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Der Engel vom westlichen Fenster

Gustav Meyrink: Der Engel vom westlichen Fenster - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
titleDer Engel vom westlichen Fenster
authorGustav Meyrink
year1995
publisherLangen Mller
addressMnchen, Wien
isbn3-7844-2538-0
pages5-523
senderniki_nikotini@hotmail.com
created20030101
firstpub1927
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Aus dem Fenster der behaglichen Stube, die ich in Herrn Hajeks Haus am Altstädter Ring bewohne mit Weib und Kind, genieße ich einen schönen Ausblick auf den breiten Markt, der rechts von der spitzgetürmten und wunderlich gezackten Teynkirche, links von dem prunkvollen Stadthaus der trotzigen Prager Bürgerschaft flankiert wird. Hier ist immer ein bewegtes Kommen und Gehen von kaiserlichen Boten. Sind sie in Tuch und Sammet gekleidet, so bedeutet es, daß der Herr auf dem Hradschin Geld braucht. Leihweise um hohen Tageszins. – Kommen sie in Rüstung und Wehr, so bedeutet das: der Kaiser ist gesonnen, sich die ausbedungene Schätzung selber holen zu lassen – im guten oder bösen. Es geht immer um Geld zwischen Habsburg und Böhmen.

Ein sonderbarer Aufzug kommt heran: ein seidener Bote, aber gefolgt von einem Fähnlein Reisiger. Welche Verlegenheiten gedenken sie dem Bürgermeister zu bereiten? – Was ist das? Warum wendet der Zug nicht hinüber zum breiten Tor des Stadthauses? – Er kommt quer über den Ring auf Herrn Hajeks Haus zu!

>Des Kaisers Abgesandter, Geheimrat Curtius, steht mir gegenüber. Es handelt sich um die Auslieferung der "Beweise", der Zeugnisse des Engels: der Protokolle, des Buches aus dem Grabe des Heiligen Dunstan, an den Kaiser! Ich weigere mich entschieden:

"Die Majestät hat mein Beweisangebot verworfen. Er verlangt zuvor das Zeugnis meiner Goldmacherkunst. Er will von mir das Rezept, wie der Stein zu bereiten sei. Seine Majestät wird begreifen, daß ich diesem Begehren ohne alle Sicherheiten und sonstige Zusagen an mich nicht willfahren kann."

"Der Kaiser befiehlt!" lautet die Entgegnung.

"Ich bedaure. Auch ich darf Bedingungen stellen."

"– – – befiehlt. Bei Ungnade der Majestät." – Waffengeklirr im steinernen Flur des Hauses.

"Ich mache aufmerksam: ich bin großbritannischer Untertan! Baronet der Krone von England! Der Brief meiner Königin ist in der Hand des Kaisers!"

Geheimrat Curtius lenkt ein. Die Schwerter und Hellebarden draußen verstummen.

Jämmerlicher Handel! Wann ich dann bereit sei?

"Nach einer ferneren Audienz beim Kaiser, um die ich wiederholt ersuche ... Von ihrem Ausgang hängt alles ab. Nur das Wort des Kaisers in Person vermag mich zu bestimmen."

Der Geheimrat droht, feilscht, bittet. Es geht um seine Reputation. Er hat dem Kaiser versprochen, den Hasen bei den Ohren in die Küche zu liefern. Er findet statt des Hasen einen knurrenden Wolf.

Gut, daß der feige Kelley nicht anwesend ist.

Der halb seidene, halb eiserne Aufzug biegt um die Rathausecke, zieht an der weltberühmten Kunstuhr vorüber, verschwindet.

Kelley stelzt wie ein Reiher, der sich in die Luft abstoßen will, über den Ring. Aus der Richtung her, wo die Gassen der Freudenhäuser liegen. Er flattert die Treppe herauf, stürzt herein:

"Der Kaiser hat uns eingeladen?"

"Der Kaiser hat uns eine Einladungskarte in die Daliborka zugehen lassen! – Oder eine Einladung in den Hirschgraben zu seinen Bären, die von Adeptenfleisch leben."

Kelley erbleicht.

"Verrat!?"

"Keineswegs. Der Kaiser will nur ... unsere Dokumente."

Kelley stampft mit den Füßen auf wie ein ungezogener Junge.

"Niemals! – Eher schlucke ich St. Dunstans Buch wie weiland der Apostel Johannes auf Patmos das der Offenbarung!"

"Wie steht es mit der Entzifferung des Buches, Kelley?"

"Für übermorgen hat mir der Engel die Erklärung des Schlüssels versprochen."

Übermorgen! ... Oh, dieses ewig hirnzerstörende, markaussaugende Übermorgen!!!

Mir ist, ich schlafe.

Und schlafe doch nicht. Ich gehe durch die alten Gassen der Stadt Prag, – gehe über den baumbestandenen Wall, der zum Pulverturm führt. Es herbstelt im Laub der Bäume. Es ist kühl. Es muß ein später Oktobertag sein. Nun biege ich durchs Tor in die Zeltnergasse ein. Ich will über den Altstädter Ring zur Altneusynagoge hinab und zum jüdischen Rathaus. Ich will – nein, ich muß – zu dem "hohen Rabbi" Löw, dem Wundermann. Ich habe vor kurzem durch Vermittlung meines liebenswürdigen Gastwirtes Doktor Hajek seine Bekanntschaft gemacht. Wir haben ein paar Worte gewechselt über die Geheimnisse ...

Wie ich so meinen Weg nehme, wechselt klar und doch wie zwangsläufig das Bild der Straßen. Es ist, als träumte ich, und, doch ist es sicherlich kein Traum; es ist so, wie Johanna Fromm durch Prag gehen kann, wenn sie – – will.

Johanna Fromm? Wer ist das eigentlich? Selbstverständlich meine Hausdame! Wie kann ich mich das nur fragen! Johanna Fromm ist doch meine Haushälterin. – – Aber – – ich bin doch John Dee!?: – John Dee, der soeben den hohen Rabbi Löw besuchen will, den Freund Kaiser Rudolfs!

Da bin ich auch schon in des Rabbis niedriger, kahler Stube und spreche mit ihm. Nur ein Strohsessel und ein rohgehobelter Tisch stehen im Raum. In der Wand ist eine winzige Nische ziemlich hoch angebracht, darin sitzt oder vielmehr lehnt halb stehend der Rabbi – so wie die Mumien in den Katakomben halb stehen, halb lehnen – und sein Blick ist unverwandelt auf die mit Kreide an die Wand ihm gegenüber hingezeichnete geometrische Figur des "kabbalistischen Baumes" gerichtet. Kaum daß er aufblickte, als ich eintrat.

Der Rabbi ist gebückt. Zweifelhaft, ob ihn das schneeweiße Alter niederdrückt oder die Wucht der niedrigen, rauchgeschwärtzten Balkendecke seiner Wohnung. Er scheint ein riesengroßer Mann zu sein. Sein gelber, von unentwirrbaren Runzeln durchquerter Raubvogelkopf erinnert an den des Kaisers. Nur noch viel kleiner ist dieser Kopf, noch falkenhaft schärfer geschnitten das Profil. Wirre Haarsträhnen, nicht zu sagen, ob das Haupthaar oder ob als Bart aus Wange und Hals hervorgewachsen, umflattern dies scheinbar kaum mehr als faustgroße Prophetengesicht. Tiefliegende kleine, schier lustig funkelnde Augen unter schweren, weiß gebuschten Brauen. Der übergroße, unheimlich schmale Leib des Rabbis ist in einen sorgfältig rein und gut gehaltenen schwarzseidenen Kaftan gehüllt. Die Schultern sind hochgezogen. Arme und Füße nach Art der Orientalen Jerusalems in ständig redender Bewegung.

Wir sprechen von den Mühsalen der unwissenden Menschen um die Geheimnisse Gottes und der irdischen Bestimmung.

"Man muß dem Himmel Gewalt antun", sage ich und verweise den Rabbi auf den Kampf Jakobs mit dem Engel.

Der Rabbi erwidert:

"Recht haben Euer Ehren. Gott wird bezwungen durch Gebet."

"Ich bin ein Christ; ich bete mit dem Herzen und aus allen Kräften meiner Seele."

"Und worum, Euer Ehren?"

"Um den Stein!"

Der Rabbi wiegt das Haupt langsam, melancholisch, wie ein ägyptischer Sumpfreiher.

"Gebet will gelernt sein!"

"Was wollt Ihr damit sagen, Rabbi?"

"Ihr betet um den Stein. Recht haben Euer Ehren. Der Stein ist ein gut Ding. – Hauptsache ist nur, daß Euer Gebet in Gottes Ohr trifft!"

"Wie sollte ich es nicht?" rufe ich aus. – "Bete ich ohne Glauben?"

"Glauben?" wackelt der Rabbi heraus. – "Was nützt mir der Glauben ohne Wissen?"

"Ihr seid ein Jud, Rabbi", fährt es mir heraus.

Der Rabbi funkelt mich an.

"Ä Jüd. Wahr gesprochen, Euer Ehren. – Warum fragt Ihr dann einen Juden um die ... Geheimnisse?! – Beten, Euer Ehren, ist überall in der Welt nur eine Kunst."

"Da habt Ihr gewiß die Wahrheit gesprochen, Rabbi", – sage ich und verbeuge mich, denn mein verfluchter Christenhochmut reut mich.

Der Rabbi lacht nur mit den Augen.

"Schießen könnt Ihr Gojim mit der Armbrust und mit dem Gewehr. Ä Wunder, wie ihr zielt und trefft! Ä Kunst, wie Ihr schießt! Aber könnt Ihr auch beten? Ä Wunder, wir ihr da falsch zielt und wie selten ihr ... trefft!"

"Rabbi! Ein Gebet ist doch keine Kugel aus dem Rohr!"

"Wieso nicht, Euer Ehren? Ein Gebet ist ein Pfeil in Gottes Ohr! Wenn der Pfeil trifft, so ist das Gebet erhört. Jedes Gebet wird erhört, – muß werden erhört, denn das Gebet ist unwiderstehlich, ... wenn es trifft."

"Und wenn es nicht trifft?"

"Dann fällt das Gebet wie ä verlorener Pfeil wieder herunter, trifft manchmal noch was Falsches, fällt auf die Erde wie Onans Kraft – oder ... es wird abgefangen vom 'Andern' und seinen Dienern. Die erhören dann das Gebet auf ... ihre Weise!"

"Und von welchen 'Andern'?" frage ich mit Angst im Herzen.

"Von welchem 'Andern'?" äfft der Rabbi. "Von dem, der immer zwischen Oben und Unten wacht. Vom Engel Metatron, dem Herrn der tausend Gesichter ..."

Ich verstehe und schaudere: Wenn ich nun – falsch bete –?

Der Rabbi achtet meiner nicht. Sein Blick geht irgendwohin in die Ferne. Er fährt fort:

"Man soll nicht beten um den Stein, wenn man nicht weiß, was er bedeutet."

"Der Stein bedeutet die Wahrheit!" werfe ich ein.

"Die Wahrheit –?" spöttelt der Rabbi genau so wie der Kaiser. Ich meine, ich müßte ihn fortfahren hören: "Bin ich Pilatus ...?" – Aber der hohe Adept sagt nichts.

"Was denn sonst bedeutet der Stein?" dränge ich unsicheren Herzens.

"Das müssen Euer Ehren drinnen wissen, nicht auswendig!" sagt der Rabbi.

"Ich weiß wohl: der Stein ist innerlich zu finden, – aber ... er wird dann auch von außen bereitet und heißt: das Elixir."

"Gib acht, mein Sohn", flüstert der Rabbi, auf einmal den Ton seiner Stimme gegen mich ändernd, daß es mir durch Mark und Bein geht. – "Gibst du acht, wenn du um den Stein betest und bittest! Gib acht auf den Pfeil, auf das Ziel und auf den Schuß! Das daß nicht den falschen Stein bekommst, den falschen Stein auf den falschen Schuß! Das Gebet kann etwas Furchtbares werden."

"Ist es denn so schwer, richtig zu beten?"

"Ungeheuer schwer ist es, Euer Ehren! Recht haben Euer Ehren. Ungeheuer schwer ist es, Gott ins Ohr zu treffen."

"Wer lehrt mich das richtige Beten?"

"Recht beten ... das kann nur einer, der bei seiner Geburt geopfert worden ist und geopfert hat ... Einer, der nicht nur beschnitten ist, sondern auch weiß, daß er beschnitten ist, und den Namen kennt hinwärts und herwärts ..."

Ärger quillt in mir hoch: der jüdische Hochmut schimmert durch den Riß, wo die Worte des Rabbis zerreißen. Ich falle ein:

"Ich will Euch sagen, Rabbi, ich bin zu alt und zu weit in der Lehre der Weltweisen, um mich beschneiden zu lassen."

Aus unbegreiflicher Tiefe seiner Augen lächelt der Adept.

"Nicht lassen beschneiden lassen wollt ihr Euch, Euer Ehren! Das ists! Nicht lassen beschneiden will sich der wilde Apfelbaum. Was trägt er?! Holzessigäpfel."

Ich spüre einen doppelten Boden unter den Worten des Rabbis. Unklar ahne ich, es wird hier ein Schlüssel gezeigt, ich brauche jetzt nur zuzugreifen. Aber der Unmut über die hochmütige Rede des Juden hat im Augenblick noch die Oberhand in mir. Ich entgegne mit Trotz:

"Mein Gebet geschieht nicht ohne Weisung und Lehre. Ich selbst mag den Pfeil schief auflegen; aber ein Engel hält mir den Bogen und lenkt mein Geschoß."

Rabbi Löw horcht auf:

"Ein Engel? Was für ein Engel ist das?"

Ich beschreibe ihm den Engel vom westlichen Fenster. Ich mache ihm mit Anstrengung ein Bild vom Grünen Engel, der uns berät und auf übermorgen endlich die Offenbarung der Formel verheißen hat.

Da plötzlich befällt das Gesicht des Rabbis ein wahnwitziges Lachen. Ja: es ist ein Lachen, ich kann es nicht besser bezeichnen, und doch ist es anders als menschliches Lachen; es ist wie das rasende Flattern des ägyptischen Ibis, wenn er eine Giftschlange in der Nähe sichtet. – In dem wirren Haarkranz, der silbrig schimmernd auf und nieder tanzt auf dem Vogelkopf des Rabbis, verkrampft sich das kleine gelbe Gesicht wie zu einem einzigen Faltenstern, in dessen Mitte ein schwarzes rundes Loch lacht, lacht, lacht; ein einzelner langer gelber Zahn hüpft widerwärtig in der schwarzen Höhle ... irrsinnig! muß ich denken. – "Irrsinnig!"

Unruhe, nicht zu beseitigende Unruhe treibt mich die Schloßstiege hinan. – Man kennt mich jetzt hier oben im deutschen Viertel als den Alchimisten aus England, der Zutritt zur Burg und ihrer Umgebung hat. Meine Schritte werden zwar immer belauert, aber ich kann hier oben umherlaufen, wie ich will; und ich brauche diese stillen Gassen und Baumwege; ich brauche Abgeschiedenheit und Entfernung von Kelley, dem Blutsauger an meiner Seele. – – Ich verwirre mich in dem Gassengewinkel. Ich stehe vor einem der an die Hradschinfenster angeklebten Häuser und erblicke über einem spitzbogigen Toreingang: Jesus am Brunnen bei der Samariterin, in Stein gehauen. Auf dem Brunnentrog steht geschrieben:

Deus est spiritus. – Deus est spiritus. – Gott ist Geist. – Ja, Geist ist Er und nicht Gold! – Gold will Kelley, Gold will der Kaiser, Gold will ... will auch ich nur Gold?! Mein Weib Jane hat mir mein Söhnlein Arthur auf den Armen entgegengetragen und zu mir gesprochen: "Womit soll ich dein Kind erhalten, wenn der letzte Taler aus dem Beutel ist?" – Und ich sah, daß der Schmuck, den sie am Halse früher getragen hatte, nicht mehr vorhanden war. Jane hatte Stück um Stück ihres Besitzes verkauft, um uns zu retten vor dem Schuldturm, vor der Schande, vor dem Untergang.

Deus est spiritus. – Ich habe geistig und leiblich gebetet. Hab ich den Pfeil in Gottes Ohr geschossen? Hat der Rabbi recht? Sitzt immer der Rabbi am Brunnen des ewigen Lebens und belehrt die Wasserschöpferin, die müde Seele? Gold fließt nicht, Goldgebet fliegt nicht. – Ich frage, gedankenlos, ein Weib, das aus dem Hoftor tritt:

"Wie heißt mans hier?" – Ich will den Namen der Gasse kennen.

Das Weib, das wohl gesehen hat, woher mein Blick kam, antwortet:

"Zum goldenen Brünnlein, Herr", und geht weiter.

Kaiser Rudolf im Belvedere. Er lehnt an einem der hohen Glaskasten, darinnen ein Nordlandsmensch, in Felle gewickelt, kreuz und quer mit Lederriemen umschnürt, an denen Schellen dicht aufgereiht hängen, sich zu schaffen macht. Die wächserne Puppe mit den schräg öligen Glasaugen hält in viel zu kleinen Händen Triangel und unverständliches Gerät. "Ein Schamane", sagt eine Stimme in mir.

Neben Rudolf ragt ein Mann in schwarzer Soutane auf. Mit Mühe beugt er sich und sichtlich ungern zu geziemender Haltung vor der Majestät. Ein rotes Käpplein auf dem Hinterhaupt verrät den Kardinal. Ich weiß sofort, wer es ist: das ist, in seiner ganzen Länge und mit den unbeweglich zu starrem Lächeln emporgezogenen Mundwinkeln, der päpstliche Legat, Kardinal Malaspina. Der Kardinal spricht mit oftmals muschelscharf sich schließenden Lippen ruhig und bestimmt auf den Kaiser ein. Langsam werden mir seine Worte verständlich:

"Und also kann Eurer Majestät der unvernünftige Vorwurf der Menge nicht erspart bleiben, daß Sie die Schwarzkünstler begünstigen und denen, die im Verdacht – im begründeten Verdacht sogar – der Teufelsbrüderschaft stehen, freien Aufenthalt, ja noch größere Gunst in Eurer Majestät katholischen Ländern zugestehen."

Der Kaiser wirft den Geierkopf vor.

"Gewäsch! Der Engländer ist ein Goldmacher; und das Goldmachen, mein Freund, ist eine Sache der natürlichen Kunst. Ihr haltet den Menschengeist nicht auf, ihr Priester, der durch die unheiligen Geheimnisse der Natur nur desto ehrfurchtsbereiter zu den heiligen Geheimnissen Gottes vordringt ..."

"– um einzusehen, daß es Gnade war", ergänzt der Kardinal. Des Kaisers gelbe Augen verlöschen völlig hinter dem trägen Leder der Augendeckel. Nur die schwere Unterlippe bebt vor heimlichem Spott. Der Kardinal zieht die feinen Mundwinkel noch höher in sicherer Überlegenheit:

"Wie auch über das Goldmachen zu urteilen sei: dieser englische Edelmann samt seinem abenteuerlichen Genossen hat öffentlich bekannt, daß es ihm eben nicht um Gold und Silber zu tun ist, sondern um die Macht zu zaubern mit seinem Leib und den Tod zu überwinden mit seinem Willen. Ich habe davon allergenaueste Berichte. Ich klage darum im Namen unseres obersten Herrn Jesus Christus und des heiligen Stellvertreters auf Erden diesen John Dee und seinen Gesellen der teuflischen Künste, der schwarzen und mit dem zeitlichen und ewigen Tode bedrohten gotteslästerlichen Magie an. Das weltliche Schwert kann sich seines Amtes nicht entschlagen. Es wäre zum Nachteil der Christenheit. Eure Majestät weiß genau, was auf dem Spiele steht!"

Rudolf knöchelt gegen die Scheiben des Glaskastens, – murrt:

"Soll ich alle Narren und Heiden in die vatikanischen Kerker und auf die Holzstöße eures Pfaffendünkels liefern? Der heilige Vater kennt mich und weiß, was für ein eifriger Sohn und Verteidiger des Glaubens ich bin; aber er soll mich nicht zum Büttel seiner Büttel machen, die mir auf Schritt und Tritt auflauern. Es könnte sonst so weit kommen, daß ich wohl gar noch das Todesurteil über Rudolf von Habsburg, des Heiligen Römischen Reiches Kaiser, mit eigener Hand unterschreiben müßte – wegen schwarzer Magie?!"

"Euer Majestät setzen selbst die Grenzen aller weltlichen Dinge. Sie urteilen selbst und verantworten selbst vor Gottes Gericht, wessen Rudolf von Habsburg würdig ist ..."

"Keine Unverschämtheiten, Pfaffe!" zischt der Kaiser.

Der Kardinal Malaspina biegt sich zurück wie eine vom Adler gehackte Schlange. Sein gekniffener Mund lächelt: "Die Diener des Herrn haben vom Meister aller Meister gelernt, bespien und geschlagen, dennoch Gottes Lob allein auf den Lippen zu tragen."

"Und den Verrat im Herzen!" stößt der Kaiser nach.

Der Kardinal verbeugt sich tief und langsam:

"Wir verraten, wo wir können, die Finsternis an das Licht, die Schwachheit an die Majestät, den Betrüger an die Wachsamkeit des gerechten Richters. John Dee und sein Anhang ist der Ketzerei in ihren ärgsten Auswüchsen entsprossen. Er trägt das Stigma der Gotteslästerung, der Schändung heiliger Gräber und des Umgangs mit überwiesenen Bundesgenossen des Teufels. Es würde dem Heiligen Vater zu Rom leid tun müssen, wenn er dem weltlichen Arm vorzugreifen und in aller Öffentlichkeit den verflossenen Prozeß dieses John Dee zum peinlichen Schaden kaiserlicher Autorität forma juris vor alle Welt zu bringen sich genötigt sähe."

Der Kaiser wirft einen flammenden Haßblick zum Kardinal hinüber. Er wagt keinen Schnabelhieb mehr. Der Adler hat die Schlange aus den Fängen verloren. Er zieht fauchend den gereckten Hals in die schwarzen Schultern zurück.

Die Hinterstube unseres Quartiers bei Doktor Hajek ists, in der ich stehe und weinend am Halse Kelleys liege.

"Der Engel hat geholfen! Der Engel sei gepriesen! Der Engel hat geholfen!! – –"

Kelley hält in Händen die offenen Schalen von St. Dunstans Kugeln; sie sind beide neu gefüllt bis zum Rand mit dem kostbaren roten und grauen Pulver. Der Grüne Engel hat es gebracht, gestern nacht in einer Sitzung, die Kelley allein mit Jane, ohne mich zu verständigen, veranstaltet hat. Nun halte ich den neuen Reichtum in zitternden Händen; aber was unendlich viel mehr ist: der Grüne Engel hat Wort gehalten!! Er hat mich und mein Gebet beim goldenen Brünnlein nicht betrogen! – Meine Gebete sind nicht zu Boden gefallen. Meine Gebete haben Gott ins Ohr getroffen. Sie haben den Grünen Engel vom Westlichen Fenster ins Herz getroffen! – O Jubel! O Gewißheit! – Der Weg war nicht umsonst, er war nicht irregegangen! In meinem Händen liegt das Zeugnis des wahren Bundes! –

Nun ist die Not des Leibes zu Ende! Nun beginnt die Not der Seele und der Sehnsucht gestillt zu werden!

Kelley sagt mir auf meine Frage nach dem Geheimnis, wie der Stein zu gewinnen ist, der Engel habe auch diesmal noch nicht geoffenbart; seine Gabe sei diesmal genug; Vertrauen und Glaube seien gerechtfertigt. Ein andermal werde uns auch das übrige zuteil nach Verdienst. Ausharren und Gebet! Es wird Gott den Seinen alles geben, darum sie ihn bitten und dessen sie bedürfen! –

Jane steht bleich und stumm, das Kind auf dem Arm, neben uns.

Ich frage sie, wie die gesegnete Sitzung verlaufen ist. Sie schaut mich aus verstörten Augen müde an und antwortet:

"Ich kann nichts sagen. Ich weiß nichts mehr. Es war – grauenvoll ..." Staunend blicke ich zu Kelley hinüber: "Was ist mit Jane geschehen?"

"Der Engel erschien in unerträglichem Feuer", ist die stockende Entgegnung.

"Gott der Herr im brennenden Dornbusch!" – muß ich denken und umarme stumm und von heißer Liebe ergriffen mein tapferes Weib.

Vage Bilder ziehen gleich vernebelten, halbwach erneuerten Erinnerungen an mir vorüber. Viel Getümmel, Bankettieren, Händeschütteln und Fraternisieren mit hohen Herren, mit ketten- und spornklirrendem Adel, sammet- und seidengefütterten Diplomaten- und Gelehrtenvolk. Aufzüge durch die engen Gassen von Prag, überall Kelley voraus, aus offenem Silberbeutel unsinnig das Geld unter die geknäuelte johlende Menge verstreuend. Wir sind das Wunder, der Skandal, das Abenteuer von Prag. Tolle Gerüchte über uns schwirren bis zu unseren eigenen Ohren. Man hält uns für unsagbar reiche Engländer, die sich das Vergnügen machen, den Hof und die Bürgerschaft von Prag zu mystifizieren mit ihrem Vorgehen, Adepten und Alchimisten zu sein. – Das ist von allen den umlaufenden Sagen über uns noch die harmloseste und gutmütigste.

Lange ermüdende Auseinandersetzungen mit Kelley des Nachts nach rauschenden Festen. – Kelley taumelt, schwer vom Wein und aller Prasserei der böhmischen Küche, müd in sein Bett. Ich packe ihn, unfähig, das alltägliche Schauspiel dieser sinnlosen Verschwendung weiter zu ertragen, beim Hemdbund und schüttle dem Betrunkenen und schreie ihn an:

"Schwein! Prolet! In der Gosse von London aufgelesener Winkeladvokat! Besinne dich! Komm zu dir! Wie lange noch soll das so fortgehen? Das graue Pulver ist vertan! Das rote zur Hälfte auch!"

"Wird mir der Grüne ... gr ... üne Engel schon wieder eine neue Po ... Portion nachschießen", rülpst der Patron.

Hochmut, Wollust, eselhafte Vergeudung des nie gekannten Reichtums, grobe und dumme Aufgeblasenheit, bäuerisches Protzentum: das sind die vom Golde des Engels aufgescheuchten Nachtvögel, die aus der dunklen Seele Kelleys, des Mannes mit den abgeschnittenen Ohren, empor ans Tageslicht flattern. In den Zeiten der Armut ein leidlicher Gesell, ein Virtuos im Hungern und im humorigen Sichdurchschlagen durch die Nöte des Leibes, ist er nun, zum zweitenmal im Wohlstand und Überfluß, nicht mehr zu bändigen und zu halten in seinem lostobenden, unmäßig schwelgenden Vergeudungstaumel. –

Gott will nicht, daß das Gold gemein werde auf Erden. Denn diese Welt ist die Stätte der Schweine.

Ich mag wollen oder nicht: es treibt mich in die engen Gassen der Judenstadt hinaus, der Moldau zu, in die Nähe des Rabbis, der meinen Glauben an den Engel so irrsinnig lachend verhöhnt hat, – der mich mit seinem gelben Zahnstummel aus aller Feierlichkeit meines heißen Glaubens aus seiner Stube hinausgelacht hat.

Ich stehe vor einem der uralten turmhohen Durchlaßhäuschen des finsteren Ghettos. Einen Augenblick lang weiß ich nicht, welchen Weg ich einschlagen soll, da flüstert mir aus dem schwarzen Torbogen eine Stimme zu: "Hierher. Hier führt Eure Straße Euch zu dem erwünschten Ziel!" – und ich folge dem unsichtbaren Rufer.

Im finsteren Durchlaß fühle ich mich plötzlich von fremden Männern umringt. Man drängt mich flüsternd in einen Seitengang, durch eine eisenbeschlagene Türe in einen halbhellen, langen Verbindungsgang, dessen vermoderte Fußbodenplanken unter unsern Schritten stauben. Den Gang erhellen seltene, hoch oben angebrachte Lichtschlitze. Angst will mich überkriechen: in irgendeine Falle bin ich gegangen! – Ich bleibe stehen: was will man von mir? Die Gestalten, die sich um mich drängen, sind maskiert und bewaffnet. Einer macht den Anführer. Er hebt die Maske. Es ist ein ehrliches Soldatengesicht.

Er sagt: "Auf Befehl des Kaisers."

Ich weiche zurück.

"Verhaftet? Weshalb? Ich mache aufmerksam auf den Schutzbrief der Königin von England!"

Der Offizier schüttelt den Kopf. Er deutet vorwärts:

"Nicht von Verhaftung ist die Rede, Sir! Der Kaiser hat Gründe, Euren erwünschten Besuch geheimzuhalten. Folgt uns!"

Der Gang senkt sich zusehends in die Tiefe. Das letzte Tageslicht schwindet. Die Holzbohlen unter den Füßen hören auf. Glitschige, modrige Erde beginnt. Nasse, Schimmelgerüche aussendende, notdürftig geglättete Wände neben mir. – Mit einemmal Halt! Ein leises Raunen von meinem Begleiter. Ich mache mich auf eine plötzliche, unvorstellbare, grausame Todesart gefaßt. Längst hat sich mir das Gefühl aufgedrängt, daß wir uns in dem geheimen unterirdischen Gang befinden, von dem der Volksmund raunt, er zöge sich von der Altstadt her unter der Moldau hindurch zum Hradschin hinüber. Die Arbeiter, die ihn auf Befehl der Habsburger angelegt, seien in letzter Stunde darin bis auf den letzten Mann ersäuft worden, um das Geheimnis der Ausgänge nicht verraten zu können. –

Da plötzlich flammt eine Fackel auf; mehrere Fackeln entzünden sich; in ihrem Schein sehe ich, daß wir in einer Art Bergwerksstollen dahinschreiten. Von Zeit zu Zeit stützen mächtige Durchzugsbalken das aus dem natürlichen Stein gebrochene Gewölbe der Decke. Manchmal donnert von irgendwoher ein dumpfes Rollen. Es ist wie über unsern Köpfen. Lange, lange gehen wir so durch den unerträglich modrigen Gestank dieses Ganges. Zahllose Ratten huschen zwischen unsern Beinen dahin. Wir wecken mit jedem Schritt unheimliches Ungeziefer aus Schutt und Rissen der Wände. Fledermäuse versengen sich die schwappenden Flügel an den schwelenden Fackeln.

Endlich steigt der Weg wieder merklich bergan. Von fern ein blau aufblitzender Schein. Die Fackeln erlöschen. Das Auge, an die Dunkelheit gewöhnt, nimmt wahr, daß die Männer die Brandspäne in eiserne Ringe stecken, die da und dort in die Wand eingelassen sind. – Dann: wieder Holz unterm Fuß. Stärker bergan, zeitweilig von Stufen unterbrochen, steigt die Galerie. Gott weiß, wo wir sind, wo wir auftauchen werden. – Aber schon ist wieder Tageslicht um uns. Plötzlich: Halt! Zwei Männer heben mit Mühe eine eiserne Falltür. Wir steigen empor und stehen in einer engen, elenden Küche, aus deren Herd wir heraufgekommen sind wie aus einem Brunnenschacht. Es muß ein Katnerhaus sein oder dergleichen. Puppenwinzig ist der Raum und die Tür, durch die wir jetzt einen kleinen Flur betreten und sogleich danach noch eine andere winzige Kammer, in die ich allein eintrete. Meine Begleiter sind hinter mir geräuschlos verschwunden. – – –

Vor mir sitzt in einem mächtigen Ohrenstuhl, der fast die Hälfte des kleinen Zimmers einnimmt: Kaiser Rudolf, genau so gekleidet wie damals, als ich ihm zum erstenmal im Belvedere entgegentrat.

Neben ihm liegt ein levkoienüberwachsenes Fenster im warmen Goldschein der Nachmittagssonne. Es ist ein fast traulich zu nennendes Stübchen. Es fördert Behagen, Freude, heiteres Sichgehenlassen vom ersten Augenblick an. Fast muß ich lachen, wie ich mich umschaue in diesem Gemach, in dem ein Stieglitz im Käfig flöten sollte, – jetzt, nach dem düsteren unheimlichen Weg durch jenen mordhauchenden Gang unter der Moldau.

Der Kaiser nickt mir stumm zu und wehrt mit der fahlen Hand meiner Ehrfurchtsbezeugung. Er befiehlt mir, mich ihm gegenüber in einem gleichfalls bequemen Sessel niederzulassen. Ich gehorche. – Schweigen im Raum. – Draußen rauscht es von alten Bäumen. Ein Blick hinaus macht mich völlig verwirrt: das ist kein mir bekannter Ort in Prag. Wo bin ich? Bergwände heben sich jenseits der Baumwipfel, die kaum bis zur Höhe des Fensters heraufwinken. Wir sind demnach in einem Hause über einer schmalen Schlucht oder Bergfalte ... "Hirschgraben!" – meldet sich eine innere Stimme.

Der Kaiser richtet sich in seinem Sessel langsam auf.

"Ich habe Euch zu mir kommen lassen, Magister Dee, weil ich erfahre, daß Eure Goldmacherei Fortschritte gemacht hat, falls Ihr nicht doch zwei ganz abgefeimte Betrüger seid ..."

Ich schweige und bekunde durch mein Schweigen meine Erhabenheit über Beschimpfungen aus einem Munde, der mir keine Genehmigung zu geben braucht. – Der Kaiser bemerkt, was ich damit ausdrücken will, und ruckt mit dem Kopf.

"Ihr könnt also Gold machen. Gut. Solche Leute suche ich lange; was verlangt Ihr?"

Ich schweige und schaue den Kaiser unverwandt an.

"Oder: was wollt Ihr?"

Meine Antwort ist:

"Eure Majestät wissen, daß ich, John Dee, Baronet of Gladhill, nicht den Ehrgeiz der Marktschreier und alchimistischen Scharlatane habe, von dem Gold, das die Tinktur bringt, ein liederliches Leben aufzuputzen. Vom kaiserlichen Adepten wollte ich Weisung und Rat. – Wir suchen den Stein der Verwandlung."

Rudolf legt das Haupt auf die Seite. Nun sieht er wahrhaftig so aus wie ein alter Steinadler, der den Kopf schief macht und, halb ehrfurchtgebietend, halb unaussprechlich komisch und melancholisch zugleich, mit Resignation zum Himmel emporschaut, von dem ihn eiserne Gitterstäbe trennen. – "Gefangener Aar", muß ich unwillkürlich denken.

Endlich erwidert der Kaiser:

"Ketzerei, Sir! – Das Heiltum, das uns verwandeln soll, ist in den Händen der Stellvertreter Gottes auf Erden und heißt: das Sakrament des Brotes."

Halb drohend klingt das, wie versteckter Spott.

"Der echte Stein, Majestät, – so wenigstens wage ich zu vermuten – hat mit der Oblate nur das eine gemeinsam, daß er sowenig mehr wie sie, wenn sie die Konsekration erfahren hat, ein Stoff dieser Welt ist ..."

"Das ist Theologie!" sagt der Kaiser müde.

"Es ist Alchimie!"

"Dann müßte der Stein ein magisches injectum sein, das unser Blut verwandelt", flüstert Rudolf nachdenklich.

"Und warum nicht, Majestät? Wo doch das aurum potabile nur ein Trank ist, den wir unserem Blut zuführen!"

"Ihr seid ein Narr, Sir", unterbricht der Kaiser unwirsch, "nehmt Euch in acht, daß Euch nicht Euer erbeteter Stein eines Tages schwer im Leibe liegt!"

Wie kommt es nun, daß mir bei diesen Worten des Kaisers die Warnungen des Rabbi Löw vor den fehlgehenden Gebeten jäh aufgefallen? – – Ich antworte nach langer Pause:

"Wer unwürdig ißt, der isset und trinket sich das Gericht! spricht der Herr."

Kaiser Rudolf schnellt den Hals hoch. Mir ist, als hörte ich ihn gleichsam mit dem Schnabel happen:

"Ich rate Euch gut, Sir, machet es wie ich: trinket nichts und esset nichts, was Ihr nicht zuvor einen andern habet proben lassen. Die Welt ist voll von Hinterlist und Giften. Weiß ich, was mir der Pfaffe im Kelch reicht? Kann nicht der Leib des Herrn ... meine Himmelfahrt wollen? Es wäre nicht neu – –! Grüne Engel und schwarze Hirten – es ist alles von derselben Bruthölle ausgeheckt. – – Ich warne Euch, Sir!"

Ein Schauer überläuft mich. Mir kommt zu Bewußtsein, was man mir da und dort – schon auf dem Weg nach Prag – zugeraunt hat und was ich aus Andeutungen, sehr vorsichtigen Andeutungen des Doktors Hajek entnehmen konnte: der Kaiser ist nicht immer einwandfrei bei Verstande ... er ist vielleicht ... wahnsinnig. –

Ein lauernder Blick streift mich schräg.

"Nochmals, ich warne Euch, Sir. Wenn Ihr Euch verwandeln wollt – verwandelt Euch rasch. So möchte ich raten. Die heilige Inquisition interessiert sich lebhaft für Eure – Verwandlung. Es möchte sich nur fragen, ob dies Interesse ganz Eurem Geschmack entspricht! Und ob ich in der Lage bin, Euch vor der Anteilnahme dieser wohltätigen Institution zu schützen. – – Ihr müßt wissen: ich bin ein einsamer alter Mann. Ich habe da nicht viel zu sagen ..."

Es ist, als wollte der Adler einschlafen. Mir hebt es die Brust; Kaiser Rudolf, der mächtigste Mensch auf der Erde, – der Monarch, vor dem Könige und Prälaten zittern, nennt sich einen alten, ohnmächtigen Mann!? – – Ist das Schauspielerei, ist es Tücke?

Der Kaiser liest zwischen fast geschlossenen Lidern hervor meine Gedanken mir vom Gesicht ab. Er hüstelt höhnisch:

"Werdet selbst König, Sir! Dann werdet Ihr merken: es ist eine lange Mühsal. Wer sich nicht selbst gefunden hat und doppelhäuptig geworden ist wie der Adler meines Hauses, der soll die Hände nicht nach Kronen ausstrecken, – es seien nun Kronen dieser Erde oder Kronen der Adeptschaft."

Der Kaiser sinkt in sich zusammen wie ein seit langem schon Erschöpfter. – Mir wirbeln die Sinne. Woher weiß dieser seltsame, rätselhafte Greis da vor mir indem verblichenen Lehnstuhl meine verborgensten Geheimnisse?! – Wie kann er ahnen ...? Und dabei fällt mir die Königin Elisabeth ein: hat nicht auch sie bisweilen mir Worte gesagt, die unmöglich aus ihrem Hirn hatten kommen können?! Die geklungen haben, als kämen sie aus einem andern Reich, in dem Elisabeth unmöglich bewußt verankert sein kann! Und jetzt: Kaiser Rudolf! Auch er! – Welch rätselhafte Bewandtnis hat es mit Menschen, die auf Thronen sitzen?! Sind sie die Schatten großer Wesen, die "drüben" gekrönt sind?! – – –

Der Kaiser richtet sich wieder in seinem Stuhl auf.

"Also wie ists mit Eurem Elixier?"

"Wenn Eure Majestät befehlen, werde ich es überreichen."

"Gut. Morgen um dieselbe Zeit", sagt der Kaiser kurz. "Schweiget gegen jedermann von diesen Zusammenkünften mit mir. Es ist Euer Vorteil."

Ich verneige mich stumm und zögere. Bin ich entlassen? – Es scheint. Der Kaiser ist eingeschlafen. Ich wende mich zu der niedrigen Tür, öffne, – pralle entsetzt zurück: hinter der Schwelle erhebt sich, greulich gähnend, ein sandgelbes Ungeheuer. Ein Dämon der Unterwelt? – Ein zweiter, gefaßterer Blick macht meinen Schrecken nicht geringer: ein mächtiger Löwe ists, die grünen Katzenaugen kurzsichtig und bös auf mich gerichtet; die rauhe Zunge schlägt hungrig um das gefletschte Gebiß.

Wie ich Schritt vor Schritt zurückweiche, schiebt sich der Hüter der Schwelle lautlos trägen Schrittes immer massiger herein. Jetzt hebt er den Rücken nach Katzenart – jetzt, so scheint es, setzt er zum Sprung gegen mich an. Ich wage keinen Laut. Todesschreck lähmt mich: es ist kein Löwe! Das rotbemähnte Teufelsgesicht ... es grinst mich an ... es fletscht mir ein kollerndes Gelächter entgegen ... das ist: – "das Gesicht des Bartlett Green!!" will ich schreien, aber die Stimme versagt ...

Da kommt aus dem Mund des Kaisers ein schnalzender Ton: das gelbe Ungeheuer wendet den Kopf, schleicht gehorsam zum Sitz des Kaisers, streckt sich schnurrend, daß beim Niederfallen des gewaltigen Körpers die Diele erzittert. Es ist doch nur ein Löwe! Das Riesenexemplar eines Berberlöwen von brandroter Färbung der Mähne.

Draußen vor dem Fenster rauscht der Hirschgraben. –

Der Kaiser nickt mir zu:

"Sehet, wie wohl man Euch bewacht. Der 'Rote Löwe' steht überall am Eingang der Geheimnisse. Lehrlingswissen der Adeptschaft. Geht!"

Lärm überfällt mein Ohr. Schmetternde Tanzmusik. Ein Riesensaal. – Ach ja ... ich erinnere mich: das ist das Fest, das ich und Kelley der Stadt Prag im großen Rathaussaal gerichtet haben. Das Toben und Stampfen der ausgelassenen Menge, das Vivatgeschrei der halbtrunkenen Gäste verwirrt die Sinne. Kelley taumelt auf mich zu mit einem Humpen voll schäumenden böhmischen Bieres. Der Ausdruck seines Gesichtes ist gemein. Unsagbar gemein. Das Rattengesicht des betrügerischen ehemaligen Notars verhüllt kein glattgescheiteltes Haar mehr. Die abgeschnittenen Ohren glühen an den Wundrändern ekelhaft hervor.

"Bruderherz", geifert der Betrunkene, "Br ... Bruderherz, gib mir den Rest vom ro ... roten Pulver heraus, – es ist Z ... Zeit, sag ich dir, ... w ... wir sind pl ... pleite, Bruderherz!"

Widerwillen, Schreck und Ekel zugleich überfallen mich.

"Wie? Schon wieder alles verpraßt, was monatelanges Gebet auf blutenden Knien dem Engel abgerungen hat?!"

"Was schiert mich den blutiges Knie, Bruderherz?" johlt fröhlich der Prolet. – – "Gib das rote Pu ... Pulver her, verstehst du, dann sind wir bi ... bis morgen aus dem S ... Saft!"

"Und dann?"

"Dann?! Der Oberburggraf des Kaisers, der Ursinus Graf Rosenberg, der Narr, der pu ... pumpt schon ..."

Blutroter Zorn in mir kocht über. Ich schlage mit der Faust zu, – blindlings. Der Bierhumpen poltert zur Erde und befleckt mir den besten meiner Röcke mit Vysehrader Dickbier. Der Kelley flucht ein rohes Wort. Haß züngelt auf aus dem Dunst der Schlemmerei rings um mich her. Die Musik im Saal spielt auf:

Drei Heller, drei Batzen,
drei Busserln seind genug.

"Mausig machen, Seidenkater?!" schreit der Quacksalber. "Das Pu ... Pulver, sag ich!"

"Das Pulver ist dem Kaiser versprochen!"

"Der Kaiser kann mir ..."

"Still, du Hundsfott!"

"Diebsbaron! Wem gehören Kugeln und Buch?!"

"Wer hat Kugeln und Buch lebendig gemacht?"

"Und wer pfeift dem Engel: schön Apport? Häh?"

"Ruchloses Lästermaul!"

"B ... Betbruder!"

"Aus meinen Augen, Gotteslästerer, oder ...!"

Von hinten schlingen sich zwei Arme um meine Schultern und lähmen den Stoß meines hervorgerissenen Degens. – Jane hängt weinend an meinem Halse ...

Für einen Augenblick bin ich wieder der, der am Schreibtisch sitzt und in den Kohlekristall starrt, – nur für einen kurzen, schnellen Augenblick, dann bin ich abermals in meinen Urahn John Dee verwandelt und irre durch die ältesten verkommenen Viertel des mittelalterlichen Prag und weiß nicht, wohin mein Fuß mich tragen wird. Ich habe das dumpfe Bedürfnis, unterzutauchen in den Bodenschlamm des namenlosen, gewissenlosen, verantwortungslosen Pöbels, der seine stumpfsinnigen Tage mit der Befriedigung qualmiger Triebe ausfüllt und zufrieden ist, wenn Wanst und Geilheit satt sind.

Was ist das Ende alles Strebens? – Müdigkeit ... Ekel ... Verzweiflung. – Der Kot des Adels und der Kot des Pöbels ist ein und derselbe Kot. – – Der Kaiser verdaut nicht anders als der Kanalräumer. – Welcher Irrtum, zum Kaiserlichen da drüben auf dem Hradschin emporzuschauen wie zum Himmel! – Und was kommt vom Himmel? Nebel, Regen, unendlicher Schmutz von wäßrigem Schnee. – Seit Stunden wate ich durch den Himmelskot, der aus blaugrauer Höhe klebrig niederfällt. – – Verdauung des Himmels, widerlich, widerlich ... widerlich! – – Ich merke, ich bin ins Ghetto hinabgeraten. Zu den Ausgestoßenen unter den Ausgestoßenen. Erstickender Gestank eines unbarmherzig auf ein paar Gassen zusammengestellten Volkes, das zeugt, gebiert, wächst, Tote in seinem Friedhof über faulende Tote schichtet, – Lebendige über Lebendige in seinen finsteren Wohntürmen stapelt wie Heringe. – – – Und sie beten und harren und rutschen sich die Knie blutig und warten ... warten ... hundert Jahr um hundert Jahr ... auf den Engel. Auf die Erfüllung ihrer Verheißung ...

John Dee, was ist dein Beten und Warten, was ist dein Glauben und Hoffen auf die Versprechungen des Grünen Engels, verglichen mit dem Warten, Glauben, Beten, Harren und Hoffen dieser elenden Hebräer?! – Und Gott, der Gott Isaaks und Jakobs, der Gott des Elias und des Daniel: ist er ein geringerer, ein treuloserer Gott als sein Diener vom westlichen Fenster?! – –

Mich überfällt ein heißes Verlangen, den hohen Rabbi Löw aufzusuchen und ihn zu befragen um die furchtbaren Geheimnisse des Wartens auf Gott ...

Ich weiß, irgendwie weiß ich: ich stehe leibhaftig im niedrigen Zimmer des Kabbalisten Rabbi Löw. Wir haben vom Opfer des Abraham gesprochen, – vom unabwendbaren Opfer, das Gott verlangt von denen, die er sich blutsverwandt machen will ... Dunkle, geheimnisvolle Worte habe ich da vernommen von einem Opfermesser, das nur einer sehen kann, dessen Augen aufgetan worden sind für die dem sterblichen Menschen unsichtbaren Dinge der andern Welt: – Dinge, die wirkhafter und wirklicher sind als die Dinge der Erde und dem blinden Suchenden nur angedeutet werden können durch die Symbole von Buchstaben und Ziffern. Durch Mark und Knochen gingen mir diese rätselhaften Worte aus dem zahnlosen Munde des alten wahnsinnigen Mannes! ... Wahnsinnig? – Wahnsinnig, wie sein Freund dort drüben, hoch auf der Burg, der kaiserliche Rudolf von Habsburg! – Monarch und Ghettojude: Brüder im Geheimnis ... Götter im lächerlichen Firlefanz der Erscheinung beide ... wo ist der Unterschied?

Auf meine Bitte hat der Kabbalist meine Seele in die seine gezogen. Ich bat ihn, er solle meine Seele entrücken; er hat es verweigert, hat gesagt, sie bräche zusammen, wenn er es täte. Sie müsse sich an die seinige klammern, die jenseitig geworden ist vom Leib der irdischen Welt. – Oh, wie habe ich bei diesen Worten denken müssen an den Silbernen Schuh des Bartlett Green! – Dann hat der Rabbi Löw mir das Knöchlein an meinem Schlüsselbein berührt, so wie – – damals der Straßenräuber im Gefängnis des Tower. – – Und dann sehe ich – sehe mit den tränenlosen, ruhevollen, unerschütterlichen Augen des alten Rabbis: mein Weib Jane kniet vor Kelley in der Stube, drüben im Haus am Ring. Sie ringt mit ihm um mein Glück, wie sie meint: um Gold und um den Engel. – Kelley will sich das Buch und die Kugeln aus meiner Truhe mit der Brechstange holen, weil die Schlüssel, ihm unzugänglich, in meinem Verwahr sind. Er will bei Nacht und Nebel mit seinem Raub aus Prag fort, will uns sitzenlassen in Not und Elend. Jane schützt mit ihrem Leib die Truhe. Sie verhandelt mit dem Schurken. Sie fleht, sie weiß nicht, was sie tut.

Ich ... lächle!

Kelley macht Einwendungen jeder Art. Rohe Drohung wechselt mit listigem Überlegen und kaltes Pläneschmieden mit geheucheltem Erbarmen. Er stellt Bedingungen. Jane sagt zu allem ja. Immer gierigere Blicke streifen mein Weib. Wie Jane vor ihm kniet, reißt das Tuch über ihrer Brust. Kelley wehrt ihrer ordnenden Hand. Er schaut hinab zu ihr. Feuer beschlägt ihm den Kopf.

Ich ... lächle.

Kelley hebt Jane empor. Die Griffes seiner Hände sind lüstern, schamlos. Jane macht ihm schwache Vorhaltungen: die Angst um mich nimmt ihr jeden Mut.

Ich ... lächle.

Kelley läßt sich überreden. Er macht alles Künftige von den Befehlen des Grünen Engels abhängig. Er läßt Jane schwören, daß sie – gleich ihm – Gehorsam, Gehorsam leisten wolle bis zum Tod und über den Tod hinaus dem Gebot des Engels, wie immer es auch lauten möge. Nur so, droht er, sei noch Rettung. – Jane schwört. Angst färbt ihr Gesicht totenblaß.

Ich ... lächle; aber ein feiner spitzer Schmerz wie von einem haarscharfen Schächtmesser durchschneidet mir, ich fühle es, die Lebensader. Es ist fast wie Todeskitzel ...

Dann sehe ich wieder vor mir, als schwebe es frei in der Luft, das uralte, von Furchen durchpflügte, seltsam winzige Kindergesicht des hohen Rabbi Löw. Er sagt:

"Isaak, das Messer Gottes ist dir an die Kehle gesetzt. Aber im Dornbusch zappelt das stellvertretende Lamm. Wenn du einst ein Opfer annimmst, sei gnädig wie 'Er'; sei barmherzig wie der Gott meiner Väter."

Dunkelheit gleitet an mir vorüber wie ein Heer von blinden Nächten, und ich fühle die Erinnerung an das, was ich gesehen mit den Augen der Seele des Rabbis, verblassen und verschwinden. Es rührt mich an, als sei's ein böser Traum gewesen.

Waldgebirge steigt vor mir auf. Ich stehe, in einen dunkeln Reisemantel gehüllt, mit müden Füßen auf einem Felsvorsprung und fröstele. Kühler Morgen dämmert herauf. Irgendwer, ein Köhler, ein Waldmensch, hat mich verlassen, der mein nächtlicher Führer war ... Ich soll dort hinauf, dort, wo aus dem niederflutenden Nebel sich ein grauer Mauerstrich aus dem entlaubten moderbraunen Wald abhebt. Jetzt wird eine mächtige, von zinnengezähnten Mauerkranz doppelt umschlossene Burganlage deutlicher: ein schmalgestreckter Wohnbau, davor, steil aus dem Felsen ausspringend, das Torhaus; dahinter ein niedriger, massiger Turm, auf dem sich der Habsburger Doppeladler als riesige schwarzeiserne Wetterfahne dreht. Noch höher hinauf, hinter einem Lustgarten: der ungeheure Würfel eines zweiten, in sechs Stockwerken ragenden Turmes mit Fensterschlitzen von der Höhe gotischer Chorbögen. Ein Turm, halb unbezwingliche Festung, halb heilige Dinge bergender Dom: Karlav Tyn – Burg Karls Teyn, – so hat es der Köhler genannt: des Heiligen Römischen Reiches Schatzhaus; ehrwürdige Zuflucht und drohender Wardein der Kleinodien des Reiches. – –

Ich steige den schmalen Felspfad hinab. Ich weiß: da drüben wartet Kaiser Rudolf auf mich. Er hat mich heimlich nächtlicherweise zu sich befohlen, geheimnisvoll wie immer, plötzlich, mit verhüllter Absicht, unter völlig undurchsichtigen Vorsichtsmaßregeln. – Ein unheimlicher Mensch!

Flucht vor Verrat, Mißtrauen gegen jedermann, Menschenverachtung und Welthaß machen den alten Adler räudig und ausgestoßen aus aller Liebe und aus dem natürlichen Adel seiner Natur. – Welch ein Kaiser – – – und was für ein seltsamer Adept! – Ist Welthaß denn Weisheit? Ist hohe Einweihung bezahlt mit ständiger Todesfurcht vor Giftmördern?? Solche Gedanken umflattern meine Stirn, indessen ich der in den Felsen gerissenen Schlucht entgegengehe, über die in schwindelnder Höhe die Zugbrücke zu Karls Teyn hinübergeschlagen ist.

Ein von Gold und Edelsteinen funkelnder Raum: die Kreuzkapelle in der "Zitadelle". Hinter dem Altar, weiß ich, ist die gemauerte Gruft der Reichsinsignien.

Vor mir steht der Kaiser, im schäbigen schwarzen Mantel wie immer; aber in dieser Umgebung ist der Gegensatz noch viel toller, der zwischen Macht und Rang dieses Mannes und seinem Äußeren zur Schau tritt.

Ich übergebe Rudolf die Protokolle unserer Sammlung über die " Actions", die wir mit dem Grünen Engel gehabt haben seit den ersten Tagen in Mortlake. Jedes der Protokolle beglaubigt von den Teilnehmern der Sitzungen. Kaiser Rudolf prüft flüchtig die Unterschriften. Die Namen Leicesters, des Fürsten Laski, des Königs Stefan von Polen stechen ihm in die Augen.

Er wendet sich ungeduldig gegen mich:

"Was weiter? Macht rasch, Sir; Ort und Stunde ist nicht von der Art, daß ich lange mit Euch unbelauscht verweilen kann. Das Gezücht verfolgt mich bis in die Gruft meiner Väter."

Ich ziehe das dem Kelley abgerungene geringe Quantum des roten Pulvers des Engels hervor und überreiche es dem Kaiser. – Seine Augen funkeln auf. "Echt!" stöhnt sein greisenhaft offener Mund. Die bläuliche Unterlippe fällt kraftlos aufs Kinn herab. Mit scharfem Blick hat der Adept erkannt, welches Arkanum er in Händen hält. Vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, das voll ist von unausdenklichen Enttäuschungen und Nasführereien, frechen wie dummen Versuchen der Gaukler, einen verbissen und verzweifelt Suchenden zu betrügen.

"Wie macht Ihr das?" – die Stimme des Kaisers bebt.

"Nach den Anweisungen des edlen Buches aus Sankt Dunstans Grab, wie Euer Majestät aus den Reden meines Freundes Kelley schon seit einigem bekannt."

"Her mit dem Buch!"

"Das Buch, Majestät ..."

Der gelbe Hals des Kaisers verlängert sich, wie bei einem ägyptischen Sattelgeier.

"Das Buch?! Wo ist es?"

"Das Buch kann ich – zur Stunde wenigstens – nicht in Euer Majestät Hand legen; ...schon deshalb nicht, weil ich es nicht bei mir habe. Es wäre in der Tasche eines einsamen Wanderers in böhmischen Wäldern übel aufbewahrt gewesen."

"Wo ist das Buch?" faucht der Kaiser.

Ich werde unterm Überlegen ruhig.

"Das Buch, Majestät, das wir selbst noch immer nicht zu lesen vermögen ..." – der Kaiser wittert Betrug – – wie soll ich ihm da die Hilfe eines Engels glaubhaft machen?! ... Es ist klar: ich darf nicht – jetzt noch nicht – – Rudolf darf das Buch erst zu sehen bekommen, wenn ... wir die Herren des Geheimnisses geworden sind.

"Wo ist das Buch?" unterbricht die zischende Frage Rudolfs mein blitzschnelles Denken zum zweitenmal. Drohung flammt aus dem Geierblick. – Bin ich in eine Falle gegangen?! Ich antworte:

"Majestät, das Buch ist in gutem Verwahr. Nur gemeinsam mit Kelley ist es mir möglich, den Verschluß zu lösen, unter dem das kostbare Geschenk des Heiligen Dunstan liegt. Ein Schlüssel ist bei mir, ein anderer bei ihm: nur beide Schlüssel zusammen öffnen die Eisentruhe. – – Aber wenn auch Kelley hier wäre und beide Schlüssel zur Hand und die Truhe desgleichen – Majestät, was verbürgte mir ..."

"Landstreicher! Gauner! Galgenvögel!" hackt der Kaiser los.

Ich entgegne mit Würde:

"Ich bitte die Majestät, mir das rote Pulver aus Dero Hand zurückzugeben. Es ist für Euer Majestät offenbar wertloses Gestäube, denn wie sollten Landstreicher, Gauner und Galgenvögel im Besitz des dreimal heiligen Geheimnisses des Laips transformationis sein?!"

Rudolf stutzt, knurrt. – Ich fahre fort:

"Auch ist es nicht mein Wille, die unverletzliche Majestät im Schutze Ihrer Erhabenheit sicher zu sehen vor der Rache meiner beleidigten Ehre, – der Ehre eines englischen Baronets, denn solche Sicherheit ehrt nicht."

Meine überkühnen Worte machen den gewünschten Eindruck auf den Kaiser. Er krallt seine Finger fester um die Büchse mit dem roten Pulver, zögert, bricht dann los:

"Muß ich immer wieder sagen, daß ich kein Räuber bin?! Wann werde ich das Buch in Händen haben?"

Zeit gewinnen – raunt mir mein Herz zu. Dann sage ich laut:

"Kelley ist in Angelegenheiten, die uns wichtig sind, abzureisen im Begriff gewesen, als mich Majestät hierher befahlen. Wenn er zurück ist, werde ich ihn bestimmen, Euer Majestät das Buch des Heiligen Dunstan zugänglich zu machen."

"Bis wann ist dieser Kelley zurück?"

Aufs Geratewohl sage ich:

"In einer Woche, Majestät." – – (Nun ists gesagt. –)

"Gut. Heute binnen zehn Tagen meldet Euch bei meinem Burggrafen Fürsten Rosenberg. Ich werde dann das Weitere bestimmen. – Hoffet auf keine Ausflüchte weiter! Der Bann der heiligen Kirche liegt schon auf Euch. Kardinal Malaspina hat vorzügliche Augen. Es riecht nach Scheiterhaufen, Sir Dee! Meine Macht ist an den Grenzen Böhmens leider zu Ende. – – Und diese Grenzen müßt Ihr mit dem Rücken beschauen, wenn ich in der bemessenen Frist nicht das Buch Sankt Dunstans beschaue und Eure Belehrung über seinen Inhalt genossen habe. Wir verstehen uns? Es ist gut." –

Die Kapelle kreist um mich her. – Das also ist das Ende!? Binnen zehn Tagen muß ich das Buch sankt Dunstans lesen können, oder wir sind verloren, als Betrüger beschimpft, landesverwiesen und von den Häschern der Inquisition abgefangen! – – Binnen zehn Tagen muß der Engel helfen! Binnen zehn Tagen muß ich wissen, was die dunklen Sätze in den Anweisungen der Pergamenthandschrift bedeuten! – – Wären diese Blätter doch nie dem stillen Grabe des Bischofs entrissen worden! Wären sie niemals vor meine Augen gekommen! – –

Wer hat Sankt Dunstans Grab geplündert? Wer anders als ich selbst, der ich den Ravenheads die Geldmittel sandte und sie zu all ihren Schandtaten anspornte?! – – – Es rächt sich die Schuld, es vollzieht sich das Gericht. Nun hilf du, der du allein mir zu helfen vermagst, Retter meiner Ehre, meiner Mühen, meines Lebens: Engel des Herrn, Wundertäter vom westlichen Fenster!

Eine elende Lampe brennt trüb im Gemach. Schlaf will mich übermannen nach tage- und nächtelangen Grübeln, Studieren und Warten; meine Augen sind entzündet, und sie brennen, wie meine Seele brennt, nach Ruhe ...

Kelley ist zurückgekommen. Ich habe ihm vorgestellt, wie ich mich abgequält, in den Sinn der Pergamente des Heiligen Dunstan einzudringen. Habe ihm das furchtbare Schicksal vor Augen gerückt, das uns allen zusammen droht, wenn die Forderungen des Kaisers unerfüllt bleiben sollten.

Kelley liegt halb schlafend in dem Lehnstuhl, in dem ich mir das Hirn zermartert habe. Er hat ein ganz spitzes Gesicht bekommen. Seine Augen glimmen manchmal unter halbgeschlossenen Lidern hervor, daß michs mit prickelnden Schaudern überläuft. Was denkt, was brütet dieser Mensch? Und was soll ich tun?

Mich schüttelt das Fieber der Angst. Ich kann nur mühsam das Zusammenschlagen meiner Zähne in diesem bald heißen, bald kalten Aufrauschen meines Blutes unterdrücken. Meine Stimme klingt rauh und belegt, als ich sage:

"Du weißt nun ganz genau, lieber Freund, wie die Dinge liegen. Wir müssen von jetzt an in kaum mehr als drei Tagen das Rezept der Tinkturbereitung, das Geheimnis des Pulvers aus Sankt Dunstans Grab entziffert haben, sonst sind wir wie die Jahrmarktsbetrüger angesehen und demgemäß behandelt. Wir sind der Inquisition ausgeliefert und brennen in wenigen Tagen wie ... wie ..." – das Wort zwängt sich mir zwischen die Zähne: "wie ... der Bartlett Green im Tower zu London."

"So gib halt dem Kaiser das Buch!" – Kelleys Trägheit wirkt aufreizender als der schlimmste Hohn.

"Ich kann ihm doch das Buch nicht geben, das ich nicht lesen und entziffern kann!" – mein Aufschrei läßt Kelley das Haupt ein wenig heben. Sein Blick übergleitet mich mit dem lauernden Ausdruck einer Pythonschlange.

"Wenn also einer von uns aus dieser ... aus dieser Fuchsfalle, in die du uns gebracht hast, retten kann, so bin ich das, nicht wahr?"

Ich nickte nur stumm.

"Was ist denn der Lohn des ... Winkeladvokaten, den Sir John Dee aus dem Londoner Straßendreck aufgelesen hat?"

"Edward!!" schreie ich auf, "Edward, sind wir nicht Blutsfreunde?! Habe ich nicht alles, – alles mit dir geteilt wie mit einem wahren Bruder, – mehr: wie mit einem Stück von mir?"

"Nicht alles", hüstelt Kelley.

Mich fröstelt.

"Was wünschest du von mir?!"

"Ich von ... dir, Bruder? Nichts, Bruder ..."

"Der Lohn! Der Lohn! – – Was ist der Lohn, dein Lohn, Edward?"

Kelley neigt sich im Sessel vor.

"Die Geheimnisse des Engels sind unerforschlich. – Ich, sein Mund, kenne die Furchtbarkeit seiner Macht. Ich habe erfahren, was dem droht, der ihm Gehorsam geschworen hat und den Gehorsam nicht hält ... Ich rufe den Engel nicht mehr ..."

"Edward!" schreit aus mir die unmenschliche Angst.

"... ich rufe ihn nicht mehr, John, es sei denn, ich weiß, daß den Befehlen, die er gibt, Gehorsam folgt, wie dem Sonnenstrahl aus der Wolke das spiegelnde Aufleuchten des Sees. – – Willst du, Bruder John Dee, den kommenden Befehlen des Grünen Engels vom Westlichen Fenster gehorchen, wie ich gehorche?"

"Habe ich je anders gewollt?!" – in mir bäumt sichs hoch.

Kelley streckt mir die Hand entgegen.

"Das sei, wie es will. Schwöre Gehorsam!"

Mein Schwur erfüllt das Gemach wie ein wallender Rauch, wie Geflüster zahlloser Dämonen, wie Rauschen von grünen ... ja, von grünen Engelsfittichen. – –

Burggraf Rosenberg ist das, der da vor mir auf und ab schreitet und mit bedauernder Miene die Achseln hebt und senkt. – Dann weiß ich plötzlich, wo ich bin: das farbige Dämmerlicht, das uns umgibt, fällt durch hohe Glasfenster eines Chorumgangs, und wir stehen hinter dem Hochaltar des Sankt-Veit-Doms auf der Burg.

Wieder solch ein seltsamer Begegnungsort, wie ihn Kaiser Rudolf und seine Beauftragten immer neu zu wählen wissen, um sich vermeintlicher oder wirklicher Belauerung und der hämischen Angeberwut der Spione des Kardinallegaten zu entziehen. – – Hier in dem majestätischen Gotteshause glaubt sich der Vertraute des Kaisers unbeobachtet.

Er bleibt endlich dicht vor mir stehen, und sein ernster, guter Blick, dem ein wenig hilflose Schwärmerei beigemischt ist, versucht mein Inneres zu erforschen. Er sagt zu mir:

"Sir Dee, ich vertraue Euch vollkommen. Ihr sehet mir nicht danach aus, als ob Ihr zwischen Galgen und Rad nach einem Silberheller haschen wollt, wie die Landstörzer und solche verzweifelte Gesellen zuweilen tun. Euch hat das rechte Wollen und der wahre Eifer um die Geheimnisse Gottes und der Natur nach Prag und in die nicht ungefährliche Nähe Kaiser Rudolfs geführt. – Ich darf Euch nochmals wissen lassen: die Nähe Kaiser Rudolfs ist für keinen ein Ruheport. Auch für seine Freunde nicht, Sir, wie ich Euch vertrauen will. Am wenigsten für Freunde seiner großen Leidenschaft, seiner ... hm ... seiner Adeptschaft. – Kurz: was habt Ihr mir zu sagen auf des Kaisers Befehl?"

Ich verneige mich in aufrichtiger Achtung vor dem Burggrafen.

"Der Engel, dem wir gehorchen, hat leider noch nicht die Gnade gehabt, auf unser inbrünstiges Flehen zu antworten. Er ist bis heute stumm geblieben. Aber er wird reden, wenn die rechte Zeit gekommen ist. – Er wird uns die Erlaubnis geben, zu handeln."

Im stillen wundere ich mich, wie leicht mir die Lüge, die rettende Ausflucht, von den Lippen geht.

"Ihr wollt also, daß ich meinem Monarchen glaubhaft mache, es hänge nur von der Erlaubnis des ... des von Euch so genannten 'Engels' ab, daß Ihr der Majestät die Rezepte aus dem Grab des Heiligen Dunstan ausliefert? – Gut, aber wer verbürgt dem Kaiser, daß Euer Engel die Erlaubnis je erteilen wird? Ich mache Euch nochmals aufmerksam, Sir Dee: der Kaiser läßt nicht mit sich spaßen!"

"Der Engel wird seine Erlaubnis geben, Graf, ich weiß es; ich bürge dem Kaiser ..." – Zeit gewinnen! Zeit gewinnen, das ist alles, was mir übrig bleibt. –

"Euer Edelmannswort?"

"Mein Edelmannswort!"

"Es soll mir gelingen, Sir. – Ich will mir Mühe geben, die Majestät zu überreden, Geduld mit Euch zu haben. Es geht um mein eigenes Wohlbefinden dabei, möget Ihr wissen, Sir! Aber ich gedenke Eurer und Eures Freundes Versprechen, daß Ihr mich wollet teilhaben lassen an den Einweihungen, die das Buch verheißt. – Ist und bleibt auch das Euer Manneswort?"

"Mein Wort, Graf!"

"Man wird also sehen, was sich tun läßt. – Heda?! –"

Rosenberg fährt herum. Hinter ihm taucht aus der Tiefe einer der Kapellen, die den Chorumgang begleiten, eine schwarze Gestalt. Die Priesterkutte verneigt sich tief im Vorbeischlurfen. Der Burggraf schaut dem Mönch erbleichend nach.

"Nattern, wohin man tritt! Wann wird man dieses Nest des Verräters ausräuchern?! – Jetzt hat der Kardinallegat wieder Stoff zu Berichten ..."

Der drohende Doppelschlag der zweiten Stunde zittert vom Turm der Prager Teynkirche durch die Nachtluft. Ein zorniges Sausen des nachschwingenden erzenen Ungeheuers da droben im Glockengebälk zischt herab und durch das Haus Doktor Hajeks, des kaiserlichen Leibarztes, darin wir wohnen.

Wir stehen vor der schweren Gelaßtür und Kelley dreht den Schlüssel; sein Gesicht ist ausdruckslos und leer, wie immer in den Stunden, die dem Erscheinen des Grünen Engels vorausgehen.

Kienfackeln in den Händen, klimmen wir eine eiserne Leiter, die kein Ende nehmen will, in gähnende furchtbare Tiefen hinab. Kelley voran; über mir mein Weib Jane. Die Leiter ist mit armdicken Klammern in die Felswand eingeschmiedet, denn es ist kein gemauerter Raum, in den wir hinabsteigen: es ist eine steinerne Höhle, ein Krater vielleicht aus grauer Vorzeit, der sich durch strudelndes Wasser gebildet haben mag? Auf ihm steht das Haus des Doktors Hajek. Aber die Luft ist trocken, nicht naß und dumpf wie in den Grotten. Tot und dürr ist sie wie die Wüstenluft, daß bald die Zunge mir am Gaumen klebt trotz der schrecklichen Kälte, die zunimmt Schritt vor Schritt, wie es mehr und mehr in die Tiefe geht. Von unten herauf bis zur gewölbten Mauerdecke des Abgrunds haucht ein erstickender Geruch nach trockenen Pflanzen und den fremdländischen Drogen, die der Leibarzt hier aufzubewahren pflegt, empor und ein quälender Husten befällt mich. Die Wände sind mattschwarzes, glattgemeißeltes Gestein. Ich kann nur ahnen, wo sie sind: die lautlose Finsternis verschlingt Geräusch wie auch den spärlichen Schein unserer Kienlichter. Mir ist, als stiege ich in den grenzenlosen Raum des Weltalls selbst hinab. Wohl dreißig Fuß mag die Kellerdecke über uns liegen, da fasse ich festen Fuß. Versinke bis zum Knöchel in einer weiche, schwarzen, aschigen Bodenschicht, die aufstäubt bei jedem Schritt.

Fahl wie Schemen leuchten da und dort die Umrisse von Dingen auf: von einem breiten Tisch, von Fässern und Pflanzensäcken aus der dicken Finsternis. Ich stoße mit der Stirn gegen einen im Raum hängenden aufklirrenden Gegenstand: eine Ampel aus Steingut. Sie baumelt an einer eisernen Kette, die in undurchdringliche Nacht emporläuft. Kelley zündet die Ampel an; ihr elendes Licht erhellt unsere Gestalten kaum bis zur Hälfte.

Allmählich schimmert ein grauer brusthoher Steinwürfel vor mir auf; wir treten hinzu und sehen eine gemauerte Einfriedung, wohl eine Manneslänge im Geviert, aus deren Innerem ein Schacht wie ein Abgrund uns entgegengähnt. "Sankt Patricks Loch", muß ich denken. Doktor Hajek hat mir von diesem Schacht erzählt und von dem Geraun aus dem Volksmund, das darüber umläuft. Seine Tiefe ist nicht abzumessen; es heißt in ganz Böhmen, er führe senkrecht hinab zum Mittelpunkt der Erde in einen kreisrunden meergrünen See, in dem Gäa, die Mutter der Finsternis, hause auf einer Insel. Fackeln, hinabgelassen, erlöschten, wie sich immer und immer wieder gezeigt habe, alsbald schon in geringer Tiefe, erstickt von giftigen Gasen der Dunkelheit.

Mein Fuß stößt an einen faustgroßen Stein; ich hebe ihn auf und werfe ihn hinab in den Schlund. Wir beugen uns über die Brustwehr und lauschen. Lauschen, lauschen: nicht das mindeste Geräusch, das verriete, der Stein habe Grund erreicht. Lautlos ist er in der Tiefe verschwunden, wie in das leere Nichts aufgelöst.

Plötzlich beugt sich Jane so schnell und weit vornüber, daß ich sie am Arm fasse und zurückreiße.

"Was tust du?" schreie ich; die Luft ist so unbeschreiblich trocken, daß die Worte fast tonlos aus meiner Kehle kommen. Jane antwortet nicht. Ihr Gesicht ist verzerrt.

Dann sitze ich neben ihr an dem wurmstichigen Tisch auf einer Kiste und halte ihre Hand, die wie zu Tod und Eis erstarrt ist in der uns umfangenden gräßlichen Kälte.

Kelley ist mit der seltsamen Ruhelosigkeit, die als Vorzeichen die unsichtbare Nähe des Engels verkündet, auf einen Stapel von Säcken hinaufgeklettert und sitzt dort hoch oben mit gekreuzten Beinen, das Kinn vorgestreckt mit dem spitzigen Bart, den Kopf ins Genick gedrückt und die Augäpfel nach innen gedreht, daß nur noch das Weiße darin glitzert wie milchiges Glas. Er sitzt so hoch, daß der Schein der brennenden Ampel, deren Flamme unbeweglich steht, als sei sie gespenstisch eingefroren, von unten her seine Züge matt erhellt und den Schatten seiner Nase nach aufwärts fallen macht auf seine Stirn wie ein verkehrtes schwarzes Dreieck oder ein kantiges Loch tief hinein in seinen Schädel.

Ich warte, daß seine Atemzüge länger werden, um die Beschwörung des Engels vorzunehmen, wie ich das kenne seit den Tagen von Mortlake her.

Meine Augen sind gebannt in die Finsternis vor mir gerichtet; ein inneres Gefühl raunt mir zu, von der Stelle her, wo die Brustwehr des Schachtes steht, müsse mir eine Erscheinung kommen. Ich warte auf einen grünen Lichtschimmer, aber es ist, als würde die Dunkelheit dort nur noch tiefer und dichter. Und dichter und tiefer wird sie, da ist längst kein Zweifel mehr. Sie ballt sich zusammen zu einem Klumpen von unbegreiflicher, unfaßbarer, unvorstellbarer Schwärze, daß äußerste Blindheit des Auges dagegen Helle zu nennen wäre. Die Finsternis, die im Raume liegt, erscheint mir plötzlich dagegen wie grau. Und der schwarze Klumpen nimmt die Umrisse einer weiblichen Gestalt an, die gleich darauf als wabernder Rauch über dem Abgrund des Schachtes schwebt und bebt. Ich kann nicht sagen: ich sehe sie; mit dem leiblichen Auge sehe ich sie nicht: ich sehe sie mit einem inneren Organ, dem der Name "Auge" nicht zukommt. Immer deutlicher und schärfer nehme ich sie wahr, trotzdem nicht der kleinste Schein der Ampel auf sie fällt: ich sehe sie schärfer, als ich je etwas Irdisches gesehen habe. Es ist eine weibliche Gestalt, obszön und doch von einer wilden, sinnesverwirrenden, fremdartigen Schönheit; ihr Kopf ist der einer riesigen Katze: ein Kunstwerk – kein lebendes Wesen – ein Götzenbild ägyptischen Ursprungs wohl, will mich befallen, denn das Hirn schreit mir zu: das ist die schwarze Isaïs des Bartlett Green; aber das grauenhafte Gefühl gleitet machtlos an mir ab, so furchtbar im Bann hält mich der Anblick des verzehrend schönen Bildes. Mir wird, als müsse ich aufspringen hin zu ihr, der Dämonin, um mich – kopfüber hinabzustürzen in den bodenlosen Abgrundtrichter zu ihren Füßen, sinnesverwirrt vor ... vor ... ich habe keinen Namen für den wilden Selbstvernichtungstrieb, der nach mir krallt. Da schimmert ein fahlgrüner Schein auf irgendwo im Raum; ich kann die Quelle des Lichtes nicht finden: der matte Glanz ist überall um uns her. – – Die Gestalt der Katzengöttin ist verschwunden.

Die Atemzüge Kelleys sind langsam, ruhevoll und laut geworden. Der Augenblick ist gekommen, daß ich die Beschwörungsformel sagen muß, wie sie mir mitgeteilt worden von den Geistern vor vielen Jahren schon, – Worte einer mir unbekannten barbarischen Sprache sinds, aber ich weiß sie auswendig wie das Vaterunser; sie sind mir lange, lange in Fleisch und Blut übergegangen. O Gott, wie lange schon!

Ich will sie laut hersagen, aber eine unsagbare Angst befällt mich. Geht dieses Angstgefühl von Jane aus? Ihre Hand zittert – nein, sie bebt! Ich raffe mich auf: es muß sein! Hat nicht Kelley heute morgen gesagt, jetzt in der Nacht um die zweite Stunde werde der Engel uns einen großen Befehl geben und ... und das letzte, so namenlos heiß ersehnte, seit so vielen Jahren mit brennendem Herzen erflehte Geheimnis enthüllen?! – Ich öffne den Mund und will das erste Wort der Zitation hervorstoßen, da sehe ich die Gestalt des Rabbi Löw wie in weiter Ferne ragen, die Hand erhoben und darin das Opfermesser. Und gleich darauf taucht wiederum über dem Schacht für weniger als einen Augenblick die schwarze Göttin auf; in ihrer linken Hand hält sie einen kleinen ägyptischen Frauenspiegel und in der rechten ein Ding wie aus Onyx, das aussieht, als sei es eine Speerklinge oder die Spitze einer Lanze oder ein aufwärts gerichteter Dolch. Gleich darauf sind beide Gestalten verschlungen von einem grellen grünen Glanz, der von Kelley herstrahlt und auf mich herabfällt. Geblendet schließe ich die Augen. Mir ist, als schlösse ich sie für immer, um nie mehr das Licht dieser Erde zu schauen, aber es ist nicht Todesangst, es ist das Empfinden, gestorben zu sein; und ruhigen, erstorbenen Herzens sage ich laut die Beschwörungsformel.

Als ich aufblicke, ist ... Kelley verschwunden! Wohl sitzt noch jemand dort oben auf dem Säckestapel, und die gekreuzten Beine sind die Kelleys – ich erkenne sie deutlich in dem grünen Licht an den plumpen Schuhen des Landstreichers, – aber der Leib, die Brust und das Gesicht sind verwandelt. Verwandelt auf rätselhafte, unbegreifliche Weise: der Engel, der Grüne Engel ists, der da oben kauert mit gekreuzten Beinen, wie ... wie ... die alten Mendäer Persiens den sitzenden Teufel abbilden. Viel kleiner ist der Engel, als ich ihn jemals gesehen habe, aber seine Züge, die drohenden, furchtbar erhabenen Züge sind es, die mir so wohl bekannten. – Der Körper wird strahlend und durchscheinend gleich einem ungeheuren Smaragd, und die schrägstehenden Augen leuchten wie lebendige Mondsteine; die schmalen feinen Mundwinkel sind hochgezogen in starrem, schönem, rätselvollem Lächeln.

Die Hand in der meinen ist leichenhaft still geworden. Ist Jane tot? – Sie wird so tot sein, wie ich es bin, sagt mir ein Gedanke. Sie wartet wie ich, das weiß ich, das fühle ich: auf einen furchtbaren Befehl.

Wie wird dieser Befehl sein? – frage ich mich. Nein: ich frage mich nicht, denn in mir ist ein Wissen, wie er lauten wird, aber ein "Wissen", das nicht bis empor dringt in mein erkennbares Gehirn. – – – Ich ... lächle.

Da kommen aus dem Munde des Grünen Engels Worte ... Höre ich sie? Verstehe ich sie? ... Es muß wohl so sein, denn das Blut steht still in mir: das Opfermesser, das ich bei dem Rabbi Löw gesehen habe, wühlt in meiner Brust, in meinen Eingeweiden, in meinem Herzen, in meinen Knochen, zerreißt mir Sehnen, Haut und Hirn. Eine Stimme zählt dabei wie ein Marterknecht laut und langsam, grauenvoll langsam, in meine Ohr von eins bis zweiundsiebzig. – – – Hab ich jahrhundertelang in namenlos peinvoller Totenstarre gelegen? Bin ich dann erst aufgewacht, um die entsetzlichen Worte des Engels zu hören? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: ich halte die eiskalte Frauenhand in er meinen und bete wortlos, Jane möchte gestorben sein! – In mir brennen wie Feuer die Worte des Grünen Engels fort:

"Da ihr Gehorsam geschworen habt, so will ich euch endlich das Geheimnis aller Geheimnisse offenbaren, doch müßt ihr zuvor das letzte Menschentum von euch streifen, damit ihr werdet, wie die Götter sind. Dir, John Dee, getreuer Knecht, befehle ich: du sollst dein Weib Jane meinem Diener, Edward Kelley, ins Brautbett legen, damit auch er ihrer teilhaftig werde und sich ihrer erfreue als irdischer Mann eines irdischen Weibes, denn ihr seid Blutsbrüder und zusammengeschmiedet, wie auch Jane, dein Weib, zu einem Dreibund, der ewiglich bestehe im Reiche der Grünen Welt! Freu dich, John Dee, und jauchze!" – – –

Wieder und wiederum wühlt ohne Unterlaß in meiner Seele und in meinem Leibe das furchtbare Opfermesser, und ich brülle in mich hinein das Gebet, den verzweifelten Schrei nach Erlösung von Leben und Bewußtsein.

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