im Kamin brannte hell, und neben ihm, von der rothen flackernden Glut beleuchtet, stand mit bleichem Antlitz der Mörder; das schwarze lockige Haar wild um seine Schläfe flatternd – in der Hand noch, wohl bewußt, die Axt, mit der er den tödtlichen Streich geführt. Zu seinen Füßen aber, das blasse, schöne Antlitz von Blutflecken entstellt, die langen, rabenschwarzen Locken mit dem rothen Lebensstrom getränkt und die Stirn weit klaffend gespalten, lag sein Weib, während sich die Kinder, von Todesfurcht und Angst getrieben, in einen Winkel geflüchtet hatten und den kleinen Raum mit ihrem Zetergeschrei erfüllten.

»Banizet hörte das Eintreten des Freundes nicht, sah ihn selbst nicht; starr nur hafteten seine Augen an der leblosen Gestalt des gemordeten Weibes, und ein geisterhaftes Lächeln stahl sich über seine Züge. Da rief Luizot seinen Namen, und wie von einer Kugel getroffen sprang er empor; die Axt entfiel seiner Hand, seine Blicke richteten sich auf die offene Thür und die Gestalt des Mannes, und in dem Moment schien auch das ganze Schreckliche seiner That wie seiner Lage auf einmal vor ihm aufzusteigen.

»Mord! Mord!« schrie er, daß selbst die Kinder einen Augenblick, von den nicht mehr irdisch klingenden Tönen erschreckt, still schwiegen, und floh mit einem Satz in die benachbarte Kammer und von da in's Freie. Luizot versuchte ihm zu folgen, vielleicht mehr in der Absicht, ihn zu trösten, als zu fangen, aber es war nutzlos; in den Baumwollenfeldern vermochte er ihn nur eine kurze Strecke im Auge zu behalten, bis er die Fenz erreichte, welche Morgan's Zuckerplantage umschließt und wo er in dem dichten Rohr augenblicklich verschwand. Luizot ging jetzt zu dem Hause zurück und nahm die Kinder von dem Schreckensorte mit sich fort zu seiner eigenen Wohnung, weckte aber unterwegs an mehreren Orten die Nachbarn, erzählte das Vorgefallene und forderte sie auf, Hülfe zu leisten. – Hülfe? Die arme Frau bedurfte keiner Hülfe mehr, aber Rache wollten die Männer, und der größte Theil von ihnen durchstreift jetzt in allen Richtungen die Felder und den Sumpf, während Einer zum Richter herunter sprengte und unterwegs alle die Pflanzer, welche Kähne am Ufer haben, aufforderte, dieselben zu bewachen. Zu gleichem Zweck ist ein Bote bis hinauf nach Fischer's Laden gesandt, und ich will hinunter bis Waterlow; also, habt Acht auf Eure Kähne hier, denn es ist sogar wahrscheinlich, daß der Bursche bis hierher durch die Felder geflüchtet ist, und hier unten entweder Eures oder eins von Taylor's Booten zu benutzen gedenkt.«

»Nun, tragt keine Sorge,« versicherte Röttken – »mein Hausknecht soll mit der Doppelflinte am Ufer Wache halten, sich aber wohl in Acht nehmen, dem Hund den Hals nicht zu beschädigen, damit Ihr ihn noch bequem hängen könnt.«

»Das wäre also abgemacht,« entgegnete der Constabler und leerte sein zweites Glas Brandy – »jetzt muß ich aber fort; übrigens mag sich Einer von Euren Männern immer ein wenig rüsten, denn wir brauchen viel Leute, um ihn aufzustöbern, da er die Sümpfe oder Felder noch nicht verlassen haben kann. Wie ich höre, wollen Morgan und Beauvais ihre sämmtlichen Sclaven aufbieten, und vielleicht beweg' ich Taylor hier unten auch noch dazu, wenn sich der verdammt geizige Bursche überhaupt bewegen läßt; dann können wir eine richtige Jagd anstellen. Also ade, macht Eure Sachen gut und paßt gehörig auf.« Damit trat er wieder vor die Thür, schwang sich in den Sattel und galoppirte auf seinem kleinen Mustang den breiten Fahrweg entlang, welcher sich zwischen den eingefenzten Feldern und dem Mississippi am Fluß hinunterzog, der etwa eine Meile tiefer liegenden Plantage des alten Taylor zu.

Röttken folgte indessen den gegebenen Anweisungen und der Hausknecht, ein geborener Elsässer, der nun freilich noch keine Flinte in der Hand gehabt hatte, hier aber als Wachtposten für tüchtig genug befunden wurde, trat eben in die Thür, um nach den Booten hinabzugehen, als einer der Neger, die im Hause mit arbeiteten, an den Wirth heranglitt und ihm zuflüsterte: »Massa – Massa – da – über Straße weg – Mann schleichen – weiße Hosen!«

»Der Teufel auch!« rief Röttken; »weißt Du das gewiß, Scipio?«

»Ich sicher!« sagte dieser – »gerade dort an Ecke.«

»An Deinen Posten, Gottlieb, schnell!« rief Röttken, indem er seine Büchsflinte ergriff. »Ist's der Schurke, so soll er nicht lebendig fort; aber dort kommen wahrhaftig auch schon die Creolen – gut, jetzt haben wir ihn sicher! – Du, Scipio, schleichst Dich an der Levée hin. Hier, nimm den alten Säbel und hau' den Kerl in die Beine, wenn Du nahe genug kommst und Du, Gottlieb, bleibst hier hinter dem kleinen Busch liegen oder hinter dem alten Stamm dort, wo Du die Boote beschießen kannst – Du hast doch schon geschossen?«

Gottlieb grunzte: »Ich werde doch schießen können!«

»Gut, kommt er zum Boot, so rufst Du ihm zu, sich zu stellen, und thut er's nicht – Feuer! aber auch in die Beine – schont des Schurken Hals. Ich will indessen ganz offen auf der Straße hinuntergehen und pfeifen, als wenn ich von gar nichts wüßte, bis ich ihm den Weg abgeschnitten habe – also an's Werk!«

Scipio war schon katzenartig, mit einem gewaltigen alten Cavalleriesäbel in der Hand, fortgekrochen und auch Gottlieb hatte seinen Platz eingenommen; die Creolen aber hielten einen Augenblick neben der Kirche bei einem ihrer Bekannten, um diesen wahrscheinlich zur Theilnahme aufzufordern.

Banizet – die Gestalt, welche das scharfe Auge des Negers über die Straße hatte gleiten sehen – schlich indeß dicht am Wasserrand, unter dem Schutz einiger dort angeschwemmten Stämme, den Booten zu, die, wie er wußte, nie angeschlossen lagen, um womöglich das andere Ufer zu erreichen und wenigstens der augenblicklichen Gefahr des Gefangenwerdens zu entgehen.

Daß der Eigentümer der Boote gewarnt war, wußte er, denn er hatte das Pferd des Constablers auf der Straße hinabgaloppiren sehen; er hoffte aber, ihn noch nicht vorbereitet zu finden und näherte sich schnell den an der großen Fähre angehangenen Kähnen, dabei gleichwohl das Ufer und den über ihn hinausragenden Damm scharf im Auge behaltend. Da sah er, wie sich etwas hinter einem der Stämme bewegte – es war Gottlieb, der, um bequemer zu sitzen, in seinem Versteck herumrutschte und dabei die Flinte hoch emporhielt, damit sie nicht etwa von selber losgehen möchte. – Zu gleicher Zeit vernahm er das Pfeifen des Deutschen auf der Straße und wußte sich augenblicklich entdeckt. Nur ein rascher Entschluß konnte ihn retten, und seine Verfolger nicht mit Unrecht alle unterhalb der Boote vermuthend, schlich er schnell und geräuschlos auf seiner Bahn fort, ließ sich, von einer alten Baumwurzel bedeckt, leise in das Wasser und bewegte sich langsam bis an die Boote hinan. Wohl sah er ein, daß es nicht möglich gewesen wäre, unter diesen Verhältnissen eins zu entführen, watete daher hinter ihnen hinauf bis zur Fähre, passirte sie ebenfalls und kroch nun gerade über derselben an's Land. Seine einzige Rettung lag jetzt darin, die ihn verbergenden Felder und den Sumpf dahinter wieder zu erreichen, denn die Flucht über den Strom war ihm für den Augenblick abgeschnitten; er kauerte sich also hinter eine dort am Ufer aufgesetzte halbe Klafter Holz nieder, strich mit den Händen das Wasser aus den Haaren und Kleidern, zog sogar seine Stiefeln aus, um auch diese von dem Wasser zu befreien, welches, darin gesammelt, ihn auf der Flucht zu sehr gehindert haben würde und war eben mit allen Vorrichtungen fertig, als er die Hufschläge der herangaloppirenden Creolen vernahm. Daß es seine Verfolger waren, wußte er, und es galt nun, das Aeußerste zu wagen oder gefangen zu werden. Mit gewaltigem Sprung setzte er gleich beim Anlauf über einen dort liegenden Stamm hinweg und rannte die steile Uferbank hinauf.

Gottlieb, mit der Flinte in der Hand, hatte nun zwar aufgepaßt, aber keineswegs auf dieser Seite den Verfolgten vermuthet und erschrak so über das plötzliche Auftauchen des Flüchtigen, daß sein Finger unwillkürlich den Drücker berührte und der Schuß in die Luft ging.

In demselben Augenblick erreichte Banizet den Kamm des niedern Dammes und sah sieben oder acht Reiter in gestreckter Carrière, durch den Schuß zur wildesten Eile angespornt, kaum hundert Schritt von sich entfernt heransprengen; aber nicht minder nahe war ihm Gottlieb, der jetzt, seinen Fehler wieder gut zu machen und gar nicht an das zweite, noch geladene Rohr denkend, mit gehobenem Flintenkolben herbeieilte. Von beiden Seiten bedrängt, blieb ihm keine Wahl, als die zehn Fuß hohe Fenz, welche den Weg entlang lief, zu überklettern und ohne sich zu besinnen, durchmaß er mit wenigen Sätzen den Fahrweg und klomm an den übereinander gelegten Stangen katzenschnell empor. Aber auch die Creolen sprengten heran und Scipio mit seinem Säbel war kaum noch zwei Schritt von ihm, als er sich auf den obersten Riegel schwang. Unter ihm brach das morsche Holz zusammen, doch stürzte er in das Innere der Einfriedigung und floh im nächsten Augenblick durch eine etwa hundert Schritt breite Wiese, die am andern Ende ein eben solcher Zaun von den dahinter liegenden Feldern trennte. Zwar wurden, als er den offenen Raum durchlief, mehrere Pistolen nach ihm abgefeuert, glücklich erreichte er aber die zweite Fenz und hatte auch diese schon erstiegen, als wieder ein Schuß fiel und der Flüchtling einen wilden Schmerzensschrei ausstieß. Es war Röttken's Büchse gewesen. Dieser, der eben auf dem Kampfplatz anlangte, als Banizet über den eingefenzten Raum sprang, hatte nicht eher zum Schuß kommen können, bis Jener sich, an der steilen Fenz emporkletternd, einen Augenblick stille halten mußte. Seine Kugel saß. Der Verwundete entkam aber doch in das dahinter liegende Feld und war in wenig Augenblicken zwischen den Baumwollenstauden verschwunden.

Der Tag begann indeß zu dämmern und ein feuchter, dünner Nebel legte sich auf das niedere Land der Ansiedelung, bis er, sich immer mehr verdichtend, bald in schweren, undurchsichtigen Massen auf der Oberfläche des Stromes ruhte und, von den einzelnen Windstößen nicht getrennt, fast wie ein ganzer, in sich selbst zusammenhängender Körper fortgeschoben zu werden schien.

Die Creolen waren sämmtlich von den Pferden gesprungen, befestigten diese an der Fenz und wollten eben dem Flüchtigen folgen, als ein großer gelber Hund, von der Brakenart, heulend auf einer Fährte unterhalb des Hauses über die Fenz sprang, zum Rand des Wassers lief, diesem aufwärts bis da, wo Banizet wieder an's Ufer gekrochen war, folgte, hier an dem aufgeschichteten Holz einen Augenblick stehen blieb, dann die Spur seines Herrn, denn Alle erkannten ihn für Banizet's Hund, annahm und im Begriff war, sich durch die Fenz, die er nicht überspringen konnte, zu pressen, als sich Scipio in demselben Augenblick, da er mit halbem Leibe hindurch war, auf Ihn warf. Es gelang ihm auch, das aus allen Kräften dagegen ankämpfende und wild um sich beißende Thier, mit Hülfe einiger Anderen, die schnell seine Absicht erriethen, zu halten und eine Leine, die Röttken aus dem Hause holte, um seinen Hals zu befestigen.

»Yah – yah – yah –« lachte der Neger still in sich hinein, als der Hund endlich ein wenig ruhiger wurde. »Jetzt keine Noth mehr – eigene Hund findet am besten eigenen Herrn – Massa, Hund halten – Scipio legt Fenz nieder;« und damit beeilte er sich, als er mehrere der Creolen um den Hund beschäftigt sah, der noch immer sein Bestes versuchte, ihren Händen zu entgehen und der Spur des Herrn zu folgen, die einzelnen Fenzstangen auseinander zu legen, um einen Durchgang zu bilden. Bald war das geschehen, schnell die innere Einfriedigung durchschritten, wo das treue Thier den es an der Leine Führenden fast im Lauf hinter sich her zog und an der zweiten Fenz wieder von Zweien gehalten werden mußte; jetzt aber witterte es den Fleck, auf den sein Herr niedergesprungen und der mit dessen Blut benetzt war. Es blieb stehen – beroch die Fenz und dann die Erde – nachher die mit Blut benetzten Gräser und Blätter – hob den Kopf in die Höhe und stieß dann ein solch' klagendes, wildes Geheul aus, daß selbst die Creolen sich schaudernd ansahen und Keiner ein Wort zu sprechen wagte.

Nicht lange aber dauerte bei dem treuen Thier dieser Ausbruch des Schmerzes; in rastloser Eile folgte es jetzt, so schnell es ihm die Leine verstattete, der Fährte des Entflohenen durch das lange Baumwollenfeld bis zu der Stelle, wo es vom Sumpf begrenzt wurde; auch hier noch watete der Hund, hier und da die im Wasser sich verlierende Spur an heruntergebrochenen Aesten und im Sumpfe umhergestreuten Stämmen wieder erkennend, weiter vorwärts, bis er endlich zu tieferen Stellen (einer der unzähligen natürlichen Lagunen, aus dem der größte Theil jenes Landstrichs besteht und die sich oft zu kleinen Seen ausdehnen) kam und diese nicht durchschwimmen wollte. Vergebens suchte er mit regem Eifer am Ufer hin und her, oft einhaltend und durch kurzes Geheul und Gebell seinen Herrn scheinbar zur Antwort auffordernd, immer kehrte er aber wieder zur Stelle zurück, wo dieser das tiefere Wasser betreten und sich einen Durchweg gebahnt hatte. Vergebens blieben alle Versuche, den Hund zum Durchschwimmen dieser Wasserfläche zu bewegen; er witterte seinen grimmen Feind, den Alligator, und der Instinct sagte ihm, daß er rettungslos verloren sei, sobald er sich diesem preisgebe.

»Diable!« fluchte einer der Creolen (es war der Bruder der gemordeten Frau), »sollen wir hier durch solch' schmalen Wasserstreifen aufgehalten werden und uns die sichere Beute entgehen lassen? Höll' und Teufel, nein, den Schurken muß ich hängen sehen, und wenn ich ein ganzes Jahr lang zwischen allen Alligatoren Louisianas umherwaten müßte; ich trage den Hund hindurch, wer folgt mir?«

Alle Creolen, selbst Röttken, zeigten sich bereitwillig, Gottlieb aber und Scipio zogen vor, am Ufer zu bleiben, und der Letztere meinte sehr ruhig:

»Alligator – gescheidtes Vieh – mag nicht weißen Mann – Nigger und junge Ferkel sein Leibessen!«

Gottlieb war dabei sehr zufrieden, in dem Schwarzen einige Gesellschaft zu finden, denn es würde ihm, wie er diesem offen gestand, höchst unbehaglich zu Muthe gewesen sein, zwischen all' den langen schwarzen umherschwimmenden »Beestern« allein zu bleiben, jener Creole aber nahm den Hund, der ihn kannte, auf die Arme und durchschritt, von den Anderen gefolgt, die etwa gürteltiefe Fluth.

Wohl schwammen Massen gieriger Alligatoren in dem warmen stehenden Wasser des Sumpfes herum, scheu wichen sie aber vor den sich ihnen nähernden Weißen zurück. Nur einmal, als der Hund, durch den ihn Tragenden etwas gedrückt, winselte, wandten sich mehrere der kühnsten und größten und folgten den Männern, die jedoch bald das Ufer erreichten. Dort ließen sie den Hund wieder auf die Erde, und in wenigen Secunden hatte dieser auch die Fährte seines Herrn auf's Neue gefunden, der er winselnd und an der Leine zerrend folgte.

Sie brauchten nicht weit mehr zu suchen, kaum zweihundert Schritt vom Rand des Wassers, auf einem umgestürzten Stamm, den Rücken an eine Cypresse gelehnt, halb in dem grauen wehenden Moos, das von den benachbarten Bäumen herabhing, verborgen, saß der Unglückliche und erwartete ruhig seine Verfolger.

Kaum erblickten ihn diese, als sie den Hund frei gaben, der jauchzend auf seinen Herrn zu und an ihm hinaufsprang; der Arme konnte ja nicht ahnen, daß er gerade durch seine Treue zum Verräther geworden. Schlechter Dank und Gruß aber erwartete ihn hier; mit dem linken Arm umfaßte Banizet, der schnell ersah, auf welche Art seine Feinde ihn überholt hatten, das ihn liebkosende Thier und stieß ihm mit der rechten Hand dreimal sein kurzes Messer in's Herz. Zusammenzuckend winselte der arme Pluto in seines Herrn Arm, leckte noch einmal die Hand, die ihm den Todesstoß gegeben, und fiel, als jener ihn freiließ, leblos und schwer zur Erde nieder.

Das Messer blinkte jetzt auf's Neue in des Creolen Hand, und schon hob er es, sein eigenes Herz damit zu treffen – feige Todesfurcht aber senkte die Waffe und widerstandslos ließ er sich von den früheren Freunden, seinen grimmigsten Feinden jetzt, ergreifen und binden.

Röttken's Kugel war ihm durch den linken Oberschenkel gegangen, und vom Blutverlust erschöpft, hatte er nicht weiter gekonnt, doch die Hoffnung gehegt, seine Verfolger durch den sumpfigen, mit Wasser gefüllten Boden, der nur hier und da kennbare Spuren zurückließ, zu täuschen. Gottes Hand lag aber auf ihm, und sein treuester Freund mußte das Mittel werden, das ihn den Händen der Gerechtigkeit überlieferte.

Der Bruder der Ermordeten stimmte nun zwar dafür, Ihn, um weiter keine Umstände mit ihm zu haben, augenblicklich an Ort und Stelle zu hängen; das wollten aber die Anderen nicht zugeben, Röttken besonders schien jetzt Mitleiden mit dem Armen zu fühlen, verband seine Wunden und sprach ihm Muth ein. Widerstandslos ließ dieser Alles mit sich geschehen; nur als sie ihn aufgehoben hatten und forttragen wollten, bat er die Männer, einen Augenblick einzuhalten und ihn seinen Hund noch einmal sehen zu lassen. – Es waren die ersten Worte, die er sprach; selbst bei dem Vorschlag, ihn an derselben Stelle aufzuhängen, hatte er keine Silbe erwidert, sondern nur starr vor sich niedergesehen. So etwas Ernstes und fast Unheimliches lag aber in dieser Bitte, daß Alle schweigend und augenblicklich gehorchten und ihn auf den Stamm, auf dem er eben gesessen hatte, zurückgleiten ließen.

Starr und sprachlos betrachtete er jetzt einige Minuten lang das schöne Thier, das ausgestreckt und mit Blut bedeckt zu seinen Füßen lag, dann bog er sich hinunter – ganz hinunter zu ihm, bis sein Mund die Schulter desselben berührte, drückte einen langen Kuß auf den erkalteten Leichnam und flüsterte leise: »Du warst mein letzter Freund!« Zwei Thränen glänzten in seinen großen schwarzen Augen, er schien sich aber plötzlich der Schwäche zu schämen, richtete sich an dem Stamm in die Höhe, sah Alle im Kreise an und sagte:

»Messieurs, ich bin bereit!«

Abwechselnd trugen ihn jetzt die Männer, erst durch die Lagune und später, von Scipio und Gottlieb unterstützt, über das trockene Land, dem Mississippi zu und lieferten ihn endlich ohnmächtig, denn die übergroße Aufregung und Anstrengung, wie die schmerzende Wunde hatten ihn betäubt, den Händen des Gefangenwärters und Vice-Sheriffs, eines Deutschen Namens Fritz Haydt, mit dem Bedeuten ein, diesen besser zu bewahren als die früheren Gefangenen, die er fast regelmäßig hatte entwischen lassen. Flucht war jedoch von Banizet nicht zu befürchten, seine Wunde würde ihn allein schon daran verhindert haben, darum schloß ihn sein Kerkermeister auch nicht weiter an, sondern verwahrte nur sorgfältig die schwere eichene Thür, die zu seiner vergitterten Zelle führte.

Erst zwei Monate später fiel der Gerichtstag und der Gefangene mußte indessen geduldig seinem Schicksal entgegensehen; Weniges aber sprach, als endlich der entscheidende Tag heranrückte, im Verhör zu seinen Gunsten.

Eifersucht war es, die ihn, seiner Aussage nach, zu dem fürchterlichen Verbrechen antrieb, ungegründete Eifersucht, aber in blinder Leidenschaft wollte er sie schuldig wissen und hatte an jenem unseligen Abend, spät aus der nur wenige Meilen entfernten Schenkwirthschaft heimkehrend, geglaubt, eine dunkle Gestalt über die Fenz klettern zu sehen. Vom Wein erhitzt, stürmte er in das Hans, fand in dem Erschrecken, das sein tobender Eintritt der armen Frau verursachte, das Bekenntniß ihrer Schuld und schlug sie mit der unglücklicher Weise in der Stube lehnenden Axt zu Boden.

Das Gericht der Geschworenen fand ihn einstimmig für »schuldig« und verurtheilte ihn, »am Halse aufgehangen zu werden, bis er todt, todt, todt sei!«

Durch die ganzen Vereinigten Staaten von Nordamerika ist es das ausschließliche Amt des Sheriffs, den Urtheilsspruch des Gesetzes zu vollziehen, ausgenommen, er hat einen Vice- oder Deputy-Sheriff, wie es hier der Fall war, dem dann das Geschäft des Aufhängens übertragen wird. Fritz Haydt aber, noch in dem alten europäischen Glauben erzogen, daß ein Menschenleben, auf gewaltsame Weise und obrigkeitlichen Befehl genommen, die Hände des den Befehl Ausführenden unehrlich mache, sah mit Entsetzen dem dritten Tag entgegen und Manche wollten behaupten, daß er schon Pläne gemacht, den Gefangenen, dessen Wunde jetzt vollkommen geheilt war, entwischen zu lassen, einzig und allein, um das Urtheil nicht selbst an ihm vollstrecken zu dürfen. Da kam aus den Atchafalaya-Ansiedelungen herunter ein Krämer oder Pedlar mit seinem grünlackirten zweispännigen Wagen angefahren und hielt vor dem Ferry-Hotel, um dort sowohl zu übernachten, als auch an die vielen Gäste, die sich der am nächsten Tage stattfindenden Hinrichtung wegen versammelt hatten, seine Waaren abzusetzen. Sein Name war Wolf.

Da er Fritz Haydt seit langen Jahren kannte, ging er noch vor dem Abendessen zu diesem in seine kaum dreihundert Schritt vom Hotel gelegene Wohnung, das Gerichtshaus, hinüber, um ihn zu besuchen und ein wenig mit ihm zu plaudern, fand ihn aber sehr niederschlagen und erfuhr bald die Ursache seiner Betrübniß.

»Fünfzig Piaster gäb' ich drum,« sagte der Deputy-Sheriff und schlug mit der Faust auf den Tisch, »fünfzig harte Piaster, wenn ich Jemanden fände, der mir den Dienst abnähme.«

»Vorausbezahlt?« frug Wolf und sah ihn mit zweifelndem Blick an.

»Vorausbezahlt! – hier auf der Stelle,« rief Haydt, dem bei diesen Worten neue Hoffnung zu dämmern schien. »Wolf – Gold-Wölfchen, wollt Ihr mit einem einzigen Knoten fünfzig harte Piaster verdienen?«

»Werden sie mich aber lassen?« frug Wolf zweifelnd, »da könnte ja doch jeder kommen.«

»Jeder kann kommen!« unterbrach ihn mit ungeduldiger Hast der kleine Vice-Sheriff, »Jeder kann kommen, und wenn der Gottseibeiuns käme und wollte es sich zum besondern Vergnügen machen, den Mann zu hängen, so hätte das Gericht nichts dawider – Wölfchen! er soll ja nur gehangen werden, – wer ihn hängt, ist ganz gleichgültig.«

»Ich weiß aber nicht,« fuhr Wolf überlegend fort, »es ist Einem doch ein ganz eigenes Gefühl, wenn man einen Menschen umbringen soll!«

»Aber Ihr bringt ihn ja gar nicht um, Wölfchen!« bat Fritz Haydt weiter, »das Gericht bringt ihn um, das Gericht hat ihn schon umgebracht, nur mit dem Urtheilsspruch – Ihr steht blos auf der Leiter und macht eine Schleife; wenn nun die heilige Justiz in diese Schleife eines Menschen Kopf hineinsteckt, da könnt Ihr doch nichts dafür!«

»Ja, das möchte noch gehen,« sagte Wolf, »aber nachher die Stütze unten wegzuziehen – daß die Klappe niederfällt – ich weiß nicht, das ist mir gar zu schauerlich.«

»Ihr braucht Eure Hand nicht dran zu legen,« redete ihm Haydt zu, »das könnt Ihr mit dem Fuß thun, und – es ist gerade wie beim Strick, bester Wolf; Ihr habt ja den Verbrecher nicht da oben hingestellt, das fällt doch immer wieder auf die Richter zurück!«

»Nun meinetwegen,« rief Wolf endlich, »wenn man sich nachher wieder wäscht, wird's eben so gut sein.«

»Ihr willigt also ein?« frug Haydt.

»Hier ist meine Hand,« sagte Wolf.

»Topp!« schrie der Kleine und lief augenblicklich zu seinem Koffer, aus dem er die fünfzig Dollars herausnahm und dem Krämer einhändigte.

»Aber mein längerer Aufenthalt hier in Pointe-Coupé« wandte dieser ein – »die lange Wirthsrechnung –«

»Bezahle ich,« unterbrach ihn Haydt, »das soll weiter kein Hinderniß sein. Ihr könnt auch vielleicht noch in dieser Zeit gute Geschäfte mit Eurem Handel machen. Alle Einwohner von Bayou Sarah und St.-Francisville drüben, alle Pflanzer vom Fausserivière und Waterlow, wie aus der Pointe-Coupé-Ansiedelung und den Atchafalaya-Niederlassungen werden sich morgen hier einfinden.«

»Gut, unser Handel ist geschlossen,« erwiderte Wolf, schlug noch einmal ein und half Haydt nachher ein paar Flaschen Rothwein leeren, die dieser aus einem Kistchen unter seinem Bette vorholte.

Nach dem Abendessen setzten sie ihr Gelage fort; der Deputy-Sheriff mußte dem Krämer aber sein Wort geben, keine Silbe ihres Vertrags gegen irgend Jemand, den Ober-Sheriff ausgenommen, zu erwähnen.

Hell und klar brach der andere Morgen an; eine ungeheure Menschenmasse hatte sich, um der Execution mit beizuwohnen, in dem und um das Hotel aus der ganzen Nachbarschaft versammelt und betrachtete sich indessen den Galgen, der etwa fünfzig Schritt vom Gerichtshaus, unfern eines kleinen massiven Gebäudes stand, das in früheren Zeiten, als die Spanier noch jenen Landstrich bewohnten, zu einem Pulverhaus benutzt worden war.

Endlich schlug die bestimmte Stunde – es war elf Uhr – und aus dem Gefängniß herab führten zwei Sclaven den Verurtheilten dem Schaffot zu. Dicht hinter diesem gingen der Ober- und Deputy-Sheriff, vom Constabler und mehreren anderen Gerichtspersonen gefolgt, und ein Gemurmel der Verwunderung durchlief die Menge, als sich auch der Krämer zwischen ihnen sehen ließ; noch ahnte aber Niemand den geschlossenen Handel. Der Zug erreichte indessen den Fuß des Galgens, und der Verurtheilte, von dem zu ihm getretenen katholischen Geistlichen unterstützt, hatte sein letztes Gebet gehalten, als er, indem er die Leiter betreten wollte, den Krämer dicht hinter sich sah und erstaunt stehen blieb.

»Was wollt ihr?« frug er diesen leise, aber mit deutlicher, fester Stimme.

Wolf zögerte verlegen einige Secunden, das Blut schoß ihm in Strömen nach dem Gesicht, und er stotterte einige unzusammenhängende Worte. Fritz Haydt trat aber in diesem Augenblick vor und erklärte, daß »Monsieur Wolf befugt sei, sein (des Sheriffs) Amt für heute zu versehen, und daß der Ober-Sheriff seine Einwilligung dazu gegeben habe«. Wolf zog dann, während Banizet's Gesicht leichenblaß wurde, den verhängnißvollen, schon zurechtgemachten Strick aus der Tasche und folgte dem langsam Voransteigenden, um die Execution zu vollziehen.

Doch weshalb länger bei diesem schauerlichen Bilde verweilen? Der Urtheilsspruch wurde vollstreckt und der Leichnam nach einer Stunde wieder abgenommen und beerdigt. Wolf aber ging mit dem Deputy-Sheriff in dessen Zimmer, um dort nach glücklich vollbrachter Arbeit alle unangenehmen Gefühle, die sich seiner etwa bemeistern mochten, zu vertrinken.

Nicht so ruhig nahmen übrigens die Zuschauer – größtentheils Creolen oder Amerikaner und Franzosen aus dem gegenüberliegenden kleinen Städtchen Bayou Sarah – die Sache auf. Alle waren empört, daß sich ein Mensch für Geld – für erbärmliche fünfzig Dollars – (denn durch den Ober-Sheriff sowohl, als durch Fritz Haydt selber war die Thatsache bekannt geworden) dazu hergeben könne, einen Andern, und wenn er vom Gesetz verurtheilt sei, umzubringen. Zuerst traten sie zusammen und schimpften und fluchten über den feilen Schuft, und debattirten sich so nach und nach in immer größere Aufregung hinein, bis endlich Einer den Vorschlag machte, den käuflichen Henker zu züchtigen.

»Verdamm' ihn!« rief ein Creole in seinem gebrochenen Englisch – »wenn ein Mann sein Geschäft hat – wenn ein Mann vom Gericht dazu befugt ist, anderem Menschen Strick um den Hals zu legen, so laß ich gelten – aber damn him – Schurke nimmt Geld – verdient tüchtige Schläge!«

»Schläge?« unterbrach ihn Einer der Bayou Saraher, »Schläge? wenn das auf unserer Seite vorgefallen wäre, so hinge der Schurke jetzt schon, wenn auch nicht an demselben Galgen – denn ein Verbrechen hat er nicht begangen – aber an dem nächsten Ast, den man finden könnte, und ich denke, der eine große Nußbaum dort wäre stark genug, ein Dutzend solcher vermaledeiten Krämerseelen zu tragen. Macht's mit ihm, wo wir ihn fingen, wurde er in die Höhe gezogen – damn him – er hängt noch, und so lange sich der Wind nicht dreht, mag er auch hängen bleiben.«

»Wir wollen abstimmen!« rief ein langer Doctor aus Pointe-Coupé.

»Wozu das?« schrie es von allen Seiten; »ist ein Einziger hier, der dagegen stimmt, den käuflichen Schurken zu hängen?«

Alles schwieg.

»Gut denn – fort mit ihm!« tobte die Menge – »wir haben der betrügerischen Krämer genug hier in Louisiana, fort an den Baum mit dem Schurken – laßt ihn erst ein Weilchen zappeln, und dann mag er sich zu Dem legen, mit dem er sein Sündengeld verdient hat!«

»An den Galgen mit ihm!« überschrie jetzt wieder ein anderer Theil die Früheren – »Banizet war ein braver, tüchtiger Kerl, ehe er den schändlichen Mord verübte – das Querholz ist nicht schlechter durch ihn geworden!«

»Nein, an den Baum!« riefen die Anderen.

Den Krämer zu hängen, waren Alle einig; das Wohin war noch der einzige streitige Punkt.

Und wo hielt sich indessen die Hauptperson aller dieser Verhandlungen auf? wo war der gute »Monsieur Wolf«, wie ihn Fritz Haydt genannt hatte? Nicht ahnend, welches Gewitter sich über seinem unglücklichen Haupte zusammenziehe, hatte er eben mit dem kleinen Deputy-Sheriff die zweite Flasche beendet und tanzte seelenvergnügt durch den sogenannten »Weidegrund« dem Hotel zu, vor dessen Thür, dicht am Ufer des Mississippi, sein Todesurtheil von mehr als zweihundert Menschen so gut als unterzeichnet wurde. Röttken begegnete ihm an der Hinterthür und zog ihn, da gerade jede Seele vor das Haus geströmt war, um dort der Versammlung beizuwohnen, in das Zimmer seiner Frau, das er augenblicklich hinter sich schloß.

»Aber, Mr. Röttken – um Gottes willen, was machen Sie denn mit mir? warum schließen Sie mich ein?« lallte der Krämer mit schon ziemlich schwerer Zunge; »geben Sie mir lieber etwas zu trinken, ich bin merkwürdig durstig.«

»Und wißt Ihr, was Euch droht?« frug Röttken, sich dicht zu ihm hinüber beugend – »wißt Ihr, was jene Menschenmenge über Euch beschlossen hat?«

»Nun?« frug Wolf und seine Kinnlade senkte sich bedeutend.

»Euch am Halse aufzuhängen, bis Ihr todt, todt, todt seid – sie sind nur noch nicht recht einig darüber, ob an den Galgen oder an den Nußbaum! Was würdet Ihr vorziehen?«

»Mr. Röttken,« stammelte der zum Tod Erschreckte, dem die Ausführung einer solchen That keineswegs unwahrscheinlich erschien, indem derartige Gewaltstreiche, besonders in der letzten Zeit, ziemlich häufig vorgefallen waren – »Sie scherzen wohl? Oh, sehen Sie nicht so ernsthaft dabei aus – Madame Röttken – Gott – wär' es denn wirklich wahr! Aber – Sie werden – Sie werden mich doch nicht ausliefern? Ach, um Gottes willen, kann man denn nicht nach dem Constabler schicken?«

»Wenn ich mich nicht ganz in den Gerichten irre,« meinte Röttken kopfschüttelnd – »so sind Richter sowohl als Constabler schon um diese Zeit eine bedeutende Strecke von hier entfernt und übernachten heut Abend Gott weiß wo, nur um von einer Sache nichts zu hören, der sie doch nicht so leicht Einhalt thun können, vielleicht nicht einmal gern wollen – denn, hol's der Teufel, Wolf, es war ein erbärmlicher Streich von Euch, da für die paar lumpigen Dollars den Henker zu machen; ich hätte wahrhaftig selbst nicht übel Lust –«

»Ach, bester Mr. Röttken,« bat der jetzt ganz nüchtern gewordene Krämer in Todesangst – »sie kommen – retten Sie mich – machen Sie mich dann schlecht, schlagen Sie mich, treten Sie mich – ich hab' es verdient – aber – liefern Sie mich den Menschen nicht aus« – und damit warf er sich auf die Kniee und verbarg sein Gesicht in den von dem breiten Bett herniederhängenden Decken.

Er hatte recht gehört; die Berathung war beendigt und die Menge wälzte sich in das Haus und um die Gebäude herum, und schreiend und tobend riefen sie nach Röttken und dem Krämer.

»Retten Sie mich um Jesu Christi willen,« flehte der Israelit in Todesnoth auf seinen Knieen und versuchte Röttken's Hand zu ergreifen. – »Retten Sie mich, wenn Ihnen Ihr eigenes Seelenheil am Herzen liegt – ach, Madame Röttken, Sie wollen mich doch nicht hier mit kaltem Blute morden sehen?«

»Wo ist der Krämer? Heraus mit dem Krämer!« tobte der Haufen.

»Retten Sie mich,« flüsterte der Unglückliche mit verhaltener, zitternder Stimme; »verlassen Sie mich nicht, wenn Sie nicht Gott in Ihrer letzten Stunde verlassen soll.«

»Röttken – Vater – rette den Mann!« bat die Frau; »Du wirst doch nicht zugeben, daß sie ihn aus Deiner Stube schleppen?«

»Wo ist der Krämer? Heraus mit dem Hund!« schrie jetzt dicht unter den Fenstern die Menge.

»Pack' ihn in das Bett, Emilie,« flüsterte der Deutsche schnell seiner Frau jetzt zu – »pack' ihn gut weg – nimm aus dem einschläfrigen Bett dort noch die schmale Matratze und lege sie auf die unsrige, hinter die kann er sich legen und sich an sie andrücken – dort werden sie ihn auch nicht vermuthen; ich will indessen suchen, die Bluthunde auf eine falsche Fährte zu bringen.«

»Engel – Retter!« lallte der Krämer und wollte seine Hand ergreifen – dieser aber stieß ihn von sich. – »Fort!« rief er mit unterdrückter Stimme. »Spart Euren Dank – ich thu's nicht gern, denn – Gott verzeih' mir die Sünde – aber – ich glaube, ich möchte Euch selber hängen sehen!«

Damit trat er hinaus vor die Thür, um weiter keinen Verdacht zu erregen und die tobenden Männer zu beruhigen, die jetzt wie eine wogende Fluth das Haus umrasten und den Israeliten verlangten.

»Wo ist er? – Röttken – gebt ihn heraus – damn it, es kann Euch sonst selber schlecht gehen, wenn Ihr gemeinschaftliche Sache mit ihm macht – liefert ihn aus, oder wir durchsuchen Euer ganzes Haus und stecken es an, wenn wir den Schurken finden.«

»Zum Henker noch einmal,« rief Röttken, der seine Leute kannte – »steckt es doch an, wenn Ihr's wagt; dem Ersten aber, der sich mit einem Brande naht, schieß' ich eine Kugel vor den Kopf – was zum Teufel weiß ich von dem Krämer? Ihr habt doch Alle gesehen, daß er gleich nach der Execution zu dem Deputy-Sheriff gegangen ist – da werdet Ihr ihn wahrscheinlich finden. Fritz hat guten Wein und es sollte mich gar nicht wundern, wenn –«

»Hinüber in's Courthouse,« tobte die Menge – »hinüber zu Fritz – hurrah – hurrah!« Und hinüber strömten sie in unaufhaltsamer Fluth, einen Act der Gerechtigkeit, wie sie es nannten, auszuüben und den in ihrer Meinung Schuldigen für seinen Frevel büßen zu lassen.

Röttken eilte jetzt schnell an's Wasser, um zu sehen, ob die Boote frei wären, vorsichtig genug aber waren an diesen Wachen ausgestellt, um dem dem Tode Geweihten jeden Versuch zur Flucht abzuschneiden; ja es verteilten sich sogar schon einige Posten um sämmtliche Fenzen, die das Hotel und das daran grenzende Gerichtshaus umgaben und umzingelten dadurch förmlich den Platz. Jede Aussicht auf Flucht war abgeschnitten, denn daß die einmal Gereizten selbst nicht Röttken's Zimmer verschonen würden, wenn sie den Krämer nirgends anders fanden, war vorauszusehen. Röttken kehrte daher ziemlich niedergeschlagen zu seiner Frau zurück und theilte ihr seine Befürchtungen mit.

»Hier könnt Ihr nicht bleiben,« wandte er sich zuletzt an den Krämer, der leichenbleich und mit stieren Augen dem Bett entstieg; »es hülfe Euch auch nichts. Ich glaubte im Anfang, es sei mehr ihr Plan gewesen, Euch zu erschrecken, als wirklich zu hängen; wie aber jetzt die ganzen Maßregeln getroffen sind, so unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß sie es auf Euer Leben abgesehen haben. Ein Fuchs könnte nicht mehr hindurchschlüpfen – und ich fürchte, es bleibt uns kein Ausweg, als an die Gnade des Haufens zu appelliren.«

»Gnade?« schrie entsetzt der Krämer – »Gnade? Hätten Sie die Wollust gesehen, mit der sie den Neger drüben aufhingen, wie sie dabei jubelten und tanzten; hätten Sie wie ich gesehen, wie dasselbe amerikanische Volk vor etwa einem Jahr einen Mulatten in St.-Louis verbrannte; wären Sie dabei gewesen, wie ich es war, als sie einen Pferdedieb in Tennessee an einen Baum banden und zum Ziel für ihre Büchsenkugeln machten: Sie würden nicht von Gnade reden, nicht an Gnade denken. – Der Panther übt eher Gnade, wenn er vierzehn Tage gefastet hat und ein Lamm säugt, der Wolf eher, der halb verhungert in eine Heerde einbricht. – Herr Röttken – retten Sie mich – Sie wissen noch einen Ausweg! Sie müssen noch einen wissen – es ist ja nicht möglich, daß ich auf solch' elende, schreckliche Art sterben soll!« –

Er hielt die Hände vor das Gesicht und schluchzte laut.

»Röttken,« bat dessen Frau – »kannst Du ihn nicht in der Cisterne verbergen?«

Der Krämer horchte hoch auf.

»Ja, bei Gott,« rief der Wirth – »an die hab' ich nicht gedacht – dort drinnen suchen sie Euch schwerlich; aber sie ist halb voll Wasser. – Wolf, könnt Ihr schwimmen?«

»In meinem Leben hab' ich's nicht versucht,« antwortete dieser zitternd.

»Nun, es lehnt eine Stange drin, an die könnt Ihr Euch halten,« sagte Röttken – »das Wasser ist acht Fuß tief, ich habe es erst heute Morgen gemessen; wir wollen nach einer Weile die Pferde tränken und ich denke, ich kann ohne Verdacht zu erregen drei Fuß herauslassen. Aber schnell, das Hurrahgeschrei drüben kündet ihr Wiederkommen an, schnell ehe es zu spät wird und klammert Euch nur an die Stange an, die wird Euch über Wasser halten; wenn es dunkelt, erlös' ich Euch wieder.«

»Wie soll ich Euch je danken!« schluchzte der Krämer.

»Fort, fort, keine Redensarten mehr, hinein in's Wasser, und laßt die Stange nicht los.«

»Aber wenn es zu tief ist?« frug Wolf ängstlich.

»Ihr kennt das alte Sprichwort,« entgegnete Röttken – »was hängen soll, ersäuft nicht; das mag Euch trösten.«

Damit trat er zuerst vor die Thür, um sich zu versichern, daß kein unberufener Zeuge den Verfolgten gewahren möchte; Niemanden aber als die um das Hotel herumpostirten Wachen konnte er sehen, und diesen verbarg eine junge Pfirsichbaum-Anpflanzung den Ort, wo die Cisterne stand.

Die Cisterne war ein großes, rundes und hohes Gefäß, nach Art der Feuerfässer gearbeitet, von etwa acht Fuß oben wie unten im Durchmesser, circa sechzehn Fuß Höhe, und zur Hälfte mit Wasser gefüllt, stand aber nicht eingemauert in der Erde, sondern frei dicht neben dem Haus im Garten, durch starke eiserne Reifen umschlossen, mit einem Hahn unten daran, um das Wasser leicht herauslassen zu können, und war nur mit einzelnen, lose darüber hingelegten Brettern bedeckt, um dem Wasser die Luft nicht zu entziehen und dieses zu verderben.

Eines dieser Bretter hob Röttken jetzt, da das Haus höher als die Cisterne stand, und er den obern Rand derselben, wenn er sich über die Gallerie bog, gerade mit der Hand erreichen konnte, in die Höhe, Wolf schlüpfte darunter durch, und die Stange, von der sein Retter gesprochen hatte, mit den Händen ergreifend und daran niederrutschend, ließ er sich bis an den Hals in das keineswegs kalte Wasser hinab. Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn kaum hatte Röttken wieder die Thür seiner Stube hinter sich in's Schloß gedrückt, als die Menge heranstürmte und, ohne erst um Erlaubniß zu fragen, das ganze Haus von oben bis unten hin durchschwärmte, um den Entflohenen oder Versteckten zu finden. Kein Kamin, kein Schornstein wurde vergessen; unter das auf vier Fuß hohen Backsteinsäulen gebaute Haus krochen sie nach allen Richtungen, die Ställe, die Küche, die Vorratskammer, die Negerwohnungen, Alles, Alles ward auf das Genaueste untersucht, selbst die Betten in Röttken's Stube entgingen nicht, wie dieser richtig vorhergesehen hatte, der allgemeinen Visitation. Es war aber umsonst, der Krämer blieb verschwunden, denn an die mit Wasser gefüllte Cisterne dachte Niemand.

»Hol's der Henker, Röttken,« meinte endlich ein Sattler von St.-Francisville, den die Anderen »Capitain« nannten, »Ihr müßt den Burschen gut versteckt haben, oder er kann sich unsichtbar machen. Verdammt will ich sein, wenn ich weiß, auf welche Art er fort ist; bei Fritz steckt er auch nicht, da leg' ich einen Eid drauf ab, jeden Winkel haben wir durchsucht, selbst die Gefängnisse hat er aufschließen müssen. Aber das ist gewiß, zum Vorschein soll er wieder kommen, denn wir gehen nicht vom Platz weg, bis er da ist!«

»Nun,« sagte Röttken, »dann richten Sie sich nur auf eine lange Zeit ein; ich glaube nicht, daß Der Louisiana, oder wenigstens den Feliciana und Pointe-Coupé-Parish je wieder mit seiner Gegenwart beehrt, er hat ein Haar darin gefunden – aber –«

»Holla – was ist das?« rief der Capitain, aufmerksam werdend, »plätscherte nicht etwas in der Cisterne? Der Hund wird doch nicht –«

»Ich habe einen jungen Alligator darin,« entgegnete Röttken rasch gefaßt.

»Einen Alligator?« sagte der Capitain und sah den Deutschen forschend an. »Röttken, Röttken, wenn der Schuft in der Cisterne stäke –«

»Seid Ihr unklug,« zürnte, sich ärgerlich stellend, der Wirth, »es sind acht Fuß Wasser darin!!«

»Gebt mir eine Stange,« rief der Sattler, »irgend ein Stück Schilf oder Latte!«

»Ja, eine Latte, eine Stange, dort eine von den Fenzstangen,« schrieen Mehrere aus dem Haufen, die sich um die Sprechenden gedrängt hatten – »wir wollen in die Cisterne gucken.«

»Nun, Ihr glaubt doch wahrhaftig nicht, daß ein Mensch unter Wasser leben kann!« rief der Deutsche, jetzt ernstlich besorgt, daß sie den Schlupfwinkel des Unglücklichen entdecken möchten. »Gebt mir die Stange, Ihr sollt Euch überzeugen, wie tief das Wasser ist« – und damit stieg er auf die Brüstung, welche die Anderen umstanden. »Klettert nicht herauf, Kapitain, es ist Alles morsch und verfault hier oben,« rief er dabei diesem zu, der im Begriff war, ihm zum Rand des Wasserbehältnisses zu folgen, »Ihr könnt Hals und Beine brechen!«

»Kümmert Euch nicht um meinen Hals,« lachte der Sattler, »erst will ich sehen, ob nicht dort etwa ein Hals drin steckt, den wir hier draußen brauchen.«

»Nun denn, so kommt und seid verdammt!« fluchte Röttken und hob das Brett in die Höhe, unter welchem hindurch der Krämer in die Cisterne gestiegen war. Mit ihm erreichte der »Capitain« zu gleicher Zeit den Rand, und sie schauten hinab – aber unten herrschte Todtenstille, nicht das Mindeste war auf der glatten Wasserfläche zu sehen, und nur die Stange lehnte noch wie früher in dem Behältnisse; Röttken sah den Amerikaner voll stummen Entsetzens an.

»Euer Alligator scheint auf dem Boden zu sitzen,« sagte der Capitain, indem er auf die trübe Fluth niederschaute.

»Ja!« hauchte Röttken und behielt kaum Stärke genug, sich oben an der Cisterne festzuklammern, als der Capitain, ihn anblickend, sein plötzliches Erbleichen bemerkte und gerade noch zur rechten Zeit hinuntersprang, um den Sinkenden aufzufangen.

»Was zum Teufel,« rief er diesem zu, »was fehlt Euch denn, Ihr werdet ja so blaß wie eine Leiche, he, Wilkins – Long – George – helft mir doch – bei Allem, was heilig ist, Röttken wird ohnmächtig.«

»Laßt's nur gut sein!« bat dieser, »mir ist schon besser, ich bin den ganzen Tag nicht recht wohl gewesen, es war nur ein Augenblick; – aber kommt – kommt, wir wollen einmal trinken – mich dürstet – kommt nur mit mir!«

Die Männer begleiteten ihn an den Schenkstand und tranken mit ihm, wollten dann aber unbedingt auf ihre Posten zurückkehren, doch hatte sich jetzt das Blut der meisten schon abgekühlt, sie fluchten und schimpften nur noch gehörig auf den Krämer, dessen Verschwinden ihnen unbegreiflich blieb, brachen seinen Wagen auf und zerstreuten und zerstörten den größten Theil seiner Waaren, traten aber dann doch, freilich erst spät, theils auf der Fähre ihren Rückweg nach Bayou Sarah, theils auf ihren kleinen Mustangs, den Fluß hinab oder hinauf, den Heimweg an.

Lange schon war der letzte Hufschlag verklungen und das Plätschern der sich weiter und weiter entfernenden Ruder verhallt, Todtenstille lagerte auf der stillen Ansiedelung und nur der eintönige Ruf des Loon schallte von der gegenüber am Flusse liegenden Insel wie leise Todtenklage herüber, aber immer noch saß Röttken vor seinem Hause, auf der Gallerie, die den Strom überschaute, und starrte mit leichenähnlichem Antlitz und glanzlosen Augen auf die breite, trübe Wasserfläche des Mississippi.

Anderthalb Stunden vergingen so, sein Weib bat ihn mehrere Male, in das Haus zu kommen – er rührte sich nicht, antwortete auf keine ihrer Bitten. Endlich scholl der hohle Laut in das Boot geworfener Ruder zu ihm herauf, die Fährleute waren zurückgekehrt und kamen jetzt, Segelstange und Ruder tragend, in die Gartenthür. Wie Röttken diese erblickte, stand er auf, winkte ihnen und sagte düster:

»Kommt, wir wollen einen Leichnam begraben!«

Mit wenigen Worten machte er nun die Männer mit dem fürchterlichen Schicksal des Unglücklichen bekannt und zog mit ihrer Hülfe den leblosen Körper des Armen aus der Cisterne.

Seine Hände waren fest geballt, ein Krampf mußte ihn unfehlbar ergriffen oder der Schlag ihn gerührt haben; leise aber und jedes Aufsehen vermeidend, trugen sie ihn durch das Baumwollenfeld in den Sumpf und verscharrten ihn in einem schnell aufgeworfenen Grabe.

»Fünfzig Dollars mit hinein?« frug Scipio, als sie den Leichnam ausgestreckt hatten.

»Willst Du das Sündengeld?« wandte sich Röttken gegen ihn.

»Ich – Massa – nein by golly,« rief der Schwarze, »ich nicht anrühren, und wenn's fünftausend wären.«

Das Grab war schnell vollendet, schwere Stämme und Aeste wurden nachher oben drauf gewälzt, und bald kreiste nur die Eule einsam und allein über dem öden, verlassenen Platz.

Oft frugen nach dieser Zeit dort einkehrende Gäste Röttken, ob er den Krämer nicht wieder gesehen habe; er antwortete aber nie auf diese Frage und war lange nach jenem Vorfall still und in sich gekehrt.

Am nächsten Tag sprang der Kessel eines nach New-Orleans gehenden Dampfbootes, und da sich der Verschwundene später nie wieder sehen ließ, ja nicht einmal durch Andere seinen Wagen und seine Pferde zurückverlangte, hieß es bald allgemein, er sei auf das Boot geflüchtet und dort von seinem Schicksal ereilt worden.

Der Wagen blieb unbenutzt stehen und die Pferde liefen frei auf den dortigen Weiden herum, bis im nächsten Jahr ein anderer Krämer, der ebenfalls Wolf hieß, oder wenigstens vorgab so zu heißen, sich als Erbe meldete und Beides, da ihm Niemand widersprach oder sich überhaupt um die Sache kümmerte, in Beschlag nahm.








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